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Full text of "Joseph Roth Werke 4"

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Joseph Roth Werke 4 

Romane und Erzahlungen 
19 16-1929 



Herausgegeben und mit einem Nachwort 
von Fritz Hackert 



Buchergilde Gutenberg 



Lizenzausgabe fur die Biichergilde Gutenberg, 

Frankfurt am Main und Wien, 

mit freundlicher Genehmigung 

des Verlags Kiepenheuer & Witsch, Koln 

© 1989 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Koln, 

und Allen de Lange, Amsterdam 

Satz Froitzheim, Bonn 

Druck und Bindearbeiten Pustet, Regensburg 

Printed in Germany 1994 

ISBN 3 7632 2988 4 



INHALT 



DerVorzugsschiiler (1916) 1 

Barbara (1918) 14 

Karriere (1920) 23 

Von dem Orte, von dem ich jetzt sprechen will 30 

Kranke Menschheit (undat.) 37 

Immer seltener werden in dieser Welt . . . (undat.) 49 

Das Kartell (1923) 54 

Das Spinnennetz (Roman 1923) 63 

Hotel Savoy (Roman 1924) 147 

Die Rebellion (Roman 1924) 243 

April (1925) 333 

Derblinde Spiegel (1925) 352 

Die Flucht ohne Ende (Roman 1927) 389 

Das reicheHaus gegeniiber( 1928) 497 

Zipper und sein Vater (Roman 1928) 501 

Rechts und Links (Roman 1929) 609 

Der stumme Prophet (Roman 1929) 773 

Perlefter (Roman 1929) 931 

Erdbeeren(i929) 1008 

Heute fruhkamein Brief. . . (undat.) 1037 

Jugend (undat.) 1044 

Anhang 1051 

Nachwort 1077 



DER VORZUGSSCHULER 
1916 



Des Brieftragers Andreas Wanzls Sohnchen, Anton, hatte das merk- 
wiirdigste Kindergesicht von der Welt. Sein schmales, blasses Gesicht- 
chen mit den markanten Ziigen, die eine gekriimmte, ernste Nase noch 
verscharfte, war von einem aufterst kargen, weifigelben Haarschopf ge- 
kront. Eine hohe Stirn thronte ehrfurchtgebietend liber dem kaum 
sichtbaren weifien Brauenpaar, und darunter sahen zwei blafiblaue, 
tiefe Auglein sehr altklug und ernst in die Welt. Ein Zug der Verbis- 
senheit trotzte in den schmalen, blassen, zusammengeprefiten Lippen, 
und ein schones, regelmafiiges Kinn bildete einen imposanten Ab- 
schlufi des Gesichtes. Der Kopf stak auf einem dunnen Halse, sein 
ganzer Korperbau war schmachtig und zart. Zu seiner Gestalt bildeten 
nur die starken roten Hande, die an den diinn-gebrechlichen Handge- 
lenken wie lose angeheftet schlenkerten, einen sonderbaren Gegensatz. 
Anton Wanzl war stets nett und reinlich gekleidet. Kein Staubchen auf 
seinem Rock, kein winziges Loch im Strumpf, keine Narbe, kein Ritz 
auf dem glatten, blassen Gesichtchen. Anton Wanzl spielte selten, 
raufte nie mit den Buben und stahl keine roten Apfel aus Nachbars 
Garten. Anton Wanzl lernte nur. Er lernte vom Morgen bis spat in die 
Nacht. Seine Bucher und Hefte waren fein sauberlich in knatterndes 
weifies Packpapier gehiillt, auf dem ersten Blatte stand in der fur ein 
Kind seltsam kleinen, netten Schrift sein Name. Seine glanzenden 
Zeugnisse lagen feierlich gefaltet in einem grofien ziegelroten Kuvert 
dicht neben dem Album mit den wunderschonsten Briefmarken, um 
die Anton noch mehr als um seine Zeugnisse beneidet wurde. 
Anton Wanzl war der ruhigste Junge im ganzen Ort. In der Schule safi 
er still, die Arme nach Vorschrift »verschrankt«, und starrte mit seinen 
altklugen Auglein auf den Mund des Lehrers. Freilich war er Primus. 
Ihn hielt man stets als Muster der ganzen Klasse vor, seine Schulhefte 
wiesen keinen roten Strich auf, mit Ausnahme der machtigen 1, die 
regelmaftig unter alien Arbeiten prangte. Anton gab ruhige, sachliche 
Antworten, war stets vorbereitet, nie krank. Auf seinem Platz in der 
Schulbank saft er wie angenagelt. Am unangenehmsten waren ihm die 
Pausen. Da mufken alle hinaus, das Schulzimmer wurde geliiftet, nur 
der »Aufseher« blieb. Anton aber stand draufien im Schulhof, dnickte 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



sich scheu an die Wand und wagte kemen Schritt, aus Furcht, von 
einem der rennenden, larmenden Knaben umgestofien zu werden. 
Aber wenn die Glocke wieder lautete, atmete Anton auf. Bedachtig, 
wie sein Direktor, schritt er hinter den drangenden, polternden Jungen 
einher, bedachtig setzte er sich in die Bank, sprach zu keinem ein 
Wort, richtete sich kerzengerade auf und sank automatenhaft wieder 
auf den Platz nieder, wenn der Lehrer »Setzen!« kommandiert hatte. 
Anton Wanzl war kein gluckliches Kind. Ein brennender Ehrgeiz ver- 
zehrte ihn. Ein eiserner Wille zu glanzen, alle seine Kameraden zu 
uberflugeln, rieb fast seine schwachen Krafte auf. Vorderhand hatte 
Anton nur ein Ziel. Er wollte »Aufseher« werden. Das war namlich 
zur Zeit ein anderer, ein »minder guter« Schiiler, der aber der Alteste 
in der Klasse war und dessen respektables Alter im Klassenlehrer Ver- 
trauen erweckt hatte. Der »Aufseher« war eine Art Stellvertreter des 
Lehrers. In dessen Abwesenheit hatte der also ausgezeichnete Schiiler 
auf seine Kollegen aufzupassen, die Larmenden »aufzuschreiben« und 
dem Klassenlehrer anzugeben, fur eine blanke Tafel, feuchten 
Schwamm und zugespitzte Kreide zu sorgen, Geld fiir Schulhefte, Tin- 
tenfasser und Reparaturen rissiger Wande und zerbrochener Fenster- 
scheiben zu sammeln. Ein solches Amt imponierte dem kleinen Anton 
gar gewaltig. Er brlitete in schlaflosen Nachten grimmige, racheheifie 
Plane aus, er sann unermiidlich nach, wie er den »Aufseher« stiirzen 
konnte, um selber dieses Ehrenamt zu ubernehmen. Eines Tages hatte 
er es heraus. 

Der »Aufseher« hatte eine merkwiirdige Vorliebe fiir Farbenstifte und 
-tinten, fiir Kanarienvogel, Tauben und junge Kiichlein. Geschenke 
solcher Art konnten ihn leicht bestechen, und der Geber durfte nach 
Herzenslust larmen, ohne angezeigt zu werden. Hier wollte Anton 
eingreifen. Er selbst gab nie Geschenke. Aber noch ein zweiter Junge 
zahlte keinen Tribut. Es war der Armste der Klasse. Da der »Aufse- 
her« den Anton nicht anzeigen konnte, weil man diesem Jungen kei- 
nen Schabernack zutraute, war der arme Knabe das tagliche Opfer der 
aufseherischen Anzeigenwut. Hier konnte Anton ein glanzendes Ge- 
schaft machen. Keiner wiirde ahnen, dafi er »Aufseher« werden wolle. 
Nein, nahm er sich des armen, windelweich gepriigelten Jungen an und 
verriet er dem Lehrer die schandliche Bestechlichkeit des jungen Ty- 
rannen, so wiirde man das sehr gerecht, ehrlich und mutig nennen. 
Aber auch kein anderer hatte dann Aussicht auf den vakanten Aufse- 



DER VORZUGSSCHULER 3 

herposten als eben Anton. Und so fafite er sich eines Tages ein Herz 
und schwarzte den »Aufseher« an. Derselbe wurde sofort unter Verab- 
reichung einiger Rohrstockstreiche seines Amtes enthoben und Anton 
Wanzl zum »Aufseher« feierlich ernannt. Er hatte es erreicht. 
Anton Wanzl safi sehr gerne auf dem schwarzen Katheder. Es war so 
ein wonniges Gefiihl, von einer respektablen Hohe aus das Klassen- 
zimmer zu iiberblicken, mit dem Bleistift zu kritzeln, hie und da Mah- 
nungen auszuteilen und ein bifkhen Vorsehung zu spielen, indem man 
ahnungslose Polterer aufschrieb, der gerechten Strafe zufiihrte und im 
vorhinein wufite, wen das unerbittliche Schicksal ereilen werde. Man 
wurde vom Lehrer ins Vertrauen gezogen, durfte Schulhefte tragen, 
konnte wichtig erscheinen, genofi ein Ansehn. Aber Anton Wanzls 
Ehrgeiz ruhte nicht. Stets hatte er ein neues Ziel vor Augen. Und dar- 
auf arbeitete er mit alien Kraften los. 

Dabei konnte er aber keineswegs ein »Lecker« genannt werden. Er 
bewahrte aufterlich stets seine Wurde, jede seiner kleinen Handlungen 
war wohldurchdacht, er erwies den Lehrern kleine Aufmerksamkeiten 
mit einem ruhigen Stolz, half ihnen in die Uberrocke mit der streng- 
sten Miene, und jede seiner Schmeicheleien war unauffallig und hatte 
den Charakter einer Amtshandlung. 

Zu Hause hiefi er »Tonerl« und gait als Respektsperson. Sein Vater 
hatte das charakteristische Wesen eines kleinstadtischen Brieftragers, 
halb Amtsperson, halb privater Geheimsekretar und Mitwisser man- 
nigfaltiger Familiengeheimnisse, ein bifichen wiirdevoll, ein bifichen 
untertanig, ein wenig stolz, ein wenig trinkgeldbediirftig. Er hatte den 
charakteristischen geknickten Gang der Brieftrager, scharrte mit den 
Fiifien, war klein und durr wie ein Schneiderlein, hatte eine etwas zu 
weite Amtskappe und bifichen zu lange Hosen an, war aber im ubrigen 
ein recht »anstandiger Mensch« und erfreute sich bei Vorgesetzten und 
Burgern eines gewissen Ansehens. 

Seinem einzigen Sohnchen bewies Herr Wanzl eine Hochachtung, wie 
er sie nur noch vor dem Herrn Biirgermeister und dem Herrn Postver- 
walter hatte. Ja, dachte sich oftmals Herr Wanzl an seinen freien Sonn- 
tagnachmittagen: Der Herr Postverwalter ist eben ein Postverwalter. 
Aber was mein Anton noch alles werden kann! Biirgermeister, Gym- 
nasialdirektor, Bezirkshauptmann und - hier machte Herr Wanzl 
einen grofien Sprung - vielleicht gar Minister? Wenn er solche Gedan- 
ken seiner Frau auEerte, so fiihrte diese erst den rechten, dann den 



4 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

linken blauen Schiirzenzipfel an beide Augen, seufzte ein bifkhen und 
sagte blofi: »Ja, ja.« Denn Frau Margarethe Wanzl hatte vor Mann und 
Sohn einen gewaltigen Respekt, und wenn sie schon einen Brieftrager 
hoch iiber alle andern stellte, wie nun gar einen Minister?! 
Der kleine Anton aber vergalt den Eltern ihre Sorgfalt und Liebe mit 
sehr viel Gehorsam. Freilich, das fiel ihm gar nicht allzu schwer. Denn 
da seine Eltern wenig befahlen, hatte Anton wenig zu gehorchen. Aber 
zugleich mit seinem Ehrgeiz, der beste Schuler zu sein, ging auch sein 
Bestreben, ein »guter Sohn« genannt zu werden. Wenn ihn seine Mut- 
ter vor den Frauen lobte, sommers, draufien vor der Tiire, auf der 
dottergelben Holzbank, und Anton auf dem Huhnerbauer mit seinem 
Buche safi, so schwoll sein Herz vor Stolz. Er machte freilich dabei die 
gleichgiiltigste Miene, schien, ganz in seine Sache vertieft, von den 
Weiberreden kein Wort zu horen. Denn Anton Wanzl war ein geriebe- 
ner Diplomat. Er war so gescheit, dafi er nicht gut sein konnte. 
Nein, Anton Wanzl war nicht gut. Er hatte keine Liebe, er fuhlte kein 
Herz. Er tat nur, was er fur klug und praktisch fand. Er gab keine 
Liebe und verlangte keine. Nie hatte er das Bediirfnis nach einer Zart- 
lichkeit, einer Liebkosung, er war nicht wehleidig, er weinte nie. An- 
ton Wanzl hatte auch keine Tranen. Denn ein braver Junge durfte 
nicht weinen. 

So wurde Anton Wanzl alter. Oder besser: Er wuchs heran. Denn jung 
war Anton nie gewesen. 

Anton Wanzl anderte sich auch nicht im Gymnasium. Nur in seinem 
aufieren Wesen war er noch sorgfaltiger geworden. Er war weiter der 
Vorzugsschiiler, der Musterknabe, fleifiig, sittsam und tugendhaft, er 
beherrschte alle Gegenstande gleich gut und hatte keine sogenannten 
»Vorlieben«, weil er uberhaupt nichts hatte, was mit Liebe zusammen- 
hing. Nichtsdestoweniger deklamierte er Schillersche Balladen mit feu- 
rigem Pathos und kunstlerischem Schwung, spielte Theater bei ver- 
schiedenen Schulfeiern, sprach sehr altklug und weise von der Liebe, 
verliebte sich aber selbst nie und spielte den jungen Madchen gegen- 
iiber die langweilige Rolle des Mentors und Padagogen. Aber er war 
ein vorziiglicher Tanzer, auf Kranzchen gesucht, von tadellos lackier- 
ten Manieren und Stiefeln, steifgebiigelter Haltung und Hose, und 
seine Hemdbrust ersetzte an Reinheit, was seinem Charakter von die- 
ser Eigenschaft fehlte. Seinen Kollegen half er stets, aber nicht weil er 
helfen wollte, sondern aus Furcht, er konnte einmal auch was vom 



DER VORZUGSSCHULER 5 

andern brauchen. Seinen Lehrern half er weiter in die Uberrocke, war 
stets bei der Hand, wenn man ihn brauchte, aber ohne Aufsehen zu 
erregen, und wurde trotz seines kranklichen Aussehens nie krank. 
Nach der glanzend bestandenen Matura, den obligaten Gliickwun- 
schen und Gratulationen, den elterlichen Umarmungen und Kussen 
dachte Anton Wanzl iiber die weitere Richtung seiner Studien nach. 
Theologie! Dazu hatte er sich vielleicht am besten geeignet, dazu befa- 
higte ihn seine blasse Scheinheiligkeit. Aber - Theologie! Wie leicht 
konnte man sich da kompromittieren! Nein, das war es nicht. Arzt 
werden, dazu liebte er die Menschen zu wenig. Advokat ware er gerne 
geworden, Staatsanwalt am liebsten - aber Jurisprudenz - das war 
nicht vornehm, gait nicht fur ideal. Aber man war Idealist, wenn man 
Philosophic studierte. Und zwar: Literatur. Ein »Bettlerberuf« - sag- 
ten die Leute. Aber man konnte zu Geld und Ansehn kommen, wenn 
man es geschickt anstellte. Und etwas geschickt anstellen - das konnte 
Anton. 

Anton war also Student. Aber einen so »soliden« Studenten hatte die 
Welt noch nicht gesehen. Anton Wanzl rauchte nicht, trank nicht, 
schlug sich nicht. Freilich, einem Verein mufke er angehoren, das lag 
tief in seiner Natur. Er mufke Kollegen haben, die er iiberflugeln 
konnte, er mufke glanzen, ein Amt haben, Vortrage halten. Und wenn 
auch die iibrigen Vereinsmitglieder Anton ins Gesicht lachten, ihn 
einen Stubenhocker und Buffler nannten, so hatten sie doch im stillen 
einen gewaltigen Respekt vor dem jungen Menschen, der noch in den 
griinen Semestern steckte und dennoch ein so ungeheures Wissen be- 
safi. 

Auch bei den Lehrern fand Anton Achtung. Dafi er klug war, erkann- 
ten sie auf den ersten Blick. Er war iibrigens ein aufierst notwendiges 
Nachschlagewerk, ein wandelndes Lexikon, er wufke alle Bucher, Ver- 
fasser, Jahreszahlen, Verlagsbuchhandlungen, er kannte alle neuen, 
verbesserten Auflagen, er war ein Schmiffler und Bucherwurm. Aber 
er hatte auch eine scharfe Kombinationsgabe, ein klein bifichen Stoff- 
huber, was den Professoren aber am meisten behagte, war eine wahr- 
haft kostliche Naturgabe. Er konnte namlich stundenlang mit dem 
Kopf nicken, ohne zu ermiiden. Er gab immer recht. Dem Professor 
gegenuber kannte er keinen Widerspruch. Und so kam es, dafi Anton 
Wanzl in den Seminanibungen eine bekannte Personlichkeit war. Er 
war stets gefallig, immer ruhig und dienstbeflissen, er fand unauffind- 



6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

bare Biicher auf, schrieb Zettel aus und Vortragsanktindigungen, aber 
auch Uberrocke hielt er weiter, war Schweizer, Tiirsteher, Professo- 
renbegleiter. 

Nur auf einem Gebiete hatte Anton Wanzl sich noch nicht hervorge- 
tan: auf dem der Liebe. Aber er hatte kein Bediirfnis nach Liebe. Frei- 
lich, wenn er so im stillen iiberlegte, so fand er, dafi erst der Beskz 
eines Weibes ihm bei Freunden und Kollegen die vollkommenste Ach- 
tung verschaffen konnte. Dann erst wiirden die Spotteleien aufhoren, 
dann stande er, Anton, da, ehrfurchtgebietend, hochgeachtet, uner- 
reichbar, das Muster eines Mannes. 

Und auch seine unermefiliche Herrschsucht verlangte nach einem We- 
sen, das ihm vollstandig ergeben ware, das er kneten und formen 
konnte nach seinem Willen. Anton Wanzl hatte bis jetzt gehorcht. 
Nun wollte er einmal befehlen. In allem gehorchen wiirde ihm nur ein 
liebendes Weib. Man mufke es nur geschickt anstellen. Und etwas ge- 
schickt anstellen, das konnte Anton. - 

Die kleine Mizzi Schinagl war Miederverkauferin bei Popper, Eiben- 
schutz & Co. Sie war ein nettes, dunkles Ding mit zwei grofien brau- 
nen Rehaugen, einem schnippischen Naschen und einer etwas zu kur- 
zen Oberlippe, so dafi das blitzblanke Mauschengebifi schimmernd 
hervorblinkte. Sie war schon »wie verlobt«, und zwar mit Herrn Julius 
Reiner, Commis und Spezialist in Krawatten und Schnupftiichern, 
ebenfalls bei der Firma Popper, Eibenschutz & Co. An dem sauberen 
jungen Mann fand Mizzi zwar ein ziemliches Wohlgefallen, aber ihr 
kleines Kopfchen und noch weniger ihr Herz konnte sich den Herrn 
Julius Reiner als den Gatten der Mizzi Schinagl vorstellen. Nein, der 
konnte unmoglich ihr Mann werden, der junge Mensch, der noch vor 
kaum zwei Jahren von Herrn Markus Popper zwei schallende Ohrfei- 
gen erhalten hatte. Mizzi mufite einen Mann haben, zu dem sie auf- 
blicken sollte, einen Ehrenmann von hoherer sozialer Stellung. Das 
echt weibliche Wesen, dessen angeborenen Takt ein Mann erst durch 
Bildung erwerben muli, empfand manche Seiten des Spezialisten in 
Krawatten und Schnupftiichern doppelt unschon. Am liebsten ware 
Mizzi Schinagl ein junger Student gewesen, einer von den vielen bunt- 
bekappten jungen Leuten, die drauEen nach Geschaftsschlufi auf die 
weiblichen Angestellten warteten. Mizzi hatte sich so gerne von einem 
Herrn auf der Strafte ansprechen lassen, wenn nur der Julius Reiner 
nicht so furchtbar achtgegeben hatte. 



DER VORZUGSSCHULER 7 

Aber da hatte grade ihre Tante, Frau Marianne Wontek in der Josef- 
stadt, einen neuen, liebenswiirdigen Zimmerherrn bekommen. Herr 
Anton Wanzl war zwar sehr ernst und gelehrt, aber von einer zuvor- 
kommenden Hoflichkeit, besonders Fraulein Mizzi Schinagl gegen- 
iiber. Sie brachte ihm an den Sonntagnachmittagen den Jausenkaffee in 
seine Stube, und der junge Herr dankte immer mit einem freundlichen 
Wort und einem warmen Blick. Ja, einmal lud er sie sogar zum Sitzen 
ein, aber Mizzi dankte, murmelte etwas von Nicht-storen-Wollen, er- 
rotete und schliipfte etwas verwirrt ins Zimmer der Tante. Als Herr 
Anton aber sie einmal auf der Strafie griifke und sich anschlofi, ging 
Mizzi sehr gerne mit, machte sogar einen kleinen Umweg, um zu ihrer 
Wohnung zu gelangen, verabredete mit Herrn stud. phil. Anton 
Wanzl ein Rendezvous am Sonntag und zankte am nachsten Morgen 
mit Julius Reiner. 

Anton Wanzl erschien einfach, aber elegant gekleidet, sein fades, bias- 
ses Haar war heute sorgfaltiger gescheitelt als je, eine kleine Erregung 
war seinem weifien, kalten Marmorantlitz doch anzumerken. Er safi 
im Stadtpark neben Mizzi Schinagl und dachte angestrengt dariiber 
nach, was er eigentlich reden sollte. In einer solch fatalen Situation war 
er noch nie gewesen. Aber Mizzi wufite zu plaudern. Sie erzahlte das 
und jenes, es wurde Abend, der Flieder duftete, die Amsel schlug, der 
Mai kicherte aus dem Gebusch, da vergaft sich Mizzi Schinagl und 
sagte etwas unvermittelt: »Du, Anton, ich Hebe dich.« Herr Anton 
Wanzl erschrak ein wenig, Mizzi Schinagl noch mehr, sie wollte ihr 
gluhendes Gesichtchen irgendwo verbergen und wufite kein besseres 
Versteck als Herrn Anton Wanzls Rockklappen. Herrn Anton Wanzl 
war das noch nie passiert, seine steife Hemdbrust knackte vernehm- 
lich, aber er fafke sich bald - einmal mufke das doch geschehn! 
Als er sich beruhigt hatte, fiel ihm etwas Vortreffliches ein. »Ich bin 
din, du bist min«, zitierte er halblaut. Und daran knupfte er einen 
kleinen Vortrag liber die Periode der Minnesinger, er sprach mit Pa- 
thos von Walther von der Vogelweide, kam auch auf die erste und 
zweite Lautverschiebung, von da auf die Schonheit unserer Mutter- 
sprache und ohne einen rechten Ubergang auf die Treue der deutschen 
Frauen. Mizzi lauschte angestrengt, sie verstand kein Wort, aber das 
war eben der Gelehrte, so muftte ein Mann wie Herr Anton Wanzl 
eben sprechen. Sein Vortrag kam ihr just so schon vor wie das Pfeifen 
der Amsel und das Floten der NachtigalL Aber vor lauter Liebe und 



5 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Friihling hielt sie es nicht langer aus und unterbrach Antons wunder- 
schonen Vortrag durch einen recht angenehmen Kufi auf die schmalen, 
blassen Lippen Wanzls, den dieser zu erwidern nicht minder ange- 
nehm fand. Bald regnete es Kiisse auf ihn nieder, derer sich Herr 
Wanzl weder erwehren konnte noch wollte. Sie gingen schliefilich 
stumm nach Hause, Mizzi hatte zu viel auf dem Herzen, Anton wufite 
trotz angestrengten Nachdenkens kein Wort zu finden. Er war froh, 
als ihn Mizzi nach einem Dutzend heifter Kiisse und Umarmungen 
entlassen hatte. 

Seit jenem denkwiirdigen Tage »liebten« sie sich. 
Herr Anton Wanzl hatte sich bald gefunden. Er lernte an Wochenta- 
gen und liebte an Sonntagen. Seinem Stolze schmeichelte es, dafi er von 
einigen »Bundesbriidern« mit Mizzi gesehen und mit einem vieldeuti- 
gen Lacheln begrufit worden war. Er war fleifiig und ausdauernd, und 
nicht mehr lange dauerte es, und Herr Anton Wanzl war Doktor. 
Als »Probekandidat« kam er ins Gymnasium, von den Eltern brieflich 
bejubelt und begliickwiinscht, von den Professoren »warmstens« emp- 
fohlen, von dem Direktor herzlich begriifit. 

Hofrat Sabbaus Kreitmeyr war Direktor des II. k. k. Staatsgymna- 
siums, ein Philologe von Ruf, mit vielen sogenannten »Verbindun- 
gen«, bei den Schulern beliebt, bei Vorgesetzten gut angeschrieben, 
und verkehrte in der besten Gesellschaft. Seine Frau Cacilie wufite ein 
»grofies Haus« zu fiihren, veranstaltete Abende und Balle, die den 
Zweck hatten, das einzige Tdchterchen des Direktors, Lavinia - wie 
dieser sie etwas unpassend benannt hatte -, unter die Haube zu brin- 
gen. Hofrat Sabbaus Kreitmeyr war, wie die meisten Gelehrten alten 
Schlages, ein Pantoffelheld, er fand alles fur richtig, was seine wurdige 
Gemahlin anordnete, und glaubte an sie wie an die alleinseligmachen- 
den Regeln der lateinischen Grammatik. Seine Lavinia war ein sehr 
gehorsames Kind, las keine Romane, beschaftigte sich nur mit der anti- 
ken Mythologie und verliebte sich nichtsdestoweniger in ihren jungen 
Klavierlehrer, den Virtuosen Hans Pauli. 

Hans Pauli war eine echte Kunstlernatur. Das naive Kindergemut La- 
vinias hatte es ihm angetan. Er war in der Liebe noch recht unerfahren, 
Lavinia war das erste weibliche Wesen, mit dem er stundenlang zusam- 
mensafi, bei ihr fand er Bewunderung, die ihm sonst nicht sehr oft 
zuteil wurde; und wenn auch die Hofratstochter nicht schon zu nen- 
nen war - sie hatte eine etwas zu breite Stirn und wasserige, farblose 



DER VORZUGSSCHULER 9 

Augen -, so konnte man sie doch nicht, schon ihrer schonen Statur 
wegen, gerade unhubsch nennen. Hans Pauli traumte zudem von einer 
»deutschen« Frau, hielt viel auf Treue und verlangte, wie die meisten 
Kunstler, ein weibliches Weib, bei dem er seine Launen austoben, aber 
auch Trost und Erhotung finden konnte. Nun schien ihm Fraulein La- 
vinia dazu am besten geeignet, und da noch um sie der Zauber knos- 
pender Jugend wehte, schlug die Kiinstlerphantasie Herrn Hans Pauli 
ein Schnippchen, und der angehende Virtuose von Ruf verliebte sich 
stracks in Fraulein Lavinia Kreitmeyr. 

Wie es um die beiden stand, erkannte Herr Anton Wanzl gleich am 
ersten Abend, den er im Kreitmeyrschen Hause zubrachte. Lavinia 
Kreitmeyr gefiel ihm nicht im geringsten. Aber der Instinkt, mit dem 
Vorzugsschuler des Lebens stets ausgeriistet sind, sagte ihm, daft Lavi- 
nia eine gar passende Frau fur ihn ware und Herr Hofrat Sabbaus ein 
noch passenderer Schwiegervater. Diesen kindischen Kunstler Pauli 
konnte man leicht an die Luft setzen. Man mufke es nur geschickt 
anstellen. Und etwas geschickt anstellen - das verstand Anton. 
Herr Anton Wanzl hatte es nach einer halben Stunde herausgefunden, 
dafi Frau Cacilie die wichtigste Rolle im Hause spielte. Wollte er die 
Hand des Frl. Lavinia, so mufite er vor allem das Herz der Mutter 
gewinnen. Und da er sich auf die Unterhaltung alterer Matronen bes- 
ser verstand als auf die junger Madchen, so verband er nach der alten 
lateinischen Regel das dulce mit dem utile und machte den Kavalier der 
Frau Direktor. Er sagte ihr manche zarte Schmeichelei, die ein Pauli in 
seiner reinen Torheit Fraulein Lavinia gesagt hatte. Und bald hatte 
Frau Cacilie Kreitmeyr den Herrn Anton Wanzl ins Herz geschlossen. 
Seinem Rivalen Hans Pauli gegeniiber benahm sich Anton mit kiihner 
ironisierender Hoflichkeit. Dem Musiker verriet sein kunstlerisches 
Feingefiihl, mit wem er es zu tun habe. Er, der Tor, das Kind, durch- 
schaute Herrn Anton Wanzl tiefer als alle Professoren und weisen 
Manner. Aber Hans Pauli war kein Diplomat. Er auflerte Anton 
Wanzl gegeniiber stets unverhohlen seine Meinung. Anton blieb kiihl 
und sachlich, Pauli erhitzte sich, Anton riickte bald mit seiner schwe- 
ren Riistung der Gelehrsamkeit ins Feld, gegen solche Waffen konnte 
Hans Pauli nichts ausrichten, denn er war wie so viele Musiker ohne 
grofteres Wissen, seine schwerfallige Vertraumtheit erdriickte in ihm 
dasjenige, was man in der Gesellschaft »Geist« nennt, und er mufite 
sich beschamt zuruckziehen. 



10 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Fraulein Lavinia Kreitmeyr schwarmte zwar fiir Bach und Beethoven 
und Mozart, aber als rechte Tochter eines Philologen von Ruf hatte sie 
eine gieich grofte Verehrung fiir die Wissenschaft. Hans Pauli war ihr 
wie ein Orpheus erschienen, dem Flora und Fauna lauschen mufiten. 
Nun aber war ein Prometheus gekommen, der das heilige Feuer vom 
Olymp geradewegs in die Wohnung des Herrn Hofrat Kreitmeyr 
brachte. Hans Pauli aber hatte sich mehrere Male blamiert, er zahlte in 
der Gesellschaft kaum mit. Auch war Anton Wanzl ein Mann, den 
auch der Hofrat sehr hoch stellte, den Mama so sehr lobte. Lavinia war 
eine gehorsame Tochter. Und als Herr Kreitmeyer ihr eines Tages riet, 
Herrn Dr. Wanzl die Hand zum Bunde furs Leben zu reichen, sagte 
sie: »Ja.« Ein gleiches »Ja« bekam auch der hocherfreute Anton zu 
horen, als er bei Fraulein Lavinia bescheiden anfragte. Die Verlobung 
wurde fiir einen bestimmten Tag, den Geburtstag der Lavinia, ange- 
setzt. Hans Pauli aber yerstand jetzt die Tragik seines Kiinstlerlebens. 
Er war yerzweifelt, dafi man ihm einen Anton Wanzl vorgezogen, er 
hafite die Menschen, die Welt, Gott. Dann setzte er sich auf einen 
Dampfer, reiste nach Amerika, spielte in Kinos und Varietes, wurde 
ein verlottertes Genie und starb schliefilich vor Hunger auf der Strafte. 
An einem wunderschonen Juniabend wurde im hofratlichen Hause die 
Verlobung gefeiert. Frau Cacilie rauschte in grauseidenem Kleide, 
Herr Hofrat Kreitmeyr fiihlte sich unbehaglich in seinem schlechtsit- 
zenden Frack und zupfte abwechselnd bald an seiner windschiefen 
Krawatte, bald an den blitzblanken Manschettenrollchen. Herr Anton 
strahlte vor Freude an der Seite seiner hellgekleideten, etwas ernsten 
Braut, Toaste wurden gehalten und erwidert, Becher erklangen, Hoch- 
rufe drohnten bis hinaus durch die offenen Fenster in das Tuten der 
Autos. 

DraulSen rauschten die Wellen der Donau ihr uraltes Lied von Werden 
und Vergehen. Sie trugen die Sterne mit und die weifien Wolklein, den 
blauen Himmel und den Mond. In heifiduftenden Jasminbuschen lag 
die Nacht und hielt den Wind in ihren weichen Armen, daft nicht der 
leiseste Hauch durch die schwiile Welt ging. 

Mizzi Schinagl stand am Ufer. Sie fiirchtete sich nicht vor dem tief- 
dunklen Wasser unten. Drin muftte es wohlig und weich sein, man 
stiefi sich nicht an Kanten und Ecken wie auf der dummen Erde dro- 
ben, und nur Fische gab es drin, stumme Wesen, die nicht liigen konn- 
ten, so entsetzlich liigen wie die bosen Menschen. Stumme Fische! 



DER VORZUGSSCHULER II 

Stumme! Auch ihr Kindchen war stumm, tot geboren. »Es ist am be- 
sten so«, hatte Tante Marianne gesagt. Ja, ja, es war wirklich am be- 
sten. Und das Leben war doch so schon! Heute, vor einem Jahr. Ja, 
wenn das Kindchen lebte, so mufite auch sie leben, die Mutter. Aber 
so! Das Kind war tot, und das Leben tot — 
Durch die nachtliche Stille klang plotzlich ein Lied aus tiefen Manner- 

kehlen. Burschengesange, alte Lieder, Studenten waren es. Ob 

wo hi alle Studenten so waren? Nein! Der Wanzl! Der war doch nicht 

einmal ein richtiger Student! Oh, sie kannte ihn gut! Ein Feigling war 

er, ein Heuchler, ein Scheinheiliger! Oh, wie sie ihn hafite! 

Die Lieder klangen immer naher. Deutliche Schritte waren vernehm- 

bar. 

Antons »Bundesbriider« kehrten von einem Sommerfest zurlick. Herr 

stud. jur. Xandl Hummer, hoch in den Dreiftigern, im 18. Semester, 

»Bierfafi« genannt, betrank sich nicht leicht und holte jetzt riistig aus. 

Seine kleinen Auglein erspahten dort ferae am Ufer eine Frauengestalt. 

»Holla. Briider, es gilt ein Leben zu retten!« sagte er. 

»Fraulein«, rief er, »warten Sie einen Augenblick! Ich komm' schon !« 

Mizzi Schinagl sah trlibe in das aufgedunsene, rote Gesicht Xandls. 

Ein jaher Gedanke durchzuckte ihr Hirn. Wie, wenn — Ja, ja, sie 

wollte sich rachen! Rachen an der Welt, an der Gesellschaft! 

Mizzi Schinagl lachte. Ein gelles, schneidendes Lachen. So lacht eine - 

dachte sie. Nur noch einen Blick warf sie ins Wasser. Und starrte dann 

eine Weile in die Luft. 

Sie horte nicht die rohen Spafie des Studenten. Er aber nahm ihren 

Arm. Im Triumph wurde sie auf die »Bude« Xandls gefuhrt. 

Am nachsten Morgen brachte sie »Bierfaft« in die »Pension« zu 

»Tante« Waclawa Jancic am Spinel. - 

Herr Anton Wanzl war mit seiner jungen Frau von der Ferien- und 

Hochzeitsreise zuruckgekehrt. Er war ein gewissenhafter, strenger, ge- 

rechter Lehrer. Er wuchs in den Augen der Vorgesetzten, spielte eine 

Rolle in der besseren Gesellschaft und arbeitete an einem wissenschaft- 

lichen Werk. Sein Gehalt stieg und stieg, er wuchs von einer Rang- 

klasse in die andere. Seine Eltern hatten ihm den Gefallen erwiesen und 

waren kurz nach seiner Hochzeit beide fast in derselben Zeit gestor- 

ben. Herr Anton Wanzl aber liefi sich jetzt zu der grofiten Verwunde- 

rung aller in seine Heimatstadt versetzen. 

Das kleine Gymnasium verwaltete dort ein alter Direktor, ein lassiger 



12 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Mann, alleinstehend, ohne Weib und Kind, der nur in der Vergangen- 
heit lebte und sich um seine Pflichten nicht kiimmerte. Nichtsdestowe- 
niger war ihm sein Amt lieb geworden, er muftte lachende, junge Ge- 
sichter um sich sehen, seine Baume im grofien Park pflegen, von den 
Biirgern des Stadtchens ehrfiirchtig gegriiftt werden. Man hatte drub en 
im Landesschulrat Mitieid mit dem alten Manne und wartete nur noch 
auf seinen Tod. 

Anton Wanzl kam und nahm die Verwaltung der Schule in die Hand. 
Als Rangaltester wurde er Sekretar, er schrieb Berichte an den Schul- 
rat, bekam die Kasse in Verwaltung, beaufsichtigte den Unterricht und 
die Reparaturen, schaffte Ordnung. Er kam auch hie und da nach Wien 
und hatte Gelegenheit, an den Abenden, die seine Schwiegermutter 
seltener zwar, aber doch immer noch veranstaltete, hie und da einem 
Herrn von der Statthalterei auch mundlichen Bericht zu erstatten. Da- 
bei verstand er es vortrefflich, seine eigene Tatigkeit ins hellste Licht 
zu riicken, von seinem Direktor mit einem bedauernden Unterton in 
der Stimme zu sprechen und seine Worte mit einem vielsagenden Ach- 
selzucken zu begleiten. Frau Cacilie Kreitmeyr aber besorgte das iib- 
rige. 

Eines Tages spazierte der alte Herr Direktor mit seinem Sekretar Dr. 
Wanzl in den schonen Gartenanlagen des Gymnasiums. Der alte Herr 
freute sich beim Anblick der Baume, hie und da huschte ein frisches 
Jungengesicht vorbei und verschwand wieder. Des Herrn Direktors 
altes Greisenherz freute sich. 

Gerade bog der Schuldiener in die Allee ein, griifke und uberreichte 
einen machtigen Brief. Der Herr Direktor schnitt das grofte weifie Ku- 
vert bedachtig auf, zog das Blatt mit dem grofien Amtssiegel hervor 
und begann zu lesen. Ein Ausdruck des Schreckens belebte plotzlich 
seine alten, schlaffen Ziige. Er machte eine Bewegung, als woilte er 
nach seinem Herz greifen, schwankte und fiel. Nach einigen Sekunden 
war er in den Armen seines Sekretars gestorben. 
Dem Herrn Direktor Dr. Anton Wanzl ging es gut. Sein Ehrgeiz ruhte 
seit Jahren. Manchmal dachte er wohl an eine Universitatsprofessur, 
die er hatte erreichen konneri, aber bald hatte er sich die Sache iiber- 
legt. Er war mit sich sehr zufrieden. Und noch mehr mit den Men- 
schen. Manchmal im tiefsten Winkel seines Herzens lachte er liber die 
Leichtglaubigkeit der Welt. Aber seine blassen Lippen blieben ge- 
schlossen. Selbst wenn er allein war, in seinen vier Wanden lachte er 



DER VORZUGSSCHULER 13 

nicht. Er furchtete, die Wande hatten nicht nur Ohren, sondern auch 
Augen und konnten ihn verraten. 

Kinder hatte er keine, sehnte sich auch nicht nach ihnen. Zu Hause war 
er der Herr, seine Gemahlin blickte bewundernd zu ihm empor, seine 
Schiiler verehrten ihn. Nur nach Wien kam er seit einigen Jahren nicht 
mehr. Dort war ihm einmal was hochst Fatales passiert. Als er einmal 
in der Nacht mit seiner Frau aus der Oper heimkehrte, begegnete ihm 
an der Ecke ein aufgeputztes Frauenzimmer, warf einen Blick auf Frau 
Lavinia an seiner Seite und lachte schrill auf. Lange klang dieses wilde 
Lachen Herrn Anton Wanzl in den Ohren. 

Direktor Wanzl lebte noch lange gliicklich an der Seite seiner Frau. 
Aber seine stark tiberspannten Krafte liefien mahlich nach. Der iiber- 
anstrengte Organismus rachte sich. Die lange durch die Macht des 
straffen Willens zuriickgehaltene Schwache brach auf einmal durch. 
Eine schwere Lungenentziindung warf Anton Wanzl aufs Krankenla- 
ger, das ihn nicht mehr loslassen sollte. Nach einigen Wochen schwe- 
ren Leidens starb Anton Wanzl. 

Alle Schiiler waren gekommen, alle Burger des Stadtchens, Kranze mit 
langen schwarzen Schleifen iiberdeckten den Sarg, Reden wurden ge- 
halten, Abschiedsworte nachgerufen. 

Herr Anton Wanzl aber lag tief drinnen im schwarzen Metallsarg und 
lachte. Anton Wanzl lachte zum ersten Male. Er lachte iiber die 
Leichtglaubigkeit der Menschen, iiber die Dummheit der Welt. Hier 
durfte er lachen. Die Wande seines schwarzen Kastens konnten ihn 
nicht verraten. Und Anton Wanzl lachte. Lachte stark und herzlich. 
Seine Schiiler lieften es sich nicht nehmen, ihrem verehrten und gelieb- 
ten Direktor einen marmornen Grabstein zu setzen. Auf diesem stan- 
den unter dem Namen des Verstorbenen die Verse : 

»Ub immer Treu und Redlichkeit 
Bis an dein kiihles Grab!« 



BARBARA 

1918 



Sie hiefi Barbara. Klang ihr Name nicht wie Arbeit? Sie hatte eines 
jener Frauengesichter, die so aussehen, als waren sie nie jung gewesen. 
Man kann ihr Alter auch nicht mutmafien. Es lag verwittert in den 
weifien Kissen und stach von diesen ab durch eine Art gelblichgrauer 
Sandsteinfarbung. Die grauen Augen flogen rastlos hin und her wie 
Vogel, die sich in den Wust der Polster verirrt; zuweilen aber kam eine 
Starrheit in diese Augen; sie blieben an einem dunklen Punkt oben an 
der weifien Zimmerdecke kleben, einem Loch oder einer rastenden 
Fliege. Dann iiberdachte Barbara ihr Leben. 

Barbara war 10 Jahre alt, als ihre Mutter starb. Der Vater war ein 
wohlhabender Kaufmann gewesen, aber er hatte angefangen zu spielen 
und hatte der Reihe nach Geld und Laden verloren; aber er safi weiter 
im Wirtshause und spielte. Er war lang und dlirr und hielt die Hande 
krampfhaft in den Hosentaschen versenkt. Man wuftte nicht: Wollte er 
auf diese Art das noch (ibrige Geld festhalten oder es verhiiten, dafi 
jemand in seine Tasche greife und sich von deren Inhalt oder Leere 
uberzeuge? Er liebte es, seine Bekannten zu iiberraschen, und wenn es 
seinen Partnern beim Kartenspiel schien, dafi er schon alles verloren 
habe, zog er zur allgemeinen Verbliiffung noch immer irgendeinen 
Wertgegenstand, einen Ring oder eine Berlocke, hervor und spielte 
weiter. Er starb schlieftlich in einer Nacht, ganz plotzlich, ohne Vorbe- 
reitung, als wollte er die Welt iiberraschen. Er fiel, wie ein leerer Sack, 
zu Boden und war tot. Aber die Hande hatte er noch immer in den 
Taschen, und die Leute hatten Miihe, sie ihm herauszuzerren. Erst 
damals sah man, dafi die Taschen leer waren und dafi er vermutlich nur 
deshalb gestorben war, weil er nichts mehr zu verspielen hatte . . . 
Barbara war 16 Jahre alt. Sie kam zu einem Onkel, einem dicken 
Schweinehandler, dessen Hande wie die Polsterchen »Ruhe sanft« 
oder »Nur ein halbes Stiindchen« aussahen, die zu Dutzenden in sei- 
nem Salon herumlagen. Er tatschelte Barbara die Wange, und ihr 
schien es, als krochen funf kleine Ferkelchen iiber ihr Gesicht. Die 
Tante war cine grofie Person, diirr und mager wie eine Klavierlehrerin. 
Sie hatte grofte, rollende Augen, die aus den Hohlen quollen, als woll- 
ten sie nicht im Kopfe sitzenbleiben, sondern rastlos spazierengehen. 



BARBARA 15 

Sie waren griinlichhell, von jener unangenehmen Griine, wie sie die 
ganz bilHgen Trinkglaser haben. Mit diesen Augen sah sie alles, was im 
Hause und im Herzen des Schweinehandlers vorging, iiber den sie iib- 
rigens eine unglaubliche Macht hatte. Sie beschaftigte Barbara, »so gut 
es ging«, aber es ging nicht immer gut. Barbara mufke sich sehr in acht 
nehmen, um nichts zu zerbrechen, denn die griinen Augen der Tante 
kamen gleich wie schwere Wasserwogen heran und rollten kalt iiber 
den heifien Kopf der Barbara. 

Als Barbara 20 Jahre alt war, verlobte sie der Onkel mit einem seiner 
Freunde, einem starkknochigen Tischlermeister mit breiten, schwieli- 
gen Handen, die schwer und massiv waren wie Hobel. Er zerdriickte 
ihre Hand bei der Verlobung, dafi es knackte und sie aus seiner machti- 
gen Faust mit Not ein Biindel lebloser Finger rettete. Dann gab er ihr 
einen kraftigen Kuft auf den Mund. So waren sie endgiiltig verlobt. 
Die Hochzeit, die bald darauf stattfand, verlief regelrecht und vor- 
schriftsmafiig mit weifiem Kleide und griinen Myrten, einer kleinen, 
oligen Pfarrersrede und einem asthmatischen Toast des Schweinehand- 
lers. Der gliickliche Tischlermeister zerbrach ein paar der feinsten 
Weinglaser, und die Augen der Schweinehandlerin rollten iiber seine 
starken Knochen, ohne ihm was anhaben zu konnen. Barbara safi da, 
als safie sie auf der Hochzeit einer Freundin. Sie wollte es gar nicht 
begreifen, dafi sie Frau war. Aber sie begriff es schlieftlich doch. Als sie 
Mutter war, kummerte sie sich mehr um ihren Jungen als um den 
Tischler, dem sie taglich in die Werkstatte sein Essen brachte. Sonst 
machte ihr der fremde Mann mit den starken Fausten keine Umstande. 
Er schien von einer eichenholzernen Gesundheit, roch immer nach fri- 
schen Hobelspanen und war schweigsam wie eine Ofenbank. Eines 
Tages fiel ihm in seiner Werkstatte ein schwerer Holzbalken auf den 
Kopf und totete ihn auf der Stelle. 

Barbara war 22 Jahre alt, nicht unhubsch zu nennen, sie war Meisterin, 
und es gab Gesellen, die nicht libel Lust hatten, Meister zu werden. 
Der Schweinehandler kam und lieft seine fiinf Ferkel iiber die Wange 
Barbaras laufen, um sie zu trosten. Er hatte es gar zu gerne gesehen, 
wenn Barbara sich noch einmal verheiratet hatte. Sie aber verkaufte bei 
einer giinstigen Gelegenheit ihre Werkstatte und wurde Heimarbeite- 
rin. Sie stopfte Strumpfe, strickte wollene Halstiicher und verdiente 
ihren Unterhalt fur sich und ihr Kind. 
Sie ging fast auf in der Liebe zu ihrem Knaben. Es war ein starker 



\6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Junge, die groben Knochen hatte er von seinem Vater geerbt, aber er 
schrie nur zu gerne und strampelte mit seinen Gliedmafien so heftig, 
dafi die zusehende Barbara oft meinte, der Junge hatte mindestens ein 
Dutzend fetter Beinchen und Arme. Der Kleine war hafilich, von einer 
geradezu robusten Hafilichkeit. Aber Barbara sah nichts Unschones an 
ihm. Sie war stolz und zufrieden und lobte seine guten geistigen und 
seelischen Qualitaten vor alien Nachbarinnen. Sie nahte Haubchen 
und bunte Bander fur das Kind und verbrachte ganze Sonntage damit, 
den Knaben herauszuputzen. Mit der Zeit aber reichte ihr Verdienst 
nicht aus, und sie mufite andere Einnahmequellen suchen. Da fand 
sich, dafi sie eigentlich eine zu grofie Wohnung hatte. Und sie hangte 
eine Tafel an das Haustor, an der mit komischen, hilflosen Buchstaben, 
die jeden Augenblick vom Papier herunterzufallen und auf dem harten 
Pflaster zu zerbrechen drohten, geschrieben stand, dafi in diesem 
Hause ein Zimmer zu vermieten ware. Es kamen Mieter, fremde Men- 
schen, die einen kalten Hauch mit sich in die Wohnung brachten, eine 
Zeitlang blieben und sich dann wieder von ihrem Schicksal hinausfe- 
gen liefien in eine andere Gegend. Dann kamen neue. 
Aber eines Tages, es war Ende Marz, und von den Dachern tropfte es, 
kam er. Er hiefi Peter Wendelin, war Schreiber bei einem Advokaten 
und hatte einen treuen Glanz in seinen goldbraunen Augen. Er machte 
keine Scherereien, packte gleich aus und blieb wohnen. 
Er wohnte bis in den April hinein. Ging in der Friih aus und kam am 
Abend wieder. Aber eines Tages ging er iiberhaupt nicht aus. Seine 
Tiire blieb zu. Barbara klopfte an und trat ein, da lag Herr Wendelin 
im Bette. Er war krank. Barbara brachte ihm ein warmes Glas Milch, 
und in seine goldbraunen Augen kam ein warmer, sonniger Glanz. 
Mit der Zeit entwickelte sich zwischen beiden eine Art Vertraulichkeit. 
Das Kind Barbaras war ein Thema, das sich nicht erschopfen liefi. 
Aber man sprach auch natiirlich von vielem andern. Vom Wetter und 
von den Ereignissen. Aber es war so, als steckte etwas ganz anderes 
hinter den gewohnlichen Gesprachen und als waren die alltaglichen 
Worte nur Hiillen fur etwas Aufiergewohnliches, Wunderbares. 
Es schien, als ware Herr Wendelin eigentlich schon langst wieder ge- 
sund und arbeitsfahig und als lage er nur so zu seinem Privatvergniigen 
langer im Bett als notwendig. Schliefilich mufite er doch aufstehen. An 
jenem Tage war es warm und sonnig, und in der Nahe war eine kleine 
Gartenanlage. Sie lag zwar staubig und trist zwischen den grauen Mau- 



BARBARA V] 

ern, aber ihre Baume hatten schon das erste Grim. Und wenn man die 
Hauser rings vergaft, konnte man fur eine Weile meinen, in einem scho- 
nen, echten Park zu sitzen. Barbara ging zuweilen in jenen Park mit ihrem 
Kinde. Herr Wendelin ging mit. Es war ein Nachmittag, die junge Sonne 
kiifite eine verstaubte Bank, und sie sprachen. Aber alle Worte waren 
wieder nur Hullen, wenn sie abfielen, war nacktes Schweigen um die 
beiden, und im Schweigen zitterte der Friihling. 
Aber einmal ergab es sich, dafi Barbara Herrn Wendelin um eine Gefallig- 
keit bitten mufke. Es gait eine kleine Reparatur an dem Haken der alten 
Hangelampe, und Herr Wendelin stellte einen Stuhl auf den wackligen 
Tisch und stieg auf das bedenkliche Geriist. Barbara stand unten und hielt 
den Tisch. Als Herr Wendelin fertig war, stiitzte er sich zufallig auf die 
Schulter der Barbara und sprang ab. Aber er stand schon lange unten und 
hatte festen Boden unter seinen Fufien, und er hielt immer noch ihre 
Schulter umfafit. Sie wufiten beide nicht, wie ihnen geschah, aber sie 
standen fest und riihrten sich nicht und starrten nur einander an. So 
verweilten sie einige Sekunden. Jedes wollte sprechen, aber die Kehle war 
wie zugeschniirt, sie konnten kein Wort hervorbringen, und es war ihnen 
wie ein Traum, wenn man rufen will und doch nicht kann. Sie waren beide 
blafl. Endlich ermannte sich Wendelin. Er ergriff Barbaras Hand und 
wiirgte hervor: »Du!« »Ja!« sagte sie, und es war, als ob sie einander erst 
jetzt erkannt hatten, als waren sie auf einer Maskerade nur so nebeneinan- 
der hergegangen und hatten erst jetzt die Masken abgelegt. 
Und nun kam es wie eine Erlosung iiber beide. » Wirklich ? Barbara? Du ?« 
stammelte Wendelin. Sie tat die Lippen auf, um »Ja« zu sagen, da polterte 
plotzlich der kleine Philipp von einem Stuhl herab und erhob ein j ammer- 
liches Geschrei. Barbara mulke Wendelin stehenlassen, sie eilte zum 
Kinde und beruhigte es. Wendelin folgte ihr. Als der Kleine still war und 
nur noch ein restliches Glucksen durch das Zimmer flatterte, sagte Wen- 
delin: »Ich hoi' sie mir morgen! Leb wohl!« Er nahm seinen Hut und 
ging, aber um ihn war es wie Sonnenglanz, als er im Turrahmen stand und 
noch einmal auf Barbara zuriickblickte. 

Als Barbara allein war, brach sie in lautes Weinen aus. Die Tranen 
erleichterten sie, und es war ihr, als lage sie an einer warmen Brust. Sie lieft 
sich von dem Mitleid, das sie mit sich selbst hatte, streicheln. Es war ihr 
lange nicht so wohl gewesen, ihr war wie einem Kinde, das sich in einem 
Wald verirrt und nach langer Zeit wieder zu Hause angekommen war. 
So hatte sie lange im Walde des Lebens herumgeirrt, um jetzt erst nach 



l8 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Hause zu treffen. Aus einem Winkel der Stube kroch die Dammerung 
hervor und wob Schleier um Schleier um alle Gegenstinde. Auf der 
Strafte ging der Abend herum und leuchtete mit einem Stern zum Fen- 
ster herein. Barbara safi noch immer da und seufzte still in sich hinein. 
Das Kind war in einem alten Lehnstuhl eingeschlummert. Es bewegte 
sich plotzlich im Schlafe, und das brachte Barbara zur Besinnung. Sie 
machte Licht, brachte das Kind zu Bett und setzte sich an den Tisch. 
Das helle, verniinftige Lampenlicht liefi sie klar und ruhig denken. Sie 
uberdachte alles, ihr bisheriges Leben, sie sah ihre Mutter, ihren Vater, 
wie er hilflos am Boden lag, ihren Mann, den plumpen Tischler, sie 
dachte an ihren Onkel, und sie fiihlte wieder seine fiinf Ferkel. 
Aber immer und immer wieder war Peter Wendelin da, mit dem sonni- 
gen Glanz in seinen guten Augen. Gewifi wiirde sie morgen »Ja« sa- 
gen, der gute Mensch, wie lieb sie ihn hatte. Warum hatte sie ihm 
eigentlich nicht schon heute »Ja« gesagt? Aha! Das Kind! Plotzlich 
fiihlte sie etwas wie Groll in sich aufsteigen. Es dauerteblofi den 
Bruchteil einer Sekunde, und sie hatte gleich darauf die Empfindung, 
als hatte sie ihr Kind ermordet. Sie stiirzte zum Bett, um sich zu iiber- 
zeugen, dafi dem Kind kein Leid geschehn war. Sie beugte sich dariiber 
und kiifite es und bat es mit einem hilflosen Blick um Verzeihung. Nun 
dachte sie, wie doch jetzt alles so ganz anders werden miifite. Was 
geschah mit dem Kinde? Es bekam einen fremden Vater, wiirde er es 
liebhaben konnen? Und sie, sie selbst? Dann kamen andere Kinder, die 

sie mehr liebhaben wiirde. War das moglich? Mehr lieb? Nein, 

sie blieb ihm treu, ihrem armen Kleinen. Plotzlich war es ihr, als wiirde 
sie morgen das arme, hilflose Kind verlassen, um in eine andere Welt 
zu gehen. Und der Kleine blieb zuriick. — Nein, sie wird ja bleiben, 
und alles wird gut sein, sucht sie sich zu trosten. Aber immer wieder 
kommt diese Ahnung. Sie sieht es, ja, sie sieht es schon, wie sie den 
Kleinen hilflos lafit. Selbst wird sie gehen mit einem fremden Manne. 
Aber er war ja gar nicht fremd! 

Auf einmal schreit der Kleine laut auf im Schlafe. »Mama! Mama!« lallt 
das Kind; sie lafk sich zu ihm nieder, und er streckt ihr die kleinen 
Handchen entgegen. Mama! Mama! es klingt wie ein Hilferuf. Ihr 
Kind! - So weint es, weil sie es verlassen will. Nein! Nein! Sie will ewig 
bei ihm bleiben. 

Plotzlich ist ihr Entschlufi reif. Sie kramt aus der Lade Schreibzeug 
und Papier und zeichnet rmihevoll hinkende Buchstaben auf das Blatt. 



BARBARA 19 

Sie ist nicht erregt, sie ist ganz ruhig, sie bemiiht sich sogar, so schon 
als moglich zu schreiben. Dann halt sie den Brief vor sich und iiberliest 
ihn noch einmal. 

»Es kann nicht sein. Wegen meines Kindes nicht !« Sie steckt das Blatt 
in einen Umschlag und schleicht sich leise in den Flur zu seiner Tlir. 
Morgen wiirde er es finden. 

Sie kehrt zuriick, loscht die Lampe aus, aber sie kann keinen Schlaf 
finden, und sie sieht die ganze Nacht zum Fenster hinaus. 
Am nachsten Tage zog Peter Wendelin aus. Er war miide und zerschla- 
gen, als hatte er selbst alle seine Koffer geschleppt, und es war kein 
Glanz mehr in seinen braunen Augen. Barbara blieb den ganzen Tag 
iiber in ihrem Zimmer. Aber ehe Peter Wendelin endgiiltig fortging, 
kam er mit einem Straufilein Waldblumen zuriick und legte es stumm 
auf den Tisch der Barbara. Es lag ein verhaltenes Weinen in ihrer 
Stimme, und als sie ihm die Hand zum Abschied gab, zitterte sie ein 
wenig. Wendelin sah sich noch eine Weile im Zimmer um, und wieder 
kam ein goldener Glanz in seine Augen, dann ging er. Driiben im klei- 
nen Park sang eine Amsel, Barbara sa£ still und lauschte. Draufien am 
Haustor flatterte wieder die Tafel mit der Wohnungsanzeige im Friih- 
lingswind. 

Mieter und Monde kamen und gingen, Philipp war groft und ging in 
die Schule. Er brachte gute Zeugnisse heim, und Barbara war stolz auf 
ihn. Sie bildete sich ein, aus ihrem Sohne musse etwas Besonderes wer- 
den, und sie wollte alles anwenden, um ihn studieren zu lassen. Nach 
einem Jahre sollte es sich entscheiden, ob er Handwerker werden oder 
ins Gymnasium kommen sollte. Barbara wollte mit ihrem Kinde hoher 
hinauf. Alle die Opfer sollten nicht umsonst gebracht sein. 
Zuweilen dachte sie noch an Peter Wendelin. Sie hatte seine vergilbte 
Visitkarte, die vergessen an der Tur steckengeblieben war, und die Blu- 
men, die er ihr zum Abschied gebracht hatte, in ihrem Gebetbuch 
sorgfaltig aufbewahrt. Sie betete selten, aber an Sonntagen schlug sie 
die Stelle auf, wo die Karte und diQ Blumen lagen, und verweilte lange 
liber den Erinnerungen. 

Ihr Verdienst reichte nicht, und sie begann, vom kleinen Kapital zu 
zehren, das ihr vom Verkauf der Werkstatte geblieben war. Aber es 
konnte auf die Dauer nicht weitergehen, und sie sah sich nach neuen 
Verdienstmoglichkeiten um. Sie wurde Wascherin. In der Friih ging sie 
aus, und in der Mittagsstunde schleppte sie einen schweren Pack 



20 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

schmutziger Wasche heim. Sie stand halbe Tage im Dunst der Wasch- 
kiiche, und es war, als ob der Dampf des Schmutzes sich auf ihrem 
Gesicht ablagerte. 

Sie bekam eine fahle, sandsteinfarbene Haut, um die Augen zitterte ein 
engmaschiges Netz haarfeiner Falten. Die Arbeit verunstaltete ihren 
Leib, ihre Hande waren rissig, und die Haut faltete sich schlaff an den 
Fingerspitzen unter der Wirkung des heifien Wassers. Selbst wenn sie 
keinen Pack trug, ging sie gebiickt. Die Arbeit lastete auf ihrem Riik- 
ken. Aber um den bittern Mund spielte ein Lacheln, sooft sie ihren 
Sohn ansah. 

Nun hatte sie ihn glucklich ins Gymnasium hiniiberbugsiert. Er lernte 
nicht leicht, aber er behielt alles, was er einmal gehort hatte, und seine 
Lehrer waren zufrieden. Jedes Zeugnis, das er nach Hause brachte, war 
fur Barbara ein Fest, und sie versaumte es nicht, ihrem Sohn kleine 
Freuden zu bereiten. Extratouren gewissermafkn, die sie um grofie 
Opfer erkaufen muftte. Philipp ahnte das alles nicht, er war ein Dick- 
hauter. Er weinte selten, ging robust auf sein Ziel los und machte seine 
Aufgaben mit einer Art Aufwand von korperlicher Kraft, als hatte er 
ein Eichenbrett zu hobeln. Er war ganz seines Vaters Sohn, und er 
begriff seine Mutter gar nicht. Er sah sie arbeiten, aber das schien ihm 
selbstverstandlich, er besafi nicht die Feinheit, um das Leid zu lesen, 
das in der Seele seiner Mutter lag und in jedem Opfer, das sie ihm 
brachte. 

So schwammen die Jahre im Dunst der schmutzigen Wasche. Allmah- 
lich kam eine Gleichgultigkeit in die Seele Barbaras, eine stumpfe Mii- 
digkeit. Ihr Herz hatte nur noch einige seiner stillen Feste, zu denen 
die Erinnerung an Wendelin gehorte und ein Schulzeugnis Philipps. 
Ihre Gesundheit war stark angegriffen, sie mufite zeitweilig in ihrer 
Arbeit einhalten, der Riicken schmerzte gar sehr. Aber keine Klage 
kam iiber ihre Lippen. Und auch wenn sie gekommen ware, an der 
Elefantenhaut Philipps ware sie glatt abgeprallt. 
Er mufite nun darangehen, an einen Beruf zu denken. Zu einem weite- 
ren Studium mangelte es an Geld, zu einer anstandigen Stelle an Pro- 
tektion. Philipp hatte keine besondere Vorliebe fur einen Beruf, er 
hatte iiberhaupt keine Liebe. Am bequemsten war ihm noch die Theo- 
logie. Man konnte Aufnahme finden im Seminar und hatte vor sich ein 
behabiges und unabhangiges Leben. So glitt er denn, als er das Gymna- 
sium hinter sich hatte, in die Kutte der Religionswissenschaft. Er 



BARBARA 



packte seine kleinen Habseligkeiten in einen kleinen Holzkoffer und 
iibersiedelte in die engbriistige Stube seiner Zukunft. 
Seine Briefe waren selten und trocken wie Hobelspane. Barbara las sie 
miihevoll und andachtig. Sie begann, haufiger in die Kirche zu gehen, 
nicht weil sie ein religioses Verlangen danach verspiirte, sondern um 
den Priester zu sehen und im Geiste ihren Sohn auf die Kanzel zu 
versetzen. Sie arbeitete noch immer viel, trotzdem sie es jetzt nicht 
notig hatte, aber sie glich einem aufgezogenen Uhrwerk etwa, das 
nicht stehenbleiben kann, solange sich die Radchen drehen. Doch ging 
es merklich abwarts mit ihr. Sie mufite sich hie und da ins Bett legen 
und etliche Tage liegenbleiben. Der Riicken schmerzte heftig, und ein 
trockenes Husten schiittelte ihren abgemagerten Korper. Bis eines Ta- 
ges das Fieber dazukam und sie ganz hilflos machte. 
Sie lag eine Woche und zwei. Eine Nachbarin kam und half aus. End- 
lich entschlofi sie sich, an Philipp zu schreiben. Sie konnte nicht mehr, 
sie muftte diktieren. Sie kiiftte den Brief verstohlen, als sie ihn zum 
Absenden iibergab. Nach acht langen Tagen kam Philipp. Er war ge- 
sund, aber nicht frisch und steckte in einer blauen Kutte. Auf dem 
Kopfe trug er eine Art Zylinder. Er legte ihn sehr sanft aufs Bett, kiiftte 
seiner Mutter die Hand und zeigte nicht das mindeste Erschrecken. Er 
erzahlte von seiner Promotion, zeigte sein Doktordiplom und stand 
selbst dabei so steif, daft er aussah wie die steife Papierrolle und seine 
Kutte mit dem Zylinder wie eine Blechkapsel. Er sprach von seinen 
Arbeiten, trotzdem Barbara nichts davon verstand. Zeitweilig verfiel er 
in einen naselnden, fetten Ton, den er seinen Lehrern abgelauscht und 
fur seine Bedurfnisse zugeolt haben mochte. Als die Glocken zu lauten 
begannen, bekreuzigte er sich, holte ein Gebetbuch hervor und flii- 
sterte lange mit einem andachtigen Ausdrucke im Gesicht. 
Barbara lag da und staunte. Sie hatte sich das alles so ganz anders vor- 
gestellt. Sie begann, von ihrer Sehnsucht zu sprechen und wie sie ihn 
vor ihrem Tode noch einmal hatte sehen wollen. Er hatte bloft das 
Wort »Tod« gehort, und schon begann er, liber das Jenseits zu spre- 
chen und iiber den Lohn, der die Frommen im Himmel erwartete. 
Kein Schmerz lag in seiner Stimme, nur eine Art Wohlgefallen an sich 
selbst und die Freude dariiber, daft er am Lager seiner todkranken 
Mutter zeigen konnte, was er gelernt hatte. 

Uber die kranke Barbara kam mit Gewalt das Verlangen, in ihrem 
Sohn ein biftchen Liebe wachzurufen. Sie fiihlte, daft es das letzte Mai 



22 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

war, da sie sprechen konnte, und wie von selbst und als hauche ihr ein 
Geist die Worte ein, begann sie, langsam und zogernd von der einzigen 
Liebe ihres Lebens zu sprechen und von dem Opfer, das sie ihrem 
Kinde gebracht. Als sie zu Ende war, schwieg sie erschopft, aber in 
ihrem Schweigen lag zitternde Erwartung. Ihr Sohn schwieg. So etwas 
begriff er nicht. Es riihrte ihn nicht. Er blieb stumpf und steif und 
schwieg. Dann begann er, verstohlen zu gahnen, und sagte, er gehe fiir 
eine Weile weg, um sich ein bifichen zu starken. 
Barbara lag da und begriff gar nichts. Nur eine tiefe Wehmut bebte in 
ihr und der Schmerz um das verlorene Leben. Sie dachte an Peter Wen- 
delin und lachelte miide. In ihrer Todesstunde warrnte sie noch der 
Glanz seiner goldbraunen Augen. Dann erschutterte sie ein starker 
Hustenanfall. Als er vo ruber war, blieb sie bewufitlos liegen. Philipp 
kam zuriick, sah den Zustand seiner Mutter und begann, krampfhaft 
zu beten. Er schickte um den Arzt und um den Priester. Beide kamen; 
die Nachbarinnen fiillten das Zimmer mit ihrem Weinen. Inzwischen 
aber taumelte Barbara, unverstanden und verstandnislos, hiniiber in 
die Ewigkeit. 



KARRIERE 

1920 



Er war dreiundzwanzig Jahre zweiter Buchhalter bei der Firma Reck- 
zugel und Compagnie, Sattel- und Riemenzeug-Export en gros, und 
verdiente dreihundertundfiinfzig Kronen im Monat. 
Und hiefi Gabriel Stieglecker. 

Und weiters ist iiber ihn zu sagen, dafi er, um nicht ganz zu verhun- 
gern, nach Nebenverdiensten suchte und einige fand. Er leistete bei 
den Firmen Briider Pollacek, Simon Silberstein und Bruder, Rosalie 
Funkel Aushilfsdienste jeden Monat einige Tage vor Ultimo. Zusam- 
men hatte Gabriel Stieglecker sechshundertundfiinfundsiebzig Kronen 
im Monat. Und davon starb er nun schon drei Jahre und fiinf Monate 
lang. 

Er war ein ausgezeichneter, prompter und verlafilicher Buchhalter. Die 
Firmen Bruder Pollacek, Simon Silberstein und Bruder und Rosalie 
Funkel konnten sich dank den Leistungen des Gabriel Stieglecker 
einen eigenen Buchhalter ersparen. Er hielt ihre Biicher in Ordnung, 
wufke auch, was vor Steuerbehorden und Polizei verborgen bleiben 
mufke, und war diskret wie ein Brunnenloch. 

Gabriel Stieglecker liebte seinen Beruf. Die griine Tinte bevorzugte er 
vor der blauen und vor dieser die rote. Aber am liebsten war ihm die 
violette. Alle Buchhalter der Welt schrieben Zahlen in schwarzer Kai- 
sertinte. Gabriel Stieglecker schrieb grundsatzlich violette Zahlen. Er 
behauptete, von der violetten Tinte bestimmt zu wissen, daft sie dauer- 
hafter sei als die andere und mit einer unerreichbaren Intensitat durch 
die Poren des Papiers dringe. Ja, es sei sogar anzunehmen, daft mit 
violetter Tinte geschriebene Ziffern noch lange nach dem volligen Zer- 
fall des Papiers gleichsam wie transparente Bilder in der Luft fortbe- 
standen. 

Was die von Gabriel Stieglecker geschriebenen Ziffern selbst betrifft, 
so ist zu bemerken, daft sie niemals mit andern zu verwechsein waren. 
Sie hatten eine personliche Note, einen Charakter, waren Individuali- 
taten. Die 3 hatte keinen Bauch, die 2 keinen Buckel, die 7 keinen 
Schwanz. Sondern alle Ziffern hatten »Linie«, waren zart und schlank 
wie moderne Frauen und konnten an kunstlerischem Schwung nur von 



24 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Modellzeichnungen in den neuesten Modezeitschriften iibertroffen 
werden, 

Denn Gabriel Stieglecker liebte seine Geschopfe, die Ziffern. Er blies 
ihnen sozusagen seinen Atem ein, und davon erschienen sie so unterer- 
nahrt. Er spielte mit ihnen wie ein Knabe mit Zinnsoldaten, er liefi sie 
in Doppelreihen aufmarschieren und markierte den Rand eines Exer- 
zierplatzes durch einen grasgriinen Strich. Oder er richtete mit roter 
Tinte ein Blutbad unter ihnen an, das aber niemals mutwilHg und 
schrankenlos sich iiber das Blachfeld ergiefien durfte, sondern mittels 
eines Lineals gewissermafien in sauberliche Kanale abgeleitet wurde. 
Ordnung mufite sein, auf jeden Fall. 

Nur so ist es zu verstehen, dafi Gabriel Stieglecker nun schon den 
sechsten Monat des vierten Jahres mit sechshundertundfiinfundsiebzig 
Kronen Monatslohn stirbt. Ich sage: »stirbt«, nicht etwa aus Vergefi- 
lichkeit, sondern mit Absicht. Denn die Geschichte ist wahr, Gabriel 
Stieglecker heifit anders, aber er lebt. Die Geschichte ist ubrigens zu 
merkwiirdig, als dafi jemand anderer als das Leben sie erfunden haben 
konnte. Wie aus dem Folgenden zu ersehen ist. 

Gabriel Stieglecker war immer noch Gast am Stammtisch im Cafe As- 
pern, wo er allsonntaglich einen Schwarzen mit Sacharin trank. Und 
allsonntaglich mufke er, der gerade damit besch'aftigt war, iiber den 
seltsamen Patinaglanz seiner gestern erstandenen violetten Tinte nach- 
zudenken, Vorwurfe anhoren. Warum er denn noch immer nicht eine 
Gehaltserhohung verlangt habe? Und ob er denn nicht einsehe, daE er 
schandlich ausgebeutet wiirde? heutzutage? von der Firma? der saube- 
ren Gesellschaft? 

Um diese Vorwurfe rasch und sicher vergessen zu konnen, ging Ga- 
briel Stieglecker jeden Sonntag nach der Stammtischsitzung ins Biiro 
Zahlen schreiben. Gabriel Stieglecker erledigte das ganze Montags- 
morgenpensum und ware eigentlich sehr gliicklich dariiber schlafen 
gegangen, wenn ihn nicht die Sorge geplagt hatte, dafi er - am nachsten 
Morgen nichts mehr zu tun haben wiirde. 

So waren Gabriel Stiegleckers Sonntagsnachte qualvoll und zerrissen. 
Gabriel Stieglecker war iiberhaupt gegen Sonntage. 

An einem und demselben Tag geschah folgendes: 

Die Wascherin kiindigte eine zehnprozentige Erhohung an; 

die Elektrische fiihrte den Zweikronentarif ein; 



KARRIERE 25 

und die Wirtin erhohte den Mietzins mit Riicksicht auf die »Verteue- 
rung der Elektrizitat« urn dreiftig Kronen. 

(Daft Gabriel Stieglecker trotzdem kein elektrisches Licht im Zimmer 
hatte, setze ich als selbstverstandlich voraus und erwahne es nur zum 
Zweck der Beruhigung aller jener, die sich etwa iiber das Vorgehen der 
Wirtin Gabriel Stiegleckers aufregen sollten.) 

Diese drei Katastrophen veranlafiten den zweiten Buchhalter Gabriel 
Stieglecker, sich beim ersten Buchhalter Rat zu erbitten. 
Der erste Buchhalter nahm seine Brille ab, die er bei der Arbeit trug, 
und setzte den goldenen Zwicker auf; was er sonst nur zu tun pflegte, 
wenn ihn der Prokurist rufen liefi. 

Der erste Buchhalter sah aber nicht, wie zu erwarten gewesen ware, 
durch die Mitte der Zwickerglaser, sondern iiber deren oberen Gold- 
rand hinweg auf Gabriel. Dabei neigte er den Kopf auf die Brust, und 
es sah aus, als wollte er mit imaginaren Hornern gegen Gabriel anren- 
nen. 

»Die zwanzigprozentige Aufbesserung diirfte Ihnen doch wohl genii- 
gen, oder nicht?« sagte der erste Buchhalter, der nur deshalb erster 
war, weil er schon zweiunddreiftig Jahre im Hause Ziffern schrieb; nur 
mit Kaisertinte naturlich. 

Seine Frage war gefliistert, aber sie trug deutlich die Tonfarbe eines 
etwa in Wolkenpolstern gedampften Donnergrollens. 
»Ich habe keine zwanzigprozentige Aufbesserung erhalten!« stohnte 
Gabriel. 

»Dann miissen Sie sie verlangen«, sagte der erste Buchhalter laut, wo- 
bei er den Zwicker wieder abnahm und die Brille aufsetzte. 
Infolgedessen mufke sich Gabriel Stieglecker entfernen. 

Er ging an seinen Schreibtisch und dachte nach. Eine zwanzig- 
prozentige Aufbesserung direkt verlangen konnte man nicht. Wohl 
aber konnte man unter behutsamer Berufung auf die seinerzeit gii- 
tigst erfolgte Aufbesserung an alle Angestellten und mit Riicksicht 
auf die durch die allgemeine Teuerung besonders erschwerte Le- 
bensfiihrung um eine Gehaltserhohung von fiinfzig Kronen erge- 
benst ansuchen. 

Gabriel Stieglecker tauchte eine neue Feder in die violette Tinte mit 
dem seltsamen Patinaglanz und schrieb einen Brief an seinen Chef. Er 
bat um fiinfzig Kronen und zeichnete schlieftlich nicht nur hochach- 



l6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

tungsvoll ergebenst, sondern auch noch ganz tief, in der unteren Ecke 
rechts, seinen Namen. So tief, dafi der Familienname fast unter den 
Tisch gefallen ware. 

Am nachsten Morgen fand Gabriel Stieglecker auf seinem Tisch einen 
Brief, in dem ihm die Firma rnkteilte, dafi sem Gehalt ab Funfzehnten 
dieses um fiinfundzwanzig Kronen mehr betrage. 

Zu Hause fand Gabriel Stieglecker zu seiner grofien Uberraschung 
einen anderen Brief von Und zwar von der Firma Simon Silberstein 
und Bruder, bei der Gabriel aushilfsweise Buchhalter war. Vielleicht 
stand darin um Gottes willen, dafi die Firma auf seine weiteren Dienste 
verzichte? Dann konnte er freilich verzweifeln. 

Aber die Firma Simon Silberstein und Bruder teilte dem Buchhalter 
Gabriel Stieglecker mit, dafi sie ihren Betrieb bedeutend erweitert habe 
und dafi sie ihn als ersten Buchhalter mit einem Anfangsgehalt von 
tausend Kronen zu engagieren wiinsche. Gabriel Stieglecker mochte 
sofort schriftlich mitteilen, ob er diese Stellung anzunehmen »bereit, 
eventuell in der Lage« ware. 

Gabriel Stieglecker uberzeugte sich zuerst von der Echtheit der Unter- 
schrift und setzte sich sofort an seinen Schreibtisch, um seine Bereit- 
willigkeit zum Eintritt bei der Firma Simon Silberstein und Bruder 
unter den ihm im Schreiben Zahl soundso mitgeteilten Bedingungen 
kundzugeben. Aber er erinnerte sich, dafi er zu Hause keine violette 
Tinte habe. Mit schwarzer Kaisertinte aber konnte er einen Brief von 
solch entscheidender Bedeutung naturlich nicht schreiben. 
Wahrend er Polenta mit Sauce afi, kamen ihm Bedenken. Jetzt mufite 
er naturlich kiindigen! Aber wie? Konnte man so ohne weiteres einen 
Brief an die Firma schreiben? Ging das so? Jetzt war er dreiundzwan- 
zig Jahre im Hause. Noch zwei Jahre, und er wiirde ein Jubilaum fei- 
ern. Der Chef selbst wiirde kommen und ihm ein Prasent iiberreichen, 
vielleicht eine auftertourliche Zuwendung, und der Prokurist wiirde 
eine kleine Rede halten, und der Oberbuchhalter wiirde seinen golde- 
nen Zwicker aufhaben. Konnte man so ohne weiteres kiindigen? 
Und wenn schon! Die Kiindigung allein hatte naturlich wenig ge- 
macht! Aber sicherlich wiirde ihn der Chef, zumindest Herr Reckzii- 
gel junior, in das Chefzimmer rufen. Und das Zimmer, ja, das war es, 
was Gabriel eigentlich fiirchtete. 
Es war eine Doppeltiir. Die erste war aus Holz, und die zweite war 



KARRIERE 2J 

gepolstert. Sie erinnerte so von ungefahr an eine Kassaschranktiir, nur 
war sie lautlos und vornehm. Wenn man die Tiir nur ansah, fiihlte man 
schon weiche Mlidigkeit. Sitzend auf gepolsterten Lederstiihlen, war 
man in den vorhypnotischen Zustand versetzt, in den man unbedingt 
fallen mufite, wenn der Herr Reckziigel jemanden anredete. Im Zim- 
mer standen breite, behagliche Ledersofas um einen nuftbraunen 
Tisch. In der Ecke links wuchtete ein massiver Schreibtisch, und an der 
linken Wand schlief die braune Feuerkassa mit ihren zugefallenen me- 
tallenen Klappenlidern iiber den Schlossern. In der Luft aber war ein 
sinnbetorender Duft von Havanna, Ananasapfeln und Perolin. 
Dieses Zimmer make sich Gabriel so deutlich aus, daft er in eine Art 
Lethargie fiel. In diesem Zustand schrieb er einen Brief an die Firma 
Simon Silberstein und Bruder, in dem er hervorhob, daft er die Ehre 
wohl zu schatzen wisse, aber mit Riicksicht auf sein langjahriges Ver- 
haltnis zu dem Hause, in dem er jetzt seit nunmehr dreiundzwanzig 
Jahren bedienstet sei, um eine Bedenkzeit von acht Tagen bitten 
miisse. 

Diese acht Tage waren die unangenehmsten in Gabriels nicht sehr an- 

genehmem Leben. 

Gabriel Stieglecker hatte sogar seine Ziffern vergessen. Er dachte nicht 

mehr recht an sie, und es kam vor, daft er - man denke! - mit schwar- 

zer Kaisertinte eine ganze Zahlenreihe auf der Soll-Seite schrieb. Hier 

und dort hatte sogar eine 2 schon einen Buckel, eine 7 schon einen 

Schwanz. Es war schrecklich. 

Am Montag hatte sich Gabriel zu entscheiden. Am Sonntag ging er 

nicht in sein Stammcafe. Und auch nicht ins Biiro. 

Vielmehr machte Gabriel einen Spaziergang durch den Stadtpark in 

Anbetracht des schon fruhlingsmilden Wetters. Und begegnete der 

Firma Simon Silberstein und Bruder. 

Die Firma Silberstein und Bruder war unerhort freundlich mit Gabriel. 

Sie nahm die Voraussetzung, daft er als Buchhalter eintreten wiirde, als 

schon gegeben an und lieft sich iiberhaupt nur mehr in Detailfragen 

ein. Schlieftlich lud sie ihn auch noch zu einem bescheidenen Nacht- 

mahl im Parkrestaurant ein. — 

Als Gabriel am Sonntagabend heimkehrte, stand es bei ihm fest, daft er 
bei der Firma Silberstein und Bruder eintreten wiirde. 



28 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er stand um fiinf Uhr friih auf, rasierte sich und machte mit einem 
Stuhl Gelenksiibungen. Er atmete tief, hielt den Atem ein und fiihrte 
sich uberhaupt sehr sonderbar auf. Er gymnastizierte sich Mut zu. 
Dann fuhr er ins Biiro mit der Strafienbahn; zum ersten Male seit der 
Einfuhrung des Zweikronentarifes. 

Er setzte sich schnell und mit jiinglinghafter Gebarde an den Schreib- 
tisch, tunkte eine neue Feder in die violette Tinte mit dem seltsamen 
Patinaglanz und schrieb, schrieb seine Kiindigung. 
Just als er hochachtungsvoll ergebenst schliefien wollte, kam der Die- 
ner. Gabriel sollte zum Chef. 

Seit dem ersten Janner, an welchem Tage Gabriel Stieglecker nach alt- 
hergebrachter Sitte dem Chef viel Gliick zum neuen Jahre gewunscht 
hatte, war Gabriel Stieglecker nicht in dem gefahrlichen, hypnotisie- 
renden Zimmer gewesen. Was wollte der Chef? Vielleicht hatte er 
schon eine Ahnung und wollte gar Gabriel zuvorkommen? Nun! De- 
sto besser! 

Im Zimmer des Chefs duftete es sehr nachdriicklich nach Zigarren, 
Ananas und Perolin. 

Der Herr Reckziigel senior stand in der Mitte unter dem Kronleuch- 
ter, dessen unterster Messingknopf sich bequem in seiner Glatze spie- 
gelte, und hielt einen dunkelblauen Rock in der Hand. 
Gabriel blieb hart an der gepolsterten Tiir stehen. Er war betaubt. Wie 
durch eine sehr dicke Wand horte er den Chef: 

»Herr Stieglecker, ich wollte nur sagen, dafi ich diesen noch an und fur 
sich« - Herr Reckziigel sagte immer »an und fur sich« - »sehr ge- 
brauchsfahigen Rock in meinem Schrank gefunden habe. Ich glaube 
bemerkt zu haben, dafi Sie sich gegenwartig leider in nicht sehr giinsti- 
gen Verhaltnissen befinden. Ich wollte nur sagen, dafi an und fiir sich 
nichts daran ware. Sie wissen, wie ich es meine, wenn Sie et cetera.« Herr 
Reckziigel sagte immer »et cetera«, wenn er nichts Passendes wufite. 
Gabriel Stieglecker wankte mit dem Rock hinaus und an seinen 
Schreibtisch. Hier brach er zusammen. Den Kiindigungsbrief zerrifi er 
in unzahlige Fetzen. Und dachte dabei angestrengt nach, dafi er den 
Rock zerreifie. 

Wie konnte man da kiindigen? Der Rock, der Rock! Durfte er so un- 
dankbar sein? Einen Rock hatte ihm der gegeben, und er sollte kiindi- 
gen?! Das tat er nicht, er, Gabriel Stieglecker. 



KARRIERE 29 

Sondern er tat folgendes: Er tunkte abermals eine neue Feder in die 

violette Tinte mit dem seltenen Patinaglanz und schrieb an die Firma 

Simon Silberstein und Bruder, dafi er fiir die gestrige freundliche Ein- 

ladung sehr dankbar sei, jedoch mit Rucksicht auf ganz besondere, erst 

im Laufe der letzten Stunde eingetretene Umstande gezwungen sei 

usw. 

Dann schrieb Gabriel mit derselben Feder tadellos schlanke Ziffern 

mit violetter, patinaschimmernder Tinte auf die Haben-Seite. 

Es waren die herrlichsten Ziffern, die Gabriel Stieglecker je geschrie- 

ben hatte. 



VON DEM ORTE, VON DEM ICH 

JET2T SPRECHEN WILL . . . 

undatiert 

Von dem Orte, von dem ich jetzt sprechen will, mochte es wohl einst 
geheifien haben, dafi er aufierhalb der Stadt liege. Heute kann davon 
langst nicht mehr die Rede sein. Zwar grenzt er noch an freiliegende 
Felder und sumpfige Wiesen, aber an seiner rissigen Mauer, die ihn 
rings umgibt, kleben, wie Schwalbennester an Dachnnnen, armselige 
Hauschen, in die sich die Armut gefliichtet hat, vor deren schmutzigen 
gelben Turen keifende Weiber schwatzen und schmierige Kinder sich 
balgen. Im Friihling ruft der Kuckuck dort und stort die eifrigen 
Frauen in ihrem Geschwatz, die Amsel pfeift wohl auch dazwischen, 
und abends kann der Lauscher das reinste Nachtigallengold aus den 
kleinen Sangerkehlen rinnen horen. 

Der Ort, von dessen Lage ich erzahle, ist der alte Friedhof meiner 
Vaterstadt. Die verwitterte Inschrift auf dem langst geschlossenen Ein- 
gangstore zeigt die Zahl 1470. Seit ungefahr funfzehn Jahren ist der 
Friedhof vom loblichen Magistrat meines Heimatstadtchens gesperrt. 
»Aus sanitaren Griinden« - hiefi es in der Kundmachung. Die Leute in 
meiner Heimat erfreuten sich meistens eines langen Lebens - sie lebten 
oft hundert Jahre und wohl noch mehr dariiber. - Der kleine, alte 
Friedhof bekam also selten neue Einwohner. Das anderte sich nun 
eines schonen Tages - oder besser: Jahres. Meinen hochachtbaren Mit- 
biirgern schien es nicht sonderlich auf Erden zu gefallen, und sie traten 
friihzeitig die Reise in jenes unbekannte Land an, von dessen Gefilden 
kein Wanderer je wiederkehrt. Aber ihre sterblichen Uberreste wur- 
den nicht mehr auf dem alten Friedhof bestattet, sondern mufken sich 
einen etwas langeren Weg gefallen lassen. In der Nahe des sogenannten 
Grenzwaldes befand sich die neue Ruhestatte der Toten. Der alte 
Friedhof aber wurde gesperrt. 

Naturlich mufke man einen Wachter haben, der Enkeln und Urenkeln 
die Graber ihrer in Gott ruhenden Vorfahren zu zeigen hatte, wenn es 
jenen etwa einmal einfallen wiirde, ihre GroEvater und -mutter aufzu- 
suchen, sei es, um sich blofi einmal so recht auszuweinen und getrostet 
wieder fortzugehen, sei es, um die Toten, die sich doch gewifi eines 
grofien Ansehens beim lieben Herrgott erfreuten, um eine kleine oder 
grofiere Protektion anzugehen. Aber merkwlirdigerweise wo lite kei- 



VON DEM ORTE, VON DEM ICH JETZT SPRECHEN WILL ... 31 

ner das Wachteramt ubernehmen. Endlich entschlofi sich dazu ein alter 
Magistratsdiener, ein bekannter Freigeist, der aus einer nahegelegenen 
deutschen Kolonie stammte, aufierst wortkarg war, mit keinem Men- 
schen verkehrte, riesige Mengen Tabak schnupfte und in seinem gan- 
zen Wesen wohl recht in jenen dlistern Ort passen mochte. Er hatte 
ubrigens viele der dort Ruhenden bei ihren Lebzeiten wohl gekannt 
und konnte etwaigen forschenden Urenkeln zuverlassige Auskunft ge- 
ben. Ein Snick freier Erde war noch ubriggeblieben, und auf diesem 
baute sich der Martin Schwab Kartoffeln und rote Ruben an. Er bezog 
ein kleines Stiibchen in dem Wachterhause, das zugleich ein Seitenein- 
gang in den Friedhof war, schnupfte Tabak, briet Kartoffeln und kam 
selten zum Vorschein. 

Auf jenem Friedhof pflegte ich nun als Gymnasiast viele Stunden zu 
verbringen. Pochte ich an die Tiire des alten Martin, so erschien in 
einer viereckigen Offnung die scharfe Hakennase meines Freundes, 
und eine hohle Stimme fragte: »Hast du Tabak ?« Wenn ich hierauf das 
kleine mitgebrachte Packchen an die Nasenlocher des Martin hob, so 
roch er lange, lange daran, so etwa an die fiinf Minuten, daft es mir 
vorkam, als wollte er, wie ein Elefant, den Tabak mit der Nase durch 
das viereckige Loch ziehen. Aber bald darauf schob er den schweren 
Holzriegel zuriick, langte nach dem Packchen, liefi mich ein und schob 
den Riegel wieder vor. Durch Martins enge Kammer stolperte ich uber 
zerbrochene Stuhlbeine und riesengrofte, knorrige Kartoffeln zur 
zweiten Tiire hinaus, durch die ich in den Friedhof trat. Ich ziindete 
mir eine Zigarette an, um die Heuschrecken und Wespen zu vertrei- 
ben, und wandelte stundenlang zwischen den Grabern, las die ver- 
schiedenen Inschriften, setzte mich wohl auch auf einen halb in den 
Boden gesunkenen Stein und lebte so einige Stunden in langst ver- 
rauschten Zeiten mit langst vergangenen Geschlechtern. 

Unter den neuen Grabsteinen trug einer die Inschrift: 

Markus Mollner, urns Leben gekommen am 15. Juni 1901. 
Den alten Markus hatte ich wohl gekannt. Er war oft Gast im Hause 
meines Grofivaters gewesen, und der wunderlichen Geschichten, die er 
mir zu erzahlen pflegte, erinnerte ich mich noch sehr wohl. Allein, ich 
wollte noch Naheres aus seinem Leben wissen, und ich beschlofi, mich 
bei den Stadtaltesten zu erkundigen. Der erste, den ich fragte, war na- 
turlich Martin. Er gab aber an, von einem Markus Mollner keine Ah- 



32 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

nung zu haben. Ich versprach ihm Tabak - das half. Martin erzahlte 
mir die Geschichte. 

In den letzten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts teilte sich 
die Bevolkerung meiner Vaterstadt in zwei Gruppen: Es gab nur sehr 
Reiche und sehr Arme. Man konnte ebensogut sagen: Herren und Die- 
ner. Denn die Armen schien der liebe Herrgott, der es allezeit mit den 
Reichen halt, nur zu dem Zwecke geschaffen haben, um den Reichen 
das Leben zu erleichtern. Kurz, es gab Patrizier und Plebejer. Die letz- 
teren dienten den Vornehmen entweder direkt als Kutscher, Koche, 
Dienstboten, Lakaien oder indirekt: D. h., sie waren Vermittler von 
Dienstpersonal, Zutrager, Makler, brachten Eier, Butter und Gefliigel 
in die Hauser der Reichen, ubernahmen Botengange um ein warmes 
Mittagessen, buken, wuschen und lebten iiberhaupt von und fur die 
Reichen. Diese hatten natiirlich samtliche Ehrenamter der Stadt inne. 
Sie waren Gemeinderate, Verwalter offentlicher Anstalten, Waisen- 
hausvater und Schulinspektoren. Sie trugen stets feierliche schwarze 
Kleider, blitzblanke Zylinder, glanzende Stiefel, hatten runde Bauch- 
lein unter buntgeblumten Westen und goldene Uhrkettlein dariiber, 
und ihre Brust zierten bei feierlichen Anlassen verschiedene hohe Aus- 
zeichnungen. Ihre Sohne schickten sie in der Regel ins Gymnasium. 
Wenn diese sich mit knapper Not durch den mit Gleichungen vierten 
Grades und unregelmafiigen Verben vollbesaten Weg zum Ausgangs- 
tor der Maturitatspriifung durchgeschlagen hatten, so bekamen sie ent- 
weder irgendeine staatliche oder private Beamtenstelle oder reisten in 
die Hauptstadt, um nach vollendeten Universitatsstudien als Arzte, 
Advokaten, Gymnasiallehrer usw. in ihre Heimat zuriickzukehren. 
Freilich kam es auch hie und da vor, daft einer oder der zweite von 
ihnen so ganz aus der Art geschlagen war, dafi er in die Heimat zu- 
riickzukehren vergafi und in des lieben Herrgotts wunderschoner Welt 
irgendwo spurlos verschwand. Doch das war recht selten der Fall, und 
in ewig-gleichem Geleise schlich das Leben in meiner Vaterstadt seinen 
Schneckengang weiter. 

Da war aber einer und just der Sohn des Herrn Burgermeisters, der 
sich das Ungeheuerliche vermafi, sein Heimatstadtchen aus der behag- 
lichen Dahinduselei zu rutteln und die braven Gemiiter seiner ehren- 
haften Mitbiirger in eine nervose Spannung zu bringen. 
Der junge Markus war schon auf dem Gymnasium ein Exemplar ge- 



VON DEM ORTE, VON DEM ICH JETZT SPRECHEN WILL ... 33 

wesen. Er konnte den Madeln den Kopf verdrehen, hatte bunte Aben- 
teuer, stritt sich mit seinen Lehrern herum, und - was das aller- 
schlimmste war und den Herrn Biirgermeister und dessen vollbusige 
Gemahlin in Angst und Schrecken versetzte: Markus machte Verse. 
Nichts konnte ihn davon abbringen: weder Strafen noch Priigel, noch 
Drohungen, dafi man ihn aus dem Hause schicken wiirde, konnten 
fruchten. Markus machte Verse. 

Er hafite das Gymnasium, er hafke die Gesetze, er hafite die ganze 
kleinstadtische, enge Welt, in der er verurteilt war zu leben. Er atmete 
daher auf, als er mit Weh und Ach die Matura bestanden hatte und nun 
frei seine Schwingen entfalten konnte. Er rollte schliefilich, mit allerlei 
notwendigen und unniitzen Dingen vollbepackt, von vaterlichen Mah- 
nungen begleitet und mutterlichen Tranen benetzt, dem Ziel seiner 
Sehnsucht, der Hauptstadt, zu. Dort inskribierte er Jus - er war Stu- 
dent. 

Aber Gesetze und Pandekten - das war es gerade nicht, was dem jun- 
gen Markus behagen konnte. Er schwanzte die Vorlesungen, kiim- 
merte sich nicht im geringsten um die Studien, lebte in Saus und Braus, 
trank und spielte und verlor Unsummen. Wenn ihn der Herr Papa, 
»der Alte«, wie ihn Markus nannte, in seinen nicht allzu haufigen und 
langen, aber sehr inhaltsreichen Briefen ermahnte, doch einmal zur 
Pnifung zu steigen, so antwortete Markus, er sei schon langst vorbe- 
reitet, die Priifung ware ein Kinderspiel, aber daran, daft er sie noch 
immer nicht hinter sich habe, sei niemand anderer Schuld als eben der 
Herr Papa. Es gehe namlich, schrieb Markus, auf der Universitat alles 
nach dem Alphabet, und da er Zwerdling heifk und also als der letzte 
im Kataloge stehe, vor ihm aber nicht weniger als neuntausend, sage 
neuntausend Horer seien, so miisse er eben warten. Der gute Biirger- 
meister war sein Leben lang Kaufmann gewesen und hatte von Univer- 
sitat und Studieren nur einen sehr blauen Dunst. Fragte er aber einen 
Gymnasiallehrer, ob sich es wirklich so auf den Hochschulen verhalte, 
so zwinkerte dieser mit den Augen, dachte sich, dem jungen, reichen 
Manne waren wohl ein paar lustige Jahrchen zu gonnen, und be- 
hauptete, es konne wohl moglich sein, daft eine neue Studienordnung 
den Zutritt der Horer zu den Pnifungen nach dem Alphabet geordnet 
verlange. Der Herr Biirgermeister beruhigte sich und schickte seinem 
Sohn mit biedermannischer Piinktlichkeit jeden Ersten die verlangte 
Summe. Als aber aus der Hauptstadt etliche Male Mahnungen auf gro- 



34 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

fiere Summen gekommen waren, da schntirte der Herr Biirgermeister 
seinen Ranzen, vergafi auch den grofien Regenschirm nicht mit dem 
Griff aus echtem Elfenbein und fuhr nach Wien. 
Er traf seinen Sohn zu Hause in der Gesellschaft von Freunden und 
Freundinnen, bei einem uberaus gerauschvollen Gelage. Seinen Herrn 
Papa hatte nun der Markus am wenigsten erwartet. Es mufite rasch 
eine Ausrede gefunden werden. Ein bemoostes Studentenhaupt wurde 
als ein Herr Professor vorgestellt, der just heute seinen Geburtstag 
feire, und zwar im Hause seines geliebtesten Schiilers. Das ware nun so 
ziemlich gegangen, allein der Herr Biirgermeister fragte sich mit 
Recht, was denn wohl die Frauenzimmer beim Geburtstage des Herrn 
Professor zu machen hatten, uberlegte blofi einen Augenblick, bat den 
Herrn Sohn ins Vorzimmer und versetzte ihm dort zwei schallende 
Ohrfeigen, darob sich die Tafelrunde entsetzte und, ein ahnliches 
Schicksal befiirchtend, mitsamt dem Herrn Professor eilig das Feld 
raumte. Aber mit den Ohrfeigen war die Geschichte noch lange nicht 
zu Ende. Es gab noch einen groften Krach, Herr Zwerdling senior gab 
sein biirgermeisterliches Ehrenwort, von seinem Einzigen nichts mehr 
wissen zu wollen, setzte sich auf die Eisenbahn und fuhr nach Hause. 
Weder das Zureden seiner Freunde noch die Tranen der Frau Biirger- 
meisterin wollten helfen. Markus aber war verschollen. 

Jahre waren vergangen. Langst ruhte der Biirgermeister mit seiner 
Ehegattin in der kiihlen Erde. Ihr Haus hatte ein biederer Fleischer 
erworben, vor dessen Ladentiire rote Lampen brannten und die safti- 
gen Fleischstiicke in der Auslage grell beleuchteten. Ein neuer Geist 
war ins Stadtchen gekommen. Es war der Geist der Demokratie und 
der Elektrizitat, Fabriken schossen wie iiber Nacht aus dem Boden, 
Fremde kamen und gingen, ein prachtvolles Hotel wurde gebaut, ein 
Biirgermeister von ganz anderem Schlage, als es der gottselige Herr 
Zwerdling gewesen, thronte auf dem Kurulensessel im Rathause. Da 
kam eines Tages der Markus heim. Er trug einen wilden grauen Bart 
und einen Schlapphut, eine Kiinstlerkrawatte und einen langen Rock 
und zerrissene Schuhe. Er begab sich zum Besitzer des Hauses, das 
einstmals seinen Eltern gehort hatte. Was zwischen den beiden gespro- 
chen worden, hat keiner je erfahren. Aber noch am selben Tage bezog 
Markus ein kleines Erkerstubchen im Hause des Fleischers, kaufte sich 
einen blitzblanken, wenn auch ganz unmodernen Zylinder, einen 



VON DEM ORTE, VON DEM ICH JETZT SPRECHEN WILL ... 35 

schwarzen Schluflrock und ebensolche Stiefel. Hierauf machte er Visi- 
ten bei den Reichen der Stadt. Uberall mufite er erzahlen. Markus er- 
zahlte. Aber schlau wufite er seine interessante Erzahlung immer mit 
einer Bitte abzuschliefien, die man ihm gewahren mufite. Immer aber 
bat er um Klemigkeiten: em Rasiermesser, eine Krawatte, eine Busen- 
nadel. Das bekam er und noch obendrein mehr. Er aft namlich taglich 
irgendwo zu Mittag. Die Leute, die den alten Biirgermeister noch wohl 
gekannt hatten, mochten sich wohl eine Ehre daraus machen, den jun- 
gen Zwerdling zu Gaste zu haben. Die Vermogenden nahmen sich 
gerne seiner an. Aber mit der Zeit wurde aus dem Gaste ein Hausgerat. 
Markus war ein besserer Dienstbote, der alle Auftrage zur grofiten 
Zufriedenheit der Auftraggeber ausfuhrte. 

Marcellus besafi eine grofie Geschicklichkeit in hauslichen Verrichtun- 
gen. Er konnte das Unmoglichste moglich machen. Er konnte zerbro- 
chene Ollampen tadellos reparieren, Strickleitern drehen, kunstvolle 
Mausefallen herrichten, Rattengift zubereiten, konnte Messer haar- 
scharf schleifen und Mauerlocher zukleben. Aber er wufite noch viel, 
viel mehr. Kinder liebte er besonders, und fur sie hatte er die schonsten 
Geschichten bereit. Kleine Erlebnisse wufke er phantastisch aufzuput- 
zen, bengalisches Feuerwerk stellte er selber her, er schnitzte Puppen- 
spiele und fuhrte kleine Dramen auf. Aber schon seine Personlichkeit 
allein bot den Kindern einen prachtigen Unterhaltungsstoff. Er ging 
gebiickt, hatte scharf geschnittene Ziige, wasserige, blaue, kleine Aug- 
lein, eine stark gebogene Hakennase, einen kahlen Schadel, auf dem 
der unvermeidliche Zylinder feierlich glanzte, um seine wankenden 
Knie schlotterten die langen Schofie des Schlufirocks, die gelben Ho- 
sen steckten in spiegelblank geputzten Stiefeln, die linke Hand safi 
stets im kanariengelben Lederhandschuh, den Marcellus nur zur Ar- 
beit mit einer vornehmen Geste abstreifte. Wie gesagt: Marcellus 
konnte alles. Brauchte man irgend etwas im Haushalte - Marcellus 
brachte es. Allerdings, oft kam es vor, dafi ein notwendiges Werkzeug, 
ein Beil oder eine Sage, in einem Hause abhanden gekommen waren. 
Das hatte nun der alte Marcellus irgendwohin, wo es benotigt wurde, 
gebracht. So tauschte er die Giiter der verschiedenen Hauser, und gar 
oft bemerkte ein Burger zu seinem grofiten Erstaunen einen ihm geho- 
rigen Gegenstand bei seinem ahnungslosen Nachbar. Aber den alten 
Marcellus liefi man gerne gewahren. Er war ein niitzliches Haustier 
und eine »ehrliche Haut«. 



}6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Ja, ehrlich war Marcellus vor allem. Vielleicht auch ein bifichen zu 
ehrlich, Geradezu wunderbar war die Veranderung, die mit ihm vorge- 
gangen war. Aus dem jugendlichen Stiirmer und geschworenen Feind 
aller menschlichen Gesetze war ein trockener Pedant geworden, ein 
starrer »Moralist«, steif geprefit in die Zwangsjacke der Biirgerlichkeit, 
ein wandelnder Sittenkodex. Unendlich stolz auf seine patrizischen 
Vorfahren, hielt er es doch gar nicht unter seiner Wiirde, anderen zu 
dienen. Er war auch mehr ein Schutzgeist der Hauser, in denen er 
einging, als ein Diener. Ja, er vollfuhrte die Auftrage mit einer Wiirde, 
als erweise er eine herablassende Gefalligkeit, nahm kleine Geschenke 
entgegen mit dem Gesichtsausdruck einer orientalischen Majestat, der 
die Untertanen den Ehrensold uberreichen. Von Dank war nie die 
Rede, man mufite belohnt genug sein, wenn er iiberhaupt geruhte, das 
Geschenkte anzunehmen. 

Mit der Zeit war es so in seinem Kopfe etwas wunderlich geworden. Er 
glaubte fest daran, alieiniger Besitzer des Hauses zu sein, in dem er nur 
gelitten war, und oft liefi er durchblicken, dafi der biedere Fleischer es 
nur seiner, des Marcellus, Giite zu verdanken hatte, wenn er iiberhaupt 
noch im Hause safi. Das Haus - ja, das war sein Allerheiligstes. Das 
bose Gewissen, seine Eltern vielleicht zu friih in den Tod getrieben zu 
haben, die bittere Reue iiber ein verfehltes Leben hatten ihn in den 
rasenden Wahnsinn getrieben, wenn ihm seine Phantasie nicht vorge- 
gaukelt hatte, dafi er im Grunde doch ein wohlanstandiger Burger ge- 
worden sei im Sinne seiner [. . .] 



KRANKE MENSCHHEIT 

undatiert 



Es war eine stille Gasse. Wie irgendeine in einem Vorort. Der Larm 
der Grofistadt drang in die Gasse nur als femes, seltsames Summen 
und Klingeln. Kleine Hauser und durftige Garten umsaumten sie. 
Herbstlich-mild und freundlich war der Tag. Einer von den Tagen, die 
man geniefien soil mit gleichmutsvoller, ruhiger Seele. 
Wenn man in der Gasse fortging, immer fort, dann kam man wohl 
irgendwohin ins Freie, wo sich die kleinen Hauser nicht mehr aneinan- 
derklammerten, sondern lose standen und frei, wo Wiesen waren und 
Straucher, wo dunkle Berge und W alder lockten; wo Menschenpaare 
gingen und aus Tiiten Zwetschken afien und die Hande verschlungen 
hielten, um einander am hellen Tag ihre Liebe durch stark- zartlichen 
Druck zu bezeigen; wo aus Hausern Stangen mit hafilichen Strohge- 
flechten hingen und verkiindeten, dafi aufs neue ein Herbst gekommen 
war mit neuem, heurigem, Frohlichkeit und, ach, Vergessenheit brin- 
gendem Trunk. 

Aber die wenigen Menschen, die an diesem Tage in der Gasse gingen, 
hatten keine Zeit, den Wiesen und Waldern zuzueilen, sich der Liebe 
oder dem Weine hinzugeben. Sie wendeten sich stadtwarts, sie gingen 
im Trott des Alltags: Manner in blauen, olbefleckten Arbeitskleidern, 
Manner mit Amtskappen, Frauen in Kleidern, die hell und bunt waren 
wie der Tag; sie trugen grofie Taschen leicht und sicher, und die un- 
formliche Last vermochte nicht die zierliche Schonheit ihres Schrittes 
zu hemmen, der die Frauen dieser Stadt auszeichnet. 
Einer ging unter ihnen, der nicht zu den Menschen dieser Gasse zu 
gehoren schien, der irgendwie fremd war in der Gasse, der kein Ziel zu 
haben schien wie sie. Ein grower Mann in schlichtem, dunklem Ge- 
wand, barhaupt, ein wenig gebeugt, ein wenig unsicheren, schwanken- 
den Schrittes, den rechten Fufi mit einiger Miine schleppend. Er sah 
die Menschen, die voriibergingen, forschend an, und die Frauen er- 
schraken ein bifichen, wenn sie der Blick traf, aus Augen, die groft, 
dunkel, ein wenig starr in dem bleichen Antlitz standen. Er sah die 
Hauser an, eines nach dem anderen, und schien eines von ihnen zu 
suchen. Aber er hatte offenbar keine Eile; er ging ganz langsam, schier, 
als ob er sich gefurchtet hatte, zu finden, was er suchte. Man kommt 



38 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

auch mit langsamem, schwankendem Schritt zum Ziele: Da stand un- 
ter den niederen Hausern eines, das grofl war und stattlich, nicht auf- 
dringlich, eher anmutig und freundlich wie ein Landsitz, der vor lan- 
gen Zeiten einem grofJen Herrn zur Kurzweil gedient hatte, wenn er 
ausruhen wollte von den Anstrengungen der Machtausiibung. Die In- 
schrift freilich, die das grofie Tor trug, war wenig anmutig. »Spitalsein- 
gang« stand dort in grofien Buchstaben. 

Der fremde Mann in der stillen Gasse zuckte ein bifkhen zusammen, 
als er zu dem Hause gelangte und die Inschrift las. Und er ging ein 
bilkhen schneller; deutlicher merkte man das Nachschleppen des rech- 
ten Fufies. Er ging an dem Hause voriiber, weiter in der stillen Gasse, 
die ins Freie fuhrte zu Wiesen und zum Wald. Der Mann konnte nicht 
in den Wald gehen, in den ruhigen, weiten, freien; er konnte es gestern 
nicht, er durfte es heute und morgen nicht. 

Er gehorchte dem Zwang, der in ihm war und ihn unsichtbar umgab, 
und ging zuriick zu dem Hause, das wie ein alter, freundlicher Land- 
sitz aussah und die Inschrift »Spitalseingang« trug. 
Ein blondes Madchen sturmte aus einem Hauseingang, verfolgt von 
einem strahlenden Burschen. Es kreischte und lief blind in sorglosem 
Ungestiim. Und stiefi mit dem Manne zusammen, der in der Gasse 
ging. Er taumelte, suchte Halt an einem Gitter und sah in das heifle, 
junge Gesicht. Das Madchenlachen erlosch. Da kam schon der Bur- 
sche, nahm heftig den Arm des Madchens und fuhrte es die Gasse 
entlang den Wiesen und Strauchern zu. Und das Madchenlachen er- 
fiillte wieder die Gasse und kam zuriick zu dem Manne, der noch beim 
Gitter stand und der freien, unbekiimmerten Jugend nachsah, die es 
eilig hatte, seinem Blick zu entrinnen. Noch ein Weilchen stand das 
Jugendlachen in seinem Ohr, ward schliefilich mifkonend, verzerrt 
und verliefi ihn. 

Dann stand er wieder vor dem freundlich-ernsten Landsitz. Er mafi 
das Haus mit langem Blick und suchte die Mauern zu durchdringen 
und des Hauses Geheimnisse zu erforschen. 

Er sah eine Tafel, auf der geschrieben stand, dafi die Kranken der er- 
sten und zweiten Klasse taglich von neun Uhr morgens bis neun Uhr 
abends und die Kranken der dritten Klasse an vier Tagen der Woche 
von zwei bis vier Uhr nachmittags Besuche empfangen diirfen. Eines 
wufite er nun: Es war Ordnung hinter dem braunen Tor. Da freute er 
sich in der schonen Erkenntnis, dafi die Menschen Ordnungssinn ha- 



KRANKE MENSCHHEIT 39 

ben und ihn iiberall, wo sie nur konnen und es fiir notig halten, betati- 
gen. Nur die grofie Welt, in der sie alle, die Bruder und Schwestern, die 
Klassen und die Rassen und die Volker, nebeneinander leben miissen, 
ist noch ein wenig in Unordnung. Da niitzen selbst die Tafeln mit der 
Einteilung fiir die Menschen der ersten und zweiten und die Menschen 
der dritten Klasse nicht viel. Aber einmal, irgend einmal wird schon 
der schone, immer wache, immer tatenbereite Ordnungssinn der Men- 
schen Ordnung schaffen, iiberall, in den Stadten, in den Landern, in 
der ganzen, grofien, schonen Welt. Heute wollte er zufrieden sein in 
dem Bewufitsein, dafi Ordnung war hinter dem stattlichen braunen 
Tor. 

Und der fremde Mann in der stillen Gasse versuchte, ein wenig zu 
lacheln; es ward aber ein verzerrtes Grinsen, bei dem der rechte Mund- 
winkel defer hing als der linke. 

Da tat sich die kleine Pforte auf, die neben dem grofien braunen Tore 
war, ein kleiner, dicker Mann mit einem Kappchen auf dem Kopfe 
kam heraus und sagte mit beflissener Freundlichkeit: »Guten Tag, 
Herr, wollen Sie zu uns kommen? Bitte, gehen Sie nur weiter!« Seine 
Hand wies hoflich einladend den Weg. 

Ein kleiner Schauer lief iiber die lange, schmale Gestalt des Mannes, 
aber es war der Zwang in ihm und um ihn, der Zwang, der ihn oft 
begleitet hatte in stillen Gassen und auf breiten, larmenden Straiten 
und Platzen. Und er ging durch die Pforte und biickte sich ein wenig, 
weil sie nieder war. 

Sorgsam schlofi der freundliche Turhiiter die Pforte der Nervenheilan- 
stalt und geleitete, immer ruhig-hoflich, den fremden Mann wie einen 
Gast. Er fuhrte ihn in eine grofte, helle Vorhalle, wo Menschen auf 
Sesseln, Banken und in Rollwagelchen salten und warteten. Heinrich 
Reinegg setzte sich zu ihnen und begann zu warten wie sie. Es ist 
gleichgultig, dachte er, wo man wartet. Irgendwo, irgendwie warten 
wir immer. 

Sie musterten den Neuen neugierig, fast wohlwollend. Und tuschelten. 
Eine Frau kam in blauer Schwesterntracht, grofi und ernst, und half 
einem Madchen, das im Rollstuhl saK, beim Aufstehen. Das Gesicht 
des Madchens war fein und schmal und lachelnd. Indes: Das Leid 
schien im Kampf mit der Heiterkeit zu liegen. Das Madchen stiitzte 
sich auf zwei Stocke, die am Ende einen Gummibelag hatten. Schon 



40 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

hatte es sich aufgerichtet, da rutschte ein Stock auf dem glatten Boden, 
und das Madchen fiel mit einem leise klagenden Ruf zu Boden. Hein- 
rich Reinegg, der zunachst safi, half der Schwester, das Madchen auf 
die Beine zu bringen. Es war kein schweres Bemiihen; unheimlich 
leicht war dieser Madchenkorper. Das Madchen sah dankend in die 
grofien, dunklen, starren Augen des fremden Mannes; es erschrak 
nicht wie die Frauen draufien vor dem braunen Tor; es lachelte wieder: 
heiter und ein wenig leidvoll. 

Nun stand das Madchen wieder auf den schmalen Fiifien und mufke 
gehen. Es setzte zaghaft den linken Fuft vor, schnellte den rechten ein 
wenig in die Hohe und dann nach vorne und zur Erde. Dann waren 
zwei Schritte getan. Die Schwester fuhrte das Madchen langsam und 
geduldig zu einer weifien Ture. Heinrich Reinegg dachte einen Augen- 
blick an die zierlichen, sicheren, leichten Schritte der Frauen und Mad- 
chen, die drauflen in der Gasse gingen. 

»Die wird nicht mehr tanzen«, sagte ein Mann, der iiber dem linken 
Auge eine schwarze Binde trug; sie verdunkelte sein hageres Gesicht. 
Niemand antwortete. 

Eine alte Frau schiittelte den kleinen, grauen Kopf. Es war eine ganz 
leichte, mifibilligende Bewegung. Sie erfolgte in regelmafligen, kleinen 
Zeitabstanden. Warum sollte sie nicht den Kopf schikteln, dachte 
Heinrich Reinegg, es ist ganz natiirlich, daft sie es tut. 
Unwillig sah die alte Frau den Mann mit der schwarzen Binde an. Sie 
beugte sich zu dem jungen Mann, der gleichgultig neben ihr safi, und 
begann zu fliistern. Der junge Mann sagte ruhig: »Reg dich nicht auf, 
Mutter, warum regst du dich auf? Es steht nicht dafiir.« Teilnahms- 
los ging sein Blick iiber den Raum, uber die Menschen und Gegen- 
stande. 

Ein paar Augenblicke lang blieb er an den Handen eines kleinen, 
schwarzhaarigen Madchens haften, die ohne Unterlafi in einem Buche 
blatterten. Aber als das Madchen seinen Blick fiihlte und ihn ansah, 
wendete er sich unbewegt ab. 

Der Mann mit der schwarzen Binde litt unter der hamischen Stille. Er 
verstand nicht, warum sie nicht antworteten. Seine Stimme hatte einen 
ganz kleinen Bruch, als er sagte: »Sie ist Tanzerin. Tanzerin von Be- 
ruf.« Und sein rechtes Auge blickte unruhig nach der Tur, hinter der 
die Tanzerin war. 
Da folgten sie alle, ein wenig betroffen, dem Blicke seines rechten Au- 



KRANKE MENSCHHEIT 41 

ges. Und sahen alie nach der weifien Tiir. Dann begann die alte Frau 
wieder, den Kopf zu bewegen, leise und ein wenig miftbilligend. Ihr 
Sohn sah gleichgiiltig nach der Uhr. Das schwarzhaarige Madchen 
blatterte wieder in dem Buche. 

Aber plotzlich legte die Schwarzhaarige das Buch mit einem kleinen 
Knall auf den Tisch, wendete ihr kleines Madchengesicht dem Manne 
mit der schwarzen Binde zu und sagte mit einigem Nachdruck: »Vor 
sechs Wochen konnte ich auch nicht gehen. Jetzt kann ich schon wie- 
der gehen. Bald werde ich hinausgehen. Bald werde ich wieder wan- 
dern. Vielleicht schon in einer Woche. Jetzt werde ich es gleich horen, 
wann ich hinausgehen darf.« Sie sah zum Fenster und darfn zur weifien 
Tiir. »Ja. Und die Tanzerin wird schon auch wieder gehen konnen. 
Und tanzen, ja, vielleicht wird sie sogar tanzen konnen. « Da brach sie 
ab. Und alle wufiten, dafi sie in ihren Gedanken hinzufiigte: Und wenn 
sie auch nicht tanzen kann -! Die Tanzerin! 

Die alte Frau vergafi, den Kopf zu schiitteln; es war ein leichter, freu- 
diger Schimmer in ihrem grauen Gesicht. »Sei still, Mutter*, murmelte 
gleichmlitig ihr Sohn, »sei still, es steht nicht dafur.« So nahm er ihr 
das Wort, ehe sie es sprechen konnte. 

Der Mann mit der schwarzen Binde sah zornig mit dem rechten Auge 
das schwarzhaarige Madchen an. »Das ist etwas ganz anderes bei Ih- 
nen«, sagte er, »was hat Ihnen gefehlt? Sie haben etwas ganz anderes. 
Was wollen Sie sagen? Sie werden wieder gehen. Wer weift, wohin Sie 
gehen. Aber diese Frau - sie wird nicht mehr tanzen konnen. « Seine 
Stimme war noch ein wenig briichiger. Er hatte zu viel und zu lange 
gesprochen. Nun schwieg er. Und riickte die schwarze Binde zurecht. 
Die grofte, ernste Schwester offnete die weifie Tiir und fiihrte die Tan- 
zerin heraus. Behutsam setzte die Tanzerin den linken Fufi vor, dann 
hiipfte der rechte in die Hohe und nach vorne und zur Erde. Und 
seltsam schwang der leichte Korper der Tanzerin mit. So kam sie hiip- 
fend und tanzend zum Rollwagelchen. Lachelnd sah sie Heinrich Rei- 
negg an, der versunken safi. 

Der einaugige Mann, der der hilflosen Tanzerin Ritter sein wollte, 
machte sich erbotig, sie fortzufiihren. Aber da stand schon einer im 
weifien Kittel, der ihn zur Seite schob und sagte: »Gehn S' weg! Dazu 
bin ich da.« Er war dazu da, Lasten zu fuhren, und es war ihm gleich- 
giiltig, ob es lebende, leidende oder tote waren. 
Ein Sonnenstrahl fiel in den Raum und blieb haften am roten Haare 



42 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

der Tanzerin. Und das Haar leuchtete. Aber der Rollwagen fuhr wei- 
ter, und der Sonnenstrahl fiel zu Boden, wo ein weifier, glutender 
Fleck entstand. 

Wieder offnete die ernste Schwester die weifie Tiir. Und Heinrich Rei- 
negg ging hinein. Er zauderte ein wenig, aber er mufite gehen. Oft 
hatten sich weifie und graue und schwarze Turen vor ihm geoffnet. Oft 
hatte er gezogert und war doch gegangen, weil er mufite. 
Eine Frau safi an einem Schreibtisch und sah, ruhig forschend, Heinrich 
Reinegg entgegen. Warum eine Frau? dachte er. Was macht ein Mann, 
wenn er einer Frau begegnet? Er macht eine Verbeugung, die linkischer 
und unschoner ist, als wenn er sie vor einem Manne machte, und dann 
sieht er, nicht geradeaus, eher von der Seite her, ob sie jung oder hubsch 
ist und welche Farbe ihre Haare haben. Oft dauert es, zu seiner Freude 
oder zu seinem Schaden, lange, bis er den Menschen entdeckt. 
War dieser Weg nun leichter oder schwerer, weil dort eine Frau safi? 
Aber die Frau trug einen weifien Mantel. Der verbarg die Frauenge- 
stalt, der verbreitete Unparteilichkeit; der weiEe Mantel entschied in 
diesem Raum. 

In arztlichen Zimmern ist immer irgend etwas Geheimnis voiles. Da ist 
ein Ruhebett, das nicht der Ruhe dient, da sind Glaskasten mit glit- 
zernden Dingern, die dich irgendwie feindselig ansehen. Da ist einer, 
der sich anschickt und berufen ist, zu erforschen, was im Kopf oder in 
der Brust oder im Bauch anders ist, als es nach den Gesetzen, die er 
kennt, zu sein hat. Heinrich Reinegg dachte an einen Uhrmacher, der 
die Uhr schiittelt und ihre Radchen lange und scharf durch eine Lupe 
ansieht, ehe er an die Arbeit geht, und an einen Mechaniker, der den 
Motor eines Kraftrades in Tatigkeit setzt und mit scharfem Ohr zu 
erforschen trachtet, ob er unregelmaflig klopft oder Nebengerausche 
hat. Aber waren das nicht torichte Gedanken? Menschen sind keine 
Uhren und keine Kraftrader, und Arzte konnen nicht Uhrmacher und 
Mechaniker sein. 

Ein Arzt, ein junger Mann mit einer grofien Glatze, kam in das Zim- 
mer. Er sah Heinrich Reinegg fliichtig, gleichgiiltig an. Dann beachtete 
er ihn nicht mehr. Er sprach kurz mit der Frau im weifien Mantel uber 
einen »Fall«. Einige Fachworter, hinter denen Gesunde wie Kranke 
immer etwas Drohendes wittern, schwirrten durch das Zimmer. Dann 
ging der Arzt. 



KRANKE MENSCHHEIT 43 

Die Frau schrieb Heinrich Reineggs Namen und Alter auf einen gelben 
Papierbogen. Dann tauchten ihre Augen, die sich hinter einer schlich- 
ten Brille zu verbergen suchten, in sein Gesicht. 
»Erzahlen Sie«, sagte sie, »warum Sie zu uns geschickt wurden?« 
Es schien Heinrich Reinegg, daft ihre Stimme gut klang und warm und 
freundlich war und ihre Frage nicht der geschaftsmafiigen Gewohn- 
heitsfrage eines Uhrmachers glich. Aber sie besiegte sein Mifitrauen 
nicht, das immer wach und auf der Lauer war. 
Er safi verschlossen. 

»Warum?« sagte er, »ich hatte keine andere Wahl.« 
Sie wurde nicht ungeduldig. Nicht sogleich. Sie fragte weiter: » Waren 
Sie krank?« Es ist nett, dachte er, dafi sie von der Vergangenheit 
spricht und nicht vom Augenblick. Ein bifichen spottisch, kaum merk- 
lich, zuckten seine Lippen. 

Krank? Ja, ja, er war krank. Viele waren es in der Zeit, in der er danie- 
derlag. Und nicht alle, die krank waren, lagen danieder wie er. Im 
Gegenteil: Sie waren sehr tatig und glaubten an ihre starke Gesundheit. 
Aber da fiel ihm ein, daft es gerade als Krankheitszeichen gelten 
konnte, wenn er andere fur krank, fur noch kranker hielt. Und er 
sprach den Gedanken nicht aus. 

Krank? Ja, ja, er wollte schon berichten. Er wollte gewifl nicht unhof- 
lich sein. Nicht, weil sie eine Frau war. Das machte vielleicht das Re- 
den noch schwieriger. Aber vielleicht, weil sie nicht wie eine Uhrma- 
cherin fragte. 

Er sprach langsam und karg. Und vieles von dem, was nun durch sein 
Gehirn zog, sagte er nicht. 

Krank? Es gab - zu alien Zeiten - Diktatoren, die krank waren und 
Diktatoren geworden sind, weil sie krank waren. 
War nicht die Welt krank? Ihre Wirtschaft, ihre Ordnung? War nicht 
die Menschheit von Fieberschauern geschiittelt, seit zwanzig Jahren 
oder langer? Waren nicht ihre Nervenstrange schmerzhaft entziindet, 
uberreizt? Hat nicht ein krankes Gehirn alle Hemmungen ausgeschal- 
tet, so daft gefahrliche Tollheiten veriibt wurden sonder Zahl, vor de- 
nen kein Gitterbett Schutz gewahrte? Es gab Doktoren, die, wie es 
auch in der Medizin vorzukommen pflegt, selbst an den Krankheiten 
litten, die sie heilen wollten. Es gab andere, die die Zahl der weifien 
Tafeln mit den Vorschriften fur die erste und zweite und fur die dritte 
Klasse vervielfachen wollten und die die Tafeln als Heilmittel priesen. 



44 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Es gab Scharlatane, die sich, mit bunten Manteln angetan, auf Markt- 

platze stellten und ihre Kunst ausriefen und vorgaben, dafi sie, wie die 

Quacksalber in alten und neuen Zeiten, nur ein Flaschchen mit einer 

gewissen Fllissigkeit anzusehen brauchten, um die Krankheit zu erken- 

nen und sie heilen zu konnen; diese hatten den grofiten Zulauf. Und es 

gab ernste Doktoren, die die Krankheitszeichen sahen und sie eifrig 

bekampfen wollten, aber ihre Ursachen nicht fanden oder nicht finden 

wollten, weil sie Angst hatten vor der Diagnose und den Folgerungen, 

die sie aus ihr hatten ziehen miissen. 

Heinrich Reinegg war versucht, die Frau, die weifie Frau, die da vor ihm 

safi, zu fragen, ob auch die medizinische Wissenschaft glaube, daft man, 

indem man Krankheitszeichen voriibergehend mildere, die Krankheit 

beseitigen konne. Er tat es nicht. Vielleicht hatte sie auch das als ein 

Krankheitszeichen gewertet. Er sollte endlich von seiner eigenen Er- 

krankung sprechen. 

Heinrich Reinegg sah an der Frau vorbei. Bilder kamen in das kleine, 

arztliche Zimmer und gingen. Bilder aus der kranken Welt, die vor der 

kleinen Pforte der Anstalt, durch die er gebuckt gegangen war, begann. 

Eine Zelle kam. Zwei Eisenbetten standen mit Strohsacken, die schwarz 

waren, mit Decken, die stamen. Ein Ofen stand, der kalt war. Ein Tisch 

wackelte. Ein Kiibel stank. Eine holzerne Wand, die um den Kubel war, 

krachte zu Boden. Heinrich Reinegg stellte die Wand auf und las die 

Inschriften, die eingekritzelt waren. Sie fluchten, beteuerten Unschuld, 

klagten an. Sie lobten die Freiheit. Und die Liebe. Das Lob auf die Liebe 

war durch Zeichnungen erganzt. Auf die Art haben die Menschen schon 

in ihren Hohlen in eisgrauen Vorzeiten die Liebe gepriesen. 

Ein Mann lag auf einem Strohsack und wehklagte: »Ich werde ein Ver- 

brecher. Da werde ich ein Verbrecher.« 

Ein SchloK polterte. Ein eiserner Riegel rasselte. Eine Tiir knarrte. Eine 

Uniform kam und schrie den Mann auf dem Strohsack an: »Ziehen Sie 

die Schuhe aus!« 

Heinrich Reinegg grinste. Heinrich Reinegg humpelte durch das Ge- 

mach. Der rechte Fufi versagte, schmerzte, quake. Ein Arzt kam, schiit- 

telte das Haupt und ging rasch. 

Ein Schlofi polterte. Ein eiserner Riegel rasselte. 

Ein Lautsprecher spielte. Ein Mann stand auf dem Strohsack und 

lauschte. Eine Frauenstimme kam leise und zaghaft aus der Feme. Eine 

Frauenstimme. 



KRANKE MENSCHHEIT 45 

Zwei Manner lagen auf schwarzen Strohsacken. Sprachen. Schwiegen. 
Fragten: Wie lange? Hofften. Zerschlugen die Hoffnung. Rauchten. 
Rauchten ohne UnterlafS. Teilten Zigaretten. Waren Freunde und Ka- 
meraden. In der Zelle. 

»Es gibt Menschen, die es immer mit den starkeren Bataillonen hal- 
ten«, hohnte Heinrich Reinegg, »sie liegen nie in Zellen.« 
»Ja«, stohnte sein Freund auf dem Strohsack, »ja, und ich - ich werde 
morgen dem Kerkermeister sagen, er soil mir irgendeine Arbeit geben. 
Ich ersticke. Da werde ich ein Verbrecher.« 

»Du wirst keiner. - Aber geniigt es dir nicht, den Kiibel auszutragen?« 
Man denkt noch lange an jedes Wort, das man in der Zelle spricht und 
das zu einem geredet wird, dachte Heinrich Reinegg, als er im kleinen, 
hellen Raum vor der Frau im weifien Mantel safi. 
Bilder kamen. Und gingen. 

Ein Schlofi polterte. Eine Tur knarrte. Ein Auto stand fahrbereit. 
Heinrich Reinegg humpelte. Bewaffnete begleiteten ihn. Ein Auto 
fuhr. Auf Strafien, die herrlich verschneit waren, durch Dorfer, die er 
kannte, durch Walder, die er liebte. 

Eine Zelle kam, ein Richter kam, ein Arzt kam. Und Stunden gingen 
hin und Nachte, langsam, als waren es Ewigkeiten gewesen. 
Und einmal, einmal kam ein Tag. Heinrich Reinegg stand in der lauten 
Strafte einer Stadt, hart auf seinen Stock gestiitzt. Wagen fuhren. Men- 
schen gingen. Frauen lachelten. Manner arbeiteten. Fur sie war es ein 
Tag wie gestern. 
Frei! Frei? 

Die Frau am Schreibtisch sah vor sich hin und horte zu, und ofters 
schrieb sie rasch ein paar Satze auf den gelben Papierbogen. 
»Was schreiben Sie da?« fragte Heinrich Reinegg unwirsch. 
Sie lachelte. »Nichts Besonderes. Nur ein paar Bemerkungen uber die 
Krankheit des rechten Beines. Das ist jetzt besser, nicht wahr? Aber 
was ist mit dem Kopf?« 

Kopf ? Eine heikle Angelegenheit. Je schiefer ein Kopf sitzt, desto fe- 
ster ist sein Trager uberzeugt, daft alle anderen Kopfe schief sind und 
er seinen eigenen hoch und gerade tragt. 
Bilder kamen. 

Es stand ein Mensch im Nebel einer kranken Welt. Fuhlte Abgriinde. 
Konnte nicht nach vorne und nicht nach riickwarts gehen. War getre- 
ten und gedemutigt. War hungernd. Dachte an sein Leben und lachelte 



46 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

in den Nebel hinein voll Ingrimm und Hohn. Denn da war immer 

eines, war immer dasselbe, Unentrinnbare: Niederung, Klettern an der 

Wand und Riickfall. Da war eine Kindheit ohne Lachen, eine Mutter, 

die er liebte und die starb, weil Mutter, die hungern und leiden, friih- 

zeitig an Tuberkulose sterben miissen. Da war ein muhsamer Aufstieg. 

Er nahm andere bei der Hand und half ihnen klettern. Helfen! Helfen! 

In jeder Frau, die ein Kopftuch trug und voll Muhsal ging, sah er die 

Mutter. Und half! War froh. Fur Augenblicke. Kletterte. Rutschte. 

Kletterte. 

Rutschte! 

Stand im Nebel. Rief. Viele standen im Nebel und riefen. Er horte sie 

nicht, er sah sie nicht. Aber er litt mit ihnen, und sie Htten mit ihm. 

So kam zu seinem kleinen Schicksal das Leid vieler, die im Nebel irr- 

ten, und driickte ihn, so dafi er auf die nasse Erde fiel im Nebel des 

Tales. 

Bilder kamen. 

Ein Mann lag im Bett. Gegenstande wogten: der Tisch, Bilder. Eine 

Pflanze stand auf dem Kasten. Zwei Pflanzen, die eine waren. Eine 

Pflanze, die doppelt war. Wenn der Mann ein Auge schlofi, sah er eine 

Pflanze sich erheben. Wenn er beide offnete, waren es zwei, die im 

scharfen Abstand voneinander standen. Ein Mann kam. Er hatte zwei 

Kopfe und zwei Krawatten. Ein Arzt hielt einen Daumen in die Hohe. 

»Sind es zwei, oder ist es einer?« Es waren zwei. Der kranke Mensch 

im Bett aber dachte schwer und sagte: »Es ist einer.« Seine Hand griff 

nach einem Glas, einem Loffel und fand das Ziel nicht. 

Der Mensch Heinrich Reinegg erbrach. Er freute sich ein wenig; das 

hielt er fiir natiirlich und verniinftig. 

Ein Arzt rief voll Sorge: »Nicht rauchen! Er darf nicht rauchen! Es 

kann die Katastrophe sein.« Heinrich Reinegg horte es undeutlich; es 

gefiel ihm sehr, dafi jener »Katastrophe« sagte. 

Ein anderer Arzt aber kam und sagte: »Geben Sie ihm, was er will!« Er 

argerte sich, weil die Taschenlampe, mit der er dem Kranken in die 

Augen leuchten wollte, streikte. Er befahl: »Sagen Sie: Gletscherre- 

lief!« 

Heinrich Reinegg war entschlossen, es zu sagen. Ein neuer Befehl: 

»Strecken Sie die Zunge heraus!« Heinrich Reinegg tat es gefiigig; 

warum sollte er nicht die Zunge in die Welt strecken? Sie wich aber 

nach rechts. 



KRANKE MENSCHHEIT 47 

Ein Priester kam, war freundlich und fursorglich und sagte: »Die Kir- 
che trifft keine Schuld.« 

Und Stunden kamen, wo nichts war als Nebel und das dumpfe Ver- 
wundern in Heinrich Remegg liber die Zahigkeit seines flackernden 
Lebens. 

Menschen kamen und beteten. Bauern liefien Messen lesen. Frauen 
wehklagten, die alt waren und arm. Manner gingen Stunden und Stun- 
den iiber Strafien und Steige um eines Grumes willen. Und es gab an- 
dere, wenige, die Freude aufierten iiber die nahende »Katastrophe«. 
Heinrich Reinegg aber straffte den zagenden Leib und erhob sich von 
der nassen Erde. Stand wieder im Nebel des Tales. Und versuchte, 
tastend und schwankend und langsam, zu gehen. 
Die Frau am Schreibtisch sprach und verscheuchte die Bilder. 
»Bitte gehen Sie jetzt ins Nebenzimmer, und Ziehen Sie sich aus bis auf 
die Unterwasche! Dann kommen Sie wieder !« 

Es war ihm nicht klar, ob das nun natlirlich war oder nicht. Aber der 
weifie Mantel entschied in diesem Raum. Er ging und kam in Unter- 
hose und Hemd zuriick. Legte sich auf das Ruhebett, das nicht der 
Ruhe diente. Die Frau stach mit einer feinen Nadel in den Kopf, links 
und rechts, wie wenn sie das Schicksal darstellen wollte, und fragte 
nach dem Unterschied der Empfindung. Sie liefi ihn die Augen schlie- 
fien und die Hande ausstrecken. Sie bat ihn, ihre Hand zu driicken. Er 
fragte spottisch, wieviel Hande sie taglich driicken miisse. Auf ihr Ge- 
heifi ging er im Zimmer auf und ab. In Unterhose und Hemd. Den 
rechten Fuft schleppte er ein bifkhen nach. Das ist lieblich, dachte 
Heinrich Reinegg, ein Mann in Unterhose spaziert vor einer Frau. 
Aber sie trug ja einen weiften Mantel, der die Frau verbarg. Fur sie war 
der Mann in Unterhose offenbar weder eine iiebliche noch eine unlieb- 
liche Erscheinung, sondern er gehorte in den Raum wie die ihres Ge- 
hauses entkleidete Uhr in die Uhrmacherwerkstatte. Aber nein. Es gab 
doch Unterschiede. Zum Beispiel den: Der Uhrmacher entkleidet die 
Uhr in der Werkstatte, der Mann ging ins Nebenzimmer aus- und an- 
ziehen. Heinrich Reineggs Gesicht war versunken und finster wie im- 
mer, aber in ihm war der leichte Spott, mit dem er sich selbst oft be- 
dachte, den er hegte in bosen und scheinbar freundlichen Stunden wie 
einen Schutz; vielleicht war es nur ein Trug an sich selbst. 
Als der Mann wieder in ordentlichen Mannskleidern stak, fragte die 
Frau: »Wie steht es mit der Lunge ?« 



48 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er zeigte einen Zettel, auf dem ein arztlicher Bericht verzeichnet war. 

Der junge Arzt mit der groften Glatze kam in diesem Augenblick, be- 

sah den Zettel und meinte kiihl: »Wir sind ja keine Lungenheilstatte, 

das ist wohl ein Irrtum.« 

»Nein, nein«, sagte die Arztin, »es ist kein Irrtum, er gehort schon zu 

uns.« 

Es ist schon, dachte Heinrich Reinegg, nun bin ich wohl endlich dort, 

wohin ich gehore. 



IMMER SELTENER WERDEN IN DIESER WELT . . . 
undatiert 



Immer seltener werden in dieser Welt der selbstverstandlichen Tatsa- 
chen und der errechenbaren Konsequenzen die merkwiirdigen Schick- 
sale, denen man, wenn man den iiberlieferten Erzahlungen glauben 
will, vor Jahr und Tag auf Schritt und Tritt hat begegnen konnen. Im- 
merhin offenbaren sich auch heutzutage dem sorgfaltigen Sucher be- 
sonderer Menschen und Fiigungen von Zeit zu Zeit gewisse Ereignisse, 
die nicht von einer blinden Wiilkiir geformt zu sein scheinen, sondern 
von irgendeiner literarischen Gewalt, die das Schicksal der Welt 
manchmal zu lenken scheint. 

Unter den Menschen, die in meiner unmittelbaren Nahe gelebt haben, 
hatte wohl keiner ein so merkwiirdiges, so heiter-tragisches, so ge- 
wollt-ungewolltes Schicksal gehabt wie der Mann, von dem ich in den 
folgenden Blattern zu erzahlen gedenke und dessen Familiennamen ich 
sorgfaltig verschweigen will, nicht nur weil sein Trager noch heute zu 
meinen Bekannten gehort, sondern auch weil ich iiberzeugt bin, dafi 
ihm noch ein besonderes, ein unerwartetes, ein seltsames Geschick be- 
vorsteht, dessen Gang ich durch die grobe Nennung einer groben Rea- 
litat zu storen fiirchte. 

Am 3. November des Jahres 1918 fafite Heinrich P. den Entschluft, 
sein tagliches Brot mit der Schriftstellerei zu verdienen. 
Es war einer jener ersten Tage der Revolution, in denen man zu wissen 
glaubte, daft der einzelne zwar auf den groflartigen Lauf der offentli- 
chen Dinge keineswegs einen Einflufi zu nehmen imstande sei, wohl 
aber in irgendeiner Weise zu ihnen in eine bestimmte Stellung zu treten 
habe. Heinrich P. war wie die vielen Millionen in den Krieg gegangen 
und wie nur wenige heil und gesund aus dem Krieg zuruckgekommen. 
Aus einem Offizier der osterreichischen Armee war er durch den Zu- 
sammenbruch der Monarchic plotzlich ein ziviler Staatsbiirger des 
neuen tschechischen Staates geworden. 

Am i.November 1918 war er in seine Heimatstadt Briinn zunickge- 
kehrt. Alles, was er da sah, die Revolution in der kleinen Hauptstadt 
des ehemaligen Kronlandes, den Umherzug der Militarkapelle, die in 
den alten kaiserlichen Uniformen jetzt ein neues nationales Revolu- 
tionslied spielte, die tschechischen Mannschaften, die von den Miitzen 



50 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

der Offiziere die alten Kokarden herunterrissen, die torichte Freude 
der befreiten Nation, schien Heinrich P. einer akuten literarischen 
Formulierung zu bediirfen und eines literarischen Formers. Passiv, wie 
er von Natur war, erlebte Heinrich P. diese Revolution bereits aus 
einer Art historischen Perspektive. Er bildete sich ein, »Studien zu ma- 
chen«, und die rasche Buntheit der Ereignisse liefi ihm keine Zeit, sich 
liber sein privates Schicksal und seine nachste Zukunft Sorgen hinzu- 
geben. Nur weil es die anderen in die Stadt heimgekehrten Offiziere 
ebenfalls taten, ging er eines Morgens zur Kommandantur, in der man 
schon Tschechisch sprach, jene zweite Landessprache, die ihnen bei- 
nahe so gelaufig war wie ihre deutsche Muttersprache. Man sagte ihm, 
dafi die neue Regierung es ihm freiliefSe, in die neue Armee einzutre- 
ten, in der man Offiziere brauchte. Er erklarte, es sich noch uberlegen 
zu wollen, bekam sein letztes Monatsgehalt ausbezahlt und verlangte 
eine Marschroute nach Prag. Dann ging er auf den Bahnhof, bestieg 
den Zug, suchte in mechanischer Gewohnheit nach einem Platz in der 
zweiten Klasse, mufke feststellen, dafi der Zug aus lauter Wagen dritter 
Klasse bestand und nahm schliefilich auf einer der vielen gelben und 
harten Banke Platz, die von sogenannten Mannschaftspersonen zum 
grofiten Teil besetzt waren. 

Unterwegs erlebte er noch eine jener fliegenden und plotzlichen Un- 
tersuchungskommissionen, die im ersten revolutionaren Eifer nach 
Gleichgultigem, ja sogar Uberfliissigem, Beschaftigung suchend, die 
gleichgultigen Ziige zu kontrollieren pflegten, in denen nichts zu kon- 
trollieren war. Und als hatte es erst der tschechischen Sokol-Uniform 
und der Untersuchungskommission bedurft, Heinrich P. in die neue 
Wirklichkeit zuriickzurufen, und als hatte ihn erst eine ganz deutliche 
unzweideutige Anderung einer Aufierlichkeit auf die Veranderung sei- 
ner privaten Situation aufmerksam gemacht, begann Heinrich P. erst 
jetzt, an seine nachste Zukunft zu denken und sich mit den materiellen 
Sorgen zu beschaftigen, die zweifellos bald seine Existenz zu bedrohen 
anfangen sollten. 

Noch hatte er Geld. Ein paar tausend Mark hatte er von dem Offi- 
ziersgehalt sparen konnen, nun begann er, sich Vorwiirfe zu machen, 
dafi er das Angebot, in die neue Armee einzutreten, nicht angenom- 
men hatte. Was konnte ein Mensch von seiner Passivitat in dieser of- 
fenbar sehr aktiven Zeit beginnen? Er trieb sich, das fuhlte er, an der 
Peripherie, nicht im Zentrum der Ereignisse herum, und er war 



IMMER SELTENER WERDEN IN DIESER WELT ... 51 

ebensoweit davon entfernt, sie zu bestimmen, wie von ihnen bestimmt 
zu werden. Vorausgesetzt, dafi er das Talent besafi, sie zu beschreiben, 
wollte er versuchen, sich mit ihnen von jener Perspektive aus auseinan- 

derzusetzen, die allein dem Schriftsteller angemessen ist, aber 

wufite er, dafi er die Fahigkeit besafi zu schreiben? Der Rektor seines 
Gymnasiums fiel ihm ein, der fur das Stadtblatt Theaterkritiken zu 
schreiben pflegte. Lebte der alte Ritter von Hauer noch? Heinrich P. 
kam auf dem Bahnhof in Prag an, wurde von einem Soldatenrat emp- 
fangen, liefi seine Papiere priifen und erlebte die ehrliche Freude, in 
dem Kommandanten des Soldatenrates den alten Pedell seines Gymna- 
siums zu erkennen. Er fuhr in die Wohnung seiner Tante. 
Sie gehorte zu jener Art von Verwandten, die das Wiedersehen mit 
mannlichen Mitgliedern der Familie ebenso zu einer freudigen Begei- 
sterung anregt wie zu Wehklagen iiber die miserablen Zeiten. Heinrich 
P. schenkte ihr das Geld, was sie im Augenblick zu brauchen vorgab, 
und ging in die Stadt. Er begab sich zum alten Rektor Hauer, feierte 
mit diesem ein ebenso sentimentales wie durch die Fiille und die Plotz- 
lichkeit der politischen Ereignisse gestortes Wiedersehen und bekam 
eine Empfehlung an die Redaktion des Tagblattes. Dort lieferte Hein- 
rich seine niedergeschriebenen Revolutionserlebnisse ab. Am nachsten 
Tag erschien der Artikel, und es war Heinrich, als er ihn las, als hatte er 
die Revolution, die Heimfahrt, die Erlebnisse auf den Bahnhofen er- 
funden. Er mifitraute sich selbst. Es schien ihm, dafi er die Begeiste- 
rung sowohl als auch die Verwirrung iibertrieben dargestellt hatte und 
dafi zwischen der Wirklichkeit dieser Revolution und seiner Darstel- 
lung der Unterschied mindestens so grofi geblieben war wie zwischen 
dem Krieg und ihr. Er hatte von Betrunkenen und Taumelnden ge- 
schrieben und in Wirklichkeit doch nicht mehr Betrunkene und Tau- 
melnde gesehen als etwa an einem Sonntagnachmittag zu Friedenszei- 
ten. 

Wahrend er noch also liber seinen Artikel nachdachte, meldete sich ein 
Mann bei ihm, der sich als Detektiv legitimierte und ihn zu einem 
Herrn Dr. Slama in die Polizeidirektion fuhren zu miissen behauptete. 
Dr. Slama war der Zensor der neuen Regierung. Es erwies sich, dafi er 
nur die Bekanntschaft Heinrich P.s hatte machen wollen und vielleicht 
auch den Versuch, den von ihm offenbar fur begabt erachteten Verfas- 
ser fur die tschechische Regierung ebenso gewinnen zu wollen, wie er 
selbst, ein alter Beamter der Monarchic, gewonnen worden war. 



52 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Dieser Versuch, Heinrich P. fur das neue, sogenannte Staatsvolk zu 
erobern, blieb ohne Ergebnis; nicht etwa deshalb, weil Heinrich P. ein 
iiberzeugter Angehoriger der deutschen Nation gewesen ware, son- 
dern weil er, den Gesetzen seiner Natur gehorchend, jede Handlung 
zu vermeiden entschlossen war, die ihm irgendeine Verpflichtung zur 
Aktivitat auferlegt hatte. Hatte er, im Gegenteil, iiberhaupt uber die 
momentane Situation des deutschen Teiles der Bevolkerung nachzu- 
denken vermocht, so ware er zu dem Resultat gekommen, dafi sein 
personliches Bekenntnis zur deutschen Nationalitat seiner natiirlichen 
Neigung zur Passivitat am ehesten entgegengekommen ware. Aber 
Heinrich P. dachte zu jener Zeit nicht ubermafiig viel. Seine eigene 
Situation wie die der Gesamtheit erschien ihm fur seine Bediirfnisse 
viel zu kompliziert. Und, bequem wie er war, beschlofi er, in eines 
jener friedlichen Lander zu gehen, in dem die politischen Konflikte seit 
Jahrhunderten beigelegt erschienen und der Friede den in ihnen wohn- 
haften Individuen fur alle Zeiten gesichert. 

Er fuhr also mit dem Rest seines Geldes in die Schweiz, setzte sich 
vorlaufig in Zurich fest und begann, lediglich aus einer sittlichen Ver- 
pflichtung, irgend etwas zu tun, Artikel fiir deutsche Zeitungen zu 
schreiben. Seine Einnahmen blieben gering, seine Ausgaben verringer- 
ten seinen Besitz, bis er eines Tages, es war etwa Juni 19 19, in die Lage 
geriet, seine Miete nicht bezahlen zu konnen. 

Offenbar aber wacht irgendein gnadig-ungnadiges Schicksal iiber ge- 
wissen jungen Mannern, und, so banale Auswege es auch weisen mag, 
es fiihrt seine Giinstlinge dennoch ein Stuck weiter und bewahrt sie 
vor den viel zu fruhen Katastrophen, die es uns unmoglich machen 
wiirden, bestimmte Geschichten weiterzuerzahlen. Banal, wie derlei 
Schicksale schon zu sein pflegen, ist auch die Fiigung, die in das Haus 
der Vermieterin Heinrich P.s eine ihrer jungen Nichten fiihrt und in 
der altlichen Frau den selbstverstandlichen Wunsch nahrt, das Mad- 
chen in eine Beziehung zu ihrem einzigen Mieter zu bringen. Wie 
leicht aus einer so banalen Situation eine fatale fiir den betroffenen 
Mann wird, weifi der Leser, und also bleibt es uns erspart, Heinrich P. 
darzustellen, wie er von einem trugerischen Affekt gezwungen wird zu 
lieben, und von einem echten Instinkt, einer biirgerlichen Existenz zu 
entfliehen. Vielmehr begniigen wir uns mit der Mitteilung von der 
plotzlichen Ankunft eines Briefes an die Adresse Heinrichs, eines Brie- 
fes, dessen Wortlaut wir im folgenden wiedergeben: 



IMMER SELTENER WERDEN IN DIESER WELT ... 53 

Lieber Freund, 

unlangst hatte ich das Gliick, Deinen Namen in emer Zeitung zu lesen, 
und ich erinnerte mich bei dieser Gelegenheit an die Wochen und Mo- 
nate, die wir zusammen im Feld zugebracht haben. Ich bin nach dem 
Zusammenbruch der Monarchic nach Deutschland iibergesiedelt, lebe 
in Berlin als Rechtsanwalt, habe geheiratet (und reich geheiratet), bin 
Syndikus im Konzern meines Schwiegervaters und hore nicht ohne 
Staunen, dafi Du in Zurich lebst. Eine Wehmut, die Du vielleicht la- 
cherlich finden wirst, veranlafit mich, Dir zu schreiben. Meine Frau 
und ich, wir fahren in der nachsten Woche nach Marseille und moch- 
ten Dich mitnehmen. Telegraphiere uns, ob Du am Dienstag, den 
28.Juli, uns in Basel am Bahnhof urn 2 Uhr nachmittags erwarten 
kannst. 

Dein Freund 
Otto Reichhardt 



DAS KARTELL 

1923 



Am 12. November brachte die Bostoner »Aurora« auf der ersten Seite 
ihrer acht Blatt starken Nummer in fetten Lettern das folgende Tele- 
gramm: 

»Seit gestern ist die bekannte Suffragettenfiihrerin Mifi Sylvia Punker- 
field verschwunden. Heute hatten bekanntlich die Massendemonstra- 
tionen der Suffragetts vor dem Regierungsgebaude stattfinden sollen, zu 
der hervorragende Fuhrerinnen aus Chicago und New York gekommen 
waren. Die Polizei hatte sogar, wie wir vorgestern berichteten, Kennt- 
nis von den Vorbereitungen zu einem Bombenattentat vor dem Re- 
gierungsgebaude erhalten und Mafinahmen zu deren Vereitelung ge- 
troffen. Mifi Sylvia Punkerfield gait als die Arrangeurin dieser Ver- 
sammlung wie iiberhaupt als die Seele der hiesigen Frauenbewegung. 
Um so verwunderlicher ist ihr plotzliches Verschwinden knapp vor 
der Demonstration. Man munkelt von einem Verbrechen - Mifi Pun- 
kerfield hatte naturlich zahlreiche Rivalinnen. Der Polizei ist es trotz 
angestrengtesten Nachforschungen bis jetzt nicht gelungen, der ver- 
schwundenen Suffragettenfiihrerin auf die Spur zu kommen.« 
Ganz Massachusetts kannte naturlich Mifi Punkerfield. Sylvia Punker- 
field, die libellenschlanke Suffragette mit dem kurzgeschorenen Haar 
und dem schwarzen, glatten Tuchkleid, das geradezu wie ein Pro- 
gramm aussah und dessen unerhort einfache Holzknopfe, die mit 
schwarzem gerippten Stoff uberzogen waren, sich wie Punkte in die- 
sem Parteiprogramm ausnahmen. Und dennoch, es war ein gewisses 
Raffinement in dieser Einfachheit. Oder glaubte jemand wirklich 
daran, dafi Mifi Sylvia kurzes Haar trug, weil es praktisch und mann- 
lich war? Mifi Sylvias Kinderkopf mit den knabenhaft jungen Zugen 
konnte, konnte keine passendere Haartracht tragen. Mifi Sylvia hatte 
blaue Augen. Blau, das sagt man so und denkt dabei an den Himmel 
oder ahnliche Institutionen von blauem Kolorit. Aber die Blaue dieser 
Madchenaugen hatte etwas von der kiihl violetten Farbung spatherbst- 
licher Abendwolken und nichts von einem Fruhlingshimmel. Es war 
die Kalte blankgeschliffener, violettblau schimmernder Stahlklingen in 
diesen Augen, wenn Mifi Sylvia in der Versammlung sprach. Sie hatte 
die scharfe, aber nicht unangenehme Stimme einer Dompteuse oder 



DAS KARTELL 55 

einer Zirkusreiterin. Wenn Mifi Sylvia em Schlagwort in die Menge 
rief, so reckte sich ihr Korper schlank auf dem Podium, und ihre Hand 
mit den langen muskelranken Fingern ballte sich wie um einen un- 
sichtbaren Peitschenstiel. Der knabenhaft sehnige Arm zeichnete einen 
Bogen in die Luft, und es sah aus, als hatte Sylvia das Wort wie einen 
elastischen Gummiball in den Saal geschleudert. Dabei bekam ihre 
Stimme einen blankmetallenen Klang, wie wenn ein Sabel auf Messing 
schliige. So war Mifi Punkerfield. 

Kein Wunder, dafi ganz Massachusetts sie kannte. Die altliche Mifi 
Lawrence, die flach war wie ein Dielenbrett, konnte logisch sein, 
konsequent und unerbittlich wie ein algebraisches Lehrbuch. Nie- 
mand wagte mit ihr zu diskutieren. Mit ihrer haarscharfen Logik 
spaltete sie jeden Gegner in zwei Halften von wunderbarer Ebenma- 
fiigkek. - Die noch junge, aber lederne Mifi Esther Smith kannte alle 
Denker dreier Jahrhunderte auswendig und gofi Bottiche von zwin- 
genden Zitaten iiber die Kopfe ihrer Feinde, dafi sie in die Knie san- 
ken und um Gnade flehten. - Mifi Ethel Fisher, die Tochter des 
Wursthandlers Fisher, war gefurchtet wegen ihrer geradezu iiber- 
mannlichen Grobheit. Ihre Worte waren wuchtig und klotzig wie die 
Hammer, mit denen die Arbeiter ihres Vaters die Pferdehaute zu 
Wurst faschierten. Aber was waren sie alle gegen die ubernaturlichen 
Eigenschaften der Mifi Sylvia! Mifi Sylvia war von einer siegverhei- 
fienden Glorie umstrahlt. Von ihrem Wesen ging Sieg aus. Sie atmete 
Sieg. Weil sie so intelligent ist, sagten die Frauen von Massachusetts. 
Weil sie so schon ist, sagten die Manner von Massachusetts. Und 
ware Mifi Sylvia nicht so plotzlich verschwunden, es hatte sich der 
merkwurdige Fall ereignet, dafi die Frauen samt und sonders das 
Amazonentum links liegen gelassen hatten und die Manner samt und 
sonders Suffragetten geworden waren. Denn schon hatten einige Pro- 
fessoren von Boston ihre Gefolgschaft zugesagt, die drei jiingsten von 
den vierzig Senatoren von Massachusetts hatten offen ihre Sympathie 
fur die Suffragetten kundgegeben, und der weltberiihmte Stierkamp- 
fer, der vor drei Monaten aus seiner portugiesischen Heimat heniber- 
gekommen war, der junge Pedro dal Costo-Caval, war in samtlichen 
Versammlungen, in denen Mifi Sylvia Punkerfield sprach, zu sehen 
und klatschte mit dem Aufwand seiner gesamten Stierkampferkrafte 
Beifall, wenn Mifi Sylvia ihre Rede beendet oder einen Gegner nie- 
dergesprochen hatte. 



$6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Und nun war Mifi Sylvia verschwunden ! Nichts anderes verlautete 
iiber sie, als was in der Depesche der »Aurora« gestanden hatte. 
Was war mit Mifi Punkerfield geschehen? 

Im Cafe Chesterton, in der Ecke links beim Fenster, safien die drei 
Herren, die ganz Boston und Massachusetts kannte: die Herren Was- 
her, Pumper und Klingson. 

Mister Washer war Reporter von der »Little Times«. Er trug einen 
grofien braunen Hut und Rohrenstiefel, die bis zu den Hiiften reich- 
ten. Was zwischen Hut und Rohrenstiefeln sich befand, war der 
eigendiche Mister Washer. Und das war sehr wenig. Denn Mister 
Washer war unansehnlich und gering an Umfang. Sein Kopf war ein 
kleines ovales Etwas. Sein Gesicht war zerknittert wie ein Papier- 
knauel. Seine Nase lag eingeklemmt zwischen zwei wulstigen Falten 
im Antlitz, wie in einem Polster vergraben. Es war eine jener Nasen, 
auf deren Riicken sich kein Klemmer halten kann. Deshalb trug Mister 
Washer eine Brille vor den gru'nen scharfgeschliffenen Auglein. Die 
Brille war das einzig Imponierende in diesem Gesicht. Sie war blank 
und blitzend und stach seltsam ab von der braungelben Gesichtsfarbe. 
Wenn Mister Washer Brille und Hut abnahm, sah sein Kopf mit den 
zahllosen verharteten Runzeln aus wie eine kleine Nufi. Wer einmal 
den Mister Washer gesehen hatte, dem blieben nur drei Dinge im Ge- 
dachtnis haften: der braune Schlapphut, die dunkelnde Brille und die 
Riesenrohrenstiefel. Alle drei bildeten den Mister Washer. Was der 
eigendiche Mister Washer war, verschwand vollkommen. Aber eben 
der eigentliche Mister Washer war interessant. Er war Polizeireporter 
von Ruf und Rang. Sein Blatt, die »Little Times«, hatte die genauesten 
Nachrichten iiber Abstammung, Lebenslauf und Familienangeiegen- 
heiten samtlicher Personen, die mit der Polizei in irgendwelche Berlin- 
rung kamen. Wurde irgendwo eine Fabrikarbeiterin aus dem Wasser 
gezogen, so wuftte Mister Washer, daft sie mit dem und jenem Tagloh- 
ner von der Baumwollspinnerei ein Verhaltnis gehabt hatte. Mister 
Washer interviewte den Taglohner, zog Erkundigungen ein iiber sei- 
nen Verdienst, wufke, dafi er ein uneheliches Kind war, dafi seine Ur- 
grofimutter Negerin gewesen, und baute dann ein kunstvolles Gebilde 
aus alien seinen Nachrichten. Er hantierte liebevoll mit seinem Wissen 
und spielte mit den Berichten wie ein Kind mit Bausteinen. Da und 
dort fehlte an dem fertigen Gebaude noch ein Giebelchen, ein Turm- 



DAS KARTELL 57 

chen, ein Zipfelchen. Mister Washer setzte noch ein winziges Inter- 
view drauf, ein zart-behutsames Interview voll grazioser Delikatesse 
mit dem zweiten Verhaltnis des Taglohners. Mister Washer kam sich 
vor wie ein Konditor, der auf die fertiggebackene Tone noch eine Ro- 
sine, eine Mandelschnitte, ein bifkhen Schaum streut. Alles war sau- 
berlich, adrett und unfehlbar und entbehrte doch nicht einer gewissen 
Pikanterie. Diese Polizeigeschichten hatten Mister Washer beriihmt 
gemacht. 

Mister Pumper war das gerade Gegenteil. Grof?, plump und stark. In 
den letzten Jahren neigte er sogar ein bifichen zur Fettigkeit und 
Atemnot. Er trug einen Anzug von deutiich grober Eleganz. Seine 
Hande waren behaart, zwischen den zwei Brillantringen auf seinem 
rechten Zeigefinger stamen drei naseweise Harchen widerspenstig 
zwecklos in die Hohe. Uber der sanften Wolbung seiner Weste klirr- 
ten die Glieder einer goldenen Uhrkette, wenn sich sein Atem hob und 
senkte. Seine Beine waren etwas kurz und nach innen gekrummt. Sein 
Schnurrbartchen war schwarz und glanzte von Pomade. Manchmal 
steckte noch ein Staubchen griiner Brillantine zwischen den Harchen. 
Der Schadel war kahl wie eine Billardkugel. Uber den Rand seines 
Rockkragens walzte sich eine schwere Nackenmasse. So war Mister 
Pumper. 

Er ziselierte nicht, feilte nicht, Heft sich nicht auf Delikatessen und 
Sentiments ein wie sein Kollege Mister Washer. Er forderte Raub- 
morde und Uberfalle auf Schnellzuge zutage, spezialisierte sich auf 
Leichenzerstiickelungen und schwelgte in Graftlichkeiten. Nacht- 
schenken kannte er wie seine Westentaschen. Er war mit Raubmor- 
dern per du und trank mit Polizeispitzeln. Er wufite von zukiinftigen 
Raubmorden und verriet nichts, bis der grofte Tag kam und er mit 
Genauigkeit den Vorfall schilderte, als ware er selbst dabeigewesen. 
Alles staunte uber die Berichte des Mister Pumper, und der »Boston 
Kiker« zahlte ihm eine Gage von iooo Dollar monatlich. 
Der dritte war Mister Klingson. Groft und diinn wie eine seiner 
schlechten Zigarren, die er stets im Munde hatte. Sein blondes Haar 
war glatt gescheitelt, fiel in schweren Wellen uber die linke Gesichts- 
halfte und verhullte ein Gebrechen: Mister Klingson fehlte namlich das 
linke Ohr. Auf einem Ritt, den er im Auftrage seines Blattes, des 
»Bloody Tomahawk«, weit nach dem Westen hinein unternommen 
hatte, war es ihm einmal weggeschossen worden. Mister Klingson 



58 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

hatte eine unschatzbare Fahigkeit. Er war schweigsam wie ein Dock. 
Wenn man ihn fragte, was los sei, antwonete er ganz einfach: Nichts. 
Und dabei hatte er die neuesten Raubiiberfalle in der linken Brustta- 
sche druckbereit und sauberlich ausgefiihrt. Er war ein Behalter fiir 
Sensationen, aus dem nichts durchsickerte. Man gofi in ihn die schwer- 
sten Nachrichten hinein, und es war nichts sichtbar. Er war wie eine 
gut verkorkte, ganz undurchsichtige dunkelgriine Flasche. 
Diese drei Reporter bildeten das »Kartell« von Massachusetts. Sie hat- 
ten stets etwas Neues zu berichten. Die »Aurora« war sonst gut infor- 
miert. Mit den Raububerfallen mufite sie immer nachhinken. Der 
Chefredakteur der »Aurora« war wiitend. Die Reporter der »Aurora« 
rannten durch ganz Massachusetts wie gehetztes Wild. Ihre Zungen 
hingen bis zum Boden heraus. Sie erfuhren nichts. Im Cafe Chesterton 
wurden Ereignisse und Neuigkeiten fabriziert und in die Welt gebla- 
sen. Im Cafe Chesterton saf? das Kartell wie in einer Festung. Wer 
herankam und einen An griff versuchte, mufite vor dem schrecklichen, 
todlichen »Nichts!« Mister Klingsons weichen. Dem Kartell konnte 
man nichts anhaben. 

Weifi der Teufel, woher die drei ihre stets frischen Nachrichten hatten. 
Und wenn sie keine hatten, so hatten sie immer noch welche. Wenn 
schon just gar kein Raububerfall zustande gekommen war, so setzte 
sich das Kartell zusammen und beriet liber die Moglichkeit eines 
Raubiiberfalls. Oder Mister Washer riickte mit seinen ungemein zar- 
ten, delikaten Interviews heraus und brachte eine Geschichte von der 
Vergangenheit des groflen Lustmorders Tommy. Oder aber Mister 
Klingson schrieb: »Wie wir erfahren, hat die Untersuchung der Affare: 
Brandlegung in der Prarie des Erdquellenbesitzers Tompson nichts 
Neues zutage gebracht. Unsere Leser erinnern sich noch des >langen 
Jimmys der dem Mister Tompson Rache geschworen hatte. Dieser 
Jimmy soil nun vor zwei Jahren als Heizer nach Australien gefahren 
und dort das Haupt einer Rauberbande geworden sein. Vor ungefahr 
vier Monaten - heifk es in seinem Bekanntenkreis - ist er nach Massa- 
chusetts gekommen. « Und nun folgte ein zartes, ungemein delikates 
Interview des Mister Washer mit dem letzten Verhaltnis des »langen 
Jimmy «. 

Eines Tages tauchte plotzlich ein neuer Reporter auf : Mister John Ba- 
ker aus Chicago. Er war lang und mager wie ein Windhund. Seine 



DAS KARTELL 59 

Nase hatte sich aus seinem Gesicht gewissermafien herausgeschoben, 
gleichsam selbstandig gemacht. Sie bewegte sich rechts und links, hin- 
auf, hinunter, ohne dafi sich ein Muskel in Mr. Bakers Gesicht sonst 
geriihrt hatte. Diese Nase war ein selbsttatiges unabhangiges Lebewe- 
sen von flatterhafter Riihrigkeit. Sie befand sich nie im Ruhestand. Sie 
witterte Ereignisse. Sie zog Sensationen an wie ein Magnet Eisensplit- 
ter. Sie roch Menschenfleisch, Skalpierungen, Lustmorde, Raubiiber- 
falle. Es war eine ganz merkwiirdige Nase. 

Mr. Baker kam direkt von der Bahn in die Redaktion der »Aurora«. 
»Was konnen Sie?« fragte ihn der Chef. » Alles «, sagte Mr. Baker. 
Er bekam achthundert Dollar und ward Reporter der »Aurora«. 
Mr. Baker interessierte sich sehr fur Suffragetten. Er schlofi dicke 
Freundschaft mit dem portugiesischen Stierkampfer Pedro dal Costo- 
Caval. Er besuchte samtliche Versammlungen und klatschte laut Bei- 
fall. Er gewann das Vertrauen der ledernen Mifi Esther Smith durch 
einen Artikel in der »Aurora«, in der er fur die Suffragetten eingetreten 
war. 

Die Nachricht von dem plotzlichen Verschwinden der beriihmten Mifi 
Punkerfield hatte Mr. Baker zuerst in der »Aurora« gebracht. Es war 
furchterlich. 

Mr. Pumper, Mr. Washer, Mr. Klingson berieten. Heute konnte man 
nicht der Welt wieder mit dem Prariebrand kommen und mit dem 
langen Jimmy oder mit Jenkins, dem Zopfabschneider, oder mit 
Tommy, dem Lustmorder. Was war das alles gegen das Verschwinden 
der Mifi Sylvia Punkerfield? Man mufite schreiben, wie, warum, wieso. 
Mister Washer ging zu Mifi Lawrence, um sie um ein Interview zu 
bitten, aber die Suffragettenfuhrerin hatte den Kopf verloren. Sie gab 
keine Auskunft. 

Die Polizei hatte die dressiertesten Spurhunde losgelassen. Mister 
Washer lief mit einem der Hunde um die Wette nach der verschwun- 
denen Mifi Sylvia. Er fand nichts. 

Das Kartell ging zum Polizeileiter Mr. Shelly. »Mr. Shelly «, hub Pum- 
per an, »ich habe einen Verdacht!« »Nun, was fur einen ?« 
»Ich verdachtige unseren Kollegen Baker von der >Aurora< der gewalt- 
samen Entfuhrung der Suffragette. Diesem Mann ist alles zuzutrauen! 
Nur um eine Sensation zu haben, ist er imstande, einen Mord zu bege- 
hen.« 
Mr. Washer nickte fromm und zustimmend. Er war so ermudet von 



60 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

dem Wettlauf mit dem Polizeihund, dafi er kein Wort finden konnte. 

Mr. Klingson war steif und stumm und sog an seinem kalten Zigarren- 

stummel gierig, als konnte er eine Wendung in der dunklen Affare 

heraussaugen. 

Der Polizeileiter beschlofi, den Reporter von der »Aurora« zu verneh- 

men. 

Als man aber in die »Aurora« kam, horte man, Mr. Baker sei schon mit 

dem Friihzuge weg, um MifS Sylvia zu suchen. 

Unterdessen war Mister Baker in seinem Zimmer und las lachelnd und 

mit Behagen einen Brief. Zum erstenmal in seinem Leben ruhte seine 

Nase still. Sie bewegte sich nicht. Der war vom n. November datiert 

und trug die Aufschrift: An Bord der »Atlantis«. Er war von dem 

portugiesischen Stierkampfer Pedro dal Costo-Caval und lautete: 

Lieber Freund! 

Nun weifi ich erst, was ich Dir und Deinem Reporterehrgeiz zu ver- 
danken habe. Dein Einfall, mich in Mifi Sylvia verliebt zu machen, war 
vortrefflich. Dein Rat, sie zu entfuhren, noch trefflicher. Im iibrigen 
war sie mit allem einverstanden. Sie wollte einfach nicht mehr Bomben 
werfen. Jedes Weib wartet schliefilich doch nur auf ihren Stierkampfer. 
Alles andere - Politik und Bomben - ist Verlegenheit und Ersatz. Ich 
entfuhre sie mit ihrer Einwilligung. Wir werden sehr glucklich sein. 
Wenn ich einen Sohn habe, wirst Du Pate. Ich telegraphiere Dir. 
Gruft! Dein Pedro 

Mister Baker griff nach seinem Notizblock und schrieb ein Telegramm 
an die »Aurora«, von New York, den 12. November datiert. 

Am nachsten Morgen brachte die Bostoner »Aurora« auf der ersten 

Seite ihrer acht Seiten starken Nummer in fetten Lettern das folgende 

Telegramm: 

»New York, den 12. November. 

(Von unserem Sonderberichterstatter) 

Die mysteriose Angelegenheit der Mift Sylvia Punkerfield ist geklart. 

Mifi Sylvia liefi sich von dem portugiesischen Stierkampfer Pedro dal 

Costo-Caval entfuhren. Zwischen beiden bestand seit langerer Zeit ein 

Liebesverhaltnis. Das Paar ist auf der Reise nach Portugal begriffen 

und befindet sich an Bord der >Atlantis<.« 



DAS KARTELL 6l 

Im Cafe Chesterton gab es grofie Aufregung. Mister Pumper sank, als 
er das Telegramm las, vom Schlag getroffen zu Boden. Mister Washer 
erkrankte plotzlich an hohem Fieber, delirierte Interviews und starb 
eine Woche spater an den Folgen einer Lungenentziindung, die er sich 
beim Wettlauf mit dem Polizeihund zugezogen hatte. Mister Klingson 
wurde telephonisch entlassen. Ihr konnt ihn heute noch sehen, er war- 
tet im Cafe Chesterton auf ein Dementi der Entfiihrungsgeschichte, 
damit er es als erster ins Blatt bringe. 



DAS SPINNENNETZ 

Roman 
1923 



I 



Theodor wuchs im Hause seines Vaters heran, des Bahnzollrevisors 
und gewesenen Wachtmeisters Wilhelm Lohse. Der kleine Theodor 
war ein blonder, strebsamer und gesitteter Knabe. Er hatte die Bedeu- 
tung, die er spater erhielt, sehnsiichtig erhofft, aber niemals an sie zu 
glauben gewagt. Man kann sagen; Er iibertraf die Erwartungen, die er 
niemals auf sich gesetzt hatte. 

Der alte Lohse erlebte die Grdfte seines Sohnes nicht mehr. Dem 
Bahnzollrevisor war nur vergonnt gewesen, Theodor in der Uniform 
eines Reserveleutnants zu schauen. Mehr hatte sich der Alte niemals 
gewiinscht. Er starb im vierten Jahre des grofien Krieges, und den letz- 
ten Augenblick seines Lebens verherrlichte der Gedanke, daft hinter 
dem Sarge der Leutnant Theodor Lohse schreiten wiirde. 
Ein Jahr spater war Theodor nicht mehr Leutnant, sondern Horer der 
Rechte und Hauslehrer beim Juwelier Efrussi. Im Hause des Juweliers 
bekam er jeden Tag weifien Kaffee mit Ham und eine Schinkensemmel 
und jeden Monat ein Honorar. Es waren die Grundlagen seiner mate- 
riellen Existenz. Denn bei der Technischen Nothilfe, zu deren Mitglie- 
dern er zahlte, gab es selten Arbeit, und die seltene war hart und maflig 
bezahlt. Vom wirtschaftlichen Verband der Reserveoffiziere bezog 
Theodor einmal wochentlich Hulsenfriichte. Diese teilte er mit Mutter 
und Schwestern, in deren Hause er lebte, geduldet, nicht wohlgelitten, 
wenig beachtet und, wenn es dennoch geschah, mit Geringschatzung 
bedacht. Die Mutter krankelte, die Schwestern gilbten, sie wurden alt 
und konnten es Theodor nicht verzeihen, daft er nicht seine Pflicht, als 
Leutnant und zweimal im Heeresbericht genannter Held zu fallen, er- 
fullt hatte. Ein toter Sohn ware immer der Stoiz der Familie geblieben. 
Ein abgeriisteter Leutnant und ein Opfer der Revolution war den 
Frauen lastig. Es lebte Theodor mit den Seinigen wie ein alter Groftva- 
ter, den man geehrt hatte, wenn er tot gewesen ware, den man gering- 
schatzt, weil er am Leben bleibt. 

Manches Ungemach hatte ihm erspart bleiben konnen, wenn zwischen 
ihm und seinem Hause nicht die wortlose Feindschaft wie eine Wand 



66 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gestanden ware. Er hatte den Schwestern sagen konnen, dafi er sein 
Ungliick nicht selbst verschuldete; dafi er die Revolution verfluchte; 
dafi er einen Haft gegen Sozialisten und Juden nahrte; dafi er jeden seiner 
Tage wie ein schmerzendes Joch liber gebeugtem Nacken trug und in 
seiner Zeit sich eingeschlossen wahnte wie in einem sonnenlosen Ker- 
ker. Von aufien her winkte keine Erlosung, und Flucht war unmoglich. 
Aber er sagte nichts, immer war er schweigsam gewesen, immer hatte er 
die unsichtbare Hand vor seinen Lippen gefuhlt, immer, als Knabe 
schon. Nur das auswendig Gelernte, dessen Klang schon fertig und ein 
dutzendmal kudos geformt in seinen Ohren, seiner Kehle lag, konnte er 
sprechen. Er mufite lange lernen, ehe die sproden Worte nachgiebig 
wurden und sich seinem Gehirn einfugten. Erzahlungen lernte er aus- 
wendig wie Gedichte, das Bild der gedruckten Satze stand vor seinem 
Auge, als sahe er sie im Buch, dariiber die Seitenzahl und am Rande die 
Nase, gekritzelt in miifiigen Viertelstunden. 

Jede Stunde hatte ein fremdes Gesicht. Alles iiberraschte ihn. Jedes 
Ereignis war schrecklich, nur weil es neu war, und verschwunden, ehe er 
es sich eingepragt hatte. Aus Furchtsamkeit lernte er Sorgfalt, wurde 
fleifiig, bereitete sich mit hartnackiger Ruhelosigkeit vor, und wieder 
und wieder entdeckte er, dafi die Vorbereitung noch zu mangelhaft 
gewesen. Aber er verzehnfachte seinen Eifer, brachte es bis zum zweiten 
Platz in der Schule. Primus war der Jude Glaser, der leicht und lachelnd, 
von Buchern und Sorgen unbeschwert, durch die Pausen strich, der in 
zwanzig Minuten den fehlerlosen lateinischen Aufsatz ablieferte und in 
dessen Kopfe Vokabeln, Formeln, Ausnahmen und unregelmafiige 
Verba zu wachsen schienen, ohne muhevoll geziichtet zu werden. 
Der kleine Efrussi war Glaser so ahnlich, dafi Theodor Miihe hatte, vor 
dem Sohn des Juweliers Autoritat zu bewahren. Theodor mufite eine 
leise, hartnackig aufsteigende Zaghaftigkeit unterdriicken, ehe er seinen 
Schiiler zurechtwies. Denn so sicher schrieb der junge Efrussi einen 
Fehler hin, so selbstbewufit sprach er ihn aus, dafi Theodor am Lehr- 
buch zu zweifeln und seines Schiilers Irrtum gehen zu lassen geneigt 
war. Und immer war es so schon gewesen. Immer hatte Theodor der 
fremden Macht geglaubt, jeder fremden, die ihm gegeniiberstand. In der 
Armee nur war er gliicklich. Was man ihm sagte, mufite er glauben, und 
die andern mufiten es, wenn er selbst sprach. Theodor ware gern sein 
Leben lang bei der Armee geblieben. 
Anders war das Leben in Zivil, grausam, voller Tiicke in unbekannten 



DAS SPINNENNETZ 6j 

Winkeln. Gab man sich Miihe, sie hatte keine Richtung, Krafte ver- 
schwendete man an Ungewisses, es war ein unaufhorliches Aufbauen 
von Kartenhausern, die ein geheimnisvoller Windzug umblies. Kein 
Sterben nutzte, kein Fleift erlebte seine Belohnung. Kein Vorgesetzter 
war, dessen Launen man erkunden, dessen Wunsche man erraten 
konnte. Alle waren Vorgesetzte, alle Menschen in den Straften, die 
Kollegen im Horsaal, die Mutter sogar und die Schwestern auch. 
Alle hatten es leicht, am leichtesten die Glasers und Efrussis: Der 
wurde Primus und der Juwelier und jener Sohn des reichen Juweliers. 
Nur in der Armee waren sie nichts geworden, selten Sergeanten. Dort 
siegte Gerechtigkeit iiber Schwindel. Denn alles war Schwindel, Gla- 
sers Wissen unredlich erworben wie das Geld des Juweliers. Es ging 
nicht mit rechten Dingen zu, wenn der Soldat Griinbaum einen Urlaub 
erhielt und wenn Efrussi ein Geschaft machte. Erschwindelt war die 
Revolution, der Kaiser betrogen, der General genarrt, die Republik ein 
jiidisches Geschaft. Theodor sah das alles selbst, und die Meinung der 
anderen verstarkte seine Eindriicke. Kluge Kopfe, wie Wilhelm Tiede- 
mann, Professor Koethe, der Dozent Bastelmann, der Physiker Lor- 
ranz, der Rassenforscher Mannheim, behaupteten und bewiesen die 
Schadlichkeit der jiidischen Rasse an den Vortragsabenden des Ver- 
eines deutscher Rechtshorer und in ihren Buchern, die in der Lesehalle 
der »Germania« ausgestellt waren. 

Oft hatte der Vater Lohse seine Tochter vor dem Verkehr mit jungen 
Juden in der Tanzstunde gewarnt. Beispiele gibt es, Beispiele! Ihm 
selbst, dem Bahnzollrevisor Lohse, passierte es mindestens zweimal im 
Monat, daft ihn Juden aus Posen, welche die schlimmsten sind, zu be- 
stechen versuchten. Im Kriege wurden sie enthoben, fur den Kriegs- 
dienst ungeeignet erklart, saften sie als Schreiber in den Lazaretten und 
in den Etappenkommandos. 

Im juridischen Seminar meldeten sie sich immer wieder zu Wort und 
schufen neue Situationen, in denen Theodor sich heimatlos fuhlte und 
zu neuerlichen, unangenehmen, eifervollen, hartnackigen Arbeiten ge- 
drangt. 

Nun hatten sie die Armee vernichtet, nun beherrschten sie den Staat, 
sie erfanden den Sozialismus, die Vaterlandslosigkeit, die Liebe fur den 
Feind. Es stand in den »Weisen von Zion« - das Buch bekamen alle 
Mitglieder des Reserveoffiziersverbandes zu den Hiilsenfruchten am 
Freitag -, daft sie die Weltherrschaft erstrebten. Sie hatten die Polizei 



68 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

in Handen und verfolgten die nationalen Organisational. Und man 
mufJte ihre Sonne unterrichten, von ihnen leben, schlecht leben - wie 
lebten sie selbst? 

Oh, wie herrlich lebten sie! Durch ein graues, silbern schimmerndes 
Gitter von der gemeinsamen Strafie getrennt, war das Haus Efrussis 
und von griinem, weitem Rasen umgeben. Weifi schimmerte der Kies, 
noch heller die Treppe, die zur Ttir fiihrte, Bilder in Goldrahmen hin- 
gen im Vestibiil, und ein Diener in griin-goldener Livree empfing und 
verneigte sich. Der Juwelier war hager und grofi, immer schwarz ge- 
kleidet, in einer hohen, schwarzen Weste, deren Ausschnitt nur ein 
Stuckchen schwarzer, mit einer haselnuftgrofien Perle geschmiickter 
Kragenbinde frei liefi. 

Theodors Familie bewohnte drei Zimmer in Moabit, und das schonste 
enthielt zwei wackelige Schranke, als Prunkstiick die Kredenz und als 
einzigen Schmuck jenen silbernen Aufsatz, den Theodor aus dem 
Schlosse von Amiens gerettet und auf dem Grunde des Koffers gebor- 
gen hatte, noch knapp vor der Ankunft des gestrengen Majors Krause, 
der solche Dinge nicht geschehen liefi. 

Nein! Theodor lebte nicht in einer Villa hinter silbrig glanzendem 
Drahtgitter. Und kein Rang trostete ihn liber die Not seines Lebens. 
Er war ein Hauslehrer mit gescheiterten Hoffnungen, begrabenem 
Mut, aber ewig lebendigem, qualendem Ehrgeiz. Frauen, mit einer sii- 
fien, lockenden Musik in den wiegenden Hiiften, gingen an ihm vor- 
bei, unerreichbar, und er war doch geschaffen, sie zu besitzen. Als 
Leutnant hatte er sie besessen, alle, auch die junge Frau Efrussi, die 
zweite Gattin des Juweliers. 

Wie feme war sie, aus jener grofien Welt kam sie, in die Theodor bei- 
nahe schon gelangt ware. Sie war eine Dame, judisch, aber eine Dame. 
In der Uniform eines Leutnants hatte er ihr entgegentreten miissen, 
nicht im Zivil des Hauslehrers. Er hatte einmal, in seiner Leutnants- 
zeit, auf Urlaub in Berlin, ein Abenteuer mit einer Dame. Man konnte 
schon sagen: Dame; Gattin eines Zigarrenhandlers, der in Flandern 
stand; seine Photographie hing im Speisezimmer; violette Unterhos- 
chen trug sie. Es waren die ersten violetten Unterhoschen in Theodors 
mannlichem Dasein. 

Was ahnte er jetzt von Damen! Sein waren die kleinen Madchen fiir 
billiges Geld, die hastige Minute kalter Liebe im nachtlichen Dunkel 
des Hausflurs, in der Nische, umflattert von der Furcht vor dem zufal- 



DAS SPINNENNET2 69 

lig heimkehrenden Nachbarn, die Lust, die in der Angst vor dem iiber- 
raschenden Schritt erlosch, wie die Glut erkaltet, die roh in Fliissigkeit 
geschleuderte; sein war das barfiiftige, einfache Madel aus dem Nor- 
den, das Weib mit den eckigen, harthautigen Handen, deren Liebko- 
sung rauh war, deren Beriihrung abkuhlte, deren Wasche schmutzig, 
deren Striimpfe durchschwitzt waren. 

Nicht von seiner Welt war sie, die Frau Efrussi. Wahrend er ihre 
Stimme horte, fiel ihm ein, daft sie gut sein musse. Niemand hatte ihm 
so viel Schones so einfach und herzlich gesagt. Sie verstehn es vortreff- 
lich, Herr Lohse! Gefallt es Ihnen hier? Fuhlen Sie sich wohl bei uns? 
Oh, wie war sie gut, schon, jung, Theodor hatte sich so eine Schwester 
gewiinscht. 

Einmal erschrak er, als sie aus einem Laden trat. Als ware es plotzlich 
in ihm hell geworden, erinnerte er sich in diesem Augenblick, daft er 
auf dem ganzen Wege ihrer gedacht hatte. Es erschreckte ihn die Ent- 
deckung, daft sie in ihm lebte, daft er, wider Willen und ohne es zu 
wissen, stehengeblieben war, daft er ihre Einladung annahm, mit ihr 
ins Auto zu steigen, und fast hatte er es vor ihr getan. Manchmal 
wurde er gegen sie geworfen, ihren Arm beruhrte er und bat schnell 
um Verzeihung. Ihre Frage uberhorte er. Er mufite angestrengt achtge- 
ben, um nicht wieder an sie zu stofien. Dennoch ereignete es sich. 
Eifrig bereitete er sich auf den Moment des Aussteigens vor. Aber frii- 
her, als er gedacht hatte, hielt der Wagen, und nun war keine Zeit mehr 
auszusteigen, ihr hilfreich die Hand zu bieten. Er blieb sitzen und lieft 
sie warten, bis er unten stand, die Schachtel, die er gerade ergreifen 
wollte, hielt schon der Chauffeur. Aus einer sehr weiten Feme traf ihr 
Abschiedswort sein Ohr, aber in unentrinnbarer Nahe lebte ihr La- 
cheln vor seinen Augen; als lachelte das Spiegelbild einer fern spre- 
chenden Frau. 

Niemals erreichte er sie, wie wollte er es? Gluhend war sein Wunsch. 
Aber erloschen der Glaube an seine Kraft zu erobern, da er nicht mehr 
Leutnant war. Er hatte es erst wieder werden mtissen. Er wollte es 
werden, Leutnant werden oder sonst etwas. Nicht bleiben in der Ver- 
borgenheit und nicht mehr geborgen sein, nicht ein bescheidener Zie- 
gelstein im Gefiige einer Mauer, nicht der Letzte der Kameraden, nicht 
ihr Lauscher und Lacher, wenn sie Anekdoten erzahlten und Zoten 
rissen, nicht mehr einsam unter den vielen, allein mit seiner vergebli- 
chen Sehnsucht, gehort zu werden, und mit der ewigen Enttauschung 



70 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

des Uberhorten, Geduldeten und wegen seiner dankbaren Aufmerk- 
samkeit Beliebten. Oh, glaubten sie, er ware harmlos und ungefahr- 
lich? Sie sollten sehen. Alle sollten es sehen! Bald wird er aus seinem 
ruhmlosen Winkel treten, ein Sieger, nicht mehr gefangen in der Zeit, 
nicht mehr unter das Joch seiner Tage gedriickt. Es schmetterten helle 
Fanfaren irgendwo am Horizont. 



II 



Manchmal uberfiel ihn sein eigener Stolz wie eine fremde Gewalt, und 
er furchtete seine Wiinsche, die ihn gefangenhielten. Aber sooft er 
durch die Strafien ging, hone er Millionen fremder Stimmen, flimmer- 
ten Millionen Buntheiten vor seinen Augen, die Schatze der Welt klan- 
gen und leuchteten. Musik wehte aus offenen Fenstern, sufier Duft von 
schreitenden Frauen, Stolz und Gewalt von sicheren Mannern. Sooft 
er durch das Brandenburger Tor ging, traumte er den alten, verlorenen 
Traum vom siegreichen Einzug auf schneeweiftem Rofi, als berittener 
Hauptmann an der Spitze seiner Kompanie, von Tausenden Frauen 
beachtet, vielleicht von manchen gekiifit, von Fahnen umflattert und 
Jubel umbraust. Diesen Traum hatte er in sich getragen und liebevoll 
genahrt vom ersten Augenblick seines freiwilligen Eintritts in die Ka- 
serne, durch die Entbehrungen und Lebensnote des Krieges. Die 
schmerzende Beschimpfung des Wachtmeisters auf der Exerzierwiese 
hatte dieser Traum gelindert, den Hunger auf tagelangem Marsch, das 
brennende Weh in den Knien, den Arrest in dunkler Zelle, das betau- 
bende, qualvolle Weifi der verschneiten Wachtpostennacht, den ste- 
chenden Frost in den Zehen. 

Der Traum drangte zum Ausbruch wie eine Krankheit, die lange un- 
sichtbar in Gelenken, Nerven, Muskeln lebt und alle Blutgefafie des 
Korpers erfullt, der man nicht entrinnen kann, es sei denn, man ent- 
rinne sich selbst. Und zufolge jener unbekannten Gewalt, welche 
Theodor schon oft geholfen hatte und die ihn lehrte, daft der Erfullung 
jeder qualvollen Sehnsucht im letzten Moment eine giinstige auftere 
Bedingung auf halbem Wege entgegenkommt, ereignete es sich, daft er 
den Doktor Trebitsch im Hause Efrussis kennenlernte. 
In der ersten Viertelstunde ihrer Bekanntschaft sprach der Doktor 
Trebitsch unermudlich, und sein blonder, langer, in sanften, dunkeln- 



DAS SPINNENNETZ 71 

den, an den Randern gelichteten Strahnen herabfliefiender Bart be- 
wegte sich vor den Augen Theodors in regelmafiigem Auf und Ab und 
stbrte die Aufmerksamkeit des Zuhorers. Leise platscherten die Worte 
des Blondbartigen, eines und das andere blieb eine Weile in Theodor 
haften und verwehte wieder. Noch nie war er einem Vollbart so nahe 
gewesen. Plotzlich stoberte ihn der Klang eines Namens aus seiner 
betaubten Zerstreutheit auf. Es war der Name des Prinzen Heinrich. 
Und mit dem Instinkt eines Mannes, der zufallig einem Prunkstiick 
aus einer verschiitteten Vergangenheit begegnet und es mit rettend ha- 
stiger Gebarde an die Brust reifk, rief Theodor: »Ich war Leutnant im 
Regiment Seiner Hoheit des Prinzen Heinrich !« 
»Der Prinz wird sich sehr freuen«, sagte Doktor Trebitsch, und seine 
Stimme war nicht mehr fern, sondern ganz, ganz nahe. 
Der Stolz fiillte, wie etwas Korperliches, Theodors Brustkorb, und 
sein gestarktes Hemd wolbte sich. 

Sie fuhren im Auto ins Kasino. Und Theodor safi im Wagen, nicht wie 
vor einer Woche, als er mit Frau Efrussi fuhr. Nicht mehr fuhlte er, 
gedriickt und dunn, die Ecke zwischen Seitenwand und Ruckenpol- 
ster. Er breitete sich aus. Sein Korper fuhlte durch Paletot, Rock, We- 
ste die sanfte, kiihle Nachgiebigkeit des Leders. Die Fiifie lehnte er 
gegen den vorderen Sitz. Die Zigarre erfiillte das Coupe mit dem satten 
Duft einer uberfliissigen Behaglichkeit. Theodor offnete das Fenster 
und fuhlte die schnelle, schiefiende kalte Marzluft mit der Wollust 
eines innerlich Durchwarmten. 

Man trank Schnaps und Bier, und der Abend im Kasino erinnerte an 
eine Kaiser-Geburtstagsfeier. Graf Straubwitz von den Kiirassieren 
hielt eine Rede. Man brach in ein dreifaches Hurra aus. Jemand er- 
zahlte Anekdoten aus dem Kriege. Theodor war Gast an der Seite des 
Prinzen. Nicht einen Moment verlor er Seine Hoheit aus den Augen. 
Er ignorierte seinen Nachbarn zur anderen Seite. Es gait, allezeit auf 
eine Frage des Prinzen vorbereitet und zur Stelle zu sein. Nicht fur die 
Dauer eines Augenblicks vergaft Theodor, dafi er jetzt endlich die Ge- 
legenheit ergreifen konnte, Teile seines Traums zu verwirklichen. War 
er noch der kleine, unbekannte Hauslehrer eines judischen Knaben? 
Kannte ihn der Prinz nicht? Kannten ihn nicht alle Herren, die hier um 
den Tisch safien? Und obwohl der ungewohnte Alkohol allmahlich 
Theodors Sinn fur die augen blicklichen, kleinen Wirklichkeiten ein- 
schlaferte, blieb doch eine grofte, helle Heiterkeit zuriick, und die Si- 



Jl ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

cherheit kehrte ihm so oft wieder, als er sie brauchte, um dem Prinzen 
eine Serviette, ein Glas, Feuer fur die Zigarette zu reichen. 
Als ihn der Prinz aufforderte, von jener Schlacht bei Stojanowics zu 
erzahlen, die das Regiment so loblich mitgemacht hatte, begann Theo- 
dor aufs Geratewohl, etwas lauter, als er gewohnlich zu sprechen 
pflegte. Es ging eine Weile ganz gut, bis er bemerkte, dafi er die Erzah- 
lung angefangen hatte, ohne sich den Schlufi zurechtgelegt zu haben. 
Er hielt ein, und es erschutterte ihn die grofie, lauschende Stille. Er 
wufite noch, dafi seine letzten Worte »Hauptmann von der Heidt« 
gewesen waren. »Dieser Hauptmann also«, fuhr Theodor fort, aber 
das Ende des Satzes fand er nicht mehr. »Er lebe hoch! Hurra!« fiel der 
Doktor Trebitsch ein, und man feierte den Hauptmann von der Heidt. 
Dann stellte es sich heraus, dafi Theodor und der Prinz denselben Weg 
nach Hause hatten, und sie safien zusammen im Auto. Theodor redete 
unterwegs. Frau Efrussi fiel ihm ein, und er erzahlte von ihr dem Prin- 
zen. Ihre grofien griinen Augen sah er. Ihre Schultern. Er streifte ihr 
die Kleider ab, sie stand vor ihm in der Unterwasche. Sie trug violette 
Unterhoschen. Er erzahlte alles dem Prinzen, was er sah, tat, erlebte. 
»Ich streife ihr das Hemd ab«, sagte Theodor, »Hoheit miissen wissen, 
sie hat braune Brustwarzen . . . ich beifie in ihre harte Brust!« 
»Sie sind ein famoser Junge«, sagte der Prinz. 

Er wiederholte diesen Satz auch spater noch, als sie im Zimmer safien 
und einen schwarzen Kaffee tranken und noch einen Likor. So nahe 
safien sie beieinander, ihre Schenkel benihrten sich, und der Prinz hielt 
Theodors Hand und drlickte sie. Und auf einmal war Theodor nackt 
und der Prinz Heinrich ebenfalls. Der Prinz hat eine dichtbehaarte 
Brust und sehr dunne Beine. Seine Zehen sind ein bifichen verknimmt. 
Theodor hat den Kopf gesenkt, und obwohl es ihm peinlich ist, mufi er 
die Zehen betrachten. Er denkt, es ware schon bei weitem besser, dem 
Prinzen ins Angesicht zu sehen. Das Angesicht, denkt er, ist der ein- 
zige bekleidete Korperteil des Prinzen. Der Prinz driickt aus einem 
Gummiballon einen kiihlen, feinen Staubregen in die Luft. 
Theodor sieht zum erstenmal seine ganze Nacktheit in einem grofien 
Wandspiegel. Er kann feststellen, dafi er eine weifie, rosa angehauchte 
Haut besitzt, rundlich geformte Beine, ein wenig gewolbte Briiste und 
leuchtende Brustwarzen wie zwei dunkelrote, winzige Kuppeln. 
Theodor liegt auf dem warmen, weichen Eisbarfell, und neben ihm 
atmet schwer und laut der Prinz Heinrich. Der Prinz beifit in Theo- 



DAS SPINNENNETZ 73 

dors Fleisch. Die Bartreste des Prinzen kratzen, seine gekrauselten 
Brust- und Beinhaare kitzeln Theodor. 

Er erwachte in einem halbdunkien Zimmer, und sein erster Blick traf 
ein grofies Olportrat des Prinzen an der Wand. In einer erschrecken- 
den Wachheit sah er alle Ereignisse der vergangenen Nacht. Er 
kampfte gegen sie vergeblich. Er versuchte, sie auszuloschen. Sie wa- 
ren uberhaupt nie gewesen. Er begann, an allerlei entfernte Dinge zu 
denken. Er konjugierte ein griechisches Verbum. Aber seine letzten 
Erlebnisse uberfielen ihn, eine Schar zudringlicher Fliegen. Er stieg 
langsam die Stiege hinunter und nahm den Grufi eines alten, ehrfurch- 
tigen Dieners entgegen. Schon meldete das helle Geklingel der Stra- 
fienbahn die Nahe der Welt. 

Oh, die Nahe dieser reichen Welt, deren Millionen Schatze klangen 
und flimmerten. Die Strafte erlebte er, den Gang der Frauen, Musik in 
den wiegenden Hiiften, die stolze Gewifiheit sicher schreitender Man- 
ner und seine eigene, kleine Diirftigkeit in der Mine. 
Geringer als er je gewesen, verliefi er das Haus. Immer schon war es so 
gewesen, daft er zuriickweichen mufke, getroffen, wenn er sich erha- 
ben gewahnt, verlassen und auf Wegen, die hinunterfuhrten, sooft er 
Hohen entgegengestrebt war. Er wollte nicht zuriick, er wollte hier- 
bleiben. Und er blieb vor dem alten, ehrfurchtigen Diener stehen und 
fragte nach dem Prinzen. 

Prinz Heinrich hielt die Fufte in der gefullten Schiissel unter dem 
Tisch, wahrend er Fruhstiick afi. »Gu'n Morjen, Theo!« sagte der 
Prinz und liefi Theodor stehen. 

Ganz nahe an den Tisch trat Theodor und sah den Prinzen an. 
Der Prinz brach ein Ei nach dem anderen auf und schiittete die Dotter 
in ein Glas. 

»Setz dich!« sagte er endlich. Und als hatte er sich jetzt erst erinnert: 
»Schon gegessen?«, und er schob Theodor Eier, Butter und Brot zu. 
Die Nahrung kraftigte Theodor. Er aft schweigsam, eine gute, wohlta- 
tige, klare Ruhe kehrte in ihm ein. 

Und plotzlich, als hatte sich die Zunge von jeder Abhangigkeit befreit, 
huschte seine hurtige Frage iiber den Tisch: ob der Prinz einen Sekre- 
tar brauche. 

Prinz Heinrich nickte, langst hatte er die Frage erwartet. Er schreibt 
etwas auf seine Visitkarte: »Trebitsch«, sagt der Prinz, nichts mehr. 
Und als Theodor aufsteht: »Gu'n Morjen !« 



74 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Und Theodor verlafk das Haus und geht durch den marzfrischen Tier- 
garten und saugt die Blaue des Himmels ein und das erste Zwitschern 
der Vogel und weifi, dafi er bergaufwarts geht, obwohl die Strafie eben 
ist. Und er weifi, dafi man durch Abgriinde mufi und daK man verges- 
sen soil. Ablegen will er hindernde Erinnerungen an die Ereignisse der 
vergangenen Nacht. Sie ist verschlungen von der strahlenden Blaue des 
Morgens. 



Ill 

Trebitsch nahm ihn auf, bei feierlichem Kerzenglanz schwor Theodor 
einen langen Eid, setzte er seinen Namen auf ein Blatt Papier, dessen 
Inhalt er kaum gelesen hatte, seine Hand lag zwei Minuten lang in der 
behaarten Tatze eines Mannes, den man Detektiv Klitsche nannte, der 
liber einem zerschossenen oder verkummerten Ohrlappchen eine man- 
gelhaft verhiillende, glatte Haarstrahne trug und der von nun an Theo- 
dors Vorgesetzter sein sollte. Nun war Theodor Mitglied einer Orga- 
nisation, einer Gemeinschaft, deren Namen er nicht kannte, einen 
Buchstaben wufite er nur und eine romische Zahl, den Buchstaben S 
und die Zahl II, und den Sitz dieser unbekannten Macht, der in Miin- 
chen war. Befehle hatte er von Klitsche zu erwarten, briefliche, miind- 
liche, Gehorsam unter alien Umstanden war Bedingung und ebenso 
Verschwiegenheit, Tod stand auf Verrat und Vernichtung auf unbe- 
dacht gesprochenes Wort. 

Es ging Theodor wider seinen Wilien zu schnell und gegen die Bedach- 
tigkeit seines Gemiits. Er erschrak wiederum vor so viel Neuem, er 
kam sich iiberrumpelt vor. Er fiirchtete sich vor dem Kerzenglanz und 
den tonenden Worten des Schwurs, der Pranke seines Vorgesetzten, 
und den Tod fiihlte er nahe wie ein bereits zum Verrater Gewordener 
und Verurteilter. Er hatte niemals schlecht geschlafen, in der Nacht 
traumte er selten und, wenn es geschah, immer nur Trostliches. Vor 
dem Einschlafen pflegte er an die schonen Bilder der Zukunft zu den- 
ken, mochte der vergangene Tag auch keinen Anlafi dazu gegeben ha- 
ben. Seit jenem Vormittag im Biiro des Dr. Trebitsch traumte er von 
brennenden Kerzen, gelben, im Licht eines vollen Tages. Am grafilich- 
sten war die Vorstellung, daft kein Entrinnen moglich war und dafi er 
nicht mehr zuriickkonnte, zuriick in die geborgene Stille einer Haus- 



DAS SPINNENNETZ 75 

lehrerexistenz, die Freiheit war. Welche Befehle harrten seiner? Mord 
und Diebstahl und gefahrliches Spionieren? Wieviel Feinde lauerten im 
Dunkel der abendlichen Strafien? Schon jetzt war er nicht mehr seines 
Lebens sicher. 

Aber welch ein Lohn konnte ihm werden! Ich sprenge die Zeit, in der 
ich gefangen bin, den sonnenlosen Kerker dieses Daseins, werfe das 
driickende Joch dieser Tage ab, steige auf, zerschmettere geschlossene 
Pforten, ich, Theodor Lohse, ein Gefahrdeter, aber ein Gefahrlicher, 
mehr als ein Leutnant, mehr als ein Sieger auf trabendem Rofi, zwischen 
grufknden Spalieren, Retter des Vaterlandes vielleicht. In diesen Zeiten 
gewinnt der Wagende. 

Ein paar Tage spater bekam er den ersten Befehl: bei Efrussi zu kundi- 
gen, zugleich den ersten, von Heinrich Meyer unterzeichneten Scheck 
uber einen phantastisch hohen Betrag bei der Dresdner Bank zu behe- 
ben. Niemals war so viel Geld bei Theodor gewesen, im Nu veranderte 
der Besitz seine Miene, seinen Gang, seine Haltung, seine Umwelt. Es 
war ein heller Aprilabend, die Madchen trugen leichte Kleider und 
lebendige Briiste. Die Fenster einer ganzen Hauserfront standen offen. 
Zwitschernde Spatzen hiipften zwischen gelbem Pferdekot. Es lachelte 
die Strafie. Schon trug der Laternenanziinder den sommerlich weifien 
Kittel. Die Welt verjiingte sich ohne Zweifel. Die letzten Sonnenstrah- 
len zitterten in kleinen Kotlachen. Die Madchen lachelten und schienen 
sehr zuganglich. Es gab blonde und braune und schwarze. Aber das war 
eine oberflachliche Einteilung. Madchen mit breiten Hiiften sind Theo- 
dors besondere Lieblinge. Er liebt es, Zuflucht und Heimat zu finden im 
Weibe. Er will nach vollendeter Liebe Mutterlichkeit, weite, breite, 
giitige. Er will seinen Kopf zwischen grofien, guten Briisten betten. 
Das war ein Tag, an dem ihm die Kiindigung bei Efrussi leichtfallen 
mufite. Zwei Jahre war er ins Haus gekommen, Tag fur Tag, und jetzt 
wird er die junge Frau Efrussi nicht mehr sehen. Er dachte ihrer wie 
einer Landschaft, die man einmal aus der Feme erblickt hat und in der 
ein Verweilen unmoglich war. 

Er konnte vielleicht schriftlich kundigen - unter irgendeinem Vorwand. 
Priifungen nahmen ihn jetzt so in Anspruch. Allein das ware nicht nur 
Luge, ware Feigheit sogar und die Gelegenheit, dem verhafken Efrussi 
die lange krampfhaft zuriickgehaltene Wahrheit zu sagen, versaumt. 
»Herr Efrussi, ich bin ein armer Deutscher, Sie ein reicher Jude. Es 
bedeutet Verrat, eines Juden Brot zu essen.« 



j6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Aber Theodor sprach nicht so zu dem schwarzen, hageren Efrussi, 
dessen Angesicht an das Portrat einer alten Frau mit strengen Ziigen 
erinnerte. Theodor sagte nur: 
»Ich will Ihnen etwas mitteilen, Herr Efrussi. « 
»Bitte!« sagte Efrussi. 

»Ich unterrichte in Ihrem Hause schon zwei Jahre . . .« 
»Ihr Gehalt will ich erhohen«, unterbricht Efrussi. 
»Nein, im Gegenteil, ich will kiindigen«, sagte Theodor. 
»Weshalb?« 

»Weil Herr Trebitsch namlich . . .« 

Efrussi lachelt: »Sehen Sie, Herr Lohse, ich kenne den Trebitsch schon 
sehr lange. Sein Vater war ein Geschaftsfreund meines Vaters. Er war 
grofi und bedeutend in der Manufaktur. Sein Sohn hatte besser daran 
getan, im Geschaft zu bleiben. Ich kenne die Kindereien des Doktor 
Trebitsch. Sie sind der dritte Hauslehrer, den er mir wegnimmt. Er ist 
ein stiller Narr.« 

»Er ist ein Freund Seiner Hoheit des Prinzen Heinrich.« 
»Ja«, sagte Efrussi, »der Prinz hat bekanntlich viele Freunde.« 
»Was wollen Sie damit sagen? Ich war Leutnant im Regiment des Prin- 
zen.* 

»Des Prinzen Regiment war bestimmt ein tapferes. Ubrigens hake ich 
sehr viel vom Prinzentum im allgemeinen, aber sehr wenig vom Prin- 
zen. Aber das gehort nicht hierher . . .« 

»Doch«, sagte Theodor, und ohne Efrussis letzten Satz begriffen zu 
haben: »Sie sind Jude!« 

»Das ist mir nicht neu.« Efrussi lachelte. »Auch Trebitsch ist Jude, 
ohne dafi ich den Wunsch hatte, mich mit ihm zu vergleichen. Aber ich 
verstehe Sie, ich lese ja die nationalen Blatter. Ich inseriere sogar in der 
>Deutschen 2eitung<. Sie wollen also nicht mehr meinen Sohn unter- 
richten. Hier ist Ihr letztes Monatsgehalt. Lassen Sie sich durch nichts 
abhalten, es zu nehmen. Es gebiihrt Ihnen !« 

Theodor nahm es. Seine Weigerung hatte die Diskussion fortgesetzt. 
Und gebiihrte es ihm nicht wirklich? Hatte er nicht schon beinahe drei 
Wochen vom laufenden Monat weg? Er nahm, verneigte sich und ging. 
Und wufite nicht, daft Efrussi den Major Pauli von der Stadtkom- 
mandantur anrief und sich iiber den Verlust des Hauslehrers beklagte: 
»Ihre Agitation geht zu weit!« sagte Efrussi. Und der Major entschul- 
digte sich. 



DAS SPINNENNETZ JJ 

Theodor hat die erste Aufgabe erfiillt. Er hat ein blutendes Herz mit- 
genommen. Er wird niemals mehr Frau Efrussi sehen. 
Und es ist ihm, als hatte er jetzt erst seinen langen, klingenden Eid 
geleistet. Diese Kiindigung war wie ein donnernd zugeschlagenes Tor, 
Abschlufi eines Weges, Ende eines Lebens. 



IV 

Drei Tage, drei Nachte genofi Theodor sein Geld. Es nahm ihm die 
Besinnung, zu wahlen und sich rmt Bedacht zu freuen. Er beschlief 
Madchen von der Strafie und kostspieligere, die in den Lokalen warte- 
ten. Er trank Wein, der ihm nicht schmeckte, und siifie Likore, die ihm 
Qual verursachten und deren widerlichen Geschmack er durch Ko- 
gnak loszuwerden versuchte. Er schlief in schmutzigen Gasthofen und 
entdeckte spat, dafi er fur die gleiche Summe alle paradiesischen Ge- 
niisse eines grofien Hotels hatte kaufen konnen. Er ging einmal in die 
Gesellschaft seiner Kameraden, zahlte ihnen ein paar Runden und 
wurde ausgelacht. Jedes neue Mifilingen einer verschwenderisch unter- 
nommenen Freude stachelte seinen Ehrgeiz auf, und nur aus Angst vor 
dem angedrohten Tode hielt er in der Berauschtheit mit seinem Ge- 
heimnis zuriick und dammte krampfhaft das Wort hinter widerstre- 
benden Lippen: Ich, Theodor Lohse, bin Mitglied einer geheimen Or- 
ganisation. 

Wie wiirden sie ihn bewundern, wenn sie es wiifken! Aber fast so kost- 
Hch, wie das Bewundertsein gewesen ware, war das Geheimnis, in dem 
er lebte, und das Inkognito. Er war im Begriff, an den unsichtbaren 
Faden zu Ziehen, an denen, wie er aus den Zeitungen wufite, Minister, 
Behorden, Staatsmanner, Abgeordnete hingen. Und er trug immer 
noch das unscheinbare Gewand eines Rechtshorers und Hauslehrers. 
Er ging an einem Polizisten vorbei und wurde nicht erkannt. Niemand 
sah ihm seine Gefahrlichkeit an. Manchmal gefiel es ihm, seine Verbor- 
genheit zu verstarken, und er trat fur einige Minuten in einen dunklen 
Hausflur und bildete sich ein, jemanden zu beobachten, ohne selbst 
bemerkt zu werden. Er bereitete sich auf seinen Beruf vor, indem er 
eine eingebildete Aufgabe ausfiihrte. Er trat in irgendein Ministerium 
und fragte den Portier nach einem beliebigen Namen, er las die Liste 
der Beamten liber die Schulter des suchenden Portiers und ging zufrie- 



78 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

den davon. Er begann, sich urn Dinge zu kiimmern, die ihn niemals 
interessiert hatten. Er kaufte revolutionare Blatter, er ging, um ein 
gleichgultiges Inserat aufzugeben, in die Redaktion der »Roten Fahne« 
und stellte fest, dafi sie leicht zu erobern war. Man sollte mit ihm zu- 
frieden sein. Er wiirde - fiel ihm eine Aufgabe zu - iiber wichtige 
Dinge schon orientiert sein. 

Mit jenem hitzigen Fleifi, mit dem er einmal freiwillig seinen Einzug in 
die Kaserne gehalten hatte, machte er sich an noch nicht erhaltene Auf- 
trage, nicht verlangte Arbeiten. Freilich war es beim Regiment leichter, 
weil ubersichtlicher. Man kannte den Zimmerkommandanten genau, 
den Schulleiter, den Sergeanten und den Wachtmeister. Hier tappte 
man im dunkeln. Sollte man seine Beflissenheit in Trebitschs Dienste 
stellen oder dem Detektiv Klitsche widmen? Wer kannte sich hier aus? 
Theodor ging planlos durch die Strafien, mit rastlos leerlaufendem 
Eifer angefullt. Er empfand die Notwendigkeit, seiner Beflissenheit ein 
sichtbares Gebiet zu erobern, deutliche Erfolge zu konstatieren. Vor 
einem Schaukasten eines Photographenateliers Unter den Linden blieb 
er stehen. Hier hing das farbige Bild des Generals Ludendorff, ein Pa- 
radestiick des Photographen. 

Immer war es Theodors Bestreben gewesen, mit den Grofien und 
Grofiten in irgendeinen Kontakt zu gelangen. Schon in der Schule 
hatte er es durch allerlei Dienst- und Ehrenerweisungen erreicht, dafi 
ihn der Leiter in den Pausen mit irgendeinem personlichen Auftrag 
begnadete. Im Kriege war er nach kurzen Monaten Adjutant des 
Obersten geworden. Und beim Anblick des Ludendorffschen Bildes 
verfiel Theodor auf den Gedanken, seine alte Methode anzuwenden 
und eine Verbindung mit dem General herzustellen. Sein Herz schlug, 
sein Blut klopfte gegen die Schlafen, als stiinde er vor dem lebendigen 
General, nicht vor einer Photographic Und Theodor begab sich in ein 
Cafe und schrieb einen ehrerbietigen Brief an Ludendorff nach Miin- 
chen, ohne nahere Adresse, im Vertrauen auf die Popularitat des Gene- 
rals und die Zuverlassigkeit der Post. 

Und es geschah, dafi Theodor wirklich eine Antwort erhielt. Er las und 
wuchs bei jedem der kurzen, metallenen Worte. »Lieber Freund!« 
schrieb der General, »Sie gefallen mir. Arbeiten Sie fleifiig mit Gott fur 
Freiheit und Vaterland. Ihr Ludendorff. « 

Theodor las den Brief: in der Bahn, an der Haltestelle, im Kolleg und 
wahrend er afi. Ja, mitten im Gewiihl der Strafien erfafite ihn Verlan- 



DAS SPINNENNETZ 79 

gen nach dem Brief. Es zog ihn zu einer der kleinen Banke am Rande 
eines Rasens hin, auf die er sich niemals gesetzt hatte, aus Widerwil- 
len gegen die plebejischen und von Menschen niederen Schlages be- 
volkerten Sitzgelegenheiten. Heute war er meilenweit von den Men- 
schen entfernt, mit denen er dieselbe Bank teilte. Er las den Brief und 
wanderte weiter, um sich nach zehn Minuten wieder zu setzen. 
Wie ein frommer Bibeldeuter im Text der Heiligen Schrift, so fand 
Theodor in den Zeilen des Generals immer wieder einen neuen Sinn. 
Bald kam er zu der Uberzeugung, daf$ Ludendorff von Theodor Loh- 
ses Eintritt in die Geheimorganisation wisse. Trebitsch mufke es ihm 
mitgeteilt haben. War Theodor nicht ein personlicher Freund des 
Prinzen? Zwischen der Absendung des Briefes und dem Eintreffen 
der Antwort lagen acht Tage. Also hat sich Ludendorff in Berlin er- 
kundigt. »Mein lieber Freund!« schrieb der General. So schreibt man 
einem, der mehr verspricht, als er schon geleistet hat. 
Theodor begab sich in die »Germania«, in deren Lesesaal der Genua- 
nist Spitz einen Vortrag uber Rassenprobleme hielt. Wilhelm Tiede- 
mann und andere vom Bunde deutscher Rechtshorer waren anwe- 
send. Zuerst las Tiedemann den Brief. Auf seine Einsicht konnte sich 
Theodor verlassen. Und Tiedemann war ebenso wie Theodor iiber- 
zeugt, dafi Ludendorff seines neuen Freundes Personlichkeit schon 
langere Zeit kennen mufke. 

Alle sagten es Theodor, alle waren seine Freunde. Aus aller Augen 
stromte ihm Liebe entgegen. Jedes einzelnen Herzschlag horte er, 
und das Pochen ihrer Herzen war die Sprache der Freundschaft. Er 
lud sie ein. Er legte seinen Arm um Tiedemanns Schultern. Man trank 
auf Kosten Theodors. Man liefl ihn hochleben. Er sprach viel, und 
noch mehr fiel ihm ein. Als er fortging, trug er ein gewaltiges Ge- 
rausch seiner eigenen Worte davon. 

Der nachste Morgen brachte ihm eine Einladung zum Detektiv Klit- 
sche. Er hatte keine Briefe zu schreiben. An Ludendorff am allerwe- 
nigsten. Noch weniger hatte er dariiber red en sollen. Er ware nicht 
der einzige im Bunde der Rechtshorer, der zur Organisation gehorte, 
und jedes Wort, das er gestern sagte, war Klitsche hinterbracht wor- 
den. 

»Geben Sie den Brief her!« sagte Klitsche. 

Theodor wurde rot. Flammende Rader kreisten vor seinen Augen. Er 
war plotzlich der kleine Einjahrige und stand im Kasernenhof. Er 



80 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

nahm vorschriftsmafiig stramme Stellung an. Er war ein kleiner Ein- 

jahriger mit der Aussicht auf einen Gefreitenknopf. 

Er gab den Brief her. Klitsche steckte ihn ein. Er befahl: 

»Ziehen Sie sich aus!« 

Und Theodor zog sich aus. Als ware es ganz selbstverstandlich, zog er 

sich aus. Er dachte daran, dafi er Klitsche gehorchen musse. 

Und langsam und gleichgultig zog er sich wieder an, so langsam und 

gleichgiiltig wie in seinem Zimmer des Morgens, wie alle Tage. 

Es war Friihling in den Strafien, es zwitscherten ubermutige Vogel, die 

Strafienbahnen klingelten, die Luft war blau, die Frauen trugen leichte 

Kleider. 

Theodor mochte krank sein und ein kleiner Junge und in seinem 

Bett liegen. Er trank in Schnapsbuden zweiten Ranges und schlief 

mit Madchen vom Potsdamer Platz, weil sein Geld zur Neige ging. 

Und als er nichts mehr hatte, empfand er die rauschende Buntheit 

der Strafie tausendmal starker und seine eigene Kleinheit. Und er 

vergaft den Besuch bei Klitsche, wie er den beim Prinzen Heinrich 

vergraben hatte. Uber Abhange und durch Niederungen fiihrte der 

Wee. 



Sein Weg fiihrte vorlaufig zu der Wohnung des Malers Klaften. 
Theodor hiefi Friedrich Trattner und war Genosse aus Hamburg. Mo- 
derne Bilder sah er bei Klaften, farbenrauschende Fanfaronaden, gelbe, 
violette, rote. Die Augen schmerzten, wenn man sich von den Bildern 
abwendete, wie wenn man in die Sonne gesehen hatte. Theodor sagte: 
»Sehr schon!« 

Seine Bewunderung geniigte alien und ersetzte die Legitimation. Man 
sagte Genosse Trattner zu ihm, Er trug seinen neuen Namen mit In- 
brunst. Er, den jede neue Situation iiberraschte, erschuttern konnte, 
jetzt erfand er selbst Situationen, abenteuerliche Ausbriiche aus Ge- 
fangnissen, plotzliche Flucht vor auftauchenden Spitzeln, Priigeleien 
mit Polizei und Studenten. 

Theodor wuchs in Friedrich Trattner hinein. Durch den Korper die- 
ser Figur, die er spielte, ging es zu Ansehen und Geltung. Es war wie 
eine Gefreitencharge beim Militar, die man ganz durchkosten mufke, 



DAS SPINNENNETZ 51 

ehe man weiterkam. Man hatte sie bald iiberstanden. Man gab sich 
Miihe, ihrer wiirdig zu sein, aber nur, um aus ihr schllipfen zu kon- 
nen. 

Neue Menschen lernte Theodor kennen. Den Juden Goldscheider, 
der die Giite predigte und bei jeder Gelegenheit das Neue Testament 
zitierte. War er ein Bolschewik oder nur ein Jude? Goldscheider 
selbst erzahlte von seinem Aufenthalt in Irrenhausern. Er war gewifi 
narrisch. Er sagte manchmal Unverstandliches. Die anderen tauschten 
Verstandnis vor. 

Es war eine harmlose Gesellschaft junger, armer Menschen ohne Ob- 
dach. Sie bekamen Logis und einen Kaffee vom Maler Klaften. Der 
Maler lebte von unmodernen Bildern, die allgemein in der Gesell- 
schaft Kitsch genannt wurden. Theodor hielt sie fur die besten Werke 
Klaftens. 

Theodor horte die jungen Leute fluchen. Sie sahen den Tag der gro- 
fien Revolution greifbar nahe. Sie fluchten auf sozialistische Abgeord- 
nete und Minister, die Theodor immer fur Kommunisten gehalten 
hatte. Er verstand so feine Unterschiede nicht. 

Der Maler Klaften portratierte Theodor. Er erschrak vor seinem eige- 
nen Bildnis. Es war, als hatte er in einen furchtbaren Spiegel gesehen. 
Sein Angesicht war rund, rotlich, die Nase plan, mit leise angedeute- 
ter Spaltlinie auf dem breiten, flachen Rucken. Der Mund war breit, 
mit aufgeworfenen Schaufellippen. Der kleine Schnurrbart verhullte 
die wirkliche Lippe zwar, aber die gemalte nicht. Es war, als hatte der 
Maler den Bart wegrasiert - und er hatte ihn doch mitgemalt. 
Es ist miftlungen, dachte Theodor. Das Bild hing im Zimmer und 
verriet ihn. Alle, die das Portrat sahen, wurden schweigsam und be- 
trachteten Theodor verstohlen. Er fiihlte sich fast entlarvt und ware 
vor diesem Bild geflohen, wenn nicht der junge Kommunist Thimme 
eingetroffen ware. 

Thimme hatte Ekrasit im Keller eines sicheren Gastwirtes eingelagert. 
Er wollte es im Dienst der Revolution explodieren lassen. Er sprach 
von der Notwendigkeit einer neuen revolutionaren Tat und fand Zu- 
stimmung bei alien, bei Theodor Begeisterung. 

Theodor horte mit tausend Ohren. Tausend Arme hatte er bereithalten 
mogen. Er entsann sich jener Spinne in den Sommerferien seiner Kna- 
benzeit, die er jeden Tag mit gefangenen Fliegen gefiittert hatte; des 
atemlosen Wartens auf das hastige Heranklettern des Tieres, sein se- 



82 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

kundenlanges Lauern, den letzten todbringenden Anlauf, der Sturz 
und Sprung und Fall in einer Bewegung war. 

So saf? er jetzt selbst, sturzbereit, zum Sprunge entschlossen. Er hafite 
diese Menschen, wufite nicht, weshalb, und fuhrte fur sich selbst 
Griinde seines Hasses an. Sie waren Sozialisten, Vaterlandslose, Verra- 
ter. In seiner Gewalt waren sie. Oh, er hatte Gewalt iiber fiinf, sechs, 
zehn Menschen. Er hatte wieder Macht iiber Menschen, Theodor 
Lohse, der Hauslehrer, Jurist, vom Detektiv Klitsche Erniedrigte, vom 
Prinzen Mifibrauchte, von seinen Kameraden Verratene. Alle sahen 
das Feuer in seinem Auge, seine geroteten Wangen. Er betrachtete 
Thimme, den jungen, verhungerten Thimme, einen Glasblaser mit 
sichtbarer Tuberkulose, den dunklen Tod trug er in den tiefschatten- 
den Augenhohlen. Er betrachtete Thimme als sein Wild, seinen Men- 
schen, sein Eigentum. 

Er kostete seine Verborgenheit wie eine labende Nahrung. Er riickte 
ins Dunkel. Er spreizte die Finger in den Hosentaschen. Er beugte den 
Oberkorper vor. Er nahm, ohne es zu wissen, die lauernde Haltung 
seiner Spinne an. 

Sie stritten iiber das Objekt ihres Angriffs. Einige wollten den Reichs- 
tag, andere die Polizei. Andere rieten zur Kaiser- Wilhelm-Gedachtnis- 
kirche. Goldscheider stand mit ausgebreiteten Armen und bat und be- 
schwor, von dem Ekrasit abzulassen. Er hatte die Brille abgelegt, und 
sein bartiges Gesicht sah hilflos und verloren und Rettung heischend 
aus. 

Wer die Tat ausfiihren sollte? Sie einigten sich auf das Los. Es traf 
Goldscheider. 

Theodor ging. Spat in der Nacht verliefi er das Haus, schritt durch den 
finsteren, rauschenden Tiergarten zu Trebitsch. Die letzte Allee durch- 
lief er, als wiirde er verfolgt, gedriickt in das Dunkel der schattenden 
Baume. Er wollte niemanden wecken. Er warf einen kleinen Stein ge- 
gen Trebitschs erleuchtetes Fenster. Er trat ein und sah nach der Tiir. 
Er schilderte eine unermefiliche Gefahr, in der er schwebte. Spkzel 
hatten ihn hierher verfolgt, kommunistische Spitzel, unterwegs sei er 
auf einen Omnibus gesprungen. Sie witterten in ihm den, der er war. 
Sie ahnten schon, daft er nicht Trattner heifle. Und wahrend er er- 
zahlte, steigerte sich seine Furcht. Er log nicht mehr mit Vorbedacht, 
sondern schilderte seine angstlichen Vorstellungen. »Ekrasit!« sagte er 
leise und sah zur Tiir. 



DAS SPINNENNETZ 83 

Man solle sie nicht storen, sagte Trebitsch, sanft und lachelnd wie im- 

mer. Er strahlte seinen Bart mit gespreizten Fingern wie mit einem 

Kamm. Nach dem Attentat - und hoffentlich gelingt es - miisse man 

zur Polizei gehen. 

Gegen vier Uhr morgens kehrte Theodor zum Maler Klaften zuriick. 

Man hatte sich auf die Siegessaule geeinigt. Zwei Leute holten das 

Ekrasit in einer Droschke. Thimme bohrte ein Loch in das Kastchen. 

Thimme, Theodor und Goldscheider fuhren zur Siegessaule. Thimme 

und Theodor warteten in einer geraumen Entfernung. Dann kam 

Goldscheider. Sie gingen, alle drei, schweigsam und bitter. 

Eine Viertelstunde, nachdem Goldscheider die Lunten angesteckt 

hatte, rief Theodor die Polizei an: In einigen Minuten wiirde ein Un- 

gluck geschehen. Rechts hinter dem Gitter um die Siegessaule liege 

Ekrasit. 

Dann ging Goldscheider zuriick in Klaftens Wohnung - Polizei hielt 

ihn an, fesselte ihn rasch und lautlos. Aus dem Zimmer kamen die 

Verhafteten, zu zweit aneinandergefesselte Freunde. An der Seite des 

Kommissars stand Trattner, der Genosse Trattner. 

Sie spuckten alle gleichzeitig, wie auf Kommando und ehe man sie 

hindern konnte, in sein Angesicht. 

Theodor wischte den Speichel mit dem Tuch fort. Er lachte. Er lachte 

kurz, laut und tief. Es klang wie ein halber Schrei. 

Im Flur erloschen die grellen Lampen der Polizisten. Man horte den 

gleichmafiigen Trott der zehn Verhafteten von der Strafie und das ieise 

Metallgerausch aneinanderschlagender Handspangen. 



VI 

In den Zeitungen flackerten die Sensationen auf: Kommunistischer 
Anschlag von einem Mitglied der Technischen Nothilfe vereitelt. 
Theodor Lohse wurde einigemal genannt. Man gratulierte. Im Bunde 
deutscher Rechtshorer war Theodor ein seltener Gast geworden. Er 
ging nicht mehr ins Kolleg. Das hatte Zeit. 

Seitdem er im Heeresbericht erwahnt worden war, hatte er seinen Na- 
men niemals mehr gedruckt gesehen. Jetzt begegnete er seiner Tat in 
alien Zeitungen. Es kam ein Mann vom »Nationalen Beobachter«, ein 
diinnes Mannchen, das sich bestandig mit irgendwelchen Gegenstan- 



84 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

den auf dem Schreibusch beschaftigte, wahrend es sprach. Es lud 
Theodor zur Mitarbeit ein, machte aber aufmerksam, dafi das Budget 
des Blattes leider fur Honorare nicht ausreiche. 
Was tat es? Theodor bekam ein Honorar von Trebitsch, ein weniger 
hohes als das erstemal. Und es verringerte sich noch um die Halite, als 
Klitsche seinen Anteil forderte. Von ihm hatte Theodor den Maler 
Klaften! Er, Klitsche, hat in selbstloser Freundschaft Theodor die Sa- 
che abgetreten. Klitsche sitzt in seinem Biiro, ohne Rock und Weste, 
mit geoffnetem Kragen, und sieht noch machtiger aus. Man sieht den 
gewaltigen Umfang seines Halses mit geblahten Muskelstrangen und 
die gebandigte Wucht seiner ruhenden Fauste auf dem Tisch. Seine 
lange Haarstrahne verschob sich und liefi die verkriippelten Reste sei- 
ner Ohrmuschel frei, ein rotliches Stiickchen Knorpel mit verkummer- 
ten, winzigen Windungen. 

Theodor feilschte erbittert, ein Drittel wollte er hergeben, aber Klit- 
sche riickte den Stuhl mit einem plotzlichen Entschlufi hinter sich, so, 
als wollte er sich erheben. Er stand nicht auf, sondern blieb auf dem 
weit zuriickgeschobenen Stuhl, den Oberkorper vorgeneigt, die star- 
ken Fauste an der Tischkante, sitzen, ein geducktes Tier; und Theodor 
gab ihm die Halfte. 

Dann ging er durch die Strafien, machte vor dem Schaufenster halt und 
kaufte ein Paar Stiefel. Er kam sich gewachsen vor, als hatte er neuen, 
erhabenen Boden unter den Fiifien. 

Am spaten Nachmittag, die Vogel zwitscherten ergreifend und abend- 
lich, sprach er ein weifigekleidetes Madchen an. Im Laufe des Abends 
besuchte er einen Tanzpalast, wurde eifersikhtig, weil das Madchen 
mit einem Herrn vom Nachbartisch dreimal hintereinander tanzte, 
trank sauren Sekt. Das Madchen - sie war nicht so eine - verlangte 
nach einem besseren Hotel, zwei Zimmer mufite Theodor mieten. Eine 
Viertelstunde mufite er sie allein lassen, dann klopfte er an ihre Tiir, 
horchte, klopfte wieder und offnete. Das Madchen war verschwunden. 
Er hatte mehr Gliick bei jungen Frauen, die, ohne Hut, in den einfa- 
chen Blusen und fadenscheinigen Jackchen, sich mit einem Kinobe- 
such begnugten. Er achtete darauf, daft aus den kleinen Zerstreuungen 
keine bindende Freundschaft wurde, er hielt grundsatzlich kein ver- 
einbartes Rendezvous. 

Er war mit sich zufrieden und uberzeugt, daft Willenskraft und Bega- 
bung ihm diese kurzen Fortschritte in kurzer Zeit ermoglicht hatten. 



DAS SPINNENNETZ 85 

Er glaubte, die einzige ihm angemessene Beschaftigung gefunden zu 
haben. Er wurde stolz auf seine Spionierfahigkeit und nannte sie eine 
diplomatische. Sein Interesse fur Kriminalistik steigerte sich. Er safi 
stundenlang im Kino. Er las Kriminalromane. 

Noch lebte das Portrat in ihm, das der Maler Klaften gemalt hatte. Er 
versuchte, es Liigen zu strafen. Er wendete Mittel an, um seinen 
Schnurrbart buschiger zu machen. Er kleidete sich neu, jetzt trug er 
einen hellbraunen Anzug, einen sanft griinlich karierten und ein klei- 
nes goldenes Hakenkreuz in einer quergestreiften seidenen Krawatte. 
Er kaufte Waffen aller Art, Jagdmesser und Dolche, einen ledernen 
Totschlager, eine Pistole, einen Gummiknuppel. Er ging, wie Detektiv 
Klitsche, niemals ohne Revolver, er sah in jedem Passanten einen kom- 
munistischen Spitzel. Dafi er nicht verfolgt wurde, wufke er. Aber er 
vergafi es, besonders wenn er ein Kriminaldrama gesehen hatte. Es 
schmeichelte ihm, verfolgt zu werden, und also glaubte er daran. 
Er, dem jede Stunde schrecklich erschien, nur weil sie neu gewesen 
war, der das Kommende gefiirchtet, das Bleibende geliebt hatte, er 
tauschte sich kiihne Unmoglichkeiten vor und erwartete Abenteuer 
auf jedem Schritt. Er war geriistet. 

Er wurde unglaubig. Hinter jeder klaren Tatsache sah er Schleier, die 
Geheimnis und wahren Sachverhalt bargen. Er las politisch-philoso- 
phische Schriften, die Trebitsch verfafk hatte. Flugschriften, in denen 
Zusammenhange zwischen Sozialismus, Juden, Franzosen und Russen 
aufgedeckt wurden. Diese Lektiire befruchtete Theodors Phantasie. Er 
glaubte nicht nur, was er gelesen hatte, er kombinierte aus dem gelese- 
nen Material neue Tatsachen und entwickelte sie im »Nationalen Be- 
obachter«. Seitdem er gedruckt wurde, steigerte sich seine Sicherheit, 
und wenn er die Feder in die Hand nahm, zweifelte er nicht mehr an 
der Richtigkeit dessen, was er vorsichtig anzudeuten sich vorgenom- 
men hatte. Las er noch einmal das Manuskript, war er sicher und strich 
schwachende Worte, jedes »vielleicht« und jedes »wahrscheinlich«. Er 
schrieb die Aufsatze eines Mannes, der hinter die Kulissen geblickt hat. 
Er wufke, daft der »Nationale Beobachter« in den Lesesalen der »Ger- 
mania« auflag und dafi Tiedemann und die anderen ihn lasen. Dieser 
»Nationale Beobachter« hing in den Kiosken der Untergrundbahn, er 
hing an jeder Straflenecke, und an jedem Kiosk, und an jeder Ecke 
schrie der weifkote Umschlag der Zeitschrift den Namen Theodor 
Lohse in die Welt. 



86 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er neidete nicht mehr den Efrussis die weifischimmernden Hauser hin- 
ter griinen Rasen, die silbernen Gitter und marmornen Treppen. Er 
dachte an die verlorene Frau Efrussi, wie ein ganz grofter Mann einer 
kleinen Frau aus anderen Kreisen gedenkt, die ein kleines Abenteuer 
abgegeben hatte. Er beneidete den Juden Efrussi nicht, aber er hafite ihn 
und seine Sippe, seinen Stolz und die Art, wie er ihn, den Hauslehrer, 
zuletzt behandelt hatte. Jetzt erinnerte sich Theodor, daft er im Efrussi- 
schen Hause eine schiichterne Haltung eingenommen hatte, eine 
dumme Angst hatte ihn damals noch beherrscht, und die Schuld daran 
schob er den Juden zu. Wie uberhaupt die Juden seine langjahrige Er- 
folglosigkeit verursacht hatten und ihn an der schnellen Eroberung der 
Welt hinderten. In der Schule war es der Vorzugsschiiler Glaser, andere 
Juden - er wuftte sie nicht zu nennen - kamen spater. Sie waren, wie alle 
Welt wuftte, furchtbar, weil sie Macht besafien. Aber auch haftlich und 
abscheulich, iiberall, wo sie auftauchten, in der Bahn, auf der Strafie, im 
Theater. Und Theodor zupfte, wenn er einen Juden sah, auffallig an 
seiner Krawatte, um den anderen auf das drohende Zeichen des Haken- 
kreuzes aufmerksam zu machen. Die Juden erbebten nicht, ihre Frech- 
heit erweisend. Sie sahen gleichgultig auf Theodor, manchmal hohnten 
sie ihn sogar, und er wurde beschimpft, wenn er Rechenschaft forderte. 
Er war gereizt, und es geschah, daft er des Nachts in stillen Straften 
Passanten schmahte und, wenn ihm Gefahr drohte, in einer Neben- 
strafie verschwand. Von solchen Abenteuern erzahlte er gelegentlich 
dem Detektiv Klitsche, dem Doktor Trebitsch und wurde von ihnen, 
nicht wie er erwartet hatte, belobt, sondern ermahnt, Disziplin zu iiben. 
Denn Leute, die einer Organisation angehorten, muftten Aufsehen ver- 
meiden. 

Von nun an schwieg er, aber der Haft fraft in ihm und machte sich frei in 
Artikeln fur den »Nationalen Beobachter«. Die Aufsatze wurden im- 
mer gewalttatiger, bis das Blatt fur einen Monat verboten wurde, und 
ausdriicklich wegen der Artikel Theodor Lohses. Zu diesem Erfolg 
gratulierten ihm einige junge Leser schriftlich. Auch Frauen schrieben 
ihm. Theodor antwortete. Man besuchte ihn. Gymnasiasten, Mitglieder 
des Bismarck-Bundes luden ihn ein, sahen zu ihm auf, Mittelpunkt war 
er und stillschweigend gewahltes Haupt, Vortrage hielt er und stand, 
umbrandet vom Beifall seiner Verehrer, auf dem Podium. Er griindete 
einen nationalen Jugendbund, zog an Sonntagen mit seinen Jungen hin- 
aus in die Walder und lehrte sie exerzieren. 



DAS SPINNENNETZ 87 

Indessen fehlte es ihm an Geld. Weit und breit war keine Aussicht 

mehr, neues zu verdienen, es waren ruhige Zeiten. Im Biiro des Detek- 

tivs Klitsche liefien sich keine Spitzel mehr blicken. Klitsche war aller- 

dings nicht auf sie angewiesen, er bekam Gehalt, er stand in steter 

Verbindung mit Miinchen. Theodor hatte gern eine ahnliche Stelle be- 

kleidet, er liebte Klitsche nicht. Klitsche war ein Hindernis. Dieser 

Klitsche war Wachtmeister gewesen, Theodor war immerhin Leutnant 

und akademischer Burger. Er lieft manchmal bei Trebitsch seine Unzu- 

friedenheit merken. Einmal sagte Trebitsch im SpaE: »Vielleicht stirbt 

Klitsche. « 

Seit jenem Tag dachte Theodor an Klitsches Tod. Aber Klitsche war 

gesund, jede Zusammenkunft bewies es, jeder Handedruck, jedes 

machtige Gelachter. Es war keine Hoffnung, dafi Klitsche jemals nach 

Miinchen abberufen wurde. Und dafi man ihm eine Verfehlung nach- 

weisen konnte. 

Manchmal traumte Theodor von einem Verrat Klitsches. Wie? War es 

ganz unmoglich? Verkehrte Klitsche nicht mit kommunistischen Spit- 

zeln? Wer beaufsichtigte ihn? Wer kannte ihn eigentlich genau? Mulke 

es nicht einem aufmerksamen Beobachter gelingen, den Detektiv zu 

fangen? 

Vorlaufig war es unmoglich, und Theodor brauchte Geld. Ein Ver- 

such, bei Trebitsch eine Anleihe zu machen, schlug fehl. Trebitsch er- 

klarte nicht nur, dafi er selbst Schulden habe, sondern er verwies auch 

auf reichere Menschen aus der Bekanntschaft Theodors, wie zum Bei- 

spiel der Prinz es war. 

»Sie sind ja mit dem Prinzen befreundet!« sagte Trebitsch. 

Ja, er war mit dem Prinzen befreundet. War ihm der Prinz nichts mehr 

schuldig? 

Er ging zu Prinz Heinrich. Er mufite iange warten, es war nachmittags, 

und der Prinz schlief. Dann kam er, im geblumten seidenen Pyjama, 

mit schlafgeroteten Wangen und Griibchen wie ein gewecktes Kind. 

»Ach, Theo!« sagte der Prinz. 

Er setzte sich, legte einen Fuft auf den Tisch, Heft die Pantoffeln fallen 

und betrachtete seine spielenden Zehen. Dazu summte er ein Lied. Er 

gahnte dazwischen. Er horte nicht alles, was Theodor sagte. Schlieft- 

lich unterbrach er ihn: 

»Du kannst mit mir nach Konigsberg fahren, zur BootstaufeU 

Also fuhr Theodor, mit einer bluhweiflen Seemannskappe bekleidet, in 



88 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

einem Coupe erster Klasse nach Konigsberg. Seine Hoheit der Prinz 
schlief unterwegs, ein Buch von Heinz Tovote in der herabhangenden 
Rechten. DerRuderklub »DeutscheTreue« holte sie ab, fiitterte sie, legte 
sie schlafen. Sie standen am nachsten Tag, es war ein Sonntag, am Seeufer, 
und es regnete, wie gewohnlich bei Bootstaufen. Eine weifigekleidete 
Jungfrau hielt ein Weinglas in der Rechten, einen Regenschirm in der 
Linken, der Prinz trat an das Boot, gab ihm seinen Namen und zer- 
schmetterte das Weinglas am Bordrand. Alle riefen dreimal hipp, hipp, 
hurra! und der Regen rauschte. 

Nachmittags besichtigten sie eine Ehrenkompanie der Reichswehr, lern- 
ten die Burschenschaft »Rhenania« kennen, und Theodor erkannte in 
dem Studenten Gunther einen Kameraden aus dem Felde. Sie tranken 
zusammen, sie gingen durch die Stadt, sie erzahlten Erlebnisse, sie hielten 
einander fur prachtvolle Menschen und umarmten sich. Nun gab es kein 
Geheimnis zwischen ihnen, Theodor verschwieg nur seine Verbindung 
mit dem Prinzen und mit Klitsche. Dennoch nannte er auch diesen 
Namen einmal, und nun gestand Gunther, dafi auch er der Stelle S II in 
Miinchen angehore und von Klitsche Auftrage erhalte. Aber er sei jetzt 
der Politik miide und wolle heiraten. Seine Braut lebe in Berlin. Ja, er 
wolle mit Theodor nach Berlin fahren. Er sehne sich. 
Seine Braut war die Tochter eines Arbeiters. Der Vater Betriebsrat bei 
den Schuckert-Werken. Ein einfacher Arbeiter sogar und ein Roter. 
Ob Gunther nun auch ein halber Roter ware, fragte Theodor. Er hielt die 
Hande in den Taschen und spreizte die Finger. Er horchte mit tausend 
Ohren. 

»Nein!« Aber Gunther sprach mit seinem Schwiegervater und liefi eines 
jeden Meinung gelten. 

Sie fuhren zusammen; der Prinz schlief in einem Abteil nebenan, und 
Theodor schwieg. Er sah in die Landschaft. Er betrachtete Gunther, den 
strohblonden, blauaugigen Buben mit dem dummredlichen Gesicht. 
Was war ihm Gunther? Name und Gesicht gleichgiiltig und durch Zufall 
bekannt. Wie der junge Thimme zum Beispiel. 

Liebte er Gunther ? Liebte er j emanden ? Ja, er liebte sein Volk. Im Dienste 
seines Volkes stand er. Wenn Gunther nicht die Wahrheit sprach? Wenn 
er nur die Half te sagte ? Wenn er ein Verrater war? Mit den Kommunisten 
verhandelte? Die Organisation verriet? 

Hier war Theodor auf eine Sache gestoften. Und mufke vorsichtig sein. 
Die Sache wies einen Weg. 



DAS SPINNENNETZ 89 

Detektiv Klitsche hone Theodor zu. War Naheres nicht zu erfahren? 

Es gab nichts, weder konnte die Braut Giinthers etwas verraten noch 

Giinther selbst. Einmal fragte Theodor vorsichtig, ob der Schwieger- 

vater nicht Kommunist ware. 

»Ja!« Giinter lachte. 

Sie gingen durch den Abend, Arm in Arm, Theodor und Giinther. 

Schon betaubte ihn die Macht, Theodor, den Machtigen, schon kno- 

tete er Schlingen mit gehassigen Fingern, Theodor, der Kluge; sah er 

seine Verdienste, sich selbst erhaben iiber Klitsche, iiber Trebitsch, 

uber alle. Er fuhr nach Miinchen, machtig wurde er, ubernahm die 

Leitung. Theodor, ein Fiihrer. Hastig lief er zu Trebitsch, erzahlte von 

Giinthers Verrat. Gefahren sah er und schilderte sie und hetzte sie in 

Begeisterung, angespornt durch des Bartigen zustimmendes Lacheln. 

Am Abend sendete Klitsche Boten aus, sechzehn Angehorige der Stelle 

S, romisch II, kamen zusammen, zwei Kerzen entziindete Trebitsch 

und verlas das Protokoll mit Theodor. 

Hat Giinther gestanden, dafi sein Schwiegervater Kommunist und 

Haupt einer geheimen Organisation ist? 

Ja! 

Die Arbeiter mit Waff en versorgt? 

Ja! 

Und Giinther beteiligt sich an den Arbeiten? 
Ja! 

Die Paragraphen acht und neun aus den Statuten lauten: »Dem Feme- 
tod verfallen ist, wer gegen die vaterlandischen Organisationen durch 
List oder offene Gewalt vorgeht; 

wer mit Parteien der Linken ohne Wissen der Leitung und nicht zu 
Spionagezwecken Verkehr pflegt.« 
Der Student Giinther ist schuldig. 
Entscheidet das Los? 

»Ich iibernehme die AufgabeU sagte Klitsche. 

Man schweigt. Der Atem staunender Verehrung schlagt Klitsche ent- 
gegen. Man singt ein Trutzlied: 

Der Verrater zahk mit Blut, 
Schlage sie tot, die Judenbrut, 
Deutschland iiber alles. 



90 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

VII 

Es war eine Freiturniibung in Weifiensee angesagt, unter dem Kom- 
mando des Leutnants Wachtl. Hundert Schritte von den anderen ent- 
fernt gingen Klitsche, Theodor und Gunther. Gast war Gunther, herz- 
lich begrufit und mit Witzen unterhalten. Man horte das starke Lachen 
Klitsches. 

Sie blieben stehen, beschlossen zu rasten, es hackte ein Specht uner- 
miidlich, schiichtern pfiff ein Vogel. Hundert Miicken tanzelten in der 
ungewohnlich warmen Aprilsonne, frisch und betaubend roch der 
Waldboden. 

Theodor mochte gern das Ende des Waldes sehen. Ach! Der Wald hat 
kein Ende, Theodor fiebert, er spiirt einen Druck auf der Schadel- 
decke, als lasteten viele, viele Baumstamme auf seinem Kopfe. Tranen 
uberquellen sein Auge, er kann nicht mehr sehen, er lafk sich neben 
Gunther nieder. 

Jetzt wartet er, wartet wie auf seinen eigenen Tod. Es kam zu schnell. 
Zu schnell. Theodor sah vor sich unzahlige Baumstamme, die das Son- 
nenlicht brachen und dampften. Aber die Baume waren korperlos, 
Schattenbaume, sie standen nicht fest, sie befanden sich in einer fort- 
wahrenden, unmerklichen Bewegung, als ware der ganze Wald eine 
Kulisse aus diinnem Schleierstoff, von einem ganz sanften Wind be- 
wegt. Deutlicher als die Baumstamme, die sich vor ihm befanden, sah 
Theodor den Detektiv Klitsche hinter sich; sah, wie er eine Beilpicke 
erhob, mit beiden Handen, und sich reckte, fuhlte, wie Klitsche den 
Atem anhielt, und dann schlofJ Theodor die Augen. Als er sie wieder 
aufschlug, sah er Gunther neben sich niederbrechen, sah er den halbof- 
fenen Mund des Liegenden, den halben Schrei, den steckengebliebe- 
nen, und fuhlte eine lastende Stille. So ruhig war es im Walde, als war- 
tete alles auf den Todesschrei, der nicht kam. 

Zwischen den Brauen Giinthers, an der Nasenwurzel, steckte die 
Spitze der Beilpicke. Sein Angesicht war weift, violett schimmernd un- 
ter den Augen. Noch atmete er. Der Daumen seiner linken, auf der 
Brust liegenden Hand bewegte sich wie ein kleines, fleischiges, ster- 
bendes Pendel. Mit einem letzten Rocheln verzog er die Oberlippe, 
man sah seine Zahne und ein Snick weifilichgrauen Zahnfleisches. 
Klitsche warf einen Sack iiber Gunther, die Beilpicke liefi er stecken. 
Er schleppte ihn weiter iiber Tannennadeln, iiber Sandboden, iiber 



DAS SPINNENNETZ 91 

Zapfen, die leicht knisterten. Da war eine Grube, da hinein fiel Giint- 
her, Klitsche zog den Sack fort, urn die Beilpicke zu entfernen. 
Rot und steil, mit unendlich feinem Prasseln, schofl das lang gehemmte 
Blut aus Gunthers Stirn hinauf in die Baumkronen, eine rote Schnur, 
und tropfte von den Tannen. 

Es waren klebrige, zahe Tropfen, sie erstarrten sofort, im Niederfallen 
noch. Verkrusteten sich wie roter Siegellack. Unendliches rauschendes 
Rot umgab Theodor. Im Felde hatte er dieses Rot gesehen und gehort, 
es schrie, es briillte wie aus tausend Kehlen, es flackerte, flammte wie 
tausend Feuersbriinste, rot waren die Baume, rot war der gelbe Sand, 
rot die braunen Nadeln auf dem Boden, rot der scharfgezackte Him- 
mel zwischen den Tannen, in grellgelbem Rot spielte der Sonnenschein 
zwischen den Stammen. Purpurne, grofie Rader kreisten in der Luft, 
purpurne Kugeln rollten auf und nieder, gliihende Funken tanzelten 
zwischendurch, verbanden sich zu sanft gewellten Funkenschlangen, 
trennten sich. Aus Theodors Innerem kam das rauschende Rot, es er- 
fiillte ihn, schlug aus ihm, aber es machte ihn leicht, und sein Kopf 
schien zu schweben, als ware er mit Luft gefiillt. Es war wie ein leich- 
ter, roter Jubel, ein Triumph, der ihn hob, ein beschwingtes Rauschen, 
Tod der schweren Gedanken, Befreiung der verborgenen, begraben 
gewesenen Seele. 

Klitsche glitt aus, fiel nieder, stohnte einmal. Die Beilpicke stand noch 
eine Weile in der Luft mit aufwartsragendem Stiel, als ware sie leben- 
dig, und wankte seitwarts. Theodor griff sie auf. Er ahmte Klitsche 
nach, erhob die Beilpicke und lieft sie niedersausen. Klitsches Schadel 
krachte ein wenig. Weifigrauer und blutiger Brei quoll aus seiner Stirn. 
Irgendwo hackte wieder der unermiidliche Specht, zwitscherte der 
schiichterne Vogel, stieg der schwere Dunst aus dem Waldboden. 
Mk leichten Schritten ging Theodor durch den Wald, miirbe Zweige 
krachten unter seinen Fiifien, leicht war er wie eine der hundert tan- 
zelnden Miicken. 



VIII 

Nach Miinchen meldete der Bericht, daft Gunther Klitsche im Kampfe 
erschlagen habe und von Theodor Lohse nachher umgebracht worden 
war. Es wurde von den sechzehn Angehorigen der Stelle S, romisch II, 



92 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

bezeugt. Die Toten waren griindlich begraben. Ein geschossenes und 
auseinandergeschnittenes Eichhornchen lag auf ihrem Grabe und er- 
klarte die Herkunft der Blutspuren. 

Frei war die Bahn Theodor Lohses. Klitsches Erbschaft verwaltete er 
und baute sie aus. Heifi ging sein Atem, kurz war sein Schlaf und weit 
das Feld, das er beackerte. Aus vierzig Mittelschulen bildete er eine 
Garde. Unverlafiliche Spione schaffte er ab. Dreimal in der Woche 
hielt er Vortrage. Eine halbe Stunde bereitete er sich vor, aus Tre- 
bitschs Flugschriften und aus dem »Nationalen Beobachter«. Er ver- 
waltete Geld, das er von Major Pauli erhielt. Er schrieb Rechnungen 
und erteilte keine Vorschusse, es sei denn an sich selbst. 
Allmahlich begriff er die Zusammenhange, die er friiher nur in Arti- 
keln aufgedeckt hatte. Er fuhr nach Miinchen, er lernte seine Vorge- 
setzten kennen, einen General, der nie nach Preufien reiste und in Bay- 
ern unter dem Namen Major Seyfarth wohnte. Er hatte das Bedurfnis, 
Ludendorff zu besuchen, aber er durfte es nicht, direkter Verkehr mit 
Ludendorff war verboten. Er verlor die Verehrung fiir diesen und je- 
nen, den er grofi genannt und gewahnt hatte. Er sprach mit National- 
sozialisten und achtete sie gering, weil er erfuhr, dafl sie nicht in alles 
eingeweiht waren und dafi Geheimnisse auch ihnen nicht offenbar 
wurden. Theodor lernte horchen und mifkrauen. Man belog ihn. 
Es krankte ihn. Seinen Fragen gebot man Halt. Es richtete seinen Ehr- 
geiz auf, es blies ihm neuen Mut ein, Einfluft wollte er, nicht kleine 
Selbstandigkeit, Anfang einer Kette sein, nicht ihr unscheinbares 
Glied. Aber sein Eifer iiberwaltigte ihn selbst, drang aus ihm, verriet 
ihn, seinem Fleifi mifitraute man, seine Hitze machte ihn verdachtig. 
Jeder der Generale, Majore, Hauptleute, Studenten, Journalisten, Poli- 
tiker klebte an seiner Stelle, es beherrschte sie Angst um ihr tagliches 
Brot, nichts mehr, nichts weniger. Dazwischen trieben sich kleine 
Menschen herum, Gaste der Organisation, der rote Wanderredner 
Schley, der Pfarrer Block, der Schulmadchen verfuhrte, der Student 
Biertimpfl, der eine Unterstiitzungskasse gepliindert hatte, der Artist 
Conti aus Triest, Matrose und Deserteur, der jiidische Spitzel Baum, 
dessen Spezialitat Aufmarschplane waren, der Elsasser Blum, ein fran- 
zosischer Spion, Klatko aus Oberschlesien, Invalider aus den Abstim- 
mungskampfen; Marineleutnants und Uberseedeutsche, Fliichtlinge 
aus den besetzten Provinzen, ausgewiesene Regierungsrate, Prostitu- 
ierte aus Koblenz, Strafienbettler aus den Rheinstadten, ungarische 



DAS SPINNENNETZ 93 

Offiziere, die unkontrollierbare Wiinsche gefliichteter Mitglieder aus 
Budapest brachten, von der Polizei Verfolgte, die falsche Passe forder- 
ten, Redakteure, namenlose, die Geld zur Griindung kleiner Blatter 
wollten. Jeder wuftte etwas, konnte gefahrlich, muftte befriedigt 
werden. 

Es gab Witzige, Dumme, Menschen, von denen Theodor lernen 
konnte, andere, die von ihm zu lernen suchten. Viele kannten ihn, sein 
Name war ihnen gelaufig, vor Spitzeln muftte er sich in acht nehmen. 
Er muftte es iiberhaupt. Er ging durch die Straften, die Hand am Re- 
volvergriff in der Tasche, er mied dunkle Gegenden, nie trat er aus dem 
Haus, ohne sich umzusehen, in jedem Passanten witterte er einen 
Feind, in jedem Gesinnungsgenossen einen personlichen Gegner. Auf 
seine Schar junger Leute allein konnte er sich verlassen. Er schuf einen 
Saal- und Versammlungsschutz, sprengte sozialistische Versammlun- 
gen, zog durch die Straften mk flotten Gesangen. Zu den Vortragen 
Trebitschs verteilte er seine Leute im Saal und liefi sie Beifall klatschen, 
zum Beifall ermuntern. Manchmal serine ein ahnungsloser Zuhorer 
eine Beleidigung. Dann schrillte Theodors Pfiff, der Saalschutz 
stromte urn den Zwischenrufer zusammen, keilte ihn ein, schlug ihn zu 
Boden, trampelte auf Riicken, Brust und Schadel und schlug sich in 
todliche Begeisterung hinein. 

Er instruierte, riistete aus, bestrafte Feiglinge, belobte Mutige, ein klei- 
ner Gott war er. Sich selbst iibertraf er, langst war sein Glaube erschiit- 
tert, sein Haft geschwacht, seine Begeisterung ausgekuhlt, er glaubte 
nur an sich, liebte sich selbst, begeisterte sich an seinen Taten. Er hafke 
nicht mehr die Efrussis und nicht mehr die Glasers. Er glaubte nicht an 
den Erfolg der Bewegung. Er begann, Trebitsch zu durchschauen. Er 
sah die Sinnlosigkeit dieses Schlagwortes, jenes Arguments. Er verach- 
tete die Zuhorer, zu denen er sprach. Er wuftte, daft sie alles glaubten. 
Er las Broschiiren, Zeitungen, nicht um ihre Gesinnung zu teilen, son- 
dern um sie auswendig zu lernen, Uberzeugungen, die ihm gleichgultig 
waren, im Kopf zu behalten. Er sah, daft jeder nur fur sich arbeitete, er 
tat es mit grofterer Anstrengung als die anderen. Er wollte . . . was er 
wollte, war ihm nicht klar. 

Er wollte Fiihrer sein, Abgeordneter, Minister, Diktator. Noch kannte 
man ihn nicht aufterhalb seiner Kreise. Noch brannte der Name Theo- 
dor Lohse nicht in den Zeitungen. Er hatte gern ein Martyrer seines 
Ruhmes werden, der Volkstumlichkeit des Namens sein Leben opfern 



94 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

mogen. Es schmerzte ihn der Zwang zur Namenlosigkeit, unter dem er 
alle Taten verrichten mufke. Und je geringer die Kraft seiner Uberzeu- 
gung wurde, desto mehr erweiterte er die Gebiete seines vorgetausch- 
ten Hasses: Nun sprach er nicht nur gegen Arbeiter und Juden und 
Franzosen, sondern auch gegen den Katholizismus, die Romlinge. Er 
iiberfiel den Saal, in dem der katholische Schriftsteller Lambrecht 
sprach. Er safi in der ersten Reihe. An ihm vorbei rauschten Satze einer 
fremden, unverstandlichen Sprache. Aber ein Wort fiel nieder, das 
Wort »Taimud« . 

Es riittelte an Theodors halb eingeschlafertem Bewufksein. Er pfiff, 
und vierzig Ochsenziemer seiner Schar prasselten auf die Zuhorer. 
Dem Schriftsteller Lambrecht schrie Theodor »Jud!« und »R6mling!« 
entgegen. Er formte eine grofie Speichelkugel auf der Zunge. Er spie 
sie gegen Lambrecht. Er zerrte eine grauhaarige Frau am Kopfe durch 
die Sitzreihe. Er drehte ihre Handgelenke. Die Frau schlug ihn mit den 
Beinen, gellte in seine Ohren. Plotzlich wurde sie schwer, fiel nieder. 
Es schrillte seine Pfeife. Alle verschwanden. Die Polizei fand nur noch 
einen Tatbestand vor und verhaftete zwei Verletzte, in deren Taschen 
sie rote Knopfe gefunden hatte und die harmlose Mitglieder eines Ke- 
gelklubs waren. 

Er liebte Franziska, die zu ihm kam, eine Spionin. Berichte brachte sie 
von der Kommunistischen Partei, kurzgelockt war ihr Haar, braun- 
gelb ihre Haut. Er weinte, als sie verschwand mit seiner Kasse, seinen 
Berichten, ihm fehlte Geld. Der Postbeamte Janitschke verlangte Ho- 
norar fur gestohlene Briefe. Er hatte einen lahmen Arm, aber er drohte 
mit Anzeigen. Der Spitzel Braune wollte Reisegeld nach Frankfurt an 
der Oder, seine Frau hatte ein Kind bekommen, und er mufite heim. 
Theodor meldete den Fall Franziska, das Geld sollte er selbst zuriick- 
erstatten, er flehte bei Trebitsch um Hilfe. Trebitsch riet ihm: Efrussi. 
Er wartete lange im Vorzimmer. So lange hatte er gewartet, als er das 
erstemal zu Efrussi kam um die Lehrerstelle. Es schrillte die Glocke, 
zweimal, dreimal, der schwarze Diener bewegte sich stelzend, mit vor- 
gestreckter Brust, eingezogenen Knien, wie ein Mensch aus Holz. Im- 
mer noch trug Efrussi das blasse, kalte, schmerzliche Antlitz einer al- 
ten, strengen Frau, ein Hauslehrer wurde man in seinem Zimmer, ein 
Theodor Lohse von damals, ein ganz kleiner Theodor Lohse. 
Efrussi verlangte eine Bestatigung. Er steckte den Scheck in einen Um- 
schlag und: »Gehen Sie zu Major Pauli«, sagte er. Er befahl, Theodor 



DAS SPINNENNET2 95 

gehorchte, er ging zu Major Pauli, er begriff, er wufite. Grofi war die 
Macht Efrussis, starker war er als irgendein Theodor Lohse, man hdrte 
niemals auf, sein Hauslehrer zu sein, sein Diener, sein Abhangiger. 
Und der alte Hafi erwachte, schrie in Theodor: Blut, Blut, Judenblut! 
Erst als er vor dem Major Pauli stand, straff te sich der Schlaffgewor- 
dene, verlor sich seine gelockerte Haltung, wandelte sich seine Weh- 
mut in Respekt, und mit schneller Sorgfalt raffte er alle Krafte zusam- 
men und machte sie einem einzigen Zweck nur dienstbar: der militari- 
schen Strammheit. Uber der Erinnerung an den lastigen Bittgang zu 
Efrussi schwebte die Stimme des Majors. Den Klang seiner zusammen- 
geschlagenen Hacken trug Theodor fort in sein Arbeitszimmer, kein 
Abenteuer drohte ihm mehr, Boten kamen, Briefe schnitt er mit dem 
glatten Papiermesser auf, dessen kiihle Elfenbeinflache er liebkoste. 



IX 



Manchmal kam der Bruder des toten Klitsche. Er diente bei der 
Reichswehr, er nahm die strammste Haltung an, wenn er sprach, er 
sagte in einer Minute fiinfzehnmal Herr Leutnant und besafi dennoch 
eine unbestimmte Vertraulichkeit mit alien Dingen dieses Zimmers. 
Sein Auge grttfke Tapeten, Decke, Diele wie alte Bekannte. Er war auf 
diesem Sofa gelegen, auf diesem Stuhl gesessen, und er sah dem toten 
Klitsche ahnlich. So ahnlich, daft Theodor das Angesicht des Toten 
nicht vergessen konnte und nicht, weshalb er eigentlich hier saft, arbei- 
tete, arbeitete und wuchs. 

Ware dieser Bruder Klitsches nicht gewesen, Theodor hatte innegehal- 
ten - er wuftte es nicht bestimmt, wahrscheinlich hatte er gerastet. 
Nach einer Pause sehnte er sich manchmal. Dann aber stieg das Ange- 
sicht Klitsches auf und Gunthers, und Theodor arbeitete. Er hat beide 
getotet, nicht umsonst hat er sie getotet. Den einen anzuzeigen war 
seine Pflicht gewesen, den anderen, der vielleicht schon tot war, ehe er 
den Schlag erhalten hatte, zu toten, das war eine Aufgabe, die Friichte 
tragen sollte. 

Aber es kamen Abende, an denen Theodor sich mit der Frage beschaf- 
tigen mufke, ob die Toten endgiiltig tot seien. Dann ging er in die 
Kaiser- Wilhelm-Diele, in die kleine Bar, wo man ihn kannte, guten 
Tag, Herr Leutnant, sagte und seinen Besuch schatzte. Ein paar Kame- 



$6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

raden seiner Gruppe umschmeichelten ihn, machten ihm Platz in der 
Mitte, sahen ihm auf den Mund und - erkannten sie an den ersten 
Satzen, dafi es eine lustige Geschichte wiirde, dann lachten sie und 
waren erschiittert von Theodors Humor. Theodor kannte viele Ge- 
schichten, er war Held und Mittelpunkt aller, er hatte nicht umsonst 
jahrelang zugehort und gelacht; jetzt wufite er, dafi der Erzahlende 
Mittelpunkt sein mufite. Manchmal auch vergafi er und glaubte, man- 
ches selbst erlebt zu haben. Denn er trank, und auch der Beifall be- 
rauschte ihn, und er safi rittlings auf hohem Barstuhl, und ihm war, als 
galoppierte er. 

Er horte das Gelachter der Freunde aus der Feme, die Musik, die im 
grofien Saale spielte und unhorbar gewesen war, riickte naher, sie 
spielte das Lied vom schwarzbraunen Madchen, und es war Theodor 
zum Weinen traurig, und er wunderte sich nur, dafi die Bardame la- 
chelte. 

Er trank noch einen Gemischten und sank vom Stuhl und erwachte 
morgens. 

Oh, wie gern hatte er sich einer anderen Art der Entspannung hingege- 
ben! Es war schon hinauszufahren, der Sommer lag breit und machtig 
iiber der Welt, und in den Waldern war ... In den Waldern gefiel es 
Theodor nicht, die Toten lagen in den Waldern, sie wurden von Wiir- 
mern gefressen, und grlines Gras sprofite aus ihrem Gebein. 
Einmal kam die Ruhe, spat, auf den Gipfeln erst war sie, weit war der 
Weg und Theodor mude. 

Aber es trieb ihn zu den Gipfeln, er sah sie nicht, kannte sie nicht, er 
konnte sie sich kaum vorstellen. In ihm schrie aus: aufwarts, um ihn 
schrie es: aufwarts, schon kannte er die Wege, schon war er ein Grup- 
penfiihrer, schon lebte er mit Journalisten gut, er kannte den grofien 
Politiker Hilper, er ging auf die Galerie des Reichstags, er horte sich 
selbst schon reden, er sah sich in diesem Saal, an der Spitze seiner 
Leute, horte seinen schrillen Pfiff, er schlug auf die Abgeordneten, 
verjagte sie, er schrie: Hoch die Diktatur! Oben, hoch oben in der 
Nahe des Diktators, stand Theodor. 

Er entsann sich seiner alten Methode: Er trat in direkten Verkehr mit 
Hohen und Hochsten. Jetzt kannte er sie. LJber seinem »Major Sey- 
farth« stand der »Marinekapitan Hartmut«. Theodor ersann Plane; er 
suchte das Leben, die Gewohnheiten jiidischer und sozialistischer 
Manner zu erkunden; manches erfuhr er, anderes erf and er. Er schrieb 



DAS SPINNENNETZ 97 

im »Nationalen Beobachter« iiber eine erfundene Verbindung eines 
Politikers mit franzosischen Spionen und schlug ein Attentat vor. Er 
war klug und fand Anhaltspunkte fur jede Beschuldigung. Er iiber- 
trieb, korrigierte Tatsachen, sein Verdacht ruhte auf irgendeinem Er- 
eignis. Manchmal erriet er eine geheime Verbindung. Journalisten 
machten ihn auf unscheinbare Vorfalle aufmerksam. Er schickte seine 
Spione aus. Er wufite, daft jeder dieser Spitzel iibertrieb. Er vergro- 
flerte ihre Ubertreibungen. Er arbeitete Plane zur Befreiung gefange- 
ner Organisationsmitglieder aus. Er sendete die Plane nach Munchen - 
an den Kapitan Hartmut. Er verdiente zumindest Geld. Er verfafite 
Rechnungen. Unzufriedene Spitzel begiitigte er durch kameradschaft- 
lichen Handedruck. Es gab Dumme, sie lieften sich alles gefallen. Sie 
warteten. 

Aber die Stelle S, »Major Seyfarth«, sendete Riigen und Ermahnun- 
gen, bestellte Theodor nach Munchen. Theodor hatte Ausreden. 
Theodor ging vom »Major Seyfarth« zum » Kapitan Hartmut«. Er 
war ein alter Herr, er trug sparliches Haar iiber der Glatze, von hin- 
ten nach vorn gekammtes, und er lauschte mit dankbarer, aber nie ge- 
stillter Gier einem Kompliment, einer Schmeichelei. Theodor er- 
kannte ihn. Manchmal lieft er ein vorsichtiges Urteil iiber die Stelle S 
fallen. Einmal sagte Theodor: Wenn er nicht die Stelle S hatte, son- 
dern den Kapitan selbst - das ware anders. Er brauchte einen freien 
Geist, er, Theodor Lohse. 

Er vergaft, dafi Trebitsch lebte; dafi Trebitsch verdienen mufite; daft 
auch der Rechnungen verfafite; daft es seine Aufgabe war, Theodor zu 
iiberwachen. Und Trebitsch teilte mit, daft Theodor im Eifer dieses 
iibertrieben, jenes falsch gesehen hatte. Oh, er besaft zuverlassige Au- 
gen und Ohren, der Jude Trebitsch. 

Theodor bereitete die Befreiung eines Untersuchungsgefangenen vor. 
Er fuhr nach Leipzig. Einer der Aufseher war Wachtmeister in Theo- 
dors Kompanie gewesen. Ihn wollte er fur die Organisation gewinnen. 
Er teilte nach Munchen gute Fortschritte mit. Und erhielt den Besuch 
eines Mannes mit dem schriftlichen Befehl, heute noch, spatestens 
morgen auf das Gut Lukscha in Pommern mit fiinfzig Mannern abzu- 



98 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

X 

Er war ohnmachtig, erbittert, racheliistern. Er ging zu Trebitsch . . . 
War ein Theodor Lohse nicht unentbehrlich? 

Und Trebitsch lachelte. Er kammte mit gespreizten Fingern seinen 
Bart. Es blieb nichts iibrig, Theodor reiste. 

Auf dem Gut Lukscha in Pommern streikten die Landarbeiter. Der 
Freiherr von Kockwitz rief nach Hilfe. 

Er war alt, der Freiherr von Kockwitz. Er war verwitwet. Er hatte 
drei Sonne: Friedrich, Kurt, Wilhelm. Er war ein Jager. Er schofi gut. 
Er schofi den ganzen Tag. Er besafi ein Waffenarsenal im Keller. Er 
war streng gegen sich und andere. Er empfing Theodor um die Mit- 
tagsstunde. Die Sonne brannte. Theodors Leute hatten eine Stunde 
Marsch hinter sich. Der Freiherr verlangte miiitarischen Schritt. Wa- 
ren das Landstreicher? Ging man in Gruppen? Er forderte Viererrei- 
hen. Er dirigierte den Zug nach der grofien Scheune. Sie lag eine Vier- 
telstunde weiter. Theodor marschierte, erbittert, ohnmachtig, rache- 
durstig. Er kannte den Freiherrn von Kockwitz. 
Jeder kannte ihn. Er hatte einen Arbeiter beim Holzf alien erschossen. 
Er bedrohte Sonntagswanderer mit schufifertigem Gewehr. In seinen 
Waldern verschwanden erdbeerensuchende Kinder. Seine Sonne stan- 
den im Sommer hinter Hecken verborgen; erlauerten Ausflugler; 
schossen auf Wandervogel. Der jiingste Sohn war zwolf Jahre alt und 
zielte auf die Tauben der Forster. Freiherr von Kockwitz hatte seine 
Frau ins Grab geargert. Sie war eine geborene von Zick. Ihr Grofiva- 
ter nachweislich bei der Post gewesen. Junger Adel von der Pferde- 
post. Sie starb an ihrem Grofivater. Die Zeitungen schrieben uber den 
Freiherrn von Kockwitz. Die Gerichte lieften Anklagen verstauben, 
zerfallen, Staatsanwalte waren zu Jagden eingeladen. Untersuchungs- 
richter spielten Poker mit Kurt. Man kannte den Freiherrn von 
Kockwitz. Man verspottete ihn. Man erzahlte Kockwitz-Anekdoten. 
Jedes Jahr streikten seine Arbeiter. Immer halfen ihm Rofibach- 
Leute. Diese Sommerarbeit furchtete man. Beim Freiherrn von Kock- 
witz erhielt man zweimal taglich Essen. Graupensuppe und Schwarz- 
brot. 

Sie lagen in der Scheune, verargert und hungrig. Am Nachmittag kam 
Freiherr von Kockwitz und befahl: » Lassen Sie Ihre Leute singen! 
Ich liebe Gesang!« Sie sangen, sie arbeiteten, sie aften Schwarzbrot 



DAS SPINNENNETZ 99 

und Graupensuppe, sie legten sich schlafen, sie standen beim ersten 

Morgenstrahl auf. Sie sangen. 

Einmal kam der Freiherr aufs Feld. Er war gut gelaunt. Er lud den 

Untersuchungsrichter ein. Er lud auch Theodor und die fiinfzig em. Er 

sprach mit Theodor. Schimpfte auf die Arbeiter. Sie waren Polacken. 

Kein Tropfen deutschen Blutes, Juden verfuhrten sie. In dieser Gegend 

lebten (iberhaupt Juden, Polacken, rotes Gesindel. Es war zum Nie- 

derknallen. 

Niederknallen sollte man sie. In dieser Nacht brannte die grofte 

Scheune. Einer von Theodors Leuten hatte geraucht. Der Freiherr 

drohte: Drei Taglohne weniger. Aber der Untersuchungsrichter ver- 

dachtigte die Landarbeiter. Man verhaftete zehn. 

Hundert zogen am nachsten Tage vor das Gut. Der Freiherr liefi Ma- 

schinenpistolen aus dem Keller bringen. Er verlor den Appetit. Er 

schlofi die Fensterladen. Ohrfeigte den zwolfjahrigen Wilhelm. Schon 

sah er sein Haus vernichtet. Seine Sonne gehangt. Sich selbst gefoltert. 

Er ging nicht mehr in die Felder. Er schlief in Kleidern, die Pistole 

neben sich. Er fiirchtete sich vor vergifteten Speisen. Er fiirchtete sich 

iiberhaupt. 

Theodor schlief im Hause. Nicht nur, weil die Scheune abgebrannt 

war. Wachen stellte Theodor auf. Die jungen Freiherren inspizierten. 

Der Alte war milde. Ein giitiger Greis. Er spendete fur die Kirche. Er 

sah sich urn, wenn er sprach. Er fliisterte. 

In solcher Stimmung war er zuganglich jedem Rat. 

Theodor war erbittert. Schickte man ihn weg? Wollte man seinen Na- 

men untergehen lassen? Brennen sollte der Name Theodor Lohse in 

alien Zeitungen. Nicht vergessen sollte man Theodor Lohse. In Berlin 

und in Miinchen nicht. Man wird ihn nicht vergessen. 

Man mufi die Arbeiter herausfordern. Kam es zum Kampf - sie ver- 

nichten. Hundert Mann - hatten sie Waffen? Hier war ein Arsenal. 

Man wird Theodor Lohse nicht vergessen. 

Jeden Tag sangen sie: 

Der Verrater zahlt mit Blut, 
Schlagt sie tot, die Judenbrut, 
Deutschland iiber alles. 

Sie arbeiteten weniger. Sie exerzierten. Sie riickten mit Gewehren aus. 
Die Arbeiter hungerten. Ihre Kinder bekamen diinne Halse und grofte 



100 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Kopfe. Die Frauen kreischten, wenn sie Theodors Leute sahen. Sie 

riefen: »Hunde!« 

Man schofi in die Luft. Arbeiter kamen, hundert, zweihundert aus der 

Nachbarschaft. Sie trugen Stocke. Sie warfen Steine. Sie zogen zum 

Gutshof. 

Theodor Hefi sie in den Hof. Drinnen schrien sie. Sie drangten gegen 

das Haus. Fensterscheiben klirrten wehmiitig. In den Fenstern lag 

Bettzeug zum Auffangen der Steine. Ein Arbeiter, von Kameraden auf 

die Schultern gehoben, hielt eine Rede. 

Theodor schofi. Der Arbeiter schwankte. Auseinander stoben alle. Vor 

dem Tor stromten sie zusammen und riittelten vergebens an der drei- 

fachen Riegelung. Sie schwangen sich iiber die Mauer. Aber driiben 

blitzten Gewehrlaufe. Die Arbeiter liefien sich in den Hof fallen. Aus 

dem Hause tonten Schiisse. 

Die Sterbenden stohnten. Die Lebenden schwiegen. Es erhob sich eine 

grofie Ruhe. Es wehte Stille aus dem Hofe wie aus einem weiten, geoff- 

neten Grab. Heifie Sonne strahlte von den Pflastersteinen wider. Hoch 

in der Luft trillerten Lerchen. Eine Hummel surrte wie ein grower 

Kreisel. Aus der Feme scholl die Stimme eines Hundes heriiber. Glok- 

ken der Dorfkirche drohnten. 

Viele entkamen iiber die Mauer, schlugen die lauernden Schiitzen nie- 

der und entflohen. Dreifiig blieben liegen, verwundet und tot. Blutge- 

rinnsel zeichnete Landkarten auf das weifie Pflaster des Hofes. 

Spat kam Gendarmerie, trank Bier auf dem Hofe, noch war das Blut 

nicht getrocknet. Ein Grubchen im Kinderkinn hatte der junge Unter- 

suchungsrichter und ein Hakenkreuz im Knopf loch. 

Es schrieben die Zeitungen: Blutiger Auf stand der Landarbeiter! Eine 

Heldentat der Technischen Nothilfe! in die horchende Welt. Reporter 

kamen. Theodor Lohse sprach mit ihnen. Theodor Lohse stand in der 

Zeitung. Ein Student, Leutnant der Reserve, hat den Aufstand nieder- 

geschlagen: Theodor Lohse. 

Der Sonntag war Sammeltag fur die Technische Nothilfe. Weiftgeklei- 

dete Kinder verkauften Kornblumen aus Leinwand in den Straften 

Berlins. 



DAS SPINNENNETZ 101 

XI 

Theodor horte das rote Blut, es serine, es briillte wie aus tausend Keh- 
len, es flammte wie tausend Feuersbriinste, purpurne Rader kreisten in 
der Luft, purpurne Kugeln rollten auf und nieder. Aus seinem Innern 
kam das rauschende Rot, es erfullte ihn und machte ihn leicht, ein roter 
Jubel kam iiber ihn, ein Triumph hob ihn empor. 
Aber wehmiitig war er in den Abendstunden, wenn die Fledermause 
zu flattern begannen und die Frosche quakten, das Wispern der Grillen 
unablassiger und eindringlicher wurde und eine Magd bei der letzten 
Arbeit des Tages sang. Geriihrt, mit einer schluchzenden Seele, be- 
trachtete er den abendlich geroteten Himmel, und er pfiff wehmutige 
Lieder. Ihm war wie in der Kaiser- Wilhelm-Diele, wenn die Musik das 
Lied vom schwarzbraunen Magdlein spielte. 

Er gewann seinen Glauben an die Sache wieder, der er diente, wenn 
der alte Freiherr traurig wurde und von deutschen Landen zu reden 
begann, die den Polacken anheimgef alien. Irgendwo horte Theodor 
Horner blasen, einer Kriegstrompete aufschreckenden und sterbeban- 
gen Ruf. Er war mitten im Krieg, er kampfte und stritt, er verteidigte 
heilige Erde, und er war bereit, sein Blut zu verspritzen, wenn der alte 
Freiherr das Wort »Scholle« sagte. Er sprach ein langes, sehnsiichtig 
klingendes O und ein hartes ostpreuftisches L, er holte Atem, ehe er 
die erste Silbe aussprach, und stiefi ihn bei der zweiten Silbe aus mit 
einem Seufzer. Theodor sah manchmal in dem alten Freiherrn das Bild 
eines der letzten deutschen Adeligen, denen in der neuen Zeit der Un- 
tergang drohte. 

So war es nicht immer. Wenn es regnete und Theodor in der Biblio- 
thek des Freiherrn saft, las er Romane in der »Woche«, betrachtete in 
Zeitschriften Photographien grower Manner, wurde nuchtern, wie er 
immer gewesen, und den Freiherrn sah er nicht mehr begeistert, son- 
dern als einen alten, mit kleinen Lacherlichkeiten behafteten Mann, 
wie ihn alle sahen; mit verzeihendem Verstandnis allerdings und einer 
Dankbarkeit, die er dem Hause fur eine iiber die iiblichen Mafie und 
ausnahmsweise genossene Gastfreundschaft schuldig war. 
Denn Theodor wurde besser gehalten als jemals einer von den alljahr- 
lich gebrauchten Helfern. Theodor war Zeuge in dem Prozefi gegen 
die Landarbeiter. Er unterhielt sich mit dem Untersuchungsrichter. Er 
begleitete den Freiherrn nach Berlin. Schon war vollkommene Gefahr- 



102 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

losigkeit sicher. Dennoch genofi Theodor Kebevolle Behandlung. Ein 
schwerverletzter Arbeiter, den man fur den Aufruhrer hielt, wurde 
rasch im Spital gesund gepflegt. Er bekam sogar Wein, nachdem sein 
Wundfieber verschwunden war. Die Anklage legte ihm Haus- und 
Landfriedensbruch zur Last und Mordversuch. 
Der Prozefi dauerte eine halbe Stunde. Der Arbeiter bekam acht Mo- 
nate Zuchthaus. Der Staatsanwalt safi am Abend mit Theodor Lohse 
und dem Freiherrn im »Kaiserhof« bei einer Flasche Wein. 
Eine Woche spater nahm Theodor Abschied vom Gutshof. Er konnte 
seine Ruhrung nicht unterdrticken, er dachte daran, dafi der alte Frei- 
herr bald sterben werde, er dachte an die Abendstunden, den Gesang 
der Frosche und der Grillen, die gemeinsamen Gefahren, die ihn mit 
dem Hause verbunden hatten, und an die Heiligkeit der »Scholle«. 
Dann marschierte er an der Spitze der funfzig ab, zum Bahnhof. Sie 
sangen auf der breiten Landstrafie. Theodor beschlofi, ihnen erst in 
Berlin die Lohnung auszuzahlen. Der Freiherr hatte in der Stunde des 
Abschieds die drei Taglohne nicht abgezogen. 
Theodor gedachte, es zu tun. 



XII 



Nun ging er zu Trebitsch. Wie Triumph war sein Grufi. Hielt man ihn 
fur tot? Sieh, es lebte Theodor! Lebendiger als je zuvor. Hatte man ihn 
vergessen? In den Zeitungen klang sein Name. 

Die Wehmut verlor er. Vergafi das Zirpen der Grillen, den Gesang der 
Magde, die Scholle. Schon griff er den alten Plan auf. Reiste nach Leip- 
zig. Aber Pfeiffer war geflohen ohne Theodors Hilfe. Trebitsch hatte 
ihn befreit. 

Theodor verschmerzte die verlorene Gelegenheit. Noch safien Zange 
und Marinelli. 

Nach Miinchen fuhr er. Bei Kapitan Hartmut fand er Mifkrauen. Tre- 
bitsch hatte gearbeitet. Seine Spuren erkannte er. 
Nationalsozialismus war ein Wort wie andere. Es bedingt nicht Gesin- 
nung. Er wurde empfangen, von nationalsozialistischen Fiihrern mit 
Achtung ausgezeichnet vor anderen Wartenden. Man kannte ihn also. 
Unwissend waren sie. Theodor luftete sachte Schleier. Er machte neu- 
gierig. Sie lebten im Rausch, in Begeisterung. Viele stromten ihnen zu. 



DAS SPINNENNET2 10 3 

Sie waren Partei, nicht Geheimverbindung. Jenes schien Theodor 
machtvoller. Dort arbeitet man mit offenem Visier. Dort vergrabt man 
sich nicht. Dort klingt der Name wie mit tausend Glocken. 
Er ging zu Versammlungen. Alle jubelten. Kleine Burger tranken Bier. 
Afien und jubelten, Krautknodel in den Mundern. Junge Sturmtrup- 
pen marschierten in den Saal. Standen an den Wanden. Trugen den 
Redner durch eine Gasse zwischen Stiihlen, Publikum, Tischen. Vier- 
tausend Fiifie trampelten. Kellner flitzten weifL Scheine raschelten. Es 
war ein Volksfestjubel. Theodor war neidisch. 

Wie arbeitete er schleichend, im verborgenen, umlauert von Feinden, 
innen und aufierhalb! 

Er ging in die Werbebiiros. Wie kamen sie alle! Junge Arbeiter, Stu- 
denten, Handlungsgehilfen. Anderes Material als Theodors Gymnasia- 
sten. Glaubiger waren sie, leichter entflammt, feurig, ehe sie kamen, 
lodernd, wenn sie aufgenommen waren. Eine Gefahr war Hitler. War 
Theodor Lohse eine Gefahr? Taglich nannten jenen die Blatter. Wann 
sah man Theodors Namen? 

Aber Unterwerfung forderte der Grofte, der Naive, Ungebildete, im 
Rausch der Begeisterung Lebende. Manner, die so wenig wufken, wa- 
ren sich selbst alles. Sie kannten kein Verhandeln. Sie hatten es nicht 
notig. Wenn der Fiihrer sein Bu'ro verliefi, griifken fiinfzig Menschen 
im Vorzimmer, und zwanzig standen stramm. Im Auto fuhr er. Mag 
sein, da6 er nicht alles wufke. Dafi man ihn vorschob. Aber ihn kannte 
jeder. Wer gnifite Theodor Lohse? 

Major Seyfarth war unzufrieden. Wie durfte Theodor ihn ubergehen? 
Auf seine Verdienste wies Theodor hin. Ja, Theodor drohte. Der Ma- 
jor sprang auf. Hatte Theodor den Eid nicht geleistet? Eide konne man 
brechen. Auf zweihundert Verwegene stiitze sich die Macht Theodor 
Lohses. Theodor iibertrieb. Kaum funfzig Gymnasiasten beteten ihn 
an. Kleine, furchtsame Jungen waren sie. 

Seyfarth zog sich zuriick. Einen Ausweg wufke er. War nicht Arbeit 
genug fur Theodor Lohse? Agitation? Propaganda? In der Reichswehr 
etwa? War das nicht ein Weg? Wertvolle Verbindungen gewann man. 
Theodor uberlegte: Die zweihundert haben ihm imponiert. Nun 
fiirchtete er sie. Das Militar versprach viel. Blieb ihm sein Einkommen 
gesichert? Ja, es blieb, und die Gage kam dazu. Er willigte ein. 
Daheim sah er in den Spiegel. Nicht anders sah er aus als jener Fiihrer. 
Niemand machte ihm Eindruck. Er blitzte sein eigenes Spiegelbild an. 



104 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sprach ein Wort aus, um seine Stimme zu priifen. Sie trug die Worte. 
Sie konnte donnern. 

Er machte einen Plan fur die Reichswehr: ergebene Leute finden; ihr 
Lehrer sein, ihr Fiihrer, Herr iiber Leben und Tod von hundert, zwei- 
hundert, tausend Bewaffneten. 

Er riickte ein, ein Tag reichte fiir die Erledigung der Formalitaten. Mit 
fiinf Empfehlungen riickte er ein. Potsdam war seine Garnison. Er trug 
eine Uniform nach neuestem Schnitt. Den Rock nicht mehr eng wie in 
alten Zeiten. Es war der neue Geist der Armee. Die Silberstreifen auf 
den Achselstiicken lagen so, dafi sie einen schmalen Tuchrand frei lie- 
Ken. Das Bajonett hatte eine Ieise vernickelte Kuppel. Sie war in den 
Vorschriften nicht vorgesehen, aber lacheind geduldet. Jeden Morgen 
exerzierte er. Lange hatte er das Exerzieren entbehrt. Er stand vor zwei 
Menschenreihen. Er merkte die leiseste Veranderung dieses und jenes 
Korpers. Er sah, wenn sich jemand riihrte, wenn Stiefel nicht geputzt, 
Laufe nicht gefettet, Tornister s chief geschnallt waren. Er befahl Knie- 
beugen, man gehorchte. Er befahl Laufen, man lief. Er donnerte Still- 
gestanden, man stand still. 

Er hielt Unterricht am Nachmittag. Er las Broschiiren von Trebitsch 
vor. Und sagte eigenes. Er machte einen Witz. Die Soldaten lachten. Er 
glaubte zu sehen, dafi einer krank war. Er schickte ihn heim. Er war 
ein Kamerad. Er klopfte dem und jenem auf die Schulter. Er sprach 
iiber Madchen. An Montagen fragte er, wie der Sonntag gewesen sei. 
An Samstagen wiinschte er vergniigte Sonntage. Er bot Fiirsprache 
beim Obersten den Bestraften an. Er selbst vermied Bestrafungen, be- 
gniigte sich mit Riigen. Die im Felde G'ewesenen sammelte er um sich. 
Er kiindigte Vortrage am Abend an. Viele kamen. Seine Kompanie 
spendete Beifall, rifi andere mit. Nach einigen Wochen konnte er frei 
sprechen; fragte er, wieviel mit ihm durch dick und diinn gingen. Alle 
erhoben sich, alle. Er iiefi einzelne einen Eid schworen. Er gab ihnen 
Geld und Broschiiren zur Verteilung. 

Mit den Offizieren sprach er wenig. Er kam ins Kasino. Sie sprachen 
vom Dollar wie alle. Leutnant Schiitz, Sohn eines Bankmachtigen, 
hatte dem Obersten Papiere gekauft. Es waren Haussetage. Des Ober- 
sten gute Laune erheiterte das Kasino. Alle wollten Papiere. Sie wu(S- 
ten, was Effekten waren, Hausse und Lombard, Leutnant Schiitz lieh 
alien. Er lieh auch Theodor. 
Theodor las in den Abendblattern Kurse. 



DAS SPINNENNETZ 10 5 

XIII 

Er las Kurse. 

Sein Geld vermehrte sich, er lernte sagen: Das Kapital wachst. Nun 

waren Wege frei. Wege zu weiEschimmernden Villen im Tiergarten, 

zwischen samtenem Rasengriin, hinter silbrigen Gittern, mit steifen 

Lakaien und goldgerahmten Bildern. Dariiber hatte Theodor fast an- 

deres vergessen. Machtiger als alle war Efrussi. Nie horte man auf, sein 

Hauslehrer zu sein. Zu den Geheimnissen aller Macht fuhrte wachsen- 

des Kapital. 

Immer hatte er Geld geliebt, er, Theodor Lohse. In der Schule voll- 

brachte er das erste Geschaft. Er sammelte fur einen Kranz. Der kleine 

Berger war gestorben. Zwei Mark vierzig Pfennig bekam Theodor. Er 

kaufte den Kranz fur zwei Mark zehn Pfennig. Dreifiig Pfennig behielt 

er. Er hieit sie ein Jahr lang. 

Immer war er sparsam gewesen. Als Student und spater beim Militar 

lernte er Geld geringschatzen. Nur die ersten Schecks von Trebitsch 

gab er leichtsinnig aus. Er bereute es spater. Er bereute immer, wenn er 

ausgegeben hatte. 

Er reiste in Zivil und in der dritten. Er kaufte Wochenkarten fur die 

Stadtbahn. Trug er die Uniform, so ging er zu Fufi. 

In der Fruh, wenn sie auf der Exerzierwiese rasteten, sah er die Frau 

mit dem Zuckerwerk von Soldaten umringt. Limonade verkaufte sie. 

Alle waren erhitzt und tranken. Theodor steckte Kaugummi zwischen 

die Zahne. 

Dreimal taglich rauchte er, nach jeder Mahlzeit. Eine Zigarre geniigte 

ihm. Er loschte sie aus, steckte sie wieder an. 

Er sah, wie sein Geld wuchs. Wenn er erst reich war wie Efrussi, 

kaufte er sich einen Theodor Lohse. 

Vorlaufig blieb Theodor vor den Schaufenstern stehen und rechnete 

aus, was er kaufen konnte, wenn er seine Aktien losschliige. Manchmal 

fragte er bei umherirrenden Maklern an, was dieses und jenes Haus 

kostete. Er bekam viele Angebote. Er sonderte sie in jene, auf die er 

nicht eingehen konnte, und solche, fur die sein Geld reichte. 

Fast hatte er dariiber seine Aufgaben vergessen. Er glich einem Brauti- 

gam, der den Sonnenaufgang am Tage der Erfullung verschlaft. Sein 

spahendes Auge irrte zu fremden Zielen. Sein eingeschlafertes Ohr 

vernahm nicht mehr die verheiftenden Gewitter der Zeit. Er sah Tre- 



106 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

bitsch nicht mehr. Er schrieb nichts mehr fur den »Nationalen Beob- 
achter«. 

Gleichzeitig ging er an den Lebensmittelladen vorbei, vor denen 
hungrige Mengen larmten. Am Nachmittag pliinderten Arbeiter in 
Potsdam. 

Eine stille Geschaftigkeit herrschte in der Kaserne. Es riickte eine 
fremde Maschinengewehrkompanie ein und blieb - niemand wufite, 
wie lange. Niemand kannte den Oberleutnant, der sie befehligte. 
Man sprach weniger, der Oberst safi schweigsam und steif. Er hatte 
dunkelrote, blaugeaderte Wangen. Sie hingen, wenn er schwieg, wie 
kleine Taschchen aus Haut uber den Kragen. Am Ende der Tafel, wo 
die »jungen Leute« safien, machte man keine Witze mehr. Man las 
Zeitungen, den politischen Teil, und kiimmerte sich nicht um das 
Geld. 

Es war eine angstvolle Feierlichkeit, als wartete man auf eine begliik- 
kende Katastrophe. Major von Liibbe hielt einen Vortrag iiber die 
Zukunft des Luftkrieges. Es war jener bereits bekannte Vortrag, den 
Major Liibbe einigemal im Jahr aus einer alten Nummer der »Kreuz- 
zeitung« vorzulesen pflegte. Er hatte als Hauptmann einen Artikel 
iiber Luftkriege verfafit. Das war lange her. Wenn er den Aufsatz las, 
driickten sich die Stabsoffiziere. Nur die jungen.Leute mufiten blei- 
ben und lauschen. Sie lauschten. Der Major sprach von Zeppelin. Er 
war einmal beim Graf en Zeppelin Gast gewesen. Und der Aufsatz 
handelte eigentlich nicht vom Luftkrieg, sondern von der Personlich- 
keit des Graf en. 

Diesmal driickten sich die Stabsoffiziere nicht. Es war der Zeit nicht 
angemessen. Sie erforderte strengste militarische und gesellschaftliche 
Pflichterfiillung. Aber diesmal sprach der Major auch nicht mehr so 
viel iiber den Grafen Zeppelin. Er sprach von der Zeit des Grafen 
und verglich sie mit der Gegenwart und mahnte zur deutschen Einig- 
keit. Und sprach von harrenden Aufgaben. Und sogar die Stabsoffi- 
ziere lauschten. 

In zwei Wochen war die Enthiillung einer Gedenktafel fallig. Dazu 
hatte das Regiment alle alten Offiziere und den General Ludendorff 
eingeladen. Natiirlich kam er. Der Oberst verkiindete es im Kasino; 
er sprach langsam, er formte die Laute sichtbar, und er arbeitete dabei 
mit den Kiefern, so dafi seine Taschchen schlotterten. 
Man exerzierte mit erneuten Kraften. Man putzte Gewehre, fettete 



DAS SPINNENNETZ IOJ 

Laufe, iibte Griffe. Die Musik spielte, alte Marsche frischte sie auf. 
Und die Menschen in den Stadten hungerten. Nachrichten vom Ge- 
neralstreik brannten in den Zeitungen. Die Arbeiter schlichen mit 
schweren, langsamen Schritten am Abend durch die Strafien. Ihre 
Frauen warteten. Die Manner kamen nicht heim. Kalt war der Herd. 
Kein Essen war bereitet. Was sollten sie zu Hause? Sie gingen in die 
Schenken. Es reichte fur Schnaps. Betrunkene fiihlen keinen Hunger. 
Betrunkene torkelten, schleiften ihre Fufie liber den Asphalt. Strafien 
waren abgesperrt. Polizeihelme stamen. Uber zerschmetterten 
Schaufenstern hingen Rolladen wie eiserne Sargdeckel. Verhaltene 
Schiisse erwarteten ihre blutige Stunde. 

Ein Geheimbefehl erreichte Theodor: Eifer verdreifachen. Es fuhr in 
Theodor wie ein Trompetenstofi. Seine Zeit brach an. Er war bereit. 
Er riistete sich fur den Tag. Heute und morgen konnte es sein. 
Er berief seine Garde. Die Jungen kamen. Sie brachten neue Kamera- 
den aus dem Bismarck-Bund mit. Sie brachten Pistolen zum Ein- 
schiefien. Theodor ging zum Waffenmeister. Alle Gewehre wurden 
geputzt. Alte Bajonette strahlten. Die Jungen blieben einen Tag in der 
Kaserne. Wie berauschte sie der Rost der alten Waffen! Und wie 
blendete sie der Glanz der neuen! Konnten sies wissen? Dieses und 
jenes Gewehr hatte alle Kriege mitgemacht. Feinde getotet. Eine 
grofie Kraft ging von einem Gewehrkolben aus. Zauberhaft wirkte 
der Griff eines Sabels. Von welchem tapferen Reiter war er ge- 
schwungen worden? Blind war der Stahl . . . Von Blut! sagten sie. 
Rostflecke waren Blutflecke. Blut des Feindes klebte an den Waffen. 
Am Sonntag kam der General. 

Am Sonntag riickte das Regiment aus, mit klingendem Spiel. Die Ok- 
tobersonne strahlte wie im Friihling. Burger winkten aus den Fen- 
stern. Fahnen wehten. Kinder liefen mit. Es war wie im Frieden. 
Mancher vergafi seine Armut. 

Vor dem General standen sie. Der alte Divisionspfarrer sprach. Lu- 
dendorffs Helmspitze schwamm im Sonnenglanz. Ein leises Orden- 
klirren kam von den Offizieren wie silberne, dunne Musik. Sporen 
lauteten wie Glockchen. Wie eine Schicht schwerer Feierlichkeit lag 
der Atem der Mannschaft in der Luft. Man hone leise Stimmen der 
Offiziere von der Mitte des Platzes her. Ein kurzes, starkes Lachen 
des Generals. Es klang wie ein Gurgeln. 
Drei Satze sprach der General, rechts neben der Gedenktafel. Er 



108 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sprach harte Worte. Die Hande hielt er iiber dem Sabelknauf. Man 
hatte ihn fur eine Statue halten konnen, eine bekieidete Statue. 
Dann stieg er herunter, das Monokel klemmte er ein, wenn er mit 
jemandem sprach. Er sprach mit Theodor. Einmal habe ich ihm einen 
Brief geschrieben, denkt Theodor. Wie lange war es her! Wie jung war 
Theodor vor einem halben Jahre noch! Heute kennt ihn Ludendorff. 



XIV 

Geheimbefehle mahnten zur Bereitschaft fur den 2. November. Theo- 
dor hatte drei Wochen Zeit. Er schlief nicht mehr. Seinen Tag erfullte 
Hast ohne ZieL An den Abenden hielt er Abrechnung iiber vergebliche 
Geschaftigkeit. Durch die wachen Nachte kreiste ohne Ende der plan- 
lose Entschlufi: machtig zu werden. Die flinken Ereignisse kamen ihm 
zuvor, iiberrumpelten ihn. War er am 2. November noch Mittel nur, 
nicht Fiihrer, Glied einer Kette, nicht ihr Anfang, zwischen den ande- 
ren und nicht iiber ihnen, so hatte er seinen Tag versaumt. Dann er- 
wartete ihn kein Glanz, sondern bescheidenes Ziel. 
Mitten in seine kreisende Sorge schossen Heldentraume, klang der Ruf 
seiner Sendung, hob ihn roter Jubel empor. Giinther und Klitsche und 
achtzehn Arbeiter waren tot, vergeblicher Erfolg acht eifervoller Mo- 
nate. Mifibrauchtes Werkzeug fremder Lust war Theodor gewesen. Wo- 
fiir? Verantwortung schuldete er nur sich selbst. Er trug sie leicht, wenn 
sein Ziel erreicht war; er ging an ihr zugrunde, wenn er unterwegs blieb. 
Er durfte nicht mehr innehalten. Aber er hatte sich Zeit gegeben, ein 
Jahr wenigstens, noch spann er seine Faden, noch bargen sich vor ihm 
Menschen und Dinge. Man hatte ihn abseits gestellt, sein Eifer hatte 
ihn verraten, er hatte bedachtsamer Wege wahlen miissen. Jetzt tat er, 
was hundert andere taten: Vortrage halten, Broschiiren verteilen. 
Langst war er nicht in Munchen gewesen . . . wer weifi, neue Menschen 
fiihrten, und der Zufall brachte einen anderen Klitsche ans Licht. 
Ein Jahr noch - und er ware vielleicht reich, und Geld erwarb ihm 
alles, wozu der Eifer nicht reichte. Aber hart vor ihm lag der 2. No- 
vember. Die Nahe des Tages verwirrte ihn, nahm seinen Entschliissen 
Besonnenheit. Unter ihm schwankte der Boden, sein Weg fiihrte nicht 
mehr empor. 
Halbe Tage war er unterwegs zwischen Potsdam und Berlin. In seinem 



DAS SPINNENNETZ IO9 

Biiro las er den Einlauf, zu Trebitsch ging er. Der war ein Beispiel 
zielsicherer Ruhe. Trebitsch benahm sich, als stiinde er abseits. So 
mufiten die Menschen sein, die den 2. November schmiedeten, so 
harmlos und sanft. Der Vollbart gab ihm das Aussehen des ungefahr- 
lich Wiirdevollen, des Menschen der Idee, des ahnungslosen Gelehr- 
ten. Nur ein achtloses Wort verriet ihn. Er sah jede Veranderung, wie 
Theodor, wenn er vor der Front seiner Kompanie stand. Er sprach von 
der »anderen Methode«, die Arbeiter zu behandeln. Vielleicht ging es 
in Zukunft um die Eroberung des linken Radikalismus. Die Parole 
war: Vorsicht; Naherkommen, nicht Herausforderung. 
Geborgen vor gefahrlicher Entdeckung, lag in Theodor der alte, un- 
deutlich und behutsam geformte Wunsch, eine Briicke zu den anderen 
zu schlagen. Verrauscht waren die klingenden Worte des Eides, ihre 
Fruchtbarkeit verblafit, ihre Drohung unwirklich. Was geschah einem 
Machtigen? Unterwegs noch drohte Gefahr - ehe er bei den anderen 
war. Drohte sie nicht auch hier? Die anderen waren leichter zu fassen. 
Ehrlichkeit vermutete er bei ihnen. Hier war Selbstsucht und Sorge um 
Gehalt, Stellung, Weib und Kind. Dort lebten die Goldscheiders, die 
Gekreuzigten, die Giite predigten und Neues Testament. 
Nun ist die Gefahr gering. Immer bleibt eine Tiir offen; heme kann 
Theodor selbstandige Versuche machen. Wem schuldet er Rechen- 
schaft? Wer verdachtigt ihn? Er kann alles verantworten. Daft er Un- 
ternehmungen geheimhalt, deren Erfolg im Geheimnis begriindet ist, 
muE selbstverstandlich erscheinen. Er kann es wagen. 
Was war Sozialismus? Ein Wort. Man muE nicht daran glauben. 
Woran glaubte er heute? Driiben war er wertvoll. Die anderen breite- 
ten die Arme aus. Er kannte die Kulissen. 

In den wachen Nachten formte sich sein Plan, nahm Leben an und 
drangte zur Erfiillung. Theodor hatte keine Zeit mehr. Die ersten 
Schritte mufke er bedachtig tun. 

War er ein Verrater? Er ist es nicht. Er will wirklich nur die anderen 
aushorchen, seine Spione beaufsichtigen. Er durfte nicht lange nach- 
denken. Uberlegung schwacht Entschliisse. Es war keine Zeit. 
Flammender wurden taglich die Titel liber den Zeitungsberichten. 
Schon streikten die Metallarbeiter in Sachsen. Man sprach von Ziigen, 
die irgendwo aufgehalten worden. 
Doppelte Bereitschaft war in der Kaserne befohlen. 



110 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XV 

Unter den unzuverlassigen und verdachtigen Spitzeln, die Theodor ab- 
geschafft hatte, befand sich Benjamin Lenz. Er lieferte doppelte Be- 
richte: an Trebitsch und an Theodor. Von beiden erhielt er Geld. Seine 
Adresse kannte Theodor. 

Benjamin Lenz, ein Jude aus Lodz, war im Krieg von einer Kundschaf- 
ter- und Nachrichtenstelle als Spion verwendet worden. Sein Ange- 
sicht verriet ihn: Seine starken Backenknochen warfen Schatten gegen 
die Augenhohlen, der untere Stirnrand mit den Brauen sprang vor, und 
so lagen die kleinen schwarzen Augen wie in Talkesseln, ringsum ge- 
schutzt, und die Richtung der Blicke war schwer zu erkennen, denn sie 
kamen aus entfernter Tiefe. Kurz und breit war das Kinn und die Nase 
flach. Aber dieser Schadel, der zu einem gedrungenen Rumpf gepafit 
hatte, safi auf dunnem Hals, zwischen abschussigen, schlanken Schul- 
tern. Benjamin Lenz hatte schmale Knochel, dlinne Handgelenke, 
lange, nervose Finger. 

Mit der heimkehrenden Armee war er nach Deutschland gekommen, 
durch viele Stadte gewandert. Er hatte Empfehlungen von der Armee. 
Polizisten, mit Bosheit gegen solche aus dem Osten geladen, zwinker- 
ten mit verstandnisvollem Auge Benjamin zu. Ihre Gunst genofi er und 
kassierte unbehelligt im wandernden Panoptikum, drehte den Leierka- 
sten des Karussells, falschte Berichte fur auswartige Missionen, stahl in 
Amtsstuben Papiere und Stempel, spionierte in Oberschlesien, lieft 
sich mit Untersuchungshaftlingen einsperren und horchte sie aus und 
wartete auf »seinen Tag«. 

Seine Idee hiefi: Benjamin Lenz. Er hafite Europa, Christentum, Ju- 
den, Monarchen, Republiken, Philosophic, Parteien, Ideale, Nationen. 
Er diente den Gewalten, um ihre Schwache, ihre Bosheit, ihre Tiicke, 
ihre Verwundbarkeit zu studieren. Er betrog sie mehr, als er ihnen 
niitzte. Er hafke die europaische Dummheit. Seine Klugheit hafite. Er 
war kluger als Politiker, Journalisten und alles, was Gewalt hatte und 
Mittel zur Macht. Er probte seine Kraft an ihnen. Er verriet die Orga- 
nisationen an die politischen Gegner; den franzosischen Gesandtschaf- 
ten verriet er Gelogenes, Wahres durcheinander; er freute sich an dem 
glaubigen Gesicht des Betrogenen, der aus den falschen Tatsachen 
Kraft zu neuer Grausamkeit schopfte; iiber das dumme Erstaunen ein- 
gebildeter Diplomaten, kindischer, zahnloser Geheimrate, bestiali- 



DAS SPINNENNETZ III 

scher Hakenkreuzler; freute sich, dafi sie ihn nicht erkannten. Er irrte 
sich selten. Er hatte nicht gewufit, dafi Klitsche tot war und ein anderer 
an seiner Stelle safi. So brachte ihn ein lange erfolgreich geiibtes Mano- 
ver mit den Duplikaten, die Theodor entdeckte, in Verdacht. Er ver- 
schmerzte den Fall. Er arbeitete mit falschem Material fur Trebitsch. 
Und sogar diesen iibertraf er. Er spielte den dummen, kleinen Spitzel. 
Auftrage liefi er sich einigemal erlautern. Verwickelte Geschafte lehnte 
er ab. Er gab die Rolle eines Menschen, dessen Verstand gerade noch 
zur Erkenntnis seiner eigenen Beschranktheit ausreicht. 
Und er wartete. 

An »seinem Tag« mufite in ganz Europa der schlummernde Wahnsinn 
zum Ausbruch gekommen sein. Also vergrofierte er Verwirrung, stei- 
gerte Freude am Blut, Lust am Toten, verriet einen an den anderen, 
beide dem dritten und diesen auch. Er verdiente Geld. Aber er lebte in 
einem kleinen Zimmer eines schmutzigen Hotels. In geheimnisvollen 
Kellerlokalen afi er, mit Bettlern und Gliihlampendieben. Er sparte fur 
seinen Bruder, seine zwei Schwestern, seinen alten Vater. Der Vater 
war ein alter Feldscher in Lodz mit einer kleinen jiidischen Barbier- 
stube. Die Schwestern Benjamins mufken eine Mitgift haben. Dem 
Bruder, der Chemie studierte, gab er den grofiten Teil seines Verdien- 
stes. Dieser Bruder sollte einmal eine eigene Fabrik gninden konnen. 
Niemals kam Benjamin mit ihm zusammen. Niemals schrieb er nach 
Lodz an seinen Vater. Er hatte keine Zeit, Benjamin Lenz; er arbeitete 
fur seinen Tag. 

Theodor hatte ihn nicht nur wegen der Duplikate abgeschafft. Seine 
Klugheit roch er. Er fuhlte das Judentum Benjamins; wie ein Jagdhund 
uberall Wild wittert, so witterte Theodor Juden, wo er einer Uberle- 
genheit begegnete. 

Lenz kam eine halbe Stunde spater, er Heft Theodor warten, er liefi 
jeden warten, der ihn brauchte. Aber Theodors Wunsch zu erfullen 
weigerte er sich. Er weigerte sich immer. Theodor Lohse zu den ande- 
ren fuhren? Den Genossen Trattner? Sie kannten ihn, kannten das 
Portrat Theodors. Klaften hatte ihn noch einigemal gezeichnet: natur- 
getreu. 

Jene Affare Klaften hatte Theodor begraben. Er fragte, wie sie ausge- 
fallen sei. »Uberhaupt nicht«, sagte Lenz. Thimme, der junge Attenta- 
ter, war ein Polizeispitzel gewesen. Goldscheider lag im Krankenhaus. 
Klaften war ein bekannter Maler. Das Portrat Theodors hatte in der 



112 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Ausstellung einen Preis bekommen. Nach einer Viertelstunde weigerte 
sich Benjamin Lenz nicht mehr. Las er in den Menschen? Alles konnte 
man ja vergessen, sagte Lenz, wenn Theodor als Freund kame. Oder 
scheinbar als Freund. 
Sie gingen. 



XVI 



Sie safien, drei Manner, im Cafe auf dem Potsdamer Platz. Zwischen 
ihnen flogen gleichgiiltige Worte. Mifitrauen wiirgte in ihren Halsen, 
Angst lahmte ihre Zungen. An einem Nebentisch safi Benjamin Lenz. 
Theodor bereute. Es war zu spat. Er hatte nicht geahnt, wie schwer es 
ihm kommen wiirde. Niemand half ihm. Er sollte anfangen. Es war, als 
weidete man sich an seiner Qual. 

Und es ist genauso wie einmal - lang war es her - in der Schule, wenn 
er anderes sagen soil als auswendig Gelerntes. Es war Larm im Cafe, an 
den Nebentischen summte das Gesprach der Gaste, Tassen klirrten, 
und dennoch schlug ihm eine Stille entgegen, als beherrschte das War- 
ten alle Menschen. Erst als sie durch die Strafien gingen, gewann er sich 
wieder. Er ging zwischen zwei kleinen, schwarzen Mannern, die sich 
jedes Wort einpragten. 

Er verstellte sich nicht. Wozu brauchte er Verstellung? Er konnte im- 
mer ableugnen; aufrichtiges Gestandnis fur erheucheltes ausgeben. 
Seine wahren Griinde klangen iiberzeugend. 

Er erzahlte von seiner Unzufriedenheit; schilderte das Mifitrauen, das 
ihn umgab; gestand, dafi ihn Ehrgeiz trieb. 
Er liiftete spater, in einem Biiro, Zipfel von Geheimnissen. 
Es war spat, als er schied, er fuhr nach Potsdam, las ein Abendblatt. 
Als er aufblickte, sah er Benjamin Lenz. Er safi Theodor gegeniiber. 
Sie gingen durch den Potsdamer Abend, durch alte Gafichen, die ganz 
unwahrscheinlich aussahen, und Benjamin fiihrte, und Theodor wufite 
nicht, dafi er gefiihrt wurde. Vom 2. November sprach Benjamin Lenz, 
er glaubte nicht an Revolutionen. Er glaubte an ein kleines Blutbad, 
kaum der Sorgen wert, in Deutschland nicht selten und eigentlich jede 
Woche wahrscheinlich. 

Vielleicht sprach er diesmal aufrichtig, Benjamin Lenz? 
Es war ein wehmiitiger Abend, mit violetten und gelb schimmernden 



DAS SPINNENNETZ 113 

Wolken, mit einem zahmen, behutsamen Abendwind, und Theodor 

ging durch raschelndes Laub die Strafie, die zum Bahnhof fiihrte, ent- 

lang und fiihlte eine Ruhrung wie damals in den Feldern des Herrn von 

Kockwitz. 

Und eine Warme kam von Benjamin Lenz, so dafi Theodor zu spre- 

chen anfing und seine Worte nicht mehr wagte und iiber Trebitsch 

klagte und iiber die Undankbarkeit uberhaupt. Was machte ein Mann 

von den Fahigkeiten Lohses bei der Reichswehr? 

Was machte so ein Mann bei der Reichswehr? Es kam, ein erquicken- 

des Echo, von Benjamin Lenz zuriick. Wer hatte ihn beiseite gescho- 

ben? Es kam darauf an, es zu erfahren. Man mufke seinen Gegner 

kennen. 

Oh, wie wufite Lenz Bescheid! Man sollte sich mit Benjamin Lenz gut 

verhalten. 

Wieviel wufite er von Theodor allein? Alles. Ahnte er auch die Angele- 

genheit Klitsche? Er kannte sie. Er sagte: 

»Sie konnen nicht umsonst Blut vergossen haben, Herr Leutnant 

Lohse. Andere konnen iiber Leichen gehen, der Idee wegen oder weil 

sie Morder sind von Geburt. Sie aber, Herr Lohse, glauben langst nicht 

mehr an die Idee und sind kein geborener Morder. Sie sind auch kein 

Politiker. Sie wurden von Ihrem Beruf iiberf alien. Sie haben ihn sich 

nicht gewahlt. Sie waren unzufrieden mit Ihrem Leben, Ihren Einnah- 

men, Ihrer sozialen Stellung. Sie hatten versuchen sollen, im Rahmen 

Ihrer Personlichkeit mehr zu erlangen, niemals aber ein Leben, das 

Ihrer Begabung, Ihrer Konstitution zuwiderlauft.« 

Nein, Theodor konnte es nicht, durfte es nicht. Klein und unbeachtet 

hatte er ohne Umwege auch bleiben konnen; ware Hauslehrer bei 

Efrussi und zufrieden. 

An diesem wehmutigen Abend fiel ihm Frau Efrussi ein. Die sanfte 

Beriihrung ihres Oberarmes im Auto, ihr Lacheln. 

Zu ihr und ihresgleichen fiihrte der Weg, an dessen Ende die Macht 

lag. Wie aufrichtig sprach Benjamin, der Spitzel. Es gibt Abende, 

dachte Theodor, an denen die Menschen gut werden miissen, entzau- 

bert werden. 

Da fiel ihm auch schon Gunther ein, Gunther, der seine Braut geliebt 

hatte; dieses Angesicht sah er, das violett unter den Augen schim- 

mernde, und den enthiillten Oberkiefer unter krampfhaft emporgezo- 

genen Lippen. 



114 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Wie pfiffen Zuge sehnsiichtig durch die Nacht, der Friede kam vom 

blauen Himmel. 

An Theodors Seite geht Benjamin Lenz, und das ist vielleicht sein 

Freund. 

Es ist dein Waffengefahrte, Theodor. Seine Schlauheit ist niitzlich. Zu 

zweit ist man erfolgreich. Und wer anderer konnte dein Bundesge- 

nosse sein als Lenz? Benjamin Lenz versteht Theodor Lohse. 

Sie gingen den langen Weg zuriick; zwischen ihnen war die gute, be- 

schwichtigende Schweigsamkeit der Freundschaft. Sie driickten einan- 

der zum Abschied die Hand. Der Druck ihrer Hande war ein wortlo- 

ses Btindnis. 



XVII 



Seit jenem Abend kam Benjamin Lenz taglich ins Berliner Biiro in der 
Potsdamer Kaserne. Wieviel Gewehre hatte Theodor an seinen Bis- 
marck-Bund verteilt? Ob Marinellis Flucht schon vorbereitet war? 
Wie oft gingen die Kuriere von Leipzig nach Miinchen? 
Alles wufite Benjamin; wufite rnehr, als man ihm sagte. Daflir brachte 
er Theodor zu den anderen. Bekannte Gesichter aus Miinchen glaubte 
Theodor wiederzufinden: den Invaliden Klatko aus den oberschlesi- 
schen Abstimmungskampfen, den Deserteur Conti aus Triest, den Vi- 
zefeldwebel Fritsche aus Breslau, den gewesenen Polizeiwachtmeister 
Glawacki, den Buchbinder Falbe aus Schleswig-Holstein. 
Eine Woche lang ging er in die Versammlungen. Sah die verraucherten, 
schlecht beleuchteten Lokale, tiefe, wie aus Grabern kommende, hei- 
sere, rasselnde, das tausendfache Rufen der Zuhorer, stand hart neben 
ihnen, roch ihren Schweifl und ihre Armut, sah in flackernde Pupillen, 
sah diirre Gesichter auf knochigen Halsen, eckige Fauste an diinnen, 
wie ausgesogenen Handgelenken; sah Schnurrbarte, willkiirlich ge- 
kammte iiber zahnlosen Miindern, zwischen geoffneten Lippen 
schwarze Zahnlucken, Bandagen, von Jodoform durchtrankte, iiber 
entblofiten Armen. Sah Frauen mit sparlichem, straffgekammtem was- 
serblondem Haar, die Armseligkeit der Tragerin, ihren gedorrten 
Hals, sah durchsichtige, diinne gelbliche Haut, in schlaffen Fetzen 
hangende. Sah Mutter mit groftkopfigen Kindern an welkender Brust, 
sah Jiinglinge mit verwegenen Locken iiber mutigen Stirnen, dennoch 



DAS SPINNENNETZ II5 

schon von Arbeit und Krankheit gezeichnete, mit unnatiirlich grofien 
Augenhohlen; sah junge Madchen in derben Schuhen, mit bleichen 
Gesichtern, mannersuchenden Augen, gefarbten Lippen, horte ihre 
hemmungslos kreischenden Stimmen. Er sah sie trinken, roch den 
Schnaps, verstand den Dialekt nicht, lachelte ein leeres Lacheln, wenn 
jemand an ihn stiefi. Fremd waren ihm die Menschen, fremde Gesich- 
ter trugen sie, nicht von seiner Welt waren sie, nicht von dieser Welt. 
Er bedauerte sie nicht, er sah, daft sie leiden mufken, aber welcher Art 
ihr Leid war, konnte er sich nicht vorstellen. Den einzelnen hatte er 
vielleicht verstanden, in der Menge aber gab es keine Kontur, keinen 
bleibenden Punkt. Alles schwankte und schwamm. Wie sie liebten, 
wufite er nicht, und nicht, wie sie weinten. Er sah, wie sie aften, Brot, 
das in den Rocktaschen lag, rissen sie mit Daumen und Zeigefinger 
heraus, zerpfliickten es gleichsam und stopften es mit vorgehaltener 
Hand in den lechzenden Mund. Aber wie waren ihre Zungen beschaf- 
fen, ihre Gaumen? Wie schmeckten sie? Manchmal, wenn sie jubelten, 
war es eine Drohung, und nicht anders klang ein Zuruf der Erbitte- 
rung. 

Er liebte sie nicht. Er furchtete sich vor ihnen, Theodor Lohse. Seine 
eigene Furcht hafke er. »Herr Leutnant Lohse«, sagte Benjamin Lenz, 
»das ist das deutsche Volk, fur das Sie zu arbeiten glauben. Die Offi- 
ziere in den Kasinos sind nicht das Volk.« Und Benjamin Lenz freute 
sich. So war es in Europa, wo man nicht sprach, was man tat, und 
umgekehrt. Wo einer Offiziere und Studenten fiir das Volk hielt. Eu- 
ropa, in dem es Nationen gibt, die keine Volker sind. 
Und dann begab sich Benjamin Lenz zu Trebitsch und erzahlte von 
Theodor Lohses Entwicklung und Verrat. Er hatte selbst langst schon 
verraten, was er durch Theodor erfahren, der Benjamin Lenz. Und 
Trebitsch warnte er: Noch einige Tage und Lohse verrat Waffenlager, 
Marinellis Befreiung, Beziehungen der Reichswehr; Gewehre des Bis- 
marck-Bundes. 

Benjamin Lenz war sehr froh. An diesem Abend legte er Geldscheine 
in einen Umschlag und schickte sie seinem Bruder. 



Il6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XVIII 

Wie liebte er diese Zeit, Benjamin Lenz, diese Menschen. Wie wuchs er 
unter ihnen, gedieh, sammelte Macht, sammelte Geheimnisse, sammelte 
Geld, sammelte Freuden, sammelte Hafi. Sein lauerndes Auge trank das 
Blut Europas, sein halbhoriges Ohr den Klang der Waffen, den scharfen 
Knall der Schiisse, das Heulen der Gewalt, das letzte Gestohn der Ster- 
benden und die rauschende Schweigsamkeit der Toten. 
Rings um Benjamin verkummerten die Wachsenden und wurden nicht 
reif; hafi ten die Gereiften einander; verdorrten die Guten und die Giite; 
vertrockneten die Sauglinge; Greise wurden in den Strafien zertreten; 
Frauen verkauften ihre kranken Leiber; Bettler protzten mit ihrem Ge- 
brest, Reiche mit ihren Banknoten; geschminkte Junglinge verdienten 
auf der Strafie; Arbeiter schlichen mit krankem Schattenschritt zur Ar- 
beit wie langst Gestorbene, die den Fluch ihres irdischen Tagewerkes 
weiterschleppen miissen, andere betranken sich, heulten wahnsinnigen 
Jubel in den Strafien, letzte Jauchzer vor dem Untergang; Diebe legten 
ihre schleichende Sorgfalt ab und paradierten mit der Beute; Rauber 
hatten ihre Winkel verlassen und verrichteten ihr Werk im Sonnenschein ; 
brach einer nieder auf hartem Pf laster, raubte ihm der andere den Rock im 
Weitergehen; Krankheit walzte sich durch die Hauser der Armen, iiber 
staubige Hofe, lag in den lichtarmen Stuben, drang durch die Haut; Geld 
rann durch die Finger der Satten, ihrer war die Macht; Furcht vor den 
Hungrigen nahrte ihre Grausamkeit; Fruchtbarkeit ihrer Giiter blahte 
ihren Stolz; sie tranken Champagner in lichterftillten Palasten; sie ratter- 
ten in Automobilen vom Geschaft zur Freude, von der Freude zum 
Geschaft; Fufiganger starben unter den Radern; rasende Chauffeure 
flitzten weiter; die Totengraber streikten; die Metallarbeiter streikten; 
vor den Nahrungsmitteln hinter glanzenden Spiegelscheiben reckten 
sich ausgedorrte Halse, flackerten Augen, aus den Hohlen getretene; 
kraftlose Fauste ballten sich in zerrissenen Taschen. 
In den Parlamenten redeten oberflachliche Menschen. Minister gaben 
sich ihren Beamten preis und waren ihre Gefangene. Staatsanwalte exer- 
zierten in Sturmtrupps. Richter sprengten Vers ammlun gen. Nationale 
Wanderredner hausierten mit tonenden Phrasen. Listige Juden zahlten 
Geld. Arme Juden erlitten Priigel. Geistliche predigten Mord. Priester 
schwangen Kniippel. Katholiken waren verdachtig. Parteien verloren 
Anhanger. Fremde Sprachen waren verhafit. 



DAS SPINNENNETZ 117 

Fremde Menschen wurden bespien* Treue Hunde wurden geschlach- 
tet. Droschkengaule gegessen. Beamte safien hinter Schaltern, hinter 
Gittern, unerreichbar, geschiitzt vor der Wut, lachelten und befahlen. 
Lehrer priigelten aus Hunger und Wut. Zeitungen erlogen Greuel der 
Feinde. Offiziere wetzten Sabel. Gymnasiasten schossen. Studenten 
schossen. Polizisten schossen. Die kleinen Knaben schossen. Es war 
erne schiefiende Nation. 

Und Benjamin lebte unter verzerrten Gesichtern, verrenkten Gliedma- 
fien, gekriimmten Riicken, gepriigelten Riicken, geballten Fausten, 
rauchenden Pistolen, geschandeten Muttern, aussatzigen Bettlern, be- 
trunkenen Patrioten, schaumenden Bierkriigen, klirrenden Sporen, 
zerschossenen Arbeitern, verbluteten Leichen, offenen Grabern, ver- 
schiitteten Mordgruben, erbrochenen Kassen, eisernen Kniippeln, 
scheppernden Schwertern, klingenden Orden, paradierenden Genera- 
len, blitzenden Helmen. 

Oh, wie liebte sie Benjamin Lenz! Wie durfte er sie hassen und ihren 
Haft nahren und grofiziichten! Er sah den grausamen Lebendigen und 
roch den Moder voraus. Benjamin wartet, sie werden ihm anheimfal- 
len. Sie werden einander zerfleischen, er wird es erleben. Wie liebte 
Benjamin Theodor, den gehafiten Europaer, Theodor: den feigen und 
grausamen, plumpen und tiickischen, ehrgeizigen und unzulanglichen, 
geldgierigen und leichtsinnigen, den Klassenmenschen, den gottlosen, 
hochmiitigen und sklavischen, getretenen, strebenden Theodor Lohse! 
Es war der europaische junge Mann: national und selbstsiichtig, ohne 
Glauben, ohne Treue, blutdiirstig und beschrankt. Es war das junge 
Europa. 



XIX 

Am 20. Oktober, um n Uhr nachts, wurde Marinelli befreit. Er floh in 
bereitgehaltenem Auto nach Berlin, er fuhr nach Potsdam, der Chauf- 
feur hatte Befehl, ihn zu Theodor Lohse in die Kaserne zu bringen. 
Theodor erwartete ihn. Marinelli wurde am Morgen in Uniform ge- 
steckt, er verblieb in der Kaserne. Am 21. Oktober kam Benjamin 
Lenz und begriifke Marinelli; dann nahm er Theodor mit zum Russen 
Rastschuk, der ein Bankbeamter war. 
Theodor sprach gern mit Rastschuk. Likor tranken sie. Rastschuk war 



Il8 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

so grofi, so stark, dafi er die kleine, dunkle Likorstube erfiillte. Er sprach 
sehr leise, und man horte ihn dennoch. Wenn er sein Auge auf den 
Kellner warf, kehrte der urn, als ware er gerufen word en. Ganz grofiar- 
tig war Rastschuk. 

Benjamin Lenz erzahlte ihm von Marinellis Befreiung und Flucht und 
Aufenthalt in der Kaserne. Es war Theodor sehr peinlich, und es wurde 
ihm heifi, weil Benjamin seine Erzahlung immer unterbrach und Theo- 
dor zum Zeugen fur die Richtigkeit seiner Worte anrief. »Nicht, Herr 
Lohse?« fragte Benjamin, und Theodor schwieg. 
Was wufite er iiberhaupt von Rastschuk? Dafi er ein Weifigardist gewe- 
sen und fur den Sturz der Bolschewiki arbeitete. So sagte Lenz. So sagte 
Rastschuk selbst. Aber Theodor glaubt es nicht. Gleichgultig war alles, 
zu spat kamen die Bedenken. Theodor ging mit Benjamin Lenz. Das ist 
sein Bundesgenosse. 

Benjamin hat einen Plan entworfen. Theodor Lohse erfahrt von den 
anderen die Vorbereitungen fur den 2. November. Dann berichtet er der 
Organisation. Aber er stellt Bedingungen: Was erhalt Theodor Lohse 
fur seinen wertvollen Bericht? Er mufi nach dem gelungenen 2. Novem- 
ber eine fiihrende, weithin sichtbare Stellung einnehmen. Er ist heute 
eine Gefahr, Theodor Lohse. Zwei Wochen trennen ihn vom 2. Novem- 
ber. 

Um die anderen zutraulich zu machen, liefert er ihnen Geheimbefehle 
aus. 

Es kommen Befehle an Theodor Lohse. Briefe von Munchner Freun- 
den, indenen gleichgiiltige Satze stehen: Alfred holt am 2. Paul ab. Aber 
dieser Satz bedeutet: Die Berliner Polizei holt die Reichswehr zu Hilfe. 
Oder: Unser alter Freund hat sich mit Viktoria verlobt. Und das heifit: 
Der Reichswehrminister ist mit den Organisationen einverstanden. 
Und: Martin fahrt fur eine Woche zu den Kindern. Also fuhr Marinelli 
zum Bismarck-Bund, mit Griifien von Theodor und dem Befehl, die 
jungen Leute fur den 2. November in der Universitat bereitzuhalten. 
Diese Briefe bekam Lenz. Er trug sie zu Rastschuk. 
Dafiir erfahrt Theodor, dafi sachsische Ordnerwehren nach Berlin 
kommen. Dafi in Potsdam nichts geplant werde. Dafi den kommunisti- 
schen Arbeitern in Berlin hundertzweiundfiinfzig Polizisten ergeben 
sind. 

Das berichtet Theodor nach Miinchen an seinen Freund Seyfarth. Er 
schreibt: 



DAS SPINNENNET2 119 

»Ich konnte Dir viele Neuigkeiten erzahlen, wenn wir uns sahen. Ich 

habe keine Geduld zu schreiben. Ich bin beschaftigt.« 

Also fahrt Student Kamm nach Berlin. 

»Ich schicke Dir den jungen Kamm«, schreibt Seyfarth. »Zeig ihm 

Berlin, er ist zum erstenmal dort.« 

Theodor, Kamm und Benjamin Lenz gingen durch Berlin. Kamm 

hatte Geld, und sie gaben es aus. Sie tranken im Tanzpalast und in der 

Kaiser- Wilhelm-Diele, und Theodor traf dort seine alten Freunde, und 

es gab ein grofies Fest. 

Man sperrte die Cafes, die Dielen, die Tanzpalaste, sie lieften sich von 

fliisternden Mannern an den Strafienecken in Spielklubs fahren, spat 

war es, in dem raucherfiillten Zimmer merkte man nichts, horte man 

nur das klatschende Gerausch der Karten, das kurze Gelachter der 

Menschen, das Rascheln der Banknoten, das Klirren eines Tellers. 

Theodor, Kamm und Benjamin saften in Fauteuils, abseits vom Spiel- 

tisch. Jetzt hatte Kamm kein Geld mehr. Er besorgte sich Reisegeld bei 

Benjamin. 

Er bekam nur so viel, daft er gerade noch die dritte Klasse des Schnell- 

zugs benutzen konnte. 

»Man soil bescheiden sein!« sagte Lenz. 

Dann besprachen sie Einzelheiten. 

Lenz verlangte nach dem 2. November »groftziigige Reklame« fur 

Theodor Lohse. Alle nationalen Blatter sollten ihn nennen. Sie miifiten 

ihm das Verdienst zuschanzen, die Stadt gerettet zu haben, das Vater- 

land. Andererseits hatte Theodor noch Mittel, sich sehr viel anderswo 

zu holen. 

»Man kann sie ja vorher umbringen - beide!« sagte Kamm und putzte 

seine Nagel mit einem Stiickchen Rehleder. 

»Man sollte es versuchen!« spottete Lenz. 

Er nahm den Aufmarschplan der sachsischen Ordner aus der Tasche. 

Lenz und Theodor geleiteten Kamm zur Bahn. 

Kamm stand am Fenster und winkte. 

»Gruft an Seyfarth !« 

»Vergessen Sie Paul nicht!« sagte Kamm. 

Dann schied Lenz. Er zwangte sich durch die eilenden Scharen der 

Buromadchen. Er stieft an geschminkte Frauen, die verloren dastan- 

den. 

Es war, als hatte die Nacht sie vergessen. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



Und Benjamin Lenz ging zu Rastschuk. Man anderte den Aufmarsch- 
plan in Eile. Lenz hatte Kamm das Original gegeben. 
»Man mufi ehrlich arbeiten!« sagte Benjamin Lenz. 



XX 



Einige Tage vor dem 2. November verschwand Dr. Trebitsch. 
Sein Onkel Artur war aus New York angekommen. Er besafi ein 
Schiffskartenburo. Er sagte »well« und schob die Unterlippe vor. Er 
trug sein Geld in der Hosentasche, viel Geld, deutsches Geld. Fur Dol- 
lars hatte er ein Scheckbuch. 

Er stammte aus Osterreich und war vor einer Assentkommission ge~ 
fliichtet. Das war dreifiig Jahre her. Jetzt hatte Artur keine Haare 
mehr. 

Er hatte Sonne und Tochter. Die Sohne hatten in der amerikanischen 
Armee gedient. Es waren tapfere Sohne, sie gaben dem Militar, was ihm 
der Vater durch die Flucht vor der Assentkommission entzogen hatte. 
Er war Witwer, der Onkel Trebitschs. Zum erstenmal nach zwanzig 
Jahren kam er wieder nach Europa. Er hieE Trewith. 
Er erschrak vor dem Bart seines Neffen. Er lachte viel und laut und 
schlief jede Nacht mit zwei Madchen. 

Er fragte den Dr. Trebitsch, ob er nicht nach Amerika wolle. Was 
sollte ein Mensch in Europa? Es stank und faulte. Es war ein Leich- 
nam. 

Dr. Trebitsch sagte: »Ja!« Der Onkel kabelte nach New York. Er ging 
zum amerikanischen Konsul. Er zog die Hand aus der Hosentasche 
und benahm sich auch sonst hoflich. 

Plotzlich liebte er seinen Neffen sehr. Artur Trewith weinte geriihrt, 
weil dieser kleine Junge, den er selbst noch in der Wiege gesehen hatte, 
jetzt einen langen, rotblonden, wallenden Bart trug, wie ein Prediger. 
So etwas konnte sich ereignen! 

Der Bruder Adolf war tot. Die Schwagerin war tot. Weit und breit 
fand man in Europa nur einen blutsverwandten Menschen, und der 
trug einen langen Bart! Es war riihrend. 
Der Onkel Trewith blieb und wartete auf seinen Neffen. 
Dr. Trebitsch telegraphierte um Geld nach Miinchen. Dann ging er zu 
Major Pauli. Dann zahlte er den Bestand seiner Kasse. 



DAS SPINNENNETZ 121 

Jeden Tag liefen Schecks ein. Trebitsch telephonierte an alle, die fiir die 
Tedmische Nothilfe gezeichnet hatten. 

Auch Efrussi schickte seinen Beitrag. Ein Grofiunternehmerverband 
gab einen Vorschufi aus Furcht vor dem 2. November. 
Trebitsch vergafi niemanden. 

Er ging in die Redaktion der »Deutschen Zeitung«. Sie hatte fiir ein 
verungliicktes Mitglied der Technischen Nothilfe gesammelt. Die 
Spenden holte Trebitsch ab. 
Er vergafi niemanden. 

Einen Tag vor seiner Abreise liefi er sich den Bart scheren. 
Mit einem glatten Knabengesicht uberraschte er seinen Onkel im Ho- 
tel. Der Onkel Trewith weinte vor Freude. 

Dann schrieb Trebitsch einen einzigen Abschiedsbrief an Paula vom 
Amt fiir Landesverteidigung. 
»Du wirst mich nie mehr sehn!« schrieb Trebitsch. 
Und Paula lief zu Trebitsch: Die Post hatte ihr den Brief noch vor dem 
Biiro gebracht. Die Wohnung war verschlossen. 
Als sie hinunterging, begegnete ihr auf der Treppe ein junger Mann mit 
einem Kindergesicht, der sie nicht beachtete, obwohl sie einen zitro- 
nengelben, auffallenden Hut hatte. Das argerte Paula. Aber grower war 
ihr Kummer um den Dr. Trebitsch. So ging sie weiter, sah drauften ein 
Automobil, in dem ein alter Amerikaner saft und eine Zigarre rauchte. 
Theodor kam zweimal, er fand Trebitschs Wohnung versperrt. Theo- 
dor kam einen Tag spater mit Benjamin Lenz. Lenz brachte einen Ha- 
ken, leicht ging die Tiir auf, sie war nicht verschlossen. 
Sie fanden die Schranke offen. Die Schubladen offen. Einen umgewor- 
fenen Stuhl. Alte Kleider. Schmutzige Wasche. 

Sie telephonierten zu Major Pauli: Er wufite nichts. Nur, daft Tre- 
bitsch Geld genommen hatte. 

Sie fragten beim Verlag der »Deutschen Zeitung« an. Man wuftte 
nichts. Nur, daft Trebitsch Geld geholt hatte. 
Da setzte sich Lenz auf das Sofa und dachte nach. 
»Er ist geflohen, Lohse!« sagte Benjamin. 

Um neun Uhr morgens fiel die Briicke im Hamburger Hafen. Dr. Tre- 
bitsch stand an Bord der »Deutschland«. 

Sein Onkel Trewith lief noch einmal hinunter, erblickte ein Madchen 
unter den Zuschauern, wie schon, daE sie gekommen war. Gestern 
hatte sie es ihm versprochen. Er kiifite sie laut. Alle sahen zu. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



Dann lief er zurlick, die Glocke lautete. 

Er lief, so daft seine glatten, starken Backen wackelten. 

Er stand und winkte mit einem grofien Taschentuch. Der Dr. Tre- 

bitsch winkte auch. 



XXI 



Viele kannte Benjamin: den Journalisten Pisk; den Filmagenten Brand- 
ler; den Statisten Neumann; den Schwarzkiinstler Angelli; den Reise- 
schrifts teller Bertuch. 

Der Journalist Pisk war ein wertvoller Mann. Er schrieb fur jiidische 
Blatter. Bilder aus der Gesellschaft. Aus der alten und aus der neuen 
Gesellschaft. Wenn eine Prinzessin starb, schrieb er. 
Aber liber den Kapitan Ehrhardt schrieb er auch. Er schrieb den Wer- 
degang Noskes. Er schrieb die Vergangenheit Ludendorffs. Er schrieb 
die Kadettengeschichten Hindenburgs. Er schrieb iiber Krupp. Er 
schrieb iiber Stinnes' Tochter und Sonne. 

Er schrieb iiber Theodor Lohse, weshalb sollte man iiber Theodor Lohse 
nicht schreiben? »Er ist der Mann der ZukunftU sagte Benjamin Lenz. 
Pisk hatte ein abstehendes Ohr. Er trug seinen breitrandigen Hut 
schief, so dafi die Krempe sein Ohr beschattete. Und er trug den Hut 
im Cafe auch, er wollte nicht durch sein Ohr auffallen. So konnte nie- 
mand sagen, er hatte einen Schonheitsfehler. Man sagte hochstens, er 
konne sich nicht benehmen. Aber das sagte man ohnehin. 
Aber wenn er mit Theodor Lohse in der Likorstube safi, hatte er doch 
den Hut abgelegt. Das bedeutete eine Ergebenheit, die sich nicht 
scheut, Opfer zu bringen. 

Und Benjamin schliefk daraus, dafi Pisk sehr viel iiber Theodor zu 
schreiben gesonnen ist. 

Es stehen in der »Morgenzeitung« Aufsatze liber » Manner der Revolu- 
tion^ Und es wird in der »Morgenzeitung« erzahlt, dafi Theodor 
Lohse es gewesen ist, der in einer entscheidenden Nacht den Reichstag 
vor der Demolierung durch Spartakus gerettet hat. 
Man spricht im Kasino liber den Artikel im jiidischen Blatt. Es bitten 
die »jungen Leute« am unteren Tischrand, Theodor moge die Ge- 
schichte erzahlen. Nein, Theodor Lohse erzahlt nicht gern von sich 
selbst. Er sagt: »Nicht der Rede wert!« 



DAS SPINNENNETZ 123 

Und obwohl sogar der Oberst ihn ansieht und gleichsam eine Pause im 
Essen eintritt und des Obersten Wangentaschen nicht mehr zittern 
und des Obersten Augen auf Theodor gerichtet sind, erzahlt er nicht. 
»Ein anderes Mai! Bei Gelegenheit«, sagt Theodor Lohse. 
Gelegentlich hat Pisk seine Brief tasche vergessen. »Zahlen!« ruft Ben- 
jamin Lenz. Und wenn der Kellner beim Tisch stent, erwartend und 
leicht vorgeneigt, mufi Theodor zahlen. Denn er ist in Uniform. 
Manchmal sagt Pisk: »Nehmen wir ein Automobil!« Pisk gibt dem 
Chauffeur das Ziel an. Unterwegs steigt er aus, und Theodor Lohse 
fahrt weiter. 

Manchmal hat Pisk auch noch andere Bediirfnisse. Und Benjamin 
Lenz hat auch Bediirfnisse. 

Nun hat Theodor auch die Vertretung Trebitschs iibernommen. Er 
braucht nur dreimal in der Woche auszuriicken. 
Auch der Oberst weifi, dafi Theodor in Berlin zu tun hat. In unregel- 
maftigen, aber haufigen Abstanden flackert der Name Theodor Lohse 
in Berichten und Artikeln auf. 

In jiidischen Zeitungen, die Revolution nicht lieben. 
Pisk aber liebt Manner der Revolution. Er lebt von ihnen. Er tragt seit 
einigen Tagen ein Monokel und in der Brieftasche einen Ausweis vom 
Bund landwirtschaftlicher Eleven. Er ist so gegen Strafienkampfe und 
Uberfalle geriistet. 

Auch Benjamin Lenz tragt ein Monokel. Man sieht die Nahe des 
2. Novembers. 



XXII 

Die Nacht vor dem 2. November verbrachte Theodor mit Kameraden 
in einem Nachtlokal. Man hielt verschieden gefarbte Madchen auf den 
Knien. Es gait, vom Leben Abschied zu nehmen. Das sagten die Offi- 
ziere den Madchen. Der Gedanke an einen friihen Tod machte alle 
Madchen wehmutig. Die Musik spielte »Die Wacht am Rhein«. Ein 
Gast saft da. Zwei Offiziere zerrten ihn in die Hohe. Er war dick und 
schwer und betrunken. Sie hielten ihn an den Schultern. Dann liefkn 
sie ihn fallen. Er fiel unter den Tisch und blieb sitzen. Er spielte mit 
dem Sektkiibel. 
Der Morgen brach grau an. Es regnete. Theodor wartete am Bahnhof 



124 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

auf seine Kompanie. Sie sollte um acht Uhr in der Stadt gestellt sein. Es 
war ein Sonntag. Die Stadt sah schlafrig aus. Es regnete. 
Um neun Uhr demonstrierten Arbeiter Unter den Linden. Die natio- 
nalen Jugendgruppen in Charlottenburg. Zwischen beiden waren Stra- 
fien, Hauser, Polizei. Dennoch wartete die Stadt auf einen Zusammen- 
stofi. 

Um neun Uhr regnete es immer noch. Die Arbeiter gingen mitten im 
grauen Regen. Grau waren sie wie er. Unendlich waren sie wie er. Aus 
grauen Quartieren kamen sie wie er aus grauen Wolken. Sie waren wie 
ein Herbstregen. Unaufhorlich, unerbittlich, leise. Wehmut verbreite- 
ten sie. Sie kamen, die Backer mit den blutlosen Gesichtern, die wie 
aus Teig waren, ohne Muskel und Kraft; die Menschen von der Dreh- 
bank mit den harten Handen und den schiefen Schultern; die Glas- 
blaser, die nicht alter werden sollten als dreifiig Jahre: kostbarer, tod- 
licher, glitzernder Glasstaub stach in ihren Lungen. Es kamen die 
Burstenbinder mit den tiefen Augenhohlen, den Staub der Borsten und 
Haare in den Poren der Haut. Es kamen die jungen Arbeiterinnen, von 
der Arbeit gezeichnet, mit jungen Bewegungen, verbrauchten Gesich- 
tern. Es gingen die Tischler. Sie rochen nach Holz und Hobelspanen. 
Und die riesenhaften Mobelpacker, grofi und iiberwaltigend wie ei- 
chene Schranke. Es kamen die schweren Arbeiter aus den Brauereien, 
sie stampften wie grofie Baumstamme, die gehen gelernt haben; die 
Graveure kamen, in den Falten ihrer Gesichter den kaum sichtbaren 
Metallstaub; die Zeitungssetzer, die ubernachtigten, die zehn Jahre 
und langer nicht eine ganze Nacht geschlafen hatten; sie haben gero- 
tete Augen und blasse Wangen und sind nicht vertraut mit dem Licht 
des Tages. Es kommen die Pflasterer, die Strafie tretend, die sie selbst 
gebaut haben, dennoch fremd in ihr und betaubt von ihrem Glanz, 
ihrer Weite, ihrer Herrschaftlichkeit; es folgen Motorfiihrer und Ei- 
senbahner. Noch rollen in ihrem Bewufitsein schwarze Ziige, wechseln 
Signale ihre Farben, schrillen Pfeifen, schlagen erzene Glocken. 
Aber ihnen entgegen marschieren, Sonne auf jungen Gesichtern und 
Gesang im Herzen, Studenten mit bunten Miitzen und goldgesaumten 
Fahnen, gut genahrt und glattwangig, Kniippel in den Handen, Pisto- 
len in den weit abstehenden Hosentaschen, ihre Vater sind Studienrate, 
ihre Briider Richter und Offiziere, ihre Vettern Polizeikommissare, 
ihre Schwager Fabrikanten, ihre Freunde Minister. Ihrer ist die Macht, 
sie diirfen schlagen, wer straft sie dafiir? 



DAS SPINNENNETZ 125 

Der Zug der Arbeiter singt die Internationale. Sie singen falsch, die 
Arbeiter, aus vertrockneten Kehlen. Sie singen falsch, aber mit riihren- 
der Kraft. Es singt eine Kraft, die weint, eine schluchzende Gewalt. 
Anders singen die jungen Studenten. Aus gepflegten Kehlen tonende 
Gesange, voile runde Klange, siegreiche Lieder, blutige Lieder, satte 
Lieder, ohne Bruch, ohne Qual, kein Schluchzen ist in ihren Kehlen, 
nur Jubel, nur Jubel. 
Ein Schufi knallt. 

In diesem Augenblick sprengen Polizisten zu Pferd, blanke Sabel 
schwingend, aus den Querstrafien, Polizei zu Fufi sperrt hinter ihnen 
die Strafien, Pferde stiirzen, Reiter schwanken, aufgerissen ist das Pfla- 
ster, gierige Finger wiihlen darin, Steine hageln gegen die trennenden 
Wande der Polizei. Es wollen zwei Gewalten zueinander, die Masse der 
Machtigen gegen die Masse der Machtlosen, zersprengt sind die Ketten 
der Polizei, es dringt der Hunger gegen die Sattheit vor, liber das Rau- 
schen der Menschen erhebt sich Gesang anderer, nachfolgender, noch 
singen jene, schon bluten diese, manchmal zerreifk ein Knall Gerausch 
und Gesang, dann ist es fiir den Bruchteil einer Sekunde still geworden, 
und man hort den herbstlichen Regen sauseln, und man hort sein Trom- 
meln an Dacher und Fensterscheiben, und es ist, als fiele er in eine 
friedliche Welt, die sich anschickt, in Winterschlaf zu sinken. 
Aber dann wehklagt wie ein verwundetes Tier eine Autohupe, verzwei- 
felt klingen von fern her Straftenbahnen, Pfeifen schrillen, Trompeten 
weinen wie Kinder. Ein Hund heult auf, zertreten, mit menschlichem 
Ruf, menschlich geworden in der Stunde seines elenden Todes, Ketten 
und Turbalken rasseln, und noch ein Schufi knallt. 
Aus der Universitat kommt Marinelli mit fiinfzig jungen Leuten, die 
Karabiner tragen, den Studenten als Verstarkung, Feuerwehr riickt an. 
Die Spritzen schieften kalte Wasserstrahlen. Sie fallen mit schmerzhaf- 
ter, zischender Wut auf die Menschen. Fiir ein paar Augenblicke zer- 
streut sich die Menge. Dann rotten sich die Menschen wieder. Kleine 
Knauel schwellen an. Gruppen schliefien sich zusammen. Ein SchufS traf 
den Schlauch. Auf dem Pflaster liegen die Helme der Feuerwehr. Der 
Schlauch ist zerrissen. 

Polizei rattert in Lastautomobilen. Das Pflaster drohnt. Die Scheiben 
zittern. Schon sind sie heruntergezerrt, zertreten, blutend, zersprengt, 
entwaffnet. Arbeiter zerbrechen Karabiner iiber dem Knie. Frauen 
schwingen Sabel, Pistolen, Gewehre. 



126 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Aus den grauen Vierteln des Nordens stromen neue Scharen, Hausge- 
rate tragen sie, Schiirhaken, Spaten, Axt und Schaufel. Hoch oben 
tackt ein Maschinengewehr. Einer hat den Schrei ausgestofien. Schon 
sind tausend zur Flucht gewendet. Tausend Hande ziellos weisend er- 
hoben. Von alien Dachern starren Laufe. Von alien Dachern tackt es. 
Hinter jedem Mauervorsprung hocken griine Uniformen. An alien 
Fenstern glotzen schwarze Miindungen, 
Jemand ruft: »Soldaten!« 

Es hallt der Trott genagelter Stiefel auf dem Aspahlt. Besetzt sind die 
Hauser. Die Fenster Schiefischarten. Pferde wiehern herrenlos in 
Hausfluren, Kommandorufe knallen. Riistungen rasseln. 
Theodor wartet am Alexanderplatz. Seine Kompanie wartet. Er driickt 
sich an ein geschlossenes Haustor. Seine Kompanie hockt auf dem 
Burgersteig. 

Ein berittener Polizist meldet ihm Sturm auf Rathaus und Polizei. 
Theodor marschiert ab. 

Es wird ein harter Kampf sein. Er wird fallen. Er mochte weinen. An 
der Spitze marschiert er. Der gleichmafiige Schritt seiner Leute erfullt 
sein Ohr. Jetzt wird er sterben. Noch fiihlt er den lieblichen Druck 
eines weichen Frauenkorpers von gestern nacht. 
Um Rathaus und Polizei kampft eine Arbeiterwehr. Ihr Anfiihrer ist 
ein Mann mit wehendem Haar, mit einem Knotenstock in der Faust. 
Jetzt reifit er einem Arbeiter das Gewehr aus der Hand und legt an. 
Theodor wirft sich zu Boden. In eine Kotlache fallt er. Schmutziges 
Wasser spritzt auf. Er schiefit liegend, aufs Geratewohl. Seine Leute 
rennen vor. Er sieht nichts mehr, vor sich nur die Schwelle des Trot- 
toirs, dariiber die Flache eines quadratischen Steines. Eine Detonation 
erschreckt ihn. Menschenknochen wirbeln durch die Luft. Ein Bein- 
stumpf fallt blutend aus der Hbhe. Ein Stiefel mit einem Fufi darin. 
Es brennt. Man riecht den Brand. Sieht eine Rauchwolke, gegen den 
Regen kampfend, aufsteigen. Theodor springt auf. Rennt. Es brennt 
im Judenviertel. Hausgerate fliegen aus Fenstern schmutziger Hauser. 
Menschen fliegen mit. Eine Jiidin keucht unter der Last eines Soldaten. 
Sie liegt quer liber dem Burgersteig. Eine alte Dame hinkt iiber die 
Strafie. Lacherlich ihre Hast. Allzu gering ihrer lahmen Fiifie Kraft. Sie 
hat das Gesicht einer Laufenden. Und ihre Bewegung ist schleppend. 
Kinder kriechen im Schlamm. Sie tragen gelbe Hemdchen, Blut sam- 
melt sich an den Randern. Fliefit weiter mit dem Regenwasser. Mit 



DAS SPINNENNETZ llj 

Pferdekot, Flaumfedern, Strohhalmen. Fliefit den gierig trinkenden Ka- 
nalgittern zu. 

Weifibartige Manner eilen mit wehenden Rockschoflen. Jemand um- 
klammert Theodors Knie. Gnade winselt ein Mensch. Theodor schlen- 
kert mit dem FufL Der Flehende fliegt in einen Blutbach. Rot spritzt auf. 
Flammen ziingeln aus Fenstern. Rauch bricht aus berstenden Dachern. 
Manner mit Eisenstangen rufen: 
»SchIagt die Juden!« 

Alle schlagen, alle werden geschlagen. Theodor zwischen alien steht. Er 
sieht im Schlamm einen Kopf. Ein sterbendes Angesicht. Das Angesicht 
Giinthers. Theodor starrte darauf. Erhielt plotzlich einen schweren 
Schlag auf den Kopf. Blut rann iiber seine Schlafe. Rote Rader kreisten. 
Er taumelte. Er sah den Anfuhrer. Sein wehendes Haar. Den fliegenden 
Stock. Theodor rifi die Pistole heraus. Der Mann sprang seitwarts. Er 
schwang seinen Stock. Theodor sah sein weifies Angesicht. Noch hat er 
den Hahn nicht abgedriickt. Schon fliegt ihm die Waffe aus der 
schmerzhaft getroffenen Hand. Nahe an ihn tritt der Mann. Er sieht das 
Weifie der feindlichen Augen. Der Mann schreit: »Du hast Giinther 
getotet!« 

Theodor flieht. Hinter sich hort er den heifien Atem seines Verfolgers. 
Auf den Schultern lastet der Hauch des feindlichen Mundes. Hinter sich 
hort er des Feindes eiligen Schritt. Auf lautlosen Sohlen lauft Theodor. 
Er lauft durch stille, ausgebrannte, gestorbene Strafien. Er lauft durch 
eine fremde Welt. Er lauft durch einen langen Traum. Er hort Schiisse, 
Trommeln, Wehgeschrei. Alle Gerausche sind in die Schicht eines wei- 
chen, dampfenden Stoffes gebettet. Da kommt eine Biegung! 1st driiben 
die Rettung? Verdoppelt die Hast! Verstarkt den Galopp, befliigelt den 
Fufl ! Jetzt sieht er zuriick. Kein Verfolger ist hinter ihm. Er fallt auf eine 
Schwelle. Vor ihm liegt ein verlorenes Gewehr. Er hebt es auf. Er rennt 
weiter. Die Toten leben! Er hafk die Toten. Er gerat zwischen Soldaten. 
Jetzt erkennt er seine Leute. Frohlicher Zuruf begriifk ihn. Den Ge- 
wehrkolben stofk er gegen Leichen. Er schmettert die Waffe gegen tote 
Schadel. Sie bersten. Verwundete tritt er mit den Absatzen. Er tritt die 
Gesichter, die Bauche, die schlaff hangenden Hande. Er nimmt Rache 
an den Toten, sie wollen nicht sterben. 

Es wurde Abend. Feuchte Finsternis hockte in den Strafien. Es ist ein 
Sieg der Ordnung. 



128 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XXIII 

Es war ein Sieg der Ordnung. Man stiirzte zwei Minister. Sie wufken 
zu viel von den geheimen Organisationen. Man ernannte zwei neue. 
Sie wufiten mehr. Aber es waren Freunde. Sie gehorten der Demokra- 
tischen Partei an. So schienen sie demokratisch. Aber sie waren Ehren- 
mitglieder des Bismarck-Bundes. Und sie standen in Verbindung mit 
Miinchen. Und sie hatten Angst vor den Arbeitern. 
»Vereiteln« war der technische Ausdruck fur folgende Vorgange: Spit- 
zel drangen in Sekretariate und Parteibiiros, die jeder kannte, und der 
Polizeibericht meldete eine »Aushebung geheimer Nester«. Spitzel 
stiirzten sich auf einen Versammlungsredner, der harmlos war und 
ohne Bedeutung, und die Zeitungen schrieben, ein langst gesuchter 
bolschewikischer Spion sei endlich ergriffen worden. Seinen Namen 
kannte man, aber die Zeitungen teilten mit, den eigentlichen Namen 
des Verhafteten werde man schwerlich erfahren. Spitzel arrangierten 
Razzien in Arbeitervierteln, auf breite, schiitternde Lastautos lud man 
zwei- und dreihundert. Die fremde Staatsbiirger waren, das heifit aus 
den abgetrennten Gebieten Deutschlands stammten, wurden auf dem 
Flugzeugplatz einquartiert, in Baracken, von Gendarmen bewacht und 
in Transporte eingeteilt, die nach den Grenzen gingen. In den Barak- 
ken lebten Tausende aus dem ganzen Reiche mit Kindern, Frauen, 
Grofimuttern. Schmutz brachte Krankheiten. Krankheiten verursach- 
ten ein grofies Sterben. Taglich starben einige, ehe der Transport zu- 
sammengestellt war. Durch jiidische Viertel schlichen Konfidenten, 
betrunkene Menschen, die von jedem Emigranten Geld forderten. Sie 
bekamen es. Zahlte der Jude nicht, so wurde er als bolschewikischer 
Spitzel in das Gefangnis geschleift zur polizeilichen Voruntersuchung. 
Sie dauerte ein paar Monate. Dann wurde der Jude, dessen Schiffs- 
karte, dessen amerikanisches Visum verfallen war, wieder an die 
Grenze gebracht. Die Nationale Burgerliga durfte Waffen tragen. Ihre 
Mitglieder schossen. Deutsche Prinzen legten Uniform an und fuhren 
durch die Stadte. Alte Generale schepperten mit Orden und Sporen. 
Streikende Arbeiter, die vor den Betrieben standen, wurden von der 
Nationalen Burgerliga gestochen, erschossen, gekniippelt. Die Zeitun- 
gen meldeten, daft die Arbeiter Passanten bedroht hatten und nur mit 
Waffengewalt auseinandergetrieben werden konnten. Wanderprediger 
zogen durch die Strafien. Sie sprachen von der nationalen Erhebung. 



DAS SPINNENNETZ I29 

Alle Burger in den Geschaften, in den Kaufhausern, in Fabriken, in 
Amtern sprachen von der nationalen Erhebung. Sozialistische Zeitun- 
gen erwarteten jeden Tag neue Uberfalle. Die Polizei kam zu spat und 
nahm Tatbestande auf. 
Es war ein Sieg der Ordnung. 

Es erwies sich, wie niitzlich Benjamin Lenz sein konnte. Der Journalist 
Pisk brachte einen Bericht iiber Theodor Lohse. Andere Journalisten 
baten urn Interviews. Man zahlte alle vergangenen Taten Theodor 
Lohses auf. Man erdichtete neue. Theodor Lohse lebte, iiberschiittet 
von Ruhm, von Journalisten bedrangt. Reiche jiidische Hauser luden 
ihn ein. Einmal kam er sogar zu Efrussi. Wie lang war das her! Wieviel 
hatte er erreicht! Jetzt stand er im Hause Efrussis, mit Politikern, Ban- 
kiers, Schriftstellern, ein Gast wie sie. Jetzt hatte er, ein Ebenbiirtiger, 
mehr, ein Held in Uniform, ein Beruhmter, der Frau Efrussi entgegen- 
treten konnen. Aber jetzt klang ihre Stimme aus einer weiten Feme 
heruber. Jetzt lachelte sie nicht mehr, verschwunden war ihre Giite, 
keine Warme kam von ihr, sie nickte Theodor zu, er konnte kaum die 
Spitzen ihrer kuhlen Finger beriihren, und es war etwas wie ein Hohn 
in ihrem Gesicht, als wollte sie sagen: Ei, sieh den Theodor Lohse! 
Theodor konnte Frau Efrussi vergessen, wenn er mit Fraulein von 
Schlieffen sprach, die mit ihrer Tante in Potsdam wohnte und sehr gut 
tanzen konnte. Theodor war kein Tanzer, auch im Sattel nahm er sich 
nicht besonders gut aus. Fraulein von Schlieffen ritt aber jeden Mor- 
gen. Und obwohl ihr alle Offiziere der Garnison zur Verfiigung stan- 
den, zog sie Theodor vor. Sie war sechsundzwanzig, eine Waise, aus 
beruhmter Familie, aber ohne Geld. Der Vater hatte sein Leben als 
bescheidener Geheimrat, der Gesandtschaft in Sofia zugeteilt, be- 
schliefien miissen. 

Die Tochter war im Stift erzogen. Die Tante hatte immer fur sie ge- 
sorgt. Jetzt war Zeit, sich nach einem Mann umzusehen. Das ware 
friiher leicht gewesen. In der Republik wurde man eher alt, blieb man 
la'nger ledig. Wichtiger als Verbindungen war jetzt das Geld in dieser 
neuen Zeit. Was gait dieser Name? Nie hatte eine von Schlieffen einen 
Biirgerlichen geheiratet. Jetzt konnte man es. Noch war man blond, 
noch waren ein paar allzufriihe Faltchen an den Schlafen nicht deutlich 
geworden, noch konnte man seine weiften, gesunden Zahne zeigen. 
Aber die Beine wurden schon merklich dicker, und in mancher Nacht 
fand man keinen Schlaf, Herz und Korper sehnten sich nach dem 



13O ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

Mann. Es gab keinen so bescheidenen wie Theodor Lohse. Keinen, 
dem Ruhm, Erfolg und Ehrgeiz nicht Schuchternheit vor den Damen 
genommen hatten. Er war mehr als dreifiig. Im besten Alter fiir die 
Ehe. Er hatte eine Zukunft. Eine Frau, die hoch hinauswollte, konnte 
seinen Ehrgeiz niitzlich machen. Elsa von Schlieffen war in dem Alter, 
in dem man verniinftig denkt, und aus einer Familie, die zur Karriere 
verpflichtet. 

»Warum heiraten Sie nicht?« fragte Benjamin Lenz. »Heiraten Sie«, 
drangte er. 

Es war Zeit, Abschied von der Reichswehr zu nehmen. Wenn es nach 
denen in Munchen gehen sollte, konnte man sein Leben lang bei der 
Reichswehr bleiben und Stabsoffizier werden. Trebitschs Stelle war 
schon besetzt. Man mufite sich umsehen. Was kam aus der Volkstum- 
lichkeit des Tages? Ach! Es war ein kurzer Ruhm! Morgen ereignet 
sich Neues, und die Zeitungen sind undankbar. Man vergifit. Man 
macht vergessen. 

Benjamin Lenz will an der Quelle sitzen, er braucht nicht beliebige 
Freunde, er braucht Manner in hohen Amtern. Benjamin hat keinen 
Bedarf an kleinen Leutnants. Er will Berichte aus erster Hand; Ein- 
blick in einen wichtigen staatlichen Betrieb. 

Theodor miifke heiraten. Dieser simple Theodor wird unter den Han- 
den einer ehrgeizigen Dame hochste Amter bekleiden. »Niitzen Sie die 
Konjunktur aus!« sagte Benjamin. 

Freilich konnte er nicht mehr Soldat sein. Wie war er gewachsen. Vor 
einem Jahr noch hatte er sein Leben als Offizier beschliefien mogen. 
Was war alles vor einem Jahr noch! 

Armselige Zeit, Schinkensemmeln und Kaffee mit Haut bei Efrussi, 
Hulsenfriichte einmal in der Woche und die »Weisen von Zion«. An- 
ders, als in dem Buche stand, waren die Zionweisen. Sie strebten nicht 
die Macht in Europa an. Sie hatten Verstand. Sie hatten Geld. Am 
grofken war die Macht des Geldes. Aber es liefi sich nicht erobern. 
Langst wuchs Theodors Kapital nicht mehr, Benjamin Lenz sagte: 
»Verkaufen Sie! Wer an der Borse nicht heimisch ist, den bestiehlt sie. 
Wie die Zigeuner machen sie es.« 

Benjamin sah es gern, wenn Theodor kein iiberflussiges Geld hatte. 
Benjamin leiht seinen Freunden willig und bar. Er ist ein nobler 
Mensch, Benjamin Lenz. Er ist glucklich, wenn er Theodor helfen 
kann. 



DAS SPINNENNETZ 131 

Munchen hatte gern Theodor bei der Reichswehr gelassen. Aber er 

war heute nicht mehr abhangig wie einst. Er meldete sich krank. Er 

war ein Neurastheniker. Neurasthenie ist nicht nachweisbar, sagte 

Benjamin Lenz. 

Theodor schied aus der Reichswehr. Eine intime Feier veranstaltete 

das Kasino. Er meldete seinen Austritt in Munchen und bat um neue 

Auftrage. 

Es war ihm, als hatte er letzte Hindernisse aus dem Wege geraumt. 



XXIV 

Eine Woche spater verlobte er sich mit Fraulein von Schlieffen. Geld 

fur Geschenke, Blumen, eine Feier streckte Benjamin vor. 

Unerschopflich schienen Benjamins Gelder. 

Fraulein von Schlieffen tanzte nicht mehr. Auch ritt sie nicht mehr. Sie 

verlor plotzlich alle sportlichen Leidenschaften. 

Sie safi zu Hause und stickte Monogramme auf Hemden, Unterhosen, 

Taschentiicher. 

Jeden Abend kam Theodor nach Potsdam. 

Der erste Schnee fiel. Feuer brannte im Kamin. 

Einmal brachte Theodor seine Schwestern mit. 

Sie safien stumm und knicksten vor der Tante und gingen. 

Sie waren betaubt von dem Klang des Namens: Schlieffen. 

Theodors Mutter traute sich nicht einmal, nach der Braut zu fragen. 

Langst war Theodor nicht mehr im Hause der geringschatzig Gedul- 

dete. Wie gut hatte es Gott gewollt, daft er Theodor am Leben gelassen 

hatte. 

Wenn der selige Vater noch lebte! dachte die Mutter. Sie stickte auch 

Monogramme. Sie trieb mit einer roten Seide gereimte Spriiche in ver- 

schiedene Gegenstande. 

Der grofte Hilper hatte jetzt das Ministerium fur Inneres. Er kannte ja 

Theodor. Ob er ihn kannte. 

Der Pressechef war jener kleine Redakteur des »Nationalen Beobach- 

ters«. 

Allen gefiel Theodor. Er war ein gefalliger Mensch und bescheiden 

trotz alien Verdiensten. Auch besafi er Kenntnisse. Er schien mit der 

Presse gut zu leben. Und er hatte gesellschaftliche Beziehungen. 



132 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Keine Siinde war von ihm bekannt geworden. Niemals hatten ihn Ge- 

richte gesucht. Er besafi ein tadelloses Vorleben. Er war sogar Jurist. 

Weshalb sollte Theodor nicht in ein Amt kommen? 

Hilper beschlofi, Theodor Lohse in ein Amt zu bringen. Er versprach 

es auch. 

Jetzt ging Theodor durch die Amter, Geheimrate schuttelten seine 

Hand, sie wufiten noch nicht, wozu er ausersehen war; aber dafi er 

ausersehen war, wufiten sie. 

Der Journalist Pisk brachte einmai seinen Freund Tannen mit. Der 

Name Tannen war ein Pseudonym. Aber Tannen selbst ein gesprachi- 

ger Mensch, ein lachelnder Mensch, er lachelte ein Berufslacheln wie 

Jongleure, wenn sie sich verneigen. 

Kleine Notizen brachte Tannen in die Zeitungen. Er berichtete, dafi 

beim Staatssekretariat fur offentliche Sicherheit eine neue Stelle ge- 

schaffen wiirde; eine Art Relaisposten zwischen dem Ministerium des 

Innern und dem Staatssekretariat und der Polizei. 

Der Journalist Pisk ging zum Minister und erkundigte sich. 

»Ich habe noch nichts davon gehort!« sagte Hilper. Denn Hilper war 

ein einfacher Mann, ein westfalischer Oberlehrer und kein Diplomat. 

»Aber es ware doch eine glanzende Idee«, sagte Pisk. 

Und dann erzahlte Pisk, dafi der Professor Bruhns von der Sternwarte 

seinen sechzigsten Geburtstag feierte. 

Der Minister war ein klassischer Philologe und verstand nichts von 

Astronomic 

»Hat er Verdienste?« fragte der Minister. 

»Und ob! . . . Er ist einer der besten Meteorologen«, sagte Pisk. »Er hat 

ein zweibandiges Werk iiber Saturn geschrieben.« 

»So!« sagte der Minister. »Es ist gut, dafi Sie mir das sagen. Soil ich 

schriftlich gratulieren? Oder einen Vertreter schicken?« 

»Einen Vertreter, Exzellenz«, sagte Pisk. 

Ihn ging der Professor gar nichts an, aber er mufite Briicken finden, 

Briicken zum Thema: Lohse. 

»Wissen schon«, sagte Pisk - er vermied direkte Ansprachen -, »dafi 

Lohse heiratet?« 

»Ah! . . .« sagte der Minister. »Wen?« 

»Eine von Schlieffen! . . .« 

»Schlieffen?! Guter Name!« 

»Grofie Karriere eigentlich!« sagte Pisk. 



DAS SPINNENNETZ 133 

»Reich?« 

»Sie soil reich sein!« 

»Donnerwetter!« sagte der Minister, der ein armes Madchen geheiratet 

hatte, als er noch Professor gewesen. 

»Gescheiter Junge!« sagte Pisk. 

»Und bescheiden!« fiigte der Minister hinzu. 

Und dann sprachen sie noch von Professor Bruhns. 

Und Pisk schrieb: 

»Die Nachricht von der neuen Stelle beim Staatssekretar fur offentli- 

che Sicherheit wird von zustandiger Seite bestatigt. Als kommender 

Mann ist ein in den letzten Wochen oft genannter ehemaliger Offizier 

in Aussicht genommen.« 

Im Janner war die Hochzeit. 



XXV 

Zum erstenmal ging Benjamin Lenz zu einer Trauung. Er ging nicht, er 
glitt im Auto vor das Portal der Kirche, er trug zum erstenmal Zylin- 
der und Frack, und spater safi er an einem Tisch mit Offizieren und 
alten Damen und trank Wein, den er selbst gekauft hatte. 
Es war eine grofiartige Hochzeit. Theodor trug Paradeuniform. Kame- 
raden in Paradeuniformen glanzten, klingelten, rasselten. Aus den 
Potsdamer Fenstern sahen die Leute, vor der Kirche standen sie, trotz 
der Kalte. 

Der Oberst hielt eine Rede, auch Major Lubbe sprach und erwahnte 
einmal den Grafen Zeppelin, nur aus Gewohnheit, ohne besondere 
Notwendigkeit. Elsa drangte Theodor zur Dankrede, aufstehen mufke 
er und sprechen, und es verwirrte ihn der schrag zu ihm aufsteigende 
Blick seiner Braut. Eine grofte Liebe fiir alle Anwesenden iiberflutete 
sein Herz, ein paarmal stand er auf, urn Benjamin Lenz die Hand zu 
driicken, der ihm gegeniibersaft. 

Benjamin freute sich. Das war die europaische Hochzeit. An seiner 
Seite saft die Majorswitwe Strubbe und erzahlte von Kattowitz, wo sie 
ihre schonsten Jahre verlebt hatte. Benjamin horte nicht, Benjamins 
tiefer Blick verglomm irgendwo im Weiten, er dachte an Lodz, an die 
schmutzige Barbierstube seines Vaters und sah den einzigen, blindge- 
wordenen Spiegel im Laden. Wie einfach und weise waren die Reden 



134 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

alter Juden in Lodz, wie treffend ihr Witz, mafivoll ihr Gelachter, 
schmackhaft ihre Speisen, die Speisen der verachteten, geschlagenen, in 
Barbarei lebenden Juden, die keine Helme trugen und nicht glanzen 
und nicht scheppern konnten. 

Das war die europaische Hochzeit, hier heiratete einer, der ohne Sinn 
getotet, ohne Geist gearbeitet hatte, und er wird Sonne zeugen, die 
wieder toten, Europaer, Morder sein werden, blutriinstig und feige, 
kriegerisch und national, blutige Kirchenbesucher, Glaubige des euro- 
paischen Gottes, der Politik lenkte. Kinder wird Theodor zeugen, 
buntbebanderte Studenten. Schulen werden sie bevolkern und Kaser- 
nen. Und Benjamin sah den Stamm der Lohse. Es gab Arbeit. Sie wer- 
den einander morden. 

Und Benjamin lauschte den Telegrammen, die Major Liibbe vorlas. 
Gluckwiinsche kamen von Pisk, von anderen Journalisten, vom Mini- 
ster Hilper und von Geheimraten und auch von Efrussi. Dann machte 
Major Liibbe eine Pause, atmete horbar und las ein Telegramm Luden- 
dorffs vor. 

Und jedesmal sprach einer Worte, papierne Worte, europaische 
Worte. Es war Benjamin, als hatte er selbst diese Hochzeit bestellt, 
ihm fuhrten die Europaer ein lacherliches Stuck ihres Lebens vor, da- 
mit er sich amiisiere. 

Er amiisierte sich. Uber den Pfarrer, der mit Ergebenheit, als liefle er 
Schreckliches uber sich ergehen, jedesmal neuen Wein in sein Glas goft 
und immer schweigsamer wurde und aus schwimmenden Augen 
Blicke zu Gott schickte, flehende Blicke, demiitige Blicke. Laut war 
der Oberst, er mufite eine schwache Blase haben, er riickte seinen 
Stuhl, verschwand immer und kam nach einigen Minuten wieder mit 
einem Witz, und die Offziere lachten dreimal scharf und kurz und 
sachlich. Wie schiichterne, kleine Tiere huschten die Augen der alten 
Frau Lohse, die rechts neben dem Obersten safi, und wenn er etwas 
sagte, lachelte sie, und wenn er zur alten Frau von Schlieffen sprach, 
war sie froh, dafi sie den Obersten nicht anzusehen brauchte, und sie 
schaute Theodor an, Theodor und die Braut. Und die Frau von 
Schlieffen trug eine strenge Potsdamfrisur, ihre Haare waren straff 
nach oben gekammt und liefien die gelben, diirren Ohren frei, die aus- 
sahen wie alte Blatter, und der Anblick ihres Haarknotens schmerzte 
den Betrachter. 
Wie scherzte Theodor, er erzahlte seiner Braut Anekdoten, denn er 



DAS SPINNENNETZ 135 

mufke sprechen. Und wenn er Gleichgiiltiges sagte, lachte Elsa, denn sie 
mufite sich unterhalten. Er war stolz. Schon war seine Braut, aber er 
dachte manchmal an Frau Efrussi, und tief, in geheimsten Tiefen, walzte 
er die Frage: ob sie schoner, besser sei als Elsa. Diese Jlidin argerte ihn. 
Alles argerte ihn. Obwohl er eigentlich froh sein sollte. Er nahm eine 
von Schlieffen zur Frau. Seinetwegen gab sie den Adel auf, vertauschte 
den alten, klingenden Namen mit einem schlichten, wenn auch oft und 
ruhmlich genannten. Die ersten Monate waren gesichert, eine stille 
Wohnung war gemietet, die Aktien hatte Benjamin, der Treue, gegen 
Devisen umgetauscht. Jetzt, morgen ging er in sein Heim. Ubermorgen, 
die nachsten Tage und Wochen blieb er dort. Die nachsten Tage und 
Wochen lagen vor ihm freudenreich, seine Nerven brauchten Erholung. 
»Du mufit dich erholen, Liebster«, sagte Elsa. Er mufite sich erholen. 
Er packte im Vorzimmer Geschenke aus, die Nacht lag vor den Fen- 
stern, rotlich brannte die Ampel im Schlafzimmer. Elsa umklammerte 
ihn, driickte ihn, er tastete nach ihr, er roch an ihrem Haar, er streichelte 
ihren Nacken. 

Am nachsten Morgen erhielt er Blumen von Benjamin Lenz und ein 
groEes Bild. Zur Erinnerung an vergangene Zeiten, schrieb Lenz. 
Es war ein Portrat Theodors vom Maler Klaften. Elsa hangte es in 
Theodors Arbeitszimmer. 



XXVI 

Benjamin Lenz hat es mit Dollars bezahlt, er hat es nicht zu teuer 

bezahlt. 

Theodor ertrug sein Portrat. Er furchtete es nicht mehr. 

Er trug einen modernen Anzug mit wattierten Schultern und einem 

einzigen Knopf am Rock. Er fiihlte sich fremd in dieser Kleidung, er 

fand seine Taschen nicht, sie waren hoch angebracht und schief ge- 

schnitten. 

Er trug seine breiten Fiifie in spitzen Schuhen aus diinnem Leder. Er 

fror und litt Schmerzen, aber er fand es hiibsch. 

Er hatte nach Miinchen fahren sollen. Er mufite doch mit Seyfarth 

sprechen. »Fahr nicht !« sagte Elsa. »Sie werden zu dir kommen.« 

Er hatte Angst, dafi sie nicht kommen wiirden. Aber er aufterte keine 

Furcht. 



136 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Liebster«, sagte Elsa, »ich mufi zu dir aufblicken.« 
Und er liefi sie zu sich aufblicken. 

Er verlor sich ein wenig. Er begann zu glauben, was sie sagte, woran 
sie glaubte. 

Sie ging in die Kirche. »Ich bin es gewohnt!« sagte sie. Und er ging 
mit. 

Denn er war eifersiichdg. 

Sie wollte nicht in ein Abteil steigen, in dem Juden safien. Er stieg mit 
ihr in ein anderes Abteil. 

Sie mufken in der Stadtbahn zweiter Klasse fahren. Er kaufte keine 
Wochenkarten. 

In Berlin wurde sie oft miide. Sie wollte im Auto fahren. Und er 
fuhr. 

Sie sah das Portrat Theodors verliebt an. Und Theodor wufke, dafi 
seine Angst damals iibertrieben gewesen. Es war die Aufregung. Ja, 
das Portrat gefiel ihm. Klaften hatte es auch gemalt, als er noch Theo- 
dor fiir einen Genossen hielt, den Genossen Trattner. 
»Wann hat er dich gemalt?« fragte Elsa. »Kennst du den Maler Klaf- 
ten ?« Und sie war stolz. 

Theodor wartete auf eine Gelegenheit. Er wollte seiner Frau seinen 
Werdegang schildern. 

Einmal erzahlte er. Einen geeigneten Abend wahlte er. Es blies der 
Wind durch den Kamin. Elsa stickte bunte Blumen in ein Kissen. 
Theodor begann von Trebitsch zu erzahlen. Der war ein sehr gefahr- 
licher Jude. Theodor hatte ihn zuerst erkannt. Man horte nicht auf 
Theodors Warnungen. Leider. Den Prinzen verschwieg Theodor. 
Aber den Maler Klaften beschrieb er. Den jungen kommunistischen 
Thimme. Er liefi den Polizeispitzel Thimme wachsen, alter und einen 
Fiihrer werden. Und nicht urn die Siegessaule hatte es sich gehandelt. 
Das ganze Zentrum Berlins hatte gesprengt werden sollen. Das Ekra- 
sit lag in den Kanalen. 
»Warst du in Lebensgefahr?« fragte Elsa. 
»Nicht der Rede wert!« sagte Theodor. 
»Erzahle von den Landarbeitern«, bat Elsa. 

Theodor erzahlte. Es waren keine Landarbeiter. Landstreicher waren 
es, bolschewistische Agitatoren, alle bis an die Zahne bewaffnet. 
Theodor hatte damals eigentlich Pommern von alien gefahrlichen Ele- 
menten gesaubert. 



DAS SPINNENNETZ 137 

»Ich mufi zu dir aufblicken«, sagte Elsa. 

Dann erzahlte Theodor von Viktoria, dem Tierweib, dem gefahrli- 

chen, der Spionin, die sich in ihn verliebte und die ihm alles gestand. 

Elsa dachte ein wenig nach und sagte: 

»Das ist aber eigentlich nicht schon!« 

»Mein liebes Kind«, sagte Theodor, »unsereins kennt nur die Idee!« 

»Und die eigene Frau!« erganzte Elsa. 

»Und die eigene Frau!« wiederholte Theodor. 

Und sie kiifiten sich. 



XXVII 

Jede Woche einmal ging Theodor zu Hilper. Seine Angelegenheit 
machte Fortschritte. 

Elsa hatte sich ein Amt fur Theodor ausgesucht. Es hiefi: Chef des 
Sicherheitswesens. 

So etwas gab es gar nicht. Dennoch lieft der Klang des Titels Theodor 
keine Ruhe. Immer dachte er: Chef des Sicherheitswesens. 
Er wurde angestellt, beeidet, begliickwiinscht. Er bezog sein Amt. 
Zehn Polizeiagenten warteten im Vorzimmer auf seine Befehle. 
Es gab Konferenzen. Zwischen Polizei und Staatssekretar. Zwischen 
Staatssekretar und Minister. Zwischen alien. Theodor fuhr im Auto. 
Die wartenden Polizisten machten sich an die Arbeit. Da sie noch 
nichts zu tun hatten, fullten sie Fragebogen aus. Sie schrieben die Li- 
sten der ausgewiesenen Kommunisten dreimal ab. 
Immer, wenn Theodor das Vorzimmer betrat, safien sie gebiickt liber 
raschelnden Papieren. 

Dann bekamen sie Arbeit. Theodor fand sich zurecht. Er begann seine 
alte Tatigkeit. Er schickte Spione aus. Und weil die Polizei selbst Ver- 
haftungen ausfiihrte, liefi Theodor noch mehr verhaften. 
Lenz gab ihm Winke. Dort wohnte die Fiihrerin Rahel Lipschitz. Ver- 
haften! Morgen sprach der Pazifist Stock. Verhaften! Die sozialisti- 
schen Studenten machten internationale Abende. Redner kamen aus 
England. Im Bahnhof verhaften! 

Theodor verhaftete. Er verhorte selbst. Kleine Missetaten gediehen un- 
ter seiner Hand zu Staatsverbrechen. Er brauchte einen Pressechef. 
Pisk wurde Pressechef. Pisk versendete Greueltaten an die Zeitungen. 



I38 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er sate zwischen allerlei aufienpolitische Nachrichten kleine Gefahr- 

meldungen. 

Die Presse widerhallte von den Gefahren, in denen sich das ganze 

Reich befand. Unterirdische Wiihler waren an der Arbeit. Aber wach- 

sam blieben die Behorden. Berichte iiber Verhaftungen schlossen mit 

dem Satz: In spater Nachtstunde wird das Verhor fortgesetzt. 

Die verstockten Haftlinge wufken nichts zu gestehen. Die Polizisten 

schlugen sie. Ein Agent fiihrte den Mann vor und drehte ihm die 

Handgelenke nach riickwarts. Es war eine »Sicherheitsmafiregel«. 

Wenn er die verfanglichen Fragen Theodors beantwortete, verringerte 

der Agent den Druck. Schwieg der Gefragte, dann verstarkte sich der 

Schmerz. »Antworten Siel« sagte Theodor. Und alle Haftlinge kamen 

darauf, dafi eine Beziehung zwischen ihren Antworten und den 

Schmerzen bestand. Und sie antworteten. 

Uberfullt waren die Gefangnisse. Die Polizei verhaftete keine Diebe 

mehr. Die Untersuchungsrichter liefien jeden frei. Sperrte man einen 

Einbrecher ein, geschah es, damit er die anderen aushorche. 

Und es fiillten sich die Baracken. Man baute noch einige Hiitten. Es 

war ein kalter Winter. Der Frost sang. Der Wind trieb zerstaubte 

Schneewogen. Durch die Fugen der Barackendacher fiel Schnee und 

schmolz und fror wieder auf dem Boden ein. Im Stroh, das feucht war 

und wie nasse Erde roch - es war ein Stroh, das nicht mehr rascheln 

konnte -, krochen Kinder, gelbhautig, und ihre Rippen klapperten. Es 

war den Barackenbewohnern verboten, Kerzen anzuzlinden, aber die 

elektrischen Birnen waren alt und untauglich, und die Manner safien 

im Finstern beisammen und sangen. Sie sangen mit zerbrochenen 

Stimmen blutige Lieder. 

Manchmal ging Benjamin Lenz mit einem Ausweis von Theodor 

Lohse inspizieren. Er nahm seine Soldaten mit. Er verteilte Zigaretten 

an die Manner, und er gab ihnen auf kleinen Zetteln Ratschlage und 

Fluchtplane. Einigen gelang die Flucht aus den Baracken. Sie kamen zu 

Benjamin. Er konnte dem und jenem ein falsches Papier verschaffen. 

Aber die meisten hatten Frau und Kinder, und sie mufiten auf ihren 

Transport warten. Sie warteten lange. Sie warteten auf den Tod. 

Einmal kam Thimme zu Theodor, sie tauschten Erinnerungen an die 

alte Zeit bei Klaften aus. Thimme, der junge, liebte Theodor, er sagte 

es. 

»Sie waren mir damals sofort sympathisch!« sagte Thimme. 



DAS SPINNENNETZ 139 

Der ist gefahrlich! dachte Theodor. 

Ich mufi mich in acht nehmen, dachte Theodor. Aber er nahm sich 
nicht in acht. Nach einigen Tagen gefiel ihm der junge Thimme. Es war 
ein begabter Mensch, ein schneller Junge. Er wollte nur einen Posten. 
Und es erwies sich, dafi Thimme Schlupfwinkel kannte. Die Gastwirte 
in Moabit, in deren Kellern Sprengstoffe und Waffen gelegen hatten. 
Heute lagen keine Waffen mehr dort. Aber Thimme wufite sie in den 
Kellern zu finden. Er brachte sie eine Nacht vorher unter. Er kannte 
Zugange. Er hatte Schlussel. Er war brauchbar. 

Theodor nahm sich nicht in acht. In der satten Ruhe seines Hauses, in 
den sicheren Grenzen seines Amtes, das Ziel war und noch nicht End- 
ziel, kleiner Gipfel vor grofieren Gipfeln, wurde Theodor Lohse ge- 
machlich, wie er immer gewesen, ehe Gefahren und gefahrdete Ziele 
sein Mifkrauen, seine Wachsamkeit geweckt und seine Vernunft ge- 
scharft hatten. So wurde er, wie ihn Benjamin Lenz wollte. Er konnte 
ohne Benjamin nicht mehr arbeiten. Ihn brauchte Theodor im Amt, 
wie er seiner Frau zu Hause bedurfte. 



XXVIII 

Zu Hause wurde er sich seiner Bedeutung bewufk. Hier geschah, was 
er befahl, hier geschah auch, was er im stillen nur wiinschte. Er aft 
immer Speisen, die er ersehnte, ohne von ihnen zu sprechen. Er fand 
seine Kleider gebiirstet, seine Hose gebiigelt, alle Knopfe an den Hem- 
den; kein Papier vermifke er, seine Waffen lagen geordnet - er liebte 
die Waffen -, und seine Pistole putzte Elsa. Auch sie liebte Schiefiwaf- 
fen. 

Er war nirgends so machtig wie zu Hause. Fiel ihn die Lust an zu 
herrschen - er konnte es. Ergriff ihn Verlangen nach Warme - sie 
wurde ihm. Hier zweifelte niemand an seiner Vollkommenheit. Er 
klagte am Abend iiber allzuviel Arbeit. Elsa sagte: »Du bist iiberla- 
stet.« Er hob seine Verdienste hervor. »Du hast ein gutes Auge«, sagte 
Elsa, und er hielt sich fur einen Menschenkenner. »Ich liebe den 
Lenz«, sagte Theodor. »Er ist ein treuer Freund«, erwiderte Elsa. Und 
er glaubte an Benjamins Treue. Er horte das Lied vom schwarzbraunen 
Magdlein gern, Elsa spielte es, unaufgefordert, vor dem Schlafengehen. 
Sie liebte weder das Lied noch Benjamin Lenz, noch glaubte sie an 



140 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Theodors Vollkommenheit. Aber es war notig, in kleinen Dingen nach- 
zugeben, um in grofien recht zu behalten. Eine von Schlieffen heiratete 
einen Biirgerlichen nur, weil sie hofft, daf? er es zu den hochsten Stellen 
im Staate bringen kann. Dazu gehorte vor allem Beredsamkeit. Und sie 
brachte Theodor zum Sprechen. 

Er vergafi fast seine Frau. Er fing leise an und steigerte die Kraft seiner 
Stimme. Er sprach nicht in seinem Zimmer. Er sprach im groften Saale. 
Von tausend Menschen schlug ihm achtungsvolles Lauschen entgegen, 
wie etwas Korperliches. Er sprach gut, wenn er eifrig sprach. Ein frem- 
des Licht entziindete sich in seinen Augen. Er glaubte an seine Worte. 
Seine Uberzeugung war die Folge seiner eigenen Rede und wuchs mit 
dem Schall der Laute. Seine Stimme uberzeugte ihn. 
Er sprach von der Notwendigkeit, das Vaterland zu retten, und er ge- 
wann den Glauben seiner Jugend wieder. Alle Erfahrungen waren aus- 
geloscht. Er hafke ehrlich den inneren Feind, den Juden, den Pazifisten, 
den Plebejer. Er hafite sie wie damals, als er den Prinzen und Trebitsch, 
den Detektiv Klitsche und den Major Seyfarth noch nicht gekannt hatte. 
Auch Elsa hafite die inneren Feinde. Elsa war national. Sie sprach von 
dem schlechten Duft der Juden. Und Theodor glaubte, sich erinnern zu 
konnen, dafi Trebitsch judisch gesprochen hatte. Benjamin Lenz allein 
nahm Theodor aus. Er wufite nichts Genaues iiber Lenz. Aber er wollte 
auch nichts wissen. Er ordnete Benjamin Lenz unter seine Freunde wie 
den jiidischen Journalisten Pisk. 

Und immer, wenn er so vor seiner Frau gesprochen hatte, schwoll am 
nachsten Morgen sein Zorn gegen die inneren Feinde, und er griff nach 
seiner blutigen Arbeit mit fleifiiger Wollust. Die Verhafteten, die vor 
ihm standen, was wollten sie eigentlich in Deutschland? Gefielen ihnen 
die Zustande nicht, weshalb blieben sie? Wanderten sie nicht aus? Nach 
Frankreich, Rutland, Palastina? Er stellte diese Fragen an die Verhafte- 
ten. Einige sagten: »Weil Deutschland meine Heimat ist.« »Sind Sie 
deshalb ein Verrater?« fragte Theodor. »Sie sind es selbst!« erwiderten 
sie. Sie waren froh, wenn man sich mit ihnen auseinandersetzen wollte. 
Und sie biifken fur ihre ungebiihrliche Antwort auf der Stelle. Der 
Agent an ihrer Seite zerrieb die Knochen ihrer Handgelenke. 
Manchmal brachte man vor Theodor Blutiggeschlagene, rotes Blut rann 
iiber ihre Gesichter. In Theodor flammte das alte, rauschende Rot auf, 
rote Sonnenrader kreisten vor seinem Auge, ein Jubel sang in ihm, Jubel 
hob ihn hoch, er freute sich, war Ieicht und beschwingt. 



DAS SPINNENNETZ 141 

Einer lebte, dessen Blut er sehen wollte, jener Mann, der ihn verfolgt 

hatte. Noch sah Theodor das flackernde Haar des Mannes, sein wei- 

fies, hassendes Angesicht, den hochgeschwungenen Arm; den Sang des 

niedersausenden Stockes horte er und fiihlte Schmerz in der geschlage- 

nen Hand. Noch lebte der Mann, der Theodor feige gesehen hatte, ihn, 

Theodor Lohse, als fliichtigen Feigling. Nach diesem Mann fahndeten 

alle Spitzel vergebens, sein Versteck suchte man von alien Verhafteten 

zu erfahren. Bei jeder Meldung, daft ein neuer Haftling angekommen, 

hoffte Theodor, auf die Spur seines Feindes zu kommen. Die meisten 

folterte man vergeblich. Sie wufiten nichts oder verrieten nichts. Einige 

teilten Falsches mit. Und hielt man ihnen dann ihre Liigen vor, so 

lachten sie. Oder sie hatten sich geirrt. 

Nur von einem konnte Hoffnung kommen, von Lenz. Lenz kannte 

den Mann. 

»Es ist sozusagen Gunthers Schwager«, erzahlte Lenz. »Eine Art Fa- 

milienrache. Er will Sie umbringen. Aber ich glaube, ich bin auf seiner 

Spur.« 

Und immer wieder war es eine falsche Spur. Jeder Morgen brachte 

Benjamins Besuch und neue Hoffnungen. Jeder Abend enttauschende, 

schmerzhafte Kunde. 

Lenz beschrieb ihn genau. Er war der Bruder jenes Madchens, das 

Giinther geheiratet hatte. Lenz sagte: »geheiratet hatte«. Manchmal 

sagte Benjamin: »fiir das Giinther gestorben ist«. Und wenn er sich 

vergafi: »fur das Sie ihn getotet haben«. 

Und dieses Wort war unangenehm. Theodor sah die aufwartsge- 

krampfte Oberlippe, weiftes Zahnfleisch, einen schielenden Blick. 

Aber Lenz beschrieb auch jenes Mannes Kleidung und seine Gewohn- 

heiten. Er hatte ihn schon fast gefangen. Nur eine Liicke blieb immer 

offen, durch die der Gesuchte floh. 

»Wir werden ihn finden«, versicherte Benjamin Lenz. 

Aber er fand nicht den Mann, den Todfeind Theodors. 

»Du hast einen Kummer«, sagte Elsa, »und erzahlst mir nichts. « 

»Es ist die Arbeit«, sagte Theodor. Und begann eine Rede uber die 

Ziele der vaterlandischen Politik. 



142 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XXIX 

Die Nacht verweigerte den Schlaf, und in ihrer rauschenden Stille 
schwoll Theodors Furcht vor dem unbekannten, schrecklichen Feind. 
Befand er sich jenseits der Grenzen? Lebte er in Theodors Nahe? 
Lebte er in Theodors Haus vielleicht, als Portier verkleidet? Hatte der 
Kellner in der kleinen Konditorei gegeniiber dem Amt nicht das Ge- 
sicht des Feindes? Dieses flackernde Haar? Diese weifie Farbe des 
Hasses? Den starken, gewichtigen Gang? Die breiten Schultern? 
Lebte jener Mann in der Uniform des staatlichen Chauffeurs, der 
Theodors Auto lenkte? Lauerte er nicht hinter jeder Strafienecke, um 
die Theodor bog? Hatte er nicht in diesem Hause, unter dieses Bett 
eine Bombe gelegt? 

Theodor machte Licht und ging ein paarmal durchs Zimmer und sah 
durch das Fenster die stille Nacht in den Strafien und das zuckende 
Licht der Laterne und lauschte auf Schritte, die fern verhallten. 
Spat, schon graute der Morgen, iiberwaltigte Theodor schwerer Schlaf. 
Neue Hoffnung brachte der Tag, neue Furcht und die grausamen 
Stunden des Wartens. Zu Hause konnte Theodor uber dieses eine nicht 
sprechen. Er hatte erzahlen, alles von Anfang erzahlen rmissen. Von 
Gunther erzahlen, von Klitsche. Es ware keine Erzahlung - eine 
Beichte, Sturz von der muhsam erreichten Hohe, Entblofiung, Selbst- 
mord. 

So blieb nur Benjamin. 

Benjamin horte, trostete, versprach, erzahlte Neuigkeiten, gab Rat- 
schlage, erfuhr den Inhalt geheimer Konferenzen, erfuhr geheime 
Plane der Regierung, photographierte Akten, verkaufte die Schrift- 
stiicke, brachte andere zu Theodor. 
Er hatte viel zu tun. 

Es erhoben sich die Arbeiter in den Fabriksvierteln, und die Arbeitslo- 
sen demonstrierten, denn sie erhielten gar nichts mehr. Die lange muh- 
sam gebandigte Wut der Massen flammte wieder auf. Aus Sachsen zo- 
gen Arbeitslose herbei, sie fuhren nicht mit der Bahn, sie kamen zu 
Fuft, sie wanderten auf den breiten Strafien der Lander, sie wanderten 
durch Schnee wirbelnden Wind, der den Fnihling ankiindigte. 
Ja, es kam der Fruhling. Man fiihlte ihn schon auf den Strafien, in der 
Mine schmolz der Schnee, und an den Randern bedeckte ihn eine 
graue Kruste. Aber die Hungrigen, die Entwichenen, die gefliichteten 



DAS SPINNENNETZ 143 

Haftlinge und die Arbeiter, die noch vor der Verhaftung die Flucht aus 
ihrer Heimat ergriffen hatten und in der grofien Stadt unerkannt zu 
verschwinden hofften, die Frauen, deren Manner getotet waren, die 
jiidischen Emigranten aus dem Osten, die jede Eisenbahn meiden 
mufiten - sie fiihlten den Friihling wie ein dreifaches Weh. Mit dem 
singenden Frost des Winters hatten sie sich befreundet, mit dem kni- 
sternden Schnee, seinen zartlichen Flocken, aber den scharfen Wind, 
der in sich die kommenden Regen des April trug, der die Kleider zer- 
bifi und in die Poren der Haut drang, ertrugen sie nicht. 
Nieder fielen sie in den Strafien, und das Fieber schiittelte sie, mit klap- 
pernden Kiefern erwarteten sie die letzte Stunde, und dann lagen sie 
starr auf den Strafien, und mitleidige Fliichtlinge, die spater kamen, 
begruben die Leichen in den Feldern, des Nachts, wenn die Bauern es 
nicht sahen. 

Wie ein lachelnder Morder ging der Friihling durch Deutschland. Wer 
in den Baracken nicht starb, den Foltern entging, von den Kugeln der 
Nationalen Biirgerliga nicht getroffen wurde und nicht von den Kniip- 
peln des Hakenkreuzes, wen der Hunger nicht zu Hause traf, wen die 
Spitzel vergessen hatten - der starb unterwegs, und die schwarzen, 
groften Rabenschwarme kreisten iiber seinem Leichnam. 
Krankheiten lagen geborgen in den Kleiderfalten der Wanderer, 
Krankheiten hauchte ihr Atem. Der Gendarm, der ihnen unterwegs 
entgegentrat, sog die Krankheit ein, die in ihrem Fluch lag, und wenn 
ihn nicht die Uberzahl ermordete, starb er nach einigen Tagen. Solda- 
ten starben in den Garnisonen. Patrouillen, die auf die Landstrafien 
ausgeschickt wurden, schlichen auf Seitenwegen, um der grofien 
Krankheit nicht zu begegnen, und entgingen dem Tode nicht. 
In den Stadten aber sprachen die Burger von der nationalen Erhebung, 
hielt Theodor Vortrage. Jetzt, mehr als je, drohte der innere Feind, 
und an der Grenze standen die Nachbarstaaten bereit, ins Land zu 
marschieren. Gymnasiasten exerzierten. Richter exerzierten. Priester 
schwangen Kniippel. Vor den Altaren Gottes, in den groften, schonen 
Kirchen des Landes, predigten Wanderredner. 

Theodor Lohse beschaftigte alle Gymnasiasten, alle Studenten, die Na- 
tionale Biirgerliga. Er sprach am Abend in offentlichen Versammlun- 
gen, er sprach sich hinauf, schon gait er mehr als der Polizeiprasident, 
mehr als der Staatssekretar fur offentliche Sicherheit, mehr als der Mi- 
nister. 



144 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er stand auf dem Podium, und der Schall seiner eigenen Stimme hob 
ihn empor. Seine Frau safi in der ersten Reihe. Gesichert waren die 
Eingange, die Tiiren, die Fenster, hier vergafi er jede Gefahr und sogar 
den Feind, den lauernden, den unbekannten. »Ich muf? zu dir auf- 
schaun!« sagte Elsa, und sie safi in der ersten Reihe und sah zu ihrem 
Mann empor, dem Erwachsenen und Wachsenden, Chef der Sicherheit 
- dachte sie -, President des Reiches, Platzhalter fur den kommenden 
Kaiser. Rauschende Feste in weifien Salen, marmorne Treppen, gol- 
dene Luster, grofie Abendtoilette, klirrende Sporen, Musik, Musik. 
Neue Wahlen waren ausgeschrieben, wer weifi, ob nicht eine neue, 
glanzendere Stellung frei war. 

Die Zeitungen schrieben: Theodor Lohse. Berichterstatter aus frem- 
den Landern kamen. »Die Welt« kannte Theodor Lohse. In den gro- 
fien amerikanischen Blattern war seine Photographie. 
»Einer der fiihrenden Manner« hiefi Theodor Lohse. 
Warum nicht: der fiihrende Mann? 



XXX 

Einmal kam Theodor spat am Abend ins Biiro und traf Benjamin Lenz 

vor offenen Schranken. 

Lenz photographierte Akten. 

Als er Theodor sah, zog er seine Pistole. 

»Ruhe!« sagte Benjamin. 

Theodor setzte sich auf den Tisch, er taumelte. 

»Ruhe!« sagte Benjamin. 

»Spitzel!« schrie Theodor. 

»Spitzel?« fragte Benjamin. »Sie waren mit mir bei den Gegnern. Sie 

haben Aufmarschplane verraten. Ich habe Zeugen. Wer hat Klitsche 

ermordet?« 

»Gehen wir!« sagte Benjamin Lenz. 

Und Theodor ging mit Benjamin aus dem Hause. 

»Fahren Sie zu Ihrer Frau!« sagte Lenz und begleitete Theodor zu 

einem Auto. 

»Und schlafen Sie gut!« rief Benjamin, wahrend der Chauffeur kur- 

belte. 

Und Theodor fuhr heim. 



DAS SPINNENNETZ I45 

Seine Frau spielte noch vor dem Schlafengehen. Die Fenster waren 
offen, und eine milde Marzluft blahte die Vorhange. 
»Du wirst jetzt grofte Aufgaben haben!« sagte Elsa. 
»Ja, mein Kind!« 
»Wir miissen bereit sein!« 

»Ich bin bereit!« sagte Theodor und dachte an eine Ermordung Benja- 
mins. 

Benjamin Lenz ging in der Nacht zu seinem Bruder. Die Briider hatten 
einander lange nicht gesehen. 

»Hier hast du Geld und einen Pafi«, sagte Benjamin, »fahre heute noch 
weg!« 

Und Lazar, sein Bruder, verschwand. 

Sie kannten einander gar nicht, Lazar wufke nicht, was Benjamin trieb, 
woher er Geld nahm und Paft, aber er verschwand. 
Alles wufke er, man schwieg oder sprach ein kleines, gleichgiiltiges 
Wort, und eine Welt war in dem kleinen, lacherlichen Wort. 
Man konnte jedem beliebigen Juden aus Lodz ein einziges kleines 
Wort sagen, und er wufite. 

Man braucht einem Juden aus dem Osten keine Erklarungen zu geben. 
Sanfte braune Augen hattc Lazar, der Bruder. Sein Haar lichtete sich. 
Er studierte so viel, er machte Erfindungen. 
»Kannst du deine Studien unterbrechen?« 

»Ich mufi«, sagte Lazar und war auch schon fertig. Er hatte nur einen 
Koffer. Und der Koffer war gepackt. So, als hatte er diese Abreise 
jeden Augenblick erwartet. 
»Bist du schon Doktor?« fragte Benjamin. 
»Seit einem Jahr!« 
»Woran arbeitest du?« 
»An einem Gas.« 
»Sprengstoff?« 
»Ja!« sagte Lazar. 
»Fiir Europa«, sagte Benjamin. 

Und Lazar lachte. Alles verstand Lazar. Was war Benjamin dagegen? 
Ein kleiner Intrigant. 

Aber dieser junge Bruder mit den sanften, golden schimmernden Au- 
gen lieft den ganzen Weltteil in die Luft fliegen. 
Um halb eins ging der Zug nach Paris. 
Auf dem Bahnsteig stand Benjamin. 



146 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Vielleicht komme ich nach«, sagte Benjamin. 

Dann winkte Benjamin. 2um erstenmal winkte er. Und der Zug glitt 

aus der Halle. Leer war der Bahnsteig, und ein Mann sprengte Wasser 

aus einer griinen Kanne. 

Viele Lokomotiven pfiffen irgendwo auf Geleisen. 



HOTEL SAVOY 

Ein Roman 

1924 



ERSTESBUCH 



I 



Ich komme um zehn Uhr vormittags im Hotel Savoy an. Ich war ent- 
schlossen, ein paar Tage oder eine Woche auszuruhen. In dieser Stadt 
leben meine Verwandten - meine Eltern waren russische Juden. Ich 
mochte Geldmittel bekommen, um meinen Weg nach dem Westen fort- 
zusetzen. 

Ich kehre aus dreijahriger Kriegsgefangenschaft zuriick, habe in einem 
sibirischen Lager gelebt und bin durch russische Dorfer und Stadte 
gewandert, als Arbeiter, Taglohner, Nachtwachter, Koffertrager und 
Backergehilfe. 

Ich trage eine russische Bluse, die mir jemand geschenkt hat, eine kurze 
Hose, die ich von einem verstorbenen Kameraden geerbt habe, und 
Stiefel, immer noch brauchbare, an deren Herkunft ich mich selbst nicht 
mehr erinnere. 

Zum erstenmal nach fiinf Jahren stehe ich wieder an den Toren Europas. 
Europaischer als alle anderen Gasthofe des Ostens scheint mir das Hotel 
Savoy mit seinen sieben Etagen, seinem goldenen Wappen und einem 
livrierten Portier. Es verspricht Wasser, Seife, englisches Klosett, Lift, 
Stubenmadchen in weifien Hauben, freundlich blinkende Nachtge- 
schirre wie kostliche Uberraschungen in braungetafelten Kastchen; 
elektrische Lampen, aus rosa und griinen Schirmen erbluhend wie aus 
Kelchen; schrillende Klingeln, die einem Daumendruck gehorchen; 
und Betten, daunengepolsterte, schwellend und freudig bereit, den Kor- 
per aufzunehmen. 

Ich freue mich, wieder ein altes Leben abzustreifen wie so oft in diesen 
Jahren. Ich sehe den Soldaten, den Morder, den fast Gemordeten, den 
Auferstandenen, den Gefesselten, den Wanderer. 
Ich ahne Morgendunst, hore den Trommelwirbel der marschierenden 
Kompanie, auf kiirrende Fensterscheiben im hochsten Stockwerk; er- 
blicke einen Mann in weifien Hemdsarmeln, die zuckenden Glieder der 
Soldaten, eine Waldlichtung, die vom Tau glanzt; ich sttirze ins Gras vor 
»fiktivem Feind« und habe den briinstigen Wunsch, hier liegenzublei- 
ben, ewig, im samtenen Gras, das die Nase streichelt. 



I50 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Ich hore die Stille des Krankensaals, die weifie Stille. Ich stehe an 
einem Sommermorgen auf, hore das Trillern gesunder Lerchen, 
schmecke den Morgenkakao mit Buttersemmel und den Duft von Jo- 
doform in der »ersten Diat«. 

Ich lebe in einer weifien Welt aus Himmel und Schnee, Baracken be- 
decken die Erde wie gelber Aussatz. Ich schmecke den sufien letzten 
Zug aus einem aufgeklaubten Zigarettenstummel, lese die Inseraten- 
seite einer heimatKchen, uralten Zeitung, aus der man vertraute Stra- 
fiennamen wiederholen kann, den Gemischtwarenhandler erkennt, 
einen Portier, eine blonde Agnes, mit der man geschlafen hat. 
Ich hore den wonnigen Regen in durchwachter Nacht, die hurtig 
schmelzenden Eiszapfen in lachelnder Morgensonne, ich greife die 
machtigen Briiste einer Frau, die man unterwegs getroffen, ins Moos 
gelegt hat, die weifie Pracht ihrer Schenkel. Ich schlafe den betauben- 
den Schlaf auf dem Heuboden, in der Scheune. Ich schreite iiber zer- 
furchte Acker und lausche dem diinnen Sang einer Balalaika. 
So vieles kann man in sich saugen und dennoch unverandert an Kor- 
per, Gang und Gehaben bleiben. Aus Millionen Gefafien schliirfen, 
niemals satt sein, wie ein Regenbogen in alien Farben schillern, den- 
noch immer ein Regenbogen sein, von der gleichen Farbenskala. 
Im Hotel Savoy konnte ich mit einem Hemd anlangen und es verlassen 
als der Gebieter von zwanzig Koffern - und immer noch der Gabriel 
Dan sein. Vielleicht hat mich dieser Einfall so selbstbewufit gemacht, 
so stolz und herrisch, daft der Portier mich griifk, mich, den armen 
Wanderer in der russischen Bluse, dafi ein Boy geschaftig meiner harrt, 
obwohl ich gar kein Gepack habe. 

Ein Lift nimmt mich auf, Spiegel zieren seine Wande, der Liftboy, ein 
alterer Mann, lafk das Drahtseil durch seine Fauste gleiten, der Kasten 
hebt sich, ich schwebe - und es kommt mir vor, als wiirde ich so noch 
eine geraume Weile in die Hohe fliegen. Ich geniefie das Schweben, 
berechne, wieviel Stufen ich muhsam erklimmen miifite, wenn ich 
nicht in diesem Prachtlift safk, und werfe Bitterkeit, Armut, Wande- 
rung, Heimatlosigkeit, Hunger, Vergangenheit des Bettlers hinunter - 
tief, woher es mich, den Emporschwebenden, nimmermehr erreichen 
kann. 

Mein Zimmer - ich habe eines der billigsten bekommen - liegt im sech- 
sten Stockwerk und tragt die Nummer 703. Die Zahl gefallt mir - ich 
bin zahlenglaubig -, die Null in der Mitte ist wie eine Dame, von 



HOTEL SAVOY 151 

einem altern und einem jiingern Herrn flankiert. Auf dem Bett liegt 

eine gelbe Decke; gottlob, keine graue, die ans Militar erinnern 

konnte. Ich kmpse ein paarmal das Licht an und aus, schlage die Tiir 

des Nachtkastchens auf, die Matratze gibt dem Druck der Hand nach 

und federt empor, Wasser blinkt aus der Karaffe, das Fenster geht in 

Lichthofe, in denen lustig bunte Wasche flatten, Kinder schreien, 

Hiihner lustwandeln. 

Ich wasche mich und schliipfe langsam ins Bett, jede Sekunde koste ich 

aus. Ich offne das Fenster, die Hiihner schwatzen laut und lustig, es ist 

wie siifie Schlafmusik. 

Ich schlafe ohne Traum den ganzen Tag. 



II 



Spate Sonne rotete die hochsten Fenster des gegenuberliegenden Hau- 
ses; die Wasche, die Hiihner, die Kinder waren aus dem Hofe ver- 
schwunden. 

Am Vormittag, als ich ankam, hatte es leise geregnet; weil es inzwi- 
schen heiter geworden war, schien es mir, als hatte ich nicht einen Tag, 
sondern drei geschlafen. Meine Miidigkeit war abgetan; mein Herz 
festlich gestimmt. Ich war neugierig auf die Stadt, das neue Leben. 
Mein Zimmer schien mir vertraut, als hatte ich schon lange darin ge- 
wohnt, bekannt die Glocke, der Druckknopf, der elektrische Taster, 
der griine Lampenschirm, der Kleiderkasten, die Waschschiissel. Alles 
heimisch, wie in einer Stube, in der man eine Kindheit verbracht, alles 
beruhigend, Warme verschuttend, wie nach einem lieben Wiedersehn. 
Neu war nur der Zettel an der Tiir, auf dem zu lesen stand: 

»Nach zehn Uhr abends wird um Ruhe gebeten. Fur abhanden ge- 
kommene Schmuckstucke keine Haftung. Tresor im Hause. 

Hochachtungsvoll 
Kaleguropulos, Hotelwirt« 

Der Name war fremd, ein griechischer Name, ich bekam Lust, ihn zu 
deklinieren: Kaleguropulos, Kaleguropulu, Kaleguropulo - - eine leise 
Erinnerung an ungemiitliche Schulstunden; einen Griechischlehrer, 
der aufstieg aus vergessenen Jahren in einem patinagriinen Jackchen, 



I52 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

drangte ich zuriick. Dann beschlofi ich, durch die Stadt zu gehen, viel- 
leicht einen Verwandten aufzusuchen, wenn Zeit dazu blieb, und zu 
geniefien, wenn dieser Abend und diese Stadt Genufi bieten wollten. 
Ich gehe den Korridor entlang der Haupttreppe zu und freue mich 
iiber die schone Quaderpflasterung des Hotelgangs, die rotlichen, sau- 
beren Steine, das Echo meiner festen Schritte. 

Langsam steige ich die Treppe hinunter, aus unteren Stockwerken 
klingen Stimmen, hier oben ist alles still, alle Tiiren sind geschlossen, 
man geht wie durch ein altes Kloster, an den Zellen betender Monche 
vorbei. Das fiinfte Stockwerk sieht genauso wie das sechste aus, man 
kann sich leicht irren; dort oben und hier hangt eine Normaluhr ge- 
geniiber der Treppe, nur gehen die beiden Uhren nicht regelmafiig. Die 
im sechsten Stockwerk zeigt sieben Uhr und zehn Minuten, hier ist es 
sieben Uhr, und im vierten Stock sind es zehn Minuten weniger. 
Uber den Quadersteinen des dritten Stockwerks liegen dunkelrote, 
griingesaumte Teppiche, man hort seinen Schritt nicht mehr. Die Zim- 
mernummern sind nicht an die Tiiren gemalt, sondern auf ovalen Por- 
zellantafelchen angebracht. Ein Madchen kommt mit einem Staubwe- 
del und einem Papierkorb, hier scheint man mehr auf Sauberkeit zu 
achten. Hier wohnen die Reichen, und Kaleguropulos, der Schlaue, 
laEt absichtlich die Uhren zuriickgehn, weil die Reichen Zeit haben. 
Im Hochparterre standen zwei Fliigel einer Tiir weit offen. 
Es war ein grofies Zimmer mit zwei Fenstern, zwei Betten, zwei Ka- 
sten, einem griinen Pliischsofa, einem braunen Kachelofen und einem 
Stander fur Gepack. An der Tiir war kein Zettel des Kaleguropulos zu 
sehen - vielleicht durften die Bewohner des Hochparterres nach zehn 
Uhr larmen, ihnen haftete man vielleicht fur »abhanden gekommene 
Schmuckstucke« - oder wufiten sie bereits von den Tresors, oder sagte 
es ihnen Kaleguropulos personlich? 

Aus einem benachbarten Zimmer rauschte eine Frau heraus, parfii- 
miert und in einer grauen Federboa - das ist eine Dame, sage ich mir 
und gehe, hart hinter ihr, die wenigen Stufen hinunter, ihre kleinen 
Lackstiefelchen frohlich betrachtend. Die Dame halt sich eine Weile 
beim Portier auf, ich gelange mit ihr gleichzeitig zur Tiir, der Portier 
gruftt, mir schmeichelt es, dafi der Portier mich vielleicht fur den Be- 
gleiter der reichen Dame halt. 

Ich beschlofi, weil ich keine Richtung wufite, hinter der Dame einher- 
zugehn. 



HOTEL SAVOY 153 

Sie bog aus dem engen Gafichen, in dem das Hotel stand, rechts ab, da 
weitete sich der Marktplatz. Es mufke Markttag gewesen sein, Heu 
und Hacksel lagen verstreut auf dem Pflaster, man schlofi gerade die 
Laden, es klirrten Schliissel, und Ketten rasselten, Hausierer zogen 
heim mit kleinen Handwagen, Frauen mit bunten Kopftiichern eilten 
mit vollen und vorsichtig vor den Leib gehaltenen Topfen, berstenden 
Markttaschen am Arm, aus denen holzerne Kochloffel hervorschau- 
ten. Sparliche Laternen streuten silbernes Licht in die Dammerung, auf 
dem Burgersteig entwickelte sich ein Korso, Manner in Uniform und 
Zivil wedelten mit schlanken Rohrstabchen, und Wolken russischen 
Parfums wallten auf und verschwanden wieder. Wagen kamen vom 
Bahnhof geholpert, mit hochgeschichtetem Gepack, vermummten 
Reisenden. Das Pflaster war schlecht, wies Mulden und plotzliche Ver- 
senkungen auf, iiber schadhafte Stellen waren faulende Latten gelegt, 
die iiberraschend knarrten. 

Dennoch sah die Stadt am Abend freundlicher aus als am Tage. Am 
Vormittag war sie grau, Kohlendunst naher Fabriken walzte sich iiber 
sie aus riesigen Schornsteinen, schmutzige Bettler krummten sich an 
den Strafienecken, und Unrat und Mostkiibel waren in engen Gafkhen 
gehauft. Die Dunkelheit aber barg alles, Schmutz, Laster, Seuche und 
Armut, giitig, mutterlich, verzeihend, vertuschend. 
Hauser, die nur gebrechlich und schadhaft sind, scheinen im Dunkel 
gespenstisch und geheimnisvoll, von einer willkurlichen Architektur. 
Schiefe Giebel wachsen sanft in den Schatten, armseliges Licht winkt 
heimlich durch halberblindete Scheiben, zwei Schritte daneben bre- 
chen Strome von Licht aus mannshohen Fenstern einer Konditorei, 
Spiegel widerstrahlen Kristall und Luster, Engel schweben, lieblich ge- 
beugt, an der Deckenwolbung. Es ist die Konditorei der reichen Welt, 
die in dieser Fabrikstadt Geld erwirbt und ausgibt. 
Hierher ging die Dame, ich folgte ihr nicht, weil ich bedachte, daft 
mein Geld eine geraume Zeit wiirde reichen mussen, ehe ich fortreisen 
konnte. 

Ich schlenderte weiter, sah schwarze Gruppen behender Kaftanjuden, 
horte lautes Gemurmel, Gruft und Gegengruft, zorniges Wort und 
lange Rede - Federn, Prozente, Hopfen, Stahl, Kohle, Zitronen flogen, 
von Lippen in die Luft geschleudert, in Ohren gezielt. Manner mit 
verdachtigem Blick und Kautschukkragen schienen Polizei. Ich griff 
nach meiner Brusttasche, wo der Paft lag, unwillkurlich, wie ich nach 



154 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

der Miitze gegriffen hatte als Soldat, wenn ein Vorgesetzter in der Nahe 
war. Ich war Heimkehrer, meine Papiere waren in Ordnung, ich hatte 
nichts zu fiirchten. 

Ich ging zu einem Schutzmann, fragte nach der Gibka, wo meine Ver- 
wandten wohnen, der reiche Onkel Phobus Bohlaug. Der Schutzmann 
sprach Deutsch, viele Menschen sprachen hier Deutsch, deutsche Fabri- 
kanten, Ingenieure und Kaufleute beherrschten Gesellschaft, Geschaft, 
Industrie dieser Stadt. 

Ich mufite zehn Minuten gehn und dachte an Phobus Bohlaug, von dem 
mein Vater in der Leopoldstadt mit Neid und Hafi gesprochen hatte, 
wenn er von vergeblichen Ratensammlungen miide und zerdriickt 
heimgekommen war. Den Namen Phobus hatte jedes Familienmitglied 
mit Respekt genannt, es war, als hatte man wirklich vom Sonnengott 
gesprochen; nur mein Vater sprach immer von »Phobus, dem Lump« - 
weil er angeblich mit der Mitgift der Mutter Geschafte gemacht hatte. 
Mein Vater war immer zu feige gewesen, hatte nie seine Mitgift gefor- 
dert, hatte immer nur, jahrlich um dieselbe Zeit, in der Fremdenliste 
nachgelesen, ob Phobus Bohlaug im Hotel Imperial abgestiegen sei, und 
wenn er da war, ging mein Vater den Schwager in die Leopoldstadt 
einladen, zu einem Tee. Die Mutter trug ein schwarzes Kleid mit spar- 
lich gewordenem Flitterbesatz, sie achtete den reichen Bruder, als ware 
er etwas sehr Fremdes, Konigliches, als hatte sie nicht beide ein Schofi 
geboren, ein Briistepaar gesaugt. Der Onkel kam, brachte mir ein Buch, 
Lebzelte dufteten aus der dunklen Kiiche, in der mein Grofivater 
wohnte, aus der er nur bei festlichen Gelegenheiten hervorkam, als ware 
er gerade gar geworden, frisch gewaschen, mit einem weifi gestarkten 
Brustvorsatz, zwinkernd durch die viel zu schwache Brille, vorgeneigt, 
um den Sohn Phobus zu sehn, den Stolz des Alters. Phobus hat ein 
breites Lachen, ein quellendes Doppelkinn und rote Nackenwiilste, er 
riecht nach Zigarren und manchmal nach Wein, und er gibt jedem einen 
Kufi auf beide Wangen. Er spricht viel, laut und frohlich, aber wenn 
man ihn fragt, ob die Geschafte gutgehen, quellen seine Augen hervor, 
er sinkt zusammen, jeden Augenblick kann er anfangen zu schlottern 
wie ein frierender Bettler, sein Doppelkinn verschwindet im Kragen: 
»Die Geschafte gehn nicht mehr, in diesen Zeiten. Wie ich klein war, 
bekam ich einen Mohnbeugel fur eine halbe Kopeke, zehn Kopeken 
kostet jetzt ein Brot, die Kinder - unberufen - werden grofi und brau- 
chen Geld, Alexander will jeden Tag Taschengeld.« 



HOTEL SAVOY 



: 55 



Der Vater zupfte an den Manschettenrollchen und stiefi sie wieder am 
Tischrand zuriick, lachelte, wenn ihn Phobus ansprach, schwach und 
lauernd und wiinschte seinem Schwager einen Herzschlag. Nach zwei 
Stunden stand Phobus auf, driickte der Mutter ein Silberstiick in die 
Hand, dem Grofivater eines, und ein grofies, glanzendes steckte er in 
meine Tasche. Der Vater begleitete ihn, weil es dunkel war, die Treppe 
hinunter, mit der Petroleumlampe in hocherhobener Hand, und die 
Mutter rief: »Nathan, gib acht auf den Schirm!« Der Vater gab acht auf 
den Schirm, und man hone noch, da die Tur offenstand, das gesunde 
Reden Phobus'. 

Zwei Tage spater war Phobus verreist, und der Vater verkiindete: »Der 
Lump ist schon weggefahren.« 
»H6r auf, Nathan !« sagte die Mutter. 

Ich kam in die Gibka. Es ist eine vornehme Vorstadtstrafie, mit wei- 
fien, niederen Hausern, neuen und verzierten. Ich sah erleuchtete Fen- 
ster im Hause Bohlaugs, aber die Tur war geschlossen. Ich iiberlegte 
eine Weile, ob ich so spat noch hinaufgehen sollte, es mufite schon 
zehn Uhr sein - da horte ich Klavierspiel und ein Cello, eine weibliche 
Stimme, einen Schall von klatschenden Spielkarten. Ich dachte, daft es 
nicht anginge, in solchem Anzug, wie ich ihn trug, in die Gesellschaft 
zu kommen, von meinem ersten Auftreten hing alles ab - ich beschlofi, 
den Besuch fur morgen aufzuschieben, und kehrte ins Hotel zuriick. 
Der vergebliche Weg hatte mich miftmutig gemacht, der Portier griifite 
nicht mehr, als ich ins Hotel trat. Der Liftmensch beeilte sich nicht, als 
ich auf den Knopf driickte. Er kam langsam, in meinem Gesicht for- 
schend. Es war ein fiinfzigjahriger livrierter Mensch, ein alter Lift- 
knabe; ich argerte mich, daft in diesem Hotel nicht kleine, rotwangige 
Knirpse den Fahrstuhl bedienten. 

Ich entsann mich, daft ich noch einen Blick in den siebenten Stock 
hatte werfen wollen, und schritt die Stiege hinauf. Oben war der Kor- 
ridor sehr schmal, die Decke hing tiefer, aus einer Waschkuche stromte 
grauer Dunst, und es roch nach feuchter Wasche. Zwei, drei Tiiren 
mufiten halb offenstehn, man horte streitende Stimmen, eine Normal- 
uhr war, wie ich vermutet hatte, nicht vorhanden. Ich wollte gerade die 
Stiege hinuntergehn, da hielt knarrend der Fahrstuhl, die Tur ging auf, 
der Liftmensch warf einen verwunderten Blick auf mich und lieft ein 
Madchen aussteigen. Sie trug einen kleinen grauen Sporthut, wandte 
mir ein braunes Gesicht zu und grofie, graue, schwarz bewimperte 



I56 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Augen. Ich griifke und schritt die Stiege hinunter. Etwas zwang mich, 
vom letzten Treppenabsatz wieder aufzublicken, da glaubte ich, die 
biergelben Augen des Liftboys vom Treppengelander her auf mich ge- 
richtet zu sehn. 

Ich schloft meine Tiir ab, weil ich eine unbestimmte Furcht hatte, und 
begann, in einem alten Buch zu lesen. 



Ill 

Ich war nicht schlafrig. Eine Kirchturmglocke bettet regelmafiige 
Schlage in die weiche Nacht. Uber mir hore ich Schritte, behutsame, 
sanfte, unaufhorliche, es miissen Frauenschritte sein - ging jene Kleine 
aus dem siebenten Stock so rastlos auf und ab? Was hatte sie? 
Ich sah hinauf zur Decke, weil mir plotzlich der Einfall kam, dafi die 
Decke durchsichtig geworden wan Man sah vielleicht die zierlichen 
Fufisohlen des graugekleideten Madchens. Ging sie barfufi oder in 
Pantoffeln? Oder in grauen Striimpfen aus Halbseide? 
Ich erinnerte mich, wie sehnsiichtig ich und viele Kameraden einen 
Urlaub erwartet hatten, der den Wunsch nach einem wildledernen 
Halbschuh erfiillen konnte. Gesunde Bauernmadchenbeine durfte man 
streicheln, breitsohlige Fiifie, mit abstehendem grofiem Zeh, die durch 
den Schlamm der Felder, durch den Lehm der Landstrafte wanderten, 
Korper, fiir die die harten Schollen eines gefrorenen Herbstackers ein 
Liebesbett bildeten. Gesunde Oberschenkel. Minutenschnelle Liebe in 
der Dunkelheit vor einbrechendem Befehl. Ich entsann mich der altli- 
chen Lehrerin in einem Etappennest, der einzigen Frau jenes Orts, die 
vor Krieg und Uberfall nicht gefluchtet war. Es war ein spitzes Mad- 
chen, uber dreifiig, man nannte sie den »Drahtverhau«. Aber es gab 
nicht einen, der sie nicht umworben hatte. Denn weit und breit, im 
Umkreis von Kilometern, war sie die einzige Frau mit Halbschuhen 
und durchbrochenen Striimpfen. 

In diesem Riesenhotel Savoy mit den 864 Zimmern, ja in dieser ganzen 
Stadt wachten vielleicht nur zwei Menschen, ich und das Madchen 
uber mir. Man konnte ganz gut beieinander sein, ich, Gabriel, und ein 
kleines braunes Madchen mit freundlichem Gesicht, groflen, grauen, 
schwarz bewimperten Augen. Wie diinn mufiten die Decken dieses 
Hauses sein, wenn die Gazellenschritte so deutlich zu horen waren; 



HOTEL SAVOY 157 

selbst den Geruch ihres Leibes glaubte ich zu spiiren. Ich beschlofi 
nachzusehn, ob diese Schritte wirklich dem Madchen gehorten. 
Im Korridor brannte ein dunkelrotes Gluhlampchen; Schuhe, Stiefel, 
Frauenhalbschuhe standen vor den Zimmertiiren, alle ausdrucksvoll 
wie Menschengesichter. Im siebenten Stockwerk brannte uberhaupt 
keine Lampe, schwaches Licht rann aus geblendeten Glasscheiben. 
Gelb und diinn flofi ein Strahl durch eine Ritze, es ist Zimmer 800 - da 
muE der rastlose Spazierganger wohnen. Ich kann durchs Schlussel- 
loch sehn - es ist das Madchen. Sie schreitet in einem weiften Gewand 
- es ist ein Bademantel - auf und ab, bleibt eine Weile am Tisch stehn, 
sieht in ein Buch und beginnt ihre Wanderung von neuem. 
Ich bemiihe mich, ihr Gesicht zu erhaschen - sehe nur die schwache 
Rundung eines Kinns, das Viertel eines Profils, wenn sie stehenbleibt, 
ein Biischel Haare, und sooft der Mantel bei einem weiten Schritt sich 
liiftet, einen Schimmer ihres braunen Fleisches. Irgendwoher kam ein 
muhsamer Husten, jemand spuckte in einen Kiibel, es klatschte laut. 
Ich kehrte in mein Zimmer zuriick. Als ich die Tiir schlofi, glaubte ich 
einen Schatten im Korridor zu sehen; ich rifi die Tiir weit auf, daft das 
Licht meines Zimmers einen Teil des Ganges erhellte. Aber es war 
niemand gewesen. 

Oben horten die Schritte auf. Das Madchen schlief schon wahrschein- 
lich. Ich legte mich angekleidet aufs Bett und zog die Gardinen vom 
Fenster weg. Sanftes Grau des beginnenden Tags legte sich weich auf 
die Gegenstande des Zimmers. 

Unerbittlichen Morgenanbruch verkiindeten eine knallende Tiir und 
der brutale Ruf einer Mannerstimme in einer unverstandlichen Spra- 
che. 

Ein Zimmerkellner kam - er trug eine griine Schusterschiirze, und die 
aufgekrempelten Hemdsarmel lieften schwarz- und krausbehaarte 
muskelreiche Unterarme bis zum Ellbogen sehn. Zimmermadchen gab 
es offenbar nur in den drei ersten Stockwerken. Der Kaffee war besser, 
als man erwartet hatte, aber was nutzte das, wenn keine Madchen da 
waren in weifien Hauben? Das war eine Enttauschung, und ich dachte 
nach, ob denn keine Moglichkeit vorhanden ware, in den dritten Stock 
zu ubersiedeln. 



158 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

IV 

Phobus Bohlaug sitzt vor einem glanzenden, kupfernen Samowar, ifit 

ein Riihrei mit Schinken und trinkt Tee mit Milch. »Der Doktor hat 

mir Eier verschrieben«, sagt er, wischt sich mit der Serviette den 

Schnurrbart und streckt mir vom Stuhl aus sein Gesicht zum Kusse 

entgegen. Sein Gesicht riecht nach Rasierseife und Kolnischem Was- 

ser, es ist glatt, weich und warm. Er tragt einen weiten Bademantel, 

mufi eben aus der Wanne gestiegen sein, eine Zeitung liegt auf einem 

Stuhl, und ein herzformiger Ausschnitt seiner behaarten Brust wird 

sichtbar, da er noch kein Hemd tragt. 

»Gut siehst du aus!« stellt er fest, fiir alle Falle. 

»Wie lange bist du schon da?« 

»Seit gestern!« 

»Warum kommst du heute?« 

»Ich war gestern hier, horte, dafi bei euch Gesellschaft war, und wollte 

nicht in diesem Anzug — « 

»Ach, was - ein ganz schoner Anzug! Heutzutage schamt man sich 

nicht. Heute tragen Millionare auch keinen besseren Anzug! Ich hab' 

auch nur drei Anziige! Ein Anzug kostet ein Verm6gen!« 

»Ich wufite nicht, dafi es so ist. - Ich komme aus der Kriegsgefangen- 

schaft.« 

»Da ist es dir doch gutgegangen? Alle Menschen sagen, in der Gefan- 

genschaft ist es gut.« 

»Es war manchmal auch schlecht, Onkel Phobus !« 

»Nun, und jetzt willst du weiterfahren?« 

»Ja, ich brauche Geld!« 

»Geld brauch' ich auch«, lachte Phobus Bohlaug. »Wir brauchen alle 

Geld!« 

»Du hast es ja wahrscheinlich.« 

»Ich hab'? Wie weiftt du, daft ich hab'? Man ist von der Flucht zuriick- 

gekommen und hat sein Vermogen zusammengeklaubt. Ich hab' in 

Wien deinem Vater Geld gegeben - seine Krankheit hat mich ein scho- 

nes Geld gekostet, und deiner seligen Mutter hab' ich einen Grabstein 

gesetzt, einen schonen Stein - er hat schon damals zwei runde Tausen- 

der gekostet.« 

»Mein Vater ist im Siechenhaus gestorben.« 

»Aber die selige Mutter im Sanatorium. « 



HOTEL SAVOY 159 

»Was schreist du so? Reg dich nicht auf, Phobus !« sagt Regina. Sie 
kommt aus dem Schlafzimmer, halt ein Korsett in der Hand, mit bau- 
melnden Strumpfbandern. 
»Das ist Gabriel«, stellt Phobus vor. 

Regina bekam einen Handkufi. Sie bedauerte mich, meine Leiden in 
der Gefangenschaft, den Krieg, die Zeiten, die Kinder, den Mann. 
»Alexanderl ist hier, sonst hatten wir Sie gebeten, bei uns zu schlafen«, 
sagt sie. 

Alexanderl kommt in einem blauen Pyjama, verbeugt sich und scharrt 
mit den Pantoffeln. Er war im Krieg rechtzeitig von der Kavallerie 
zum Train gekommen, studiert jetzt in Paris »Export« - wie Phobus 
sagt - und feiert seinen Urlaub zu Hause. 

»Sie wohnen im Hotel Savoy?« sagt Alexander mit weltmannischer 
Sicherheit. »Dort wohnt ein schones Madchen« - und er zwinkert mit 
einem Aug' gegen seinen Vater. »Sie heifit Stasia und tanzt im Variete - 
unnahbar, sag' ich Ihnen - ich wollte sie nach Paris mitnehmen« - er 
riickt nahe heran - »aber sie geht allein, wenn sie will, sagt sie mir. - 
Ein feines Madchen!« 

Ich blieb zum Mittagessen. Phobus* Tochter kam mit dem Mann. Der 
Schwiegersohn »half im Geschaft«, war ein robuster, gutmutiger, rot- 
blonder, stiernackiger Mensch, loffelte brav seine Suppe, sorgte fur 
Tellersauberung, schweigsam, unberiihrt von rollenden Gesprachen. 
»Ich denke grade nach«, sagt Frau Regina, »dein blauer Anzug wird 
Gabriel passen.« 

»Ich nab' noch blaue Anziige?« fragt Phobus. 
»Ja«, sagt Regina, »ich bring* ihn.« 

Ich versuchte vergeblich Abwehr. Alexander klopfte mir auf die Schul- 
ter, »ganz richtig«, sagte der Schwiegersohn, und Regina brachte den 
blauen Anzug. Ich probiere ihn in Alexanders Zimmer, vor dem gro- 
fien Wandspiegel - er pafk. 

Ich sehe ein, sehe die Notwendigkeit eines blauen, »wie neuen« An- 
zugs ein, die Notwendigkeit braungetupfter Krawatten, einer braunen 
Weste, und scheide am Nachmittag mit einem Pappkarton in der 
Hand. Ich werde wiederkommen. Leise noch singt in mir eine Hoff- 
nung auf Reisegeld. 
»Siehst du, jetzt hab' ich ihn ausgestattet«, sagt Phobus zu Regina. 



l60 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

V 

Stasia heifit das Madchen. Das Programm des Varietes nennt ihren Na- 
men nicht. Sie tanzt auf billigen Brettern vor einheimischen und Pari- 
ser Alexanders. Sie macht ein paar Wendungen in einem orientalischen 
Tanz. Dann setzt sie sich mit verschrankten Beinen vor einen Weih- 
rauchkessel und wartet das Ende ab. Man kann ihren Korper sehn, 
blaue Schatten unter den Armen, schwellenden Ansatz einer braunen 
Brust, die Rundung der Hiifte, den Oberschenkel aus plotzlich aufho- 
rendem Trikot. 

Es gab eine lacherliche Blechmusik, die Geigen fehlten, und das 
schmerzte fast. Es gab alte Witzlieder, modrige Spafte eines Clowns, 
einen dressierten Esel mit roten Ohrenlaschchen, der geduldig auf und 
ab trippelte, weifie Kellner, die wie Bierkeller rochen, mit iiberschau- 
menden Kriigen zwischen dunklen Reihen, der Glanz eines gelben 
Scheinwerfers fiel schrag aus willkiirlicher Deckenoffnung, ein finste- 
rer Biihnenhintergrund schrie wie ein aufgerissener Mund, der Ansa- 
ger krachzte, Bote trauriger Kunden. 

Am Ausgang warte ich; es ist wieder wie einst; als wartete ich, ein 
Knabe, im Seitengafichen, gedruckt in den Schatten eines Haustors 
und in ihn verflieftend, bis rasche, junge Tritte erschallen, aus dem 
Pflaster erbliihen, wunderbar aus unfruchtbaren Kieselsteinen. 
Mit Frauen und Mannern kam Stasia daher, die Stimmen rannen 
durcheinander. 

Lange war ich einsam unter Tausenden gewesen. Jetzt gibt es tausend 
Dinge, die ich teilen kann: den Anblick eines krummen Giebels, ein 
Schwalbennest im Klosett des Hotels Savoy, das irritierende, biergelbe 
Aug* des alten Liftknaben, die Bitterkeit des siebenten Stockwerks, die 
Unheimlichkeit eines griechischen Namens, eines plotzlich lebendigen 
grammatikalischen Begriffs, die traurige Erinnerung an einen boshaf- 
ten Aorist, an die Enge des elterlichen Hauses, die plumpe Lacherlich- 
keit Phobus Bohlaugs und Alexanderls Lebensrettung durch den 
Train. Lebendiger wurden die lebendigen Dinge, haftlicher die gemein- 
sam verurteilten, naher der Himmel, untertan die Welt. 
Die Tiir des Fahrstuhls war offen, Stasia safi da. Ich verbarg meine 
Freude nicht, wir wlinschten einander guten Abend wie alte Bekannte. 
Ich empfand den unvermeidlichen Liftboy bitter, er tat, als wiifite er 
nicht, daft ich im sechsten Stock aussteigen muftte, fuhr uns beide in 



HOTEL SAVOY l6l 

den siebenten; hier stieg Stasia aus, verschwand in ihrem Zimmer, 
wahrend der Liftmann noch wartete, als miifke er hier Passagiere mit- 
nehmen: Wozu wartet er mit gelben Hohnaugen? 
Ich gehe also langsam die Treppe hinab, lausche, ob der Fahrstuhl sich 
in Bewegung setzt; endlich, ich bin in der Mitte, hore ich des Fahr- 
stuhls glucksendes Gerausch und kehre um. Auf der obersten Stiege 
schickt sich der Liftmensch gerade an hinunterzusteigen. Er hat den 
Fahrstuhl leer laufen lassen und geht mit langsamer Bosheit zu Fufi. 
Stasia hat wahrscheinlich mein Klopfen erwartet. 
Ich will mich entschuldigen. 

»Nein, nein«, sagt Stasia. »Ich hatte Sie schon friiher eingeladen, aber 
ich hatte Angst vor Ignatz. Er ist der Gefahrlichste im Hotel Savoy. 
Ich weifi auch, wie Sie heifien, Gabriel Dan, und kommen aus der 
Gefangenschaft — ich hielt Sie gestern fur einen - Kollegen - Arti- 
sten -« sie zogert — vielleicht fiirchtet sie, mich zu beleidigen? 
Ich war nicht beleidigt. »Nein«, sagte ich, »ich weifi nicht, was ich bin. 
Friiher wollte ich Schriftsteller werden, aber ich ging in den Krieg, und 
ich glaube, daft es keinen Zweck hat zu schreiben. - Ich bin ein einsa- 
mer Mensch, und ich kann nicht fur alle schreiben. « 
»Sie wohnen gerade liber meinem Zimmer«, sagte ich, weil ich doch 
nichts Schoneres sagen kann. 
»Weshalb wandern Sie die ganze Nacht herum?« 
»Ich lerne Franzosisch, ich mochte nach Paris gehn, etwas tun, nicht 
tanzen. Ein Dummkopf hat mich nach Paris mitnehmen wollen - seit- 
her denke ich daran hinzufahren.« 
»Alexander B6hlaug?« 
»Sie kennen ihn? Seit gestern sind Sie hier?« 
»Sie kennen ja auch mich.« 
»Haben Sie auch schon mit Ignatz gesprochen?« 
»Nein, aber Bohlaug ist mein Vetter.« 
»Oh! Entschuldigen Sie!« 
»Nein, bitte, bitte, er ist ein Dummkopf !« 

Stasia hat ein paar Schokoladerippen, und einen Spirituskocher holt sie 
aus dem Grunde einer Hutschachtel. 

»Das darf niemand wissen. Selbst Ignatz weifi es nicht. Den Spiritus- 
kocher verstecke ich jeden Tag woanders. In der Hutschachtel heute, 
gestern lag er in meinem Muff, einmal zwischen Schrank und Wand. 
Die Polizei verbietet Spirituskocher im Hotel. Man kann aber doch 



\6l ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

nur - ich meine unsereins - im Hotel wohnen, und das Hotel Savoy ist 
das beste, das ich kenne. Sie wollen lange hierbleiben?« 
»Nein, ein paar Tage.« 

»Oh, dann werden Sie Hotel Savoy nicht kennenlernen, hier nebenan 
wohnt Santschin mit Familie. Santschin ist unser Clown - wollen Sie 
ihn kennenlernen ?« 

Ich will nicht gerne. Aber Stasia braucht Tee. 

Die Santschins wohnen gar nicht »nebenan«, sondern am andern Ende 
des Korridors, in der Nahe der Waschkuche. Hier ist der Plafond ab- 
schiissig und hangt so tief, daft man fiirchtet, gegen ihn zu stolen. In 
Wirklichkeit aber erreicht man ihn noch lange nicht - er scheint nur so 
bedrohlich. Uberhaupt verringern sich in dieser Ecke alle Dimensio- 
nen, das kommt von dem grauen Dunst der Waschkuche, der die Au- 
gen betaubt, Distanzen verkleinert, die Mauer anschwellen lafit. Es ist 
schwer, sich an diese Luft zu gewohnen, die in standiger Wallung 
bleibt, Konturen verwischt, feucht und warm riecht, die Menschen in 
unwirkliche Knauel verwandelt. 

Auch in Santschins Zimmer ist Dunst, seine Frau schliefit eilig die 
Tiir, als wir eintreten, als lauerte drauften ein wildes Tier. Die Sant- 
schins, die ein halbes Jahr in diesem Zimmer wohnen, haben schon 
tjbung im raschen Tiirschliefien. - Ihre Lampe brennt mitten in ei- 
nem grauen Kreis, weckt Erinnerungen an Photographien von Stern- 
bildern, die von Nebeln umgeben sind. Santschin steht auf, schlupft 
mit einem Arm in einen dunklen Rock und neigt den Kopf vor, um 
die Gaste zu erkennen. Sein Kopf scheint aus Wolken herauszuwach- 
sen wie das Haupt einer uberirdischen Erscheinung auf frommen Bil- 
dern. 

Er raucht eine lange Pfeife und spricht wenig. Die Pfeife behindert ihn 
an der Unterhaltung. Sooft er einen halben Satz zusammengebracht 
hat, muE er innehalten, nach der Stricknadel seiner Frau greifen und im 
Pfeifenkopf herumstochern. Oder es muE ein neues Streichholz ange- 
ziindet werden, und es gilt, die Ziindholzschachtel zu suchen. Frau 
Santschin kocht Milch furs Kind, sie braucht die Streichholzer ebenso- 
haufig wie ihr Mann. Die Schachtel wandert unaufhorlich von Sant- 
schins Seite auf den Waschtisch, wo der Spirituskocher steht, manch- 
mal bleibt sie unterwegs liegen und verschwindet im Nebel spurlos. 
Santschin biickt sich, wirft einen Sessel um, die Milch kocht, man 
nimmt sie fort und laftt die Spiritusflamme flackern, bis man etwas 



HOTEL SAVOY 163 

anderes zu warmen »aufgestellt« hat, well die Gefahr besteht, daft die 

Streichholzer iiberhaupt nicht mehr gefunden werden. 

Ich empfahl meine eigene Streichholzschachtel abwechselnd dem 

Herrn und der Frau Santschin - aber niemand wollte sie nehmen, beide 

suchten eifrig und lieften den Spiritus vergeblich brennen. Endlich er- 

blickte Stasia die Schachtel in einer Fake der Bettdecke. 

Eine Sekunde spater sucht Frau Santschin nach den Schliisseln, um den 

Tee aus dem Koffer zu holen - aus dem Kasten konnte er »immerhin« 

gestohlen werden. »Ich hore irgendwo Klirren«, sagt Santschin auf 

russisch, und wir halten still, um ein Klirren der Schliissel zu erha- 

schen. Aber nichts regt sich. »Sie konnen ja auch nicht von selbst klir- 

ren«, schreit Santschin. »Ihr miiftt euch alle bewegen, dann melden sie 

sich schon!« 

Aber sie meldeten sich erst, als Frau Santschin einen Milchfleck auf 

ihrer Bluse entdeckte und rasch nach der Schurze griff, um eine Wie- 

derholung zu vermeiden. Es stellt sich heraus, daft die Schliissel in der 

Schiirzentasche lagen. Und im Koffer ist kein Staubchen Tee mehr. 

»Ihr sucht den Tee?« fragt Santschin plotzlich, »den hab' ich heute 

friih verbraucht!« 

»Warum sitzt du da wie ein Klotz und sagst kein Wort?« schreit seine 

Frau. 

»Erstens habe ich nicht geschwiegen«, sagt Santschin, der ein Logiker 

ist, »und zweitens fragt mich ja auch niemand. Ich bin namlich, miis- 

sen Sie wissen, Herr Dan, der Letzte hier im Hause.« 

Frau Santschin hatte eine Idee: Man konnte Tee kaufen bei Herrn 

Fisch, wenn er nicht grade schlief. Daft er etwas Tee herleihen wiirde, 

bestand keine Aussicht. »Mit Nutzen« wiirde er gern verkaufen. 

»Gehn wir zu Fisch«, sagt Stasia. 

Fisch muE man erst wecken. Er wohnt im letzten Zimmer des Hotels, 

Nummer 864, umsonst, weil die Kaufleute und Industriellen des Ones 

und die vornehmen Parterregaste des Hotels Savoy fur ihn zahlen. Es 

geht die Sage, daft er einmal verheiratet, angesehen, Fabrikant und 

reich gewesen war. Nun hat er alles unterwegs verloren, aus Nachlas- 

sigkeit - wer kann's wissen. Er lebt von geheimer Wohltatigkeit, aber 

er gibt es nicht zu, sondern nennt sich »Lotterietraumer«. Er besitzt 

die Fahigkeit, Lotterienummern zu traumen, die unbedingt eintreffen 

miissen. Er schlaft den ganzen Tag, laftt sich Nummern traumen und 

setzt. Aber noch ehe sie gezogen sind, hat er wieder getraumt. Er ver- 



164 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

kauft sein Los, ersteht fur den Erlos ein neues, das alte gewann, das 
neue nicht. Viele Menschen sind durch Fischs Traume reich geworden 
und wohnen im ersten Stock des Hotel Savoy. Aus Dankbarkeit be- 
zahlen sie fur Fisch das Zimmer. 

Fisch - sein Vorname ist Hirsch - lebt in steter Angst, weil er einmal 
irgendwo gelesen hat, dafi die Regierung das Lotteriespiel aufheben 
und »Klassenlose« einfuhren will. 

Hirsch Fisch mu6 »schone Nummern« getraumt haben, es dauert 
lange, ehe er aufsteht. Er lafk niemanden in sein Zimmer, begriifit mich 
im Korridor, hort Stasias Wunsch an, schlagt die Tur wieder zu und 
offnet sie nach einer geraumen Weile, mit einem Teepackchen in der 
Hand. 

»Wir verrechnen das, Herr Fisch«, sagt Stasia. 
»Guten Abend«, sagt Fisch und geht schlafen. 

»Wenn Sie Geld haben«, rat Stasia, »kaufen Sie bei Fisch ein Los« - 
und sie erzahlt mir von den wunderbaren Traumen des Juden. 
Ich lache, weil ich mich schame, den Wunderglauben zuzugeben, dem 
ich leicht verfalle. Aber ich bin entschlossen, ein Los zu kaufen, wenn 
Fisch mir etwas anbieten wiirde. 

Die Schicksale Santschins und Hirsch Fischs beschaftigten mich. Alle 
Menschen schienen hier von Geheimnissen umgeben. Traumte ich 
das? Den Dunst der Waschkiiche? Was wohnte hinter der, hinter jener 
Tur? Wer hatte dieses Hotel erbaut? Wer war Kaleguropulos, der 
Wirt? 

»Kennen Sie Kaleguropulos ?« 

Stasia kannte ihn nicht. Niemand kannte ihn. Niemand hatte ihn ge- 
sehn. Aber wenn man Zeit und Lust hatte, konnte man sich einmal 
aufstellen, wenn er gerade inspizieren kam, und ihn anschaun. 
»Glanz hat es einmal versucht«, sagte Stasia, »hat aber keinen Kalegu- 
ropulos gesehn. Ubrigens sagt Ignatz, dafi morgen Inspektion ist.« 
Noch ehe ich die Treppe hinabsteige, holt mich Hirsch Fisch ein. Er ist 
im Hemd und in langen weifien Unterhosen und halt steif vor den Leib 
hingestreckt ein Nachtgeschirr. Groft und hager, sieht er im dammeri- 
gen Zwielicht wie ein Auferstandener aus. Seine grauen Bartstoppeln 
drohen wie kleine, scharfe Spiefie. Seine Augen liegen tief, beschattet 
von machtigen Backenknochen. 

»Guten Morgen, Herr Dan! Glauben Sie, dafi die Kleine mir den Tee 
bezahlen wird?« 



HOTEL SAVOY 165 

»Wahrscheinlich doch!« 

»H6ren Sie, ich habe Nummern getraumt! Eine sichere Terz! Ich setz 5 
heme! Haben Sie gehort, dafi die Regierung die Lotterie abschaffen 
will?* 
»Nein!« 

»Es war' ein grofies Ungliick, sag' ich Ihnen. Von was lebt das kleine 
Volk? Von was wird man reich? Soil man warten, bis eine alte Tante 
stirbt? Ein Groftvater? Und dann steht im Testament: das Ganze furs 
Waisenhaus.« 

Fisch redet, das Nachtgeschirr vor sich haltend, er scheint es vergessen 
zu haben. Ich werfe einen Blick darauf, er bemerkt es. 
»Wissen Sie, ich erspar' mir Trinkgelder. Was brauch' ich den Zim- 
merkellner bei mir? Ich mach' mir selbst Ordnung. Die Menschen 
stehlen wie die Raben. Allen ist schon was gestohlen worden. Mir 
nicht! Ich mach 5 mir selbst Ordnung. Heute, hat der Ignatz gesagt, ist 
Revision. Ich geh' immer weg, wer nicht da ist, ist nicht da. Wenn 
Kaleguropulos etwas nicht richtig findet, kann er mich nicht herstel- 
len. Bin ich sein Rekrut?« 
»Kennen Sie den Wirt?« 

»Wozu soil ich ihn kennen? Ich bin nicht neugierig auf die Bekannt- 
schaft. Haben Sie das Neueste gehort: Bloomfield kommt!« 
»Wer ist das?« 

»Bloomfield kennen Sie nicht? Bloomfield ist ein Kind dieser Stadt, 
Milliardar in Amerika. Die ganze Stadt ruft: Bloomfield kommt! Ich 
nab' mit seinem Vater gesprochen, wie ich hier mit Ihnen rede, so wahr 
ich leb\« 

»Entschuldigen Sie, Herr Fisch, ich will noch ein bifichen schlafen!« 
»Bitte, schlafen Sie! Ich mufi Ordnung machen.« Fisch geht der Toi- 
lette entgegen. Aber unterwegs, ich war schon auf der Stiege, rannte er 
zuriick: 

»Glauben Sie, dafi sie zahlen wird?« 
»Ganz gewiE.« 

Ich offnete die Tiir meines Zimmers und glaubte noch einmal, wie 
gestern, einen huschenden Schatten zu sehn. Ich war zu miide, um 
nachzusehen. Ich schlief, bis die Sonne hoch im Mittag stand. 



l66 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

VI 

Es klang wie ein Schlachtruf durchs Haus: Kaleguropulos kommt! Er 
kam immer am Vorabend, ehe die Sonne verschwand. Geschopf der 
Dammerung war er, Herr der Fledermause. 

Weiber standen in den drei hochsten Stockwerken verteilt und scheu- 
erten die grofien Quadersteine. Man hort Gerausch pantschender 
Staubfetzen, die in gefullte Kiibel fallen, Schrubbern eines harten Be- 
sens und besanftigendes Gleiten trockener Tiicher iiber den Korridor. 
Ein Zimmerkellner reibt, gelbes Saureflaschchen in der Hand, an den 
Klinken. 

Leuchter blinken, Druckknopfe und Tiirleisten, verstarkter Dunst 
quillt aus der Waschkiiche und stiehlt sich ins sechste Stockwerk. Auf 
schwankenden Leitern ragen dunkelblaue Manner gegen den Suffit 
und tasten Drahtleitungen mit behandschuhten Handen ab. An breiten 
Gurten hangen Madchen mit wehenden Schofien wie lebendige Fah- 
nen zu den Fenstern hinaus, Scheiben putzend. Aus dem siebenten 
Stock sind alle Einwohner verschwunden, offen stehn die Tiiren, dar- 
geboten ist dem Blick alle kiimmerliche Hauslichkeit, eilig zusammen- 
geraffte Bundel, Haufen von Zeitungspapier iiber verbotenen Gegen- 
standen. 

In den vornehmen Stockwerken tragen die Zimmermadchen pracht- 
voll gesteifte Nonnenhauben, duften nach Starke und feierlicher Auf- 
regung wie Sonntag morgens. Ich wundere mich, dafi keine Kirchen- 
glocken lauten. Unten staubt jemand mit einem Taschentuch die Pal- 
men ab, es ist der Direktor selbst, sein Auge sieht einen Lederfauteuil, 
dessen Sitz Risse aufweist und Eingeweide aus Holzwolle verrat. Flugs 
legt der Portier einen Teppich daruber. 

Zwei Buchhalter stehn an hohen Kontorpulten und machen Ausziige. 
Einer blattert im Katasterkasten. Der Portier tragt eine neue Gold- 
bone um den Miitzenrand. Ein Diener tritt aus einem kl einen Gelaft in 
einer neuen griinen Schurze, bliihend wie ein Stiick Friihlingswiese. 
Im Vestibiil sitzen dicke Herren, rauchend und Schnapse trinkend, 
von hurtigen Kellnern umgaukelt, 

Ich bestelle einen Schnaps und setze mich an einen Tisch am auftersten 
Rand des Vestibiils, hart neben dem Laufer, iiber den Kaleguropulos ja 
kommen mufi. Ignatz kam vorbei, nickte, freundlicher als sonst, ruhig, 
mit einer Wiirde, die einem Liftboy gar nicht anstand. Er schien als 



HOTEL SAVOY l6j 

einziger in diesem Hause Ruhe bewahrt zu haben, seine Kleidung wies 

keine Veranderung auf, sein glattrasiertes Gesicht, blaulich schim- 

mernd am Kinn, war heute genauso pastorenhaft wie immer. 

Ich wartete eine halbe Stunde. Plotzlich sah ich Bewegung vorn in der 

Portierloge, der Direktor griff nach dem Kassabuch, schwenkte es 

hoch wie ein Signal und rannte die Treppe hinauf. Ein dicker Gast liefi 

das Schnapsglas, das er halb erhoben hatte, wieder stehn und fragte 

seinen Nebenmann: »Was ist Ios?« Der, ein Russe, sagte gleichrmitig: 

»Kaleguropulos ist im ersten Stock.« 

Wie war er gekommen? 

In meinem Zimmer, auf dem Nachtkastchen, fand ich eine Rechnung 

mit aufgedrucktem Vermerk: 

»Die geehrten Gaste werden hofl. ersucht, in bar zu zahlen. Schecks 

werden prinzipiell nicht angenommen. 

Hochachtungsvoll 
Kaleguropulos, Hotelwirt« 

Der Direktor kam nach einer Viertelstunde und bat urn Entschuldi- 

gung, es ware ein Versehen und die Rechnung fiir einen Gast be- 

stimmt, der darum gebeten hatte. Der Direktor schied, er war aufrich- 

tig erschrocken, seine Entschuldigungen nahmen kein Ende, es war, als 

hatte er einen Unschuldigen zum Tode verurteilt, so iiberwaltigte ihn 

die Reue. Er verbeugte sich noch einmal, zum letztenmal, tief, die Tur- 

klinke in der Hand, die Rechnung bergend, verschamt, in den Schofien 

seines Cuts. 

Spater belebte sich das Haus, ein Bienenstock, in den die Bewohner 

mit siifier Beute einschwarmen. Hirsch Fisch kam und die Familie 

Santschin und viele andere, die ich nicht kannte, auch Stasia kam. Sie 

hatte Angst, in ihr Zimmer zu gehn. 

»Weshalb furchten Sie sich?« 

»Es ist eine Rechnung da«, sagte Stasia, »und ich kann sie doch nicht 

bezahlen. Ignatz wird wieder mit dem Patent kommen mtissen.« 

Was das fiir ein Patent ware? 

»Spater«, sagte Stasia. Sie ist sehr aufgeregt, sie tragt eine diinne Bluse, 

und ich sehe ihre kleinen Briiste. 

Auf ihrem Nachtkastchen lag eine Rechnung. Sie war ansehnlich; 

wenn ich sie bezahlen wollte, hatte sie mehr als die Halfte meiner Bar- 

schaft verschlungen. 



l68 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Stasia erholte sich leicht. Vor dem Spiegel entdeckt sie einen Blumen- 

straufi, Nelken und Sommerblumen. 

»Die Blumen sind von Alexander B6hlaug«, sagt sie, »aber ich schicke 

niemals Blumen zunick. Was konnen sie dafur?« 

Dann schickt sie um Ignatz. 

Ignatz kam, mit forschendem Gesicht, und verbeugte sich tief vor mir. 

»Ihr Patent, Ignatz«, sagt Stasia. 

Ignatz zieht eine Kette aus der Hosentasche und greift nach einem 

Toilettenkofferchen vor dem Spiegel. 

»Das dritte«, sagt Ignatz und legt die Kette vierfach um den Koffer. Er 

hat dabei ein wolliistiges Gesicht, als fesselte er Stasia und nicht ihr 

Gepack. Er hangt an die Kettenenden ein kleines Schlofi, faltet die 

Rechnung und birgt sie in seiner abgegriffenen Brieftasche. 

Ignatz leiht jedem Geld, der Koffer hat. Er bezahlt die Rechnungen 

der Parteien, die ihm ihre Gepackstiicke verpfanden. Die Koffer blei- 

ben in den Zimmern ihrer Besitzer, sie sind von Ignatz versperrt und 

konnen nicht geoffnet werden. Das Patentschlofi hat Ignatz selbst er- 

funden. Er kommt jeden Morgen nachsehn, ob »seine« Koffer unbe- 

riihrt sind. 

Stasia begniigt sich mit zwei Kleidern. Drei Koffer hat sie verpfandet. 

Ich beschliefie, einen Koffer zu kaufen, und ich denke, dafi es gut ware, 

das Hotel Savoy schnell zu verlassen. 

Mir gefiel das Hotel nicht mehr: die Waschkiiche nicht, an der die 

Menschen erstickten, der grausam wohlwollende Liftknabe nicht, die 

drei Stockwerke Gefangener. Wie die Welt war dieses Hotel Savoy, 

machtigen Glanz strahlte es nach auften, Pracht spruhte aus sieben 

Stockwerken, aber Armut wohnte drin in Gottesnahe, was oben stand, 

lag unten, begraben in luftigen Grabern, und die Graber schichteten 

sich auf den behaglichen Zimmern der Satten, die unten saEen, in Ruhe 

und Wohligkeit, unbeschwert von den leichtgezimmerten Sargen. 

Ich gehore zu den hoch Begrabenen. Wohne ich nicht im sechsten 

Stockwerke nur? Nicht acht, nicht zehn, nicht zwanzig? Wie hoch 

kann man noch fallen? In den Himmel, in endliche Seligkeit? 

»Sie sind so weit von hier«, sagt Stasia. 

»Verzeihen Sie«, bitte ich, ihre Stimme hat mich geruhrt. 



HOTEL SAVOY 169 

VII 

Phobus Bohlaug vergafi nie, auf den blauen Anzug hinzuweisen, er 
nannte ihn »eine Pracht von einem Anzug«, »wie auf Mafi geschnit- 
ten«, und lachelte. Einmal traf ich bei meinem Onkel Glanz, Abel 
Glanz, einen kleinen, schabig gekleideten, unrasierten Menschen, der 
furchtsam zusammensank, wenn man ihn ansprach, und die Fahigkeit 
hatte, automatisch kleiner zu werden, durch irgendeinen ratselhaften 
Mechanismus seiner Natur. Sein diinner Hals mit dem ruhelos rollen- 
den Adamsapfel konnte sich zusammenziehen wie eine Harmonika 
und im weiten Stehkragen verschwinden. Nur seine Stirn war grofi, 
sein Schadel lichtete sich, seine roten Ohren standen weit ab und er- 
weckten den Eindruck, als hatten sie diese Stellung eingenommen, weil 
alle Welt sich erlauben durfte, an ihnen zu ziehen. Abel Glanz' kleine 
Augen sahen mich gehassig an. Er betrachtete mich vielleicht als Riva- 
len. 

Abel Glanz verkehrt seit Jahren in Phobus Bohlaugs Hause, er ist einer 
jener standigen Teegaste, an denen die wohlhabenden Hauser der Stadt 
zugrunde zu gehn furchten und die sie abzuschaffen niemals den Mut 
finden. 

»Trinken Sie einen Tee«, sagte Phobus Bohlaug. 
»Nein, danke!« sagt Abel Glanz. »Ich bin mit Tee gefiillt wie ein Sa- 
mowar. Das ist schon der vierte Tee, den ich ablehnen muE, Herr Boh- 
laug. Ich trinke, seitdem ich das Besteck fortgelegt habe, fortwahrend 
Tee. Notigen Sie mich nicht, Herr Bohlaug !« 
Bohlaug lafit sich nicht bekehren: 

»So einen guten Tee haben Sie in Ihrem ganzen Leben nicht getrunken, 
Glanz. « 

»Aber was denken Sie, Herr Bohlaug! Ich war einmal bei der Furstin 
Basikoff geladen, Herr Bohlaug, vergessen Sie das nicht !« sagt Abel 
Glanz, so drohend, wie es ihm moglich ist. 

»Und ich sage Ihnen, selbst die Furstin Basikoff hat so einen Tee nicht 
getrunken, fragen Sie meinen Sohn, ob man in ganz Paris so einen Tee 
bekommt!« 

»So, meinen Sie?« sagt Abel Glanz und tut, als ob er iiberlegte. 
»Dann kann man ja kosten, kosten kann niemals schaden.« Und riickt 
mit seinem Stuhl in die Nahe des Samowars. 
Abel Glanz war Souffleur in einem rumanischen kleinen Theater ge- 



170 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

wesen, aber er fiihlte sich zum Regisseur berufen und hielt es in seinem 

Kasten nicht aus, wenn er zusehn mufite, wie die Leute »Fehler« 

machten. Glanz erzahlte jedem Menschen seine Geschichte. Es war 

ihm eines Tages gelungen, probeweise Regie zu fiihren. Eine Woche 

spater wurde er eingezogen und kam in die Sanitatsgruppe, weil ein 

Feldwebel den Beruf »Souffleur« fiir etwas Medizinisches gehalten 

hatte. 

»So spielt der Zufall mit den Menschen«, schlofi Abel Glanz. 

«Glanz wohnt ja auch im Savoy«, sagte Phobus Bohlaug einmal, und 

es schien mir, als wollte der Onkel einen Vergleich anstellen zwischen 

dem Souffleur und mir. Fiir Phobus Bohlaug gehorten wir beide zu- 

sammen, wir waren irgendwo »Kiinstler«, irgendwo halbe Schnorrer, 

obwohl man gerecht zugeben mufite, dafi der Souffleur sich redliche 

Miihe gab, einen anstandigen Beruf zu ergreifen. Er wollte Kaufmann 

werden, und das wurde man am besten, indem man »Geschafte 

machte«. 

»Siehst du, Glanz macht ganz gute Geschafte«, sagt Onkel Phobus. 

»Was fiir Geschafte?« 

»Mit Valuta«, sagt Phobus Bohlaug, »gefahrlich ist es, aber sicher. Es 

ist eine Gluckssache. Wenn einer keine gliickliche Hand hat, soil er 

nicht anfangen. Aber wenn einer Gluck hat, kann er in zwei Tagen 

Millionar sein.« 

»Onkel«, sagte ich, »warum handeln Sie nicht mit Valuta?« 

»Gott behiite«, schreit Phobus, »mit der Polizei will ich nichts zu tun 

haben! Wenn man gar nichts hat, handelt man mit Valuta.« 

»Phobus Bohlaug soil mit Valuta handeln?« fragt Abel Glanz. Und 

diese Frage kommt aus tiefer Emporung. 

»Es ist nicht leicht, mit Valuta zu handeln«, sagt Abel Glanz. »Man 

setzt sein Leben aufs Spiel - es ist ein judisches Schicksal. Man lauft 

den ganzen Tag herum. Brauchen Sie rumanische Leis, bietet Ihnen 

jeder Schweizer Franken. Brauchen Sie Schweizer Franken, gibt ihnen 

jeder Leis. Es ist eine verzauberte Geschichte. Ihr Onkel sagt, ich ma- 

che gute Geschafte? Ein reicher Mann glaubt, jeder macht gute Ge- 

schafte.« 

»Wer hat Ihnen gesagt, dafi ich ein reicher Mann bin?« sagt Phobus. 

»Wer soil mir das sagen? Das braucht man mir nicht zu erzahlen. Die 

ganze Welt weifi, dafi die Unterschrift Bohlaugs Geld wert ist.« 

»Die Welt liigt!« schreit Bohlaug, und seine Stimme springt in eine 



HOTEL SAVOY 171 

hohe Tonlage. Er schrie, als hatte ihn »die Welt« eines groften Ver- 

brechens bezichtigt. 

Alexanderl trat ein, im neumodischen Anzug, ein gelbes Netz iiber 

dem glattfrisierten Kopf. Er duftete nach allerlei, nach Mundwasser 

und Brillantine und rauchte eine siifiparfiimierte Zigarette. 

»Es ist keine Schande, Geld zu haben, Vater«, sagt er. 

»Nicht wahr?« rief Glanz freudig. »Ihr Vater schamt sich.« 

Phobus Bohlaug gofi neuen Tee ein. »So sind eigene Kinder«, jam- 

merte er. 

Phobus Bohlaug ist in diesem Augenblick ein ganz alter Mann. Asch- 

grau das Angesicht, Runzelnetze auf den Augenlidern, die Schultern 

vorgeneigt, als hatte ihn jemand verwandelt. 

»Wir leben alle nicht gut«, sagt er. »Man arbeitet und schindet sich 

ein ganzes Leben, und dann wird man begraben.« 

Es ist plotzlich sehr ruhig geworden. Auch dammert der Abend 

schon. 

»Man mufi Licht machen!« sagt Bohlaug. 

Das war fur Glanz gesagt. 

»Ich gehe schon, besten Dank fur den guten Tee!« 

Phobus Bohlaug gibt ihm die Hand und sagt zu mir: 

»Komm du auch nicht so selten!« 

Glanz fiihrte mich durch unbekannte Gafkhen, an Hofen vorbei, ver- 

wahrlosten Gehoften, freien Platzen, auf denen Schutt und Mist la- 

gerte, Schweine grunzten, mit kotigen Maulern Atzung suchend. 

Griine Fliegenschwarme summten um Haufen dunkelbraunen Men- 

schenkotes. Die Stadt hatte keine Kanale, es stank aus alien Hausern, 

und Glanz prophezeite plotzlich Regen aus allerlei Geriichen. 

»So sind unsere Geschafte«, sagt Glanz. »B6hlaug ist ein reicher 

Mann mit einem kleinen Herzen. Sehen Sie, Herr Dan, die Menschen 

haben kein schlechtes Herz, nur ein viel zu kleines. Es fafit nicht viel, 

es reicht gerade fur Frau und Kind.« 

Wir kommen in eine kleine Gasse. Da stehen Juden, spazieren in der 

Strafienmitte, haben Regenschirme, lacherlich gewickelte, mit krum- 

men Kriicken. Sie stehn entweder still mit sinnenden Gesichtern oder 

gehen hin und zuriick, unaufhorlich. Hier verschwindet einer, dort 

kommt ein anderer aus einem Haustor, sieht forschend nach links 

und rechts und beginnt zu schlendern. 

Wie stumme Schatten gehen die Menschen aneinander vorbei, es ist 



172 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

eine Versammlung von Gespenstern, langst Verstorbene wandeln hier. 
Seit Tausenden Jahren wandert dieses Volk in engen Gassen. 
Wenn man naher kommt, kann man sehn, wie zwei stehenbleiben, eine 
Sekunde lang murmeln und aneinander vorbeigehen, ohne Gruft, um 
sich nach wenigen Minuten wieder zu treffen und einen halben Satz zu 
murmeln. 

Ein Polizist erscheint, mit gelben, knarrenden Stiefeln, schlenkerndem 
Sabel schreitet er gerade durch die Strafienmitte, an ausweichenden Ju- 
den vorbei, die ihn griifien, ihm etwas zurufen, lacheln. Kein Gruft, 
kein Zuruf halt ihn auf, wie ein aufgezogener Mechanismus schreitet er 
seine Strafie ab, mit abgemessenen Schritten. Seine Wanderung hat kei- 
nen einzigen erschreckt. 

»Streimer kommt«, fliistert jemand an Abel Glanz* Seite, und da ist 
auch schon Jakob Streimer. 

In dem Augenblick entziindet ein blaugekittelter Mann eine Gasla- 
terne, und es sieht aus, als ware dies zu Ehren des Gastes geschehn. 
Abel Glanz wird unruhig, alle Juden werden es. 

Jakob Streimer wartet am Strafienende, prachtvoller noch als der Poli- 
zist erwartet er die Menge, die herankommt, wie ein morgenlandischer 
Fiirst eine Abordnung bittender Untertanen. Er tragt eine goldene 
Brille, einen gepflegten, braunen Backenbart und einen Zyiinder. 
Es sprach sich bald herum, daft Jakob Streimer deutsche Reichsmark 
brauche. 

Abel Glanz trat in einen Laden, in dem eine Frau scheinbar auf Kun- 
den wartete. Die Frau verliefi ihren Posten, eine Tiir ging, ein Glock- 
chen schrillte, ein Mann trat aus dem Laden. 

Glanz kam zuruck, strahlend: »Ich habe Mark zu elf drei achtel. Wol- 
len Sie sich beteiligen? Streimer zahlt zwolf dreiviertel.« 
Ich will fragen, Glanz fahrt mit seiner Hand in meine Brusttasche, mit 
unheimlicher Sicherheit zieht er die Geldtasche, nimmt alle Scheine, 
steckt mir ein Biindel zerknullter Banknoten in die Hand und sagt: 
»Kommen Sie.« 

»Zehntausend«, sagt er und bleibt vor Jakob Streimer stehn. 
»Dieser Herr?« fragt Streimer. 
»Ja, Herr Dan.« Streimer nickte. 
»Savoy«, sagte er. 

»Gratuliere, Herr Dan«, sagt Glanz, »Streimer hat Sie eingeladen.« 
»Wieso?« 



HOTEL SAVOY 173 

»Haben sie nicht gehort? >Savoy< hat er gesagt. - Gehn wir!« - »Wenn 

Ihr Onkel Phobus Bohlaug ein weites Herz hatte, konnten Sie hin- 

gehn, Geld borgen, deutsche Mark kaufen - haben Sie in zwei Stunden 

hunderttausend verdient. Aber er gibt Ihnen nichts. So haben Sie nur 

funf verdient.« 

»Das ist auch viel.« 

»Nichts ist viel. Viel ist eine Milliarde«, sagt Glanz traumerisch. »Es 

gibt heutzutage kein Viel. Weift man, was morgen sein wird? Morgen 

ist Revolution. Ubermorgen kommen die Bolschewiken. Die alten 

Marchen sind wahr geworden. Sie bewahren heute hunderttausend im 

Schrank und gehn morgen hin, und es sind nur flinfzigtausend. Solche 

Wunder geschehn heutzutage. Wenn nicht einmal das Geld noch Geld 

ist! Was wollen Sie mehr?« 

Wir kamen ins Savoy, Glanz offnete eine kleine Tiir am Ende des Kor- 

ridors, da stand Ignatz. 

Es war eine Bar in einem dunkelrot getunchten Raum. Eine rothaarige 

Frau stand hinter dem Bartisch, und ein paar geputzte Madchen safien 

verstreut an kleinen Tischen und sogen Limonade durch dunne Stroh- 

halme. 

Glanz griifke. »Guten Tag, Frau Kupfer«, und stellte vor: 

»Herr Dan - Frau Jetti Kupfer, die Alma mater.« 

»Das ist Lateinisch«, sagt er zu Frau Kupfer. 

»Ich weiE, Sie sind ein gebildeter Mann«, sagt Frau Kupfer, »aber Sie 

miissen mehr verdienen, Herr Glanz. « 

»Jetzt racht sie sich fiir mein Latein.« Glanz schamt sich. 

Es war halbdunkel im Raum, in einer Ecke brannte rotlich eine Ampel, 

ein schwarzer Flugel stand vor einer kleinen Biihne. 

Ich trank zwei Schnapse und glitt in einen Lederfauteuil. Vor dem 

Bartisch saften Herren und aften Kaviarbrotchen. Ein Klavierspieler 

setzte sich an das Instrument. 



VIII 

Wir sitzen an kleinen Tischen, Verbindung besteht zwischen alien, es 
ist eine grofte Familie. Frau Jetti Kupfer lautet mit einem silbernen 
Glockchen, und nackte Frauen treten auf die Biihne. Es wird still und 
dunkel, man schiebt Stiihle zurecht und sieht auf die Bretter. Die Mad- 



1/4 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

chen sind jung und weif? gepudert. Sie tanzen schlecht, winden sich 
nach der Melodie, jedes, wie ihm gefallt. Unter alien - es sind zehn - 
fallt mir eine diinne Kleine auf, die muhsam iiberpuderte Sommer- 
sprossen hat und erschrockene blaue Augen. Ihre schmalen Knochel 
sind gebrechhch, ihre Bewegungen ungelenk und furchtsam, mit den 
Handen versucht sie vergeblich, ihre Briiste zu schiitzen, die klein und 
spitz sind und fortwahrend zittern wie junge, frierende Tiere. 
Dann lautet Frau Jetti wieder das silberne Glockchen, der Tanz hort 
auf, der Klavierspieler schlagt einen Donnerwirbel, das Licht brennt 
hell, und die Madchenkorper weichen gleichmaftig einen halben Schritt 
zuriick, als hatte sie erst das aufflammende Licht entkleidet. Sie wen- 
den sich, um im Gansemarsch abzutrippeln, und Frau Jetti ruft: 
»Toni!« 

Toni kam, die kleine Sommersprossige, Frau Jetti Kupfer verliefi den 
Bartisch, kam hinunter wie aus Wolken, sie verbreitet einen starken 
Parfum- und Likorgeruch und stellt vor: »Fraulein Toni, unsere Neue- 
ste!« 

»Brav!« schrie ein Herr, es war Herr Kanner, ein Anilinfabrikant, wie 
mir Glanz erklarte, »Tonka«, sagte er und knipste mit Daumen und 
Zeigefinger wohlgelaunt, streckte die Linke aus und tastete nach Ton- 
kas Hufte. 

»Wo stecken die Madchen?!« schrie Jakob Streimer, »was ist das iiber- 
haupt fur eine Bedienung? Hier sitzen die Herren Neuner und Anselm 
Schwadron, sie werden behandelt wie - ich sag' nicht wer . . .« Ignatz 
glitt durch den Raum und brachte funf der nackten Madchen, verteilte 
sie auf funf Tische. Frau Kupfer sagte: »Wir haben nicht mit so viel 
Gasten gerechnet.« 

Anselm Schwadron und Philipp Neuner, die Fabrikanten, standen ge- 
meinsam auf, winkten zwei Madchen heran und bestellten Prunelle 
gemischt. 

Ein Gast trat ein, von alien mit grofiem Geschrei begriifk, die Madchen 
schienen vergessen, sie safien auf kleinen Stuhlchen wie abgelegte Ge- 
genstande. 

Der Gast ruft: »Bloomfield ist heute in Berlin !« 
»In Berlin«, wiederholen alle. 

»Wann kommt er?« fragt der Anilinfabrikant Kanner. 
»Er kann jeden Tag eintreffen!« sagt der Neuangekommene. 
»Und grad jetzt miissen meine Arbeiter streiken«, sagt Philipp Neu- 



HOTEL SAVOY 175 

ner, der ein Deutscher ist, grofi, rotblond, stiernackig, mit einem run- 
den, starken Kindergesicht. 
»Einigen Sie sich, Neuner !« ruft Kanner. 

»20 Prozent Zulage fur die Verheirateten?« fragt Neuner, »konnen Sie 
das zahlen?« 

»Ich gebe Zulage fiir jedes neugeborene Kind«, trumpft Kanner auf, 
»und seitdem ist ein Kindersegen auf meine Arbeiter hereingebrochen. 
Ich wiinsche alien meinen Feinden eine so fruchtbare Arbeiterschaft. 
Die Kerle legen sich selbst herein, predige ich immer, aber ein Arbeiter 
verliert den Verstand fiir zwei Prozent vom Gehalt und macht mir ein 
Schock Kinder. « 

»Sie ihm auch!« sagt Streimer gelassen. 

»Ein Fabrikant ist kein Hausermakler! Merken Sie sich das!« schnarrt 
Philipp Neuner. Er hat einmal bei der Garde gedient, als Einjahriger. 
»Ein Duellant«, sagt Glanz. 

»Mehr als ein Fabrikant«, sagt Streimer, »hier ist nicht Preufien.« 
Ignatz stiirzt mit einem Telegramm herein. Er weidet sich an dem neu- 
gierigen Schweigen der Gesellschaft, zwei, drei Sekunden lang. Dann 
sagt er leise, daft man ihn kaum versteht: 

»Ein Telegramm von Herrn Bloomfield. Er kommt Donnerstag und 
bestellt Nummer 13 !« 

»i3? - Bloomfield ist aberglaubisch«, erklart Kanner. 
»Wir haben nur 12 a und i4«, sagt Ignatz. 
»Malen Sie eine 13 hin«, sagt Jakob Streimer. 

»Ei des Kolumbus! Bravo, Streimer !« ruft Neuner versohnt und 
streckt Streimer die Hand entgegen. 

»Ich bin ein Hausermakler«, sagte der und verbarg die Hand in der 
Hosentasche. 

»Keinen Streit bitte«, ruft Kanner, »wenn Bloomfield kommt!« 
Ich gehe in den siebenten Stock, mir scheint es plotzlich, daft Stasia mir 
begegnen muft. Aber Hirsch Fisch tritt mit seinem Nachtgeschirr aus 
dem Zimmer. 

»Bloomfield kommt! Glauben Sie? -« 
Ich hore ihn nicht mehr. 



176 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

IX 

Santschin ist plotzlich erkrankt. 

»Plotzlich«, sagen alle Leute und wissen nicht, dafi Santschin zehn Jahre 

lang unaufhorlich gestorben ist. Tag fiir Tag. Im Simbirsker Lager war 

vor einem Jahr auch einer so plotzlich gestorben. Ein kleiner Jude. Er 

fiel eines Nachmittags, wahrend er sein Efigeschirr putzte, hin und war 

tot. Er lag auf dem Bauch, streckte alle viere von sich und war tot. 

Damals sagte jemand: »Ephraim Krojanker ist plotzlich gestorben. « 

»Nummer 748 ist plotzlich erkrankt«, sagen die Zimmerkellner. Es gab 

in den drei hoheren Stockwerken des Hotel Savoy iiberhaupt keine 

Namen. Alle hiefien nach den Zimmernummern. 

Nummer 748 ist Santschin, Wladimir Santschin. Er liegt halb angeklei- 

det auf dem Bett und raucht und will keinen Arzt. 

»Es ist eine Familienkrankheit«, sagt er. »Es sind die Lungen. Bei mir 

waren sie vielleicht gesund geblieben, denn als ich geboren wurde, war 

ich ein starker Kerl und schrie, dafi sich die Hebamme Watte in die 

Ohren stopfen mufite. Aber aus Bosheit und vielleicht, weil kein Platz 

war in dem kleinen Zimmer, legte sie mich aufs Fensterbrett. Und seit- 

dem huste ich.« 

Santschin liegt, nur mit einer Hose bekleidet, auf dem Bett, barfufi. Ich 

sehe, dafi seine Fiifie schmutzig sind und seine Zehen von Hiihneraugen 

und allerlei unnatiirlichen Verkrummungen verunstaltet. Seine Fiifie 

erinnern an seltsame Waldwurzeln. Seine grofien Zehen sind gekriimmt 

und bucklig. 

Er will keinen Arzt, weil sein Grofivater und sein Vater auch ohne Arzt 

gestorben sind. 

Hirsch Fisch kommt und bietet einen heilkraftigen Tee an und hofft, 

den Tee »preiswert« zu verkaufen. 

Als er sieht, dafi niemand den Tee will, bittet er mich hinaus : »Vielleicht 

wollen Sie ein Los kaufen?« 

»Geben Sie her«, sage ich. 

»Die Ziehung ist nachsten Freitag, es sind sichere Nummern.« Es waren 

die Zahlen 5, 8 und 3. 

Stasia lauft atemlos herbei, sie hat Ignatz mit dem Lift nicht erwarten 

konnen. Ihr Gesicht ist gerotet, Haarstrahnen umflattern es. 

»Sie miissen mir Geld geben, Herr Fisch«, sagt sie, »Santschin mufi 

einen Arzt haben.« 



HOTEL SAVOY IJJ 

»Dann kaufen Sie auch den Tee«, sagt Fisch und sieht mich verstohlen 
an. 

»Ich werde den Arzt bezahlen«, sage ich und kaufe den Tee. 
»Bleiben Sie ruhig, Herr Santschin«, sage ich auf russisch. » Stasia ist 
um den Arzt gegangen.« 

»Warum sagt man mir das nicht?« fahrt Santschin auf. Ich driicke ihn 
miihsam aufs Bett. »Man mu6 die Fenster aufmachen, Weib, horst du? 
Man muE den Kiibel ausschutten, und die Asche mufi verschwinden. 
Der Doktor wird mir natiirlich das Rauchen vorwerfen. Darin sind 
sich alle Doktoren gleich. Und aufterdem bin ich nicht rasiert. Reichen 
Sie mir mein Messer. Es liegt auf der Kommode.« 
Aber das Rasiermesser liegt nicht auf der Kommode. Frau Santschin 
findet es im Nahzeug, weil sic es statt einer Schere benutzt hat, um 
Hosenknopfe abzutrennen. 

Ich mufi Santschin ein Glas Wasser geben; er befeuchtet sein Gesicht, 
zieht einen Taschenspiegel aus der Hose, halt ihn vor sich in der Lin- 
ken, verzieht den Mund, streckt die Zunge hinter die rechte Backe, dafi 
sich die Haut strafft, und rasiert sich ohne Seife. Er kratzt sich nur 
einmal - »weil Sie mir zusehn«, sagt er, und ich sehe beschamt in ir- 
gendeine Ecke. Dann legt er ein Zigarettenpapier auf die verwundete 
Stelle. 

»Jetzt kann der Doktor kommen.« 

Den Doktor kannte ich. Er safi taglich im Funf-Uhr-Saal des Hotels. 
Er ist Militararzt gewesen. Man sieht ihm eine lange Dienstzeit an, er 
hat den festen, klirrenden Gang pensionierter Offiziere, eine gewolbte 
Brust. 

Kleine Sporen tragt er noch, trotz Zivilkleidung und langen Hosen, an 
den Absatzen. Von seiner gereckten Gestalt, seinen metallenen Augen, 
seiner starken Stimme geht ein Glanz aus wie von Kaisermanovern. 
»Nur der Siiden kann Sie retten«, sagt der Doktor. »Aber wenn Sie 
nicht nach dem Siiden gehn, mull der Siiden zu Ihnen kommen, warten 
sie.« - 

Der Doktor geht mit klirrendem Schritt auf die Tiir zu und klingelt. Er 
klingelt ausdauernd, spricht, wahrend er mit dem Daumen den Klin- 
gelknopf driickt; es dauert einige Minuten, bis der Diener klopft. 
Der Zimmerkellner steht in militarischer Haltung vor dem Doktor, 
der mit seiner schonsten Kommandostimme ruft: »Bringen Sie mir die 
Weinkarte!« 



1/8 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Es ist eine Weile sehr still im Zimmer; Santschins Augen irren, Ratsel 

ratend, vom Arzt zu Stasia und zu mir. Dann kommt der Zimmerkell- 

ner mit der Weinkarte. »Eine Flasche Malaga und fiinf Glaser, auf 

meine Rechnung!« kommandiert der Doktor. 

»Die einzige Medizin«, sagt er dann mit Bedeutung zu Santschin. »Je- 

den Tag drei Glaschen Wein, verstehen Sie mich?« 

Der Doktor schiittet alle fiinf Glaser halb voll und reicht sie uns der 

Reihe nach. Dabei sehe ich, daft der Doktor alt ist. Seine knochigen 

Hande haben viele blaue Aderchen und zittern. 

»Auf Ihre Gesundheit!« sagt der Doktor zu Santschin, und wir stoften 

alle an. Es ist wie ein frohlicher Leichenschmaus. 

Ich reiche dem alten Doktor Hut und Stock, und Stasia und ich beglei- 

ten ihn auf den Korridor. 

»Mehr als zwei Flaschen iiberlebt er nicht«, sagte der Doktor zu uns. 

»Na, man braucht es ihm ja nicht zu sagen! Ein Testament braucht er 

nicht aufzusetzen.« 

Der Doktor stieft seinen schweren Stock auf die Steinfliesen und ging 

mit klirrender Sporenmusik davon. Er wollte kein Geld nehmen. 

An diesem Abend begleitete ich Stasia ins Variete. 

Es war immer noch dasselbe Programm. Nur hatte es ein Loch, oder 

schien es mir so, weil ich wuftte, daft Santschin fehlte? Sein Esel trot- 

tete auf die Biihne mit roten Laschchen auf den langen Ohren, die er 

senkte und hob wie Federstiele. Er suchte etwas auf dem Boden, ihm 

fehlte Santschin, der heitere Santschin, der auf den Brettern kugelnde 

Korper Santschins, seine heisere, krachzende Stimme, seine glucksen- 

den Juchzer, sein lautes Clown geplarre. Der Esel fiihlte sich unbehag- 

lich, er hob die Vorderbeine, tanzte, auf den Hinterbeinen stehend, 

einen Marsch aus Blech und Messing und trottete ab. 

Alexanderl Bohlaug traf ich; er saft in der ersten Reihe und aft ein 

Kaviarbrotchen, hielt es mit Daumen und Mittelfinger und spreizte die 

Bubenhand. Als die Tanznummer kam und Stasia auftrat, verzog er 

einen Mundwinkel, als schmerze ihn etwas. Aber es geschah nur, weil 

er ein Monokel einklemmte. 

Dann ging ich mit Stasia nach Hause. Wir wahlten stille Gaftchen, wir 

sahen durch beleuchtete Fenster in Stuben, lauter arme Stuben, in de- 

nen kleine Judenkinder Rettich und Brot afien und ihre Gesichter in 

grofte Kiirbisse gruben. 

»Haben Sie bemerkt, wie traurig August war?« 



HOTEL SAVOY 179 

»Wer ist August?« 

»Santschins Esel, er arbeitet schon sechs Jahre mit Santschin.« 
»Nun wird das Hotel Savoy um einen armer«, sage ich - nur, weil ich 
mich vor dem Schweigen fiirchte. 

Stasia sprach nicht - sie erwartete, dafi ich etwas anderes sagen wiirde, 
und gerade, als wir auf den Marktplatz kommen sollen - wir stehen in 
der letzten kleinen Gasse -, zogert Stasia ein wenig und ware gerne 
noch geblieben. 

Wir sprachen kein Wort mehr, bis wir mit Ignatz im Fahrstuhl sitzen. 
Da schamen wir uns vor seinem Kontrollblick und reden Gleichgiilti- 
ges. 

In dieser Nacht trug Stasia das Bettzeug der Frau Santschin und das 
Kind in ihr Zimmer und bat mich, bei Santschin zu bleiben. 
Santschin freute sich. Er dankte Stasia, nahm ihre Hand und meine und 
prefite unsere Hande. 
Es war eine furchtbare Nacht. 

Ich entsann mich der Nachte in freien, offenen Schneefeldern, der 
Wachtpostennachte, der weiften podolischen Schneenachte, in denen 
ich fror, und jener von Raketen durchblitzten, da der dunkle Himmel 
von roten, gliihenden Wunden zerfurcht war. Aber keine einzige 
Nacht meines Lebens, auch jene nicht, in der ich selbst zwischen Le- 
ben und Tod geschwebt, war so furchtbar. 

Santschins Fieber steigt plotzlich und eilig. Stasia bringt in Essig ge- 
tauchte Tiicher, wir legen sie um Santschins Kopf - es hilft nicht. 
Santschin phantasiert. Er gibt eine Gratisvorstellung. Er ruft nach Au- 
gust, seinem Esel. Mit zartlicher Gebarde ruft er nach seinem Esel. Er 
halt die Hand vor sich, als bote er dem Tier ein Stuck Zucker an, wie er 
es vor jeder Vorstellung tut- Er springt auf und schreit. Er klatscht in 
die Hande wie im Variete, um Beifall herauszufordern. Er streckt den 
Kopf vor, wackelt mit den Ohren, steift sie wie ein Hund und lauscht 
auf den Applaus. 

»Klatschen Sie«, sagt Stasia, und wir klatschen. Santschin verneigt sich. 
Am Morgen lag Santschin in kaltem Schweifi. Die grofien Tropfen 
wuchsen wie glaserne Beulen aus seiner Stirn. Es roch nach Essig, 
Urin, fauler Luft. 

Frau Santschin plarrte leise. Sie dnickte den Kopf gegen den Tiirpfo- 
sten. Wir liefien sie weinen. 
Als ich mit Stasia hinausging, sagte uns Ignatz guten Morgen. Er stand 



l8o ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

im Korridor, so selbstverstandlich, als ware hier sein standiger Posten 

und nirgends sonst in der Welt. 

»Santschin wird wohl sterben?« fragt Ignatz. 

In diesem Augenblick ist es mir, als hatte der Tod die Gestalt des alten 

Liftknaben angenommen und stiinde nun hier und warte auf eine Seele. 



X 



Santschin wurde um drei Uhr nachmittags begraben, auf einem entlege- 

nen Teil des orientalischen Friedhofs. 

Wer im Winter etwa sein Grab wird besuchen wollen, wird sich mit 

Spaten und Schaufel muhsam einen Weg bahnen miissen. Alle Armen, 

die auf Gemeindekosten sterben, werden so weit draufien bestattet, und 

erst wenn drei Generationen gestorben sind, zeigt jener entlegene Teil 

des Gottesackers menschliche Wege. 

Aber dann wird das Grab Santschins nicht mehr zu finden sein. 

Nicht einmal Abel Glanz, der arme Souffleur, wird so weit draufien 

liegen. 

Das Grab Santschins ist kalt und lehmig- ich sah hinein, als er begraben 

wurde -, und sein Gebein ist schutzlos dem Getier der Erde preisgege- 

ben. 

Santschin lag drei Tage aufbewahrt im Variete, weil das Hotel Savoy ja 

kein Hotel fur Tote ist, sondern fur Springlebendige. Er lag hinter der 

Buhne in einer Garderobezelle, und seine Frau safi bei ihm, und ein 

armer Kiister betete. Der Direktor des Varietes hatte die Kerzen beige- 

steuert. 

Die Tanzerinnen mufiten an dem toten Santschin vorbei, wenn sie auf 

die Buhne gingen, die Blechmusik machte ihren Larm wie gewohnlich, 

auch der Esel August kam, aber Santschin riihrte sich nicht. 

Von den Gasten wufke niemand, daft hinter dieser Buhne ein Toter lag. 

Die Polizei hatte es erst verbieten wollen, aber ein Polizeioffizier, der 

immer Freiplatze bekam - seine Verwandtschaft fiillte ein Viertel des 

Saales -, brachte die Bewilligung. 

Vom Variete aus ging der Leichenzug, der Direktor bis an den Rand der 

Stadt, wo die Schlachthofe stehen - in dieser Stadt wurden die Toten den 

gleichen Weg gefiihrt wie das Vieh. Die Kollegen, Stasia und ich und die 

Frau Santschins folgten bis zum Grab. 



HOTEL SAVOY l8l 

Als wir das Tor des Friedhofs erreicht hatten, stand Xaver Zlotogor 
da, der Magnetiseur, und zankte mit dem Friedhofsverwalter. Zloto- 
gor hatte den Esel Santschins unbemerkt an das offene Grab gefuhrt 
und dort warten lassen. 

»So kann er nicht begraben werden!« schrie der Verwalter. 
»So wird er begraben werden!« sagte Zlotogor. 

Es gab einen kleinen Aufenthalt, der Pope sollte entscheiden, und da 
ihm Xaver Zlotogor etwas zuflusterte, entschied er, dafi das Tier blei- 
ben konne. 

Der Esel stand mit schwarzen Trauerlaschchen auf den gesenkten Oh- 
ren und riihrte sich nicht. Hart am Grabesrand stand er und riihrte sich 
nicht, und jeder ging um ihn herum und wagte nicht, das Tier wegzu- 
schieben. 

Mit Xaver Zlotogor und dem Esel ging ich zuriick, auf den breiten, 
kiesbestreuten Wegen des Friedhofs, an vornehmen Grabmalern vor- 
bei. Hier liegen die Toten aller Bekenntnisse nicht weit voneinander, 
nur der judische Friedhof ist durch zwei Zaune getrennt. Bettelnde 
Juden stehen am Zaun und in den Alleen den ganzen Tag wie mensch- 
liche Zypressen. Sie leben von der Gnade reicher Erben und schiitten 
iiber jeden Geber ihre Segensspriiche. 

Ich mufke Xaver Zlotogor meine Anerkennung ausdriicken, er hatte 
tapfer fiir den Esel gekampft. Ich kannte den Magnetiseur noch gar 
nicht, er trat nicht jeden Tag, sondern nur am Sonntag auf oder bei 
besonderen Anlassen, und sehr oft reiste er »selbstandig« durch kleine 
und grofiere Stadte und gab Vorstellungen. 

Er wohnt im Hotel Savoy im dritten Stock. Er kann es sich leisten. 
Xaver Zlotogor ist ein weitgereister Mann, den Westen Europas kennt 
er und Indien. Dort hat er seine Kunst von Fakiren gelernt, wie er 
erzahlt. Er mag wohl an die vierzig alt sein, aber man merkt ihm kein 
Alter an, so gut beherrscht er Gesicht und Bewegungen. 
Manchmal glaube ich, er ware miide, wahrend wir so gehen, ich 
glaube, seine Knie seien leise geknickt, und weil der Weg weit ist und 
ich nicht mehr frisch bin, will ich vorschlagen, daft wir uns ein bifkhen 
auf einen Stein setzen. Aber siehe: Xaver Zlotogor springt mit hochge- 
zogenen Knien iiber den Stein und ein gut Stuck dariiber in die Luft 
wie ein vierzehnjahriger Knabe. Er hat in diesem Augenblick ein Kna- 
bengesicht, ein olivengriines, jiidisches Knabengesicht mit schelmi- 
schen Augen. Eine Minute spater tragt er einen muden Mund mit han- 



182 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gender Unterlippe, und es ist, als lastete sein Kinn schwer, er mufi es 

auf der Brust stiitzen. 

Xaver Zlotogor wandelt sich so schnell in kurzen Zeitraumen, dafi er 

mir unsympathisch wird, ja, ich mufi denken, dafi seine ganze edle 

Geschichte mit dem Esel eine gemeine Komodie war, und es scheint 

mir, dafi dieser Xaver Zlotogor nicht immer so geheifien, dafi er viel- 

leicht - der Name taucht plotzlich in mir auf - Salomon Goldenberg 

geheifien hat in seiner kleinen galizischen Heimat. Merkwurdig, dafi 

sein Einfall, den Esel auf den Friedhof zu fiihren, mich hatte vergessen 

lassen, dafi er Magnetiseur ist, ein schnoder Zauberer, ein Mann, der 

das indische Fakirtum flir Geld verriet und von den Geheimnissen 

einer fremden Welt nur so viel wufite, als die Zauberkunststiickchen 

erforderten. Und Gott liefi ihn leben und strafte ihn nicht. 

»Herr Zlotogor«, sage ich, »ich mufi Sie leider allein lassen, ich habe 

eine wichtige Unterredung.« 

»Mit Herrn Phobus B6hlaug?« fragt Zlotogor. 

Ich war verbliifft und wollte fragen: Woher wissen Sie - aber ich un- 

terdriickte diese Frage und sagte »nein« und gleich darauf »Guten 

Abend«, obwohl es noch gar nicht dammerte und die Sonne Lust 

hatte, noch eine geraume Weile am Himmel zu bleiben. 

Ich schritt rasch in die entgegengesetzte Richtung, ich sah wohl, dafi 

ich mich nicht der Stadt naherte, horte, dafi mir Zlotogor etwas nach- 

rief, aber wandte mich nicht um. 

Bundel gemahten Heus dufteten stark, Grunzen kam aus einem 

Schweinekoben, Baracken standen verstreut hinter den Hiitten, und 

ihre Dacher aus Weifiblech gluhten wie schmelzendes Blei. Ich wollte 

bis zum Abend allein sein. Ich dachte an viele Dinge, alles, Wichtiges 

und Nebensachen, ging mir durch den Kopf, die Gedanken kamen wie 

fremde Vogel und flogen wieder davon. 

Spat am Abend kehrte ich heim, die Felder und Wege lagen im Dunkel, 

und die Grillen zirpten. Gelbe Lichter brannten in den Dorfhausern, 

und Glocken schlugen. 

Das Hotel Savoy schien mir leer. Santschin war nicht mehr da. Zwei- 

mal nur war ich in seinem Zimmer gewesen. Aber mir war, als hatte ich 

einen lieben guten Freund verloren. Was wufite ich von Santschin? Er 

war ein Clown im Theater und zu Hause traurig, warm und grob, er 

erstickte im Waschedunst, jahrelang hatte er den Duft schmutziger 

fremder Wasche geatmet - wenn nicht in diesem Hotel Savoy, so doch 



HOTEL SAVOY 183 

in andern. In alien Stadten der Welt gibt es kleinere oder grofiere Sa- 
voys, und uberall in den hochsten Stockwerken wohnen die Santschins 
und ersticken am Dunst fremder Wasche. 

Das Hotel Savoy war noch voll besetzt - von alien 864 Zimmern stand 
nicht ein einziges leer, nur ein Mensch fehlte, der einzige Wladimir 
Santschin. 

Ich safi unten im Fiinf-Uhr-Saal. Der Doktor lachelte mir zu, als 
wo lite er sagen: Siehst du, wie recht ich hatte, als ich Santschin den 
Tod prophezeite? Er lachelte, als ware er die medizinische Wissen- 
schaft und feierte nun seinen Triumph. Ich trank einen Wodka und sah 
Ignatz an - war er der Tod, oder war er nur ein alter Liftknabe? Was 
glotzte er mit seinen gelben Bieraugen? 

Nun fiihlte ich, wie Hafi in mir aufstieg gegen das Hotel Savoy, in dem 
die einen lebten und die andern starben, in dem Ignatz Koffer pfandete 
und die Madchen sich nackt ausziehen mufken vor Fabrikanten und 
Hausermaklern. Ignatz war wie ein lebendiges Gesetz dieses Hauses, 
Tod und Liftknabe. Ich werde mich nicht durch Stasia verlocken lassen 
hierzubleiben, denke ich. 

Fur drei Tage reicht meine Barschaft, weil ich durch Glanz ? Hilfe Geld 
gewonnen habe. Dann wird man mich, wenn ich verhungere, genauso 
begraben wie den armen Santschin, weit drauften auf dem Jenseits des 
Friedhofs, in einer lehmigen Regenwiirmergrube. Jetzt kriechen die 
Wurmer und Schlangen schon liber Santschins Sarg, drei Tage noch, 
acht oder zehn, und das Holz wird verfaulen und der schwarze, alte 
Anzug, den ihm jemand geschenkt hat und der schon langst faden- 
scheinig war. 

Hier steht Ignatz mit seinen gelben Bieraugen und fahrt hinauf und 
hinunter mit dem Fahrstuhl und hat auch Santschin zum letztenmal 
hinuntergef ahren . 

In dieser Nacht betrat ich mein Zimmer nur noch mit grower Uber- 
windung. Ich hafite das Nachtkastchen, den Lampenschirm, den 
Druckknopf, ich schmift einen Sessel um, dafi es laut polterte, ich hatte 
gern den Zettel des Kaleguropulos, der hohnisch an der Tiir hing, ab- 
gerissen, und ich ging furchtsam ins Bett und liefi die ganze Nacht die 
Lampen brennen. 

Santschin erschien mir im Traum: Ich sehe, wie er in seiner lehmigen 
Grube aufsteht und sich rasiert - ich reiche ihm einen Wasserkiibel, er 
nimmt Lehm dazu und streicht sein Gesicht mit Lehm an, als ware es 



184 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Rasters eife. »Das kann ich«, sagt er und: »Sehen Sie mir nicht zu!«, 

und ich starre beschamt auf seinen Sarg, der in der Ecke stent. 

Dann klatscht Santschin in die Hande, und es erhebt sich ein lautes 

Beifallsklatschen, das ganze Hotel Savoy klatscht, Kanner und Neuner 

und Siegmund Fink und Frau Jetti Kupfer. 

Vorne steht mein Onkel Phobus Bohlaug und flustert mir zu: »Weit 

hast du's gebracht! Du bist nicht mehr wert als dein Vater! Du Tauge- 

nichts!« 



XI 

Ich wollte gerade das Hotel verlassen, da stiefi ich mit Alexanderl Boh- 
laug zusammen, der einen hellen Filzhut trug. Solch einen schonen 
Filzhut habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen, es ist ein 
Gedicht, ein Hut von einer zartgetonten hellen, unbestimmbaren 
Farbe, in der Mitte sorgfaltig zusammengekniffen. Wenn ich diesen 
Hut triige, ich hiitete mich wohl zu griifien, und ich verzeihe es auch, 
dafi Alexanderl nicht griifit, sondern nur mit dem Zeigefinger an den 
Hut tippt, salutierend wie ein Offizier, wenn er den Grufi eines Mili- 
tarkochs erwidert. 

Dabei bewundere ich Alexanderls kanariengelbe Handschuhe ebenso 
wie den Hut - wenn man diesen Menschen sieht, kann man nicht zwei- 
feln, dafi er schnurstracks aus Paris kommt, dorther, wo es am stark - 
sten Paris ist. 

»Guten Morgen!« sagt Alexanderl, schlafrig und lachelnd. »Was macht 
Stasia, Fraulein Stasia ?« 
»Ich weifi nicht!« 

»Sie wissen es nicht? Sind Sie aber lustig! Gestern sind Sie mit der 
Dame hinter dem Sarg einhergegangen, als waren Sie ihr Cousin. « 
»Die Geschichte mit dem Esel ist kostlich«, sagt Alexanderl, zieht 
einen Handschuh aus und wedelt mit ihm. 
Ich schweige. 

»H6ren Sie, Vetter«, sagt Alexanderl, »ich mochte ein Absteigquartier 
mieten - im Hotel Savoy. Zu Hause fuhle ich mich nicht frei. Manch- 
mal -« 

Oh, ich verstehe - Alexanderl legte seine Hand auf meine Schulter und 
schob mich ins Hotel. Das war mir unangenehm, ich bin aberglaubisch 



HOTEL SAVOY 185 

und kehre nicht gerne wieder ins Hotel zuriick, das ich kaum verlassen 

habe. 

Ich habe keinen Grund, Alexanderl nicht zu folgen, und ich bin neu- 

gierig, welche Nummer mein Vetter bekommen wird. Ich uberiege, die 

Zimmer links und rechts von Stasia sind bewohnt. 

Es bleibt nur ein Zimmer iibrig, in dem Santschin gewohnt hat - seine 

Frau packt schon und soil zu Verwandten aufs Land. 

Einen Augenblick freue ich mich, daft Alexanderl aus Paris in Sant- 

schins Waschedunst wohnen wird - und sei es auch nur ein paar Stun- 

den oder zwei Nachte in der Woche. 

»Ich will Ihnen einen Vorschlag machen«, sagt Alexanderl, »ich miete 

Ihnen ein Zimmer privat oder zahle Ihnen das Logisgeld fur zwei Mo- 

nate - oder wenn Sie unsere Stadt verlassen wollen, das Reisegeld nach 

Wien, Berlin, Paris sogar -, und Sie treten mir das Zimmer ab. 1st das 

ein kulantes Geschaft?« 

Dieser Ausweg lag sehr nahe, dennoch iiberraschte mich meines Vet- 

ters Angebot. Nun hatte ich alles, was ich mir wiinschte. Weiterreise 

und Zehrgeld, und ich brauchte nicht mehr auf Phobus Bohlaugs 

Wohltat zu rechnen und war ein freier Mensch. 

Sehr schnell loste sich jede Verwicklung. Meine Wiinsche gingen 

prachtvoll in Erfullung. Gestern noch hatte ich eine halbe Seele fur ein 

Reisegeld verkauft, und heute bot mir Alexander Freiheit und Geld. 

Dennoch schien es mir, daft Alexander Bohlaug zu spat gekommen 

war. Ich hatte jubeln sollen, ja sagen, und ich tat nichts dergleichen, 

sondern machte ein nachdenkliches Gesicht. 

Alexander bestellte einen Schnaps um den andern. Aber je mehr ich 

trank, desto wehmutiger wurde ich, und der Gedanke an Weiterreise 

und Freiheit schwand ins Nichts. 

»Sie wollen nicht, lieber Vetter?« sagte Alexander - und um zu bewei- 

sen, daft es ihm gleichgultig war, begann er, von der Revolution in 

Berlin zu erzahlen, die er zufallig erlebt hatte. 

»Wissen Sie, diese Banditen ziehn zwei Tage herum, man ist nicht si- 

cher, daft man mit dem Leben herauskommt. Ich sitze den ganzen Tag 

im Hotel, unten bereiten sie fur alle Falle die gemauerten Keller vor, 

ein paar fremde Diplomaten wohnen auch dort. Ich denke mir, nun 

ade schones Leben - dem Krieg bin ich entgangen, nun soil mich die 

Revolution treffen. Ein Gliick, daft ich damals die Vally hatte, wir wa- 

ren ein paar befreundete junge Leute und nannten sie Vally, die Tro- 



l86 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sterin, denn sie war unsere Trosterin in der Not, wie es in der Bibel 

heifit.« 

»Das steht nicht in der Bibel. « 

»Nun einerlei - diese Knochel hatten Sie sehen sollen, mein lieber Vet- 

ter - und das aufgeloste Haar, es reichte bis zum Popo - es waren sehr 

aufgeregte Zeiten. Und wozu? Sagen Sie mir, wozu hat man diese auf- 

geregten Zeiten notig?« 

Alexander safi mit gespreizten Beinen; um die Biigelfalte nicht zu be- 

schadigen, streckte er sie weit von sich und trommelte mit den Absat- 

zen auf dem Boden. 

»Ich werde mich also um ein anderes Zimmer umsehn miissen«, sagt 

Alexander, »wenn Sie nicht wollen.« Oder: »Ich will nicht drangen. 

Uberlegen Sie sich das, lieber Gabriel, bis morgen - vielleicht? . . .« 

Gewifi - ich will es mir uberlegen. Jetzt habe ich Schnaps getrunken, 

und das plotzliche Angebot hat mich noch mehr betaubt. Ich will es 

mir uberlegen. 



XII 



Wir schieden um n Uhr vormittags, und ich hatte Zeit genug - einen 

ganzen Sommernachmittag, einen Abend, eine Nacht. 

Dennoch hatte ich gerne noch langer Zeit gehabt, eine Woche, zwei 

Wochen oder einen Monat. Ja, ich hatte gerne so eine Stadt wie diese 

zu einem langeren Ferienaufenthalt gewahlt - es war eine recht amii- 

sante Stadt, mit allerlei wunderbaren Menschen - man traf derlei nicht 

in aller Welt. 

Da war dieses Hotel Savoy - ein prachtvolles Hotel, mit einem livrier- 

ten Portier, mit goldenen Schildern, es versprach Lift, reinliche Stu- 

benmadchen in weifi gestarkten Nonnenhauben. Da war Ignatz, der 

alte Liftknabe, mit hohnischen, biergelben Augen, aber was tat er mir, 

wenn ich zahlte und keine Koffer verpfandete? Da war Kaleguropulos, 

gewift der Ubelsten einer - den kannte ich noch nicht, den kannte 

niemand. 

Dieses einzigen Kaleguropulos wegen hatte es sich gelohnt hierzublei- 

ben - Geheimnisse haben mich immer gelockt, und es ergab sich bei 

langerem Aufenthalt gewifi Gelegenheit, Kaleguropulos, dem Unsicht- 

baren, auf die Spur zu kommen. 



HOTEL SAVOY 187 

Gewifi, es war besser zu bleiben. 

Da lebte Abel Glanz, ein sonderbarer Souffleur, da konnte man bei 

Kanner Geld verdienen, im Judenviertel lag Geld im StrafSenkot - es 

ware nicht libel, als reicher Mann in den Westen Europas einzuziehen. 

Mit einem Hemd konnte man im Hotel Savoy anlangen und es verlas- 

sen als der Gebieter von zwanzig Koffern. 

Und immer noch der Gabriel Dan sein. 

Aber will ich nicht nach dem Westen? Habe ich nicht lange Jahre in 

der Gefangenschaft gelebt? Noch sehe ich die gelben Baracken wie 

schmutzigen Aussatz eine weifie Flache bedecken, schmecke ich den 

siifien letzten Zug aus irgendwo aufgeklaubtem Zigarettenstummel, 

Jahre der Wanderung, Bitterkeit der Landstrafie - grausam gefrorene 

Ackerschollen, die meine Fufisohlen schmerzen. 

Was geht mich Stasia an? Es gibt viele Madchen in der Welt, braunhaa- 

rige mit grofien, grauen, klugen Augen und schwarzen Wimpern, klei- 

nen Fufisohlen in grauen Strumpfen, man kann Einsamkeiten zusam- 

menlegen, Schmerzen gemeinsam auskosten. Mag Stasia im Variete 

bleiben, dem Pariser Alexander anheimfallen. 

Fahr zu, Gabriel! 

Es ftigt sich, daft ich zum Abschied noch einmal durch die Strafte strei- 

che, die groteske Architektur der windschiefen Giebel, der fragmenta- 

rischen Kamine besehe, zerbrochene und mit Zeitungspapier verklebte 

Fensterscheiben, arme Gehofte, das Schlachthaus am Rande der Stadt, 

die Fabrikschlote am Horizont, Arbeiterbaracken, braune, mit weiften 

Dachern, Geranientopfe in Fenstern. 

Das Land ringsum ist eine traurige Schonheit, eine verbluhende Frau, 

der Herbst meldet sich allerorten, obwohl die Kastanien noch tiefgriin 

sind. Man mufi zum Herbst woanders sein, in Wien, die Ringstrafte 

sehn, von goldenem Laub iibersat, Hauser wie Palaste, Strafien, gerade 

ausgerichtet und geputzt zum Empfang vornehmer Gaste. 

Der Wind kommt aus der Gegend der Fabriken, es riecht nach Stein- 

kohle, grauer Dunst lagert iiber den Hausern - das Ganze ist wie ein 

Bahnhof, man mufi weiterfahren. Der Pfiff eines Zuges kommt gellend 

heriiber, Menschen fahren in die Welt. 

Bloomfield fallt mir ein - wo steckt er eigentlich? Langst miiftte er 

kommen, die Fabrikanten sind aufgeregt, im Savoy ist alles vorbereitet, 

wo bleibt Bloomfield? 

Hirsch Fisch erwartet ihn sehnsiichtig. Vielleicht hat Fisch jetzt Gele- 



l88 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

genheit, aus dem ewigen Elend herauszukommen, er hat doch mit 

Bloomfields Vater gesprochen, der Blumenfeld hiefi, Jechiel Blumenfeld. 

Ich entsinne mich des Loses, das ich vom Hirsch Fisch bekam, die Zahlen 

5, 8 und 3 sind sicher, ein Terno scheint mir gewifi. Wie, wenn das Los 

gewanne ? Dann konnte ich in dieser interessanten Stadt bieiben, noch ein 

bifkhen ausruhen. Ich habe keine Eile. Keine Mutter, kein Weib, kein 

Kind. Niemand erwartet mich. Niemand sehnt sich nach mir. 

Aber ich sehne mich wohl, nach Stasia zum Beispiel. Ich lebte gerne mit 

ihr ein Jahr oder zwei oder fiinf, ich reiste gerne mit ihr nach Paris, wenn 

ich einen Terno bekame, knapp, ehe die Regierung die Lotterie abschafft 

- ich brauchte Alexander nicht mein Zimmer zu verkaufen und nicht bei 

meinem Onkel Phobus zu betteln. 

Die Ziehung ist nachsten Freitag, es mufi eine Woche dauern - so lange 

kann ich Alexander nicht warten lassen. Bis morgen mufi es entschieden 

sein. 

Ich mufi von Stasia Abschied nehmen. 

Sie war angekleidet, als ich kam, und wollte in die Vorstellung gehn. 

Sie trug eine gelbe Rose in der Hand und liefi mich riechen. 

»Ich habe viele Rosen bekommen - von Alexander B6hlaug.« 

Vielleicht wartet sie, dafi ich sage: Schicken Sie die Blumen zuriick. 

Vielleicht wiirde ich es auch sagen, wenn ich nicht gekommen ware, um 

Abschied fur immer zu nehmen. 

So sagte ich nur: 

»Alexander Bohlaug wird mein Zimmer nehmen. Ich verreise.« 

Stasia blieb stehn - auf der zweiten Stufe -, wir hatten gerade die Treppe 

hinuntergehen wollen. 

Vielleicht hatte sie mich gebeten zu bieiben - aber ich sah sie nicht an, 

blieb auch nicht stehen, sondern ging hartnackig die Stufen hinunter, als 

ware ich ungeduldig. 

»Sie reisen also bestimmt?« sagte Stasia. »Wohin?« 

»Ich weifi es nicht genau!« 

»Es ist schade, dafi Sie nicht bieiben wollen -« 

»Nicht bieiben konnen -« 

Nun sagte sie nichts mehr, und wir gingen schweigsam bis zum Variete. 

»Kommen Sie heute nach der Vorstellung zu einem Abschiedstee?« 

fragte sie. 

Wenn Stasia mich nicht gefragt, sondern kurzweg eingeladen hatte - ich 

hatte ja gesagt. 



HOTEL SAVOY 189 

»Nein!« 

»Nun, dann gute Reise!« 

Das war ein kiihler Abschied - aber es war ja auch gar nichts zwischen 

uns gewesen! Nicht einmal Blumen hatte ich geschenkt. 

Es gab Chrysanthemen bei der Blumenhandlerin im Hotel Savoy - ich 

kaufte sie und schickte die Blumen mit Ignatz in Stasias Zimmer. 

»Der Herr verreist?« fragte Ignatz. 

»Ja!« 

»Weil namlich fur Herrn Alexander Bohlaug noch ein Zimmer frei 

ware - wenn der Herr deswegen verreist.« 

»Nein, ich verreise ohnehin! Bringen Sie morgen die Rechnung!« 

»Die Blumen fur Stasia?« fragte Ignatz, ehe ich aus dem Fahrstuhl 

stieg. 

»Fiir Fraulein Stasia !« 

Ich schlief die ganze Nacht traumlos -. Morgen oder iibermorgen rei- 

ste ich - der Pfiff eines Zuges kam langgedehnt und schrill heriiber - 

Menschen fuhren in die Welt - ade, Hotel Savoy! 



XIII 



Alexanderl war ein Weltmann. Er wufite, wie man eine Sache einfadelt. 
Er war ein Hohlkopf. Aber der Sohn Phobus Bohlaugs. 
Er kam piinktlich, in einem andern eleganten Anzug. Er sprach eine 
Stunde von alien Dingen und nichts von unserem Geschaft. Er lieft 
mich warten. Alexanderl hatte Zeit. 

»In Paris wohne ich bei Madame Bierbaum, das ist eine Deutsche. Die 
deutschen sind in Paris die besten Hausfrauen, Madame Bierbaum hat 
zwei Tochter, die altere ist liber vierzehn, aber sogar wenn sie dreizehn 
ware - man nimmt es nicht so genau. Nun - und eines Tages kam ein 
Cousin der Madame Bierbaum - und ich hatte einen Ausflug gemacht 
mit Jeanne - aber sie liefi mich warten. Kurz, ich komme nach zwei 
Tagen zunick - den Schliissel habe ich bei mir -, ich komme in der 
Nacht, gehe leise, um niemanden zu wecken, auf den Zehenspitzen, 
wie man sagt, mache kein Licht, ziehe nur die Stiefel und den Rock aus 
und trete zum Bett und greife - nun, was glauben Sie - gerade nach den 
Briisten der kleinen Helene. 
Sie schlief bei mir, weil der Cousin da war, oder Madame Bierbaum 



I90 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

hatte es absichtlich so eingerichtet - kurz, was dann war, konnen Sie 

sich denken.« 

Ich kann es mir denken. 

Alexanderl beginnt eine neue Geschichte. 

Der Mann hatte unzahlige Geschichten erlebt in seinen lausigen zwei- 

undzwanzig Jahren. Eine Geschichte gebiert die andere, ich hore nicht 

mehr zu. 

Plotzlich kam Stasia in den Fiinf-Uhr-Saal - sie suchte jemanden - wir 

waren die einzigen im Saal. Alexander sprang auf, lief ihr entgegen, 

kiifite ihre Hande, zog sie an unsern Tisch. 

»Wir sind jetzt Nachbarn!« begann Alexander. 

»Ach, das wufite ich nicht«, sagte Stasia. 

»Ja, mein lieber Vetter ist so freundlich, mir seine Wohnung zu iiber- 

lassen.« 

»Das ist noch gar nicht ausgemacht!« sagte ich plotzlich - ich wufite 

selbst nicht, warum. »Wir haben ja noch gar nicht dariiber gespro- 

chen.« 

»Handelt es sich um Geld?« fragte Alexander. 

»Nein«, sagte ich sehr fest, »ich reise liberhaupt nicht. Sie konnen 

trotzdem ein Zimmer haben, Alexander- Ignatz hat es gesagt.« 

»So - na, dann ist ja alles gut - und wir sind alle drei sehr enge Nach- 

barn«, sagte Alexander. 

Wir sprachen noch allerlei. - Ignatz kam herein, drei Zimmer standen 

frei - zwei wiirden morgen besetzt werden, aber eines bliebe gewifi 

frei, Zimmer 606, im vierten Stock allerdings, aber geraumig. - Nie- 

mand wollte es wegen der anzuglichen Nummer - fiir Damen ware es 

schon gar nichts - aber als Absteigquartier, weshalb nicht? 

Ich liefi Stasia und Alexanderl sitzen und ging. 

Am Abend erzahlte mir Ignatz im Fahrstuhl, dafi Alexander 606 ge- 

mietet habe. 

Ich ging in mein Zimmer wie in eine wiedergefundene Heimat. 



ZWEITES BUCH 



XIV 



Nun stehe ich schon den dritten Tag am Bahnhof und warte auf Ar- 
beit. Ich konnte in eine Fabrik gehen, wenn die Arbeiter nicht gerade 
streikten. Philipp Neuner wiirde sich wundern, einen Mann aus der 
Bargesellschaft unter den Arbeitern zu finden. Ich mache mir aus der- 
lei Dingen nichts, viele Jahre harter Arbeit liegen hinter mir. 
Man braucht keine Arbeiter, es sei denn gelernte, und gelernt habe ich 
nichts. Ich kann »Kaleguropulos« deklinieren und noch manches an- 
dere. Auch schieften kann ich - ich bin ein guter Schiitze. Fur Feldar- 
beit bekommt man Essen und Wohnung, aber kein Geld - und ich 
mufi Geld haben. 

Am Bahnhof kann man Geld verdienen. Manchmal kommt ein Aus- 
lander. Er sucht einen zuverlassigen »Menschen mit Sprachkenntnis- 
sen«, um nicht iibers Ohr gehauen zu werden von der schlauen Bevol- 
kerung. Auch Gepacktrager sind sehr gesucht - hier gibt es nicht viele. 
Ich weift auch nicht, was ich sonst machen konnte. Vom Bahnhof ist es 
nicht mehr so weit in die Welt. Hier darf man Schienenstrange hinaus- 
laufen sehn. Menschen kommen an und fahren weiter. Vielleicht kam 
ein Freund oder ein Kriegskamerad? 

Es kam wirklich einer, namlich Zwonimir Pansin, ein Kroate, von mei- 
ner Kompanie. Auch er kommt aus Rutland, und nicht einmal zu Fuft, 
sondern mit der Bahn - also weift ich, daft es Zwonimir gutgeht und 
dafi er mir helfen wird. 

Wir begriiften uns sehr herzlich, Zwonimir und ich, zwei alte Kriegs- 
kameraden. 

Zwonimir war ein Revolutionar von Geburt. In seinen Militarpapieren 
stand ein p. v., das heifit: politisch verdachtig - deshalb hat er es nicht 
einmal zum Korporal gebracht, obwohl er eine grofte Tapferkeitsme- 
daille trug. Er war einer der ersten in unserer Kompanie, die eine De- 
koration bekamen - Zwonimir wollte sie ablehnen - er sagte dem 
Hauptmann ins Gesicht: Er wolle nicht ausgezeichnet werden - und es 
tate ihm leid, daft es dazu gekommen sei. 
Nun, der Hauptmann war sehr stolz auf seine Kompanie - ein guter 



192 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

und hohler Kerl war der Hauptmann - und wollte es nicht zugeben, 
dafi der Regimentskommandant etwas von Aufruhr erfahre. Deshalb 
ordnete sich alles, und Zwonimir nahm die Medaille an. 
Ich entsinne mich der Tage - das Regiment war in Rast -, da lagen 
Zwonimir und ich auf der Wiese am Nachmittag und sahen zur Kan- 
tine hiniiber, vor der Soldaten kamen und gingen und in Gruppen her- 
umstanden. 

»Sie haben sich schon daran gewohnt«, sagte Zwonimir, »sie werden 
nie mehr in einem anstandigen Laden Preservative kaufen, in so einem 
duftenden, wo die Ladenmadchen parfiimiert sind wie Huren.« 
»Ja«, sagte ich. 

Und wir sprachen davon, daft dieser Krieg in alle Ewigkeit fortgehen 
wiirde und dafi wir nie mehr nach Hause kamen. Zwonimir hatte noch 
einen Vater und zwei kleine Briider. 

»Auch sie werden einnicken«, sagte Zwonimir. »In zehn Jahren 
wachst keine Frucht mehr in alien Landern der Welt, nur noch in 
Amerika.« 

Er liebte Amerika. Wenn eine Menage gut war, sagte er: Amerika! 
Wenn eine Stellung schon ausgebaut war, sagte er: Amerika! Von 
einem »feinen« Oberleutnant sagte er: Amerika. Und weil ich gut 
schofi, nannte er meine Treffer: Amerika. 

Und alles Dauernde, Unaufhorliche nannte er: Ubt! »Ubt« war ein 
Kommando; bei den Gelenksiibungen sagte man: »ubt«: »Kopfnicken 
ubt!«, »Kopfbeuge iibt!« - Das ging dann in alle Ewigkeit. 
Wenn wir jeden Tag Dorrgemuse hatten, so sagte Zwonimir: »Draht- 
verhau iibt.« Weil das Trommelfeuer wochenlang dauerte, sagte er: 
»Trommelfeuer iibtU, und weil er mich fur einen allzeit guten Kerl 
hielt, sagte er: »Gabriel iibt!« 

Wir safien im Wartesaal dritter Klasse, umtobt vom Larm der Betrun- 
kenen, und sprachen leise und verstanden dennoch jedes Wort, denn 
wir horten mit den Herzen, nicht mit den Ohren. 
In diesem Wartesaal hat mich schon jemand mit lauter Stimme ange- 
sprochen, und ich habe dennoch nicht verstanden. So stark war das 
Geheul der Betrunkenen. 

Es waren die streikenden Arbeiter Neuners, die hier ihre Streikgelder 
vertranken. 

In der Stadt war Schnapsverbot, am Bahnhof erhielt man den Alkohol 
in Kaffeekannen. Arbeiterinnen safien da, junge Madchen, sie waren 



HOTEL SAVOY 193 

schwer berauscht, aber nichts konnte ihre Frische ganz verderben, 

vergeblich kampfte der Schnaps gegen ihre Gesundheit. Die jungen 

Burschen gerieten in Streit wegen eines Madchens und griffen zum 

Messer. Aber sie schlugen einander nicht tot. Das Volk war nur leb- 

haft, nicht bose, jemand warf einen Witz zwischen die Kampfer, 

und alle sohnten sich aus. 

Dennoch war es gefahrlich, hier lange zu sitzen, man konnte plotz- 

lich einen Schlag auf den Schadel erhalten oder einen Stoft vor die 

Brust, oder es kam einer und nahm dir deinen Hut weg oder schmifi 

dich auf den Boden, weil er keinen freien Stuhl mehr gefunden 

hatte. 

Zwonimir und ich safien am Ende des Saals, lehnten uns gegen die 

Wand, so daft wir die ganze Menge iibersehen und jeden erblicken 

konnten, der sich uns naherte. Aber niemand belastigte uns, in unse- 

rer Nahe wurden alle freundlich. Manchmal bat uns einer um Feuer, 

einmal fiel mir eine Streichholzschachtel auf den Boden - und ein 

junger Bursche hob sie auf. 

»Willst du weitergehn, Zwonimir«? fragte ich - und erzahlte ihm, 

wie es mir ging. 

Zwonimir wollte nicht weitergehn. Er wollte hierbleiben; ihm gefiel 

der Streik. »Ich will hier eine Revolution machen«, sagte Zwonimir, 

so einfach, als sagte er: Ich will hier einen Brief schreiben. 

Ich erfahre, daft Zwonimir Agitator ist, aus Liebe zur Unruhe. Er 

ist ein Wirrkopf, aber ehrlich, und er glaubt an seine Revolution. 

»Du kannst mir dabei helfen«, sagt er. 

»Ich kann nicht«, sage ich. Und erklare Zwonimir, daft ich ein ein- 

zelner bin und kein Gefiihl fur die Gemeinschaft habe. »Ich bin ein 

Egoist«, sage ich, »ein wirklicher Egoist.« 

»Ein gebildetes Wort«, tadelt Zwonimir. »Alle gebiideten Worte 

sind schandlich. In der einfachen Sprache konntest du so Haftliches 

gar nicht sagen.« 

Darauf kann ich nicht antworten. 

Ich stehe allein. Mein Herz schlagt nur fiir mich. Mich gehen die 

streikenden Arbeiter nichts an. Ich habe keine Gemeinschaft mit 

einer Menge und nicht mit einzelnen. Ich bin ein kalter Mensch. Im 

Krieg fiihlte ich mich nicht eins mit der Kompanie. Wir lagen alle 

im gleichen Dreck und warteten alle auf den gleichen Tod. Aber ich 

konnte nur an mein eigenes Leben denken und an meinen eigenen 



194 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Tod. Ich ging liber Leichen, und manchmal tat es mir weh, dafi ich 

keinen Schmerz empfand. 

Jetzt lafk mir der Tadel Zwonimirs keine Ruhe - ich mufi iiber meine 

Kalte nachdenken und iiber meine Einsamkeit. 

»Jeder Mensch lebt in irgendeiner Gemeinschaft«, sagt Zwonimir. 

In welcher Gemeinschaft lebe ich? - 

Ich lebe in Gemeinschaft mit den Bewohnern des Hotels Savoy. 

Alexanderl Bohlaug fallt mir ein, auch er lebt nun »in enger Nachbar- 

schaft« mit mir. Was hatte ich mit Alexanderl Bohlaug Gemeinsames? 

Nicht mit Bohlaug, aber mit dem toten Santschin, der im Waschedunst 

erstickt ist, und mit Stasia, mit den vielen vom fiinften, sechsten und 

siebenten Stock, die sich vor Kaleguropulos' Inspektionsbesuchen 

furchten, ihre Koffer verpfandet haben und eingesperrt sind in diesem 

Hotel Savoy, lebenslanglich. 

Und keine Spur von Gemeinschaft habe ich mit Kanner und Neuner 

und Anselm Schwadron, mit Frau Kupfer und mit meinem Onkel 

Phobus Bohlaug und seinem Sohn Alexanderl. 

Gewifi, ich lebe in einer Gemeinschaft, ihr Leid ist mein Leid, ihre 

Armut ist meine Armut. 

Jetzt stehe ich da am Bahnhof und warte auf Geld und finde keine 

Arbeit. Und habe noch das Zimmer nicht bezahlt und nicht einmal 

einen Koffer fur Ignatz. 

Es ist ein gropes Gliick, das Zusammentreffen mit Zwonimir, ein 

gliicklicher Zufall, wie er nur in Buchern vorkommt. 

Zwonimir hat noch Geld und Mut. Er will in mein Zimmer ziehn. 



XV 



Wir wohnen zusammen, in meinem Zimmer, Zwonimir schlaft auf 

dem Sofa. 

Ich biete ihm nicht mein Bett an, ich bin bequem und habe lange Zeit 

ein Bett entbehrt. In meinem Elternhaus in der Leopoldstadt gab es 

manchmal wenig Essen, aber immer ein weiches Bett. Zwonimir aber 

hat sein Leben lang auf harten Banken genachtigt, »auf echtem Eichen- 

holz«, scherzt er, er vertragt keine Bettwarme und hat schlechte 

Traume auf weichen Lagern. 

Er hat eine gesunde Konstitution, geht spat schlafen und erwacht mit 



HOTEL SAVOY 195 

dem Morgenwind. Bauernblut rollt in seinem Korper, er besitzt keine 

Uhr und weifi immer die Stunde genau, fiihlt Regen und Sonne voraus, 

riecht entfernte Brande und hat Ahnungen und Traume. 

Einmal traumt er, sein Vater ware begraben worden; er stent auf und 

weint, und ich weifi mir keinen Rat mit dem grofien, weinenden Mann. 

Ein anderesmal sieht er seine Kuh verenden, er erzahlt mir davon und 

scheint gleichgiiltig. Wir gehen den ganzen Tag umher, Zwonimir er- 

kundigt sich bei den Arbeitern Neuners nach den VerhaTtnissen, nach 

den Streikfuhrern, er gibt den Kindern Geld und schreit mit den 

Frauen und befiehlt ihnen, ihre Manner aus dem Wartesaal zu holen. 

Ich bewundere Zwonimirs Fahigkeiten. Er beherrscht die Sprache des 

Landes nicht, spricht mit Mienen und Armen mehr als mit dem Mund, 

aber alle verstehen ihn vortrefflich, denn er redet einfach wie das Volk 

und flucht in seiner Muttersprache. Aber einen kraftigen Fluch ver- 

steht hier jeder. 

Am Abend gehen wir in die Felder hinaus, da setzt sich Zwonimir auf 

einen Stein, schlagt die Hande vors Gesicht und schluchzt wie ein 

Knabe. 

»Warum weinst du, Zwonimir ?« 

»Wegen der Kuh«, sagt Zwonimir. 

»Aber das weifk du ja schon den ganzen Tag. Warum weinst du jetzt?« 

»Weil ich bei Tag keine Zeit habe.« 

Das sagt Zwonimir ganz ernst, er weint noch eine gute Viertelstunde, 

dann steht er auf. Er lacht plotzlich auf, weil er entdeckt, daft ein Prell- 

stein wie eine kleine Vogelscheuche angezogen ist. 

»Die Kerle sind zu faul, stellen ihre Vogelscheuchen nicht ordentlich 

in die Mine. Prellsteine sind ja keine Vogelscheuchen!! Mochte den 

Sperling sehn, der vor einem verkleideten Prellstein Angst hat!« 

»Zwonimir«, bitte ich, »fahren wir fort! Geh heim, dein Vater lebt 

noch, aber er wird vielleicht sterben, wenn du nicht kommst und - 

dann wirst du keine bosen Traume mehr haben. Und ich will auch 

fort.« 

»Ein birchen bleiben wir noch«, sagt Zwonimir, und ich weifi, daft er 

fest bleibt. 

Er freut sich iiber das Hotel Savoy. Zum erstenmal lebt Zwonimir in 

einem groften Hotel. Er wundert sich gar nicht iiber Ignatz, den alten 

Liftknaben. Ich erzahle Zwonimir, dafi in anderen Hotels kleine, 

milchwangige Buben die Fahrstiihle bedienen. Zwonimir meint, es 



I96 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ware schon verniinftiger, wenn eine solche Amerikasache einem altern, 
erfahrenen Herrn iiberlassen wird. Ubrigens sind ihm beide unheim- 
lich, der Fahrstuhl und Ignatz. Er geht lieber zu Fuf?. 
Ich mache Zwonimir auf die Uhren aufmerksam und dafl sie verschie- 
dene Stunden zeigen. 

Zwonimir sagt, das ware unangenehm. Abwechslung mufi aber sein. 
Ich zeige ihm den siebenten Stock und den Dunst der Waschkuche und 
erzahle ihm von Santschin und dem Esel am Grab. Diese Geschichte 
gefallt ihm am besten, Santschin tut ihm gar nicht leid, liber den Esel 
lacht er, des Nachts, wahrend er sich auskleidet. 
Ich mache ihn auch mit Abel Glanz bekannt und mit Hirsch Fisch. 
Zwonimir kaufte bei Fisch drei Lose und wollte noch mehr kaufen und 
versprach Fisch ein Drittel vom Gewinst. Wir gingen mit Abel Glanz 
in das Judengafkhen, Abel machte gute Geschafte, fragte, ob wir deut- 
sche Mark hatten. Zwonimir hatte deutsche Mark. »Zu zwolf ein vier- 
tel«, sagte Abel. »Wer kauft?« fragte Zwonimir mit iiberraschender 
Kennerschaft. »Kanner!« sagte Glanz. 
»Fuhren Sie den Kanner her!« sagt Zwonimir. 

»Was fallt Ihnen ein? Kanner wird zu Ihnen kommen?!« schreit Glanz 
erschrocken. 

»Dann geb' ich die Mark nicht!« sagt Zwonimir. 
Glanz will verdienen und rennt zu Kanner. 

Wir warten. Er kommt nach einer halben Stunde und bestellt uns in die 
Bar fur den Abend. 

Am Abend kamen wir in die Bar, Zwonimir in einer russischen Mili- 
tarbluse, mit genagelten Stiefeln. 

Zwonimir kniff Frau Jetti Kupfer in den Oberarm, sie lieft einen schril- 
len Juchzer los, so einen Gast hatte sie schon lange nicht gehabt. Zwo- 
nimir liefi Schnapse mischen, gab Ignatz einen Klaps auf die Schulter, 
dafi der alte Liftknabe zusammensank, in die Knie brach. Zwonimir 
lachte iiber die Madchen, fragte laut nach den Namen der Gaste, rief 
den Fabrikanten Neuner beim Namen ohne den Titel »Herr« und 
fragte Glanz: 

»Wo steckt denn der verdammte Kanner ?« 

Die Herren verzogen die Gesichter, sie blieben ruhig, und Neuner 
ruhrte sich nicht und liefl sich jede Anrede gefallen, obwohl er Einjah- 
riger bei der preuftischen Garde gewesen war und Schmisse hatte. 
Anselm Schwadron und Siegmund Fink unterhielten sich leise, und als 



HOTEL SAVOY I97 

Kanner verspatet eintraf, wurde er nicht mit jenem Hallo begriifit, das 
er erwartet und verdient hatte. Er sah sich um, entdeckte Zwonimir; da 
ihm Glanz winkte, trat er auf uns zu und fragte majestatisch: »Herr 
Pansin?« 

»Zu Befehl, Mister Kanner !« schrie Zwonimir mit drohnender 
Stimme, dafi Kanner einen halben Schritt zuriicktrat. »Zwolf dreivier- 
tel!« schrie Zwonimir wieder. 
»Nicht so laut!« fliisterte Glanz. 

Aber Zwonimir zog, wahrend alle nach unserem Tisch sahen, sein 
Geld aus der Brieftasche - auch danische Kronen hatte er - weifi Gott 
woher. 

Kanner steckte das Geld ein und rechnete nach, um nur fertig zu wer- 
den, und zahlte zwolf dreiviertel. 
»Meine Provision?« sagte Glanz. 

»In Schnaps!« sagte Zwonimir und liefi fiinf Schnapse flir Glanz brin- 
gen. Abel Glanz trank, aus Furcht, bis er besoffen war. 
Es war ein lustiger Abend. Den Stammgasten hatte Zwonimir die 
Laune verdorben. Ignatz war bose. Seine biergelben Augen funkelten. 
Zwonimir aber tat, als ware Ignatz sein bester Freund, rief ihn beim 
Namen - »liebster Ignatz !« sagte Zwonimir, und Ignatz kam auf leisen 
Sohlen, ein alter Kater. 

Der Fabrikant Neuner fand keine Lust an Tonka, die nackten Mad- 
chen kamen zutraulich an unsern Tisch und pickten Zwonimir aus der 
Hand. Er futterte sie mit Geback, zerbrockeltem Kuchen und liefi sie 
an verschiedenen Schnapsglasern nippen. 
In ihrer weifien Nackheit standen sie da wie junge Schwane. 
Spat kam Alexanderl Bohlaug. Er war niedergeschlagen und aufge- 
raumt zugleich, er wollte irgendeinen Kummer ubertonen, und Zwo- 
nimir half ihm. 

Zwonimir hatte viel getrunken, dennoch war er nuchtern und spot- 
tisch und hohnte Alexanderl, dafi es eine Lust war. 
»Sie haben spitze Stiefei!« sagte Zwonimir, »lassen Sie sehen, ob sie 
scharf sind. Wo lassen Sie Ihre Stiefel schleifen? Die neueste Kriegs- 
waffe. Sturmangriff mit franzosischen Stiefelspitzen! - Ihre Krawatte 
ist schoner als meiner Grofimutter Kopftuch, so wahr ich der Sohn 
Nikitas bin, so war ich Zwonimir heifie und niemals mit Ihrer Braut 
geschlafen habe.« 
Alexanderl tat, als horte er nicht. Gram zehrte an ihm. Er war traurig. 



198 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Ich mochte diesen Vetter nicht an deiner Stelle!« sagte Zwonimir. 
»Man sucht sich seine Vettern nicht aus«, sagte ich. 
»Nichts fiir ungut, Alexanderl!« schrie Zwonimir und stand auf. Er 
war grofi, wie eine Mauer stand er in der kleinen, dunkelroten Bar. 
Am nachsten Morgen erwacht Zwonimir friih und weckt mich. Er ist 
angekleidet. Er wirft meine Decke auf den Fufiboden und zwingt 
mich, aufzustehen und mit ihm spazierenzugehn. 
Die Lerchen trillern wunderbar. 



XVI 



An diesem Tage wurde Kaleguropulos erwartet. Zwonimir warf die 
Stuhle um, brachte Unordnung in unser Zimmer. Er beschlofi, Kalegu- 
ropulos aufzulauern, er wollte ihn im Zimmer erwarten. Ich erwartete 
Kaleguropulos unten, im Fiinf-Uhr-Saal, und Zwonimir blieb oben. 
Ich sah diesmal keine Aufregung. Alle hatten das Hotel verlassen, die 
drei hochsten Stockwerke standen leer, man konnte elende Hauslich- 
keiten sehen. 

Unten war es still. Ignatz fuhr hinauf und hinunter. Nach einer Stunde 
kam Zwonimir und erzahlte, dafi der Direktor uber den Korridor ge- 
gangen sei, Zwonimir war an der Tiir gestanden, der Direktor hatte 
gegriifit, aber nirgends war ein Kaleguropulos zu sehn gewesen. 
Zwonimir vergafi diese Dinge leicht, mich aber liefi das Geheimnis des 
Kaleguropulos nicht ruhen. 

Zwonimir macht selbstandige Ausfliige im Hotel, er geht in leere Zim- 
mer, lafit Zettel mit Griifien zuriick und kennt alle Menschen nach drei 
Tagen. 

Er kennt Taddeus Montag, den Karikaturisten, der Schilder malt und 
nicht viel Arbeit bekommt, weil er die bestellten Arbeiten verpatzt. 
Er kennt den Buchhalter Katz, den Schauspieler Nawarski, die nackten 
Madchen, zwei Schwestern Mongol, Helene und Irene Mongol, zwei 
altliche Jungfern. Zwonimir begrufk alle laut und herzlich. 
Auch Stasia kennt er und berichtet mir: 
»Die Kanaille ist in dich verliebt!« 

Ich bin verlegen, es ist ja nicht bose gemeint, aber der Ausdruck argert 
mich. 
Ich sage: »Stasia ist ein gutes Madchen. « 



HOTEL SAVOY 199 

Zwonimir glaubt nicht an gute Madchen und sagt, er wiirde schon mit 
Stasia schlafen, urn mir zu beweisen, wie schlecht sie sei. 
Zwonimir ist schon in den Kellern des Hotels gewesen, im Souterrain, 
wo sich die Kiiche befindet. Er kennt den Koch, einen Schweizer, der 
nur Meyer heifit, aber gute Mehlspeisen macht. Zwonimir erhalt Gra- 
tisproben. 

Zwonimir schlagt Ignatz. Es sind freundliche Schlage, und Ignatz kann 
nichts dagegen tun. Ich beobachte Ignatz, wie er zusammenzuckt, 
wenn sich ihm Zwonimir nahert. Es ist eine Reflexbewegung, keine 
Angst. Zwonimir ist der grofke und starkste Mann im Hotel Savoy, er 
kann Ignatz bequem unter den Arm nehmen. Er scheint furchtbar und 
gewalttatig, er poltert gern, und in seiner Nahe ist alles still und scheu. 
Dem alten Militararzt ist Zwonimir sympathisch. Der Doktor zahlt 
ihm gerne ein paar Schnapse am Nachmittag. 

»Solche Doktoren wie Sie kenne ich vom Military sagt Zwonimir. »Sie 
konnen Lebendige totmachen, dafiir bekommen Sie eine hohe Gage. 
Sie konnen die Menschen vom Boden wegamputieren. Sie sind ein gro- 
wer Chirurg. Ich mochte Ihnen nicht einmal einen Tripper anver- 
trauen.« 

Aber der Doktor lacht. Er ist nicht beleidigt. 

»Ich mochte Sie aufhangenU sagt Zwonimir einmal freundschaftlich 
und klopft dem Doktor auf die Schulter. 
Nie hat dem Doktor jemand auf die Schulter geklopft. 
»Ein herrliches Hotel«, sagt Zwonimir und fiihlt nicht das Geheimnis- 
volle dieses Hauses, in dem fremde Menschen, nur durch papierdiinne 
Wande und Decken geschieden, nebeneinander leben, essen, hungern. 
Er findet es selbstverstandlich, da£ die Madchen ihre Koffer verpfan- 
den, bis sie nackt der Frau Jetti Kupfer anheimfallen. 
Er ist ein gesunder Mensch. Ich beneide ihn. Bei uns in der Leopold- 
stadt gab es keine so gesunden Kerle. Er freut sich an den Gemeinhei- 
ten. Er hat keine Achtung vor den Frauen. Er kennt keine Biicher. Er 
liest keine Zeitung. Er weift nicht, was in der Welt vorgeht. Aber er ist 
mein treuer Freund. Er teilt sein Geld mit mir, und er wiirde auch sein 
Leben mit mir teilen. 
Und ich tate es genauso. 

Er hat ein gutes Gedachtnis und weift nicht nur die Namen der Men- 
schen, sondern auch die Nummern ihrer Zimmer. Und wenn der Zim- 
merkellner sagt: 403 ist bei 41 gewesen, so weiE er, dafi der Schauspie- 



200 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ler Nowakowski bei Frau Goldenberg geschlafen hat. Er weifi auch 
vieles iiber Frau Goldenberg; es ist jene Dame, die ich am ersten Tage 
getroffen habe. 

»Hast du Geld genug?« frage ich. 

Aber Zwonimir zahlt nicht. Er ist dem Hotel Savoy verfallen. 
Ich erinnere mich an ein Wort des toten Santschin. Der hatte mir ge- 
sagt - es war ein Tag vor seinem Tode -, dafi alle, die hier wohnten, 
dem Hotel Savoy verfallen waren. Niemand entging dem Hotel Savoy. 
Ich warnte Zwonimir, aber er glaubte nicht. Er war gesund bis zur 
Gottlosigkeit, und er kannte keine Macht aufier seiner eigenen. 
»Das Hotel Savoy ist mir verfallen, Bruder«, sagte er. 
Nun war schon der fiinfte Tag seit seiner Ankunft vergangen. Am 
sechsten fafite er den Entschlufi zu arbeiten. »Man darf nicht so leben«, 
sagte er. 

»Es gibt keine Arbeit hier, lafi uns weitergehn!« bat ich. Aber Zwoni- 
mir wollte just hier Arbeit finden fiir uns beide. 
Er fand wirklich Arbeit. 

Bei der Bahn, am Guterbahnhof, waren schwere Hopfenballen da. Sie 
mufiten umgeladen werden, und es gab keine Bahnarbeiter. Es waren 
einige besoffene, faule Kerle da, und der Vorsteher sah wohl ein, dafi er 
monatelang mit diesen Beamten arbeiten mufite. Von den streikenden 
Arbeitern Neuners meldeten sich kaum zehn, zwei jiidische Fliicht- 
linge aus der Ukraine kamen, und dann Zwonimir und ich. Wir beka- 
men Essen in der Bahnkiiche und mufiten um sieben Uhr friih zur 
Stelle sein. Ignatz wunderte sich, als er sah, wie ich in meiner alten 
Militarbluse mit meinem Efigerat ausriickte und schmutzig vom Koh- 
lendunst und von der Arbeit heimkam. 
Zwonimir ubernahm das Kommando iiber uns Arbeiter. 
Wir arbeiten fleifiig. Wir bekommen scharfe Packhaken, die stofien wir 
in die Hopfensacke und rollen sie auf kleine Handwagen. Wenn wir 
die Haken eingeschlagen haben, kommandiert Zwonimir: Hopp! dann 
ziehen wir an - Hopp! wir rasten eine Weile - Hopp! nun lagen die 
fetten, grauen Sacke unten. Sie sahen wie grofie Walfische aus, und wir 
sind wie Harpuniere. Rings um uns pfeifen Lokomotiven, leuchten 
grime und rote Signale auf, aber wir kummern uns um gar nichts - wir 
arbeiten. Hopp! Hopp! drohnt die Stimme Zwonimirs. Die Menschen 
schwitzen, die zwei ukrainischen Juden konnen es nicht aushalten, sie 
sind schwachliche und magere Handelsmanner. 



HOTEL SAVOY 201 

Ich fiihle Schmerz in den Muskeln, und meine Oberschenkel zittern. 
Wenn ich meinen Haken auswerfen soil, spiire ich einen schweren 
Druck in der rechten Schulter. Der Haken mufi tief sitzen, sonst zer- 
reifit der Sack, und Zwonimir flucht. 

Einmal kamen wir um zwolf in die Kiiche, es war ein heifier Tag, wir 
waren mude, und auf unserer Bank safien schwatzende Schaffner. Sie 
redeten von Politik und vom Minister und von Gehaltszulagen. Zwo- 
nimir bat sie, Platz zu machen, die Beamten fuhlten sich wichtig und 
standen nicht auf. Zwonimir wirft den langen, holzernen Tisch um, an 
dem sie sitzen. Die Schaffner schreien und wollen Zwonimir schlagen, 
aber er fegt ihre Kappen zur offenen Tiir hinaus. Es sieht aus, als hatte 
er sie gekopft. Mit einer Bewegung seiner langen Arme hatte er ein 
halbes Dutzend Miitzen hinausgefegt. Die Schaffner folgten ihren 
Miitzen, nun standen sie da, ohne Adler kamen sie sich jammerlich 
vor, sie drohten und zogen ab. 

Wir arbeiten schwer und schwitzen. Wir riechen unsern Schweifi, sto- 
len mit unseren Korpern zusammen, haben schwielige Hande und 
fuhlen unsere Krafte und Schmerzen gleich. 

Vierzehn Manner sind wir, kampfen gegen schwere Hopfenballen, die 
nach Deutschland gehen sollen, Absender und Empfanger verdienen 
an diesen Hopfenballen mehr als wir vierzehn zusammen. 
Das sagt uns Zwonimir jeden Abend, wenn wir nach Hause gehn. 
Wir kennen den Absender nicht, ich lese nur seinen Namen auf den 
Waggons: Ch. Lustig heifit er, ein reizender Name. Ch. Lustig wohnt 
in einem schonen Hause, wie Phobus Bohlaug, sein Sohn studiert in 
Paris und tragt geschliffene Schuhe. »Lustig, reg dich nicht auf!« sagt 
seine Frau. 

Wie der Empfanger heifk, weift ich nicht, er hat Grund genug, Froh- 
lich zu heiften. 

Wir waren alle vierzehn wie ein einziger Mann. 

Alle waren wir gleichzeitig da, alle gingen wir gleichzeitig essen, alle 
hatten wir dieselben Bewegungen, und die Hopfenballen waren unser 
gemeinsamer Feind. Ch. Lustig hat uns zusammengeschweifk, Lustig 
und Frohlich, wir sehen mit Angst, wie die Hopfenballen aufhoren, 
bald ist unsere Arbeit zu Ende, und unsere Trennung scheint uns 
schmerzvoll, als wiirde man uns auseinanderschneiden miissen. 
Und ich bin kein Egoist mehr. 
Nach drei Tagen waren wir mit der Arbeit fertig. Wir waren schon um 



202 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

vier Uhr nachmittags frei, aber wir blieben auf dem Giiterbahnhof und 
sahen zu, wie unsere Hopfenballen langsam nach Deutschland hinaus- 
rollten . . . 



XVII 



Es ist wieder die Zeit der Heimkehrer. 

Sie kommen in Gruppen, viele kommen auf einmal. Sie werden heran- 

gespiilt wie bestimmte Fische zu bestimmten Jahreszeiten. Vom 

Schicksal westwarts gespiilt werden die Heimkehrer. Zwei Monate 

lang war keiner zu sehen. Dann, wocheniang, fluten sie herbei aus 

RuKland und Sibirien und aus den Randlandern. 

Der Staub zerwanderter Jahre liegt auf ihren Stiefeln, auf ihren Gesich- 

tern. Ihre Kleider sind zerfetzt, ihre Stocke plump und abgegriffen. Sie 

kommen immer denselben Weg, sie fahren nicht mit der Eisenbahn, sie 

wandern. Jahrelang mogen sie so gewandert sein, ehe sie hier ankamen. 

Sie wissen von fremden Landern und fremden Leben und haben, wie 

ich, viele Leben abgestreift. Sie sind Landstreicher. Ob sie mit Freuden 

nach Hause wandern? Waren sie nicht lieber in der groften Heimat 

gebiieben, statt in die kleine heimzukehren, zu Weib und Kind und 

Ofenwarme? 

Es ist vielleicht nicht ihr Wille, nach Hause zu gehn. Sie werden nach 

dem Westen gespiilt wie Fische zu gewissen Jahreszeiten. 

Wir standen, Zwonimir und ich, am Rande der Stadt, wo die Baracken 

sind, stundenlang, und forschten unter den Heimkehrern nach einem 

bekannten Gesicht. 

Viele gingen an uns vorbei, und wir erkannten sie nicht, obwohl wir 

gewifi mit ihnen zusammen geschossen und gehungert haben. Wenn 

man so viele Gesichter sieht, kennt man keines mehr. Sie sehen einan- 

der gleich wie Fische. 

Traurig ist es, dafi da einer vorbeigeht, den ich nicht erkenne, und wir 

haben doch eine Todesstunde miteinander geteilt. Wir waren im grau- 

samsten Augenblick unseres Lebens eine einzige Angst - und jetzt er- 

kennen wir einander nicht. Ich entsinne mich, dafi ich dieselbe Trauer 

fiihlte, als ich einmal ein Madchen sah, in einem Zug trafen wir uns, 

und ich wufke nicht, ob ich mit ihr geschlafen oder nur meine Wasche 

von ihr hatte flicken lassen. 



HOTEL SAVOY 203 

Manche Heimkehrer wollten, wie wir, in dieser Stadt bleiben. Das Ho- 
tel Savoy bekam neuen Zuzug. Auch Santschins Zimmer war schon 
bewohnt. Alexanderl mufite sein Absteigequartier 606 fur drei Tage 
hergeben, der Direktor behauptete, das ware sein gutes Recht, ein un- 
benutztes Zimmer zu vermieten. 

Ich horte, wahrend ich meine Schliissel abgab, wie Ignatz mit Alexan- 
derl diskutierte. 

Viele, die kein Geld fiirs Hotel Savoy hatten, richteten sich in den 
Baracken ein. 

Es sah aus, als wollte ein neuer Krieg ausbrechen. So wiederholt sich 
alles: Der Rauch steigt wieder aus den Schornsteinen der Baracken, 
Kartoffelschalen liegen vor den Tiiren, Fruchtkerne und faule Kir- 
schen - und Wasche flatten auf ausgespannten Schniiren. 
Es wurde unheimlich in der Stadt. 

Man sah bettelnde Heimkehrer, sie schamten sich nicht. Ausgezogen 
waren sie als kraftige und stolze Manner, und jetzt konnten sie sich 
nicht mehr das Betteln abgewohnen. Nur wenige suchten Arbeit. Bei 
den Bauern stahlen sie, gruben Kartoffeln aus dem Boden, schlugen 
Hiihner tot und erwiirgten Ganse und plunderten Heuschober aus. 
Alles schleppten sie in die Baracken, sie kochten dort, aber gruben 
keine Latrinen aus, man konnte sie an den Wegrandern hocken und 
ihre Notdurft verrichten sehn. 

Die Stadt, die keine Kanale hatte, stank ja ohnehin. An grauen Tagen 
sah man am Rand des holzernen Biirgersteigs, in den schmalen, unebe- 
nen Rinnen schwarze, gelbe, lehmdicke Fliissigkeit. Schlamm aus den 
Fabriken, der noch warm war und Dampf aushauchte. Es war eine 
gottverdammte Stadt. Es roch, als ware hier der Pech- und Schwefelre- 
gen niedergegangen, nicht iiber Sodom und Gomorra. 
Gott strafte diese Stadt mit Industrie. Industrie ist die harteste Strafe 
Gottes. 

Man war hier an die Heimkehrerperioden gewohnt, keine Behorde 
storte sie. Vielleicht angstigte sich die Polizei vor den vielen verwege- 
nen Menschen, und man wollte keinen Aufruhr. Die Arbeiter Neuners 
streikten ohnehin schon vier Wochen lang - wenn es hier einmal zu 
Kampfen kam, waren die Heimkehrer dabei. 

Sie kamen aus Rufiland, sie brachten den Atem der grofien Revolution 
mit, es war, als hatte sie die Revolution nach Westen gespuckt wie ein 
brennender Krater seine Lava. 



204 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Lange waren die Baracken leer gewesen. Jetzt wurden sie plotzlich so 
lebendig, dafi man glaubte, heut oder morgen wurden sie anfangen, 
sich in Bewegung zu setzen. Des Nachts brannten diirftige Talgkerzen, 
aber eine wilde Frohlichkeit erfiillte sie. Die Madchen kamen zu den 
Heimkehrern, man trank Schnaps und tanzte und verbreitete die Sy- 
philis. 

Mein Freund Zwonimir geht in die Baracken, denn er liebt Aufregung 
und Unruhe und vergrofiert sie. Er erzahlt den Hungernden von den 
Reichen, schimpft auf den Fabrikanten Neuner und erzahlt von den 
nackten Madchen in der Bar des Hotels Savoy. 
»Du iibertreibst ja«, sage ich zu Zwonimir. 
»Das muE man tun, sonst glauben sie einem nichts«, sagt er. 
Er erzahlt vom Tod Santschins so, als ware er dabeigewesen. 
Er hat eine Kraft zu schildern, der Atem des wahrhaftigen Lebens geht 
von seinen Reden aus. 

Die Heimkehrer horen zu, und dann singen sie Lieder, jeder sein Hei- 
matlied, und alle klingen gleich. Tschechische Lieder und deutsche, 
polnische und serbische, und in alien liegt die gleiche Trauer, und alle 
Stimmen sind gleich rauh und hart und grolend - und dennoch klingen 
die Melodien so schon, wie manchmal die Stimme eines alten, hafSli- 
chen Leierkastens schon ist - an Marzabenden, im Vorfriihling, an 
Sonntagen, wenn die Strafien leer und reingefegt sind, von den grofien 
Glocken, die des Morgens uber die Stadt gingen. 
Die Heimkehrer essen in der Armenkuche, und Zwonimir auch. Er 
sagt, das Essen schmecke ihm. Zwei Tage essen wir in der Armenku- 
che, und ich sehe, dafi Zwonimir recht hat. 
»Amerika!« sagt Zwonimir. 

Es war eine dicke Bohnensuppe, wenn man den Loffel hineinsteckte, 
blieb er drinnen wie ein Spaten in der Erde. Das ist Geschmacksache, 
ich liebe dicke Bohnen- und Kartoffelsuppen. 

Niemals offnet man die Fenster in der Armenkuche, deshalb liegt der 
Duft alter Speisereste in den Winkeln und steigt von den nie gewasche- 
nen Tischplatten auf, wenn der Dampf der frischgekochten Speisen ihn 
zu neuem Leben erweckt. 

Und die Menschen sitzen eng an den Tischen, ihre Ellbogen fiihren 
Krieg gegeneinander. Ihre Seelen sind friedlich, ihre Gesinnungen 
freundschaftlich, und ihre Arme fiihren Krieg. 
Die Menschen sind nicht schlecht, wenn sie viel Raum haben. In den 



HOTEL SAVOY 20$ 

groften Gasthausern nicken sie einander frohlich zu, weil sie Platz fin- 
den. Bei Phdbus Bohlaug streitet niemand, weil die Menschen einander 
aus dem Wege gehn, wenn es ihnen nicht mehr paftt. Aber wenn zwei 
in einem engen Bett liegen, kampfen ihre Beine im Schlaf, und ihre 
Hande zerreiften die diinne Decke, die sie einhullt. 
Wir stellten uns um halb eins an das Ende einer langen Menschenkette. 
Vorne stand ein Polizist und wedelte mit dem Sabel, weil er sich lang- 
weilte. Je zwanzig wurden eingelassen, wir standen paarweise. Zwoni- 
mir und ich zusammen. 

Zwonimir fluchte, wenn es zu langsam ging. Er sprach mit dem Polizi- 
sten, der ihm nicht gerne antwortete, weil die Behorde schweigsam 
sein mufi. 

Zwonimir sagte ihm »du« und »Kamerad«, und einmal erklarte er, daft 
ein Polizist gar keinen Grund hatte, so stumm zu sein. 
»Du bist stumm wie ein Fisch, Kamerad!« sagte Zwonimir. »Nicht wie 
ein lebendiger, sondern wie ein toter Fisch, den man mit Zwiebeln fullt 
hierzulande. Bei uns zu Hause werden nur gesprachige Menschen zur 
Polizei engagiert, so wie ich einer bin.« 

Die Arbeiterfrauen erschrecken ob solcher Rede und fiirchten sich zu 
lachen. 

Der Polizist, der sieht, daft er Zwonimir unterlegen ist, zwirbelt seinen 
Schnurrbart und sagt: 

»Das Leben ist langweilig. Es gibt kein Gesprachsthema.« 
»Siehst du, Kamerad«, sagt Zwonimir, »das kommt davon, daft du 
nicht in den Krieg gegangen bist, sondern zur Militarpolizei. Wenn 
man im Schiitzengraben gelegen hat wie wir, hat man Gesprachsstoff 
bis zum Tod.« 

Hier lachen einige Heimkehrer. Der Polizist sagt: 
»Unser Leben war auch in Gefahr!« 

»Ja«, erwidert Zwonimir, »wenn ihr einen mutigen Deserteur gefafit 
habt - freilich, das glaub' ich schon, da war euer Leben in Gefahr.« 
Kein Zweifel, die Heimkehrer liebten meinen Freund Zwonimir, und 
die Polizisten nicht. 

»Du bist ein Fremder«, sagen sie zu ihm, »und sprichst zu viel bei 
uns.« 

»Ich bin ein Heimkehrer und darf mich hier aufhalten, Freund, weil 
meine Regierung mit der deinigen eigens deswegen einen Vertrag ge- 
schlossen hat. Das verstehst du nicht: Es gibt in meinem Lande der 



206 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Eurigen genug, und wenn ihr mir hier ein Haar kriimmt, schlagt meine 

Regierung daheim den Eurigen die Kopfe ab. Aber man sieht, du hast 

keine Politik studiert. Bei uns zu Hause mu6 jeder Polizist eine Prii- 

fung in Politik ablegen.« 

Das sind wirksame Argumente, und die Polizisten schweigen. 

Und Zwonimir konnte jeden Tag fluchen. 

Er fluchte, wenn er lange warten muftte, und auch drinnen, wenn er 

die Suppe schon in der Hand hielt. Sie war kalt oder ungesalzen oder 

zu sehr gesalzen. Er steckte die Menschen mit seiner Unzufriedenheit 

an, sie schimpften alle, schweigend oder laut, so, daft die Koche hinter 

den Scheibenfenstern erschraken und noch einen Loffel mehr dazuga- 

ben, als sie gewohnt waren und als ihnen befohlen war. Zwonimir ver- 

grofierte die Unruhe. 

Die Arbeiterfrauen nahmen die Suppe in Topfen nach Hause, fiir den 

Abend. 

Sie hatten die Suppe auch in Zeitungspapier packen konnen, wie sie es 

mit dem Viertel Brot taten - so erstarrt und zah war sie, wenn man sie 

kalt werden lieft. Es war dennoch eine schmackhafte Suppe, man aft sie 

sehr lange, und weil nur je zwanzig eingelassen wurden, dauerte die 

Abspeisung drei Stunden. 

Man horte, daft die Koche unzufrieden waren, sie wollten nicht fiir 

geringen Lohn einen ganzen Tag arbeiten. Von den Wohltatigkeitsda- 

men, die umsonst und ehrenhalber die Aufsicht fuhren sollten, war am 

zweiten Tag nichts mehr zu sehen. Zwonimir hatte eine »Tante« ge- 

nannt, und man drohte, die Kiiche zu sperren. 

»Wenn sie nur die Kiiche sperren !« sagt Zwonimir. »Wir werden sie 

schon aufmachen. Oder wir werden uns von Herrn Neuner zum Mit- 

tagessen einladen lassen. Seine Suppe ist bestimmt besser.« 

»Ja, der Neuner«, sagen die Arbeiterfrauen. 

Sie waren elend und blaft, und die schwangeren schleppten ihre geseg- 

neten Leiber wie eine verhafite Last. 

»Wenn man ein Biindel Holz schleppt vom Walde«, sagt Zwonimir, 

»weifi man wenigstens, daft es warm wird in der Stube.« 

»Neuner hatte ja Zulagen fiir jedes Kind gegeben, wenn sie nicht ange- 

fangen hatten zu streiken, ware es doch irgendwie gegangen«, weinten 

die Frauen. 

»Es ware nicht gegangen«, sagte Zwonimir, »es kann nicht gehen, 

wenn der Neuner verdienen will.« 



HOTEL SAVOY 10J 

Es war eine Borstenreinigungsfabrik. Dort reinigte man die Schwei- 

nehaare von Staub und Schmutz, und es wurden Biirsten daraus ge- 

macht, die wieder zum Reinigen dienen. Die Arbeiter, die den gan- 

zen Tag die Borsten strahlten und siebten, schluckten den Staub und 

bekamen Lungenbluten und starben im fiinfzigsten Jahr ihres Le- 

bens. 

Es gab allerlei Hygiene und Gesetze, die Arbeiter sollten Masken 

tragen, die Arbeitsraume sollten soundso viel Meter hoch und weit 

sein und die Fenster of fen. Aber eine Renovierung der Fabrik hatte 

Neuner viel mehr gekostet als doppelte Kinderzulagen. Deshalb 

wurde der Militararzt zu alien sterbenden Arbeitern gerufen. Und er 

bestatigte schwarz auf weifi, dafi sie nicht an Tuberkulose gestorben 

waren und auch nicht an Blutvergiftung, sondern am Herzen. Es 

war ein herzkranker Menschenschlag, alle Arbeiter Neuners starben 

»infolge Herzschwache«. Der Militararzt war ein guter Kerl, er 

mufke jeden Tag im Hotel Savoy Schnapse trinken und den Sant- 

schins Weine schenken, wenn es zu spat war. 

Die Gewerkschaftsfiihrer lebten auch schlecht, aber sie kamen sich 

vor wie Biirgermeister der Fabrik, und Neuner war ihr Konig. Jetzt 

suchten sie immer wieder Wege, um zu Neuner zu kommen. 

Er empfing sie mit Wein und Kaviarbrotchen, gab ihnen Vorschiisse 

und vertrostete sie mit Bloomfield. 

Es war dem Fabrikanten Neuner iiberhaupt gar nicht um die Arbeit 

zu tun. 

Bloomfield, dessen Arm weit war und iiber den groften Teich 

reichte, Bloomfield war an alien Fabriken seiner alten Vaterstadt be- 

teiligt. Wenn er einmal im Jahr heniberkam, ordnete sich alles, ohne 

dafi es Neuner etwas gekostet hatte. 

Neuner wartete auf Bloomfield. 

Man wartete also auf Bloomfield - nicht nur im Hotel Savoy. In der 

ganzen Stadt wartete man auf Bloomfield. Im Judenviertel erwartete 

man ihn, man hielt mit den Devisen zuriick, das Geschaft war flau. 

Man hoffte auf ihn in den oberen Stockwerken des Hotels, Hirsch 

Fisch zitterte vor Angst, Bloomfield konnte ein Unfall zugestofkn 

sein, und er hatte sich schon schone Lose traumen lassen. 

Ubrigens hatte sich Hirsch Fisch mit meinem Los geirrt, die Zie- 

hung war erst in zwei Wochen. Ich erfuhr es im Gemeindeamt. 

Auch in der Armenkiiche sprach die Welt von Bloomfield. Wenn er 



208 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

kam, bewilligte er alle Forderungen, die Erde bekam ein neues Ge- 
sicht. 

Was machte bei Bloomfield so eine Forderung? Soviel gab er im Tag 
fur Zigarren aus. 

Man erwartet Bloomfield iiberall: Im Waisenhaus ist ein Schornstein 
eingestiirzt, man richtet ihn nicht, weil Bloomfield jedes Jahr etwas fur 
das Waisenhaus gibt. Kranke Juden gehn nicht zum Arzt, weil Bloom- 
field die Rechnung bezahlen soil. Am Friedhof hat man eine Erdsen- 
kung bemerkt, zwei Kaufleute sind abgebrannt, die Kaufleute stehen 
in der Gasse mit ihren Warenballen, es fallt ihnen nicht ein, die Laden 
zu reparieren - womit sollten sie zu Bloomfield gehen? Die ganze Welt 
wartet auf Bloomfield. Man wartet mit dem Versetzen des Bettzeugs, 
mit Anleihen auf Hauser, mit Hochzeiten. 

Es ist eine grofie Spannung in der Luft. Abel Glanz sagt mir, er hatte 
Gelegenheit, jetzt eine gute Stellung anzunehmen. Aber lieber ware 
ihm eine Stellung bei Bloomfield. Ein Onkel des Glanz lebt in Ame- 
rika, bei dem konnte man wohnen, vielleicht gibt Bloomfield nur die 
Schiffskarte, ohne Anstellung, dann wiirde er sich schon durch den 
Onkel fortbringen. 

Glanz' Onkel verkauft Limonaden in den Strafien New Yorks. 
Sogar Phobus Bohlaug braucht Geld, um sein Geschaft zu »vergro- 
8ern«. Er wartet auf Bloomfield. 
Aber Bloomfield kommt nicht. 

Sooft der Zug aus Deutschland einfahrt, stehen viele Menschen am 
Bahnhof. Vornehme Herren mit braunen und gelben Reiseplaids kom- 
men mit grofien Lederkoffern, in Gummimanteln, mit zusammenge- 
rollten Schirmen in Etuis. 
Aber Bloomfield kommt nicht. 
Dennoch gehen die Menschen taglich zur Bahn. 



DRITTES BUCH 



XVIII 



Plotzlich war Bloomfield da. 

Es ist immer so mit den grofien Ereignissen, mit den Kometen und 

Revolutionen und Hochzeiten der regierenden Fiirsten. Die grofien 

Ereignisse pflegen iiberraschend zu kommen, und jede Erwartung be- 

wirkt nur, dafi sie zogern. 

Bloomfield, Henry Bloomfield kam in der Nacht um zwei Uhr im 

Hotel Savoy an. 

Um diese Zeit verkehrten keine Ziige - aber Bloomfield kam auch gar 

nicht mit der Bahn - war Bloomfield denn auf Eisenbahnen angewie- 

sen? Er fuhr von der Grenze im Auto hierher, in seinem amerikani- 

schen Salonauto, weil er sich auf die Eisenbahnen nicht verliefi. 

So einer war Henry Bloomfield: Das Sicherste schien ihm ungewifi, 

wenn alle Menschen mit dem Zugverkehr rechneten wie mit einem 

Naturgesetz, mit Sonne, Wind und Friihling, so machte Bloomfield 

eine Ausnahme. Er traute nicht einmal den Fahrplanen, obwohl sie 

doch staatlich waren und einen Adler trugen und Siegel von verschie- 

denen Bezirksdirektionen und das Resultat muhevoller Berechnungen 

waren. 

Bloomfield kam um zwei Uhr nachts im Hotel Savoy an, und Zwoni- 

mir und ich waren Zeugen seiner Ankunft. 

Wir kommen namlich um diese Zeit aus den Baracken. 

Zwonimir trank eine Menge und kiifite alle. Zwonimir konnte sehr viel 

trinken. Wenn er ins Freie kam, war er wieder niichtern, die Nachtluft 

nahm ihm jeden Rausch - »der Wind blast mir den Spiritus aus dem 

Kopf«, sagt Zwonimir. 

Die Stadt ist still, eine Turmuhr schlagt. Eine schwarze Katze lauft 

uber den Biirgersteig. Man kann die Atemziige der Schlafenden horen. 

Alle Fenster des Hotels sind dunkel, eine Nachtlampe lauert rotlich 

vor dem Eingang, in der engen Gasse sieht das Hotel aus wie ein duste- 

rer Riese. 

Durch die Scheiben der Hoteltur sieht man den Portier. Er hat die 

betrefke Livreekappe abgelegt - zum erstenmal sehe ich, dafi er einen 



210 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Schadel besitzt, ein wenig iiberrascht mich diese Tatsache. Der Portier 
hat ein paar graue Haarbiischel, sie wachsen um seine Glatze und rah- 
men sie ein wie eine Girlande eine Geburtstagsplatte. 
Der Portier streckt beide Beine weit von sich, er traumt gewifi, dafi er 
in einem Bett liegt. 

Die Normaluhr in der Portierloge zeigt drei Minuten vor zwei. 
In diesem Augenblick fahrt ein Kreischen durch die Luft, es 1st, als ob 
die ganze Stadt auf einmal aufschreien wiirde. 
Einmal und noch einmal und zum drittenmal kreischt es. 
Schon flitzt da und dort ein Fenster auf, zwei Stimmen sprechen. Ein 
Drohnen erschuttert das Holzpflaster, auf dem wir stehen. Ein weifier 
Schein erfiillt die Gasse, es ist, als ob ein Snick des Mondes in die 
schmale Gasse gefallen ware. 

Der weifie Schein kam von einer Laterne, einer Blendlaterne, einem 
Scheinwerfer: dem Scheinwerfer Bloomfields. 

So kam also Bloomfieid, wie ein Nachtangriff. Der Scheinwerfer erin- 
nert mich an den Krieg, ich dachte an »feindliche Flieger.« 
Es war ein grofies Auto. Der Chauffeur war ganz in Leder gepackt. Er 
stieg ab und sah aus wie ein Wesen einer fremden Welt. 
Das Auto ratterte noch ein bifichen. Es war bespritzt vom Kot der 
Landstrafie und war von der Grofie einer mafiigen Schiffskabine. 
Mir war zumute wie damals im Felde, wenn ein General inspizieren 
kam und ich zufallig Kompaniedienst hatte. Unwillkurlich streckte ich 
mich, nahm meine Glieder zusammen und wartete. Ein Herr im 
grauen Staubmantel stieg aus, ich sah seine Ztige nicht genau. Dann 
kam noch ein Herr, er trug den Mantel uberm Arm. Dieser zweite 
Herr war um ein betrachtliches kleiner, er sagte ein paar englische 
Worte, die ich nicht verstand. Ich merkte, daf? der kleine Herr Bloom- 
field sein musse und dafl der andere, sein Begleiter, einen Befehl aus- 
fiihrte. 

Nun war also Bloomfieid da. 
»Das ist Bloomfieid «, sage ich zu Zwonimir. 

Zwonimir will sich auf der Stelle davon iiberzeugen, er tritt auf den 
kleinen Herrn zu, der auf seinen Begleiter wartet, und fragt: 
»Mister Bloomfieid ?« 

Bloomfieid nickt nur mit dem Kopf, wirft einen Blick auf den grofien 
Zwonimir, er mufi auf Bloomfieid, den kleinen, den Eindruck eines 
Kirchturms machen. 



HOTEL SAVOY 211 

Dann wendet Bloomfield sich rasch wieder dem Sekretar zu. 

Der Portier war erwacht und trug seine Miitze wieder. Ignatz eilte 

gerade an uns vorbei. 

Zwonimir vergafi nicht, ihm einen Schiag zu versetzen. 

In der Bar war die Musik verstummt. Die kleine Tiir stand halb offen, 

Neuner und Kanner standen an der Tiir. 

Frau Jetti Kupfer kam heraus. 

»Bloomfield ist da!« sagte sie. 

»Ja, Bloomfield!« sagte ich. 

Und Zwonimir schrie und tanzte wie verriickt auf einem Bein. 

»Bloomfield ist da! ah-ah-ah!« 

»Still!« zischte Frau Jetti Kupfer und legte ihre fette Hand auf Zwoni- 

mirs Mund. 

Bloomfields Sekretar und Ignatz und der Portier schleppten zwei 

grofie Koffer in den Flur. 

Henry Bloomfield safi im Klubsessel des Portiers und ziindete sich 

eine Zigarette an. 

Neuner kam heraus. Er war erhitzt, auf seinem Gesicht gluhten die 

Schmisse, als waren sie mit Karmin aufgemalt. 

Neuner ging auf Bloomfield zu, Bloomfield blieb sitzen. 

»Guten Abend!« sagte Neuner. 

»Wie geht's!« sagte Bloomfield, nicht wie eine Frage, sondern wie 

einen Grufi. 

Er war gar nicht neugierig. 

Bloomfield - ich sah nur sein Profil - streckte Neuner eine diinne Kin- 

derhand entgegen. Sie verschwand spurlos in Neuners grower Pranke 

wie eine Kleinigkeit in einem Riesenetui. 

Sie sprachen deutsch, aber es schickte sich nicht zuzuhoren. 

Ignatz kam mit fliegender Zunge, einen Karton mit einer grofien, 

schwarzen Dreizehn in der Hand. Er nagelte den Karton an die Tiir- 

mitte. 

Zwonimir schlug Ignatz ein paarmal auf die Schulter, Ignatz zuckte 

nicht, er spiirte die Schlage gar nicht. 

Frau Kupfer kehrte in die Bar zuriick. 

Ich ware gerne noch fur ein halbes Stundchen hineingegangen, aber es 

schien mir gefahrlich, Zwonimir noch trinken zu lassen. 

Wir fuhren also selbst mit dem Lift hinauf, zum erstenmal ohne 

Ignatz. 



212 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Hirsch Fisch kam in Unterhosen. Er hatte Lust, so wie er war, bis zu 

Bloomfield hinunterzugehn. 

»Sie miissen sich anziehn, Herr Fisch!« sage ich. 

»Wie sieht er aus? Hat er schon zugenommen?« fragt er. 

»Nein! Er ist immer noch mager!« 

»Gott, wenn das der alte Bloomfield wufite«, sagt Fisch und kehrt 

wieder um. 

»Wenn man den Bloomfield umbringen konnte«, sagte Zwonimir, als 

er schon ausgezogen lag. 

Aber ich antwortete ihm nicht, weil ich weifi, dafi der Alkohol aus ihm 

spricht. 



XIX 

Am nachsten Morgen scheint mir das Hotel Savoy verandert. 

Die Aufregung hat sich meiner wie aller andern bemachtigt, hat mei- 

nen Blick gescharft fiir tausend kleine Veranderungen, so daft ich sie 

wie durch ein Fernrohr sehe mit machtig geschwollenen Dimensionen. 

Es ist moglich, daft die Stubenmadchen der drei unteren Stockwerke 

dieselben Haubchen tragen wie gestern und vorgestern. Mir scheint, 

daft die Hauben und Schlirzen neu gestarkt sind, wie vor einem Besuch 

des Kaleguropulos. Neue griine Schiirzen tragen die Zimmerkellner, 

auf dem roten Treppenlaufer ist kein einziger Zigarettenstummel zu 

sehen. 

Es ist eine unheimliche Sauberkeit. Man fiihlt sich nicht mehr hei- 

misch. Man vermiftt wohlbekannte Staubwinkel. 

Ein Spinnennetz in der Ecke des Fiinf-Uhr-Saals war mir eine Hebe 

Gewohnheit geworden, in der Ecke fehlt heute mein Spinnennetz. Ich 

weift, daft man eine schmutzige Hand bekam, wenn man iiber das Stie- 

gengelander strich. Heute ist die Handflache sauberer, als sie vorher 

gewesen, als bestiinde das Gelander aus Seife. 

Ich glaube, man hatte einen Tag nach der Ankunft Bloomfields auf 

dem Fufiboden essen konnen. 

Es riecht nach aufgelostem Bohnerwachs, wie daheim in der Leopold- 

stadt einen Tag vor Ostern. 

Etwas Feiertagliches lxegt in der Luft. Wenn Glocken lauten wiirden, 

ware es selbstverstandlich. 



HOTEL SAVOY 213 

Wenn plotzlich jemand mich beschenkte - es ware nichts Ungewohn- 

liches. An solchen Tagen mufi man beschenkt werden. 

Und trotzdem regnete es draufkn in diinnen Schniiren, und der Regen 

war voller Kohlenstaubchen. Es war ein dauerhafter Regen, er hing 

iiber der Welt wie ein ewiger Vorhang. Die Menschen stiefien mit den 

Regenschirmen zusammen und trugen hochaufgeschlagene Mantelkra- 

gen. Die Stadt bekommt an solchen Regentagen erst ihr wirkliches Ge- 

sicht. Der Regen ist ihre Uniform. Es 1st eine Stadt des Regens und der 

Trostlosigkeit. 

Die holzernen Biirgersteige faulen, die Bretter quietschen, wenn man 

auf sie tritt, wie schadhafte, nasse Schuhsohlen. 

Der gelbe, trage Brei in den Rinnen lost sich auf und fliefk trage dahin. 

Tausend Kohlenstaubchen birgt jeder Regentropfen, sie bleiben auf 

den Gesichtern und Kleidern der Menschen liegen. 

Dieser Regen konnte durch die dicksten Kleider dringen. Man hatte im 

Himmel grofte Reinigung und schiittete die Kiibel auf die Erde. 

An solchen Tagen mufke man im Hotel bleiben, im Funf-Uhr-Saal 

sitzen und die Leute ansehn. 

Der erste Zug, der aus dem Westen kam, um zwolf Uhr mittags, 

brachte drei Fremde aus Deutschland. 

Sie sahen aus wie Drillinge, sie bekamen alle drei nur ein Zimmer - 

Nummer 16 horte ich - sie hatten ganz gut alle drei in ein Bett gepafit 

wie Drillinge in eine Wiege. 

Alle drei hatten Regenmantel uber die Sommermantel gestreift, alle 

waren gleich klein gewachsen und hatten spitze Bauchlein von einer 

Firma. Alle hatten schwarze Schnurrbartchen und kleine Augen und 

grofie karierte Schirmkappen und Regenschirme in Etuis. Es war ein 

Wunder, daft sie sich selbst nicht verwechselten. 

Der nachste Zug, der um vier Uhr nachmittags kam, brachte einen 

Herrn mit einem Glasauge und einen jungen, kraushaarigen Mann mit 

geknickten Knien. 

Und am Abend um neun kamen noch zwei junge Herren mit spitzen 

franzosischen Stiefeln und diinnen Sohlen. Es waren Manner von 

neuestem Schnitt. 

Die Zimmer 17, 18, 19, 20 im Hochparterre waren besetzt. 

Henry Bloomfield lernte ich beim Funf-Uhr-Tee kennen. 

Das hatte ich Zwonimir zu verdanken, der mit dem Militararzt plau- 

derte. Ich safi dabei und las in einer Zeitung. 



214 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Bloomfield kommt mit seinem Sekretar in den Saal, und der Militar- 
arzt begriifit ihn an unserm Tisch. Als er Zwonimir vorstellen will, 
sagt Bloomfield: »Wir kennen uns schon« und gibt uns beiden die 
Hand. 

Seine kleine Kinderhand hat einen kraftigen Druck. Sie ist knochig 
und kiihl. 

Der Militararzt erzahlt mit lauter Stimme und interessiert sich fur 
amerikanische Verhaltnisse. Bloomfield spricht sehr wenig, sein Se- 
kretar beantwortet alle Fragen. 
Sein Sekretar ist ein Jude aus Prag und heifit Bondy. 
Er spricht artig und beantwortet die dummsten Fragen des Militar- 
arztes. Sie sprechen iiber das Alkoholverbot in Amerika. Was macht 
man in so einem Lande? 

»Was macht man in Amerika, wenn man traurig ist - ohne Alkohol?« 
fragt Zwonimir. 

»Man spiel t Grammophon«, sagt Bondy. 
Das also ist Henry Bloomfield. 

Ich habe ihn mir ganz anders vorgestellt. Ich habe geglaubt, daft 
Bloomfield das Gesicht, den Anzug, die Gebarden eines neuen Ame- 
rikaners hat. Ich habe geglaubt, daft Henry Bloomfield sich seines 
Namens und seiner Heimat schamt. Nein, er schamt sich nicht. Er 
erzahlt von seinem Vater: 

Das Trinken schadet nur den Betrunkenen, hatte der alte Bloomfield 
gesagt, und Henry Bloomfield, sein Sohn, weift noch die Ausspruche 
seines alten judischen Vaters. 

Er hat ein kleines Hundegesicht und grofte gelbe Hornbrilien. Seine 
grauen Augen sind klein, aber nicht flink, wie kleine Augen manch- 
mal sind, sondern langsam und grundlich. 

Henry Bloomfield sieht sich alles genau an, seine Augen lernen die 
Welt auswendig. 

Sein Anzug ist nicht amerikanisch geschnitten, und seine diinne, 
kleine Gestalt ist altmodisch elegant. Eine grofte weifte Halskrause 
hatte zu seinem Gesicht gepaftt. 

Henry Bloomfield trinkt seinen Mokka sehr schnell, eine halbe Schale 
laftt er stehn. Er nippt nur flink, wie ein durstiger Vogel. 
Er bricht ein kleines Tortchen entzwei und laftt ein halbes liegen. Er 
hat keine Geduld fur die Nahrung, er vernachlassigt seinen Leib, er 
ist mit gewaltigen Dingen beschaftigt. 



HOTEL SAVOY 215 

Er denkt an grofte Griindungen, Henry Bloomfield, des alten Blumen- 
felds Sohn. 

Viele Menschen kamen vorbei und begriifiten Bloomfield, sein Sekre- 
tar Bondy sprang immer auf, er schnellte in die Hohe, als zoge ihn 
jemand an einem Gummiband, Bloomfield aber blieb immer sitzen. Es 
schien, daft der Sekretar auch die Aufgabe hatte, alle Hoflichkeit fur 
Bloomfield zu erfiillen. 

Einigen reichte Bloomfield sein kleines Handchen, den meisten nickte 
er nur zu. Dann steckte er seinen Daumen in die Westentasche und 
trommelte mit den iibrigen vier Fingern auf der Weste. 
Manchmal gahnt er, ohne daft man es merkt. Ich beobachte nur, wie 
seine Augen wasserig werden und seine Brille triibe. Er putzt sie mit 
einem riesengroften Taschentuch. 

Er schien sehr verminftig, der kleine grofte Henry Bloomfield. Nur 
dafi er just im Zimmer Nummer 13 wohnen mufite, war amerikanisch. 
Ich glaube nicht an die Ehrlichkeit seines Aberglaubens. Ich habe gese- 
hen, daft viele vernunftige Menschen sich absichtlich eine kleine Ver- 
riicktheit zulegen. 

Zwonimir war merkwiirdig still. So still war Zwonirrur noch nie gewe- 
sen. Ich hatte Angst, dafi er iiber eine Moglichkeit nachdachte, Bloom- 
field umzubringen. 

Plotzlich kommt Alexanderl herein. Er griiftt sehr tief, er schont seinen 
neuen Filzhut nicht. Er lachelt mir intim zu, so daft jeder merken mufi: 
Hier sitzen Alexanders Freunde. 

Alexander geht ein paarmal hin und zuriick durch den Raum, als 
suchte er jemanden. 

In Wirklichkeit aber hat er hier niemanden zu suchen. 
»Amerika ist doch ein interessantes Land«, sagte der dumme Militar- 
arzt, weil man schon eine Weile geschwiegen hatte. 
Und er fuhr mit seiner alten Klage fort: »Hier in dieser Stadt verbauert 
man. Der Schadel wird einem zugenaht. Das Gehirn verdorrt.« 
»Aber die Kehle nicht«, sage ich. 

Bloomfield sah mich mit einem dankbaren Blick an. Kein Zug seines 
Gesichts verriet, daft er lachelte. Nur seine Augen bemuhten sich, von 
unten her iiber den Rand der Brille zu blicken, und bekamen so einen 
spottischen Ausdruck. 

»Sie sind ja fremd hier?« fragte Bloomfield und sah uns beide an, Zwo- 
nimir und mich. 



2l6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Es war die erste Frage, die Bloomfield getan hatte, seitdem er ange- 

kommen war. 

»Wir sind Heimkehrer«, sage ich, »und halten uns nur zum Spafi hier 

auf. Wir wollen weiterfahren, mein Freund Zwonimir und ich.« 

»Sie sind schon lange unterwegs«, fiel der hofliche Bondy ein. 

Es war ein prachtiger Sekretar - Bloomfield brauchte nur ein Stichwort 

zu sagen, und schon setzte Bondy Bloomfields Gedanken in Rede um. 

»Sechs Monate«, sage ich, »sind wir unterwegs. Und wer weifi, wie 

lange noch.« 

»Es ist Ihnen schlimm ergangen in der Gefangenschaft?« 

»Im Kriege war es schlimmer«, sagt Zwonimir. 

Wir sprechen nicht mehr viel an diesem Tage. 

Die drei Reisenden aus Deutschland kommen in den Saal, Bloomfield 

und Bondy verabschieden sich und setzen sich mit den Drillingen an 

den Tisch. 



XX 



Die Branche der Drillinge waren Juxgegenstande - das erfuhr ich am 
nachsten Tage vom Zimmerkellner. Es waren keine Drillingsbriider. 
Die gemeinsamen Interessen hatten sie so verbriidert. 
Viele Menschen kamen aus Berlin, dem letzten Aufenthalt Bloom- 
fields. Sie reisten ihm nach. 
Nach zwei Tagen kam Christoph Kolumbus. 

Christoph Kolumbus war Bloomfields Friseur. Er gehorte zum Ge- 
pack Bloomfields und kam immer als Nachsendung. 
Er ist ein gesprachiger Mensch, der Abkunft nach ein Deutscher. Sein 
Vater war ein Verehrer des grofien Kolumbus gewesen und hatte sei- 
nen Sohn Christoph Kolumbus getauft. Aber der Sohn mit dem gro- 
ften Namen ward ein Friseur. 

Er ist ein Mann mit Geschaftssinn und guten Manieren. Er stellt sich 
jedem vor: Christoph Kolumbus, Friseur des Mister Bloomfield. Er 
spricht ein gutes Deutsch mit rheinlandischem Akzent. 
Christoph Kolumbus ist schlank und grofi und hat gekrauseltes Haar, 
blondes, und gutmiitige Augen, wie aus blauem Glas. 
Er ist der einzige bessere Friseur in dieser Stadt und im Hotel Savoy, 
und weil er kein Geld verschmaht und es ihm sonst langweilig wiirde, 



HOTEL SAVOY ZY] 

beschliefit er, sich im Hotel einen Laden zu eroffnen, und er be- 

wirbt sich um die Erlaubnis bei Bloomfield. 

Es gab gerade einen freien kleinen Raum neben der Loge des Por- 

tiers. Dort lagerten immer Gepackstiicke der Gaste, die im Begriff 

waren abzureisen oder sich fur ein paar Tage entfernt hatten, um 

wiederzukommen. 

Ignatz erzahlte mir, daft Christoph Kolumbus sich in diesem Raum 

festsetzen wollte. 

Es gelang ihm, Kolumbus war ein gescheiter Kerl. Dunn und 

schlank, wie er war, schien er in jeden Winkel zu passen. Es war 

uberhaupt sein Schicksal, Liicken im Leben zu erspahen und sie aus- 

zufiillen. Wahrscheinlich war er so Bloomfields Friseur geworden. 

Die Leute wufiten hier kaum, daft der Friseur einen beriihmten Na- 

men lacherlich machte. Nur Ignatz wuftte es und der Militararzt 

und Alexanderl. 

Zwonimir fragte mich: »Gabriel, du bist ein gebildeter Mann, hat 

Kolumbus Amenka entdeckt oder nicht?« 

»Ja.« 

»Und wer war Alexander?« fragte Zwonimir weiter. 

»Alexander war ein mazedonischer Konig und ein grofter Welter- 

oberer.« 

»So, so«, sagte Zwonimir. 

Am Abend kamen wir mit Alexanderl im Fiinf-Uhr-Saal zusammen. 

»Was sagen Sie zu diesem Friseur Kolumbus ?« lachte Alexander. 

»Ausgerechnet Kolumbus heiftt er.« 

Zwonimir schickt mir einen schnellen Blick zu und sagt: 

»Wenn ein Friseur Christoph Kolumbus heiftt, ist es noch lange 

nicht so schlimm. Aber Sie heiften Alexander! . . .« 

Das war ein gutes Wort, und Alexander schwieg, 

Manchmal sage ich: »Zwonimir, laft uns abreisen.« 

Aber jetzt will Zwonimir erst recht nicht. Bloomfield ist da, und das 

Leben wird von Tag zu Tag interessanter. Es kommen mit jedem 

Zug Fremde aus Berlin. Kaufleute und Agenten und Nichtstuer. 

Alle Menschen zieht Bloomfield herbei. Der Friseur Kolumbus ra- 

siert heftig. Der Gepackraum sieht freundlich aus, mit zwei groften 

Wandspiegeln und einer Marmorplatte. Kolumbus ist der geschick- 

teste Barbier, den ich in meinem Leben je gesehn habe. In fiinf Mi- 

nuten ist man fertig. Das Haarschneiden besorgt er nach neuester 



2l8 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Methode mit dem Rasiermesser. Nie hort man in seinem Laden eine 

Schere klappern. 

Weifi der Teufel, woher Zwonimir das Geld fiir uns beide nahm. Un- 

sere Zimmerrechnung war schon sehr hoch. Zwonimir dachte nicht 

daran, sie zu bezahlen. Sein Geld legte er jeden Abend vor dem Schla- 

fengehn unters Kopfkissen. Er hatte Angst, dafi ich es ihm stehlen 

konnte. 

Wir lebten fast so gut wie Bloomfield und gingen in die Armenkiiche, 

wenn es uns gefiel. Und wenn es uns nicht gefiel, afien wir im Hotel. 

Und nie ging uns das Geld aus. 

Einmal sage ich zu Zwonimir: »Ich packe und gehe zu Fufi weiter! 

Wenn du nicht willst, bleib hier!« 

Da weinte Zwonimir. Es waren ehrliche Tranen. 

»Zwonimir«, sage ich, »dies ist mein letztes Wort: Sieh im Kalender 

nach, heute ist Dienstag, heute in zwei Wochen reisen wir.« 

»Ganz bestimmt«, sagt Zwonimir und schwort es laut und feierlich, 

obwohl ich es gar nicht verlange. 



XXI 



Am Nachmittag desselben Tages bat mich der Sekretar Bondy auf 

einen Augenblick an den Tisch Bloomfields. 

Bloomfield brauchte noch einen Sekretar fiir die Zeit, in der er hier 

war. Man mufke die Besucher scheiden konnen in lastige und mitzliche 

und mit beiden Arten verhandeln. 

Ob ich nicht jemanden wufite, fragte Bondy. 

Nein, ich wiifite keinen, aufier Glanz. 

Aber da macht Bloomfield eine abwehrende Handbewegung. Glanz 

war nichts fiir ihn, das bedeutete diese Bewegung. 

»Wollen Sie nicht diese Stellung annehmen?« sagt Bloomfield. Es war 

keine Frage. Bloomfield sprach iiberhaupt nicht in fragendem Ton, er 

sagte alles nur vor sich hin, als wiederhole er oft erorterte Dinge. 

»Wir wollen sehn!« sage ich. 

»Dann - konnen Sie morgen in Ihrem Zimmer - Sie wohnen?« 

»703.« 

»Bitte morgen anzufangen, Sie bekommen einen Sekretar. « 

Ich verabschiede mich und fiihle, wie Bloomfield mir nachsieht. 



HOTEL SAVOY 219 

»2wonimir«, sage ich, »jetzt bin ich Bloomfields Sekretar.« 
»Amerika«, sagt Zwonimir. 

Es war meine Aufgabe, die Leute anzuhoren, sie und ihre Projekte zu 
beurteilen und Bloomfield iiber die Gaste jedes Tags schriftlichen Be- 
richt zu erstatten. 

Ich notierte mir Aussehen, Stellung, Geschaft, Vorschlag jedes Besu- 
chers und beschrieb alles. Ich diktierte einem Madchen in die Maschine 
und gab mir sehr viel Miihe. 

Bloomfield schien nach den ersten zwei Tagen mit meiner Arbeit zu- 
frieden, denn er nickte mir am Nachmittag, wenn wir uns trafen, sehr 
wohlwollend zu. 

So lange hatte ich nichts mehr gearbeitet - ich freute mich. Es war eine 
Beschaftigung, die mir behagte, denn ich war auf mich angewiesen und 
trug die Verantwortung fur alles, was ich berichtete. Ich hutete mich, 
mehr zu berichten, als notig war. Dennoch lieferte ich manchmal einen 
Roman. 

Ich arbeitete von zehn bis vier. Jeden Tag kamen fiinf oder sechs oder 
mehr Besucher. 

Ich wuftte wohl, was Bloomfield von mir wollte. Er wollte eine Kon- 
trolle seiner selbst. Er verlieft sich nicht in allem auf sein eigenes Urteil 
- er hatte auch keine Zeit, iiber jeden nachzudenken -, und er wollte 
auch eine Bestatigung seiner eigenen Beobachtungen. 
Henry Bloomfield war ein verniinftiger Mensch. 
Die Juxdrillinge hiefien Nachmann, Zobel und Wolff und standen alle 
drei innig auf einer Visitkarte. 

Nachmann, Zobel und Wolff hatten herausgefunden, dafi man in die- 
ser Gegend Europas noch keine Juxgegenstande kannte. Sie kamen mit 
Geld, sie bewiesen es und sprachen sehr verniinftig. Seit Jahren stand 
in diesem Ort die Spinnerei des verstorbenen Maiblum leer. Man 
konnte sie mit wenig »Unkosten«, sagte Wolff, reparieren. Herr Nach- 
mann wiirde hierbleiben - sie brauchten eigentlich nicht so sehr das 
Geld Bloomfields wie seinen Namen. Die Firma sollte Bloomfield und 
Compagnie heiften und die Gegend und Rutland mit Juxgegenstanden 
versorgen. 

Die Drillinge wollten Feuerwerk, Papierschlangen, Serpentinen, 
Knallerbsen und Frosche fabrizieren. 

Ich horte dann, daft Bloomfield die Idee mit den Juxgegenstanden sehr 
gefallen hatte, und sah nach zwei Tagen, wie langsam ein holzernes 



220 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Geriist urn die Maiblumsche Fabrik wuchs und wuchs, bis das ganze 
halbzerfallene Gemauer von Holz eingedeckt war wie ein Monument 
im Winter. 

Nachmann, Zobel und Wolff hielten sich hier lange auf. Man sah sie 
unzertrennlich durch die Strafien und Platze der Stadt schleichen. Alle 
drei kamen in die Bar und holten sich ein Madchen an den Tisch. 
Sie fiihrten ein inniges Familienleben. 

Man begegnet mir mit mehr Ehrfurcht als je vorher im Hotel Savoy. 
Ignatz schlagt seine biergelben Kontrollaugen nieder, wenn er mit mir 
zusammentrifft, im Lift oder in der Bar. Der Portier griifk mich tief. 
Die DrilHnge ziehen gleichmafiig vor mir die Hike. 
Gabriel, sage ich mir, du kommst mit einem Hemd im Hotel Savoy an 
und fahrst weg als ein Gebieter liber zwanzig Koffer. 
Verborgene Turen offnen sich auf meinen Wunsch, Menschen geben 
sich mir preis. Wundersame Dinge tun sich kund. Und ich stehe da, 
bereit, alles aufzunehmen, was mir zustromt. Die Menschen bieten 
sich mir an, unverhiillt liegen ihre Leben vor mir. Ich kann ihnen nicht 
helfen noch schaden - sie aber, froh, ein Ohr gefunden zu haben, das 
sie anhoren mufi, schutten Leid und Geheimnis vor mir aus. 
Es geht ihnen schlecht, den Menschen, riesenhaft steht ihr Weh vor 
ihnen, eine grofie Mauer. Eingesponnen sitzen sie in staubgrauen Sor- 
gen und zappeln wie gefangene Fliegen. Dem fehlt es an Brot, und 
jener ifit es mit Bitterkeit. Der will satt sein und jener frei. Hier regt 
einer seine Arme und glaubt, es waren Fliigel, und er wiirde sich im 
nachsten Augenblick, Monat, Jahr iiber die Niederung seiner Welt er- 
heben. 

Es ging ihnen schlecht, den Menschen. Das Schicksal bereiteten sie sich 
selbst und glaubten, es kame von Gott. Sie waren gefangen in Uberlie- 
ferungen, ihr Herz hing an tausend Faden, und ihre Hande spannen 
sich selbst die Faden. Auf alien Wegen ihres Lebens standen die Ver- 
botstafeln ihres Gottes, ihrer Polizei, ihrer Konige, ihres Standes, Hier 
durften sie nicht weitergehn und dort nicht bleiben. Und nachdem sie 
so ein paar Jahrzehnte gezappelt, geirrt hatten und ratios gewesen, 
starben sie im Bett und hinterlieEen ihr Elend ihren Nachkommen. 
Ich saft im Vorhof dcs lieben Gottes Henry Bloomfield und registrierte 
Gebete und Wiinsche seiner kleinen Menschen. Die Leute kamen zu- 
erst zu Bondy, und ich empfing nur jene, die einen Zettel von ihm 
vorzeigten. Zwei oder drei Wochen wollte Bloomfield bleiben - und 



HOTEL SAVOY 221 

nach drei Tagen sah ich, dafi er mindestens zehn Jahre hierbleiben 
muftte. 

Ich lernte den kleinen Isidor Schabel kennen, der einmal rumanischer 
Notar gewesen und wegen einer Unterschlagung aufgehort hat, Notar 
zu sein. Er wohnt schon das sechste Jahr im Hotel Savoy, im Krieg hat 
er hier gewohnt, zusammen mit den Offizieren der Etappe. Er ist sech- 
zig Jahre alt, er hat Frau und Kinder in Bukarest, und sie schamen sich 
seiner - sie wissen gar nicht, wo er sich befindet. Nun, glaubt er, ware 
es an der Zeit, an der Rehabilitierung zu arbeiten, fiinfzehn Jahre sind 
seit jener ungliicklichen Geschichte vergangen, es ware wohl an der 
Zeit heimzukehren, nachzusehen, was Frau und Kinder treiben, ob sie 
leben, ob der Sohn Offizier geworden, trotz des vaterlichen Unglucks. 
Er ist ein merkwiirdiger Mensch, er will die Charge seines Sohnes wis- 
sen - und hat so viele Sorgen. Er lebt von kleinen Winkelschreibereien. 
Ein Jude kommt manchmal zu ihm und lafit sich ein Gesuch an die 
Behorde aufsetzen, eine Befreiung von der Erbschaftssteuer zum Bei- 
spiel. 

Seine Koffer sind langst von Ignatz gepfandet, er ifit gerostete Kartof- 
feln zu Mittag, aber er will wissen, ob sein Sohn Offizier ist. 
Vor einem Jahr war er schon bei Bloomfield, ohne Erfolg. 
Er braucht eine hohe Summe, um zu seinem Recht zu kommen. Er 
blieb hartnackig dabei, dafi er im Recht war. 

Er frafi sich in seine Bitterkeit hinein. Heute noch bat er schiichtern, 
morgen wurde er fluchen, und in einem Jahr hatte ihn der Wahnsinn 
ergriffen. 

Ich kenne Taddeus Montag, Zwonimirs Freund, den Schildermaler, 
der eigentlich ein Karikaturist ist. Er ist mein Nachbar, Zimmer 705. 
Nun bin ich schon ein paar Wochen hier, und neben mir hungerte 
Taddeus Montag, und niemals schrie er. Die Menschen sind stumm, 
stummer als die Fische, friiher einmal riefen sie noch, wenn ihnen et- 
was weh tat, aber im Laufe der Zeit gewohnten sie sich das Rufen ab. 
Taddeus Montag ist ein Todeskandidat, diinn, blafi und grofi steigt er 
sachte herum, seinen Schritt hort man nicht einmal auf den nackten 
Steinfliesen des sechsten Stockwerks. Er geht auf zerrissenen Sohlen 
allerdings, aber selbst die weichen Pantoffeln Hirsch Fischs werden auf 
diesen Steinfliesen horbar. Taddeus Montag aber hat schon die lautlo- 
sen Schattensohlen eines Seligen. Er kommt schweigend, wie ein Stum- 
mer steht er an der Tiir und zerreiftt das Herz mit seiner Stummheit. 



222 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er kann nichts dafiir, Taddeus Montag, dafi er kein Geld verdient. Er 

zeichnete die Karikatur des Planeten Mars oder den Mond oder langst 

verstorbene Griechen-Helden. Agamemnon war auf seinen Bildern zu 

finden, wie er Klytamnestra betriigt - im Felde, mit einem rundlichen 

trojanischen Madchen. Auf einem Hugel stand Klytamnestra und sah 

durch ein riesiges Opernglas die Schande ihres Mannes. 

Ich entsinne mich, dafi Taddeus Montag die ganze Geschichte von den 

Pharaonen bis zur Gegenwart grotesk verdrehte. Montag reichte seine 

verriickten Blatter so selbstverstandlich heriiber, als zeigte er Hosen- 

knopfe zur Auswahl. Einmal zeichnete Taddeus Montag ein Schild fur 

einen Tischlermeister. Er zeichnete einen uberdimensionalen Hobel in 

die Mitte, daneben auf einem grofien Holzgeriist einen Mann mit 

einem Zwicker auf der Nase, der einen kleinen Bleistift an dem riesigen 

Hobel spitzte. 

Und dieses Schild lieferte er sogar ab. - 

Es kamen wunderbare Liigner, der Mann mit dem Glasauge, der ein 

Kino gninden wollte. Nun war die Ausfuhr deutscher Filme sehr 

schwierig, das wufite Bloomfield - und liefi sich auf die Sache gar nicht 

ein. 

In dieser Stadt fehlt nichts so sehr wie ein Kinotheater. Es ist eine 

graue Stadt mit viel Regen und triiben Tagen, die Arbeiter streiken. 

Man hat Zeit. Die halbe Stadt wiirde tagsiiber und eine halbe Nacht im 

Kino sitzen. 

Der Mann mit dem Glasauge heifit Erich Kohler und ist ein kleiner 

Regisseur aus Munchen. Er stammt aus Wien, so erzahlt er, aber mich 

kann er nicht tauschen, mich, der ich die Leopoldstadt kenne. Erich 

Kohler stammt, es ist kein Zweifel, aus Czernowitz, und das Auge hat 

er nicht im Krieg verloren. Das hatte schon ein viel grofierer Weltkrieg 

sein miissen. 

Er ist ein ungebildeter Mensch, er verwechselt Fremdwdrter, er ist ein 

schlimmer Mensch - er liigt nicht aus Freude an der Luge, sondern er 

verkauft seine Seele um schabigen Gewinn. 

»In Munchen habe ich die Kammerlichtspiele eroffnet, mit einer An- 

sprache an die Presse und die versammelten Behorden. Es war im letz- 

ten Kriegsjahr, wenn die Revolution nicht gekommen ware - Sie wiifi- 

ten heute besser, wer Erich Kohler ist. « 

Und eine Viertelstunde spater erzahlt er von intimen Freundschaften 

mit russischen Revolutionaren. 



HOTEL SAVOY 223 

Er war eine Grofie, der Erich Kohler. 

Der andere Herr, der Jungling mit den franzosischen Stiefeln, ein El- 

sasser, versprach Gaumontfilme und griindete wirklich ein Kino. 

Bloomfield hatte keine Lust, den Leuten seiner Heimatstadt Vergnu- 

gungen zu verschaffen. Aber der franzosische Jungling kaufte einen 

Milchladen von Frankel, dessen Geschaft schlechtging, und druckte 

Plakate und verkiindete Amusement fur Jahrzehnte. 

Nein, es war nicht leicht, von Bloomfield Geld zu bekommen. 

Ich war mit Abel Glanz in der Bar, da safl die alte Gesellschaft. Glanz 

erzahlte mir im Vertrauen - Glanz erzahlte alles im Vertrauen -, daft 

Neuner kein Geld bekommen hatte und daf? Bloomfield uberhaupt 

kein geschaftliches Interesse an dieser Gegend mehr hatte. In einem 

Jahr verzehnfachte sich sein Vermogen in Amerika - was ging ihn die 

schlechte Valuta an? 

Bloomfield hatte viele enttauscht. Die Leute wurden ihre Devisen 

nicht los, das Geschaft ging genauso weiter, als ware Bloomfield aus 

Amerika gar nicht gekommen. Dennoch verstand ich nicht, weshalb 

jetzt plotzlich die Fabrikanten mit ihren Frauen auf den Plan traten 

und mit den Tochtern. 

Es anderte sich namlich inzwischen vieles in der Gesellschaft des Fiinf - 

Uhr-Saals. 

Vor allem hat Kaleguropulos Musik bestellt, eine fiinf Mann starke 

Kapelle, sie spielt Walzer wie Marsche, das Temperament geht mit ih- 

nen durch. Fiinf russische Juden spielen jeden Abend Operetten. Und 

der Primgeiger hat gekrauseltes Haar fiir die Damen. 

Nie waren Damen zu sehen gewesen. 

Jetzt hatte Fabrikant Neuner Frau und Tochter, Kanner war Witwer 

mit zwei Tochtern, Siegmund Fink hatte eine junge Frau, und dann 

kam noch Phobus Bohlaug, mein Onkel, mit seiner Tochter. 

Phobus Bohlaug begriifit mich mit herzlichen Vorwiirfen. Ich hatte 

ihn besuchen miissen. 

»Ich habe jetzt keine Zeit«, sage ich. 

»Du brauchst kein Geld mehr«, antwortet Phobus. 

»Sie haben mir nie etwas gegeben -« 

»Nichts fiir ungut«, flotet mein Onkel Phobus. 



224 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XXII 

Ich verstand nicht, wozu Henry Bloomfield eigentlich gekommen war. 
Nur um die Musik spielen zu lassen? Damit die Damen kamen? 
Eines Tages tauchte Zlotogor, Xaver Zlotogor, der Magnetiseur, im 
Fiinf-Uhr-Saal auf. Er hatte sein schelmisches Judenjungengesicht auf- 
gesetzt, er ging zwischen den Tischen herum und begriifite die Damen, 
und sie nickten ihm alle freundlich zu und baten ihn, Platz zu nehmen. 
Er mufite sich an jeden Tisch setzen, iiberall safi er fiinf Minuten und 
stand auf, und dann kiifite er den Damen die Hande, er kiifite funfund- 
zwanzig Hande in einer Stunde. 

Er kam auch zu mir, Zwonimir safi auch dabei und fragte ihn: 
»Sind Sie der Mann mit dem Esel?« 

»Ja«, sagte Zlotogor, ein bifichen befremdet, denn er war ein stiller 
Mensch, sein Element war die Lautlosigkeit, er hafite das Gepolter 
Zwonimirs. 

»Ein guter Witz«, lobt Zwonimir weiter und weifi nicht, dafi seine 
laute Frohlichkeit nicht erwiinscht ist. 
Den Xaver Zlotogor konnte er allerdings nicht vertreiben. - 
Im Gegenteil: Zlotogor setzte sich und erzahlte mir, dafi er eine gute 
Idee habe. Es war jetzt keine Saison fur offentlichen Magnetismus, er 
wollte die Ferien ausniitzen und privat magnetisieren. Im Hotel, in 
seinem grofien Zimmer im dritten Stock. Er wollte Damen empfangen, 
die an Kopfschmerzen linen. 
»Prachtige Idee«, schreit Zwonimir. 

»Herr Doktor«, schreit Zwonimir zum Militararzt hiniiber, und Zlo- 
togor, der Magnetiseur, sitzt da, er hatte Zwonimir erdolchen mogen. 
Aber Zwonimirs starker Natur schadet kein Magnetismus. 
Der Militararzt kommt heriiber. 

»Sie bekommen Konkurrenz«, sagt Zwonimir und zeigt auf den Ma- 
gnetiseur. 

Xaver Zlotogor sprang auf, er wollte grofieres Ungliick verhiiten und 
das Geschrei Zwonimirs und erzahlte deshalb selbst von seinen Ab- 
sichten. 

»Gott sei Dank«, sagt der Militararzt, der nicht gerne arbeitet. »Da 
werde ich kein Aspirin mehr verschreiben. Ich schicke Ihnen alle Pa- 
tienten.« 
»Verbindlichen Dank«, sagt Zlotogor und verneigt sich. 



HOTEL SAVOY 225 

Und am nachsten Tag kamen ein paar Damen und schickten Briefe zu 

Zlotogor hinauf. Ins Hotel traute sich keine, aber Zlotogor nahm es 

nicht genau. Er ging in die Hauser magnetisieren. 

»Es ist merkwiirdig«, sage ich zu Zwonimir, »siehst du, wie sich die 

Menschen verandern, weil Bloomfield, mein Chef, da ist? Jeder hat 

plotzlich geschaftliche Ideen in diesem Hotel und in dieser Stadt. Jeder 

will Geld verdienen.« 

»Ich habe auch eine Idee«, sagte Zwonimir. 

»Ja?« 

»BloomfieId umzubringen.« 

»Wozu?« 

»So zum Spafi, das ist ja keine geschaftliche Idee, und sie hat auch 

keinen Zweck.« 

»Weif5t du iibrigens, wozu Bloomfield da ist?« 

»Um Geschafte zu machen.« 

»Nein, Zwonimir, Bloomfield pfeift auf diese Geschafte. Ich mochte 

gerne wissen, weshalb er hier ist. Vielleicht liebt er eine Frau. Aber die 

konnte er ja hinubernehmen. Eine Frau ist kein Haus, aber sie kann 

auch verheiratet sein. Dann ist sie noch schwieriger fortzubringen als 

ein Haus. Ich glaube nicht, dafi Bloomfield hierherkommt, um die Fa- 

brik des seligen Maiblum zu reparieren. Juxgegenstande interessieren 

ihn nicht. Er hat Geld genug, um ein Viertel Amerikas mit Juxgegen- 

standen zu versorgen. Ist er hierhergekommen, um in seiner Heimat 

ein Kino zu finanzieren? Er gibt nicht einmal dem Neuner Geld, und 

die Arbeiter streiken schon die fiinfte Woche!« 

» Weshalb gibt er kein Geld?« sagt Zwonimir. 

»Frag ihn doch.« 

»Ich werde ihn nicht fragen. Es geht mich nichts an. Es ist eine Ge- 

meinheit.« 

Mir schien, dafi Neuner sich nur mit Bloomfield herausredete und dafi 

ihm nichts mehr an den Fabriken lag. Es war eine schlechte Zeit, das 

Geld hatte seinen Wert verloren. Abel Glanz sagte, Neuner spekuliere 

lieber an der Zuricher Borse, er handele mit Valuta. Er bekam jeden 

Tag Telegramme - sie kamen aus Wien, Berlin, London. Man kabelte 

ihm Kurse, er kabelte Auftrage, was ging ihn die Fabrik an. 

Es war vergeblich, Zwonimir diese verwickelten Dinge zu erklaren, er 

wollte sie nicht verstehen, weil er fuhlte, dafi es ihn Miihe kosten 

wu'rde, und weil er eigentlich ein Bauer war, der taglich in die Ba- 



226 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

racken ging, nicht nur wegen der Heimkehrer, sondern weil die Ba- 
racken in der Nahe der Felder standen und Zwonimirs Seele sich 
sehnte nach den Garben und Sensen und Vogelscheuchen der heimat- 
lichen Acker. 

Jeden Tag bringt er mir Nachrichten vom Weizen, und in seiner Ta- 
sche birgt er blaue Kornblumen. Er fluent, weil die Bauern hierzu- 
lande keine Ahnung haben von der richtigen Behandlung der Erde - 
sie lieben es, ihre Kiihe laufen zu lassen, wie es den Tieren gefallt. Sie 
laufen auch in die Ahren, und man kann sie nur mit viel Miihe her- 
auslocken. 

Und die Vogelscheuchen und die Prellsteine kann er nicht vergessen. 
Er kommt am Abend heim, Zwonimir Pansin, der Bauer, und bringt 
eine grofte Sehnsucht mit und ein gehiitetes Heimweh. Er weckt in 
mir die Sehnsucht, und obwohl er sich nach Feldern sehnt und ich 
nach Strafien, steckt er mich an. Es ist so wie mit den Liedern der 
Heimat: Wenn einer sein Volkslied anstimmt, singt der andere sein 
eigenes, und die verschiedenen Melodien werden ahnlich, und alle 
sind nur wie verschiedene Instrumente einer Kapelle. 
Des Menschen Heimweh erwacht draufien, es wachst und wachst, 
wenn keine Mauern es beengen. 

Ich gehe Sonntag vormittag hinaus zwischen die Felder, mannshoch 
steht das Getreide, und der Wind hangt in den weifien Wolken. Ich 
gehe langsam dem Friedhof entgegen, ich will das Grab Santschins 
finden. Ich finde es nach langem Suchen. So viele Menschen waren in 
dieser kurzen Zeit gestorben und lauter Arme, denn sie lagen in der 
Nahe des Santschinschen Grabes. Es geht den Armen schlecht in die- 
ser Zeit, und der Tod uberliefert sie den Regenwurmern. 
Ich fand Santschins Grab und dachte, dafi es gait, von seinem letzten 
irdischen Zeichen Abschied zu nehmen. Er war zu fruh gestorben, 
der gute Clown, er hatte noch den Henry Bloomfield erleben sollen, 
vielleicht hatte er sogar noch eine Reise nach dem Siiden gewonnen. 
Ich steige iiber den niedrigen Zaun, der den jiidischen Friedhof ab- 
schliefit, und bemerke eine Aufregung unter den armen Juden, den 
Bettlern, die von der Gnade reicher Erben leben. Sie stehen nicht 
mehr einzeln wie einsame Trauerweiden am Anfang einer Allee, son- 
dern in einer Gruppe und reden viel und laut. Ich hore den Namen 
Bloomfield und horche ein bifkhen und erfahre, dafi sie auf Bloom- 
field warten. 



HOTEL SAVOY 227 

Das schien mir sehr wichtig. Ich frage die Bettler, und sie erzahlen 
mir, dafi heme der Todestag des alten Blumenfeld ist und dafi Henry, 
sein Sohn, deshalb hierherkommt. 

Die Bettler wissen die Todesdaten aller reichen Leute, und sie allein 
wissen auch, weshalb Henry Bloomfield da ist. Die Bettler wissen es, 
nicht die Fabrikanten. 

Henry Bloomfield kam seinen toten Vater Jechiel Blumenfeld besu- 
chen. Er kam, um ihm zu danken fur die Milliarden, fur die Bega- 
bung, fiir das Leben, fiir alles, was er geerbt hatte. Henry Bloomfield 
kam nicht, um ein Kino zu griinden oder eine Fabrik fiir Juxgegen- 
stande. Alle Menschen glauben, er kame des Geldes oder der Fabri- 
ken wegen. 

Nur die Bettler wissen den Zweck der Bloomfieldschen Reise. 
Es war eine Heimkehr. 

Ich wartete auf Henry Bloomfield. Er kam allein, er war zu Fuft auf 
den Friedhof gekommen, die Majestat Bloomfield. Ich sah ihn vor 
dem Grabe des alten Blumenfeld stehn und weinen. Er zog seine 
Brille ab, und die Tranen liefen ihm liber die diinnen Wangen, und er 
wischte sie mit den kleinen Kinderhanden weg. Dann zog er ein Bun- 
del Banknoten, die Bettler fielen iiber ihn her wie ein Fliegen- 
schwarm, er verschwand in der Mitte der vielen schwarzen Gestalten, 
denen er Geld gab, um seine Seele loszukaufen von der Siinde des 
Geldes. 

Ich wollte nicht unbemerkt gelauert haben, ich ging auf Bloomfield 
zu und griiftte ihn. Er wunderte sich gar nicht, dafi ich hier war - 
woriiber wundert sich denn Henry Bloomfield uberhaupt? Er gab 
mir die Hand und bat mich, ihn in die Stadt zu begleiten. 
»Ich komme jedes Jahr hierher«, sagt Bloomfield, »meinen Vater be- 
suchen. Und auch die Stadt kann ich nicht vergessen. Ich bin ein Ost- 
jude, und wir haben iiberall dort unsere Heimat, wo wir unsere To- 
ten haben. Wenn mein Vater in Amerika gestorben ware, ich konnte 
ganz in Amerika zu Hause sein. Mein Sohn wird ein ganzer Amerika- 
ner sein, denn ich werde dort begraben werden.« 
»Ich verstehe, Mister Bloomfield. « - Ich bin genihrt und spreche wie 
zu einem alten Freund: 

»Das Leben hangt so sichtbar mit dem Tod zusammen und der Le- 
bendige mit seinen Toten. Es ist kein Ende da, kein Abbruch - immer 
Fortsetzung und Ankniipfung.« 



228 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»In diesem Lande leben die besten Schnorrer«, sagt Bloomfield wieder 
lustig, denn er ist ein Mann des Tages und der Wirklichkeit, und er 
vergifk sich nur einmal im Jahre. 

Ich begleite ihn in die Stadt, die Leute griifien uns, und ich erlebe noch 
eine Freude: Mein Onkel Phobus Bohlaug kommt vorbei und griifk 
zuerst und sehr tief, und ich lachle ihm herablassend zu, als ware ich 
sein Onkel. 



XXIII 

Ich verstand Henry Bloomfield. 

Er hatte Heimweh, wie ich und Zwonimir. 

Die Leute kamen immer noch aus Berlin und aus anderen Stadten. Es 

waren laute Menschen, sie schrien und logen schreiend, um das Gewis- 

sen zu iibertonen. Sie waren Aufschneider und Prahlhanse, und alle 

kamen vom Film her und wufiten viel zu erzahlen von der Welt, aber 

sie sahen die Welt mit ihren Glotzaugen, hielten die Welt fur eine ge- 

schaftliche Niederlage Gottes, und sie wollten ihm Konkurrenz ma- 

chen und ebenso grofie Geschafte eroffnen. 

Sie wohnten in den drei unteren Stockwerken und liefien sich von Zlo- 

togor ihre Kopfschmerzen kurieren. 

Viele kamen mit ihren Frauen und Freundinnen, und dabei hatte Zlo- 

togor erst recht zu tun. 

Es anderte sich viel im Hotel Savoy. 

Man gab Frauen- und Herrenabende und Tanzkranzchen, die Gesell- 

schaft der Herren fliichtete um Mitternacht in die Bar und zwickte die 

nackten Madchen und Frau Jetti Kupfer. 

Oben stieg Alexanderl herum, in Frack und Lack, und Xaver Zlotogor 

mit einem hochgeschlossenen Rock und tat geheimnisvoll und trug ein 

schelmisches Jungengesicht. 

Bloomfield kam und Bondy. Bondy sprach, die Frauen aber sahen nur 

Henry Bloomfield an, und weil er nichts sprach, schien es, als lausch- 

ten sie seinem Schweigen. Als hatten sie die Fahigkeit zu horen, was er 

dachte und verbarg. 

Zu mir kamen auch die Leute aus den oberen Stockwerken, und es 

nahm kein Ende. Ich sah, dafi keiner von ihnen freiwillig im Hotel 

Savoy wohnte. Jeden hielt ein Ungliick fest. Jedem war Hotel Savoy 



HOTEL SAVOY 229 

das Ungluck, er wufite nicht mehr gerecht zu scheiden zwischen dem 
und jenem. 

Alles Mifigeschick stiefi ihnen in diesem Hotel zu, und sie glaubten, 
Savoy heifie ihr Ungluck. 

Es nahm kein Ende. Auch die Witwe Santschin kam. Sie lebte jetzt bei 
ihrem Schwager auf dem Lande und mufite schwere Arbeit im Hause 
tun. Sie hatte von Bloomfields Ankunft gehort und dafi er alien Men- 
schen half. 

Ich weifi nicht, ob die Witwe Santschin etwas erreicht hat. 
Ich weifi nicht, wie vielen Bloomfield geholfen hat. 
Der Polizeioffizier tauchte plotzlich auf, derselbe, dessen ganze Fami- 
ne allabendlich im Variete safi. 

Er war ein junger, stupider Mensch mit Achselklappen und einem 
Schleppsabel, und nichts war an ihm Besonderes. Er hatte von seinem 
Vorganger das Zimmer 80 geerbt, alle Polizeioffiziere, die hierher ver- 
setzt wurden, wohnten umsonst im Zimmer 80. 
Seit einer Woche trug der Offizier eine neue Uniform aus dunkel- 
blauem Tuch und eine Auszeichnung auf der Brust. Ich glaube, er 
wurde endgiiltig zum Oberleutnant ernannt. Er stelzte feierlich, sein 
Sabel geriet ihm oft genug zwischen die Beine, und in der Rechten 
schwenkte er gelbe Wildlederhandschuhe. Er kam in die Bar und trank 
an alien Tischen, auf aller Kosten und landete schliefilich bei Alexan- 
derl am Tisch. 

Die zwei verstanden sich gut. 

Der Polizeioffizier hat ein kurzes Schnurrbartchen und ein kurzes, 
stumpfes Naschen und grofie rote Ohren an einem glattrasierten, klei- 
nen Schadel. Das Haar wuchs ihm tief in die Stirn in einem spitzen 
Dreieck iiber der Nase, er mufite seine Dienstmiitze streng uber den 
Augen tragen, weil man sonst diesen lacherlichen Haarwuchs gesehen 
hatte. 

Ich weifi nicht, was ein Polizeioffizier zu tun hat, ich weifi, dafi er sehr 
wenig arbeitet. Unser Polizeioffizier stand um zehn Uhr auf, er afi urn 
zwolf Uhr Mittag, und dann las er die Zeitungen. Das war eine 
schwere Arbeit, er legte immer den Sabel ab, wenn er Zeitungen las. 
Er gab sich sozusagen privat. 

Am Abend tanzte er flott - er war ein begehrter Tanzer. Er bestaubte 
sich mit Maiglockchenparfum, er roch wie ein Blumenpaviilon, und er 
tanzte in straffen Hosen, die mit Gummischnallen an den Stiefeln befe- 



23O ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

stigt waren. Die Hose hatte einen diinnen roten Streifen an der Naht, 

der sehr schon und sehr blutig leuchtete. Seine groften Ohren flamm- 

ten in tiefem Purpur, und mit einem kleinen Spitzentaschentuch 

wischte er sich eine Schweifiperle von der Nase. 

Der Polizeioffizier hiefi Jan Mrock. Er war sehr hoflich und gefallig 

und lachelte immer. 

Das Lacheln war seine Rettung, ein guter, gefalliger Geist hatte es ihm 

geschenkt. 

Wenn ich ihn so ansah, seine rosige Haut, seinen ahnungslosen Mund, 

dann wufite ich, dafi er sich seit seinem siebenten Lebensjahr gar nicht 

geandert hatte. Er sah genauso aus wie ein Schulknabe. Zwanzig J ah re 

Krieg und das Elend liefien ihn unberlihrt. 

Einmal kam er mit Stasia in die Bar. 

Zwei Wochen sind vergangen, seitdem ich sie zum letztenmal gesehn 

habe. Sie ist braun und frisch und lachelnd und hat grofte graue Augen. 

»Sie sind immer noch da?« sagt Stasia und wird rot, denn sie hat sich 

verstellt, sie weifi ja wohl, dafi ich nicht verreist bin. 

»Sind Sie enttauscht?« 

»Sie vernachlassigen unsere Freundschaft!« 

Ich vernachlassige nicht die Freundschaft. Dieser Vorwurf gebiihrt 

Stasia selbst. 

Zwei Wochen liegen zwischen ihr und mir, zweihundert Jahre konnen 

nicht mehr verwiisten. Ich habe auf sie zitternd gewartet, vor dem Va- 

riete, in den Schatten einer Mauer gedriickt. Wir haben Tee miteinan- 

der getrunken, und eine leise Warme lag um uns beide. Sie war meine 

erste liebliche Begegnung im Hotel Savoy, und uns beiden war Alexan- 

derl unsympathisch. 

Ich habe durch das Schliisselloch gesehn, wie sie in einem Bademantel 

hin und her ging und franzosische Vokabeln lernte. Sie will ja nach 

Paris. 

Ich ware gerne mit ihr nach Paris gereist. Ich ware gerne mit ihr zu- 

sammengeblieben, ein Jahr oder zwei oder zehn. 

Ein grower Haufen Einsamkeit hat sich in mir angesammelt, sechs 

Jahre grofier Einsamkeit. 

Ich suche nach Griinden, weshalb ich ihr so fern bin, und finde keine. 

Ich suche nach Vorwurf en - was konnte ich ihr vorwerfen? Sie nahm 

von Alexander Blumen an und schickte sie nicht zuriick. Es ist dumm, 

Blumen zuriickzuschicken. Ich bin vielleicht eifersiichtig. Wenn ich 



HOTEL SAVOY 231 

mich mit Alexander Bohlaug vergleiche, spricht freilich alles zu mei- 

nen Gunsten. 

Dennoch bin ich eifersiichtig. 

Ich bin kein Eroberer und kein Anbeter. Wenn sich mir etwas gibt, 

nehme ich es und bin dankbar dafiir. Aber Stasia bot sich mir nicht. Sie 

wo lite belagert werden. 

Ich verstand damals nicht - ich war lange einsam gewesen und ohne 

Frauen -, weshalb die Madchen so heimlich tun und soviel Geduld 

haben und so stolz sind. Stasia wufite ja nicht, daft ich sie nicht trium- 

phierend angenommen hatte, sondern dermitig und dankbar. Heute 

verstehe ich, dafi es der Natur der Frauen ansteht zu zogern und daft 

ihre Liigen vergeben werden, noch ehe sie geschehn. 

Ich kummerte mich zuviel um das Hotel Savoy und um die Menschen, 

um fremde Schicksale und zuwenig um mein eigenes. Hier stand eine 

schone Frau und wartete auf ein gutes Wort, und ich sagte es nicht, wie 

ein verstockter Schulknabe. 

Ich war verstockt. Mir war, als ob Stasia schuld ware an meiner langen 

Einsamkeit, und sie konnte es ja gar nicht wissen. Ich warf ihr vor, dafi 

sie keine Seherin war. 

Nun weift ich, daft die Frauen alles ahnen, was in uns vorgeht, aber 

dennoch auf Worte warten. 

Gott legte das Zagen in die Seele der Frau. 

Ihre Gegenwart reizte mich. Weshalb kam sie nicht zu mir? Weshalb 

liefi sie sich von dem Polizeioffizier begleiten? Weshalb fragt sie, ob 

ich immer noch da ware? Weshalb sagte sie nicht: Gott sei Dank, daft 

du da bist! 

Aber man sagt vielleicht nicht, wenn man ein armes Madchen ist, zu 

einem armen Mann: Gott sei Dank, dafi du da bist! Es ist vielleicht 

nicht mehr an der Zeit, einen armen Gabriel Dan zu lieben, der nicht 

einmal einen Koffer hat, geschweige denn ein Haus. Es ist vielleicht 

jetzt die Zeit, in der die Madchen den Alexander Bohlaug lieben. 

Heute weifl ich, daft die Begleitung des Polizeioffiziers ein Zufall war, 

ihre Frage eigentlich ein Gestandnis. Damals aber war ich einsam und 

verbittert und benahm mich so, als ware ich das Madchen und Stasia 

der Mann. 

Sie wird noch stolzer und kuhler, und ich fiihle, wie sich der Abstand 

zwischen uns beiden vergroftert und wie wir immer mehr und mehr 

fremd werden. 



232 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Ich fahre bestimmt in zehn Tagen«, sage ich. 

»Wenn Sie nach Paris kommen, schreiben Sie mir eine Karte!« 

»Bitte, gerne!« 

Stasia hatte sagen konnen: 

Ich mochte mit Ihnen nach Paris fahren! 

Statt dessen bittet sie mich um eine Postkarte. 

»Ich schicke Ihnen den Eiffelturm.« 

»Wie Sie wollen!« sagte Stasia, und es bezieht sich gar nicht auf die 

Ansichtskarte, sondern auf uns selbst. 

Das ist unser letztes Gesprach. Ich weifi, es ist unser letztes Gesprach. 

Gabriel Dan, du hast gar nichts von Madchen zu erwarten. Arm bist 

du, Gabriel Dan! 

Am nachsten Morgen sehe ich Stasia am Arm Alexanders die Treppe 

hinuntergehn. Beide lacheln mir zu - ich esse Friihstuck unten. Da 

weifi ich, dafi Stasia eine grofie Dummheit gemacht hat. 

Ich verstehe sie. 

Die Frauen begehn ihre Dummheiten nicht wie wir aus Fahrlassigkeit 

und Leichtsinn, sondern wenn sie sehr ungliicklich sind. 



VIERTES BUCH 



XXIV 



Den Hof liebe ich, in den das Fenster meines Zimmers hinausgeht. 
Er erinnert mich an den ersten Tag im Hotel, den Tag meiner Ankunft. 
Ich sehe immer noch Kinder spielen, hore einen Hund bellen und freue 
mich, wie bunt und fahnenhaft die Wasche flatten. 
In meinem Zimmer ist die Unrast, seitdem ich die Besucher Bloom- 
fields empfange. Unrast ist im ganzen Hotel, im Korridor und im 
Funf-Uhr-Saal, und eine kohlenstaubiiberwehte Unrast herrscht in der 
Stadt. 

Wenn ich zum Fenster hinausblicke, sehe ich ein Stuck gliicklich geret- 
teter Ruhe. Die Hiihner schreien. Nur die Hiihner. 
Es gab im Hotel Savoy einen anderen, einen engen Lichthof, der aus- 
sah wie ein Schacht fur Selbstmorder. Don wurden Teppiche geklopft, 
dorthin schuttete man den Staub, die Zigarettenstummel und den Keh- 
richt des polternden Lebens. 

Mein Hof aber war so, als gehore er gar nicht zum Hotel Savoy. Er 
barg sich hinter dem riesigen Gemauer. Ich wiiftte gerne, was mit dem 
Hof geschehn ist. 

Auch mit Bloomfield geht es mir so. Wenn ich seiner denke, bin ich 
neugierig, ob er seine gelbe Hornbrille tragt. Auch wiiftte ich gerne 
etwas von Christoph Kolumbus, dem Friseur. Welche offengelassene 
Liicke des Lebens fiillt er jetzt aus? 

Grofte Ereignisse nehmen manchmal ihren Anfang in Friseurstuben. 
In dem kleinen Salon des Friseurs Christoph Kolumbus im Hotel Sa- 
voy ereignete es sich, daft einer der streikenden Arbeiter Neuners 
Larm schlug. 

Das Geschaft ging gut. Man horte in Kolumbus' Stube am Vormittag 
allerlei Neues. Die angesehenen Manner der Stadt, sogar der Polizeiof- 
fizier, alle fremden und die meisten heimischen Gaste des Hotels lie- 
ften sich bei ihm barbieren. Und einmal trat ein Arbeiter, ein biftchen 
angetrunken, in den Friseurladen und begegnete alien widerwilligen 
Blicken mit aufreizender Gleichgultigkeit. 
Er Heft sich rasieren und bezahlte nicht. Christoph Kolumbus hatte ihn 



234 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

- er war ein grofiziigiger Mensch - gehen lassen. Doch Ignatz drohte 

mit der Polizei. Da schlug der Arbeiter auf Ignatz ein. Die Polizei 

verhaftete den Arbeiter. 

Am Nachmittag zogen seine Kameraden vor das Hotel Savoy und rie- 

fen: »Pfui!« Dann gingen sie vor das Gefangnis. 

Und in der Nacht zogen sie, Lieder singend, durch die erschrockenen 

Strafien. 

In der Zeitung stand fett gedruckt eine Nachricht, sie brannte in der 

Mitte des Blattes. Ein paar Meilen weiter waren die Arbeiter einer gro- 

fien Textilfabnk in den Streik getreten. Die Zeitung rief nach Militar, 

Polizei, Behorde, Gott. 

Der Schreiber erklarte, dafi alles Unheil von den Heimkehrern 

stamme, die den »Bazillus der Revolution in das keimfreie Land« ver- 

schleppten. Der Schreiber war ein jammerlicher Mensch, er spritzte 

Tinte gegen Lawinen, er baute Damme aus Papier gegen Sturmfluten. 



XXV 



Es regnet nun schon eine Woche in der Stadt. Die Abende sind klar 

und kiihl, aber bei Tage regnet es. 

Es pafit so zum Regen, dafi in diesen Tagen die Flut der Heimkehrer 

sich mit frischer Gewalt heranwalzt. 

Mitten durch den schragen, diinnen Regen gehen sie, Rutland, das 

grofte, schuttet sie aus. Sie nehmen kein Ende. Sie kommen alle densel- 

ben Weg, in grauen Kleidern, den Staub zerwanderter Jahre auf Ge- 

sichtern und Fiifien. Es ist, als hingen sie mit dem Regen zusammen. 

Grau wie er sind sie und bestandig wie er. 

Sie strdmen Grau aus, unendliches Grau iiber diese graue Stadt. Ihre 

Blechgeschirre klappern wie der Regen in den Blechrinnen. Ein grofies 

Heimweh geht von ihnen aus, die Sehnsucht vorwartstreibt und eine 

verschuttete Erinnerung an Heimat. 

Unterwegs sind sie hungrig, sie stehlen oder betteln, und beides ist 

ihnen gleich. Sie toten Ganse und Hiihner und Kalber, es ist Friede in 

der Welt, aber das bedeutet nur, dafi man keine Menschen mehr zu 

toten braucht. 

Ganse, Hiihner und Kalber aber haben nichts mit dem Frieden zu tun. 

Wir stehen, Zwonimir und ich, am Rande der Stadt, wo die Baracken 



HOTEL SAVOY 235 

sind, und spahen nach vertrauten Gesichtern. Alle sind fremd und alle 
vertraut. Der sieht wie mein Nachbar in der Schwarmlinie aus, und der 
hat mit mir Gelenksubungen gelernt. 

Wir stehn seitwarts und betrachten sie, aber es ist genauso, als ob wir 
mit ihnen gingen. Wir sind wie sie, auch uns hat Rufiland ausgeschut- 
tet, und wir ziehn alle heim. 

Es fiihrt einer einen Hund mit, er tragt das Tier auf dem Arm, und 
seine Efischale klappert an seine Hufte bei jedem Schritt. Ich weifi, daft 
er den Hund nach Hause bringen wird, seine Heimat liegt im Siiden, in 
Agram oder in Sarajevo, den Hund bringt er treu bis zu seiner Hiitte. 
Seine Frau schlaft mit einem andern, den Totgeglaubten erkennen 
seine Kinder nicht mehr - er ist ein anderer geworden, und der Hund 
nur kennt ihn, ein Hund, ein Heimatloser. 

Die Heimkehrer sind meine Bruder, sie sind hungrig. Nie sind sie 
meine Bruder gewesen. Im Felde nicht, wenn wir, von einem unver- 
standenen Willen getrieben, fremde Manner totmachten, und in der 
Etappe nicht, wenn wir alle, nach dem Befehl eines bosen Menschen, 
gleichmaftig Beine und Arme streckten. Heute aber bin ich nicht mehr 
allein in der Welt, heute bin ich Teil der Heimkehrer. 
Sie strichen in Gruppen von fiinf oder sechs Mann durch die Stadt, sie 
zerstreuten sich kurz vor den Baracken. Sie sangen Lieder von den 
Hofen und Hausern, mit gebrochener, rostiger Stimme, und dennoch 
waren die Lieder schon, wie manchmal an Marzabenden die Stimme 
eines schadhaften Leierkastens schon ist. 

Sie aften in der Armenkuche. Die Portionen wurden immer kleiner 
und der Hunger grower. 

Die streikenden Arbeiter safien und vertranken ihre Streikgelder in 
den Wartesalen des Bahnhofs, und die Frauen und Kinder hunger- 
ten. 

In der Bar griff der Fabrikant Neuner nach den Briisten der nackten 
Madchen, die vornehmen Frauen der Stadt liefien sich ihre Kopf- 
schmerzen von Xaver Zlotogor wegmagnetisieren. Den Hunger der 
armen Frauen konnte Xaver Zlotogor nicht wegmagnetisieren. 
Seine Kunst war nur fur leichte Krankheiten gut, den Hunger konnte 
er nicht vertreiben und die Unzufriedenheit auch nicht. 
Der Fabrikant Neuner horte nicht auf die Ratschlage Kanners und 
schob alle Schuld auf Bloomfield. 
Was aber ging Bloomfield diese Gegend an, ihr Hunger und ihre Ver- 



2}6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

haltnisse? Sein toter Vater Jechiel Blumenfeld hungerte nicht, und sei- 
netwegen war Henry Bloomfield hierhergekommen. 
Die Stadt bekam ein Kino und eine Fabrik fur Juxgegenstande - was 
sollte das den Arbeiterfrauen. Die Juxgegenstande waren fur die Herr- 
schaften, und ein Spielzeug taugte keinem Arbeiter. Bei den Knallerb- 
sen und brennenden Froschen und im Kino konnten sie den Neuner 
vergessen, aber den Hunger nicht. 



XXVI 

Zwonimir sagte einmal: 
»Die Revolution ist da.« 

Wenn wir in den Baracken sitzen und mit den Heimkehrern sprechen 
- draufien fallt der schrage Regen unaufhorlich -, fiihlen wir die Revo- 
lution. Sie kommt aus dem Osten - und keine Zeitung und kein Militar 
kann sie aufhalten. 

»Das Hotel Savoy«, sagt Zwonimir zu den Heimkehrern, »ist ein rei- 
cher Palast und ein Gefangnis. Unten wohnen in schonen, weiten Zim- 
mern die Reichen, die Freunde Neuners, des Fabrikanten, und oben 
die armen Hunde, die ihre Zimmer nicht bezahlen konnen und Ignatz 
die Koffer verpfanden. Den Besitzer des Hotels, er ist ein Grieche, 
kennt niemand, auch wir beide nicht, und wir sind doch gescheite 
Kerle. 

Wir haben alle schon lange Jahre nicht in so schonen, weichen Betten 
gelegen wie die Herrschaften im Parterre des Hotels Savoy. 
Wir haben alle schon lange nicht so schone, nackte Madchen gesehn 
wie die Herren unten in der Bar des Hotels Savoy. 
Diese Stadt ist ein Grab der armen Leute. Die Arbeiter des Fabrikan- 
ten Neuner schlucken den Staub der Borsten, und alle sterben im fiinf- 
zigsten Jahr ihres Lebens.« 
»Pfui!« schreien die Heimkehrer. 

Man entlieft den Arbeiter, der Ignatz verpriigelt hatte, nicht aus dem 
Gefangnis. 

Jeden Tag ziehn die Arbeiter vor das Hotel Savoy und vor das Gefang- 
nis. 

Jeden Tag brennen in den Zeitungen die Nachrichten von den Streiks 
in der Textilindustrie. 



HOTEL SAVOY 237 

Ich Heche die Revolution. Die Banken - so erzahlt man bei Christoph 
Kolumbus - packen ihre Tresors und schicken sie in andere Stadte. 
»Die Polizei soil verstarkt werden«, berichtet Abel Glanz. 
»Man will die Heimkehrer internieren«, erzahlt Hirsch Fisch. 
»Ich fahre nach Paris«, sagt Alexanderl. 

Ich dachte, dafi Alexanderl nach Paris fahren wiirde, nicht allein, son- 
dern mit Stasia. 

»Man kann nicht noch einmal fliichten«, klagt Phobus Bohlaug. 
»Der Typhus ist ausgebrochen«, erzahlt der Militararzt am Nachmit- 
tag im Funf-Uhr-Saal. 

»Wie schiitzt man sich vor Typhus?« fragt die jiingere Tochter Kan- 
ners. 

»Der Tod wird uns alle holen!« erklart der Militararzt, und Fraulein 
Kanner wird blafi. 

Vorlaufig aber holt der Tod nur ein paar Arbeiterfrauen. Die Kinder 
erkranken und kommen ins Spital. 

Man schliefk die Armenkuche, um die Ansteckungsgefahr zu vermin- 
dern. Also bekamen die Hungrigen keine Suppe mehr. 
Die Heimkehrer konnte man nicht mehr in den Baracken internieren. 
Es waren zu viele Heimkehrer. 
Es waren ganze Volkerscharen. 

Der Polizeioffizier erzahlt, dafi man um Verstarkung nachgesucht 
habe. Der Polizeioffizier war nicht aufgeregt. Er tragt eine Dienstpi- 
stole, und er steht nicht um zehn Uhr auf, sondern um neun. Er wedelt 
mit den Wildlederhandschuhen, als herrschte kein Typhus. 
Die Krankheit ergriff ein paar arme Juden. Ich sah, wie man sie bestat- 
tete. Die judischen Frauen erhoben ein gewaltiges Wehklagen, die 
Schreie standen in der Luft. 
Zehn, zwolf Menschen starben jeden Tag. 

Der Regen fallt schrag und hiillt die Stadt ein, und durch den Regen 
fluten die Heimkehrer. 

In den Zeitungen flammen die schrecklichen Nachrichten auf, und je- 
den Tag Ziehen die Arbeiter Neuners vor das Hotel und schreien. 



238 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XXVII 

Eines Morgens fehlen Bloomfield, Bondy, der Chauffeur und Chri 

stoph Kolumbus. 

In Bloomfields Zimmer lag ein Brief fur mich, Ignatz brachte ihn. 

Bloomfield schreibt: 

»Geehrter Herr, ich danke Ihnen fur Ihre Hilfe und erlaube mir, Ihnei 

ein Honorar zu ubergeben. Meine plotzliche Abreise wird Ihnen ver 

standlich sein. Wenn Ihr Weg Sie nach Amerika fiihren sollte, so wer 

den Sie hoffentlich nicht verfehlen, mich zu besuchen.« 

Ich fand ein Honorar in einem besonderen Umschlag. Es war ein ko 

nigliches Honorar. 

In aller Stille ist Henry Bloomfield gefliichtet. Mit abgeblendeter 

Scheinwerfern, auf lautlosen Radern, ohne Hupenschrei, im Dunke 

der Nacht floh Bloomfield vor dem Typhus, vor der Revolution. Ei 

hat seinen toten Vater besucht, er wird nie mehr in seine Heimat kom 

men. Er wird seine Sehnsucht unterdriicken, Henry Bloomfield. Nich 

alle Hindernisse kann das Geld aus dem Weg raumen. 

Am Abend kamen die Gaste in der Bar zusammen, sie tranken unc 

sprachen von der plotzlichen Abreise Bloomfields. 

Ignatz brachte ein Extrablatt aus der Nachbarstadt. Dort kampften du 

Arbeiter gegen Militar aus der Hauptstadt. 

Der Polizeioffizier erzahlt, man hatte schon dringend um Militar tele- 

phoniert. 

Alexanderl Bohlaug wollte in den nachsten Tagen nach Paris reisen. 

Frau Jetti Kupfer lautete gerade. Die nackten Madchen sollten auftre- 

ten. 

Da geschah ein Knall. 

Ein paar Flaschen kollerten vom Buffet herunter. 

Man horte das Klirren zersplitterter Fensterscheiben. 

Der Polizeioffizier rannte hinaus. Frau Jetti Kupfer riegelte die Tur ab. 

»Machen Sie auf !« schreit Kanner. 

»Glauben Sie, wir wollen bei Ihnen krepieren?« ruft Neuner, und die 

Schmisse brennen auf seiner Backe, als waren sie mit Karmin aufge- 

malt. 

Neuner stoftt Frau Jetti Kupfer fort und offnet die Tur. 

Der Portier liegt blutend auf seinem Fauteuil. 



HOTEL SAVOY 239 

Ein paar Arbeiter stehen im Flur. Einer hat eine Handgranate gewor- 

fen. 

Draufien drangt sich eine grofte Menge in der schmalen Gasse und 

schreit. 

Hirsch Fisch kam in Unterhosen herunter. 

»Wo ist Neuner?« fragt der Arbeiter, der die Handgranate geworfen 

hat. 

»Neuner ist zu Hause!« sagt Ignatz. 

Er wufke nicht, ob er zum Militararzt laufen sollte oder zuriick in die 

Bar, um Neuner zu warnen. 

»Neuner ist zu Hause!« sagt der Arbeiter zu den Leuten draufien. 

»Zu Neuner! Zu Neuner!« schreit eine Frau. 

Die Gasse wird leer. 

Der Portier ist tot. Der Militararzt sagt nichts. Ich habe ihn nie so 

bleich gesehn. 

Die ganze Bargesellschaft fluchtet. Neuner lafit sich vom Polizeioffi- 

zier begleiten. 



XXVIII 

Der Morgen bricht mit einem schragen Regen an wie alle Morgen vor- 
her. Vor dem Hotel Savoy steht ein Polizeikordon. Polizei sperrt die 
schmale Gasse von beiden Seiten ab. 

Die Menge steht auf dem Marktplatz und wirft Steine in die leere 
Gasse. Die Steine fiillen die Strafienmitte. Man hatte sie neu pflastern 
konnen. 

Der Polizeioffizier steht mit seinen wildledernen Handschuhen im 
Eingang. Er halt Zwonimir und mich zuriick, als wir hinausgehen wol- 
len. 

Zwonimir schiebt ihn zur Seite. Wir schleichen hart an den Mauern, 
um von den Steinen nicht getroffen zu werden. Wir passieren den Poli- 
zeikordon, drangen uns durch die Menge. 
Zwonimir hat viele Freunde. Sie rufen: 
»Zwonimir!« 

»Freunde«, ein Mann redet auf einem Brunnen, »man erwartet Militar. 
Heute abend werden sie dasein.« 
Wir gehen durch die Stadt, sie ist still, die Laden sind geschlossen. Ein 



24O ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

jiidischer Leichenzug begegnet uns, die Leichentrager rennen mit dem 
Toten auf den Schultern, und die Frauen hasten schreiend nach. 
Wir wissen, daft wir das Hotel Savoy nicht mehr wiedersehn. Zwoni- 
mir lachelt schlau: »Unser Zimmer ist nicht bezahlt!« 
Wir kommen an jenem Tabakladen vorbei, an dem die Treffer der klei- 
nen Lotterie ausgestellt werden. Ich erinnere mich an das Los. 
»Gestern war Ziehung«, sagt Zwonimir. 

Der Laden ist angstlich und dicht verschlossen, aber die Ziehungen 
sind neben der griinen Ladentiir an der Wand befestigt. Ich sah meine 
Nummern nicht, vielleicht hat man sie gestern mit Kreide aufgeschrie- 
ben - und der Regen hat sie ausgeloscht. 

Abel Glanz treffen wir im Judenviertel. Er hat gar nicht im Hotel ge- 
schlafen. Er erzahlt Neuigkeiten: 

»Neuners Villa ist zertnimmert, Neuner und seine Familie sind im 
Auto fortgefahren.« 
»Umbringen!« schreit Zwonimir. 

Wir kommen zum Hotel zuriick, die Menge weicht nicht. 
»Vorwarts!« schreit Zwonimir. 
Ein paar Heimkehrer wiederholen den Ruf. 

Ein Mann drangt sich durch die Menge, bleibt vorn. Plotzlich sehe ich, 
wie er die Hand ausstreckt, es knallt, der Polizeikordon wankt, die 
Menge walzt sich in die Gasse. 

Der Polizeioffizier schreit einen schrillen Kommandoruf. Ein paar 
armselige Schiisse knattern, ein paar Menschen fallen, einige Frauen 
kreischen. 

»Hurra!« schreien die Heimkehrer. 

»Platz frei!« ruft Taddeus Montag, der Zeichner. Er ist lang und diinn 
und iiberragt alle um einen halben Kopf. Er schreit zum erstenmal in 
seinem Leben. 

Man lafit ihn hinaus, und ihm folgen andere. Viele Bewohner des Ho- 
tels drangen durch die Menge dem Marktplatz zu. 
Der Hoteldirektor steht auf dem Marktplatz, unbemerkt ist er hierher- 
gekommen. Er halt beide Hande vor den Mund und ruft und reckt den 
Kopf angestrengt gegen die Fenster des siebenten Stockwerks empor: 
»Herr Kaleguropulos!« 

Ich hore ihn rufen und breche eine Bahn zu ihm. Es geschieht so vieles 
hier. Mich aber geht Kaleguropulos an. 
»Wo ist Kaleguropulos ?« 



HOTEL SAVOY 241 

»Er will nicht fort!« schreit der Direktor, »er will ja nicht!« 

In diesem Augenblick geht oben die Dachluke auf und Ignatz er- 

scheint, der alte Liftknabe. Hat ihn heme sein Fahrstuhl so hoch hin- 

aufgefiihrt? 

»Das Hotel brennt!« schreit Ignatz. 

»Kommen Sie doch herunter!« ruft der Direktor. 

Da bricht eine helle Stichflamme aus der Dachluke, Ignatz' Kopf ver- 

schwindet. 

»Wir mlissen ihn retten«, sagt der Direktor. 

Eine gelbe Flammengarbe bricht aus wie ein Tier. 

Im sechsten Stockwerk brennt es auf, man sieht weifie Lichtbiindel 

hinter den Fenstern. 

Im fiinften brennt es, im vierten. Es brennt in alien Stockwerken, wah- 

rend die Menge das Hotel stiirmt. 

Ich erblicke Zwonimir im Getiimmel und rufe ihn. 

Die Glocken der Stadttiirme und Kirchen fallen schwer in den groften 

Larm. 

Trommelwirbel erdrohnt, harter Schritt genagelter Stiefel, ein Kom- 

mandoschrei zuckt auf. 



XXIX 

Friiher, als ich gedacht hatte, kommen die Soldaten. Sie schreiten ge- 
nauso, wie wir auch einmal marschiert sind, in breiten, raumfressenden 
Doppelreihen, mit einem Offizier an der Spitze und einem Trommler 
zur Seite. Sie tragen die Gewehre mit den aufgepflanzten Bajonetten in 
der Hand, sie gehen durch den Regen, der Kot spritzt auf, und die 
ganze geschlossene Soldatenmasse stampft wie eine Maschine. 
Ein Kommandoruf lost die festgefiigte Masse, Doppelreihen lockern 
sich, die Soldaten stehen da wie ein schiitterer Wald in grofien Abstan- 
den auf dem Ringplatz. 

Sie umringen den ganzen Hauserblock, die Menge ist im Hotel und in 
der engen Strafte eingeschlossen. 
Zwonimir sah ich nicht mehr. 



242 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XXX 

Ich wartete die ganze Nacht auf Zwonimir. 

Es gab viele Tote. Vielleicht war Zwonimir unter ihnen? Ich habe sei- 

nem alten Vater geschrieben, dafi Zwonimir in der Gefangenschaft ge- 

storben ist. Wozu sollte ich dem Alten mitteilen, dafi der Tod seinen 

starken Sohn unterwegs getroffen hat? 

Viele Heimkehrer hat der Tod im Hotel Savoy erreicht. Er hatte ihnen 

sechs Jahre lang nachgestellt, im Krieg und in der Gefangenschaft - 

wem der Tod nachstellt, den trifft er auch. 

In den grauenden Morgen ragen halbverkohlte Reste des Hotels. Die 

Nacht war kuhl und windig und hat das Feuer geschuft. Der Morgen 

bringt grauen, schragen Regen, er loscht verborgene Gluten. 

Mit Abel Glanz gehe ich zur Bahn. Der nachste Zug soil am Abend 

abgelassen werden. Wir sitzen im leeren Wartesaal. 

»Wissen Sie, dafl Ignatz eigentlich Kaleguropulos war? - und Hirsch 

Fisch ist auch im Hotel verbrannt.« 

»Schade«, sagt Abel Glanz, »es war ein gutes Hotel. « 

Wir fahren in einem langsamen Zug mit sudslawischen Heimkehrern. 

Die Heimkehrer singen. Abel Glanz beginnt: 

»Wenn ich zu meinem Onkel nach New York komme - -« 

Amerika, denke ich, hatte Zwonimir gesagt, nur: Amerika. 



DIE REBELLION 

Ein Roman 

1924 



I 



Die Baracken des Kriegsspitals Numero XXIV lagen am Rande der 
Stadt. Von der Endstation der Strafienbahn bis zum Krankenhaus hatte 
ein Gesunder eine halbe Stunde riistig wandern miissen. Die Strafien- 
bahn fiihrte in die Welt, in die grofie Stadt, in das Leben. Aber die 
Insassen des Kriegsspitals Numero XXIV konnten die Endstation der 
Strafienbahn nicht erreichen. 

Sie waren blind oder lahm. Sie hinkten. Sie hatten ein zerschossenes 
Riickgrat. Sie erwarteten eine Amputation oder waren bereits ampu- 
tiert. Weit hinter ihnen lag der Krieg. Vergessen hatten sie die Abrich- 
tung; den Feldwebel; den Herrn Hauptmann; die Marschkompanie; 
den Feldprediger; Kaisers Geburtstag; die Menage; den Schiitzengra- 
ben; den Sturm. Ihr Frieden mit dem Feind war besiegelt. Sie rusteten 
schon zu einem neuen Krieg; gegen die Schmerzen; gegen die Prothe- 
sen; gegen die lahmen Gliedmafien; gegen die krummen Riicken; ge- 
gen die Nachte ohne Schlaf; und gegen die Gesunden. 
Nur Andreas Pum war mit dem Lauf der Dinge zufrieden. Er hatte ein 
Bein verloren und eine Auszeichnung bekommen. Viele besafien keine 
Auszeichnung, obwohl sie mehr als nur ein Bein verloren hatten. Sie 
waren arm- und beinlos. Oder sie mufiten immer im Bett liegen, weil 
ihr Ruckenmark kaputt war. Andreas Pum freute sich, wenn er die 
anderen leiden sah. 

Er glaubte an einen gerechten Gott. Dieser verteilte Rlickenmark- 
schiisse, Amputationen, aber auch Auszeichnungen nach Verdienst. 
Bedachte man es recht, so war der Verlust eines Beines nicht sehr 
schlimm und das Gliick, eine Auszeichnung erhalten zu haben, ein 
grofies. Ein Invalider durfte auf die Achtung der Welt rechnen. Ein 
ausgezeichneter Invalider auf die der Regierung. 
Die Regierung ist etwas, das iiber den Menschen liegt wie der Himmel 
iiber der Erde. Was von ihr kommt, kann gut oder bose sein, aber 
immer ist es grofi und ubermachtig, unerforscht und unerforschbar, 
wenn auch manchmal fur gewohnliche Menschen verstandlich. 
Es gibt Kameraden, die auf die Regierung schimpfen. Ihrer Meinung 



246 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

nach geschieht ihnen immer Unrecht. Als ob der Krieg nicht eine Not- 
wendigkeit ware! Als ob seine Folgen nicht selbstverstandlich Schmer- 
zen, Amputationen, Hunger und Not sein miifiten! Was wollten sie? 
Sie hatten keinen Gott, keinen Kaiser, kein Vaterland. Sie waren wohl 
Heiden. »Heiden« ist der beste Ausdruck fiir Leute, die sich gegen 
alles wehren, was von der Regierung kommt. 

Es war ein warmer Sonntag im April, Andreas Pum safi auf einer der 
roh gezimmerten, weifien Holzbanke, die mitten im Rasen vor den 
Baracken des Spitals aufgestellt waren. Fast auf jeder Bank safien zwei 
und drei Rekonvaleszente zusammen und sprachen. Nur Andreas safi 
allein und freute sich iiber die Bezeichnung, die er fiir seine Kameraden 
gefunden hatte. 

Sie waren Heiden, wie zum Beispiel Leute, die wegen falscher Eide 
und wegen Diebstahls, Totschlags, Mordes oder gar Raubmordes im 
Zuchthaus safien. Warum stahlen die Leute, toteten, raubten, deser- 
tierten sie? Weil sie Heiden waren. 

Wenn jemand in diesem Augenblick Andreas gefragt hatte, was die 
Heiden sind, so hatte er geantwortet: zum Beispiel Menschen, die im 
Gefangnis sitzen, oder auch jene, die man zufallig noch nicht erwischt 
hat. Andreas Pum war sehr froh, daft ihm die »Heiden« eingefallen 
waren. Das Wort geniigte ihm, es befriedigte seine kreisenden Fragen 
und gab Antwort auf viele Ratsel. Es enthob ihn der Verpflichtung, 
weiter nachdenken und sich mit der Erforschung der anderen abqualen 
zu miissen. Andreas freute sich iiber das Wort. Zugleich verlieh es ihm 
das Gefiihl der Uberlegenheit iiber die Kameraden, die auf den Banken 
safien und schwatzten. Sie hatten zum Teil schwerere Wunden und 
keine Auszeichnungen. Geschah ihnen nicht recht? Weshalb schimpf- 
ten sie? Warum waren sie unzufrieden? Fiirchteten sie um ihre Zu- 
kunft? Wenn sie weiter in ihrem Trotz verharrten, dann hatten sie 
wohl recht, um ihre Zukunft bang zu sein. Sie schaufelten sich ja selbst 
ihre Graber! Wie sol he sich die Regierung ihrer Feinde annehmen? 
Ihn, Andreas Pum dagegen, wird sie schon versorgen. 
Und wahrend die Sonne schnell und sicher am wolkenlosen Himmel 
ihrem Hohepunkt zustrebte und immer gliihender und fast schon 
sommerlich wurde, dachte Andreas Pum an die nachsten Jahre seines 
Lebens. Die Regierung hat ihm einen kleinen Briefmarkenverschleifi 
ubergeben oder eine Wachterstelle in einem schattigen Park oder in 
einem kiihlen Museum. Da sitzt er nun mit seinem Kreuz auf der 



DIE REBELLION 247 

Brust, Soldaten griifien ihn, ein etwa vorbeigehender General klopft 
ihm auf die Schulter, und die Kinder furchten sich vor ihm. Er aber tut 
ihnen nichts zuleide, er gibt nur acht, daft sie nicht auf den Rasen 
springen. Oder die Leute, die ins Museum kommen, kaufen bei ihm 
Kataloge und Kiinstlerkarten und betrachten ihn dennoch nicht als 
einen gewohnlichen Handler, sondern als eine Amtsperson. Vielleicht 
findet sich auch no ch eine Witwe, kinderlos oder mit einem Kind, oder 
ein alteres Madchen. Ein gutversorgter Invalider mit einer Pension ist 
keine schlechte Partie, und Manner sind nach dem Krieg sehr gesucht. 
Der helle Klang einer Glocke hiipfte iiber den Rasen vor den Baracken 
und verkiindete das Mittagessen. Die Invaliden erhoben sich schwer 
und wankten, aufeinander gestutzt, der grofien, langgestreckten, hol- 
zernen Speisebaracke entgegen. Andreas hob mit eiliger Beflissenheit 
seine heruntergefallene Kriicke auf und humpelte munter hinter den 
Kameraden, um sie zu iiberholen. Er glaubte nicht recht an ihre 
Schmerzen. Auch er mufke leiden. Und dennoch - seht - wie flink er 
sein kann, wenn ihn die Glocke ruft! 

Selbstverstandlich iiberholt er die Lahmen, die Blinden, die Manner 
mit den krummen Wirbelsaulen, deren Riicken so gebiickt ist, daft er 
einen parallelen Strich zur Erde bildet, auf der sie gehen. Hinter An- 
dreas Pum rufen sie her, aber er wird sie nicht horen. 
Es gab wieder Hafergrutze wie jeden Sonntag. Die Kranken wieder- 
holten, was sie alle Sonntage zu sagen gewohnt waren: Hafergrutze ist 
langweilig. Andreas aber fand sie gar nicht langweilig. Er hob den Tel- 
ler an die Lippen und trank den Rest, nach dem er ein paarmal mit dem 
Loffel vergeblich gefischt hatte. Die anderen sahen ihm zu und folgten 
zaghaft seinem Beispiel. Er hielt den Teller lange vor dem Mund und 
schielte iiber den Rand nach den Kameraden. Er stellte fest, dafi ihnen 
die Suppe schmeckte und daft ihre Reden Prahlerei und Ubermut ge- 
wesen waren. Sie sind Heiden! frohlockte Andreas und setzte den Tel- 
ler ab. 

Das Dorrgemiise, das die anderen »Drahtverhau« nannten, schmeckte 
ihm weniger. Dennoch leerte er den Teller. Er hatte dann das befriedi- 
gende Gefuhl, eine Pflicht erfullt zu haben, wie wenn er ein rostiges 
Gewehr blank geputzt hatte. Er bedauerte, daft kein Unteroffizier 
kam, um die Geschirre zu kontrollieren. Sein Teller war sauber wie 
sein Gewissen. Ein Sonnenstrahl fiel auf das Porzellan, und es glanzte. 
Das nahm sich aus wie ein offizielles Lob des Himmels. 



248 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Am Nachmittag kam die langst angekiindigte Prinzessin Mathilde in 
einer Krankenschwesterntracht. Andreas, der in seiner Abteilung das 
Zimmerkommando fiihrte, stand stramm an der Tur. Die Prinzessin 
gab ihm die Hand, und er verneigte sich, wider Willen, obwohl er sich 
vorgenommen hatte, stramm zu bleiben. Seine Kriicke fiel zu Boden, 
die Begleiterin der Prinzessin Mathilde buckte sich und hob sie auf. 
Die Prinzessin ging, hinter ihr die Oberschwester, der Oberarzt und 
der Priester. »Alte Nutte!« sagte ein Mann von der zweiten Bettreihe. 
»Unverschamt!« schrie Andreas. Die anderen lachten. Andreas wurde 
zornig. Er befahl: Betten in Ordnung bringen, obwohl alle Decken 
sauber und vorschriftsmafiig dreimal gefaltet waren. Niemand rlihrte 
sich. Einige begannen, ihre Pfeifen zu stopfen. 

Da kam der Gefreite Lang, ein Ingenieur, dem der rechte Arm fehlte 
und vor dem auch Andreas Respekt hatte, und sagte: »Reg dich nicht 
auf, Andreas, wir sind ja alle arme Teufel!« 

Es wurde sehr still in der Baracke; alle sahen den Ingenieur an, Lang 
stand vor Andreas und sprach. Man wufke nicht, ob er zu Andreas 
oder zu den anderen oder auch nur fiir sich selbst sprach. Er blickte 
zum Fenster hinaus und sagte: 

»Die Prinzessin Mathilde wird jetzt sehr zufrieden sein. Auch sie hat 
einen schweren Tag hinter sich. Sie besucht jeden Sonntag vier Kran- 
kenhauser. Denn es gibt, miifk ihr wissen, schon mehr Krankenhauser 
als Prinzessinnen und mehr Kranke als Gesunde. Auch die scheinbar 
Gesunden sind krank, viele wissen es nur nicht. Vielleicht machen sie 
bald Frieden.« 

Einige rausperten sich. Der Mann in der zweiten Bettreihe, der vorher 
»alte Nutte« gesagt hatte, hustete laut. Andreas humpelte zu seinem 
Bett, nahm vom Kopfbrett eine Schachtel Zigaretten und rief den Inge- 
nieur herbei. »Gute Zigarette, Herr Doktor!« sagte Andreas. Er 
nannte den Ingenieur »Doktor«. 

Lang sprach wie ein Heide, aber auch wie ein Geistlicher. Vielleicht, 
weil er so gebildet war. Aber immer hatte er recht. Man hatte Lust, 
ihm zu widersprechen, und fand keine Argumente. Er muftte recht 
haben, wenn man ihm nicht widersprechen konnte. 
Am Abend lag der Ingenieur auf dem Bett in Kleidern und sagte: 
»Wenn die Grenzen wieder of fen sind, fahre ich weit weg, Es wird 
nichts mehr zu holen sein in Europa.« 
»Wenn wir nur den Krieg gewinnen«, sagte Andreas. 



DIE REBELLION 249 

»Alle werden ihn verlieren«, erwiderte der Ingenieur. Andreas Pum 

verstand es nicht, aber er nickte achtungsvofl, als mufite er dem Lang 

recht geben. 

Indessen nahm er sich vor, im Lande zu bleiben und kunstlerische 

Postkarten in einem Museum zu verkaufen. Er sah ja ein, dafi fur Ge- 

bildete vielleicht kein Piatz war. Sollte der Ingenieur etwa Parkwachter 

werden? 

Andreas hatte keine Angehorigen. Wenn andere Besuche empfingen, 

ging er hinaus und las ein Buch aus der Spitalsbibliothek. Er war oft 

nahe daran gewesen zu heiraten. Aber die Furcht, dafi er zu wenig 

verdiente, um eine Familie zu erhalten, hatte ihn gehindert, um Anny, 

die Kochin, die Naherin Amalie, das Kindermadchen Poldi anzuhal- 

ten. 

Er war mit alien drei nur »gegangen«. Sein Beruf war allerdings auch 

nicht fur junge Frauen. Andreas war Nachtwachter in einem Holzlager 

aufierhalb der Stadt und nur einmal in der Woche frei. Seine eifersiich- 

tige Natur hatte ihm die ruhige Freude am gewissenhaft ausgefiihrten 

Dienst gestort oder diesen ganz unmoglich gemacht. 

Einige schliefen und schnarchten. Der Ingenieur Lang las. »Soll ich 

abdrehen?« fragte Andreas. 

»Ja«, sagte der Ingenieur und legte das Buch weg. 

»Gute Nacht, Doktor«, erwiderte Andreas. Er knipste das Licht ab. Er 

zog sich im Dunkeln aus. Seine Kriicke lehnte an der Wand zur rech- 

ten Seite. 

Andreas denkt, ehe er einschlaft, an die Prothese, die ihm der Oberarzt 

versprochen hat. Es wird eine tadellose Prothese sein, wie sie der 

Hauptmann Hainigl tragt. Man merkt gar nicht, dafi ihm ein Bein 

fehlt. Der Hauptmann geht frei, ohne Stock durchs Zimmer, als hatte 

er nur ein kiirzeres Bein. Die Prothesen sind eine grofiartige Erfindung 

der hohen Herren, der Regierung, die es sich wirklich etwas kosten 

lafit. Das mufi man sagen. 



II 

Die Prothese kam nicht. Statt ihrer kam die Unordnung, der Unter- 
gang, die Revolution. Andreas Pum beruhigte sich erst zwei Wochen 
spater, nachdem er aus den Zeitungen, den Vorgangen, den Reden der 



25O ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Menschen entnommen hatte, dafi auch in Republiken Regierungen 
iiber die Schicksale des Landes walteten. In den grofien Stadten schofi 
man auf die Emporer. Die heidnischen Spartakisten gaben keine Ruhe. 
Wahrscheinlich wollten sie die Regierung abschaffen. Sie wufiten 
nicht, was dann folgen wiirde. Sie waren schlecht oder toricht, sie wur- 
den erschossen, es geschah ihnen recht. Gewohnliche Menschen sollen 
sich nicht in die Angelegenheken der Klugen mischen. 
Man erwartete eine arztliche Kommission. Sie hatte iiber den Bestand 
des Spitals, iiber die Arbeitsunfahigkeit, iiber die Versorgung seiner 
Insassen zu entscheiden. Das Geriicht, aus anderen Krankenhausern 
heriiberflatternd, wollte wissen, daft nur die Zitterer bleiben wiirden. 
Alle anderen bekamen Geld und vielleicht eine Drehorgellizenz. Von 
einem Briefmarkenverschleifi, einer Wachterstelle in einem Park, in 
einem Museum konne keine Rede sein. 

Andreas begann zu bedauern, daft er kein Zitterer war. Von den hun- 
dertsechsundfiinfzig Kranken des Kriegsspitals Numero XXIV zitterte 
nur einer. Alle beneideten ihn. Er war ein Schmied namens Bossi, ita- 
lienischer Abkunft, schwarz, breitschultrig, finster. Sein Haar wuchs 
schwer iiber den Augen und drohte, sich iiber das ganze Angesicht 
auszubreken, die schmale Stirn zu uberwuchern und, die Wangen be- 
deckend, eine Vereinigung mit dem wilden Bart zu finden. 
Bossis Krankheit milderte nicht die furchtbare Wirkung seiner korper- 
lichen Gewalt, sondern vergrofierte seine Unheimlichkeit. Die schmale 
Stirn faltete sich und verschwand zwischen den buschigen Augen- 
brauen und dem Haaransatz. So traten die griinen Augen hervor, der 
Bart bebte, man horte die Zahne klappern. Die machtigen Beine 
kriimmten sich, dafi sich die Kniescheiben innen bald beruhrten und 
bald auseinanderstrebten, und die Schultern zuckten empor und fielen 
zuriick, wahrend der wuchtige Kopf in einem standigen leisen, vernei- 
nenden Schiitteln verharrte, wie man es bei kraftlosen Hauptern alter 
Frauen sieht. Die ununterbrochenen Bewegungen des Korpers hinder- 
ten den Schmied, deutlich zu sprechen. Er sprudelte halbe Satze her- 
vor, spuckte ein Wort aus, blieb eine Weile stumm und setzte wieder 
an. Dafi ein so kraftiger, wilder Mann zittern mufite, liefi die allgemein 
bekannte Krankheit furchtbarer erscheinen, als sie war. Eine grofie 
Traurigkeit befiel jeden, der den zitternden Schmied sah. Er war wie 
ein schwankender Kolofi auf unsicherem Grunde. Er hielt alle in der 
Erwartung seines bald erfolgenden Zusammenbruchs und brach den- 



DIE REBELLION 25I 

noch nicht nieder. Unglaubhaft war, dafi ein Mann von solchen Aus- 
mafien bestandig wankte, ohne, sich selbst und seine Umgebung erlo- 
send, endgultig auseinanderzustiirzen. Sogar die ungliicklichsten Inva- 
liden, die ein zerschossenes Riickgrat hatten, gerieten in Bossis Nahe 
in eine unubersichtlich endlose Furcht, wie man sie vor Katastrophen 
empfindet, die nicht eintreffen wollen und deren Ausbruch eine Erlo- 
sung ware. 

Wer ihn sah, fiihlte die Notwendigkeit, ihm beizustehen, und die 
Ohnmacht zugleich. Schmerzlich war die Erkenntnis, dafi man ihm 
nicht helfen konnte, und beschamend. Aus Scham hatte man selbst 
zittern mogen. Die Krankheit tibertrug sich auf den Betrachter. 
Schliefilich zog man sich zuriick, entwich, und konnte dennoch das 
Bild des zitternden Riesen nicht vergessen. 

Drei Tage vor der Ankunft der Kommission begab sich Andreas in die 
Baracke Bossis, den er immer gemieden hatte. Zwanzig Lahme und 
Einbeinige waren um den Schmied versammelt und sahen ihm in einer 
leidenschaftlichen Stille zu. Vielleicht hofften sie auf die ansteckende 
Wirkung des Zitterns. Jedenfalls verspiirte bald der eine und bald ein 
anderer ein heftiges Zucken in Knien, Ellenbogen und Handgelenken. 
Sie gestanden es einander nicht. Einzelne schlichen davon und probier- 
ten zu zittern, wenn sie einen Augenblick allein waren. 
Der mifitrauische Andreas, der Bossi aus ganz unbestimmten Griinden 
nicht leiden mochte, zweifelte zuerst an der Krankheit. Neid erfafke 
ihn und zum erstenmal Bitterkeit gegen die Regierung, die just Zitterer 
belohnen wollte und keine anderen. Zum erstenmal durchdrang ihn 
eine Erkenntnis von der Ungerechtigkeit derjenigen, die zu befehlen 
und zu bestimmen hatten. Plotzlich fiihlte er, dafi seine Muskeln zuck- 
ten, sein Mund sich verschob, sein rechtes Augenlid zu flackern be- 
gann. Ein freudiger Schrecken iiberfiel ihn. Er humpelte davon. Seine 
Muskeln beruhigten sich. Sein Augenlid flackerte nicht mehr. 
Er schlief nicht ein. Im Finstern kleidete er sich an, und ohne Kriicken, 
um die Schlafenden nicht zu wecken, die Hande auf den Kopf des 
Bettes und auf den Tisch stiitzend, schwang er sein Bein zum Fenster 
und lieft den Oberkorper nachfolgen. Er sah ein Snick der nachtlichen 
Wiese und das schimmernde, weifi gestrichene Gitter. Langer als eine 
Stunde stand er so und dachte an einen Leierkasten. 
Es ist ein heller Sommernachmittag. Andreas steht im Hof eines gra- 
ven Hauses, im Schatten eines alten, breiten Baumes. Es mag eine 



2$2 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Linde sein. Andreas dreht die Kurbel seines Kastens und spielt: »Ich 
hatt' einen Kameraden«. Oder: »Draufien vor dem Tore«; oder die 
Nationalhymne. Er ist in Uniform. Er tragt sein Kreuz. Aus alien offe- 
nen Fenstern fliegen Miinzen, in Seidenpapier eingewickelte. Man hort 
den gedampften Metallklang des fallenden Geldes. Kinder sind da. 
Dienstmadchen lehnen iiber die Fensterbriistungen. Sie achten der Ge- 
fahr nicht. Andreas spielt. 

Der Mond kam iiber den Rand des Waldes, der vor den Baracken lag. 
Es wurde hell. Andreas furchtete, seine Kameraden konnten ihn ent- 
decken. Er wollte nicht mitten in der fahlen Helle stehen. Er schwang 
sich wieder ins Bett. 
Zwei Tage lebte er still und versonnen. 

Die Kommission kam. Jeder wurde einzeln hereingerufen. Ein Mann 
stand an der Portiere, welche die Kommission vor den Augen der war- 
tenden Invaliden verbarg. Der Mann schlug jedesmal die Portiere zu- 
riick und warf einen Namen hinaus. Jedesmal loste sich ein gebrechli- 
cher Korper aus der Reihe der anderen, schwankte, humpelte, polterte 
und verschwand hinter dem Vorhang. 

Die gemusterten Invaliden kamen nicht mehr zuriick. Sie mufken den 
Saal durch einen anderen Ausgang verlassen. Sie bekamen einen Zettel 
und gingen dann in ihre Baracken, packten ihre Sachen und krochen 
zur Endstation der Straftenbahn. 

Andreas wartete unter den anderen, er beteiligte sich nicht an ihrer 
geflusterten Unterhaltung. Er schwieg wie einer, der sich nicht verra- 
ten will und der in der Furcht lebt, eine kleine Aufierung konnte ihn 
verleiten, sein ganzes grofies Geheimnis herzugeben. 
Der Mann schob den Vorhang zuriick und warf den Namen Andreas 
Pum in den Saal. Einigemal pochte Andreas Pums Kriicke auf den Bo- 
den und widerhallte in der eingetretenen Stille. 

Plotzlich begann Andreas zu zittern. Er sah den Vorsitzenden der 
Kommission, einen hohen Offizier mit goldenem Kragen und blon- 
dem Bart. Bart, Antlitz und Uniformkragen vermischten sich zu einer 
Masse aus Gold und Weifi. Jemand sagte: »Noch ein Zitterer.« Die 
Kriicken in Andreas' Hand begannen selbstandig iiber den Boden zu 
hiipfen. Zwei Schreiber sprangen auf und stiitzten Andreas. 
»Lizenz!« befahl die Stimme des hohen Offiziers. Die Schreiber 
driickten Andreas auf einen Stuhl und eilten an ihre Arbeit. Schon 
saflen sie gebeugt iiber raschelnden Papieren, und ihre Federn tanzten. 



DIE REBELLION 253 

Dann hielt Andreas ein Bu'ndel Papiere in der zappelnden Hand und 

humpelte zur Tur hinaus. 

Als er seine Sachen zu packen anting, verliefi ihn das Zittern. Er dachte 

nur: Ein Wunder ist geschehen! Ein Wunder ist geschehen! 

Er wartete im Klosett, bis alle Kameraden verschwunden waren. Dann 

zahlte er sein Geld. 

In der Strafienbahn machten ihm die Leute Platz. Er wahlte den besten 

der ihm angebotenen Platze. Er safi gegeniiber dem Eingang, neben 

ihm lag seine Kriicke, quer iiber die Mitte des Wagens, wie ein Grenz- 

pfahL Alle sahen Andreas an. 

Er fuhr in das Hospiz, das ihm bekannt war. 



Ill 

Der Leierkasten stammt aus der Drehorgelfabrik Dreccoli & Co. Er 
hat die Form eines Wiirfels und ruht auf einem holzernen Gestell, das 
man zusammenklappen und tragen kann. An zwei Riemen tragt An- 
dreas seinen Kasten auf dem Rlicken wie einen Tornister. An der lin- 
ken Seitenwand des Instruments befinden sich nicht weniger als acht 
Schrauben. Mit ihrer Hilfe bestimmt man die Melodic Acht Walzen 
enthalt der Kasten, darunter die Nationalhymne und die »Lorelei«. 
Andreas Pum hat seine Lizenz in einer Brieftasche, die eigentlich ein- 
mal der Ledereinband eines Notizbuches war und sich zufallig in 
einem Misthaufen gefunden hat, an dem Andreas taglich vorbeigeht. 
Mit der Lizenz in der Tasche wandelt der Mensch sicher durch die 
Straiten dieser Welt, in denen die Polizisten lauern. Man scheut keine 
Gefahr, ja, man kennt keine. Die Anzeige des brotneidischen, bosen 
Nachbarn brauchen wir nicht zu beachten. Auf einer Postkarte teilen 
wir der Behorde mit, worum es sich handelt. Wir schreiben knapp und 
sachlich. Wir sind sozusagen der Behorde gleichgestellt, dank unserer 
Lizenz. Wir sind von der Regierung ermachtigt zu spielen, wo und 
wann es uns gefallt. Wir diirfen an den belebten Straftenecken unseren 
Kasten aufstellen. Selbstverstandlich kommt nach fiinf Minuten die 
Polizei. Lassen wir sie ruhig herankommen! Mitten in einem Kreis 
gespannt zusehender Leute ziehen wir unsere Lizenz hervor. Die Poli- 
zei salutiert. Wir spielen weiter, was uns gerade in den Sinn kommt: 
»Madchen, weine nicht !« - und »Schwarzbraunes Magdlein« - und 



254 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»An der Quelle safi der Knabe« - Fur ein mondanes Publikum haben 
wir einen Walzer aus der vorjahrigen Operette. 

Andreas kann, je nach seiner Stimmung, die Kurbel so schnell drehen, 
dafi der Walzer flott und kriegerisch wird wie ein Marsch. Denn er 
selbst hat manchmal ein Bedurfnis nach einer Marschmelodie, beson- 
ders an kuhlen und triiben Tagen, wenn sich der Regen durch Schmer- 
zen in der Gegend des amputierten Beins ankiindigt. Das langst begra- 
bene Bein tut ihm weh. Die Stelle am Knie, an der es abgesagt wurde, 
lauft blau an. Das Kissen in der Kniehohlung der holzernen Kriicke ist 
nicht mehr weich genug. Es ist mit Rofihaaren gefiittert und schon 
durchgetreten. Es mufite mit Daunen gefiittert sein oder mit Pelz. An 
solchen Tagen mufi Andreas einige Taschentucher in die Kniehohlung 
der Kriicke legen. Sie sind kein richtiger Ersatz. 
Die Schmerzen verschwanden, sobald der Regen kam. An Regentagen 
aber konnte Andreas nicht viel verdienen. Das Wachstuch, einst glan- 
zend, hart und wasserdicht, war an einzelnen Stellen gesprungen, Risse 
durchzogen seine Flache und bildeten eine Art Landkarte. Gelang es 
dem Regen, was Gott bis jetzt verhutet hatte, durch die Hiille in das 
edle Holz und durch dieses in das Innere des Instruments zu dringen, 
so waren die Walzen verloren. 

Andreas stand, wenn es regnete, stundenlang in einem jener freund- 
lichen Hausflure, in denen das »Betteln und Hausieren« nicht verboten 
war, in denen kein scharfer Hund wachte und kein knurriger Hausbe- 
sorger oder gar dessen Frau die Heiligkeit des Hauseinganges hiiteten. 
Denn mit dem weiblichen Geschlecht hatte Andreas unangenehme Er- 
fahrungen gemacht. Sie hinderten ihn nicht, von der grausamen Siifie 
einer vorlaufig noch ganz unbestimmten Frauenhand zu traumen, die 
man sein eigen nennen konnte. Andreas besafi keinen alltaglichen Ge- 
schmack; je bissiger der Fluch einer Frau war, die ihn zur Flucht ver- 
anlafite, je schneidender der Klang ihrer Stimme, je drohender die Hal- 
oing ihrer Gestalt, desto besser gefiel sie ihm. Und wahrend er der 
ungastlichen Pfortnerin den Riicken kehrte, entziickte ihn ihre Weib- 
lichkeit in dem Mafte, in dem ihn der unerwartete Verdienstentgang 
enttauschte. Abenteuer dieser Art bestand Andreas oft. Es waren seine 
einzigen Erlebnisse. Sie beschaftigten seine Nachte, schufen ihm 
Traumbilder von wehrhaften Frauen, und die Gedanken an sie beglei- 
teten, wie ein malerischer Text, die seriosen unter den Melodien seines 
Leierkastens. Es kam so, dafi er sein Instrument nicht wie ein mechani- 



DIE REBELLION 2^ 

sches und sein Spiel als ein Virtuosentum betrachtete. Denn die Sehn- 
sucht, die Bangigkeit, die Trauer seiner Seele legte er in die Hand, 
welche die Kurbel drehte, und er glaubte, nach Wunsch und Stim- 
mung, starker und leiser, gefiihlvoller oder kriegerischer spielen zu 
konnen. Er begann, sein Instrument zu lieben, mit dem er eine Zwie- 
sprache hielt, die nur er selbst verstand. Andreas Pum war ein echter 
Musikant. 

Wollte er sich zerstreuen, so betrachtete er die bunte Malerei auf der 
Riickwand des Leierkastens. Das Bild stellte die Szenerie eines Pup- 
pentheaters dar und einen Teil eines Stehparketts. Blonde und 
schwarze Kinder spahten in die Richtung der Biihne, auf der sich span- 
nende Ereignisse vollzogen. Eine grau- und wirrhaarige Hexe hielt 
eine Zaubergabel in der Hand. Vor ihr standen zwei Kinder, auf deren 
Kopfen Geweihe wuchsen. Uber den Kindern weidete eine Hirsch- 
kuh. Es war kein Zweifel, dafi dieses Bild eine Verzauberung mensch- 
licher Wesen durch ein boses Weib darstellen sollte. Andreas hatte 
niemals an die Moglichkeit solcher Ereignisse in der wirklichen Welt 
gedacht. Weil er aber das Bildnis haufig betrachten mufSte, wurde es 
ihm vertraut und glaubhaft wie irgendein anderer taglich genossener 
Anblick. Es war fast nichts mehr Marchenhaftes an solch einer Verzau- 
berung. Wunderbarer als der Vorgang selbst waren die bunten Fafben, 
in denen er dargestellt erschien. Andreas' Augen tranken die olige Satt- 
heit dieser Farben, und es berauschte sich seine Seele an der klangvol- 
len Harmonie, mit der ein blutendes Rot in ein sehnsuchtiges Orange 
des Abendhimmels im Hintergrund verflofi. 

Zeit zu solchen Betrachtungen hatte er zu Hause genug. Allerdings 
war sein Heim nicht eines jener Art, in dem der Mensch etwa den 
ganzen Tag verweilen kann. Es bestand vielmehr aus einer Bettstelle in 
einem, wie es Andreas vorkam, geraumigen Zimmer. In diesem schlie- 
fen aufter Andreas noch ein Madchen und ihr Freund. Sie hiefi Klara 
und er Willi. Sie war stellvertretende Kassierin in einem kleinen Kaf- 
feehaus und er ein arbeitsloser Metalldreher. Willi arbeitete nur einmal 
in der Woche, und auch dann nicht in seinem Berufe. Er fuhrte einen 
Handwagen durch die Straften, um Zeitungspapier einzukaufen. Am 
Abend brachte er seine Waren dem Althandler. Von jedem Pfund er- 
hielt Willi ein Drittel. Denn auch das geringe Betriebskapital lieh ihm 
der Althandler. Es war klar, dafi Willi von seinen Einnahmen nicht 
leben konnte. Er lebte von Klara. Sie hatte Nebenverdienste. Er war 



1$6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

eifersiichtig. Aber in der Nacht, wenn sie sich beide unter der diinnen 
Decke fanden, suchte er zu vergessen, wovon er lebte, und es gelang 
ihm. Am nachsten Morgen blieb er liegen, wenn Klara und Andreas 
langst aufgestanden waren. Er blieb den ganzen Tag zu Hause und liefi 
Andreas nicht vor dem Anbruch der Nacht ins Zimmer. Das begriin- 
dete er immer mit dem Wort: »Ordnung mufi sein!« Denn er war weit 
davon entfernt, Andreas, den Kriippel, etwa zu hassen. Er liebte die 
Ordnung. Andreas Pum hatte eine Schlafstelle, aber keine Wohnung. 
Es ist so in der Welt eingerichtet, daft jeder nur das geniefien darf, was 
er bezahlen kann. 

Auch Andreas war mit dieser Ordnung zufrieden und kam piinktlich 
nach Anbruch der Dammerung. Er kochte Tee auf einer Spiritusma- 
schine. Willi trank den in einem Wasserglas verdiinnten Spiritus, An- 
dreas den Tee. Er afi dazu ein Brot. Willi lieferte manchmal die Wurst. 
Denn es ereignete sich nicht selten, dafi Willi, wenn er an angenehmen 
Tagen einen Spaziergang unternahm, sich vor das Delikatessenhaus be- 
gab, an dessen Tur die prallen Wiirste wie Gehenkte an einem Nagel 
hingen. Mehr aus Ubermut als aus Lust am Diebstahl schnitt Willi 
dann zwei oder drei Wiirste ab. Ihn lockten Gefahren und Freude an 
der eigenen Geschicklichkeit. Man hatte es aufierdem als Siinde be- 
zeichnen konnen, wenn er das Angebot des Schicksals ausgeschlagen 
hatte. Andreas ahnte etwas von der Herkunft dieser Wiirste. Einmal 
fragte er, woher sie stammten. »If$ und schweig«, sagte Willi, »Ord- 
nung mufi sein.« 

Es verstiefi glucklicherweise nicht gegen die Ordnung, wenn sich An- 
dreas, wahrend er sein Abendessen verdaute, der Betrachtung der Ma- 
lereien am Leierkasten hingab. Die unvollendete Verzauberung, wel- 
che das Bild darstellte, zwang zu Fortsetzungen, Andreas hatte gerne 
weitergemalt. Er hatte auch die zwei noch in menschlicher Gestalt le- 
benden Kinder in Hirschkiihe verwandelt oder in andere Tiere. Es er- 
gaben sich viele Moglichkeiten. Konnte man Kinder nicht in Ratten 
verwandeln? Huh! Ratten! Oder in Katzen; in junge Lowen; in kleine, 
niedliche Krokodile; in Eidechsen; in Bienen; in Vogeltirili! In Vogel. 
Ein guter Maler, der mit Pinsel und Farben umzugehen verstand, 
konnte das Bild fortsetzen. 

Kurz nach Mitternacht kam Klara. Sie entkleidete sich. Andreas lieft 
eine Augenlidspalte offen und sah sie im Hemd. Sein Blick angelte 
nach ihrer freien Brust, und sein Herz klopfte in der Hoffnung, ein 



DIE REBELLION 257 

Schulterband wiirde sich losen. Dann horte er Klisse und Umarmun- 
gen und schlief ein, von kraftigen, breithiiftigen Witwen mit vorge- 
wolbten Busen traumend. 

Ach, er sehnte sich nach einem Weibe und einem eigenen Zimmer und 
einem breiten Ehebett voll schwellender Warme. Denn weit vorge- 
schritten war der Sommer und liefi die Grausamkeit des Winters ah- 
nen. Allein stand Andreas in der Welt. Den letzten Winter hatte er 
noch im Spital verlebt. Jetzt drohte die winterliche Strafie und erhob 
sich manchmal vor ihm, steil geneigt wie eine Rodelbahn. Unser Feind 
ist die Strafie. In Wirklichkeit ist sie so, wie sie uns erscheint, steil und 
eine schiefe Ebene. Wir merken es nur nicht, wenn wir sie durchschrei- 
ten. Aber im Winter - man liest es in den Zeitungen - vergessen die 
Portiers und die Ladendiener, dieselben, die uns aus den Hausern und 
Hofen treiben und deren scheltende Worte uns verfolgen, Asche oder 
Sand auf das Glatteis zu streuen, und wir stiirzen, von der Kalte der 
Beweglichkeit unserer GHeder beraubt. 

Andreas hatte gerne bis zum Winter eine Frau gehabt, eine jener wehr- 
haften, starken und streitbaren Portiersfrauen, vor denen er fliehen 
mufite und deren imposante Stellung er stets dennoch ahnte: Er sah sie 
die Hande in die Hiiften stemmen, so dafi diese hervorquollen und das 
Hinterteil sich straffte, massig und weifi unter den Rocken. Solch ein 
Weib sein eigen nennen - das gab Kraft, gab Mut und Sicherheit und 
machte den Winter zum Kinderspiel. 

Fruh schon weckte ihn der Fluch Willis, den die aufstehende Klara im 
besten Morgenschlaf gestort hatte. Dann betrat Andreas die morgend- 
liche Strafie und hinkte eilig mit den Eilenden, als riefe ihn nicht die 
freie Lust, in einem beliebigen Hof zu spielen, sondern die Notwen- 
digkeit, einen ganz bestimmten, weitabgelegenen zu erreichen. Er 
hatte auch die Stadt nach Bezirken geordnet und eingeteilt, ganz will- 
kurlich, nach seinen privaten Zwecken, und jedem Tag einen eigenen 
Bezirk zugedacht. So kam er in immer neue Gegenden, forschend und 
neugicrig, hinkte furchtlos liber den glatten Asphalt weiter Strafien 
und war vorsichtig, hielt heranfahrende Automobile mit seinem erho- 
benen Stock auf und fluchte hinter bedenkenlosen Chauffeuren. So 
lernte er die Strafie besiegen, die gefahrliche Strafie, die unser aller 
Feind ist. Von ihr liefi er sich noch lange nicht unterdriicken. Er besafi 
die Lizenz. Eine Lizenz von der Regierung, zu spielen, wo und zu 
welcher Zeit immer es ihm behagte. Er besafi eine Kriicke und eine 



258 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Lizenz und eine Auszeichnung. Alle sahen, dafi er invalid war, ein 
Soldat, der fiirs Vaterland geblutet. Und es gab immer noch Achtung 
vor solchen Mannern. Wehe, wenn man ihn nicht geachtet hatte! 
Denn wie? erfiillte er nicht eine Pflicht, wenn er auf seinem Leierka- 
sten musizierte? War die Lizenz, die ihm die Regierung gewisserma- 
fien eigenhandig iiberreicht hatte, nicht eine Verpflichtung und keine 
Vergiinstigung? Indem er spielte, enthob er sie der Sorge um ihn und 
befreite das Land von einer standigen Steuer. Ja, es war kein Zweifel, 
dafl seine Tatigkeit nur mit jener der Behorden zu vergleichen war und 
er selbst etwa mit einem Beamten; insbesondere, wenn er die National- 
hymne spielte. 



IV 

Es geschah in der Pestalozzistrafie, an einem heifien Donnerstag und 
im Hof des Hauses Nummer 37 (der Kirche aus gelben Ziegelsteinen 
gegeniiber, die, rings um sich, mitten in der Strafte einen griinen Rasen 
geschaffen hatte, als hatte sie ihre Besonderheit vor alien anderen Hau- 
sern hervorheben wollen), dafi Andreas Pum das Verlangen uberwal- 
tigte, einen Marsch zu spielen, vielleicht, weil die wachsende Mattig- 
keit des Tages und Andreas' eigene eine aufriittelnde Unterbrechung 
notwendig machten. 

Andreas stellte den Wirbel an der linken Seitenwand des Leierkastens 
auf »Nationalhymne« und drehte die Kurbel so hurtig, dafl die feierli- 
chen Klange ihre langsame Pracht verloren und has tig zu hiipfen be- 
gannen, die Pausen vergafien und wirklich eine entfernte Ahnlichkeit 
mit der Melodie eines Marsches erreichten. 

Fiinf Kinder standen im Hof, und zwei Dienstmadchen lehnten ergrif- 
fen uber die Fensterbriistungen. Eine schwarzgekleidete Frau trat aus 
dem Hausflur, lenkte ihre mannlichen, zielbewufiten Schritte in die 
Richtung, in der sich Andreas befand, und blieb hinter ihm stehen. Sie 
legte eine kraftige Hand auf die Schulter Andreas Pums und sagte: 
»Mein guter Gustav ist gestern selig geworden. Spielen Sie was Melan- 
cholisches!« 

Andreas, obwohl nicht feige von Natur, erschrak dennoch ob der 
Uberraschung, brach ab, so dafi die Kurbel mit aufwartsragendem 
Griff steckenblieb, und wandte sich um. Dabei tat es ihm leid, da£ die 



DIE REBELLION 259 

starke und warme Hand zogernd, aber notgedrungen von seiner Schul- 
ter glitt. Er sah der Witwe in das gerotete Antlitz. Es gefiel ihm. Wenn 
er auch nicht Zeit genug fand, ihr Alter abzuschatzen, so durchstromte 
ihn doch plotzlich die Erkenntnis, daft die schwarzgekleidete, blonde 
Frau eine Witwe in jenem Alter war, welches man »das beste« nennt. 
Aus dieser Einsicht zog Andreas vorlaufig noch keine weiteren 
Schlusse. Allein eine dunkle Empfindung breitete sich in ihm aus, daft 
diese Frau zugleich in den Hof und in sein Leben getreten war. Es war 
ihm, als beginne es in seiner Seele zu dammern. 
»Mit dem groftten Vergniigen«, sagte Andreas und vollzog eine leichte 
Verbeugung mit dem Kopfe. Als erforderte ein melancholisches Lied 
ganz besondere Vorbereitungen, schraubte er mit wichtiger Umstand- 
lichkeit den Nationalhymne-Wirbel ab, gab der Kurbel einen 
Schwung, daft ihr Handgriff hinunterglitt und der letzte noch stecken- 
gebliebene Ton dem Kasten entfloh, ahnlich einem unterdriickten und 
abgebrochenen Gahnen. Hierauf drehte Andreas den viertletzten Wir- 
bel. Er hatte eine Sekunde lang zwischen der »Lorelei« und »An der 
Quelle saft der Knabe« geschwankt. Er entschied sich fur die »Lore- 
lei«, weil er annahm, daft dieses Lied der Witwe bekannt sein miisse. 
Diese Annahme bestatigte sich. Die Witwe, die sich in ihr Zimmer 
zunickgezogen hatte, um die melancholische Weise bequemer an ih- 
rem Fenster zu genieften, begann zu singen. Sie bemiihte sich, den 
Klangen des Instruments zuvorzukommen, so, als triebe sie die Unge- 
duld und der Ehrgeiz, sich und den Zuhorern zu beweisen, daft sie die 
Melodie auswendig kannte und gleichsam auf den Kasten nicht ange- 
wiesen war; wahrend Andreas, im Gegensatz zu der Eile der Frau, eine 
ganz besondere Langsamkeit notig befand und gemachliche Drehun- 
gen vollfuhrte, um die Melancholie des Liedes deutlicher wirken zu 
lassen. Auch befand er sich selbst in jener Stimmung, die uns in ent- 
scheidenden Augenblicken unseres Lebens befallt und der wir gerne 
durch eine hervorragende Feierlichkeit nachzugeben gewohnt sind. 
Nachdem er die »Lorelei« iiber eine Viertelstunde gedehnt hatte, kam 
die Witwe wieder in den Hof, Kuchen, Brot und eine lute mit Friich- 
ten in der Hand. Andreas dankte. Die Witwe sagte: »Mein Name ist 
Blumich, geborene Menz. Kommen Sie nach dem Leichenbegangnis 
wieder. « Andreas fand, daft es angemessen sei, ihr die Hand zu drtik- 
ken. Er tat es, ihre geschlossene Faust mit seinen Fingern umspannend, 
und sagte: »Mein Beileid, Frau Blumich.« 



26o ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

An diesem Tage spielte er nicht mehr. Er begab sich zu einer Bank vor 

der Kirche, verzehrte den Kuchen und das Obst und verwahrte das 

Brot im Sack. Spater als gewohnlich kam er nach Hause. Willi hatte 

schon langst das Bediirfnis gefuhlt, sich im Bett auszustrecken, und 

wartete nur noch aus Furcht, dafi er einschlafen und spater geweckt 

werden konnte, um aus dem Bett zu steigen und »dem Kruppel« die 

geschlossene Tiir zu offnen. Als Andreas das Zimmer betrat, erwiderte 

Willi den Grufi nicht. Das tat Andreas leid. Es war ein Tag, an dem er 

eine grofSe Giite fur Willi empfand. Er holte den Spirituskocher her- 

vor, um seinen Tee zu bereiten. Willi argerte die Schweigsamkeit. Er 

hatte gerne mit Andreas gestritten. Deshalb sagte er: »Wenn du mor- 

gen wieder so spat kommst, zerschmettere ich deinen Kasten. Du 

mufit punktlich kommen! Ordnung mufi sein!« Andreas aber war ge- 

rade heute nicht leicht zu erziirnen. Er lachelte Willi an, legte das Brot 

auf den Tisch und sagte hoflich, mit der Galanterie eines Mannes von 

Welt: »Bedienen Sie sich, Herr Willi. « 

»Dafi du mir aber punktlich zu Hause bist!« sagte Willi und setzte sich 

an den Tisch. Eigentlich ein lustiger Bruder! dachte er und war bereits 

versohnt. Er hatte noch eine Wurst vom letzten Spaziergang. Sie hing 

an einem Nagel iiber dem Bett. Sachte nahm er sie herab, brach sie in 

der Mitte entzwei und gab die Halfte Andreas. 

»Ich habe heute eine Frau kennengelernt«, drangte es Andreas zu sa- 

gen. 

»Gratuliere!« sagte Willi. 

»Eine Witwe namens Blumich.« 

»Jung?« 

»Ja, jung.« 

»Gliickskind!« 

»Ihr Mann ist gestern gestorben.« 

»Und schon -?« 

»Nein!« 

»Beeil dich, Freund! Witwen warten nicht lange!« 

Dieses Wort merkte sich Andreas. Er war nicht gesonnen, Willi als 

einen hervorragenden Menschen zu schatzen, aber er gab zu, dafi 

Leute dieses Schlages bessere Frauenkenner waren und eine Menge Er- 

fahrungen gesammelt hatten. Vielleicht ware es niitzlich, am Leichen- 

zug teilzunehmen? Vielleicht aber schickte es sich auch nicht wegen 

der Nachbarn - und auch der Frau Blumich war es gar nicht recht? Es 



DIE REBELLION 261 

schmerzte ihn fast, dafi er ihren Vornamen nicht kannte. Er mufite sie 
in innigem Gedenken »Frau Blumich« nennen und fiihlte, daft sie ihm 
langst keine Fremde mehr war. Je langer er an sie dachte, desto ver- 
trauter war sie ihm. Kein Mensch auf Erden stand ihm so nahe wie sie. 
Niemandem glaubte er so nahe zu sein wie ihr, obwohl er keine Be- 
weise dafur hatte. Denn war es nicht der Schmerz um den eben verlo- 
renen Gatten gewesen, dem er, Andreas, ihre Bekanntschaft und ihre 
Freundlichkeit zu verdanken hatte? Vergafi eine Frau so leicht? Und - 
vermochte sie es, war sie noch wertvoll? Wer kannte die Frauen? Wer 
weifi, wie lange ihr Mann krank gewesen war, ein lebender Leichnam? 
Wie lange die Arme ihre natiirliche Lebensfreude hatte hemmen miis- 
sen? Andreas wurde von Mitleid geschuttelt. 

Auch heute lief? er eine Augenlidspalte offen, und sein Blick angelte 
nach der Brust des Madchens. Aber kein Neid erfafke ihn, sondern nur 
der Wunsch zu vergleichen. Jene kurzen Augenblicke im Hof hatten 
geniigt, um ihm eine Vorstellung von der korperlichen Beschaffenheit 
der Frau Blumich zu vermitteln. Ach, sie war stammig, und man sah, 
wie das knappe Kleid ihre widerspenstig strotzenden Briiste gleichsam 
im Kampf bandigen mufke; wie sich ihre Hiiften breit und verspre- 
chend, kraftvoll und wollustig gegen das Mieder stemmten; wie alles 
gesunde Fiille war und gar nichts uberfliissig. Ein Strom von Leben 
und Lust kam aus ihren warmen Handen, und wie zwei kecke Wiin- 
sche waren ihre braunen, ein wenig rotgeweinten Augen. 
War ein Mann wie Andreas einer solchen Frau ebenbiirtig? Was gab er 
ihr? Gesund konnte man ihn wohl nennen, obwohl das fehlende Bein 
manchmal vor den Regentagen schmerzte. Das aber hing mit dem 
schlechten Leben zusammen. Er war stramm, er hatte breite Schultern, 
eine imponierende schmale und knocherne Nase, schwellende Mus- 
keln, dichtes braunes Haar und, wenn er nur wollte und sein Angesicht 
straffte, den kiihnen Adlerblick eines Kriegsmannes, besonders, wenn 
der dunkle, noch lange nicht graue Schnurrbart nach beiden Enden hin 
flott gezogen war und mit Vaseline gefettet. Auch war er in Dingen der 
Liebe kein unerfahrener Knabe mehr, und gerade jetzt, nach langer 
Enthaltsamkeit, von vielversprechender Manneskraft gefulit. Er war 
der Mann, eine anspruchsvolle Witwe zufriedenzustellen. 
Mit diesen stolzen Gedanken schlief Andreas ein, mit ihnen wachte er 
auf. Zum erstenmal nach langer Zeit blickte er beim Ankleiden ausdau- 
ernd und peinlich genau in einen Spiegel, wie vor dem Appell in der 



l6l ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Militarzeit. Das metallene Kreuz hauchte er an und rieb es am Armel 
blank, so daft es moglichst strahlend wurde. Dreimal setzte er den 
Kamm an, ehe er die gerade Linie des Scheitels gefunden hatte. Sein 
erster Weg fiihrte in die Pestalozzistrafte. 

Unterwegs fiel ihm ein, daft er sich nicht oft genug rasieren lieft. An 
zwei Tagen in der Woche, Freitag und Dienstag, pflegte er die Lehr- 
lingsschule der Barbiere aufzusuchen, wo die Lehrlinge schmerzhaft, 
aber umsonst die Barte kratzten. Diese Lehrlingsschule sowie die 
Ubung, sich nur zweimal wochentlich rasieren zu lassen, erschienen 
Andreas unwiirdig eines Mannes, der gesonnen war, dauernden und 
erfolgreichen Eindruck auf eine schmucke Witwe zu machen. Und je- 
ner siegreiche Leichtsinn, dem wir selig unterliegen, wenn wir einer 
Eroberung sicher sind, ergriff auch Andreas Pum gewaltsam und ward 
starker als seine sonst so wachsame Besonnenheit. Andreas begab sich 
in eine Barbierstube, die sich nicht mit Unrecht Frisiersalon nannte, 
und begegnete, obwohl sein Leierkasten ein wenig Verwunderung 
hatte erregen miissen, dennoch derselben herzlichen und warmen Hof- 
lichkeit, die alien Eintretenden aus den Friseurladen wie eine milde 
Friihlingsluft entgegenstromt. 

Er sah sich im Spiegel, das Gesicht weifibestaubt von Puder, seinen 
Scheitel glanzend von Ol, und den vornehmen Duft, der von ihm 
selbst ausging, atmete er mit stolzem Behagen. Der Entschluft, die 
Lehrlingsschule uberhaupt nicht mehr, dafur aber diverse Friseurladen 
um so haufiger zu besuchen, wuchs in ihm unerschutterlich. Er straffte 
die Kopfhaut, die Stirn, rief die zwei kleinen imponierenden Falten an 
der Nasenwurzel hervor und brachte so den Adlerblick zustande, den 
er immer in den entscheidenden Augenblicken seiner militarischen 
Laufbahn angelegt hatte. Dann gelang es ihm, mit einer solch vorneh- 
men Bewegung den Leierkasten umzuhangen, daft er fast einem Rech- 
nungsfeldwebel glich, der seinen Sabel umschnallt. 
Bedenken verschiedener Natur und Wichtigkeit uberfielen ihn erst auf 
der Strafte, in der Nahe des Hauses Nummer 37, wie eine lastige Flie- 
genschar. Er kam sich wie ein hartherziger Egoist vor, ein kalter 
Mensch und ein eider obendrein, der ohne Riicksicht auf den schmerz- 
vollen Tag der Witwe Blumich, vielleicht den schmerzvollsten ihres 
jungen Lebens, geckenhafte Toilette gemacht hatte. Was wiirde sie 
denken, wenn er so vor ihr erschiene, nachdem sie ihn gestern in sei- 
nem gewohnlichen Zustand gesehen hatte? Wiirde sie nicht mit Recht 



DIE REBELLION 263 

beleidigt, getroffen, ja schmerzlich bewegt sein? Es war vielleicht iiber- 
haupt nicht giinstig, heute die Witwe Blumich zu besuchen. Man 
mufite sich ein wenig auch vor dem toten Mann schamen, der noch 
nicht in der Erde lag. Andreas hatte eigentlich sehr viel Grund zu war- 
ten, der Witwe Zeit zu lassen, bis sie mit ihrem ersten Mann vollkom- 
men ins reine kommen wiirde. Aufierdem hatte sie ihn ja selbst nicht 
etwa fur heute, sondern erst fur morgen bestellt, ja man konnte sagen: 
gebeten. 

An diesem Tage hatte Andreas Pum soviel Gliick wie noch nie, seit- 
dem er mit der Drehorgel in die Hofe wanderte. Sei es, weil die unge- 
wohnlich heifie Stunde alle Leute zwang, ihre Fenster weit offen zu 
halten, und sie den Klang einer Musik zum erwarteten Anlafi nahmen, 
Luft zu schopfen und sich iiber die Briistungen zu lehnen, sei es, weil 
ihnen der frischrasierte, saubere und mit einem glanzenden Kreuz ge- 
zierte Andreas ganz besonders sympathisch erschien - wir wissen 
nicht, wieso es kam, dafi es rings um Andreas Geld regnete und daft er 
Miihe hatte sich zu biicken, so oft mufke er es tun. Es war kein Zweifel 
mehr: Das Gliick war zugleich mit der Witwe Blumich in sein Leben 
getreten. Und lachelnd, mild und gutig wie die Strahlen der unterge- 
henden Sonne, die noch auf den Giebeln der Hauser ruhte, kehrte An- 
dreas heim, lange noch vor Anbruch der Dammerung, einen herzli- 
chen Grufi fur Willi auf den Lippen und mit einem gesegneten Appetit, 
der oft eine angenehme Begleiterscheinung einer gesunden Zufrieden- 
heit zu sein pflegt. 



Noch ahnte Andreas nichts von seinem Nebenbuhler, der in Anbe- 
tracht seines Berufes ein gefahrlicher genannt werden konnte. Es war 
der im Hause Nummer 37 wohnende, jugendliche, schlanke und vom 
Scheitel bis zur Sohle verfuhrerische Unterinspektor der Polizei, Vin- 
zenz Topp, ein Frauenliebling jener Gegenden, in denen er Dienst 
hatte, ein Mann, der seine berufliche Wiirde mit einer gefalligen Sanft- 
mut wohl zu verbinden wufite, leutselig gegen Passanten und Unterge- 
bene, und gegen Vorgesetzte von einer sympathischen Korrektheit, 
der doch gleichwohl ein wenig stramme Demut beigemengt war. Auch 
in die Adjustierung wufite Vinzenz eine personliche Note einzu- 



264 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

schmuggeln, so dafi er nicht nur schmucker als seine Kameraden er- 
schien, sondern auch vorschriftsmafiiger. Er war menschlich im 
Dienst, soldatisch im privaten Umgang. 

Frau Blumich hatte wahrend der langen Krankheit ihres Marines mit 
einem durch Entbehrung doppelt gescharften Sinn die Vorziige ihres 
Nachbarn in ihrer ganzen verwirrenden Fiille entdeckt, eines gelachel- 
ten Grufies nicht selten genossen. Sie war sich jedoch dariiber klar, daft 
der Unterinspektor wohl eine kurze Zerstreuung fur entbehrende 
Frauen sein konnte, aber niemals ein getreuer und zuverlassiger Gatte. 
Dazu kam der Nachtdienst dreimal in der Woche. Frau Blumich 
furchtete sich allein mit ihrem funfjahrigen Madchen in ihren zwei 
kleinen, aber im Dunkel der Nacht fast unermefilich scheinenden Zim- 
mern. Und obwohl sie sich im allgemeinen schon die Fahigkeit zu- 
traute, zur Abwechslung neigende Manner zu zahmen und festzuhal- 
ten, so glaubte sie doch, gegeniiber dem jugendlichen Ubermut des 
Herrn Vinzenz Topp versagen zu mussen. Freilich war weder ihr In- 
stinkt so zielsicher noch ihr Verstand so scharf, dafi sie gewufit hatte, 
wie sehr gerade der ubermiitig scheinende Unterinspektor sich nach 
der gesicherten Existenz eines mit einer Witwe Verheirateten sehnte. 
Denn Vinzenz Topp war im Grunde mit seinem Leben unzufrieden. 
Er glitt allmahlich in die Jahre, in denen es lastig wird, Gedanken, Tage 
und sogar Geld den ewig wechselnden Objekten der Liebe zu widmen. 
Das Herz sehnt sich nach den beruhigenden Regeln der sittlichen Ehe. 
Wir wollen nicht mehr immer sozusagen unterwegs sein, um unser 
berechtigtes Verlangen nach der warmen Nahe der Frau stillen zu kon- 
nen. Unser Beruf allein schon macht uns heimatlos. Wir bediirfen eines 
traulichen Daheims, von dem aus gelegentliche Ausfliige nicht ausge- 
schlossen sind und schweigend verziehen werden. Wir bediirfen einer 
eigenen, jetzt iiberhaupt nicht zu erreichenden Zweizimmerwohnung, 
mobliert, und einer ansehnlichen Familienzulage fur Frau und Kind. 
Und schliefllich der Ernennung zum Inspektor, die von einer Verhei- 
ratung zwar nicht abhangig war, aber durch einen Hinweis auf die 
gesteigerten Bedlirfnisse bei einem giinstig gestimmten Vorgesetzten 
beschleunigt werden konnte. 

Von all dem ahnte, wie gesagt, Frau Blumich - sie hiefi iibrigens Ka- 
tharina - gar nichts. Sie war gewohnt, Eindruck auf Manner zu ma- 
chen, und sie fand nichts Besonderes daran, dafi auch Vinzenz Topp 
ihr einen jener unternehmungslustigen und dennoch ehrfiirchtigen 



DIE REBELLION 265 

Blicke zugesandt hatte, den alle Frauen zu schatzen wissen. Sie sam- 
melte eine Menge solcher Blicke alle Tage im Hause und auf der 
Strafie, im Park und im Laden. Das hatte nichts zu bedeuten. Von den 
Mannern ist einer leichtsinniger als der andere, alle wollen ohne Ver- 
antwortung genieften, jeder will haben, keiner will zahlen, wie das 
Sprichwort lautet. Katharina Blumich war eine niichterne Frau. Auch 
den ersten Mann hatte sie sorgfaltig erwahlt. Dafi er spater lungen- 
krank wurde, weil er Borstenarbeiter war, war Gottes Wille. Gegen 
das Schicksal kann man nichts unternehmen, aber den Verstand mufi 
man trotzdem sprechen lassen. Dieser pladierte fur einen Mann gesetz- 
ten Alters, mit einem korperlichen Mangel womoglich, der das eheli- 
che Gliick dennoch nicht verhindern konnte; die Vernunft gebot einen 
Vogel mit bereits gestutztem Gefieder, der leicht zu halten war und 
keiner aufregenden Disziplin mehr bedurfte. Dabei spielte der Stand 
keine Rolle oder nur eine geringe, insofern, als es Frau Blumich prakti- 
scher erschien, ein Wesen aus tieferer Sphare zu sich emporzuziehen, 
als selbst emporgezogen zu werden. Dieses hatte sie zur Dankbarkeit 
verpflichtet und sie ihrer Autoritat beraubt. In jedem Haushalt aber ist 
die Autoritat der Frau das Wichtigste. 

Aus diesem Grunde verzichtete Frau Katharina Blumich auf den Un- 
terinspektor Vinzenz Topp. Mochte er eine andere unglucklich ma- 
chen. Mochte er sein Leben lang iiberhaupt nur mit losen Frauenzim- 
mern umgehn. Als eine standige Bedrohung des rechtmaftig angetrau- 
ten Gatten und als ein Anlafi zu dessen Eifersucht war er ja stets nach- 
barlich zur Hand und gut zu gebrauchen. Man muft alles ausniitzen, 
aber man darf sich nicht wegwerfen. 

Der Tag, an dem Andreas Pum seinen offiziellen Antrittsbesuch im 
Hof des Hauses 37 machte, war triibe und bleiern, trotz seiner spat- 
sommerlichen Schwule eine Vorahnung des Herbstes und von einem 
starken Feuchtigkeitsgehalt, der Andreas Schmerzen im fehlenden 
Bein verursachte. An diesen Tagen war er ohnehin schutzbediirftig, 
kindlich, verlassen, wehmutsvoll, sehnsuchtig. Kaum hatte er im Hof 
als ein schweigend ausgemachtes Erkennungszeichen die »Lorelei« in- 
toniert, als Frau Blumich erschien, ihn bat, abzubrechen und in ihrer 
Wohnung sein Spiel fortzusetzen. Es war ein trauriges, ein melancholi- 
sches Lied und tat der Trauer keinen Abbruch. 

Der Musik folgte ein artiger Knicks der kleinen, blassen Anna, die ein 
diinnes Zopfchen mit einer iibermafiig groften, fledermausartigen, 



266 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

schwarzen Schleife trug. Das Kind war von den traurigen Aufregungen 

verstort und still. Der neue Mann mit dem holzernen Fufi und dem 

Instrument gefiel ihr trotz seiner Fremdheit. Sie wurde sehr zutraulich. 

Sie war fiinfjahrig, ein Mensch in jenem Alter, in dem man noch ein 

wissender Gott ist, vor dem die verborgene Giite der anderen sichtbar 

liegt wie buntes Gestein unter klarem Bergwasser. 

Dann flofi das Gesprach, unterbrochen von Kaffee und hausgebacke- 

nem Kuchen, eine stille Totenfeier fur Herrn Blumich. »Er hatte eine 

groftartige Garderobe«, riihmte die Frau, »und gerade so gewachsen 

wie Sie war er auch. Zwei braune Anziige sind kaum fiinf Jahre alt, 

damals war er noch Soldat, und ich hah' mich um ihn gesorgt, ware er 

doch draufien gestorben, wer kann da wissen, vielleicht ware der 

Schmerz kleiner und das Kind nicht da, ein vaterloses Kind! Ach, Sie 

wissen ja nicht, wie eine ganz allein, mutterseelenallein stehende Frau 

in dieser bosen Welt lebt. Sie konnen das gar nicht wissen, die Manner 

konnen das gar nicht wissen. « 

»Meine Mutter, die selige, war auch eine junge Witwe geblieben«, 

glaubte Andreas sagen zu miissen. 

»Und sie hat nie wieder geheiratet?« 

»Ja, sie hat einen Klempner genommen.« 

»V/ar er brav?« 

»Sehr brav.« 

»Lebt er noch?« 

»Nein, sie sind beide im Krieg gestorben. « 

»Beide im Krieg?« 

»Ja, beide, « 

»Nun, wenn man so gliicklich ist und der zweite Mann auch ein guter 

treuer Lebenskamerad.« Hier hielt es Frau Blumich angezeigt zu wei- 

nen. Sie suchte nach ihrem Taschentuch, fand es und brach aus. 

Andreas hielt diese traurige Szene nicht mit Unrecht fur eine giinstige 

Fiigung. Jetzt konnte er es mit Aussicht auf Erfolg wagen. Und indem 

er sich iiber die schluchzende Frau beugte und wie von ungefahr ihre 

Brust streifte, sagte er: 

»Ich will Ihnen immer treu sein.« 

Frau Blumich entfernte das Taschentuch und fragte mit einer fast 

nuchternenStimme: 

»Wirklich?« 

»So wahr ich hier sitze.« 



DIE REBELLION l6j 

Frau Blumich stand auf und driickte einen Kufi auf Andreas' Stirn. Er 

suchte ihren Mund. Sie fiel auf seinen Schofi. Sie blieb dort sitzen. 

»Wo wohnst du jetzt?« fragte sie. 

»In einer Pension«, sagte Andreas. 

»Es ist nur wegen der Leute. Sonst konnten wir morgen schon zusam- 

menziehen. Wir warten vielleicht vier Wochen.« 

»So lang?« fragte Andreas und schlang beide Arme um Katharina, 

fiihlte die stramme Weichheit ihres Korpers und wiederholte klagend: 

»So Iang?« 

Katharina rifi sich mit einem entschlossenen Ruck los. »Was sein muli, 

mu6 sein«, sagte sie streng und so iiberzeugend, dafi Andreas ihr recht 

gab und sich fiigte, aber allsogleich die siifiesten Zukunftstraume zu 

spinnen begann. 



VI 

Was war er doch fur ein Gliickspilz! Dergleichen Dinge geschahen 
nicht alie Tage, es waren keine gewohnlichen Dinge, es waren Wunder. 
Wie viele seinesgleichen erwarteten jetzt zitternd den Winter, wie ein- 
same, schwache Gestrauche, wissend, daft sie preisgegeben und zum 
Tode verurteilt, und dennoch ohne Kraft, dem langsam vernichtenden 
Schicksal durch einen schnellen Selbstmord zuvorzukommen. Ihn 
aber, Andreas Pum, unter tausend Invaliden, hatte die Witwe Katha- 
rina Blumich erwahlt, die er langsam und wie um sich vorzubereiten, 
»Kathi« zu nennen begann. Sein war nun das ertraumte Weib, das 
starkbusige, breithuftige, warme; briinstige Weichheit entstromte ih- 
rem Korper, ein verlangender und betaubender Dunst, der langent- 
behrte Duft des Weibes, der selbst schon schwellend ist, wie das 
Fleisch wogend, wie ein Busen, der Duft, in den man sich betten kann 
wie auf einen Leib. 

Reich an Vorziigen war Katharina Blumich. Aber nicht viel armer er- 
schien in manchen Stunden Andreas sich selbst. Er war ein Mann von 
seltenen Gaben des Gemiits. Fromm, sanft, ordnungsliebend und in 
vollendeter Harmonie mit den gottlichen und den irdischen Gesetzen. 
Ein Mensch, der den Priestern ebenso nahestand wie den Beamten, 
von der Regierung beachtet, man konnte sagen: ausgezeichnet, niemals 
vorbestraft, ein tapferer Soldat, kein Revolutionar, ein Hasser und 



268 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Verachter der Heiden, der Trinker, der Diebe und der Einbrecher. 
Welch ein Unterschied zwischen ihm und Willi zum Beispiel. Zwischen 
ihm und den vielen anderen, Unkontrollierbaren, die in den Hofen 
spielten und sangen, und all das ohne Lizenz! Der fernhallende Schritt 
des Polizisten erschreckte sie, stets konnte sie die Anzeige des bosen 
Nachbars erreichen, die geringen Einnahmen verloren sie am Schank- 
tisch, Zuhalter, Verbrecher, die sie waren! Wieviel Beispiele konnte 
Andreas aus seiner Spitalzeit nur anfuhren, wie wimmelte es unter den 
Kranken von Heiden! Wieviel hatten hafiliche, entstellende und anstek- 
kende Krankheiten! Die armen Weiber! Sie wufiten ja gar nicht, wem sie 
sich auslieferten! Aber Andreas war rein an Korper und Seele, wie 
geimpft gegen Siinden und Leiden durch das Leben gegangen, ein ge- 
horsamer Sohn seines Vaters und spater ein gern gehorchender Unter- 
gebener seiner Vorgesetzten. Er schielte nicht nach den Giitern der 
Reichen. Er kroch nicht durch die Fenster in ihre Villen. Er uberfiel 
niemanden in den dunklen Alleen des Parks. Dafiir belohnte ihn das 
Schicksal mit einem musterhaften Weibe. Jeder ist seines Gliickes 
Schmied. Er verdiente das Gute. Nichts fallt einem so in den SchoK. 
Rebellen denken so. Sie tauschen sich. Sie fallen immer herein. 
Plotzlich unterbrach ein Schrecken Andreas' frohlichen Gedankenflug. 
Der Schmied Bossi fiel ihm ein und sein eigenes Zittern vor der Kom- 
mission, dem er die Lizenz zu verdanken hatte. Wie, wenn sich derglei- 
chen wiederholte? Wer konnte wissen, ob nicht in seine Glieder, in 
seinen Korper, in sein Blut der Keim des Zitterns gelegt war, ob er nicht 
zur unrechten Zeit spriefien und stark wiirde, den armen Andreas iiber- 
waltigend und ihn vernichtend? Wie kam er eigentlich dazu, vom 
Schicksal vor alien anderen ausgezeichnet, eine Lizenz zu besitzen, 
ohne dauernd zu zittern? Wiirde das Geschick sich nicht plotzlich ein- 
mal seinen Lohn holen? Er wollte Sicherheit haben, zum Doktor gehen. 
Zum Doktor? Wir haben ein berechtigtes Mifkrauen gegen die Dokto- 
ren. In ihren Wartezimmern wird man krank. Wahrend sie mit ihren 
Handen, ihren Instrumenten, ihrem Verstand nach unserer Krankheit 
forschen, uberfallt sie uns, an der wir niemals gelitten. Die Brille des 
Doktors, sein weifies Gewand, der Duft, den er ausstromt, die morderi- 
sche Sauberkeit seiner Glaser und Pinzetten liefern uns dem Tod aus. 
Noch hat ein Gott, der iiber alien Doktoren ist, iiber unsere Gesundheit 
zu entscheiden; und da er sich bis jetzt so freundlich erwiesen, ermutigt 
er uns geradezu selbst, auf ihn zu bauen. 



DIE REBELLION 269 

Andreas' Nachte gebaren diese Gedanken und Befiirchtungen, frucht- 
bar und bestandig, bald grausam und bald freundlich. Ach! Das alles 
war wohl nur die Sehnsucht nach Katharina Blumich. Die Tage aber, 
die erfiillt sind von der Geschaftigkeit der anderen und unserm eigenen 
Tun, die hellen Strafien und ihre eilenden Menschen, die Kinder in den 
Hofen und die Dienstmadchen an den Fenstern geben uns, obwohl sie 
nichts gemein haben mit dem Ziele unseres Herzens, dennoch die 
trostliche Gewifiheit, dafJ wir es erreichen. Vor allem klang jeder Tag 
in einen Nachmittag im Hause der Frau Blumich aus, der Kathi, in 
einen Kaffee und in ein gefliistertes Liebesgesprach. Dieses bestand 
keineswegs aus eitlen oder verlegenen, heiften und gestammelten Lie- 
besschwiiren, sondern verfolgte praktische Zwecke und erwies die 
groften Vorteile der weiblichen Klugheit, die niemals ohne Anmut ist. 
»Wir werden das Geschaft ausbauen«, sagte Katharina. »Wir werden 
einen kleinen Esel kaufen und deinen Kasten auf einen Handwagen 
stellen, dann brauchst du ihn nicht zu schleppen!« 
Welch ein leuchtender Kopf! Welch ein liebreicher Einfall: einen Esel 
zu kaufen! 

Ein Esel ist ein dummes, aber geduldiges Tier! dachte Andreas. So oft 
hatte er davon gehort. Esel halten viel aus. Dieses Tier war wie ge- 
schaffen fur unsere Zwecke. Es iibt in den Hofen und in den Strafien 
entschieden eine Anziehungskraft aus. 
»Wie wo lien wir den Esel nennen?« fragte Katharina. 
Wirklich! An alles dachte sie. Wie konnte man einen Esel nennen? 
»Lux« war ein Hundename. 

»Muli«, schlug Katharina vor, »Muli« war grofiartig. 
Taglich, ehe die Dammerung kam, fragte Kathi: »Wirst du Anni lie- 
ben ?« 

Darauf hatte Andreas, wenn er ehrlich sein wollte, keine Antwort ge- 
ben konnen. Aber er nahm die kleine Anni, die nicht mehr so sauber 
war wie am ersten Besuchstag, bei der Hand und glaubte wirklich, eine 
unbekannte, vaterliche Liebe fur das Kind zu empfinden. Es war still 
und schien klug. Stille Kinder kommen uns immer wie wissende Beob- 
achter vor, und es schmeichek uns, wenn wir ihnen gefallen. 
Die warme Lebendigkeit der kleinen Kinderhand nahm Andreas, ohne 
es zu wissen, auf den einsamen und langen Heimweg mit. Manchmal 
dachte er an Anni mit einer freudigen Hoffnung, dafi sie bald ganz sein 
eigenes Kind wiirde. Stundenlang fuhlte er in seiner gehohlten Hand 



270 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ihre kleine, weiche Faust wie einen Vogel. Wieso kam es, dafi man 
andere Dinge vergafi, die man beriihrt hatte, und Annis Faust nicht? Es 
war vielleicht so, dafi die Hande ihr eigenes Gedachtnis hatten! Tirili! 
Ihr eigenes Gedachtnis! Sonderliche Gedanken denkt man, wenn man 
glucklich ist. 

Zwei Wochen waren vergangen, seitdem Andreas seine Braut kennen- 
gelernt hatte. Und er hatte wohl noch zwei weitere warten miissen bis 
zum Anbruch eines neuen gemeinsamen Lebens, wenn ihm nicht die 
Natur zu Hilfe gekommen ware. 

Denn eines Nachmittags, wahrend Kathi Kaffee kochte, erhob sich ein 
Sturm, und die offenen Fensterscheiben klirrten. Auf einmal wurde es 
dunkel. Es begann zu regnen. Und sei es, dafi Katharina schon ohnehin 
langst gehofft hatte, ein unerwartetes Naturereignis wiirde ihrer be- 
reits vorhandenen Neigung, ihre und Andreas' Wartezeit abzukiirzen, 
zu Hilfe kommen, sei es, dafi die Plotzlichkeit des Unwetters eine 
ebensolche der Entschlufikraft hervorgerufen hatte: Katharina besann 
sich nicht und sagte unvermittelt: 

»Du kannst heute schon hierbleiben. In diesem Wetter jagt man keinen 
Hund auf die Strafie.« 

Am nachsten Morgen ubersiedelte Andreas. Er nahm Abschied von 
Willi und liefi einen Grufi fur Klara zuriick. Willi begleitete ihn, trug 
ihm den Koffer bis zur Strafienbahn und pfiff unterwegs ein herausfor- 
dernd keckes Lied. Er verbarg beide Hande in den Hosentaschen und 
ging mit breiten Schritten und auseinandergespreizten Beinen gemach- 
lich neben dem hinkenden Andreas. Den kleinen, aber schweren Holz- 
koffer hatte er mit einem Riemen um den Arm geschlungen wie eine 
Einkaufstasche oder einen leeren Marktkorb. Es bedeutete eine stille 
Ehrenbezeugung fur den scheidenden Andreas, dafi Willi so seine Rie- 
senkrafte demonstrierte. Auch das ausgelassen muntere Lied pfiff er 
aus Wehmut. Und an der Haltestelle sagte er zwischen den Zahnen: 
»Viel Gliick auch, Andreas !« - und machte kehrt und schlenderte ge- 
machlich den Weg zuriick und warf noch einen langen Blick in die 
Seitengasse, in der die Wiirste vor dem Delikatessenladen hingen, prall 
und feist wie dicke Gehenkte. 

Es liefi sich nicht vermeiden, dafi Andreas einige Tage spater den Un- 
terinspektor der Polizei kennenlernte und dessen Gliickwunsch entge- 
gennahm. Diese Begegnung verlief in Anwesenheit der Frau Katha- 
rina, die nicht merken konnte, welchen Schmerz Vinzenz Topp hinter 



DIE REBELLION ZJl 

seiner frohlichen Formgewandtheit verbarg. Dafi man einen Kruppel 
ihm vorgezogen, dem bestgewachsenen Mann der ganzen Umgebung, 
dafi man seinen Rang nicht beachtet hatte, seine Uniform und seine 
Klugheit, dafi seine Frauenkenntnis wirkungslos, seine Andeutungen 
vergeblich geblieben waren - das alles verletzte Vinzenz Topp. Er be- 
schloft, dem neuen Mann der Katharina Blumich - es war ein Mifigriff 
dieser sonst klugen Frau - keine Sympathie entgegenzubringen. Er 
griifke kaum, wenn er und Andreas sich im Hause trafen. 
Aber Andreas merkte nichts, denn er lebte in der neuen und betauben- 
den Gliickseligkeit, die uns wie ein Panzer gefuhllos gegen die Schlech- 
tigkeit und die Krankungen der Welt macht und wie ein giitiger 
Schleier die Bosheit der Menschen verhiillt. 

Ja, Andreas war gliicklich. Ein gottliches Weib warmte sein Lager und 
wandelte es in ein Paradies. Kein Schmerz gemahnte an das fehlende 
Bein. In der neu gefiitterten Kriicke lag der Stumpf warm gebettet wie 
in der Hohlung einer liebenden Frauenhand. Den Morgen leitete die 
dampfende Kaffeetasse ein. Den Tag beschloft ein warmes Essen. But- 
terbrote lagen in seinen Taschen, begleiteten ihn auf seinen Wegen wie 
Grlifie seiner Frau. In den Stunden der Dammerung safi Anni, das 
blasse, grofiaugige Kind, auf seinem gesunden Knie. Andreas erklarte 
ihr den wunderbaren Sinn der Bilder auf dem Leierkasten. 
»Du bist ein liebes, kleines Madchen«, sagte er oft und sinnlos, denn er 
plagte sich vergeblich, um ein schoneres Wort fur Anni zu finden. 
Langsam und wie eine grofie, gute, heilende Warme breitete sich in 
ihm die Liebe aus. 

An einem der ersten Novembertage heirateten sie. Zum letztenmal in 
diesem Herbst schien die Sonne so warm, dafi man ganz leicht und frei, 
wie im Friihling, vor der Kirche stehen konnte (vor der Kirche aus 
gelben Ziegelsteinen, die von einem leise bereiften Rasen umgeben 
war) und daft die kleine Anni nicht fror, obwohl sie ein diinnes weifies 
Musselinkleidchen trug, ohne Mantel. Sie sah aus wie eine kleine 
Braut. 

Dann kamen die triiben, die regnerischen, die kalten Tage. Nur am 
Vormittag geht Andreas in die Hofe spielen. Ihn friert nicht. Ihn 
durchnafk der zudringliche Regen nicht. Er trauert nicht um die wol- 
kenverhangene Sonne. Dank seiner neuen, unten kantig gehobelten 
Kriicke gleitet er niemals auf schlupfrigem Pflaster. Hart an den Bor- 
den der Biirgersteige geht er, und vor ihm fiihrt Muli, der kleine Esel, 



272 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

den Kasten auf einem Handwagen. Alles ist Andreas' eigenes Gut. 
Nun denkt er schon an einen Papagei mit griinen und roten Losen fur 
den Friihling. Kinder und Erwachsene sehen ihm nach. Trotz der 
Kalte regnet es Geld aus alien Fenstern, in alien Hofen. Trotz der Kalte 
greifen Passanten in die verborgenen Taschen. Alle - nicht alle, aber 
viele kennen ihn. Was fehlt Andreas Pum? 

Er liebte alles in der Welt und besonders zwei - sind es Dinge oder 
Menschen? - Sie gehoren zusammen und sind nicht von einer Gattung. 
Andreas liebte Anni und Muli, das Kind und den Esel. 
Dem Esel hatte er einen kleinen Stall im Hof gebaut. In der Nacht 
denkt er manchmal daran, daft Muli friert. Am nachsten Tag will er 
mehr Stroh in den Stall tun. 

Plakate sind an den Litfaftsaulen zu sehen. Die Invaliden sind wieder 
einmal unzufrieden. Heiden, die sie sind! »Kameraden!« schreien die 
Plakate. Die Regierung! Die Regierung! Sie wollen die Regierung ab- 
schaffen! Ihn, Andreas Pum, konnte man nicht fur derlei Dinge haben. 
Er machte keinen Radau, er war ein ruhiger Mensch, er verachtete 
Kartenspieler, Tnnker und Rebellen. 

Mit dieser Verachtung im Herzen hatte Andreas Pum alle die langen 
oder kurzen Jahre leben konnen, die ihm vom Schicksal zugedacht 
waren, mit dieser Verachtung im Herzen, in dieser warmen, guten Be- 
haglichkeit, in dieser vollendeten Harmonie mit den irdischen und 
gottlichen Gesetzen, den Priestern ebenso nahe wie den Beamten der 
Regierung — wenn nicht ein ganz fremder Mann in Andreas Pums 
Leben getreten ware, um es zu vernichten, nicht mit dem Willen zum 
Bosesein, sondern von der Blindheit des Zufalls dazu gezwungen, ein 
unwissendes Mittel in der Hand des Teufels, der manchmal die gott- 
liche Regierung unterbricht, ohne daft wir es ahnen; so daft wir noch in 
der trostlichen Gewifiheit, daft ein Gott liber uns wacht, unsere stum- 
men Gebete zu ihm hinaufsenden - und uns wundern, wenn sie nicht 
erhort werden. Der Mann, dem Andreas sein Ungliick zu verdanken 
hatte, war der Posamenteriehandler Arnold von der Firma Arnold & 
Hahn. 



DIE REBELLION 2J} 

VII 

Herr Arnold war grofi, gesund, satt und dennoch unzufrieden. Das 
Geschaft florierte. Daheim wartete seiner eine treue Gattin, die ihm 
zwei Kinder geboren hatte: einen Knaben und ein Madchen, genauso, 
wie er es sich gewiinscht. Seine Anziige safien gut, seine Krawatten 
waren immer modern, seine Taschenuhr ging richtig, sein Tag war mit 
einer wohltatigen Genauigkeit eingeteilt. Keine unangenehme Uberra- 
schung konnte ihm die milde Ordnung seines Lebens storen. Es schien 
fast ausgeschlossen, dafi ihm je eine Morgenpost den peinlichen Bettel- 
brief eines unbegiiterten Verwandten bringen wiirde. Er hatte keine 
armen Verwandten. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie, in 
der es keine Zwistigkeiten gab. Alle ihre Mitglieder einte eine versoh- 
nende Sorglosigkeit und eine verwandte Art, die Welt zu sehen, die 
Politik zu beurteilen, den personlichen Geschmack zu zeigen, die je- 
weils herrschende Mode zu kritisieren oder mitzumachen. Im Hause 
Arnolds gab es nicht einmal jene hauslichen Kummernisse, deren Ur- 
sachen gewohnlich in einem miftratenen Leibgericht zu suchen sind. 
Sogar die Kinder lernten gut, benahmen sich ziichtig und schienen zu 
wissen, welche Verantwortung sie dem Namen ihres Vaters und seiner 
nicht unerheblichen Abstammung schuldig waren. 
Dennoch litt Herr Arnold an einer chronischen und, wie man sieht, 
unbegriindeten Unzufriedenheit. Er selbst wufite freilich Griinde ge- 
nug. Einerseits regten ihn die Zeitverhaltnisse auf. Er hatte von seinen 
Ahnen einen ausgepragten Sinn fur Ordnung geerbt, und ihm war, als 
gingen die Tendenzen der Gegenwart dahin, diverse Ordnungen zu 
storen. Andererseits naherte er sich jenem Alter eines Familienvaters, 
in dem eine weibliche Abwechslung zur Erhaltung des inneren Gleich- 
gewichts notig wird. Dieser Liebesdrang aber verursachte eine gewisse 
Unsicherheit, welche die Ordnung des Tags und noch mehr der Nacht 
zu sprengen drohte, und teilte sich allmahlich der ganzen Tatigkeit des 
Herrn Arnold mit, beeinflufke die grofien Abschliisse und sogar die 
Erledigung der Korrespondenz; insbesondere diese, weil Arnold die 
Briefe der jungen Veronika Lenz, die geradezu absichtlich diesen Na- 
men trug, zu diktieren pflegte. 

Nun war Fraulein Lenz allerdings so gut wie verlobt. Dennoch hatte 
sich ein in den Dingen der Verfiihrung mehr geiibter Mann durch diese 
Tatsache nicht abhalten lassen. Gerade die mangelnde Ubung hatte bis 



274 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

jetzt den Herrn Arnold ausgezeichnet, seine Soliditat unterstiitzt, sei- 
nen Ruf begriindet und ihm die Kraft gegeben, sich gegen die zerset- 
zenden Erscheinungen des gegenwartigen Lebens zu emporen. Ach! 
wie bangte ihm vor dem Tag, an dem er sich in den traurigsten Wider- 
spruch zu seiner ganzen Existenz bringen wiirde, und wie sehnte er 
diesen Tag herbei! Wie mufSte er sich stundlich vor sich selbst, vor 
seiner Umgebung, seinem Kompagnon, seiner Frau und seinen Kin- 
dern in acht nehmen. Und wie schwer fiel es ihm! 
Denn es war nicht leicht, Veronika Lenz zu vergessen, ein hellblondes 
Madchen mit kraftigen Handen und einem merkwiirdig zarten Ange- 
sicht, in einer sehr vorteilhaften Kleidung, welche die wichtigsten Be- 
standteile des Korpers mit einer aufregenden Deutlichkeit ahnen Heft. 
Unvergefilich blieb sie besonders an jenen Tagen, an denen sie in einer 
dunkelgriinen, armelfreien Bluse erschien und ein braunes Muttermal 
in der warmen, blauschattenden Ellbogenhohlung sichtbar machte. 
Diese Stelle zu kiissen wiinschte sich Herr Arnold. 
Er zweifelte nicht daran, daft es ihm gelingen wiirde, wenn er nur erst 
einmal den Entschluft gefaftt hatte. Denn seine breitschultrige, rotlich- 
blonde Mannlichkeit muftte imponieren; obzwar sein Angesicht ein 
erblicher Fehler storte, der in verschiedenen Gesichtern der Familie 
Arnold seit Jahrhunderten schon heimisch war. Herr Arnold besafi 
eine schiefe, unten abgeplattete Nase. Das riihrte von der schiefstehen- 
den Scheidewand her, welche das eine Nasenloch rund, das andere 
dreieckig gestaltete. Immerhin versuchte die Natur, die auch in ihrer 
Bosheit noch gtitig ist, diesen Fehler dadurch zu mildern, daft sie das 
Nasenende fleischig, platt und beweglich machte. Diese Ruhrigkeit 
konnte gelegentlich die schiefen Locher als eine momentane Verschie- 
bung gelten lassen, etwa durch ein zu starkes Schneuzen verursacht. 
Den fluchtigen Betrachter tauschte iiberdies auch der buschige, rotli- 
che Schnurrbart, der die Nase als einen Gesichtsteil zweiten Ranges 
erscheinen liefi und sich auf ihre Kosten hervorragend bemerkbar 
machte. 

Unbezweifelbar mannlich waren alle anderen Merkmale der Arnold- 
schen Korperlichkeit. Schritt er, Briefe diktierend, durchs Zimmer, so 
seufzte die Diele unter seiner kraftigen Sohle. Er hatte die Gewohn- 
heit, mit vorgeneigtem Korper, die Hande in den Rocktaschen, auf 
einem Fufl eine Weile lang stehenzubleiben und mit der Spitze des 
anderen den Teppich zu beriihren, so daft er von feme an die Stellung 



DIE REBELLION 275 

emer Statue gemahnte, die einen eilenden Mann in einem bestimmten 
Moment seines Laufes festhalt. Erst nach zwei oder drei Sekunden 
beriihrte die Ferse des anderen Fuftes den Boden. Die Schritte waren 
gewaltsam breit und raumfressend. Das Diktat klang streng, und der 
Stil der Briefe erinnerte, auch wenn sie Hoflichkeiten enthielten, an 
Riigen und Verweise. Obwohl Herr Arnold bereits seit mehr als zehn 
Jahren fiir die Firma Briefe zeichnete, bereitete ihm seine Unterschrift 
doch immer neue Freude. Denn sie war, und wurde sie auch noch so 
oft gegeben, wie eine Bestatigung der Arnoldschen Macht und rein 
als graphische Erscheinung ein imponierendes Ornament. Deshalb 
verrichtete er seine Unterschriften in einer atemraubenden Stille, 
schnell und dennoch sorgsam, in der Linken die Ldschwiege als ein 
Mittel, die scharfe Wirkung des tintenfeuchten Namens zu be- 
schwichtigen. 

Indessen stand Veronika Lenz hinter seinem Stuhl und bezauberte ih- 
ren Herrn, ohne es zu wollen. Es war gewifi, daft sie keine anderen 
Absichten hegte, als die Korrespondenz gewissenhaft zu erledigen 
und die Statte ihrer Arbeit schnell zu verlassen. Aber gerade daran 
zweifelte Herr Arnold. Denn so wenig er auch sonst vom Leben der 
jungen Madchen dieser Zeit wufite, so viel schien ihm doch sicher: 
dafi jemand, der so gut wie verlobt war, noch keine Braut genannt 
werden konnte. Diese Bezeichnung allein hatte ihn mit jenem distan- 
zierenden Schauder erfiillt, den wir den geweihten und heiligen Na- 
men gegeniiber empfinden. An sundhafte Beziehungen zu fremden 
Brauten diirfen wir nicht einmal im Traum denken. Es gleicht fast 
einem Ehebruch. Einem Raub fremden Gutes. Einem tiickischen 
Diebstahl. Wir aber leben in einer Welt, in der das Eigentum des 
Nachsten geschont werden mufi. Wo kamen wir denn sonst hin! 
Dagegen bedeutet eine Verlobung, die noch nicht feststeht und die 
unter gewissen Umstanden iiberhaupt nicht zustande kommen 
konnte, noch keinen heiligen Brautstand. Ja, sie gleicht viel eher 
einem weniger heiligen Verhaltnis, auf das man keine Riicksichten zu 
nehmen braucht - insbesondere, wenn man weifl, daft jener Mann ein 
Tunichtgut ist, ein Artist, ein Komodiant, der durch die Stadte der 
Welt reist und wahrscheinlich in jeder Stadt ein Madchen besitzt. Ihn 
macht man nicht arm. Ihm raubt man gar nichts. Man tut - im Ge- 
genteil - vielleicht ein gottgefalliges Werk, indem man dem Madchen 
die Augen offnet und ihren stumpfen Sinn fiir die bitteren Wirklich- 



276 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

keiten dieser Erde scharft, die man nur vergessen und besiegen kann in 
kurzen, voriibergehenden und vor allem folgenlosen Rauschen. 
Nachdem Herr Arnold durch derlei sorgfaltige Uberlegungen dazu ge- 
kommen war, den aufiergewohnlichen Zustand seiner Verliebtheit als 
einen gewohnlichen Wohltatigkeitsdrang erscheinen zu lassen, verlor 
er die Angst vor den Schwierigkeiten, die sich seiner Eroberung entge- 
gengestellt hatten. Und so geschah es, dafi er eines Tages, wahrend er 
Unterschriften gab, die Loschwiege langsam hinlegte, seine Feder in 
das Tintenfafi steckte und - sich schnell erinnernd, dafi man Federn 
ohne Schaden nicht in der Time lassen konnte - sie sofort wieder auf 
dem eisernen Haltergestell sorgfaltig plazierte. Hierauf wandte er sei- 
nen Kopf, streckte beide Arme hoch und umklammerte den siifien, 
gebiickten Nacken des blonden Madchens. 

Veronika Lenz stemmte sich gegen die umarmenden Hande, deren 
Druck starker war und siegreich blieb. Sehr erschrocken und stohnend 
in vergeblicher Abwehr mufite sie ihr Angesicht der Wange des Herrn 
Arnold nahern. Sie sah dabei die rotlichen Haarbiischel in seinen Oh- 
ren, roch den kalten Dunst von Zigarren und menschlichem Fett, der 
aus den Fugen zwischen Kragen und Hals des Mannes zu stromen 
schien. Die Riickenkante des Stuhls schnitt schmerzhaft in ihren Leib. 
Sie schlofi die Augen, wie um den Tod zu erwarten, und fiihlte einen 
Bifi auf ihrer Wange. 

Jetzt erst rifi sie ihren Kopf heftig zuriick, spuckte auf den Nacken des 
Herrn Arnold, raffte Jacke, Hut und Tasche zusammen und stiirzte 
hinaus. 

Arnold blieb nur eine Hoffnung: dafi dieses Madchen, das er jetzt 
hafite, nicht mehr kommen wiirde. Er wollte ihr sofort eine grofiere 
Summe anweisen lassen. Diesen beschamenden Vorfall wiirde er ein- 
mal schon vergessen. Man kommt liber alles hinweg. Arbeiten und 
nicht verzweifeln! Allzeit Kopf hoch! Auch der Klugste begeht 
Dummheiten. Und schon traumte er, dafi ein Jahr verflossen und das 
Ereignis begraben sei unter der wuchtigen Fiille von dreihundertfiinf- 
undsechzig arbeits- und abschlufireichen Tagen. 
Also sein aufgeregtes Gemiit besanftigend, begab er sich im Automobil 
nach Hause, trat er mit lautem, herablassendem Grufi in sein Zimmer, 
kiifite er beide Wangen seiner immer noch schonen Frau, versprach er 
den Kindern Geschenke zu Weihnachten, fand er ein leutseliges Wort 
fur das Dienstmadchen, schiittete er Gnaden iiber sein Haus. Dann 



DIE REBELLION 277 

schlief er eine lange, ruhige, gesunde Nacht und fuhr des Morgens 
pfeifend ins Geschaft. 

Hier aber unterbrach Luigi Bernotat, ein Tierstimmenimitator aus dem 
Rokoko-Variete, Herrn Arnolds zuversichtliche Laune. Luigi Berno- 
tat, ein Mann von hoflichen Formen, entschuldigte sich zuerst, dafi er 
so frlih schon store, und begann, ohne zu zogern, von seiner Braut zu 
sprechen, die durch eine bedauerliche Zudringlichkeit eines Herrn die- 
ses sonst so angesehenen Hauses gezwungen sei, den Dienst aufzuge- 
ben und eine Abfertigung zu verlangen. 

»Mit dem grofken Vergniigen«, unterbrach hier Herr Arnold Luigi 
Bernotats wohlgesetzten Vortrag. 

»Das ist sehr nett«, sagte Bernotat, »aber im Grunde nur Ihre Pflicht. 
Dariiber hinaus fiihle ich, als der Veriobte der Dame, mich schwer 
gekrankt. Ich bin also gekommen, um Ihnen anzukiindigen, daft ich 
den Gerichtsweg beschreiten werde, dafi ich rest gesonnen bin, den 
Gerichtsweg zu beschreiten,* - schon um ein Exempel zu statuieren.« 
Jetzt entstand eine drohende Pause. 

Herr Arnold ergriff das blanke Lineal aus Eisen, er driickte die Finger 
an das kiihle Metall, es tat ihm wohl und vertrieb wenigstens an einer 
Korperstelle und fiir eine kurze Weile die plotzliche Hitze, die sich 
seines ganzen Leibes bemachtigt hatte. Er will erpressen, er will er- 
pressen, ich bin hereingefallen, ich bin schon hereingefallen, dachte 
Herr Arnold. Dann stand er auf und sagte: 
»Wieviel wollen Sie?« 

Luigi Bernotat schien diese Frage erwartet zu haben. Denn wie ein 
Schauspieler, dessen Stichwort gefallen, begann er langsam und sicher, 
mit kiinstlichen Pausen und abwechselnd sehr schnell fliefiendem Vor- 
trag eine Rede, und seine Stimme bannte ihren Zuhorer so, dafi er eine 
kurze Zeit nur auf das mahliche Steigen und Fallen des Tones horte, 
ohne zu unterbrechen. 

»Sie denken wohl«, sagte Luigi Bernotat, »ich ware ein Erpresser? Wie 
sollten Sie auch anders? Menschen Ihresgleichen glauben natiirlich, 
dafi die Ehre eines Mannes kauflich ist. Die meinige nicht! Bei mir 
nicht, Herr Arnold. Sie selbst werden dafiir einstehen, was Sie zu un- 
ternehmen gewagt haben. Noch gibt es Gerichte. Sie glaubten, ein Ar- 
tist wiirde das nicht so genau nehmen? Die Braut eines Geschafts- 
freundes oder eines Rechtsanwalts, eines Studenten oder eines Offi- 
ziers hatten Sie nicht beriihrt. Ich werde Sie dariiber belehren, daft 



278 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

auch die Braut eines Artisten kein Freiwild ist. Ich konnte Sie fordern, 
wenn ich nicht der Antiduell-Liga angehoren wurde. Glauben Sie 
nicht, dafi ich feige bin. Man kennt mich. Ich habe den bekannten 
Martin Popovics, seinen Namen werden Sie bestimmt schon gehort 
haben, den Kunstblaser Popovics, zweimal geohrfeigt, weil er einen 
dummen Witz gemacht hat. Ubrigens bin ich Amateurboxer. Ich bin 
also, wie Sie sehen, nicht feige. Aber ich verleugne meine Grundsatze 
nicht. Konsequenz ist das wichtigste im Leben. Seien Sie ein konse- 
quenter Mann, und tragen Sie die Folgen!« 

Herr Arnold stand schweigend, weil der Stimme beraubt. Er beobach- 
tete die rote, schwarz und braun gestreifte Schleife seines Gegners, die 
keck und wie ein Requisit der Lebensfreude iiber die beiden Kragenen- 
den hinausragte. Es wurde sehr still, nachdem Luigi Bernotat mit erho- 
bener Stimme seine Rede beendet hatte. Pldtzhch begann Bernotat zu 
trillern. Er wollte offenbar seinen frechen Ubermut beweisen, indem 
er eine Lerche tauschend imitierte. Sein Pfeifen schwoll an, und bald 
war es, als jubilierte ein ganzer Lerchenchor. 

Da schrie Herr Arnold; »Trillern Sie hier nicht, Sie frecher Lausbub.« 
Luigi Bernotat verneigte sich: »Das werden Sie beweisen«, sagte er 
leise und gar nicht konsequent, und er tanzelte, nachdem er sich noch 
einmal verneigt hatte, elegant hinaus. 

Herr Arnold iibersah, trotz seiner Aufregung, die ganz gefahrlichen 
Folgen dieses Besuches nicht. Da hatte er was angerichtet! Funfund- 
vierzig Jahre eines anstandigen Lebenswandels, eines tadellosen Rufes, 
eines glanzenden Geschaftsganges waren gefahrdet. Und, ohne lange 
zu uberlegen, fuhr er zu seinem Rechtsanwalt. 

Freilich war dieser abwesend und beim Gericht. Ein Narr, wer es an- 
ders erwartet hatte! Wozu haben wir eigentlich unsere Rechtsanwalte? 
Damit sie verschwinden, sobald wir ihren Rat gebrauchen. Unsere 
Hausarzte? Sie kommen erst, wenn wir gestorben sind, und schreiben 
unsere Totenscheine. Unsere Buromadchen? Sie bringen uns eines 
dummen Witzes wegen in die allergrofke Verlegenheit. Unsere 
Frauen? Mit ihnen konnen wir uberhaupt nicht sprechen, wenn unser 
Herz voll ist; unser Ungliick loscht nur ihren ewigen Rachedurst. Un- 
sere Kinder? Sie haben ihre eigenen Sorgen, und wir Vater sind wo- 
moglich ihre Feinde. 

Und obwohl alle diese Verhaltnisse seit Jahrhunderten wahr und gultig 
sein mochten, so war doch vieles von dem, was den besonderen Fall 



DIE REBELLION 279 

Bernotat, Lenz und Arnold betraf, eine Schuld dieser Zeit; dieser ent- 
setzlichen Gegenwart, deren Tendenzen dahin gingen, diverse Ord- 
nungen zu zerstoren. In welchem Zeitalter der Weltgeschichte ware es 
sonst moglich gewesen, daft ein kleines Buromadchen ihren Verlobten 
zu ihrem Brotgeber schickte? Dafi dieser »Brautigam« - Herr Arnold 
dachte diese Bezeichnung in Gansefufichen - zum Chef eines altange- 
sehenen Hauses kame und Rechenschaft forderte - notabene ein Brau- 
tigam, der ein Zirkusmensch ist! In welcher anderen Zeit hatte diese 
Hefe der menschlichen Gesellschaft noch so viel impertinenten Mut 
aufgebracht? 

Herr Arnold schickte das Auto weg und ging durch die Strafien. Er afi 
in einem Restaurant. Mochte seine Familie auch ein bifkhen aufgeregt 
sein. Hatte er vielleicht die Verpflichtung, seit Jahren punktlich heim- 
zukommen? Mochten sie zu Hause nur glauben, ihm sei ein Unfall 
zugestofien. 

Im Gasthaus schien der Kellner eine so auffallige Erscheinung wie 
Herrn Arnold nicht bemerken zu wollen. Arnold zerschlug mit einem 
schweren Messergriff ein Salzfaft und nahm mit der wortlosen Ge- 
kranktheit eines gewaltigen Tyrannen die demiitige Entschuldigung 
des feierlichen Direktors entgegen. 

Dann trank er einen Mokka, um die Miidigkeit niederzuringen. Den- 
noch muflte er noch auf der Strafie gegen den Schlaf ankampfen, der 
mit der Zahigkeit einer langjahrigen Gewohnheit auftrat. 
Herr Arnold ging durch fremde StraEen mit eiligen Schritten, als 
wollte er bald ein Ziel erreichen. Mit jedem Schritt merkte er, bitter 
und dem Weinen nahe, wie wenig er eigentlich bedeutete. Man geht so 
durch die Welt, durch sein eigenes Land, durch seine Heimat, fur die 
man fiinfundvierzig Jahre geschuftet hat - und ist ein Niemand. Vor 
fremden Automobilen und Wagen mull man sich in acht nehmen. Die 
Lummel von Polizisten sehen stolz auf uns herab. Gemeine Menschen 
aus den unteren Schichten des Volkes, versoffen und zerlumpt, gehen 
uns nicht aus dem Wege. Geschaftsdiener mit Gepackstiicken stofien 
uns an. Sechzehnjahrige Burschen bitten mit der Miene ernster Manner 
um Feuer fiir ihre Zigarette. Es fallt uns aber nicht ein, stehenzublei- 
ben und Rotzbuben Gefalligkeiten zu erweisen. Auf Schritt und Tritt 
erkennt man die zersetzenden Tendenzen dieser Zeit. Dieser gottver- 
lassenen Gegenwart! 
Die Dammerung senkte sich rasch iiber die Welt. Die ersten Laternen 



280 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

erglommen. Ein hinkender Mann stellte sich Arnold in den Weg. Er 
trug auf Brust und Riicken ein aufreizendes Plakat. »Genossen!« - so 
begann es, »die Not der Invaliden kennt keine Grenzen. Die Regie- 
rung ist ohnmachtig!« In diesem Ton ging es weiter. Das war ja auch 
eine schone Bande! Bettler, Diebe und Einbrecher. Viele waren ja gar 
nicht edit. Simulierten Schmerzen. Gaben vor, Kriippel zu sein! Eine 
nette Gesellschaft. Die Regierung liefi das zu. Auf offentlichen Plaka- 
ten schreiben sie: Genossen! Ein schreckliches Wort. Anarchistisch. 
Zersetzend. Es riecht nach Bomben. Die russischen Juden erfinden 
solche Bezeichnungen. Der Polizist stand in der Nahe und griff nicht 
ein. Dafiir zahlt man die horrenden Steuern! Schrecklich so was! Da ist 
ja auch das Versammlungslokal! Hinein stromen sie! Auffallend wenig 
Kriippel. Drei oder vier Blinde mit Hunden. Aber sonst? - Tagediebe, 
Bettler, Gesindel. 

Es war spat. Man mufite heim. Am besten, man bestieg eine Strafien- 
bahn. 

Hatte der Herr Arnold, wozu er wohl in der Lage gewesen ware, ein 
Auto genommen, um heimzukommen, er ware der letzten Aufregung 
dieses furchtbaren Tages entronnen und sein Weg hatte sich nicht un- 
heilvoll mit jenem des Leierkastenmannes Andreas Pum gekreuzt. So 
aber richtet es ein tiickisches Geschick ein: dafi wir zugrunde gehen 
nicht durch unsere Schuld und ohne dafi wir einen Zusammenhang 
ahnen; durch das blinde Wiiten eines fremden Mannes, dessen Vorle- 
ben wir nicht kennen, an dessen Ungliick wir unschuldig sind und 
dessen Weltanschauung wir sogar teilen. Er gerade ist nun das Instru- 
ment in der vernichtenden Hand des Schicksals. 



VIII 



Es fiigte sich, daft Andreas, der an diesem Nachmittag seinen Leierka- 
sten zu Hause gelassen hatte und den Esel im Stall, wie er es an jedem 
Mittwoch zu tun gewohnt war, plotzlich so miide wurde, daft er, ob- 
wohl er sparsam und sein Haus nicht mehr weit entfernt war, die Stra- 
fienbahn bestieg. Hart an ihrem Eingang und so, daft er das halbe Tritt- 
brett einnahm, stand Herr Arnold mit seinem Regenschirm wie ein 
Wachter. Mehrere Passanten hatten sich schon iiber den umfangrei- 
chen Herrn aufgeregt, der den Verkehr so anmaftend behinderte. Ar- 



DIE REBELLION 



nold aber war - wir wissen weshalb - nicht in jener Stimmung, in der 
man seinen Mitmenschen Gerechtigkeit widerfahren lafit. Er, der sonst 
immer fur die vorgeschriebene Ordnung auf offentlichen Verkehrsan- 
stalten eingenommen war, rebellierte gegen seine eigene Uberzeugung. 
Andreas Pum war schon lange nicht Strafienbahn gefahren. Er hatte sie 
als ein sympathisches Verkehrsmittel in der Erinnerung. Immer boten 
ihm zwei und drei Passagiere gleichzeitig ihre Platze an. Seine Krucke, 
sein militarischer Anzug, den er an Wochentagen trug, und sein blan- 
kes Kreuz sprachen zu dem Gewissen der Leute, selbst jener miirri- 
schen Nebenmenschen, die immer tiefbekiimmert und wie durch tau- 
send Ungerechtigkeiten, die ihnen jemand zugefugt, erbittert durch die 
Welt gehen mit dem Ziel, alien, die ihnen in den Weg laufen, das Da- 
sein zu erschweren. In der Strafienbahn begegnete Andreas Pum im- 
mer zuvorkommenden Gesichtern. 

Um so grofier war seine Verwunderung liber den fremden Herrn, der 
nicht um einen halben Zoll von seinem Platz riickte, obwohl er sah, 
dafi Andreas mit Krucke und Stock zumindest ein ganzes Trittbrett fur 
sich allein benutzen muflte, wenn er die Bahn besteigen wollte. Hinter 
Andreas drangten die Leute. Der Schaffner befand sich im Innern des 
Wagens. Indessen aber sah Herr Arnold geradeaus vor sich hin, als 
wiiEte er gar nicht, was sich alles vor ihm begab, und seine Gedanken 
waren etwa von dieser Art: 

Das ist so ein Invalide. Ein Simulant. Das andere Bein hat er sorgfaltig 
verborgen. Ein Soldat! Ha-ha! Das kennen wir. Diese Kerle schamen 
sich nicht, die Uniform zu entehren. Eine Auszeichnung! Welch ein 
gottloser Schwindel! Der kommt aus der Versammlung der Invaliden, 
die ich gerade gesehen habe. Die Herren Genossen! Man tut nicht ge- 
nug fur sie. Ich gehore dem Wohltatigkeitskomitee vom Silbernen 
Kreuz an. Der Herr Reschofsky ebenfalls. Alle Herren aus meiner Ge- 
sellschaft. Jeder tut, was er kann. Sie sind unzufrieden. Undank ist der 
Welten Lohn. Der Fratz, den ich gestern kaum angeriihrt habe, schickt 
mir ihren Zuhalter an den Hals. Einen Artisten! Er wagt es, mich zu 
beleidigen. Die Gerichte sind imstande, ihm recht zu geben! Diese Ge- 
richte heutzutage! Gibt es iiberhaupt noch eine Gerechtigkeit in der 
Welt? 

Des Menschen Gedanken sind schneller als die Blitze, und ein empor- 
tes Gehirn kann wohl in einer halben Minute eine ganze Revolution 
gebaren. Die Straftenbahn wartete schon eine Minute langer. Andreas 



282 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Pum beschlofi endhch, sich, so gut es ging, an dem steinernen Herrn 
vorbeizudriicken. Es gelang ihm, nachdem ihm eine Frau, die ruck- 
warts stand, geholfen hatte. Nun aber wurde sogar der sanfte Andreas 
aufgeregt. Es fiel ihm nicht ein, in den Wagen zu gehen. Er blieb neben 
dem unbeweglichen Herrn. 

Es geschah im Leben Andreas* zum erstenmal, daft ihm das Angesicht 
eines gutgekleideten Herrn unsympathisch war. Andreas sah die 
schiefe Nase und den rotlichen Schnurrbart. Langst hatte er sich damit 
abgefunden - ja, es war ihm kaum jemals eingefallen, dariiber emport 
zu sein, daft andern Menschen kein Bein fehlte. Aber die kdrperliche 
Unversehrtheit dieses einen Herrn verdroft Andreas. Es war ihm, als 
machte er jetzt erst die Entdeckung, daft er ein Knippel und die andern 
Menschen gesund waren. 

Dem Herrn Arnold gegeniiber stand eine grofte Dame. Sie trug iiber 
ihrem Jackchen eine kleine Pelerine und hielt die Hande hoch uber der 
Brust. Sie hatte ein gelbes, langes Gesicht, einen Kneifer und eine ver- 
schwindend kleine Nase mit trockenen Nasenlochern. Sie sah einem 
gilbenden Schilfrohr ahnlich. 

Zu ihr sprach plotzlich Herr Arnold: »Diese Invaliden sind gefahrliche 
Simulanten. Ich war gerade jetzt in ihrer Versammlung. Alle natiirlich 
Bolschewiken. Ein Redner gab Anleitungen. Die Blinden sind nicht 
blind, die Lahmen sind gar nicht lahm. Alles SchwindeL« 
Die diinne Dame nickte und versuchte zu lacheln. Es war, als driickte 
jemand ihr Angesicht schmerzlich, wie man Zitronen zu pressen 
pflegt. »Auch die Einbeinigen«, fuhr Herr Arnold fort, »sind nicht 
einbeinig. Man macht das ganz einfach - so!« Und Arnold hob einen 
Fuft und wollte zeigen, wie man ein halbes Bein verbergen kann. 
Da schrie plotzlich Andreas: »Sie Fettbauch, Sie!« 
Er wuftte nicht, wie er zu diesem Schrei gekommen war. Denn er hatte 
in seinem ganzen Leben nicht so laut geschrien, und er hatte sich vor 
funf Minuten noch nicht vorstellen konnen, daft er einen fremden 
Herrn so angreifen wurde. Ein unerklarlicher Haft vergewaltigte An- 
dreas. Vielleicht hatte er lange in ihm geruht, verhullt von Demut und 
Frommigkeit. 

Herr Arnold hob die Hand. »Sie Schwindler, Simulant, Sie Bolsche- 
wik, Sie!« schrie Arnold, und einige Passanten stiirzten aus dem Wa- 
gen auf die Plattform. 
Es waren im Wagen zum Ungliick kleine Burger und Frauen, Men- 



DIE REBELLION 283 

schen, die durch die Ereignisse der Revolution verschikhtert, ge- 
driickt, aber nicht minder erbittert, einen zahen Kampf gegen die Ge- 
genwart fiihrten, mit zusammengebissenen Zahnen und wiirgenden 
Tranen im Halse riickwarts sahen, in die strahlende Vergangenheit ih- 
res Landes, und denen das Wort Bolschewik nichts anderes bedeutete 
als Raubmorder. Es war ihnen, als hatte vorn ein Mitglied ihrer Familie 
um Hilfe gerufen, als es den Schrei: Bolschewik! ausstiefi. 
»Ein Simulant! Ein Bolschewik! Ein Russe! Ein Spion!« riefen einige 
Stimmen durcheinander. 

Und ein wiirdiger Herr, der im Innern des Wagens sitzen blieb, in 
einem Winterrock von erhabener Sauberkeit und glanzendem Alter, 
sagte vor sich hin: »Es wird ein Jude sein!« 

Andreas hatte seinen Stock erhoben, halb, um sich im Falle eines An- 
griffs zu wehren, aber auch, um anzugreifen. Der Schaffner kam, ver- 
schlof? sorgfaltig seine Geldtasche, weil er aus Erfahrung wufke, dafi 
bei jedem Gedrange Diebe waren, und mischte sich in die aufgeregte 
Passagiergruppe auf der Plattform. Die Bahn fuhr gerade durch eine 
lange, stille Strafte, in der es wenig Haltestellen gab. Der Schaffner 
versuchte, die Leute in das Innere des Wagens zuriickzuschicken. Er 
iiberlegte einen Augenblick, wer von den beiden wohl recht haben 
mochte, und er entsann sich eines Zeitungsartikels, aus dem zu erfah- 
ren war, daft die Simulanten geriebene Kerle seien und daft man durch 
Bettelei unter Umstanden viele Tausende im Tag verdiene. Er wufke 
noch genau, wie er nach der Lektiire emport war iiber die Unver- 
schamtheit der Bettler und ihre hohen Einnahmen, die er mit seinem 
eigenen Hungergehalt verglich. Aufierdem gemahnte ihn das Ange- 
sicht und die Statur des schreienden Herrn von feme an einen vorge- 
setzten Magistratsbeamten, den er einmal fliichtig gesehen hatte. 
Gleichzeitig erinnerte er sich an das Ungliick eines Kollegen, der einen 
Herrn in der Bahn grob behandelt und infolgedessen seinen Posten 
verloren hatte. Der Herr war namlich ein Magistratsbeamter gewesen. 
Alle diese Erwagungen veranlaftten den Schaffner, Andreas Pum um 
eine Legitimation zu fragen. 

In jeder anderen Situation hatte Andreas mit Genugtuung seine Lizenz 
gezeigt, wie er es ja oft vor Polizisten tun muftte, um seine Berechti- 
gung, zu spielen und auf einer Kriicke zu humpeln, anstandslos zu 
beweisen. Jetzt aber wollte Andreas nicht. Erstens war ein Schaffner 
kein Polizeiorgan, zweitens diinkte er sich selbst mehr als ein Schaff- 



284 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ner, und drittens hatte man den Herrn zuerst um eine Legitimation 
fragen miissen. Und wahrend Andreas zogerte, glaubte der Konduk- 
teur, dafi ihn der simulierende Invalide zum besten halte. Deshalb 
schrie er: »Also wird's?!« 

So hatte noch kein Schaffner mit Andreas gesprochen. Er sagte also: 
»Von Ihnen lasse ich mir nichts vorschreiben!« 
»Dann verlassen Sie den Wagen!« befahl der Beamte. 
»Und wenn ich nicht will?« gab Andreas zuriick. 
»Verlassen Sie sofort den Wagen!« schrie der Schaffner, und seine 
Nase lief blau an. Zugleich blies er zweimal in seine Trompete, so dafi 
der Motorfuhrer mit einem gewaltsamen Ruck die Bahn zum Stehen 
brachte. 

»Ich gehe nicht!« erklarte Andreas. 

Der Schaffner fafke Andreas beim Arm. Herr Arnold schickte sich 
an, den zweiten Arm seines Gegners zu ergreifen. Da schlug Andreas 
mit der Kriicke seines Stocks blindlings los. Er sah nichts mehr. 
Runde Flammen kreisten vor seinen Augen. Er traf das Ohr des 
Herrn Arnold und die Miitze des Beamten. Die Frauen fliichteten ins 
Innere des Wagens. Auf der Strafie sammelten sich die Leute an. Un- 
ter ihnen wuchs plotzlich, wie ein Fakirwunder, ein Polizist hervor. 
Er zerteilte mit beiden Armen die Menge wie ein Schwimmer die 
Wellen. Er landete auf dem Trittbrett und befahl: »Kommen Sie her- 
unter!« 

Andreas beruhigte sich langsam, als er den Mann des Gesetzes sah, 
dem er sich kraft seiner Lizenz, seiner Weltanschauung und seines Or- 
dens verwandt fiihlte. In der sicheren Annahme, daE er sich jetzt end- 
lich unter dem Schutze der Gerechtigkeit befinde, sagte er zum Polizi- 
sten: »Holen Sie erst den da runter!« - und zeigte auf Herrn Arnold. 
Dadurch hatte Andreas jede Sympathie der Polizei von vornherein 
verwirkt. Denn der Mann, der sich der grofken Autoritat der Strafien- 
menge erfreut, liebt es nicht, untergeordneten Menschen - und unter- 
geordnet sind alle Menschen - zu gehorchen, auch wenn sie tausend- 
mal recht haben sollten. Der Polizist erwiderte: 
»Sie haben mir nichts zu befehlen! Im Namen des Gesetzes! Kommen 
Sie runter!« 

Wahrend der Polizist »im Namen des Gesetzes« sagte, wurden alle 
Beteiligten und Neugierigen von einem kiihlen Schauder erfafit. An- 
dreas sah im Geiste ein Kruzifix zwischen zwei brennenden Kerzen 



DIE REBELLION 285 

und das bleiche Antlitz eines Richters mit einem Barett. Er kam ohne 
weiteres auf die Strafte. 
»Ihre Legitimations sagte die Polizei. 

Andreas zeigte seine Lizenz. Hierauf vernahm der Polizist den 
Schaffner. Dieser schien die Ursachen der grofien Aufregung gar 
nicht zu kennen. Er verschwieg die Vorgeschichte. Fur ihn begann 
der Vorfall erst in dem Moment interessant zu werden, in dem An- 
dreas sich geweigert hatte, seinen wohlberechtigten Anordnungen 
Folge zu leisten. »Ich kenn' ja meine Vorschrift«, schlofi der Schaff- 
ner seinen Bericht. 

In diesem Augenblick rief der Herr Arnold herunter: »Das ist ein Bol- 
schewik, den hab ich in der Invalidenversammlung hetzen gehort!« 
»Lugner!« schrie Andreas und erhob noch einmal seinen Stock. Aber 
der Polizist fuhr ihm an die Kehle. Schmerz und Haf5 raubten Andreas 
die Besinnung. Er schlug den Polizisten. Zwei Manner aus dem Publi- 
kum entrissen ihm den Stock. Dann sank er auf das Pflaster. 
Der Beamte hob ihn mit einem Ruck wieder in die Hohe, ordnete die 
Uniform, steckte die Lizenz in das Notizbuch und dieses in die Tasche 
und entfernte sich. 

Der Wagen fuhr weiter, die Menschen zerstreuten sich. 
Andreas humpelte nach Hause. 

Er wiitete noch immer. Er schamte sich. Er war schmerzlich ent- 
tauscht. Daft ihm so etwas geschehen mufke! Ihm, Andreas Pum, den 
die Regierung ausgezeichnet hatte! Er besafi eine Lizenz, er hatte ein 
Bein verloren und ein Kreuz bekommen. Er war ein Kampfer, ein Sol- 
dat! 

Plotzlich erinnerte er sich, da£ er die Lizenz ja gar nicht mehr hatte. Er 
war auf einmal ein Lebender ohne Recht zu leben. Er war gar nichts 
mehr! Als wenn er aus einem Schiff in den grofien Ozean geworfen 
ware, so begann seine Seele die verzweifelten Anstrengungen eines Er- 
trinkenden zu machen, wenn er mit seinem Leierkasten ausging. 
Er kam nach Hause, er erzahlte alles seiner Frau. Unterwegs hatte eine 
leise Hoffnung durch sein aufgeregtes Gemiit geklungen, eine Hoff- 
nung auf die Klugheit, die Giite, die Liebe seiner Frau. Aber wahrend 
er ihr erzahlte, wurde es um ihn kalt und kalter. Sie sagte nichts. Sie 
stand vor ihm, die Hande in den breiten Huften, ein Schlusselbund 
hing wie eine Waffe an ihrer linken Seite, und Teig klebte an ihren 
Fingern. Er sah ihr Gesicht nicht, er konnte nicht feststellen, welchen 



286 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Eindruck seine Rede machte. Er glaubte zu fiihlen, daft sie ein biftchen 
spottisch auf ihn heruntersah. 

Er warf von unten einen scheuen Blick zu ihr hinauf und glich in die- 
sem Augenblick einem Hund, der Priigel erwartet. Dann aber veran- 
derte sich sein Angesicht, denn er erschrak. Plotzlich war es ihm, als 
stunde vor ihm ein fremdes Weib, das er nicht kannte und das fiirch- 
terlich war. Zum erstenmal machte Andreas die Entdeckung, daft ein 
menschliches Angesicht ganz anders aussehen kann, wenn man es von 
unten betrachtet. Er sah zuerst das fettwulstige Kinn seiner Frau und 
unmittelbar daruber, so, als hatte ihr Antlitz Mund und Lippen verlo- 
ren, die breiten Nasenlocher, die sich abwechselnd blahten und schlaff 
wurden und aus denen ein peinlicher und schwiiler Hauch blies, der 
merkwiirdigerweise an Wildgeruch erinnerte. Ein leises Stohnen 
schien aus dem Innern der Frau zu kommen, wie ein wolliistiger und 
sehnsiichtiger Laut, der in dem hungrigen Rachen der Raubtiere ent- 
steht, wenn sie Beute erblicken. 
Andreas furchtete sich vor seiner Frau. 

Er brach mitten in der Erzahlung ab. Katharina riickte einen Schritt 
von ihm weg, und ihm schien es, als schrumpfe er zusammen und 
wiirde klein, ganz klein, und sahe vor sich seine Frau, nur wie man 
einen riesigen Kirchturm mehr ahnt als sieht, wenn man sich sehr nahe 
vor ihm befindet. 

Ihre Briiste hoben und senkten sich, und sie schnaufte mit den Nil- 
stern. So rang sie einige Sekunden lang nach Luft und einem treffenden 
Wort. Endlich hatte sie es gefunden! 
»Elender KriippelU kreischte sie. 

Andreas wurde blafJ. Mitten in einem groften Ozean schwamm er. Er 
klammerte sich an seinen Sitz wie an eine rettende Planke. Von feme, 
durch Nebel und gleichsam untertauchend, hatte er noch Zeit, das An- 
gesicht der kleinen Anna zu erblicken, die neugierig im Zimmer stand. 
Frau Katharina schien alles vergessen zu haben. Sie sah ihren Mann 
nicht und nicht ihr Kind. Sie hatte offenbar vergessen, daft Nachbarn 
lebten. Sie fuhr mit der rechten Hand durch die Luft und streifte eine 
Blumenvase aus bemaltem Gips, die mitten auf dem Tisch gestanden 
hatte. Das Wasser rann aus und gurgelte leise und plinkte in einzelnen 
wehmiitigen Tropfen vom Rand der Wachstuchdecke auf den Boden. 
Um so besser! dachte Katharina. Das flieftende Wasser verdoppelte 
ihren Zorn. 



DIE REBELLION 287 

»Das ist der Dank, dafi ich dich aufgenommen habe!« schrie sie. 

»Gehst herum und lebst von meiner Hande Arbeit, ja, von meiner 

Hande Arbeit und fangst dir Streit mit fremden Herren an und ver- 

lierst deine Lizenz. Bist du ganz verriickt geworden? Zehn gesunde 

Manner an jedem Finger hatte ich haben konnen statt deiner, statt 

eines elenden Mannes, der einem kein Schutz ist und keine Freude und 

jetzt auch noch eine Schande. Man wird dich einsperren, bei Wasser 

und Brot wirst du sitzen, und ich mufi deinen Namen tragen. Pfui! 

Pfui! Pfui!« 

Und dreimal spuckte Frau Katharina aus. Einmal traf sie die Hose 

ihres Mannes. Andreas wischte den Speichel seiner Frau mit zittern- 

dem Handriicken weg. 

Dann erst wandte sich Katharina den hauslichen Angelegenheiten zu. 

Sie warf sich auf die Knie und begann, mit einem quietschenden Fetzen 

den Boden aufzuwischen. Dazwischen schrie sie: »Annchen, stell die 

Vase auf!« und »Tummel dich!« und »Schone Bescherung!« und »So 

ein KriippelU 

Sie wiitete scheuernd gegen die langst getrockneten und gelblich glan- 

zenden Dielenbretter. Sie fuhr mit den Nageln zwischen die einzelnen 

Bretter in die Fugen und wirbelte und spritztc kleine Erdklumpchen 

auf. Trotz ihrer angestrengten Tatigkeit konnte sie denken und sogar 

in Wehmut schwelgen. Auf dem Boden ausgestreckt und ihn, wie zur 

Strafe, bearbeitend, dachte sie traurig an ihr verpfuschtes Leben. Ach, 

sie dachte an den schmucken, schlanken Unterinspektor der Polizei, 

Vinzenz Topp, den sie eines Kriippels wegen ausgeschlagen hatte. Oh, 

wo waren ihre Augen gewesen?! 

Schnell erhob sie sich. Schnell loste sie ihr geschurztes Kleid, warf sie 

das Schlusselbund auf den Tisch, ergriff sie einen Kamm, stelite sich 

vor den Spiegel und ordnete ihre Haare. 

Dann schlug sie die Tur ins Schloft und rannte den Korridor entlang zu 

der Wohnung des Klempners Fafibend, bei dem der Unterinspektor 

ein mobliertes Kabinett innehatte. 

Vinzenz Topp hatte in der letzten Nacht Dienst gehabt. Jetzt war er 

gerade im Begriff, sich zu rasieren. Mit einem halb eingeseiften Ange- 

sicht lief er zur Tiir. 

»EntschuIdigen Sie, entschuldigen Sie, ich bitte vielmals um Entschul- 

digung!« sagte Vinzenz Topp, wahrend er die Frau Katharina in sein 

Zimmer fuhrte. Die Familie FaEbend war fur zwei Tage aufs Land 



208 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gefahren zu der Kindstaufe eines landwirtschaftlichen Onkels. Vin- 

zenz Topp liefi Frau Katharina niedersitzen und bat, sich rasieren zu 

diirfen. Die Hoflichkeit war seine zweite Natur, man hatte ihn mitten 

in der Nacht wecken konnen, und er ware hoflich gewesen. 

Frau Katharina war gekommen, um juristischen Rat zu erbitten. Sie 

hatte zu ihm Vertrauen wie zu einem Rechtsanwalt. Sehr schnell und 

mit jener prazisen Sachlichkeit, die sie vor ihren Geschlechtsgenossin- 

nen auszeichnete, erzahlte sie den ganzen Vorfall. 

Vinzenz Topp kniff die Unterlippe ein, um sein wundrasiertes Kinn 

mit dem Stein einzureiben. Dann streute er wohlriechenden Puder auf 

sein Angesicht. Hierauf nahm er den Uniformrock von der Stuhllehne 

und schliipfte in ihn sorgfaltig, wobei seine Knochen knackten. Jetzt 

erst war er fahig, eine Auskunft zu erteilen. 

Ach, es war nicht das erstemal, dafi sich Leute - »Laien«, wie er sie 

nannte - an ihn um Rat und Auskunft gewandt hatten. Er wufite man- 

ches aus seiner Praxis. Dieser Fall schien ihm sehr verwickelt. 

»Das ist bewaffneter Widerstand gegen die Staatsgewalt und ubrigens 

Amtsehrenbeleidigung. Ihr Herr Gemahl« - Vinzenz sagte immer 

»Herr Gemahl«, denn er war ein besserer Mensch - »kann froh sein, 

wenn er mit einer Polizeistrafe davonkommt. Wahrscheinlich wird 

sich auch das Gericht mit der Sache beschaftigen.« 

Katharina breitete ihre Arme aus, suitzte sie auf den Tisch und liefJ den 

Kopf auf die Platte sinken. Nach einer Weile wurde ihr Schluchzen 

horbar. Ihre Arme lagen rosig, rundlich und verlockend da. 

Vinzenz Topp legte seine duftende Hand auf einen dieser Arme. »Tro- 

sten Sie sich!« sagte er. Dann ging er zur Tiir und schob fur alle Falle 

den Riegel vor. 

Katharina erhob ihr traneniiberstrorntes Antlkz. Sie wufite selbst 

nicht, ob sie um ihren Mann weinte oder um Vinzenz Topp. Er war so 

schon mit seinem weifi gepuderten Kinn und seinem noblen Toilette- 

seifengeruch. Seine Uniform saE wie angegossen. Oh, wo waren ihre 

Augen gewesen? 

Sie verglich. Sie konnte nicht anders. 

»Retten Sie mich!« schluchzte sie plotzlich auf und breitete ihre Arme 

aus. Vinzenz lieft sich in sie fallen. 

So kam er endlich zu dem Genufi dieser Frau, die er lange und insge- 

heim ersehnt hatte. Es war eine freundliche Fiigung des Schicksals. 

Er vergaft nicht, schwere Beschuldigungen gegen Andreas zu haufen, 



DIE REBELLION 289 

den er nicht mehr »Herr Gemahl« nannte. Auch der Frau Katharina 
machte er sanfte Vorwiirfe. Aber alles sprach er in einem zartlichen, 
iiberlegenen Schakerton, wie ihn Katharina noch niemals vernommen 
hatte. 

Als sie seine Wohnung verliefi, war es spater Abend. Sie roch nach 
seiner Seife, und sie trug freudig seine Atmosphare mit sich herum. 
Man kann sagen, dafi sie an diesem Abend vollkommen gliicklich 
war. 



IX 



Das Ungliick Andreas Pums hatte noch einem anderen wohlgetan: 
dem Herrn Arnold namlich. Sein Zorn war verraucht. Den unange- 
nehmen Luigi Bernotat versuchte er zu vergessen. Morgen wollte er 
zum Rechtsanwalt gehen. Er kiifite seine Frau und seine bliihenden 
Kinder. Er sprach wieder freundlich mit dem Dienstmadchen. Und 
obwohl ein strenger Ernst uber seinem Wesen und seinen Bewegun- 
gen und seinen Worten lag, atmete seine Umgebung dennoch auf. Er 
warf einen freundlichen Schatten auf seine Familie. 
Andreas Pum aber ging in den Stall. Da stand Muli und hauchte 
Warme aus. Eine Fledermaus hing im Winterschlaf zwischen zwei 
Pfosten, die im Winkel ein Dreieck bildeten. Das feuchte Stroh stank 
und war in der Nahe der Tiir gefroren. Der Wind blies durch ihre 
Fugen. Andreas sah ein paar Sterne des nachtlichen Winterhimmels 
durch eine Ritze. Er spielte mit einem Strohhalm. Er flocht einen 
Ring aus drei Halmen und schob ihn auf das Ohr Mulis. Das Tier 
war gut und liefi sich liebkosen. Es hob mit freundlicher Langsamkeit 
einen Hinterfuft, und das sah aus, als hatte es den ungelenken Ver- 
such gemacht, Andreas zu streicheln. Es war hell genug, dafi man 
seine Augen sehen konnte. Sie waren grofi in der Dunkelheit und 
bernsteingnin. Sie waren feucht, als stiinden sie voller Tranen und 
schamten sich doch zu weinen. 

Je weiter die Nacht fortschritt, desto kalter wurde es, Andreas hatte 
am liebsten gewimmert, wenn er sich nicht vor dem Tier geschamt 
hatte. Sein fehlendes Bein schmerzte wieder, nach langer Zeit. Er 
schnallte die Kriicke ab und betastete seinen Stumpf. Er hatte die 
Form eines abgeflachten Kegels. Dunne Rillen und Vertiefungen zo- 



290 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gen sich kreuz und quer iiber das Fleisch hin. Wenn Andreas seine 
Hand darauf legte, milderte sich der Schmerz. Aber der andere, der in 
seinem Innern wiitete, horte nicht auf. 

Die Nacht war still und hell. Die Hunde bellten. Feme Tiiren gingen. 
Der Schnee knisterte, obwohl ihn niemand betrat, und nur, weil der 
Wind iiber ihn hinstrich. Draufien schien sich die Welt zu weiten. Man 
sah durch die Ritze ein schmales Stiickchen Himmel. Aber es gab eine 
deutliche Vorstellung von seiner Unendlichkeit. 
Wohnte Gott hinter den Sternen? Sah er den Jammer eines Menschen 
und riihrte sich nicht? Was ging hinter dem eisigen Blau vor? Thronte 
ein Tyrann iiber der Welt, und seine Ungerechtigkeit war unermefilich 
wie sein Himmel? 

Weshalb straft er uns mit plotzlicher Ungnade? Wir haben nichts ver- 
brochen und nicht einmal in Gedanken gesiindigt. Im Gegenteil: Wir 
waren immer fromm und ihm ergeben, den wir gar nicht kannten, und 
priesen ihn unsere Lippen auch nicht alle Tage, so lebten wir doch 
zufrieden und ohne frevelhafte Emporung in der Brust als bescheidene 
Glieder der Weltordnung, die er geschaffen. Gaben wir ihm Anlafi, 
sich an uns zu rachen? Die ganze Welt so zu verandern, daft alles, was 
uns gut in ihr erschienen, plotzlich schlecht ward ? Vielleicht wufite er 
von einer verborgenen Sunde in uns, die uns selbst nicht bewufit war? 
Und Andreas begann mit der Hast eines Menschen, der in seinen Ta- 
schen nach einer vermifiten Uhr sucht, nach verborgenen Sunden in 
seiner armen Seele zu forschen. Aber er fand keine. War es etwa eine 
Sunde, dafi er die Witwe Blumich genommen hatte, und rachte sich 
jetzt ihr toter Mann? Ach! lebten die Toten? Hatte er sich je an Muli, 
dem Esel, versiindigt? War das etwa ein Unrecht, daft er das Tier, als es 
einmal unterwegs stehenblieb und etwas Unerklarliches auf dem Bo- 
den suchte, mit einem sanften Schlag weitertrieb? Ach, war der Schlag 
auch sanft gewesen? War es nicht vielmehr ein harter, ein schmerzli- 
cher, ein unbarmherziger? »Muli, mein Esel!« fliisterte Andreas und 
legte seine Wange an die Stelle, die er geschlagen hatte. 
Gegen Morgen schlief Andreas ein. In seinen ersten Schlaf rauschte 
schon der friihe Larm der Strafien. Das Tier blieb unbeweglich. Es liefi 
ein leises Grunzen horen und nafke das Stroh, das sofort gefror. Sein 
Urin roch schwer und betaubend. 

Am nachsten Tag kam Andreas gruftlos in die Stube. Er entnahm selbst 
Brot und Margarine dem Schrank. Die kleine Anna kam aus der 



DIE REBELLION 291 

Schule. Sie schmiegte sich an ihn, als wollte sie ihn versohnen. »Spiel 
ein bif5chen!« bat sie. Und Andreas spielte auf seinem Leierkasten die 
wehmiitigsten Lieder, mit denen der Fabrikant das Instrument ausstaf- 
fiert hatte. »An der Quelle safi der Knabe« und die »Lorelei«. Und die 
Melodien erinnerten ihn an jenen gliicklichen Sommertag, an dem er 
zum erstenmal in den Hof dieses Hauses gekommen war. 
Oh, wunderbar war der Sommer, eine kostbare Schnur gliicklicher 
Tage, Tage der Sonne und der Freiheit, der alten Lindenbaume in den 
gastfreundlichen Hofen. Die Fenster in alien Stockwerken flogen auf, 
rundliche rote Freudengesichter steckten die Madchen wie festliche 
Lampions zu den Kuchen hinaus, und der Duft guter Speisen sattigte 
die Nase. Lachende Kinder tanzten um die Musik, das Kreuz blinkte 
in der Sonne, die Uniform, heute von Stroh und Unrat beschmutzt, 
wie sauber und ehrfurchterregend war sie damals! 
Katharina kam. Mit sachlichen, knappen Bewegungen hantierte sie im 
Hause. Sie schien ihren Mann gar nicht mehr zu sehn. Sie stellte wort- 
los und mit einem heftigen Ruck eine irdene Schiissel auf seinen Platz. 
Er kannte diese kleine Schiissel mit der schadhaften Glasur. Manchmal 
bekamen ein alter Bettler, eine verirrte Katze, ein zugelaufener Hund 
aus ihr zu essen. Katharina selbst schliirfte die Suppe aus einem rotge- 
randerten Porzellanteller. Auch hatte sie den Kohl von den Kartoffeln 
gesondert vor sich aufgestellt. Aber in der kleinen Schiissel Andreas' 
mischte sich alles, und ein grofier Knochen ragte zwischen dem Misch- 
masch wie ein Dachtrummerstuck im Schutt eines zerfallenen Hauses. 
Was sollte er tun? Er aft und wurde demutig und richtete von Zeit zu 
Zeit sein Auge auf Katharina. Sie hatte ein rotes Gesicht und war sehr 
sorgfaltig onduliert, mit vielen kleinen Wellchen, die bis zu den Augen 
reichten, und in der Mine trug sie ein paar kurzgeschnittene und in die 
Stirn gekammte, am Ende mit einem scharfen Lineal abgeschnittene 
Harchen, die wie Fransen eines Schals aussahen. Sie duftete wie ein 
Friseurladen nach allerlei Geruchen, Patschuli mischte sich mit Haarol 
und dieses mit Kolnischem Wasser. Ein anderer hatte sofort erkannt, 
dafi Katharina einen ganzen Vormittag im Damenfrisiersalon zuge- 
bracht hatte. Andreas aber merkte nichts. 

Ihn beschaftigte nur das Ratsel der plotzlichen Veranderungen, die 
sich um ihn vollzogen hatten. Es war wie eine Verzauberung. Er ver- 
suchte, sich den Vorfall in der Straflenbahn klar ins Gedachtnis zu 
rufen. Er sah wieder den Herrn, der ihn angegriffen hatte. War es nicht 



292 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

umgekehrt gewesen? Was hatte der Herr nur gesagt? Dafi die Invaliden 
simulierten! Und es stimmte. Wie oft hatte Andreas selbst Simulanten 
gesehen. Woraus entnahm er eigentlich, dafi der Herr ihn personlich 
gemeint hatte? Er sprach ganz allgemein. Er argerte sich mit Recht 
iiber die Versammlung. Waren es doch Tagediebe, Rebellen, Gottlose, 
sie wollten die Regierung stiirzen, und sie verdienten ihr Schicksal. 
Es war eben eine Ausnahme, dafi Andreas das Pech hatte, mit einem 
unfreundlichen Schaffner, mit einem verstandnislosen Polizisten zu- 
sammenzustofien. Sie sollen ihn nur vor Gericht bringen. Hier wird er 
kategorische Bestrafung der untergeordneten Organe verlangen. Hier 
wird er seinen Lebenslauf erzahlen, seine Kriegsteilnahme, seine Be- 
geisterung fur das Vaterland. Er wird die Lizenz wiederbekommen. Er 
wird Katharinas Achtung aufs neue erringen. Er wird Herr im Hause 
sein. Der Mann seiner Frau. Sie stand auf. Ihre breiten, in ein Mieder 
geprefken Huften bewegten sich selbstandig, und die strotzende Fiille 
ihrer Briiste zappelte, wenn sie einen Schritt machte. Andreas erinnerte 
sich an ihre gemeinsamen Liebesfeste, an den Druck ihrer nachgiebi- 
gen und dennoch muskulosen Oberschenkel, und er hohlte die Hand 
und glaubte wieder die breite, weiche, schwellende Endlosigkeit ihrer 
Brust zu fiihlen. 

Ach! lafit uns nur vor Gericht kommen. Don sitzen keine ungebilde- 
ten Polizisten und keine rohen Schaffner. Die Gerechtigkeit leuchtet 
iiber den Salen der Gerichtshofe. Weise, noble Manner in Talaren se- 
hen mit klugem Blick in das Innere des Menschen und sondern mit 
bedachtigen Handen die Spreu vom Weizen. 

Hatte Andreas eine Ahnung von der Jurisprudenz gehabt, so hatte er 
gewufit, daft die Gerichte sich bereits mit ihm beschaftigten. Denn sein 
Fall gehorte zu jenen sogenannten »eiligen Fallen«, die nach einem 
Erlafi des modernen Justizministers sofort in Behandlung genommen 
wurden und zur Erledigung kamen. Schon hatten die grofien, rollen- 
den Rader des Staates den Burger Andreas Pum in die Arbeit genom- 
men, und ohne dafi er es noch wufite, wurde er langsam und griindlich 
zermahlen. 



DIE REBELLION 293 

X 

Am nachsten Morgen kam eine gerichtliche Vorladung an den »Li- 
zenzinhaber Inhaber Andreas Pum«. Das Schriftstiick trug ein Amts- 
siegel, einen weifien, lithographierten Wappenadler auf einem roten, 
runden Papier, und obwohl die Adresse von einer fliichtigen Hand 
geschrieben war und der Gerichte vielbeschaftigte Eile bewies, verbrei- 
tete das Schreiben dennoch eine Ahnung von jener langsamen Feier- 
lichkeit, die unsere Amter auszeichnet. Es enthielt die Vorladung vor 
die zweite Kammer, welche die eiligen und unbedeutenden Strafsachen 
zu behandeln hatte. Zum erstenmal wurde hier Andreas Pum als ein 
»Beschuldigter« bezeichnet, ein Wort, das, wenn es von einem Gericht 
geschrieben war, schon fast wie »Bestrafter« klang. Im ubrigen enthielt 
das Schreiben nur noch die nahere Terminbestimmung, einen runden, 
roten Stempel, der etwas blafi und undeutlich ausgefallen war, und die 
unleserliche Unterschrift eines Richters, die anzudeuten schien, dafi 
der Mann der Gerechtigkeit vorlaufig nicht gekannt sein wollte. 
Mehrere Male las Andreas das Schreiben des Gerichts, in einer torich- 
ten und aussichtslosen Hoffnung, dafi er zwischen den gedruckten 
Zeilen des Formulars etwas herauslesen konnte, Nutzliches oder 
Schadliches, etwas von der Stimmung, die den Richter beherrschte. Als 
das nicht gelang, versuchte er, sich das Gericht vorzustellen, das 
Kreuz, die Lichter, die Barriere, die Angeklagtenbank, den Ex-officio- 
Verteidiger, den Richter, den Schreiber, den Gerichtsdiener, die Ak- 
tenbiindel und das grofte Bild des Gekreuzigten, zu dem er innerlich 
schon betete. Er ging in die Kirche aus gelben Ziegelsteinen hinuber, in 
der er seit seiner Trauung nicht gewesen war. Die Kirche war leer, ein 
Fensterfliigel stand in der Hohe eines Stockwerks offen, und kalte Luft 
blies der Winter in das Gotteshaus, das dennoch muffig roch, nach 
Menschen, ausgeloschten Talgkerzen und Tiinche. Andreas faltete die 
Hande, kniete nieder und sagte mit der diinnen Stimme, mit der er als 
Schulknabe vor dem Unterricht gebetet hatte, drei, vier, funf Vaterun- 
ser auf. 

Hierauf fuhlte er sich beruhigt, gesichert vor boser Uberraschung, vor 
dem gerichtlichen Urteil, das im Schofte des Morgen lag. 
Er kehrte heim und traf einen fremden Mann im Zimmer. Der stand 
auf und verneigte sich leicht und setzte sich wieder und sagte sitzend 
zu Andreas: »Ich wane auf Ihre Frau Gemahlin. Sie entschuldigen 



294 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

schon! Ihre Frau Gemahlin muli in einer Viertelstunde dasein. Ihre 
Frau Gemahlin war heme friih bei mir im Geschaft. Sie konnen selbst 
sehen, wie piinktlich ich bin. Den ganzen Tag unterwegs und immer 
punktlich. Das ist meine Devise. « 

Andreas betrachtete den Mann feindselig, obwohl er ihn weder kannte 
noch verstanden hatte. Gewifi war er zu irgendeinem bosen Zweck 
hier - Andreas ahnte es. Er gab sich einige Miihe, den Beruf und die 
Absichten des Fremden zu erraten. Aber es gelang ihm nicht. Solange 
der Fremde safi, machte er den Eindruck eines grofigewachsenen Man- 
nes, wenn er aufstand, war er sehr klein. Denn er hatte kurze Beine. 
Sein vorgewolbtes Bauchlein hatte auf eine gewisse Gutmutigkeit 
schliefien lassen, ebenso wie die rotlichen Madchenwangen und der 
harmlose, kleine, schwarze Schnurrbart und das glatte, gepuderte und 
sauberlich rasierte Kinn, das in der Mine eine lachelnde Mulde hatte. 
Auch das Naschen war zierlich, sorgfaltig und wie aus Gips geformt. 
Aber in den kleinen, schwarzen Augen brannte ein boser Glanz. Der 
Fremde sah aus wie ein pausbackiger Knabe mit dem Wuchs und dem 
Gebaren, der Stimme und dem Bartwuchs eines Mannes. Von ihm ging 
eine heitere Bosheit aus, eine niedertrachtige Gutmutigkeit. Er safi da 
und hatte gar nicht das Angesicht eines Wartenden. Es schien, dafi er 
sich nicht einen Augenblick langweilte. Seine brennenden Augen 
sprtihten Funken uber die Gegenstande des Zimmers, den Teppich, 
den Tischlaufer, die Vase aus blauem Stein, das Kissen mit der Sticke- 
rei, als wollte er alles in Brand setzen. So safi er da, lebhaft beschaftigt, 
und liefi merken, dafi sein reger Geist auch an den gleichgiiltigsten 
Dingen der Welt Interesse zu finden imstande war. 
Immer noch duftend, von einer Wolke parfumierten Frohsinns umge- 
ben, trat Frau Katharina ein, und als hatte ihn plotzlich etwas auf sei- 
nem Sitz gestochen, sprang der Mann in die Hohe. »Ich begrufie Sie 
ergebenst!« sagte er. »Wir wollen gleich ans Geschaft gehen. Nur 
nichts aufgeschoben! ist meine Devise,« 

Katharina klirrte mit den Schliisseln. Andreas beobachtete sie und den 
Mann schweigsam aus der Ecke. Er folgte ihnen, als sie hinausgingen. 
Auf seiner Stirn stand kalter Schweifi, und sein Herz klopfte in wuch- 
tigen, die Brust fast sprengenden, von Zeit zu Zeit aussetzenden Schla- 
gen. An die Tiir gelehnt, die den Hof vom Flur trennte, stand er und 
sah, wie seine Frau den Stall Mulis aufsperrte und den Esel hinauszog. 
Es war sonnig und trocken, und das kleine Tier warf einen unwahr- 



DIE REBELLION 295 

scheinlich riesigen Schatten auf den glitzernden Schnee. Vor Andreas' 

Augen verfinsterte sich die Welt. Der strahlende Himmel wurde dun- 

kelblau und schien sich herabsenken zu wollen wie ein Vorhang. Alle 

Gegenstande wurden dunkelgriin, wie durch ein Bierflaschenglas gese- 

hen. Alles spielte sich in dieser zauberhaften Traumbeleuchtung ab. 

Der Fremde tatschelte den EseL Er kniff ihn, als wollte er sich iiber- 

zeugen, ob das Fell dick genug sei. Er kitzelte das Tier an den Ohren- 

spitzen, daft es unwillig den Kopf wandte und schiittelte. 

»Sehen Sie«, sagte der Fremde, »was fang' ich mit so einem Tier an? 

Ich will ja damit nicht gesagt haben, daft ich es iiberhaupt nicht brau- 

che, aber was fang' ich mit einem Tier an? Wenn es wenigstens ein 

Pferd ware, ein kleines Pferdchen«, sagte er mit zartlicher Stimme, als 

sprache er schon zu einem kleinen Fiillen. 

»Ich sagte Ihnen ja: ein Esel«, erwiderte mit resoluter und schriller 

Stimme, die nichts Gutes verhiefl, Frau Katharina. 

»Gewifi, gewifi«, sagte der Mann mit niedergeschlagenen Augen, »ein 

Esel, gewifi. Aber so ein kleines EselchenU 

»Ein Esel ist doch kein Kamel!« schrie Frau Katharina. 

»Belieben zu scherzen, ha, ha, ein Esel ist gewift ein Esel. Aber es gibt 

grofie und es gibt kleine Esel, auch ganz winzige Tierchen. Ich habe 

schon viel kleinere Tierchen gesehen!« 

»Na, sehen Sie!« triumphierte Katharina. »Sie sagen's doch selbst!« 

Zogernd griff der Mann nach der Brieftasche. Er zog drei Scheine, sie 

waren sehr neu und knisterten, und er zahlte sie zweimal und hielt sie 

in die Luft und knatterte noch mit ihnen eine Weile. 

Dann schlang er sein kleines, fettes Armchen um Muli, und das Tier 

trottete hinaus, an Andreas vorbei. Katharina blickte iiber ihn hinweg, 

als ware er ein Bestandteil des Tiirpfostens. 

Andreas sah seinem Esel bis zur Tiir nach. Der Mann wandte sich noch 

einmal und griifite: »Ergebenster DienerU sagte er. 

Andreas humpelte ihm nach. Er sah bis an das Ende der Strafte. Da 

ging der Mann, und Muli trottete am Rande des Biirgersteigs, hart 

neben der Bordschwelle, das Hebe Tier, das warme, kleine Wesen. Es 

hatte goldbraune Augen gehabt, und sein grauer Leib barg eine 

menschliche Seele. 



296 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XI 

Der Tag, an dem Andreas vor Gericht erscheinen sollte, brach an wie 
ein ganz gewohnlicher Tag, wie alle Tage, die ihm vorangegangen wa- 
ren. In der Nacht, die Andreas auf dem Sofa, ohne Kissen und in 
Kleidern, zugebracht hatte, war ihm eine grofiartige Rede eingef alien, 
deren Wirkung keine andere sein konnte als die, dafi man ihn um 
Entschuldigung bitten und den Herren, den Polizisten und den 
Schaffner einsperren wiirde. Der Morgen beruhigte Andreas. Um 
zehn Uhr sollte der Termin stattfinden. Es ist fast sicher, dafi bereits 
um zwolf Uhr Andreas Pum siegreich und im Besitz seiner Lizenz 
das Gerichtsgebaude verlassen wird. 

Die Sonne schien etwas warmer, und der Frost war gebrochen. Der 
Schnee schmolz. Es tropfte von den Dachern mit einer siifien, hoff- 
nungsfreudigen Melodie. Ja, es begann sogar ein Sperling zu zwit- 
schern. Die freundliche Milde der Natur war wie Gottes trostende 
Vergebung. 

Andreas hatte sich nicht auf Anzeichen dieser Art verlassen, wenn er in 
den Gesetzen des Staates heimischer gewesen ware. Er wufite nicht, 
dafi die gut geolten Rader dieser Maschine auch manchmal - und be- 
sonders in kleinen Fallen - sich unabhangig voneinander drehten und, 
jedes fur sich, das Opfer zermahlten, das ihnen der Zufall ausgeliefert 
hatte, Denn nicht nur den Gerichten, auch der Polizeibehorde steht 
das Recht zu, Strafen zu verhangen, und wer es mit ihr angefangen hat, 
mufi zuerst von ihr erledigt werden. Es schien der Polizei, dafi Andreas 
sich einer gewohnlichen »Ubertretung« schuldig gemacht hatte und 
dafi er der Lizenz nicht mehr wiirdig war, die er durch eine besondere 
Gnade des Staates bekommen. Andreas Pum mufite also vor allem ver- 
hort werden. 

So kam es, dafi, wahrend er zur Wanderung aufs Gericht riistete, die 
Tiir sich auftat und ein Kriminalagent eintrat, um Andreas zur polizei- 
lichen Vernehmung abzuholen. Andreas verwechselte in seiner kata- 
strophalen Unkenntnis der staatlichen Bestandteile diesen Mann der 
Polizei mit einem der Gerichte und sagte, dafi der Termin erst fur zehn 
Uhr angesetzt ware. Der Beamte liefi sich die Vorladung zeigen, klarte 
Andreas mit der Sachkenntnis eines Menschen von Fach iiber den 
enormen Unterschied auf, zwirbelte dabei seinen blonden Schnurrbart 
und sagte endlich: »Pflicht ist Pflicht!« Das bedeutete, dafi er nichts 



DIE REBELLION 297 

dafiir konne, dafi er aber seinen Auftrag, Andreas zur Polizei zu brin- 
gen, ausfiihren miifite. Vor dem Kommissar, so riet er, moge Andreas 
seine Vorladung zeigen. 

Andreas Pum trostete sich. Zwar ahnte er ein neues Ungliick. Aber 
sein Verstand sagte ihm, dafi der Staat fur seine eigenen Irrtiimer ver- 
antwortlich sein miisse und dafi der Staatsbiirger nicht das Recht habe, 
die Behorden auf ihre Widerspniche aufmerksam zu machen. Also 
ging er. Unterwegs erzahlte er dem freundlichen Kriminalbeamten den 
ganzen Vorfall. Der Mann lachte herzlich und stark, seine blauen Au- 
gen blitzten, und seine breiten, weifien Zahne leuchteten. »Ihnen ge- 
schieht nichts.U sagte er. Und Andreas fafite neuen Mut. 
In der Polizei mufite er warten. Entweder war der Beamte, der ihn 
verhoren sollte, noch nicht anwesend oder mit anderen Dingen be- 
schaftigt. Die Normaluhr an der kahlen Wand des Amtszimmers 
zeigte halb zehn. Andreas naherte sich der Barriere, hinter der ein 
Mann in Uniform von gelben Karthotekzetteln Namen und Daten auf 
rote Zettel umschrieb, und sagte: »Entschuldigen Sie!« 
Der uniformierte Mann schrieb weiter. Er behandelte den Buchstaben 
K. Darin wollte er nicht gestort sein. Erst als er die erste Seite umblat- 
terte, die mit L anfing, wandte er den Kopf. 

Andreas zeigte ihm die Vorladung. Der Uniformierte fragte, was fur 
eine Geschichte das nun schon wieder ware, als hatte er bereits eine 
schwere Enttauschung mit dieser Personlichkeit erlebt. Andreas er- 
zahlte den ganzen Vorfall haarklein. Im Zimmer warteten zwei Stra- 
fienmadchen. Sie lachten. 

Der Uniformierte faltete die Vorladung wieder zusammen und sagte: 
»Warten Sie!« Dann schrieb er weiter. Endlich ging eine Tur auf, die 
Stimme eines unsichtbaren Menschen rief: » Andreas Pum!« 
Andreas trat vor einen Herrn und machte eine Verbeugung, wobei 
seine Kriicke ein wenig ausrutschte, so dafi er mit der Hand gegen den 
Schreibtisch fiel, hinter dem der Kommissar safi. 
»No, no!« sagte dieser. 

»Erlauben bitte«, stotterte Andreas, »ich habe hier eine Vorladung !« 
»Das weifi ich«, sagte der Herr, »antworten Sie, wenn Sie gefragt 
sind.« 

Hierauf begann er, den Bericht jenes Polizisten vorzulesen, der Andreas 
aufgeschrieben hatte. Als er zu der Stelle kam, an der die Lizenz erwahnt 
wurde, schwang er sie ein wenig hoch, so dafi Andreas sie sehen konnte. 



298 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Ist das so?« fragte der Kommissar. 

Es war ein junger Mann mit einem sehr hohen Stehkragen und einem 
sehr kleinen, diinnen Gesicht. Sein spitzes Kinn machte Anstalten, im 
Kragen zu verschwinden. Er sprach mit einer heiseren Stimme. Dabei 
glattete er seine Frisur mit beiden Handen und priifte mit sanften Fin- 
gerspitzen immer wieder die gerade Linie seines Scheitels. 
»Ja«, sagte Andreas, »aber nicht ganz.« 
»Wie denn sonst?« fragte der Kommissar. 

Andreas erzahlte seine Geschichte zum drittenmal. Dann holte er 
schnell seine Vorladung hervor und zeigte sie dem Kommissar. Der 
sah nach der Uhr und sagte: »2u spat! Weshalb sagen Sie das nicht 
gleich?!« 

»Was soil ich jetzt tun?« fragte Andreas. 
»Jetzt werden wir Sie erst erledigen.« 
»Wie lange dauert es?« 

»Das geht Sie gar nichts an!« schrie der Kommissar. »Gar nichts an«, 
wiederholte er- und sprang auf. Er begann, im Zimmer hin und her zu 
gehen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: »So eine 
Frechheit!« 

Andreas fuhlte, dafi ihm Blut ins Gesicht schnellte. Haf5 gegen den 
Beamten ergriff ihn, schiittelte ihn so, dafi er zitterte. Mit dem Stock 
schlug er auf den Boden. Speichel flofi in seinem Mund zusammen. Er 
spuckte aus. 

Der Beamte ballte die Fauste. Andreas sah ihn in weiter Feme. Der 
Beamte schrie. Andreas horte seinen Schrei gedampft und matt. Rote 
Rader kreisten vor Andreas 5 Augen. Er hob den Stock und traf einen 
Lampenschirm. Er klirrte schrill. Zwei Manner stiirzten sich auf An- 
dreas. 

»Vierundzwanzig Stunden!« schrie der Beamte. Dann uberreichte er 
den Akt Andreas Pum einem Schreiber: »Lizenzentziehung!« seufzte 
er und sagte: »Der nachste!« 

Und wahrend man Andreas iiber den Hof des Gebaudes in den Arrest 
fur leichte Falle fiihrte, entschwanden alle Gedanken seinem Hirn. Es 
war, als ob sein Schadel auslaufen wiirde. Eine schmerzliche Leere ent- 
stand in seinem Kopf. 



DIE REBELLION 299 

XII 

Der Arrest fiir leichte Falle schien sehr tief zu liegen, Andreas fiel ins 
Halbdunkel. Er blieb an der Tur stehen. Er horte den knarrenden 
Schliissel. Er war wie tot. Ausgeloscht war die Sonne. Endgiiltig ver- 
ronnen waren die Tage, unauffindbar verschiittet wie grofie verlorene, 
auseinandergerollte Perlen. Das Leben kehrte nicht mehr wieder. Es 
war vertan. Nichts blieb iibrig. Tot war das Auge. Uber alles, was es 
gesehen und jemals gespiegelt, breitete sich der Vorhang. Hinter dem 
verblafiten die Bilder der Dinge, der Tiere, der Menschen. Gestorben 
ist Muli, der Heine Esel, an der Strafienecke, hinter der er verschwand. 
Ein rosiger, rundlicher Tod hatte das Tier gekauft und mit einem kur- 
zen, fetten Arm erstickt. Gestorben ist Katharina, Kathi, die breithuf- 
tige, hochbusige Frau. Gestorben ist Anna, das kleine Madchen mit 
den diinnen Zopfen. Die grofie, weifie, breitflugelige Schleife war ein 
Vampir auf dem Kopf des Kindes. Ausgeloscht wie mit einem groften 
Schwamm, als waren sie nur eine Kreidezeichnung auf matter Tafel 
gewesen, sind das Spital, der Krieg, die Lizenz, die Kameraden, der 
Ingenieur Lang, Willi, seine Braut, der Leierkasten, die Straftenbahn. 
Nur in zarten, erloschenden Umrissen wehten sie durch die Erinne- 
rung. 

Der Lagerplatz stieg auf aus dem Halbdunkel der Zelle, wie von einem 
Schnellmaler mit rasendem Pinselstrich an eine Leinwand gefegt. Da 
ist Kastor, der zottelige Hund mit den grim schillernden Augen, die in 
der Nacht phosphoreszierten, seine ernste Schweifquaste, die immer 
zu mahnen schien, weil sie die Bewegung eines vaterlichen Zeigefin- 
gers nachahmte, sein tappender Schritt, der war wie ein Gang auf Tep- 
pichen der Finsternis. Dort der Zaun, braunlackiert und nach Olfarbe 
riechend, mit dem dreifach gewundenen Draht auf dem oberen Rande, 
mit kleinen Zinken und Zacken wie einer eisernen Zahnreihe. Der 
Mond geht auf hinter geschichteten Brettern und klettert von vor- 
ragenden Latten empor, um sich iiber den Platz zu ergiefkn, das Sage- 
mehl zu versilbern, das weich auf dem Boden liegt. Und Andreas 
schreitet, klirrend mit Waffen und Schlusseln, den Hund hinter sich, 
neben sich, vor sich, rund um den Zaun. Wenn er miide ist, streckt er 
sich aus, den Riicken lehnt er gegen den Zaun, und seine miiden Augen 
gleiten iiber seinen Bauch, seine Knie, seine Stiefelkappen. 
Hort er ein Gerausch, knurrt der Hund, steht er behutsam auf, Senilis- 



300 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sel und Waffen an sich driickend, und setzt, wie ein Tier auf Pfaden der 
Beute, ein Bein vor das andere, ein Bein vors andere, und die Stiefel 
unterdriicken das gewohnte Knarren, weil der Fufi sie dazu zwingt. 
Er war ein guter Nachtwachter, Andreas Pum, er hatte es bleiben sol- 
len. 

Er wurde aber einbeinig. 
Er verlor ein Stuck von sich und lebte weiter. 

Man kann ein gewichtiges, wertvolles, unbedingt notwendiges Stiick 
seiner selbst verlieren und dennoch weiterleben. Man geht auf zwei 
Beinen, verliert unterwegs ein halbes aus dem losen Kniegelenk, wie 
ein Federmesser aus der Tasche, und geht weiter. Es tut nicht weh, das 
Blut ist nicht sichtbar, es war kein Fleisch, kein Knochen, keine Aden 
War's Holz? Eine Kriicke? Eine nauirliche Kriicke? Besser geleimt als 
die kiinstliche, gerauschlos wie Gummi und stark wie Stahl? 
Man konnte unhorbar gehen und konnte laut schreiten. Man konnte 
mit beiden Fiifien aufstampfen. Man konnte hupfen. Man konnte einen 
Fufi in der Hand halten. Man konnte mit beiden laufen. Man konnte 
Kniebeugen machen, einfache und tiefe. Man konnte exerzieren. 
Das alles und noch manches andere konnen wir nicht mehr. 
Wie lange ist es her, dafi wir nicht gerauschlos einen Fufi vor den ande- 
ren setzen konnten? Jeder unserer Schritte verursachte Hall und Wi- 
derhall. Wir kommen mit Gerausch und gehen mit Gepolter. Wir ma- 
chen einen standigen Larm um uns. Die Kriicke stofit Locher in unsere 
Gedanken. Menschen auf zwei Beinen holen uns ein. 
Die Zweibeinigen sind unsere Feinde. Zweibeinig ist der schiefnasige 
Herr auf der Plattform. Zweibeinig ist der polternde Schaffner. Zwei- 
beinig ist der respektlose Polizist. Zweibeinig ist der Kommissar mit 
dem spitzen Kinn. Zweibeinig ist Katharina. Zweibeinig ist der rot- 
wangige Tod, der Muli geholt hat. Die Zweibeinigen sind »Heiden«. 
Ein Heide ist jetzt Andreas selbst. Er ist verhaftet worden. Man hat 
ihm die Lizenz genommen. Er ist, ohne Schuld, ein Heide geworden. 
Wurde er sonst im Arrest sitzen? 

Es sitzen noch andere in dieser geraumigen Zelle. Gewift sind es Raub- 
morder, Gottlose, Halunken. 

Aber sie sind auch Heiden, wie Andreas. Er ist ihnen nicht bose. Zwar 
hat er nicht geraubt, aber er hat Gott verloren. 
Man kann Gott verlieren. Gott fallt aus dem Kniegelenk. 
»Was stehst du?« fragte ein Mann, der auf einem Kistenboden safl. 



DIE REBELLION 301 

»Platz genug fiir bessere Menschen!« 

Andreas setzte sich. 

»Du bist Invalide?« fragte der Mann. 

»Ja!« 

»Wozu tragst du das Blech da an der Brust?« 

»Ich weif? nicht. « 

Sie schweigen. Aus der Tiefe der Zelle sagte eine heisere Trinker- 

stimme durch die Luft: »Hast du Zigaretten?« 

»Ja!« 

Eine Gestalt tauchte aus dem Dunkel auf und schwamm naher, die 

Finsternis zerteilend. 

Es waren drei Manner. Andreas hatte funf Zigaretten. Sie beschlos- 

sen, Ketten zu rauchen. 

»Du bist ein Neuer!« sagte der Mann mit der heiseren Stimme. 

»Gib das Blech herunter!« schrie einer. 

Der dritte trat zu Andreas, rift das Kreuz von seiner Brust und be- 

trachtete es, indem er es ganz nahe vor die Augen fiihrte. 

»Haben dir ein Pflaster gegeben!« sagte der eine. 

»Welcher Paragraph ?« fragte der Heisere. 

Der Heisere war ein »Jurist«. 

Jemand iibersetzte: »Was du ausgefressen hast, will er wissen!« 

Andreas sagte: »Ich weifl nicht. Ich bin ja gar nicht hier zustandig. 

Ich habe eine Vorladung fiir heute!« Und er zeigte seine Vorla- 

dung. 

Der »Jurist« las. Er entziindete ein Streichholz, das er lose in der 

Tasche hatte, an seiner Hose und las. »Du muEt schnell machen, 

Mensch! Wieviel Uhr ist es?« 

»Es ist ja zu spat«, sagte Andreas. 

»Na, dann haben Sie dich ja verknackt.« 

»Wieso?« 

»Weil du nicht da warst. Das Gericht weifl nichts von der Polizei. 

Und die Polizei weift nichts vom Gericht. Bist du nicht bei deiner 

Verhandlung und du bist Angeklagter, dann hast du morgen die 

Aufforderung, die Strafe anzutreten. Was hast du denn getan?« 

Andreas schilderte den Vorfall auf der Strafienbahn. 

»Ja«, sprach der Heisere, »das kann korperliche Bedrohung eines 

Beamten sein. Amtsehrenbeleidigung auf jeden Fall. Es kann tatli- 

cher Widerstand gegen die Staatsgewalt sein. Wenn die Beamten 



302 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

aussagen, dafi du sie geschlagen hast, so entscheidet das Gericht: Ein 

rabiater Kerl! Sechs Wochen! Warst doch hingegangen?!« 

»Sie haben mich ja hierhergeholt!« 

»Du kehrst einfach nicht zuriick. Dann brauchst du auch nicht zu sit- 

zen. Sechs Wochen sind fur mich eine Kleinigkeit. Aber fur dich nicht. 

Wo von lebst du eigentlich?« 

»Ich habe eine Lizenz! Zum Spielen!« 

»Verkauf mir deine Drehorgel!« 

»Da mufi ich sie aber zu Hause holen!« 

»Ich hoi' sie dir. Wo wohnst du? Gib mir ein Zeichen fur deine Alte, 

dafi sie mich erkennt.« 

»Reden wir morgen dariiber«, sagte Andreas. 

»Du bist sehr dumm«, sagte der Heisere. »Du hast alles ganz falsch 

gemacht. Ich hatte den Herrn verklagt. Man mufi sich nur auskennen. 

Ich hatte ihn verpriigelt und verklagt. Wie hat er denn ausgesehen? 

Vielleicht trifft man mit ihm zusammen. Denn die Welt ist klein und 

rund.« 

Aber Andreas wufke keine genaue Auskunft. 

Die anderen schliefen ein. Einer nach dem anderen begann zu schnar- 

chen. 

Andreas wollte gern sechs Wochen und noch langer sitzen. Er will 

lebenslanglich eingesperrt sein. 

Man ist auch so ein Gefangener, Andreas Pum! Wie Fangeisen liegen 

die Gesetze auf den Wegen, die wir Armen gehen. Und wenn wir auch 

eine Lizenz haben, so lauern doch die Polizisten in den Winkeln. Wir 

sind immer gefangen und in der Gewalt des Staates, der Zweibeinigen, 

der Polizei, der Herren auf den Plattformen der Strafienbahn, der 

Frauen und der Eselskaufer. 



XIII 

Am nachsten Morgen erhielt Andreas Pum eine Schale Kaffee und ein 
Stuck Brot. Er verabschiedete sich von den drei Mannern. »La& dich 
nicht wieder ein!« mahnte ihn der Heisere. 

Als Andreas die Strafie betrat, glaubte er, die Welt ware neu angestri- 
chen und renoviert, und er fiihlte sich nicht mehr in ihr zu Hause; wie 
man fremd ist in einem Zimmer, in das man wiederkehrt, nachdem 



DIE REBELLION 303 

seine Wande eine neue Farbe erhalten haben. Fremd und unverstandlich 
waren die Bewegungen der Menschen, der Gefahrte und der Hunde. 
Sehr merkwiirdig nahmen sich in dem Gewimmel eines belebten Platzes 
die Radfahrer aus, wie helle Grasmiicken zwischen den grofien Auto- 
bussen und Bahnen, den Lastwagen und den schwarzen, gedeckten 
Droschken. Ein knallgelbes Automobil schlenkerte, rasselte, wiitete 
iiber den Platz. An seinen Wanden brannte lichterloh die rote Reklame: 
»Raucht nur Jota.« Es war der Wagen des Wahnsinns. Der safJ im 
Innern zwischen vier knallgelben und rotbemalten Wanden, und sein 
Atem wehte verderblich aus dem kleinen Gitterfenster. Wie merkwiir- 
dig, dafi ich jetzt erst die Zusammenhange sehe, denkt Andreas. Aus 
diesem Wagen breitet sich die Verriicktheit iiber die Welt. Tausendmal 
ist der Wagen anmirvorbeigefahren. Wiedumm war ich! Das kann kein 
Postwagen sein! Was hatte die Post mit roten Jotazigaretten zu tun? 
Was geht das die Post an, was die Menschen rauchen? 
Tausend wunderbare Dinge entdeckt Andreas. An der Spitze einer Lit- 
faftsaule befindet sich eine Windfahne. Sie vollfiihrt kleine Drehungen, 
als konnte sie sich nicht fur eine bestimmte Richtung entscheiden. Wenn 
man nahe vor ihr steht und sie ansieht, hort man auch ihr leises Knattern 
mitten durch den Larm der Strafte. Was macht eine Windfahne auf einer 
Litfafisaule? Zeichen des allgemeinen Wahnsinns? Was ist es denn 
sonst? Ist es die Aufgabe einer Litfafisaule, die Richtung des Windes 
anzuzeigen? Oder Vortrage, Theatervorstellungen und Konzerte? 
Andreas schickte sein Auge verzweifelt zum Himmel empor, weil er 
dem Wahnsinn der Erde entrinnen wollte. Denn der Himmel ist von 
einer unsterblichen, klaren Blaue, und seine Farbe ist rein wie Gottes 
Weisheit, und ewige Wolken Ziehen iiber sie hin. Heute aber verbanden 
sich Wolkenfetzen zu verzerrten Gesichtern, Fratzen wehten iiber den 
Himmel, und Gott schnitt Grimassen. 

Da die Welt sich also verandert hatte, beschlofi Andreas, sich mehr um 
sie zu kiimmern und nicht wieder ins Gefangnis zuriickzukehren. 
Sein Blick fiel auf seine linke Brust. Er erinnerte sich, da6 er kein Kreuz 
mehr trug. Und als hatte er das Bediirfnis, statt des Ordens, den er sich 
in seinem alten Leben erworben, einen neuen zu gewinnen, der seiner 
Wiedergeburt entsprochen hatte, walzte er in seinem Gehirn das Wort 
»Heide«, ein trotziges Wort, das plotzlich eine neue Bedeutung erhielt 
und das er sich, als ware es ein Orden, selbst verlieh. 
Andreas Pum erklarte sich als einen Heiden. Schon zahlte er sich mit 



304 ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

Ubermut der Gilde der Verbrecher zu. Und sein Schritt wurde scheu, 
und sein Blick wurde lauernd, wenn ein Polizist vorbeiging. Als ware 
er ein steckbrieflich verfolgter Morder, so schlich Andreas durch die 
Seitenstrafien der Stadt. 

So kam er, ohne es gewollt zu haben, vor seine alte Wohnung. Es war, 
als hatte er sie erst gestern verlassen. Er klopfte, wie er es immer getan 
hatte und wie es wegen des schwer schlafenden Willi notig war, mit 
dem Stock dreimal gegen die Tiir. Er horte Willis verschlafenes Gah- 
nen und das Knacken seiner starken Knochen, das immer vernehmbar 
wurde, wenn Willi die Arme dehnte. 

»Da bist du ja wieder!« sagte Willi. »Wo ist dein Konzertflugel?« 
Andreas faftte sehr viel Mut, als er Willi sah. Er hatte das Vertrauen, 
das man fur einen Bruder empfindet. In traulichem Halbdunkel lag das 
Zimmer. Ein heimischer, liebgewordener Duft saurer Muffigkeit kam 
von den Wanden und von dem schmutzigen Lager. Und derselbe 
Rausch, der manche empfindsamen Menschen ergreift, wenn sie nach 
langer Weltreise die Grenze des Landes uberschreiten, in dem sie ge- 
boren sind - derselbe Heimatrausch erfiillte Andreas Pum. 
Willi deckte mit einem Pappendeckel den Tisch. Hierauf brachte er die 
Wurst, die er immer noch von seinem alten Lieferanten in der Seiten- 
strafie bezog. Dann gofi er Schnaps in das Teeglas. 
»Gestern haben wir Geburtstag gefeiert von der Klara!« erlauterte er. 
Und er safi mit breit aufgestemmten Ellenbogen vor Andreas Pum und 
horte diese seltsame, diese merkwurdige Geschichte, aus der er schlofi, 
dafi sie nur solchen Idioten wie diesem Kriippel zustofien konnte. 
»Du bleibst hier!« entschied Willi mit der Sicherheit eines Mannes, der 
Macht besitzt und schnelle Entschliisse zu fassen weifi. »Wollen sehen, 
ob sie dich hier finden!« sagte Willi und war wirklich neugierig. Hier- 
auf legte er sich wieder schlafen. 

Auch Klara horte mit grofier Verwunderung Andreas Pums Ge- 
schichte. »So hast du Weib und Kind und alles auf einmal verloren!« 
sagte sie. Denn sie hatte ein weiches Herz. 

»Wie gewonnen, so zerronnen«, sagte Willi. Dann sang er die erste 
Strophe eines Gassenhauers. 

»Fang dir nicht mit den dummen Gerichten an!« sagte die weichher- 
zige, aber immerhin etwas furchtsame Klara. »Geh hin und sitz deine 
sechs Wochen ab.« 
Aber Willi, der von Nachgiebigkeit nichts horen wollte, stieft sie in 



DIE REBELLION 3O5 

den Riicken, so daft sie liber den Tisch fiel. In dieser Nacht schlief 
Andreas den lachelnden, tiefen, reinen Schlaf eines Kindes. Aber am 
Morgen kamen zwei Kriminalbeamte. Sie hatten ihn bei seiner Frau 
nicht angetroffen und von ihr die alte Wohnung erfahren. Sie holten 
Andreas ab. Sie fuhren mit ihm zur Vorortbahn und ein gut Stuck 
weiter aufierhalb der Stadt. 

Die Strafanstalt lag in der Nahe weiter Felder, ein breiter Bau, mit 
vielen zackigen Turmchen aus braunroten Ziegelsteinen. 
So lag das Gefangnis, das Land beherrschend, heilig wie eine Kirche 
und finster wie ein gemauertes Gesetz. Das letzte, das Andreas von der 
Welt sah, war eine junge Katze. Sie mochte einem Gefangnis waiter 
gehoren. Sie lief, ein helles Glockchen an einem roten Band um den 
Hals, an dem Zaun entlang, der das Haus der Gerechtigkeit von einem 
Feldweg trennte. Sie erinnerte an ein kleines Madchen. 



XIV 

An seine Zelle gewohnte sich Andreas sehr schnell; an ihre saure 
Feuchtigkeit, ihre durchdringende Kalte und an das schraffierte Grau, 
das ihr Tageslicht war. Ja, er lernte die Phasen der Dunkelheit unter- 
scheiden, welche den Morgen, den Abend, die Nacht und die nebelhaf- 
ten Stunden der Dammerung kennzeichneten. Er wuchs in die Finster- 
nis der Nachte hinein, sein Auge durchbohrte ihre Undurchdringlich- 
keit, daft sie durchsichtig wurde wie dunkelgefarbtes Glas am Mittag. 
Er entlockte den wenigen Gegenstanden, unter denen er lebte, ihr eige- 
nes Licht, so daft er sie in der Nacht betrachten konnte und sie ihm 
selbst ihre Konturen darboten. Er lernte die Stimme der Finsternis 
kennen und den Gesang der lautlosen Dinge, deren Stummheit zu 
klingen beginnt, wenn die polternden Tage vergehn. Das Gerausch 
einer kletternden Mauerassel konnte er vernehmen, sobald sie die 
glatte Wandflache verlieft und eine Stelle erreichte, die den Mortel ver- 
loren hatte und in ihrer rissigen Ziegelnacktheit lag. Die kummerlichen 
Aufterungen der groften Stadt, die bis zum Gefangnis drangen, er- 
kannte er, jede in ihrer Art und einer jeden Herkunft und Abstam- 
mung. An den feinsten Unterschieden ihrer Laute erkannte er Wesen 
und Gestalt und Ausmaft der Dinge. Er wufite, ob ein vornehmer Pri- 
vatwagen draufien vorbeisauste oder nur eine gutgebaute Droschke; 



}06 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ob ein Pferd die zarten Gelenke adeliger Zucht besafi oder die breiten 
Hufe des biliigen Niitzlichkeitsgeschlechts ; er kannte den Unterschied 
zwischen dem flotten Trab des Rosses, das ein leichtes Wagelchen auf 
stummen Gummiradern fiihrte, und jenem, das auf seinem Riicken den 
Herrenreiter trug. Er erkannte den schleppenden Schritt des alten 
Mannes und den schlendernden des jungen Naturliebhabers; das flotte 
Getrippel des hurtigen Madchens und den zielbewufiten Tritt der ge- 
schaftigen Mutter. Er konnte mit dem Ohr einen Spazierganger von 
einem Wanderer unterscheiden; den Zartgebauten von dem Vierschro- 
dgen; den Kraftigen von dem Schwachen. Er bekam die zauberhaften 
Gaben eines Blinden. Sein Ohr wurde sehend. 

An den ersten Tagen seiner Haft versuchte er noch, durch das hohe 
Gitter hinauszusehen. 

Er schob die Holzbank zum Fenster und liefi nicht nach, bis er mit 
seinen beiden Handen den unteren Rand der Mauerbuchtung gefafit 
hatte, in der das Gitter safi. Ach - er war nur einbeinig, die stumpfe 
Kriicke fand an der glatten Mauer nicht einmal den kummerlichen 
Halt, den sein gesunder Fufi noch miihevoli ertastete, und er hing se- 
kundenlang mit seinem ganzen Gewicht an den krampfdurchzuckten 
letzten Ghedern seiner Finger. So schwebte sein Korper in der Luft 
und seine Seele zwischen dem Verlangen, einen kargen Ausschnitt der 
Welt zu sehen, und der Furcht, hinunterzufallen und den Tod zu fin- 
den. Nie hatte er groEere Gefahr gekannt. Denn niemals - auch im 
Felde nicht - hatte er so die Kostbarkeit des Lebens empfunden, dieses 
kleinen Lebensrestes, den ihm die Zelle gewahrte. Ihr entrift er mit List 
und mit tausend Miihen den kurzen Augenblick in die Welt durch das 
schmutzige Glas hinter den engen Quadraten und kehrte dennoch er- 
frischt und bereichert in das ewige Dunkelgrau hinunter, als hatte er 
alle Schonheiten der Erde genossen. Diese kleinen Ausfliige, die sein 
Auge unternahm, versohnten ihn immer wieder mit der Unerbittlich- 
keit seines Kerkers; bewiesen sie ihm doch, dafi nicht einmal die Zelle, 
die ihn abschlofi, aufierhalb der Welt war und dafi auch er noch dem 
Leben gehorte. Er war ein Kriippel und nicht unbeschrankter Herr 
iiber die Erde wie ein zweibeiniger Mensch. Er konnte nicht kudos 
gehen, nicht hiipfen, nicht laufen. Aber er durfte wenigstens hinken 
und mit einer Sohle die Erde betreten, spater, sechs Wochen spater, 
kurze sechs Wochen spater. 
Manchmal hoffte er, die kleine Katze wiederzusehen, die er beim Ein- 



DIE REBELLION 307 

tritt in die Anstalt getroffen. Aber sein Auge erreichte gerade noch den 
Saum des dunklen Fohrenwaldes in der Feme und einen schmalen 
Streifen des Himmels; manchmal ein geflugeltes Tier; eine hurtige 
Wolke; einmal sogar die schmalen Tragflachen eines Aeroplans, dessen 
Gerausch er immer horte; - denn ein Flugplatz befand sich in der 
Nahe. Er aber sehnte sich nach der jungen Katze. Sie hatte er in dem 
letzten Augenblick seiner Freiheit gesehen. In der Nacht horte sein 
gescharftes Ohr ein liebliches, kleines Lauten. Er bildete sich ein, es 
kame von der Schelle, die um den Hals des Tieres gehangt war. 
Bald aber vergafi er es. Er kroch nicht mehr die Wand hinauf. Traulich 
erschien ihm die Zelle. Tausend Bilder erbluhten aus seiner Einsam- 
keit. Tausend Stimmen erfiillten sie. Er sah ein Schwein, das mit dem 
Riissel in die Fuge zwischen Tiir und Wand des Stalles geraten war und 
sich nicht wieder befreien konnte. Er kannte dieses Bild. Als Knabe, 
bei seinem Onkel, der ein Steuereinnehmer auf dem Lande war und 
einen Hof besafi, hatte er es gesehen. Er sah ein Schwalbennest im 
Klosett; einen Papagei an einer Kette, der nach seinem Finger 
schnappte; den Kompaft und den silbergefafken Zahn an der Uhrkette 
des Vaters; die Geburt eines Schmetterlings aus der diinnen, gebrechli- 
chen Hulle der Puppe in einer grasgefiitterten Streichholzschachtel; 
getrocknete Anemonen in einem Herbarium; ein goldgerandertes Ge- 
sangbuch und den ersten Schlips aus roter Seide. 
Andreas hatte viel zu tun. Er mufke die Bilder einordnen. Wie ein 
Kind an den Sprossen einer Leiter, so kletterte der neugeborene An- 
dreas an diesen kleinen Erinnerungen zaghaft empor. Es schien ihm, 
als mufke er noch lange klettern, um zu sich selbst zu gelangen. Er 
entdeckte sich selbst. Er schloE die Augen und freute sich. Wenn er sie 
offnete, hatte er ein neues Snick entdeckt, eine Beziehung, einen 
Klang, einen Tag und ein Bild. Ihm war, als beganne er zu lernen und 
Geheimnisse taten sich vor ihm auf. So hatte er also fiinfundvierzig 
Jahre in Blindheit gelebt, ohne sich selbst und die Welt zu kennen. 
Das Leben muftte anders sein, als er es gesehen. Eine Frau, die ihn 
liebte, verriet ihn in der Not. Hatte er sie gekannt, niemals ware es ihm 
zugestofien. Was aber hatte er von ihr gekannt? Nur die Hiiften, den 
Busen, ihr Fleisch, ihr breites Gesicht und den schwiilen Hauch, den 
sie ausstromte. Woran hatte er geglaubt? An Gott, an die Gerechtig- 
keit, an die Regierung. Im Kriege verlor er sein Bein. Er bekam eine 
Auszeichnung. Nicht einmal eine Prothese verschafften sie ihm. Jahre- 



308 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

lang trug er das Kreuz mit Stolz. Seine Lizenz, die Kurbel eines Leier- 
kastens in den Hofen zu drehen, schien ihm hochste Belohnung. Aber 
die Welt erwies sich eines Tages nicht so einfach, wie er sie in seiner 
frommen Einfalt gesehen hatte. Die Regierung war nicht gerecht. Sie 
verfolgte nicht nur die Raubmorder, die Taschendiebe, die Heiden. 
Offenbar geschah es, dafi sie sogar einen Raubmorder auszeichnete, da 
sie doch Andreas, den Frommen, ins Gefangnis schlofi, obwohl er sie 
verehrte. So ahnlich handelte Gott: Er irrte sich. War Gott noch Gott, 
wenn er sich irrte? 

Jeden Morgen gingen die Insassen dieses Hauses im Hof spazieren. 
Der Hof war dicht gepflastert, von kleinen Ziegelsteinchen war der 
Boden bedeckt, und man sah kein Stuckchen Staub, kein Stuckchen 
Erde. Ein grofies Ereignis war eine Henne, die oft im Hof erschien. 
Hundertvierundfiinfzig Straflinge wallten, einer hinter dem andern, 
mit gesenkten Kopfen immer in der Richtung von rechts nach links, 
immer die vier Wande entlang. In der Mitte gingen die weifibraun ge- 
sprenkelte Henne und der Aufseher, der ein Rohrstabchen in der 
Hand schwang und einen Revolver an der Hiifte trug. Am linken Ar- 
mel hatten die Gefangenen ihre schwarze Nummer. Der Zug begann 
mit Eins und endete mit Einhundertvierundfunzig. Viermal gingen sie 
das Quadrat des Hofes ab. Dann war die Stunde um. Sie sprachen 
nicht miteinander. Sie sahen sehnsuchtig nach der Henne. Einer la- 
chelte manchmal. Der dreiundsiebzigste war Andreas Pum. 
Einmal erblickte er im Hof ein Stuckchen Zeitungspapier. Der Aufse- 
her sah gerade in die entgegengesetzte Richtung. Andreas hob es auf 
und barg es in der Hand. Er war sehr neugierig. Es war, als wiirde in 
seiner Zelle ein Mensch erscheinen, um mit ihm zu sprechen. Viel- 
leicht, ja wahrscheinlich enthielt dieses Stuckchen Papier eine lustige 
oder eine merkwurdige Geschichte. Er zerkniillte es und hielt es zwi- 
schen zwei Fingern. So konnte er vorschriftsmafiig die Hande an der 
Hosennaht halten. Der Weg erschien ihm lang, die Stunde unendlich, 
der Hof grausam gewachsen. Endlich ertonte der Pfiff des Aufsehers. 
Andreas kam in die Zelle und wartete, bis sich seine Augen an die 
Dunkelheit gewohnten. Dann entfaltete er das Papier, riickte die Bank 
zum Fenster und setzte sich. Er las: 

»Personalien. Als Verlobte empfehlen sich Fraulein Elsbeth Waldeck, 
die Tochter von Prof. Leopold Waldeck, und Dr. med. Edwin Aro- 
nowsky, Fraulein Hildegard Goldschmidt und Dr. jur. Siegfried Tiir- 



DIE REBELLION 309 

kel, Fraulein Erna Walter und Willi Reizenbaum. Der Bankdirektor 
Willibald Rowolsky und Frau Martha Maria, geb. Zadik, zeigen hoch- 
erfreut die Geburt eines Sohnes an. Frau Hedwig Kalischer, geb. Gol- 
denring, betrauert das Hinscheiden ihres Gatten Leopold Kalischer, 
Mitinhaber der Firma Konig, Schrumm & Kalischer, Vorsitzender des 
Aufsichtsrates der Gemeinschaft der Chemikalienhandler AG, der 
nach schwerem Leiden im 62.Lebensjahre gestorben ist. Herr Johann 
Kotz zeigt das Ableben seiner Gattin Frau Helene Kotz an. Berg- 
werksdirektor Bergassessor Harald Kreuth gibt Nachricht vom Tod 
seines Vaters Sigismund Johann Kreuth. Im jj. Lebensjahre verschied 
nach langem Leiden der Geheime Sanitatsrat Dr. med. Max Treitel.« 
Andreas wendete das Papier und las auf der Ruckseite: 
»Wenn das zutrifft, so versteht man jetzt, warum in den letzten Tagen 
die Poincare-Presse den Sachverstandigenbericht so geflissentlich als 
pro-franzosisch gepriesen hat - um ihren Herrn zu decken. Daily 
Mail, aus Paris direkt unterrichtet, zahlt in bestimmter Form — « 
Hier brach das Papier ab. 

Andreas Pum versuchte, sich die Menschen vorzustellen, von deren 
Leben er die wichtigsten Abschnitte erfahren hatte. Fraulein Elsbeth 
Waldeck war blond und vornehm, die Tochter eines Professors, die 
Braut eines Arztes. Der Doktor Siegfried Tiirkel war vielleicht ein 
Rechtsanwalt, und es ware nicht von Schaden, seine Bekanntschaft zu 
machen. Vielleicht geriet man iiberhaupt nicht ins Gefangnis, wenn 
man mit dem Rechtsanwalt Tiirkel bekannt war. Ja, es war so: Alle, 
deren Namen auf diesem Stiickchen Zeitungspapier standen, mufken 
miteinander befreundet sein. Der Doktor Aronowsky behandelte die 
Frau Martha Maria, geborene Zadik, und der Bergassessor Harald 
Kreuth lieh sich Geld vom Bankdirektor Willibald Rowolsky. Diesen 
vertrat der Rechtsanwalt Tiirkel bei Gericht, und der Rechtsanwalt 
Tiirkel machte dem Herrn Johann Kotz einen Kondolenzbesuch. Die 
Namen sprangen selbstandig aus den Zeilen und verbanden sich wech- 
selweise. Da hiipfte der Sanitatsrat zum Assessor und dieser zum 
Rechtsanwalt. Die Namen waren lebendig. Sie nahmen menschliche 
Gestalten an. Andreas Pum blickte auf das bedruckte Papier wie in ein 
Zimmer, in dem sich alle diese Menschen befanden und herumgingen 
und miteinander sprachen. 

Dieses Bild bewegte ihn. Er stellte sich die Gesellschaft sehr glanzend 
vor. Es schien ihm, daft er hinter das Geheimnis der Welt gekommen 



310 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

war. Er glaubte zu wissen, dafi er in der Zelle safi, weil er keinen von 
diesen Verlobten, Geborenen und Verstorbenen kannte. Weshalb stand 
es nicht gedruckt, dafi Herr Andreas Pum, Lizenzinhaber, nach unge- 
rechter Behandlung und ohne gehort zu werden, zu sechs Wochen 
verurteilt war? 



XV 



Das krankte Andreas Pum. Andreas empfand die Beschamung zuriickge- 
setzter Menschen, sie sich auf eine Karriere vorbereitet hatten. Dafi man 
gerade ihn eingesperrt hatte, dafi man gerade ihn zum Heidentum zwang, 
war eine Ungerechtigkeit, grausam, unentschuldbar und verbrecherisch. 
Wie lange war es denn iiberhaupt her, dafi er, fast mit der Wiirde eines 
Beamten, jedenfalls aber mit dem gottesfurchtigen Sinn eines Priesters, 
die Lizenz in der Tasche, an einer belebten Strafienecke die National- 
hymne spielte und die Leute zur Vaterlandsliebe fast ebensosehr an- 
spornte wie zur Wohltatigkeit? Dafi ein Schutzmann auf ihn zuschritt 
und sich, respektvoll griiftend, wieder entfernte, weil er die Berechtigung 
Andreas Pums, die Nationalhymne zu spielen, anerkennen mufite? 
Was war denn eigentlich geschehen? Wie konnte sich die Welt so schnell 
geandert haben? 

Ach! sie hatte sich gar nicht geandert! Immer war sie so gewesen! Nur 
wenn wir ganz besonders Gliick haben, werden wir nicht eingesperrt. 
Aber unser Schicksal ist es, Anstofi zu erregen und im Gestriipp der 
willkurlich wuchernden Gesetze zu stolpern. Wie Spinnen sitzen die 
Behorden, lauernd in den feinmaschigen Geweben der Verordnungen, 
und es ist nur eine Frage der Zeit, wann wir ihnen anheimf alien. Und es ist 
nicht genug daran, daf? wir einmal ein Bein verloren haben. Wir mussen 
unser Leben verlieren. Die Regierung, wie wir sie jetzt erkannt haben, ist 
nicht mehr etwas Femes, hoch iiber uns Befindliches. Sie hat alle irdi- 
schen Schwachen und keinen Kontakt mit Gott. Wir haben vor allem 
gesehen, dafi sie durchaus nicht eine einheitliche Macht ist. Sie gliedert 
sich in Polizei und Gericht und wer weifi noch wie viele Ministerien. Der 
Kriegsminister mag jemandem eine Auszeichnung verleihen, und die 
Polizei sperrt ihn dennoch ein. Das Gericht mag ihn vorladen, und der 
Herr Kommissar tut es auch. So wurde mancher gottlos, ein Heide und 
ein Anarchist. 



DIE REBELLION 3II 

Manchmal dachte Andreas, dafi es notwendig ware, sich wieder ver- 
nehmen zu lassen. Und einmalj als der Direktor der Strafanstalt, wie er 
es jede Woche seiner Vorschrift gemafi tat, die Zelle inspizierte, er- 
zahlte ihm Andreas seine Geschichte. Der Direktor war ein sehr stren- 
ger Mann, aber er glaubte, dafi der Bestand des Staates von dem Aus- 
mafi der Gerechtigkeit abhange, die in seinen Grenzen zur Anwen- 
dung gebracht werde. Er liefi ein Protokoll mit Andreas Pum aufneh- 
men und versprach, »die Sache in die Wege zu leiten«. 
Von diesem Tage an erfullte Andreas Pums Brust ein neue, kleine 
Hoffnung. Zwar wufke er nicht, zu wem er zuriickkehren sollte. 
Zwar hatte er das Wichtigste verloren, das ein Mensch in Freiheit no- 
tig hat, um mit frohem Sinn und erfolgverheifiender Kraft ein neues 
Leben zu beginnen: den Glauben namlich, die Heimat der Seele. Und 
auch sein Korper hatte keine Heimat mehr. Von Katharina wollte er 
sich scheiden lassen. Wahrscheinlich hatte sie selbst schon die Schei- 
dungsklage eingereicht. Sollte er zu Willi zuriickkehren? Ein Strafien- 
bettler werden? Wiirde er auch die Lizenz wiederkriegen? War es 
nicht uberhaupt besser, er blieb in dieser Zelle, freiwillig, ein Leben 
lang? 

Eines Tages erwachte er sehr fruh. Er wuEte nicht, wie spat es war, es 
konnte jedenfalls noch nicht sechs sein. Denn um sechs wurden die 
Straflinge geweckt. An der Stelle, an der sein Bein abgesagt war, spurte 
er Schmerzen. Es muKte sich irgendeine bedeutsame Anderung des 
Wetters zugetragen haben. Plotzlich wurden leise plinkende Tropfen 
vernehmbar. Es regnete offenbar. 

Andreas stand auf. Er schnallte seine Kriicke an und stellte sich unter 
das Fenster. Jetzt horte er den Regen ganz deutlich. Ware das Fenster 
nicht in so tiefer Mauerbuchtung eingefafk gewesen, so hatte der Re- 
gen sogar an die Scheiben getrommelt. So klatschte nur von Zeit zu 
Zeit ein einzelner Tropfen gegen eine Gitterstange. Jedenfalls aber 
stand fest: Es regnete. 

Auf einmal erwuchs aus verschiitteten Jahren ein Tag aus Andreas' 
Jugend. So war er mitten in der Nacht aufgestanden, von Erwartung 
und Unruhe getrieben, und hatte festgestellt, dafi die Macht des lan- 
gen Winters gebrochen war. Damals hatte er den Morgen gar nicht 
erwarten konnen, und auch jetzt konnte er es kaum. Was erschiit- 
terte ihn denn eigentlich so? Jahr um Jahr war er gewohnt, den re- 
gelmafiigen Wechsel der Jahreszeiten zu erleben, und seit mehr als 



312 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

dreifiig Jahren hatte auf ihn der erste Regen keinen Eindruck gemacht. 

Er mufite weit zurikkgreifen in die verschollene Jugend. 

Und er sah die enge Gasse der ganz kleinen Stadt, in der er geboren 

war, und wie sie den einziehenden Friihling begriifite, ihm spielende 

Kinder entgegenschickte und grofie Wasserbottiche, in denen sich das 

Regenwasser fangen sollte; wie sie ihre Kanalgitter offnete, weil sie 

verstopft waren, und wie der Regen ungehemmt und in rastlos stiir- 

zenden, schaumenden, gurgelnden Fluten in die Untergriinde der 

Gasse drang, wie er die schmutzigen winterlichen Schneereste an den 

Randern des Biirgersteigs mit vernichtender Wut verschwinden, zer- 

rinnen, Nichts werden lief?. 

Ach, es wurde Friihling, und er sah es nicht! Die Welt anderte sich, 

und er war gefangen. 

Jetzt klopfte der Waiter, und Andreas rief »Hier!« so schnell, dafi der 

vorsichtige Beamte die Tiir aufschlofi und den angekleideten Andreas 

mit verwundertem Mifkrauen betrachtete. »Schon auf?« fragte der 

Waiter. 

»Mein Knie schmerzt so!« antwortete Andreas. 

»Heut ist kein Ausgang!« sagte der Warter und schlofi die Tiir. 

Oh, warum war heut kein Ausgang? 

Die Finsternis lichtete sich, loste sich langsam in das gewohnte Dun- 

kelgrau auf. Es wurde Tag. Der Regen wurde stiller. Auf einmal be- 

gann ein Vogel zu zwitschern. Eine ganze Vogelgruppe zwitscherte. 

Einige Spatzen drangten sich gegen das Gitter. Sie schrien und schlu- 

gen mit den Flugeln. 

Andreas betrachtete die Vogel und lachelte. Er lachelte mild wie ein 

Grofivater, der seinen spielenden Enkeln zusieht. Niemals hatte er sich 

um Spatzen sonderlich bekiimmert. Jetzt schien es ihm, als hatte er 

eine alte Schuld an sie abzutragen. Er hatte sie gerne mit Brotkrumen 

gefuttert. 

Er nahm sich vor, den Warter darum zu bitten. 

Als man ihm das Fruhstiick brachte, bat er den Warter, einen Augen- 

blick zu bleiben. 

»H6ren Sie«, sagte er, »bringen Sie eine Leiter! Ich mochte den armen 

Spatzen ein paar Brotkrumen streuen.« 

Wenn Andreas dem Warter zugemutet hatte, ihm die Schlussel zu alien 

Zellen herauszugeben, die Uberraschung ware nicht grower gewesen. 

Der Beamte versah hier seit sechsundzwanzig Jahren seinen Dienst. 



DIE REBELLION 313 

Von all den Tausenden Haftlingen, die seiner strengen Obhut anver- 
traut gewesen, hatte noch keiner einen solch verriickten Wunsch geau- 
fiert. Der Waiter dachte, von seinem beruflichen Argwohn gefafk, der 
seine zweite Natur geworden war, zuerst an eine List des Haf dings. Er 
beleuchtete mit seiner Taschenlampe Andreas, um dessen Gesicht zu 
erforschen. 

»Wie kommen Sie darauf ?« sagte der Warter. 

»Sie tun mir sehr leid, die armen V6gelchen!« sagte Andreas mit einer 
erschiitterten Stimme, daft der Warter zu glauben anfing, Andreas sei 
verriickt. 

»Lassen Sie sich nicht auslachen!« sagte er. »Der Herr sorgt fur die 
Vogel. Essen Sie lieber das teure Brot allein!« 

»Meinen Sie?« sagte Andreas. »Ist es so sicher, dafi Gott fur die Vogel 
sorgt ?« 

»Das ist nicht Ihre Sache!« erwiderte der Beamte. »Und meine auch 
nicht. Wozu hat man denn die Gesetze? Ich kenne meine Vorschriften. 
Es ist verboten, Leitern in die Zellen zu bringen. Wenn Sie krank im 
Gehirn sind, miissen Sie sich beim Herrn Doktor melden! Ich kann Sie 
ja aufschreiben, dann kommen Sie zur Marodenvisite. Wenn Ihnen der 
Herr Direktor es erlaubt, dann konnen Sie ja auch die Vogel fiittern. 
Aber ein Gesuch miissen Sie machen.« 
»Ich will ein Gesuch machen!« sagte Andreas. 

Der Beamte notierte den Wunsch in sein Dienstbuch. Nach einer 
Stunde brachte er Papier, Tinte und ein Pult. »Schreiben Sie Ihr Ge- 
such^ sagte er, »der Herr Direktor hat es erlaubt. « 
Andreas bat den Beamten um Hilfe. Dieser entziindete eine Kerze und 
zog seine Brille an. Dann diktierte er: 

»An die hochwohllobliche Direktion! 

Endesgefertigter ersucht um die Bewilligung, einmal taglich den Spat- 
zen sowie Vogeln anderer Art an den Fenstern seiner Zelle Brot und 
Speisereste auslegen zu diirfen. 

Unterschrift: Andreas Pum, derzeit Haftling« 

Dieses Gesuch steckte der Beamte ein. 

Am Nachmittag kam der Doktor. Er hegte Zweifel an der geistigen 
Gesundheit Andreas Pums. Er begann, sich mit dem Haftling zu un- 
terhalten. Andreas ergriff die Gelegenheit, auch dem Arzt seine Ge- 
schichte zu erzahlen. 



314 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Der Doktor trostete. Der Direktor, sagte er, wiirde schon die Sache in 
die Wege leiten. Andreas moge nur Vertrauen haben. 
»Aber die Spatzen zu fiittern wird man Ihnen nicht erlauben! Es ist so 
was einfach zu umstandlich. Man kann Ihnen doch nicht eine Leiter in 
die Zelle bringen!« 

»Wozu nab' ich dann ein Gesuch geschrieben?« 
»Das ist Vorschrift. Wenn Sie einen Wunsch haben, miissen Sie ihn 
schriftlich aufiern. Aber erfiillt wird er Ihnen nicht. « Der Doktor la- 
chelte. Er war ein alter, beleibter Herr mit grauen Stoppeln auf Wan- 
gen und Doppelkinn. Er trug eine unmoderne, goldgeranderte Brille. 
»Uberlassen Sie doch dem lieben Gott die Sorge um seine V6gel!« 
»Ach, Herr DoktorU sagte Andreas traurig. »Manche sagen: Uberlas- 
sen wir Gott die Sorge um diesen Menschen! Dann sorgt Gott nichtU 
Der Doktor lachelte wieder: »Es ist nicht gesund, ein Philosoph zu 
sein. Dazu reicht Ihre Kraft nicht. Man muE glauben, lieber Freund!« 
Der Doktor wufite bereits, dafi er es mit einem Narren zu tun hatte; 
aber auch, dafi dieser Narr ungefahrlich war. Im iibrigen hatte er noch 
im ganzen drei Wochen abzubiiften. Also beschloG er, Andreas sich 
selbst und seinen philosophischen Gedanken zu iiberlassen. Aufierdem 
erwartete der Doktor heute seine Nichte. Er muEte zur Bahn und vor- 
her noch einmal nach Hause. Und da er ein Menschenfreund war, 
reichte er Andreas die Hand. 

Spat am Tag, es mochte vor Anbruch der Dammerung sein, sah An- 
dreas, wie draufien der Himmel sich lichtete. Ein Stuckchen strahlen- 
den Blaus war sogar durch die schmutzige, kleine Scheibe zu sehen. 
Und wieder larmten die Spatzen. 

Dann vernahm er den leichten Trab eines Wagelchens, das regelmafiig 
jeden Tag horbar wurde. 

Obwohl es erst Februar war, nahm er an, dafi die Knospen an den 
Weiden und Kastanien schon ziemlich groE sein miiEten. Er dachte an 
sie mit derselben Zartlichkeit, die er fur die Vogel iibrig hatte. Er nahm 
sich vor, einen weiten Spaziergang zu unternehmen, wenn man ihn 
freiliefie. 

In dieser Nacht schlief er spat ein. Er hatte Schmerzen im Knie. Der 
Wind wiitete draufien und in den langen Gangen der Anstalt. 
Am nachsten Tage war wieder Inspektion. Der Direktor sagte, die Sa- 
che laufe gut. In zwei Wochen konnte sie erledigt sein. Andreas wiirde 
also eine Woche friiher freikommen. Man wiirde ein neues Verfahren 



DIE REBELLION 315 

einleiten. Dann konnte Andreas sich vor Gericht beschweren. Dann 
wiirde man ja das Unrecht einsehen und Andreas freisprechen. Er, der 
Direktor, wolle jedenfalls ein hervorragendes Zeugnis schreiben. So 
ein Zeugnis hatte er noch niemandem geschrieben. Und was die Fiitte- 
rung der Spatzen anbelangte, so sei dergleichen nicht ublich. Die An- 
stalt sei schliefilich kein Tierschutzverein. 

In diesem Augenblick entdeckte der Herr Direktor, daft der Kiibel, in 
dem Andreas seine Bediirfnisse zu verrichten hatte, nicht neben dem 
Fenster, sondern in der Nahe der Bank stand, und weil der Herr Di- 
rektor die Ordnung fast genauso liebte wie die Menschlichkeit, sagte er 
streng: »Ihre Pflichten aber diirfen Sie nicht vernachlassigen!« Und 
genauso wie Willi fugte er hinzu: »Ordnung muE sein!« 
Er ging, und hinter ihm klirrte der Sabel des Warters. 



XVI 

Ein Tag war schoner als der andere. 

Man merkte es nicht nur im Hof, wenn man den vorschriftsmafiigen 
Spaziergang absolvierte. Man merkte es sogar im Hof weniger. Denn 
seine Luft war muffig, und obwohl iiber seinen hohen Wanden der 
Himmel sich wolbte, schien es, als lage eine unsichtbare Decke iiber 
ihn gespannt. Nie kam die Sonne in diesen Hof. Deshalb war sein 
Pflaster immer feucht, als sonderte es Schweifi ab. Es war wie eine 
Krankheit der Pflastersteine. 

Ubrigens kamen jeden Tag die Spatzen in ganzen Massen vor das Zel- 
lenfenster, als wollten sie Andreas an sein Versprechen erinnern. Das 
tat ihm weh. Er sah hinauf und betrachtete schmerzlich die larmenden, 
kleinen Wesen. Er hielt stumme Ansprachen, und sein Herz redete zu 
den Tieren, ohne daft sich seine Lippen bewegten. Meine kleinen, lie- 
ben Vogel, lange Jahrzehnte war ich euch fremd, und ihr wart mir 
gleichgultig wie der gelbe Pferdekot in der Straftenmitte, von dem ihr 
euch nahrt. Wohl horte ich euch zwitschern, aber mir war es gleich wie 
das Summen der Hummeln. Ich wuftte nicht, daft ihr Hunger haben 
konntet. Ich wufke kaum, daft Menschen, also meinesgleichen, Hun- 
ger haben. Ich wuftte kaum, was der Schmerz ist, obwohl ich im Krieg 
war und ein Bein verlor, aus dem Kniegelenk fallen lieft. Ich war viel- 
leicht kein Mensch. Oder ich war krank am schlafenden Herzen. Denn 



316 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

so etwas gibt es. Das Herz halt einen langen Schlaf, es tickt und tackt, 
aber es ist sonst wie tot. Eigene Gedanken dachte mein armer Kopf 
nicht. Denn ich bin von der Natur nicht mit scharfer Einskht gesegnet, 
und mein schwacher Verstand wurde betrogen von meinen Eltern, von 
der Schule, von meinen Lehrern, vom Herm Feldwebel und vom 
Herrn Hauptmann und von den Zeitungen, die man mir zu lesen gab. 
Kleine Vogel, seid nicht bose! Ich beugte mich den Gesetzen meines 
Landes, weil ich glaubte, eine grofiere Vernunft als die meinige hatte 
sie ersonnen, und eine grofie Gerechtigkeit fuhrte sie aus im Namen 
des Herrn, der die Welt erschaffen. Ach! daft ich langer als vier Jahr- 
zehnte leben muftte, um einzusehen, daft ich blind gewesen war im 
Lichte der Freiheit, und daft ich erst sehen lernte in der Dunkelhek des 
Kerkers! Ich wollte auch futtern, aber man verbietet es mir. Weshalb? 
Weil noch niemals ein Haftling diesen Wunsch hatte. Ach! jene waren 
vielleicht jiinger, beweglicher und schneller, und sie dachten, wenn sie 
euch sahen, nicht an eure Note, sondern an ihre Freiheit, meine Vogel, 
und ich weift schon, weshalb ich euch Hebe. Ich weift auch, weshalb ich 
euch nicht kannte, als ich selbst noch frei war. Denn damals war ich, 
obwohl einbeinig, dumm und alt, selbst wie ihr und ahnte nicht, daft 
tausend Gefangnisse auf mich warten, lauernd in den verschiedenen 
Teilen des Landes. Seht! ich mochte euch von meinem Brot geben, 
aber die Ordnung verbietet es. So nennen die Menschen den Kerker. 
Wiftt ihr, was Ordnung ist, kleine Vogel? 

Die Nacht heftete sich an den Tag und zerrann wieder im siegreichen 
Grau des Morgens. Andreas horte auf, die Tage zu zahlen. Jahre trenn- 
ten ihn von seinem friiheren Leben. Jahre trennten ihn von der kom- 
menden Freiheit. Und obwohl er sich nach ihr sehnte, tat es ihm doch 
wohl, zu glauben, daft er niemals seine Sehnsucht erfiillt sehen wiirde. 
Er tauchte in seinen Schmerz tief hinab und beweinte sich wie einen 
teuren Toten. Er liebte seine Qualen wie treue Feinde. Er haftte seine 
verlebten Jahre wie verraterische Freunde. 
Eines Tages wurde er entlassen. 

Obwohl er dem Direktor der Anstalt bescheiden und demiitig dankte 
und seine Hand in dessen dargebotene legte, fuhlte er doch noch spater 
stundenlang den Druck der machtigen Direktorshand wie eine feindli- 
che Macht und wie den Willen des Staates und der Behorden, ihr Op- 
fer nicht wieder freizulassen. Andreas faftte einen tiefen Argwohn ge- 
gen das Gesetz und seine Vertreter, und schon begann er, sich vor dem 



DIE REBELLION 317 

neuen Verfahren zu fiirchten. Hatte man ihn nicht zum erstenmal un- 
gerecht behandelt? Wiirde man ihn nicht noch einmal einsperren? Er 
wollte am liebsten fliehen. Die ganze Unermeftlichkeit der Welt war 
plotzlich vor ihm aufgetan, er sah Amerika, Australien und die frem- 
den Gestade der Erde, und als ware seine neugewonnene Freiheit noch 
ein Kerker, so empfand er das Land, in dem er lebte und in dem ihm 
Leid angetan war, als einen Gefangnishof, in dem er provisorisch frei 
spazieren durfte, um wieder in die Zelle zuriickzukehren. 
Indessen begab er sich zur Vorortbahn und loste, in einem kindischen 
Trotz, eine Karte zweiter Klasse. So saft er zum erstenmal auf griinen 
Polstern, breit in eine Ecke am Fenster gelehnt und den Ellenbogen 
stutzend auf weiches, schwellendes Leder, und freute sich, daft er hier 
saft, wo nicht sein Platz war, daft er ein Unrecht beging und daft er sich 
anmaftte, was ihm nicht zukam. Er rebellierte gegen die ungeschriebe- 
nen und dennoch heiligen Gesetze der irdischen und der Bahnord- 
nung, und sein trotziger Blick verriet den stillen und gutgekleideten 
Passagieren, daft er ein Rebell war. Sie nickten zur Seite, und Andreas 
freute sich. Er stand auf, es fiel ihm ein, daft er samtliche Einrichtungen 
der zweiten Klasse sehen und genieften miisse, und er machte sich auf 
die Suche nach der Toilette im Korridor des Wagens. Sie war ver- 
schlossen. Er rief den Schaffner, der zufrieden in seinem Dienstabteil 
schlummerte, und er befahl mit der Stimme eines aufgeregten Herrn 
dem Beamten, das Klosett zu offnen. Der Schaffner fand sogar ein 
Wort der Entschuldigung. 

Andreas trat ein und prallte sofort zuriick. Aus dem schmalen Spiegel 
gegeniiber der Tiir blickte ihm ein weiftbartiger Greis entgegen, mit 
einem gelben Gesicht und unzahligen Runzeln. Dieser Greis erinnerte 
an einen bosen Zauberer aus den Marchen, der Ehrfurcht und Furcht 
erweckt und dessen weifter Groftvaterbart wie das Abzeichen einer 
verraterischen Liebe ist, einer heuchlerischen Giite und einer falschen 
Ehrlichkeit. Andreas glaubte, sich an die Farbe seiner Augen zu erin- 
nern: Waren sie nicht einmal blau gewesen? Jetzt schillerten sie in 
griinlicher Bosheit. Anderte sich auch die Farbe der Augen in der Luft 
der Zelle? 

Weshalb sollten die Augen bleiben, wie sie gewesen, wenn das braune 
Haar in kurzen Wochen weift geworden war? In kurzen Wochen? Be- 
wies ihm nicht gerade diese ehrwiirdige Haarfarbe, daft er lange Jahre 
in der Zelle zugebracht hatte? 



318 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Jetzt war er ein Greis, unfahig, ein neues Leben zu beginnen, und dem 
Tode nah. Nun, er wollte sich nicht fiirchten. Er wollte freiwillig wie- 
der ins Gefangnis zuriickkehren und sterben. Sein Leben war nur noch 
kurz. 

Er kehrte an seinen Platz zuriick. Die Leute riickten auseinander. Es 
schien, dafi sie sich liber ihn unterhalten hatten; so plotzlich und un- 
wahrscheinlich war ihr Schweigen. Andreas sah zum Fenster hinaus 
wie einer, der seinem Tod entgegenfahrt und Abschied nimmt von den 
bunten Bildern der Erde. Ein bifichen traurig war Andreas. Er sah 
selbst die hafilichen Bretterzaune und die Reklamebilder mit dem 
Schmerz eines Abschieds fur ewige Zeiten. 

Und dennoch erwachte eine neue Hoffnung in seiner Seele, als er den 
Bahnhof verliefi. Er sah wieder den freudigen Wirbel der lebendigen, 
grofien Stadt. Er sah iiber dem Gewirr der Wagen und Pferde und 
Menschen die neue Sonne des kommenden Fnihlings. Und obwohl er 
ein weifihaariger Kriippel war, gab er seinen Trotz nicht auf. Todge- 
weiht, blieb er am Leben, um zu rebellieren: gegen die Welt, die Be- 
horden, gegen die Regierung und gegen Gott. 



XVII 

Willi schlief nicht, obwohl es Mittagszeit war und die Stunde des be- 
sten und tiefsten Schlafs. Andreas brauchte nicht an die Tur zu klop- 
fen. Willi hatte das Aufschlagen der Kriicke im Hausflur gehort. Er 
offnete und erschrak vor dem weifien Haar. 

Aber mit der frechen Heiterkeit, die ihm eigen war und die Andreas 
freundlich entgegenschlug wie ein gutgemeinter, freundschaftlicher 
Stofi vor die Brust, fand Willi ein wohltatiges und lautes Scherzwort. 
Er traktierte Andreas mit Wurst und Witzen. Er holte eine grofle 
Schere, band ein Handtuch um Andreas und begann mit den Be- 
wegungen eines Barbiers, den weiften Bart zu stutzen. Er machte ihn 
viereckig und ehrwurdig. Andreas sah sich im Spiegel und empfand 
Ehrfurcht vor seinem eigenen Angesicht. »Du siehst aus wie ein Wai- 
senvater!« sagte Willi. 

Hierauf begann Willi sich anzuziehen. Sehr erstaunt sah Andreas einen 
hellkarierten Anzug aus dem Dunkel des Kleiderkastens ans Licht 
kommen; einen hellbraunen, steifen Hut mit einem breiten, gerippten 



DIE REBELLION 319 

Seidenband und eine seidene, sonnengelbe Krawatte. Bald stand Willi 
da wie ein Modell aus einer Schneiderzeitung. Seine iibermaftig groften 
Hande steckten in braunen Lederhandschuhen, deren Nahte leise 
krachten. Unter dem Arm hielt er ein schlankes, bewegliches, gelbes 
Baumbusstockchen mit einem goldenen Knopf. Dann sagte Willi: 
»Leb wohl! Ich geh' jetzt kontrollieren ! Schlaf dich aus indessen! Nur 
keine Sorge!« Er griifite mit dem Hut und schlofl die Tiir ab. Dann 
ging er »kontrollieren«. 

In den funf Wochen hatte sich namlich eine grofie Anderung in Willis 
Leben vollzogen. Manchmal geschieht es, dafi uns plotzlich die Lust 
packt, tatig zu sein und Geld zu verdienen, auch wenn wir von Natur 
den Mufiiggang lieben. Sei es, dafi der Fruhling den neuen Tatendrang 
in uns weckt oder daf$ unsere Natur, der Faulheit mude, nach Ab- 
wechslung verlangt, ohne jede Rucksicht auf die Wandlung der Jahres- 
zeiten - eines Tages treibt uns ein Zufall aus unserer Gleichgiiltigkeit, 
wir betreten die Strafie, wir kehren in die Welt.zuriick, um uns in ihr 
zu tummeln, mit aufgeweckten, frischen und ausgeruhten Sinnen. 
Ein Zufall ruttelte Willi auf. Er hatte immer Unternehmungsgeist be- 
sessen. Er war sich seiner Gaben bewufit. Er hatte schon oft daran 
gedacht, die Konjunktur dieser Zeit auszuniitzen. Er sah, wie junge 
Leute mit stumpfen Hirnen und nur mit dem Willen, Geld zu verdie- 
nen, eine gleichgiiltige Sache anfingen, einen Handel mit Streichhol- 
zern oder Toiletteseife zum Beispiel, und wie sie es zu einem Vermo- 
gen brachten. Er hatte es nicht notig, sich wegen seiner alten Siinden 
vor der Polizei ewig verborgen zu halten. Er besafi die Fahigkeit, Passe 
zu falschen, und er sah langst nicht mehr so aus wie vor vier Jahren, als 
er in der Basteistrafie eingebrochen war. Heute klebte iibrigens sein 
Bild nicht mehr an den Litfafisaulen der Stadt. Er brauchte nichts mehr 
zu fiirchten. 

Diese Gedanken kamen ihm in einer Nacht, als Klara heimkehrte und 
ihm erzahlte, der Alte aus der Herrentoilette des Cafes Excelsior ware 
gestorben. Klara schlug ihm schiichtern vor, vielleicht vorlaufig, fur 
einige Wochen nur, in der Herrentoilette den Dienst zu ubernehmen. 
Das lehnte Willi ab. Der Fruhling kam. Die Rennsaison begann. Da 
gab es viel zu verdienen. Im Fruhling setzte sich ein Mann von seinen 
Fahigkeiten nicht freiwillig in die Scheiftbude. 
Aber ein Einfall erleuchtete ihn plotzlich. 
Drei Tage blieb Willi unterwegs. Zuerst besorgte er sich in einem La- 



320 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

den, in dem eine schwerhorige Witwe Kaffeebohnen und Malz ver- 
kaufte, Betriebskapital. Das verursachte weiter keine Miihe. Er trat 
ein, neigte sich iiber den Ladentisch, gab sich verliebt, bediente auch 
ein paar Kunden, ohne dafi ihn die Witwe dazu aufgefordert hatte. 
Dann half er ihr den Laden schliefien, knipste das Licht aus und ne- 
stelte mit der Linken an dem Rock der Frau, wahrend er mit der Rech- 
ten die Schubladen offnete. Dann begab er sich in die grofien Kaffee- 
hauser der Stadt, sprach mit den Wirten und Direktoren und entdeckte 
iiberall Mifistande: Die Toiletten waren nicht gut oder iiberhaupt nicht 
verwaltet, er war entsetzt iiber eine solch gefahrliche Vernachlassigung 
der Hygiene und versprach, sich der Sache anzunehmen. Am nachsten 
Morgen klaubte er Invaliden und Nichtstuer von den Strafien auf und 
wahlte unter ihnen die zuverlassigsten mit kundigem Blick und uner- 
bittlicher Strenge. Da er nur wenig geeignetes Material fand, scheute er 
den weiten Weg zum Altersversorgungsheim auch nicht. Dort lebten 
die anstandigsten Greise und Greisinnen. Er schrieb Zettel aus, gab 
jedem ein geringes Angeld, lief in die Toilette geschafte, bestellte Sei- 
fen, Nagelfeiien, Zahnpulver, Schwamme und Bursten fur die grofien 
Kaffeehauser und entdeckte, als er drauflen war, daE er, fast ohne es zu 
wissen, ein paar Flaschen Kolnisch Wasser mitgenommen hatte. Diese 
brachte er zuerst in Sicherheit und nach Hause und stellte sie in Pyra- 
midenform auf dem Brett iiber seinem Lager auf. Dann teilte er den 
Kaffeehausverwaltungen mit, daft er die Organisation samtlicher 
Garderoben, Herren- und Damen toiletten « ubernommen habe. Und 
nach drei Tagen sammelte er seine ersten Einkunfte. In jedem Kaffee- 
haus safien seine Leute. Hatte er die Toiletten schon besetzt gefunden, 
so errichtete er Garderoben. Er ging in seinem hellkarierten Anzug zur 
Behorde, fuchtelte mit dem Stockchen, lud Wachtmeister zu einem 
Glas Bier und liefi Schnaps folgen und bekam eine Konzession auf den 
schonen Namen: Wilhelm Klinckowstrom, der eigentlich einem gefal- 
lenen Soldaten gehorte, dessen Militarpapiere sich Willi gesichert 
hatte. Von nun an hiefi er: Herr Klinckowstrom, und manchmal setzte 
er noch ein bescheidenes »von« vor diesen ohnehin sehr anmutigen 
und noblen Namen. Er mietete ein »herrschaftlich mobliertes Zim- 
mer« im vornehmsten Viertel der Stadt, kaufte eine Schreibmaschine, 
und Klara wurde seine »Sekretarin«. Sie kam jeden Tag aus ihrer alten 
Wohnung in die neue und lernte miihsam maschineschreiben. Willi 
diktierte gleichgiiltige Briefe mit erhobener Stimme und schrie von 



DIE REBELLION 32I 

Zeit zu Zeit. Seine Wirtin bezahlte er piinktlich, dafiir verlangte er 
aufierste Sauberkeit unter der Devise: Ordnung mufi sein. Klara gab 
ihre Stellung und ihren nachtlichen Beruf auf. Willi erwies sich als ein 
treuer und sorgfaltiger Kavalier. Sie wollten im Mai heiraten. Willi 
kaufte Kleider, Sommerhiite, Goldkaferschuhe und seidene Striimpfe, 
Pyjamas und Busenhalter aus den feinsten Geweben. In jedem »seiner« 
Lokale war Willi ein gerngesehener und freigebig bedienter Stammgast. 
Er war sehr niitzlich. Mit der Polizei wufite er zu reden, Musikanten 
und Kapellmeister billig zu verschaffen. Nachdem ihm eines Tages der 
Gedanke gekommen war, nach Sudamerika auszuwandern, begann er, 
uberall zu erzahlen, dafi er funfzehn Jahre in Brasilien gewesen sei. Er 
schilderte haarklein das Leben in Brasilien und make das Land so wun- 
derbar, daft er immer starkere Sehnsucht verspiirte auszuwandern. Die- 
sen Plan teilte er Klara mit. Sie war seit einigen Wochen sehr gliicklich 
und mit allem einverstanden. Sie entsann sich sogar einer alten Tante 
und machte ihr einen Besuch mit Willi, den sie als ihren Gemahl, Herrn 
Klinckowstrom, vorstellte. Die Tante bekam regelmafiige, kleine Un- 
terstiitzungen. Die Geschafte florierten. Willi kaufte Puppen aus Stoff 
und Seide fur die Damentoiletten. Sie fanden guten Absatz. Man beob- 
achtete, daft seit kurzer Zeit alle Frauen, gesetzten und jiingeren Alters, 
aus den Toiletten mit grofien Puppen zuriickkehrten. Es gab viel zu tun. 
Gelegentlich starb ein Greis, der, mitten aus seiner tragen Altersstille 
herausgeholt, das gerauschvolle Nachtleben nicht vertrug. Ersatz 
muftte man schaffen. Einige waren unehrlich. Willi iibergab sie der 
Polizei und kannte kein Mitleid. Ordnung muftte sein. 
So wunderbar hatte das Schicksal Willis Leben verandert. Er wurde ein 
wohlhabender Mann. Nur sehr selten stahl er noch, um seine Ge- 
schicklichkeit zu erproben. Meist kaufte er, ohne lange zu uberlegen, 
»das Beste an Qualitat«. Er liebte Sudfruchte. Er rauchte Brasilzigar- 
ren. Aus alter Gewohnheit trug er noch seinen Schlagring in der Ta- 
sche, mit dem er viele Abenteuer gemeinsam bestanden hatte. Er war 
sehr sorgfaltig rasiert und gewann mit der Zeit Vergniigen an gutge- 
schnittenen und dunklen Anziigen von sanfter und vornehmer Unauf- 
falligkeit. Der teuerste Schneider nahte fur ihn. Manchmal trug Willi 
auch ein Monokel und, wenn er schrieb, eine braungefafke Hornbrille, 
die seinem Angesicht den Ausdruck unleugbarer Intelligenz verlieh. 
Weil ihm die Brille gefiel, schrieb er oft in Kaffeehausern iiberfliissige 
Briefe und Rechnungen. Schliefilich kam er auf die Idee, Artikel fur 



322 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Zeitungen zu schreiben. Er schrieb »Erlebnisse in Verbrecherkreisen«, 
die den Stempel der Aufrichtigkeit und der Sachkenntnis trugen und 
deren stilistische Unvollkommenheit in den Redaktionen korrigiert 
wurde. Willi besuchte die Redakteure. Als ein alter Brasilianer und 
Allerweltskerl brauchte er keinen fehlerlosen Stil zu schreiben. Das 
war ohne weiteres verstandlich. 

Willi beschloft, Andreas im Cafe Halali einzustellen. Dieses Lokal war 
gerade dabei, seiner ursprunglichen Bestimmung untreu zu werden 
und das Geschaft auf eine neue Basis zu stellen. Friiher war es ein 
Stammlokal der alten Jager von Beruf und Jagdliebhaber gewesen. Jetzt 
fiihne Willi eine Salonkapelle ein. Die alten Jager wanderten allmah- 
lich in die ewigen Jagdgriinde ab. Eine neue Kundschaft, junge Leute 
und frisch geschminkte Madchen, begann, der Alten Platze einzuneh- 
men. Der Inhaber liefi eine Wand durchstofien und machte aus zwei 
sullen Zimmern ein lautes. Willi kam auf die Idee, eine Estrade in hal- 
ber Wandhohe fur die Musik einzurichten. Dazu bedurfte es einer Ge- 
nehmigung der Baupolizei. Baupolizei? Es war fur Willi eine Kleinig- 
keit. Er bekam die Erlaubnis, einen ganzen Balkon zu bauen. Auch das 
Geld verschaffte er zu guten Zinsen, er verdiente Provision von beiden 
Seiten. Fur die Garderobe gewann er eine altere Dame aus einer stadti- 
schen Bediirfnisanstalt, die bereits fiinf Jahre ihrem traurigen Beruf 
oblag und gerade in jenes Alter gekommen war, in dem die weibliche 
Seele einen spaten Friihling feiert und nach Abwechslung verlangt. 
Nun fehlte nur noch ein Greis fur die Herrentoilette. Andreas Pum 
besafi, nach Willis Ansicht, fur diesen Beruf hervorragende Qualitaten. 
Am Abend holte Willi Andreas in die neue Wohnung. Er lieft den 
Alten schworen, daft er nie etwas von der Vergangenheit verraten 
wurde. Willi war von diesem Tage an als Herr von Klinckowstrom 
anzusprechen. Andreas staunte iiber diese grofiartigen Veranderungen. 
Erschuttert von der neuen Herrlichkeit, begann er, fast zu glauben, 
daft Willi ein wirklicher Herr von Klinckowstrom war. So nannte er 
ihn bei diesem Namen, von dessen Glanz auch etwas auf denjenigen 
fiel, der ihn aussprach. Zu Klara sagte er: gnadige Frau Klinckow- 
strom. Willi leitete die geschaftliche Diskussion ein. »Wo ist deine 
neue Uniform?« fragte er. »Zu Hause, bei - ihr«, sagte Andreas. »Hol 
sie!« befahl Willi. Aber Andreas hatte Furcht. Also beschloft Willi, auf 
der Stelle zu Frau Katharina im Auto zu fahren. 
Der Unterinspektor Vinzenz Topp offnete. Daraus schlofi Willi, daft 



DIE REBELLION }2} 

Andreas eigentlich diesem jungen Mann sein ganzes Ungluck zu ver- 
danken hatte. Er stellte sich als Herr von Klinckowstrom vor und be- 
merkte freudig, daft ein kurzes Zucken durch die sehnige Gestalt des 
Unterwachtmeisters lief und daft seine Brust sich leise wolbte. Hierauf 
forderte er die Kleider fur Andreas und »iiberhaupt dessen Besitz«. Es 
stellte sich heraus, daft Katharina den Leierkasten langst verkauft hatte. 
Die neue Uniform war noch vorhanden. Willi drohte mit einer An- 
zeige wegen des verkauften Leierkastens und erreichte, daft man ihm 
die Uniform sofort ubergab. Er pfiff, und der Chauffeur, mit dem er 
dieses Zeichen verabredet hatte, kam. Willi uberreichte ihm den An- 
zug, sagte drohend »Guten Abend« und ging. Der Unterinspektor war 
gewifi, soeben den Besuch eines grofien Mannes erhalten zu haben. 
Die Uniform allein geniigte noch nicht. Andreas erzahlte, daft er sein 
Kreuz nicht mehr besitze. Willi behauptete, ohne Orden konne man 
keinen Dienst in der Toilette versehen. Er kannte die geheimen Zu- 
sammenhange zwischen Bedurfnisanstalten und Patriotismus und 
wuftte die ornamentale Wirkung eines dekorierten Invaliden im Klo- 
sett zu schatzen. Am nachsten Morgen kaufte er in einem Ordenladen 
fiinf Auszeichnungen, darunter einen Stern aus Gold und Silberflitter 
an blauroten, rotweifi gestreiften und knallroten Bandern. Das muftte 
Andreas an die Brust nahen. 

Zwei Tage spater trat er seinen Dienst in der Toilette des Cafes Halali 
an. 



XVIII 

Zwischen blanken Kachelwanden und wandhohen Spiegeln, neben 
einer blauen Personenwaage saft Andreas Pum. Von den Wasserhah- 
nen uber den drei Porzellanbecken tropfte es in regeimaftigen Abstan- 
den, das plinkende Gerausch unterbrach die weifie, unendlich saubere 
Stille, und es war, als fielen Tropfen der Zeit in den Raum der Ewig- 
keit. Auf einem Tischchen lagen Handtlicher, flachgebugelt, iiberein- 
andergeschichtet, und Seifenwiirfel bildeten eine kunstvolle, sehr hohe 
und dennoch sichergegriindete Pyramide. In einem glasernen Wandka- 
sten sah man Parfumflaschen, Wiirfelspiele, Trendel aus Messing und 
Stahl, ein Dominospiel fur die Tasche und kleine Zauberspielkarten. 
Das alles bekam Willi »in Kommission«. Andreas verkaufte es. Um die 



324 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Toilette« interessanter zu machen, hatte der Cafetier einen Papagei 
angeschafft. Er hiefi Ignatz und besafi einen griinen Riicken, der violett 
schimmerte, eine rotliche Miitze und eine weifie Halskrause. Der Pa- 
pagei sagte »Guten Tag« und »Guten Abend«, sooft ein Herr die Toi- 
lette betrat. In den Pausen, besonders an Nachmittagen, wenn keine 
Gaste kamen, unterhielt sich Andreas mit dem intelligenten Vogel. Sie 
hatten sich allerhand anzuvertrauen, Andreas und Ignatz. Der Papagei 
safi im Kafig, dessen Tiir offenstand, aber es fiel ihm nicht ein, etwa 
weitere Ausfluge zu unternehmen als bis zum Wandkasten, der oben 
in der Mine einen dreieckigen Giebel hatte. 

Auf der Spitze safi der Papagei oft und rieb mit einer Kralle kunstvoll 
seinen Schnabel. 

Andreas dachte an die Zeit, in der er sich zu seinem Leierkasten einen 
solchen Vogel gewiinscht hatte. Er stellte fest, dafi viele Wiinsche spat 
in Erfullung gehen, wenn der Mensch bereits alt und fast wunschlos 
geworden ist. Dieser Papagei war sehr musikalisch. Wenn die Musik- 
kapelle im Cafe spielte, begann Ignatz zu pfeifen. Es gab Melodien, 
die er besonders liebte, und andere, die ihn aufregten. Erklang eine, 
die ihm unsympathisch war, so straubte sich sein Gefieder, es 
bauschte sich sein rotes Samtkappchen, und er begann, mit den Flii- 
geln so wild um sich zu schlagen, dafi seine bunten Federn flogen und 
die Seifenpyramide leise zitterte. Das ereignete sich bei den Klangen 
der Nationalhymne in einem ganz erstaunlichen Mafie und bei eini- 
gen kriegerischen Marschen. Es schien, dafi Ignatz ein Pazifist war 
und unpatriotisch bis zu einem straflichen Grade. Dariiber freute 
sich Andreas im stillen. Denn auch er liebte die patriotische Musik 
nicht mehr, und er dachte mit bitterem Hohn an jene Zeit zuriick, 
in der er selbst noch durch seinen Leierkasten diese Melodien ver- 
breitet hatte. 

Ja, ja, Ignatz, wir sind Rebellen, wir beide. Leider kann es uns nichts 
niitzen. Denn ich bin ein alter Khippel, und du bist ein ohnmachtiger 
Vogel, und wir konnen die Welt nicht andern. Wenn ich dir erzahlen 
wolhe, wieviel ich im Leben gelitten, was ich im Krieg durchgemacht 
habe und im Gefangnis, wie mir in der Zelle die Augen aufzugehen 
begannen und wie ich endlich entschlossen war, ein kraftiger, tatiger 
Heide zu werden, bis ich im Spiegel des Vorortzuges einsehen muftte, 
dafi ich zu alt geworden war! Alle meine Freunde leben noch und sind 
kraftig und jung. Ich aber bin dem Tode verf alien, und wenn du mit 



DIE REBELLION 325 

deinen Fliigeln so wild um dich schlagst, so glaube ich schon, sein 
Rauschen hinter meinem Riicken zu horen. 

Der Papagei sah versonnen und traumerisch und vollkommen ruhig 
Andreas an. Dann begann er zu pfeifen, als wollte er den alten Mann 
erheitern. Er pfiff ganz willkiirlich, nach eigenen Tongesetzen, als 
wiirfe er die Sprossen der Tonleiter durcheinander, und besonders 
schrille Laute wiederholte er schnell und ohne Pause. Dann sprang er 
mit einem leisen Schrei Andreas auf die Schulter und bat um Zucker, 
den Andreas in viele kleine Stuckchen teilte. 

Es ging abwarts mit Andreas. Er sah aus wie ein Siebzigjahriger. Sein 
weifier Bart reichte knapp bis zu den bunten Ordensbandern auf seiner 
Brust, die ihm das Ansehen eines alten Schlachtenlenkers verliehen. 
WeiEes Moos wucherte in seinen Ohren. Er hustete laut und trocken 
und war nach jedem Hustenanfall matt wie ein fieberkrankes Kind und 
einer Ohnmacht nahe. Er mufite ein paar Minuten sitzen, und um ihn 
kreisten die Spiegel, die blanken Kacheln und die Lichter, zuerst 
schnell, dann immer langsamer, bis sie endlich an ihrem gewohnten 
Ort stehenblieben. Diese seltsamen Bewegungen erinnerten Andreas 
an die letzten Drehungen eines Karussells, das aus den verschiitteten 
Tagen seiner Kindheit auftauchte. Dazu kam die Musik aus dem Cafe, 
gedampft, wie aus einem Jenseits und nur anschwellend, sooft ein Gast 
die Tur offnete. Sehr oft schlief Andreas ein. Er traumte viel und sehr 
deutlich, und alle Bilder des Traumes behielt er scharf im Gedachtnis, 
wenn er erwachte. Er wufke bald nicht mehr zu unterscheiden zwi- 
schen Wachheit und Traum, und er nahm getraumte Bilder fur wirkli- 
che Ereignisse und diese fur Traume. Er sah die Gesichter seiner Gaste 
gar nicht, er putzte ihre Kleider, reichte ihnen Seifen, Biirsten und 
Handtiicher und horte nicht, wenn sie ihm etwas sagten, dankte nicht 
fur ihre Trinkgelder und zahlte nicht seine Einnahmen. Er verkaufte 
auch nicht viel von Willis Waren, er pries nichts an, er »interessierte« 
nicht, wie Willi sagte, wenn er »kontrollieren« kam. Nur der alten 
Freundschaft hatte er es zu verdanken, daft er auf sein em Posten blei- 
ben durfte. 

Das schmale Fenster der Toilette ging in einen Hof, in dessen Mine ein 
Kastanienbaum stand und der Andreas an die Hofe erinnerte, in denen 
er musiziert hatte. Jetzt wurden die Knospen immer grower, sie wuch- 
sen zusehends, wurden fett und knallig, die Vogel hingen in den Zwei- 
gen, paarten sich und stritten. Andreas streute ihnen Krumen und sah 



326 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

in den Friihling hinaus, der verborgen, kummerlich und dennoch reich 
so viel Pracht entfaltete, als es die Bedingungen des gepflasterten Hofes 
zuliefien und die Sonnenstrahlen, die nur am Nachmittag hierherka- 
men. Wenn ein Gast eintraf, mufke Andreas aus Griinden des Anstan- 
des das Fenster schliefien, denn gegemiber waren Kiichenfenster und 
weibliches Hauspersonal, das neugierig hiniiberzusehen schien. 
Die Stelle am Knie schmerzte, die Polsterung der Kriicke hatte langst 
erneuert werden miissen. Auch der Riicken tat aus unerklarlichen 
Griinden weh, die Feuchtigkeit verstarkte alte rheumatische Schmer- 
zen, Gichtknoten bildeten sich an den Fingern, und ein driickendes 
Weh lastete auf der Brust, das Herz schien sekundenlang stillzustehen, 
und Andreas glaubte, er ware bereits tot. Dann erwachte er, erschrak, 
dafi er noch lebte, und glaubte bald wieder, er ware nicht mehr auf 
Erden. Erst ein neuer Schmerz bewies ihm, dafi er noch ein Lebender 
war. Er wufite namlich, dafi Verstorbene keine Schmerzen kannten, 
weil sie keinen Leib hatten, sondern nur aus Seelenstoff bestanden. 
Uber derlei Fragen griibelte er lange, einsame Stunden, er suchte eine 
Erklarung fur die sichtliche Ungerechtigkeit Gottes und seine Irrtii- 
mer, er dachte uber die Moglichkeit einer Wiedergeburt und begann, 
verschiedene Wiinsche zu aufiern, als stiinde er vor dem Ewigen und 
der Wahl, in welcher Gestalt er wieder ins Leben zunickkehren wolle. 
Er entschied sich fur die Existenz eines Revolutionars, der kuhne Re- 
den ftihrt und mit Mord und Brand das Land iiberzieht, um die ver- 
letzte Gerechtigkeit zu su'hnen. Von derlei Dingen las er in den Zeitun- 
gen, die er vom Cafe bekam. Sie waren meist schon zwei Tage alt, und 
er erfuhr alle Neuigkeiten, die nicht mehr wahr sein konnten, ehe er 
die Zeitungen in Rechtecke zerschnitt und sie in gleichmaUigen Pack- 
chen an die Nagel hing. Denn Willi hatte ihm eingescharft, das teure 
Klosettpapier zu sparen. 

Spat in der Nacht kehrte er heim. Jetzt bewohnte er allein das alte 
Zimmer Willis, aber er blieb nicht gerne ohne Gesellschaft zu Hause. 
So bat er um die Erlaubnis, seinen Papagei aus dem Cafe mitnehmen 
zu durfen. Er trug den Vogel im Kafig, uber den er warme Decken 
stiilpte, wenn es regnete und die Nachte kiihl waren. Der Papagei 
schlief unterwegs und erwachte erst im Zimmer, wenn er Licht durch 
die dicken Hiillen verspiirte. Dann sprach er ein paar Worte, wie ein 
Mensch im Schlaf oder im Halbschlummer zu sprechen pflegt, und 
Andreas besanftigte ihn mit guter, liebevoller Rede. 



DIE REBELLION 327 

Einmal sah Andreas Einbrecher in der Nacht, aber er sagte nichts dem 
Polizisten, den er an der nachsten Ecke traf. Die Einbrecher arbeiteten 
an der Tur eines Ladens. Andreas freute sich im stillen. Es schien ihm, 
daft die Einbrecher den geheimen Zweck haben, die Gerechtigkeit in 
der Welt auf eine gewaltsame Weise wiederherzustellen. Las er in der 
Zeitung von Mord und Einbruch und Diebstahl, so freute er sich. Die 
Verbrecher, die »Heiden«, waren seine stillen Freunde geworden. Sie 
wuftten es nicht. Er aber war ihr Freund, ihr Gonner. Manchmal 
traumte er, ein verfolgter Verbrecher fluchte sich zu ihm in die Toi- 
lette. Dann half er ihm freudig durchs Fenster in den Hof und in die 
Freiheit. 

Indessen wurden die Apriltage warm, regenschwanger und wie siifte 
Versprechungen. In den Nachten fiihlte Andreas einen fernen Duft mit 
dem Winde daherkommen, seine Glieder wurden mehr mude als sonst. 
Er verlor das Interesse fiir viele Dinge. Sogar die Wiederaufnahme sei- 
nes Verfahrens bekummerte ihn nicht mehr. Er war alt, er war alter, als 
er selbst wuftte. Schon ragte er hiniiber ins andere Leben, wahrend er 
noch die Pflastersteine dieser Erde trat. Seine Seele traumte sich ins 
Jenseits, wo sie heimisch war. Fremd kehrte sie in den Tag zuriick. 
Seine Schmerzen verstarkten sich, sein Husten wurde noch trockener, 
die Anfalle dauerten langer. Er vergaft heute, was gestern geschehen 
war. Er sprach mit sich selbst. Er vergaft manchmal den Papagei und 
schrak auf, wenn dessen Stimme unvermutet krachzte. Der Tod warf 
einen grofien, blauen Schatten liber Andreas. 

Da kam eines Tages eine gerichtliche Vorladung. Sie war genau wie die 
erste mit einem wiirdigen Amtssiegel versehen, ein weifter Adler erhob 
seine Schwingen auf blutrotem Grunde, und obwohl die Adresse von 
fluchtiger Hand geschrieben war und der Gerichte vielbeschaftigte Eile 
bewies, stromte das Schriftstiick doch jene Wiirde aus, welche den 
portofreien und amtlichen Briefen innewohnt. Andreas las. Er wurde 
noch einmal fiir zehn Uhr vormittags bestellt. 

Er erinnerte sich wieder an seine Leiden, er arbeitete an einer Rede, er 
bereitete sich zu einer groften Anklage vor. »Hoher Gerichtshof«, 
wollte er sagen. »Ich bin ein Opfer dieser Verhaltnisse, die Sie selbst 
geschaffen haben. Verurteilen Sie mich. Ich gestehe, daft ich ein Rebell 
bin. Ich bin alt, ich habe nicht lange mehr zu leben. Ich aber wiirde 
mich auch nicht fiirchten, selbst, wenn ich jung ware.« Noch viele 
tausend schone und mutige Worte fielen Andreas ein. Er saft auf sei- 



328 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

nem Stuhl neben der blauen Personenwaage und fliisterte vor sich hin. 
Ein Herr verlangte Seife, und er horte es nicht. Ignatz flatterte auf 
seine Schulter und bat um Zucker. Andreas fuhlte ihn nicht. 



XIX 



Von einer Turmuhr schiug die zehnte Vormittagsstunde. Eine zweite 
Uhr wiederholte die zehn Schlage. Mit langgezogenen, wehklagenden 
Tonen fiel eine dritte ein. Viele Tiirme, alle Tiirme der grofien Stadt 
warfen Glockenschlage hinunter auf die kupfernen Dacher. 
Andreas stand vor dem Richter. Die Vorladung hatte er soeben dem 
Gerichtsdiener iibergeben. Der trug sie mit weihevoller Gebarde zum 
Schreiber, er schritt auf den Zehenspitzen, um die andachtige Stelle des 
Gerichtssaals nicht durch den schweren Tritt seiner offenbar genagei- 
ten Stiefel zu unterbrechen, und dennoch war in seinem Gang etwas 
Gewichtiges wie in dem Parademarsch eines lautlosen Gespenstes. Der 
Schreiber war uralt und hatte eine schiefe Schulter. Auch kurzsichtig 
schien er zu sein. Denn seine Nase beriihrte fast den Tisch, auf dem er 
schrieb, und die Spitze seines Federhalters ragte diinn und drohend, 
wie ein geschliffener Speer, iiber den Rand seines Kopfes. Noch hatte 
die Verhandlung nicht begonnen, und dennoch lief die Feder mit 
schnellen, raschelnden Lauten iiber das Papier, als galte es, die Aussa- 
gen der Jahrhunderte abzuschreiben. 

Der Richter safi in der Mitte zwischen zwei blonden, wohlgenahrten 
Mannern mit blanken Glatzen. Andreas hatte gerne gewufit, was die 
beiden Manner dachten. Sie sahen aus wie Zwillinge und unterschieden 
sich lediglich dadurch, dafi der eine die Enden eines Schnurrbarts em- 
porgezwirbelt, der andere sie nach beiden Seiten, links und rechts, 
waagrecht ausgezogen hatte. Der Richter war bartlos. Er hatte ein un- 
bewegliches Antlitz voll steinerner Majestat wie ein toter Kaiser. Seine 
Gesichtsfarbe war grau wie verwitterter Sandstein. Seine grofien 
grauen Augen waren alt wie die Welt und schienen durch die Wande in 
feme Jahrtausende zu blicken. Nicht bogenformig gekrummt, wie bei 
anderen Menschen, sondern waagrecht, wie zwei lange schwarze Koh- 
lenstriche standen die Brauen am unteren Rande der scharfen, kantigen 
Stirn. Die diinnen Lippen waren fest geschlossen, breit und blutigrot. 
So hatte dieses Angesicht wohl den Eindruck einer herzlosen Unerbitt- 



DIE REBELLION 329 

lichkeit hervorgerufen, wenn in der Mine des mannlichen starken 
Rinns nicht eine versohnende, fast kindliche Mulde gewesen ware. Der 
Richter trug einen schwarzen Talar mit einem kleinen, noch schwarze- 
ren Samtkragen. 

Auf dem erhohten Tisch, zwischen zwei weifien und dicken, aber nicht 
gleich grofien Kerzen stand ein Kreuz, gelb und wuchtig, wie aus Wiir- 
feln aufgebaut. Es schien Andreas, dafi dieses Kreuz aus den Seifen- 
wiirfeln bestand, die ihm Willi zum Verkauf iibergeben hatte. Aber das 
war nur der Irrtum eines Augenblicks. Andreas sah ein, dafi ein Kreuz 
niemals aus Seife sein konne und dafi es sundhaft ware, so etwas zu 
den ken. 

Er war gespannt auf den Gang der Verhandlung. Manchmal ging die 
Tur auf. Dann sah Andreas auf einer Bank im Korridor seine Frau 
Katharina, die kleine Anni, den Herrn von der Plattform der Strafien- 
bahn und seltsamerweise auch den rotbackigen Handler, der den Esel 
gekauft hatte. Das waren die Zeugen. Wo aber blieben der Polizist und 
der Schaffner? 

Der Richter verlas den Namen: Andreas Pum, er murmelte die Daten, 
die Konfession, den Geburtsort, den Beruf. Dann erhob er seine 
Stimme, die tief und weich war, und sagte ein paar Worte, die wie in 
Samt gehullt waren. Andreas hatte nur den Klang der Stimme gehort 
und nicht, was der Richter sagte. Dennoch wufite er, dafi man ihn 
aufforderte zu erzahlen. 

Plotzlich entsann er sich, dafi er noch die bunten Orden an seiner 
Brust trug, die ihm Willi gekauft hatte. Er rifi sie schnell herunter und 
behielt sie in der Faust. Gleichzeitig bemerkte er, dafi die Wande des 
Gerichtssaales aus blafiblauen Kacheln bestanden, namlich denen der 
Toilette im Cafe Halali. Von der Decke, die unendlich hoch sein 
mufite, zu der er aber nicht emporzublicken wagte, wehte es kiihl und 
duftend wie im Sommer aus einem verdunkelten Friseurladen. 
Er hustete einmal kurz und begann zu sprechen. Er fing mit der Schil- 
derung der Szene auf der Plattform an. Aber der Richter streckte seine 
lange, schone Hand aus, die aus den weiten Armeln der Toga weifi und 
edel herauswuchs, und machte eine abwehrende Bewegung. Zugleich 
ertonte seine Stimme, weich und dunkel, obwohl er die Lippen gar 
nicht bewegte. Das schien Andreas sehr wunderbar. Er hatte einmal als 
Knabe einen Bauchredner gehort. Aber dessen Stimme hatte grolend 
geklungen. Aufierdem war ein Richter bestimmt kein Bauchredner. 



33° ROMANE UND ER2AHLUNGEN 

Wie aber war es dennoch moglich, dafi er mit geschlossenen Lippen 
klar und rein die Worte sprach: 
» Andreas, was hast du auf dem Herzen?« 

Andreas wunderte sich noch mehr liber das »Du«. Aber plotzlich fiel 
ihm ein, dafS er ja ein kleiner Junge war. Er trug kurze Hosen. Er hatte 
beide Beine und war barfufi. Seine Knie waren vom letzten Fall auf die 
Kieselsteine des Schotterhaufens am Flufiufer zerschunden, rot und 
brennend. 

Er dachte gerade uber diese seltsame Verwandlung nach, als Musik 
ertonte. Im ersten Augenblick erinnerte sie an den Leierkasten. Dann 
aber schwollen die Klange an, sie rauschten, fluteten, sanken wieder in 
sich zusammen, begannen zu flustern, entfernten sich und kehrten zu- 
nick. Viele Menschen waren im Saal. Sie knieten nieder. Die Kerzen zu 
beiden Seiten des Kreuzes brannten golden und verbreiteten einen 
Duft von Weihrauch und Stearin. 

Da begriff Andreas, dafi er tot war und vor dem himmlischen Richter. 
Auch war er kein Knabe mehr. Er allein stand im ganzen Saal unter 
tausend Knienden. Er trat einen Schritt vor und stiefl die Kriicke auf, 
aber sie verursachte kein Gerausch. Andreas merkte, dafi er auf wei- 
chen Wolken stand. Er erinnerte sich an die Rede, die er fur die irdi- 
sche Gerichtsverhandlung prapariert hatte. Ein starker Zorn wuchs in 
ihm, sein Angesicht flammte, und seine Seele gebar Worte, zornige, 
purpurne Worte, tausend, zehntausend, Millionen Worte. Nie hatte er 
sie gehort, gedacht oder gelesen. Tief in ihm hatten sie geschlafen, ge- 
bandigt von dem armseligen Verstand, verkummert unter der grausa- 
men Hiille des Lebens. Jetzt sprossen sie auf und fielen von ihm ab wie 
Bliiten von einem Baum. Im Hintergrund klang leise und in feierlicher 
Wehmut die Musik. Andreas horte sie zugleich mit dem Rauschen sei- 
ner eigenen Rede: 

Aus meiner frommen Demut bin ich erwacht zu rotem, rebellischem 
Trotz. Ich mochte Dich Ieugnen, Gott, wenn ich lebendig ware und 
nicht vor Dir stiinde. Da ich Dich aber mit meinen Augen sehe und mit 
meinen Ohren hore, muE ich Boseres tun als Dich Ieugnen: Ich mul! 
Dich schmahen! Millionen meinesgleichen zeugst Du in Deiner frucht- 
baren Sinnlosigkeit, sie wachsen auf, glaubig und geduckt, sie leiden 
Schlage in Deinem Namen, sie grufien Kaiser, Konige und Regierun- 
gen in Deinem Namen, sie lassen sich von Kugeln eiternde Wunden in 
die Leiber bohren und von dreikantigen Bajonetten in die Herzen ste- 



DIE REBELLION 33I 

chen, oder sie schleichen unter dem Joch Deiner arbeitsreichen Tage, 
sonntagliche, saure Feste umrahmen mit billigem Glanz ihre grausa- 
men Wochen, sie hungern und schweigen, Ihre Kinder verdorren, ihre 
Weiber werden falsch und haftlich, Gesetze wuchern wie tuckische 
Schlingpflanzen auf ihren Wegen, ihre Fufie verwickeln sich im Ge- 
striipp deiner Gebote, sie fallen und flehen zu Dir, und Du hebst sie 
nicht auf. Deine weifien Hande miifiten rot sein. Dein steinernes An- 
gesicht verzerrt, Dein gerader Leib gekrummt, wie die Leiber meiner 
Kameraden mit Ruckenmarkschiissen. Andere, die Du liebst und 
nahrst, diirfen uns zuchtigen und miissen Dich nicht einmal preisen. 
Ihnen erlafk Du Gebete und Opfer, Rechtschaffenheit und Demut, 
damk sie uns betriigen. Wir schleppen die Lasten ihres Reichtums und 
ihrer Korper, ihrer Siinden und ihrer Strafen, wir nehmen ihnen den 
Schmerz und die Siihne ab, ihre Schuld und ihre Verbrechen, wir mor- 
den uns selbst, sie brauchen es nur zu wiinschen; sie wollen Kriippel 
sehen, und wir gehen hin und verlieren unsere Beine aus den Gelen- 
ken; sie wollen Blinde sehen, und wir lassen uns blenden; sie wollen 
nicht gehort werden, also werden wir taub; sie allein wollen schmek- 
ken und riechen, und wir schleudern Granaten gegen unsere Nasen 
und Miinder; sie allein wollen essen, und wir mahlen das Mehl. Du 
aber bist vorhanden und riihrst Dich nicht? Gegen Dich rebelliere ich, 
nicht gegen jene. Du bist schuldig, nicht Deine Schergen. Hast Du 
Millionen Welten und weifk Dir keinen Rat? Wie ohnmachtig ist 
Deine Allmacht! Hast Du Milliarden Geschafte und irrst Dich in den 
einzelnen? Was bist Du fur ein Gott! Ist Deine Grausamkeit Weisheit, 
die wir nicht verstehen - wie mangelhaft hast Du uns geschaffen! Miis- 
sen wir leiden, weshalb leiden wir nicht alle gleich? Hast Du nicht 
genug Segen fur alle, so verteile ihn gerecht! Bin ich ein Sunder - ich 
wollte Gutes tun! Weshalb lieftest Du mich die kleinen Vogel nicht 
futtern? Nahrst Du sie selbst, dann nahrst Du sie schlecht. Ach, ich 
wollte, ich konnte Dich noch leugnen. Du aber bist da. Einzig, all- 
machtig, unerbittlich, die hochste Instanz, ewig - und es ist keine 
Hoffnung, dafi Dich Strafe trifft, daft Dich der Tod zu einer Wolke 
zerblast, daft Dein Herz erwacht. Ich will Deine Gnade nicht! Schick 
mich in die Holle. 

Die letzten Satze hatte Andreas nach einer unbekannten, fremden, 
wunderbaren Melodie gesungen. Immer noch klang die Musik wie ein 
Orchester aus tausend Seufzern. 



332 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Da hob der Richter die Hand, und seine Stimme tonte: »Willst Du ein 
Diener im Museum sein oder Wachter in einem griinen Park oder 
einen kleinen Tabakverschleifi an der Strafienecke haben?« 
»Ich will in die H6lle!« antwortete Andreas. 

Da war auf einmal Muli, der kleine Esel, neben Andreas und fiihrte 
den Leierkasten, aus dem Tone drangen, obwohl die Kurbel nicht be- 
wegt wurde. Der Papagei Ignatz stand auf Andreas' Schulter. Der 
Richter erhob sich, er wurde groft und grofler, sein graues Angesicht 
begann, weifi zu leuchten, seine roten Lippen offneten sich und lachel- 
ten. Andreas begann zu weinen. Er wufite nicht, ob er im Himmel 
oder in der Holle war. 

Man sperrte die Herrentoilette im Cafe Halali und liefi die Herren in 
die Damenabteilung ftir diesen Abend. Nachdem sich alle Gaste ent- 
fernt hatten, schaffte man die Leiche Andreas Pums weg. Sie kam nach 
einigen Tagen, weil gerade Leichenmangel war und obwohl sie nur ein 
Bein hatte, ins Anatomische Institut und erhielt, dank einem geheim- 
nisvollen Zufall, die Nummer 73, dieselbe, die der Haftling Andreas 
getragen hatte. Ehe man die Leiche in den Seziersaal trug, kam Willi, 
um Abschied zu nehmen. Er wollte gerade anfangen zu weinen. Da fiel 
ihm schnell das Lied ein, das er immer zu pfeifen pflegte. 
Und pfeifend ging er, einen Greis fur die Toilette suchen. 



APRIL 

Die Geschichte einer Liebe 
1925 

Die Aprilnacht, in der ich ankam, war wolkenschwer und regen- 
schwanger. Die silbernen Schattenrisse der Stadt strebten aus losem 
Nebel zart, kiihn, fast singend gegen den Himmel. Fein und diinnge- 
lenkig kletterte ein gotisches Turmchen in die Wolken. Die dottergelbe 
Scheibe der erleuchteten Rathausuhr hing wie an einem unsichtbaren 
Seil in der Luft. Um den Bahnhof roch es siift und trocken nach Stein- 
kohle, Jasmin und atmenden Wiesen. 

Die einzige Droschke der Stadt wartete, gleichgultig und bestaubt, vor 
dem Bahnhof. Die Stadt mufke klein sein. Sie besafi gewifi eine Kirche, 
ein Rathaus, einen Brunnen, einen Burgermeister, eine Droschke. Das 
Pferd war braun, breithufig, trug rotliche Zottelmanschetten iiber den 
Fuflgelenken und hatte keine Scheuklappen. Seine Augen glotzten 
grof? und wohlwollend auf den Platz. Wenn es wieherte, neigte es den 
Kopf seitwarts, wie ein Mensch, der sich zum Niesen anschickt. 
Ich stieg in die Droschke und uberholte auf der Landstrafie alle wak- 
kelnden Hutschachteln und schwankenden Koffer mit den daran han- 
genden Menschen. Ich horte, was die Leute einander sagten, und fuhlte 
die Armut ihrer Schicksale, die Kleinheit ihres Erlebens, die Enge und 
Gewichtlosigkeit ihrer Schmerzen. Uber die Felder zu beiden Seiten 
der Strafie ergoft sich Nebel wie geschmolzenes Blei und tauschte Meer 
und Grenzenlosigkeit vor. Deshalb waren die Hutschachteln, die 
Menschen, die Reden, die Droschke so gering und lacherlich. Ich 
glaubte wirklich an das Meer zu beiden Seiten und wunderte mich uber 
seine Stille. Es ist vielleicht gestorben, dachte ich. Der Schornstein 
einer Fabrik, der plotzlich neben einem weifien Hauserwinkel aufstieg, 
beangstigend trotz seiner Schlankheit, sah aus wie ein erloschener 
Leuchtturm. 

Zufallige Menschen lagerten am Wegrand: Vorhuten der Stadt. Sie wa- 
ren zutraulich und aufrichtig, ich konnte sehen, was in ihnen vorging: 
Eine Mutter wusch ihr Kind in einem Fafkimer. Das Gefafl trug einen 
blanken und grausamen Blechgurtel, und das Kind schrie. - Ein Mann 
safi in seinem Bett und liefi sich von einem Jungen einen Stiefel aus- 
ziehn. Der Junge hatte ein rotes, angestrengt-aufgedunsenes Gesicht, 
und der Stiefel war schmutzig. - Eine alte Frau kehrte mit einem Besen 



334 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

auf den Dielen der Stube herum, und ich ahnte ihre nachste Tatigkeit; 
sie wiirde jetzt das blau-rote Tischtuch zusammenraffen, zum Fenster 
oder zur Tur gehen und die Speisereste in den kleinen Garten schiitten. 
Ich hatte Mitleid mit dem Kind im Fafieimer, dem stiefelziehenden 
Jungen, den Speiseresten. Alte Frauen, die in der Nacht aufraumen, 
miissen schlecht sein. Meine Grofimutter, die wie ein Hund aussah, 
kehrte immer in der Nacht mit dem Besen auf den Dielen umher. Ich 
war sehr klein, hafke die Grofimutter und den Besen und liebte Papier- 
schnitzel, Zigarrenstummel und allerlei Abfalle. Ich rettete alles, was 
auf dem Fufiboden lag, vor dem Besen der Grofknutter in meine 
Taschen. Ich liebte besonders Strohhalme. Von alien Dingen waren 
sie am meisten lebendig. Manchmal, wenn es regnete, sah ich zum 
Fenster hinaus. Auf den Wellen einer der unzahligen Regenbachlein 
schwamm, tanzelte, drehte sich kokett und unbekummert ein Stroh* 
halmchen und ahnte nichts von dem Kanalschacht, dem es zutrieb, in 
dem es verschwinden wiirde. Ich rannte auf die Strafie, der Regen war 
schwer und wiitend, er peitschte mich, aber ich lief den Strohhalm 
retten und erreichte ihn knapp vor dem Kanalgitter. 
Viele Leute sah ich in der Nacht. In dieser Stadt gingen die Menschen 
vielleicht so spat schlafen, oder war es der April und die Erwartung, 
die in der Luft lag, dafi alles Lebende wach bleiben mufite? Alle, die 
mir entgegenkamen, hatten irgendeine Bedeutung. Sie trugen Schick- 
sale, waren selbst Schicksale; sie waren glucklich oder unglucklich, 
keineswegs gleichgultig und zufallig; oder sie waren zumindest be- 
trunken. In kleinen Stadten sind nachts keine zufalligen Menschen auf 
der Strafie. Nur Liebhaber oder Strafienmadchen oder Nachtwachter 
oder Wahnsinnige oder Dichter. Die Zufalligen und Gleichgultigen 
sind sicher zu Hause. 

In der Mitte des Marktplatzes stand der Griinder der Stadt, ein steiner- 
ner Bischof, als gabe er acht. So mittendrin ist er und so wichtig. Ich 
glaube, die Leute hielten ihn fur tot und erledigt. Sie gingen an ihm 
vorbei und grufiten nicht; sie hatten sich nicht gescheut, Geheimstes in 
seiner Nahe zu sagen oder auch ein Verbrechen zu begehen. Wozu 
hielten sie ihn iiberhaupt noch? 

Mir tat der Bischof leid, der sich gewifi so geplagt hatte, als er die Stadt 
griindete. Er trug einen verkniffenen Zug um den Mund und sah ganz 
so aus wie jemand, der die Undankbarkeit der Welt kennengelernt hat. 
Ich versprach ihm in jener Nacht, fleifiig in der Geschichte iiber ihn 



april 335 

nachzulesen. Aber ich kam me dazu. Denn auch in dieser kleinen Stadt 
hatten die lebenden Menschen Geschichten, die mir in den Weg liefen, 
mich umstellten und einspannten. Und iibrigens war es Frlihling, und 
ich mag in solcher Jahreszeit keine Bischofe und keine Griinder. 

Ich wufite schon am nachsten Morgen ein paar Geschichten. 

Ich wufite, dafi der Brieftrager erst seit einigen Tagen hinke und kei- 

neswegs von Geburt lahm sei. Er trank selten, zweimal im Jahr: an 

seinem Geburtstag, das war der 15. April, und am Todestag seines Soh- 

nes, der in der grofien Stadt durch Selbstmord geendet hatte. Der 

Rausch war nachhaltig, und der Brieftrager taumelte drei Tage zwi- 

schen den Mauern des Stadtchens herum, ehe er niichtern wurde. An 

diesen drei Tagen bekamen die Leute dieser Stadt keinen Brief. Der 

Verkehr mit der Aufienwelt stockte. 

Vor einer Woche, am 15. April, war der Brieftrager in seinem Rausch 

gestiirzt und hatte sich ein Bein verrenkt. Davon kam sein Hinken. 

Das war nicht die einzige Geschichte. 

In dem Hotel, in dem ich schlief, roch es nach Naphthalin, Moschus 

und alten Kranzen. Der grofie Speisesaal hinter dem Schankladen war 

niedrig, die Decke gewolbt, und die Wande trugen viereckige, braun- 

holzerne Pflasterchen mit Spriichen. Anna, das Madchen, stutzte den 

rechten Arm auf das Fensterbrett und gab acht, dafi die Kriige nicht 

leer wurden. Sie wurden nie leer. Denn die Leute tranken hier nicht 

sehr viel Wein und klapperten mit den Krugdeckeln, wenn Anna nicht 

aufpafite. 

Anna war damals siebenundzwanzig Jahre alt und blond und glatt ge- 

kammt. Sie sah immer so aus, als ware sie vor einer Weile aus dem 

Wasser gestiegen. So straff und blank war ihr Gesicht, und so frisch 

und streng und feuchtblond zogen sich ihre gestrahlten Haarstrahnen 

aus der Stirne. 

Sie hatte schlanke, kraftige, aber schiichterne Hande, von denen ich 

immer glaubte, dafi sie sich schamen. 

Anna stammte aus Bohmen und liebte den Ingenieur. Der Ingenieur 

war der Betriebsleiter jener Fabrik, in der Annas Vater arbeitete. Anna 

hatte ein Kind von dem Ingenieur. 

Der Ingenieur hatte geheiratet und Anna Geld gegeben furs Kind und 

fur die Reise. So war Anna Kellnerin in dem kleinen Stadtchen. 

Ich trat einmal zufallig in Annas Zimmer und sah die Photographie 



}}6 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ihres Kindes. Es war ein schones Kind, es griff mit runden Fausten in 

die Luft und trank die Welt mit grofien Augen. Anna war schweig- 

sam und erzahlte ihre Geschichte sehr kurz. 

Ich mag Ingenieure dieser Art nicht und liebte Anna. 

»Sie lieben ihn immer noch?« fragte ich Anna. 

»Ja!« sagte sie. Sie sagte es so selbstverstandlich und trocken wie ir- 

gendeine geschaftliche Auskunft. 

In dem Stadtchen gab es ein Kinotheater. Der Besitzer war ein jiidi- 
scher Tuchwarenhandler. Er hatte ein Kino gegriindet, weil er tiichtig 
und betriebsam war und es ihn schmerzte, daft er einen ganzen Sonn- 
tag nichts zu tun haben sollte. Er verkaufte daher an Wochentagen 
Tuchwaren und liefi Sonntag im Kino spielen. 
Ins Kino ging ich mit Anna. 

Im Stadtchen gab es eine Bibliothek. Der junge Mann, der Besucher 
zu bedienen und, wenn niemand da war, Staub aufzuwischen hatte, 
war blafi, romantisch blaf? und diinn wie ein auferstandener Dichter 
und hatte eine blond-gelbe Schopflohe, die von seinem Kopf gegen 
den Suffit flackerte. Er stand immer auf einer Doppelleiter, er spa- 
zierte mit der Doppelleiter hinter dem Ladentisch herum, er konnte 
es vortrefflich, besser als jeder Zimmermaler. Als hatte er iiberhaupt 
nur auf Doppelleitern gehen gelernt. Die Leihbibliothek hatte auch 
alte, gute Biicher, und ich ging mit Anna in die Leihbibliothek. 
Anna freute sich sehr. 

Manchmal wufite ich, daft Anna zartlich sein konnte. Ich liebte die 
Frauen, deren Gute wie ein verschiitteter Quell, unsichtbar fruchtlos, 
aber unermudlich, jedesmal gegen die Oberflache anstromt und, weil 
ein Ausweg nicht moglich, nach der Tiefe gedrangt, verborgene 
Schachte grabt und grabt bis zum Versiegen. Ich liebte Anna. Ich 
konnte ihren Reichtum nicht lassen. Sie wufite nicht, wieviel ihr ver- 
lorenging, wenn sie so daherschritt, riickwarts lebend, jede andere 
Sehnsucht ausschaltete und nur die nach Vergangenem trug und 
pflegte. 

Ich habe noch nicht vom Park erzahlt, in dem die Liebe dieser Stadt 
bluhte. Der Goldregen wucherte leichtsinnig und liederlich zwischen 
Linden und Kastanien. Die Banke standen nicht in den Alleen, son- 
dern mitten auf den Beeten. Ich dachte, diese Banke hatte der Bi- 
schof, als sie noch ganz jung waren, in die Erde gepflanzt, und sie 



april 337 

wuchsen immer jedes Jahr um ein Stiickchen in die Breite. Die Fiifie 

hatten sicherlich schon Wurzel gefafit im lockeren Boden. 

Am Sonntag, nach dem Kino, ging ich mit Anna in den Park. 

Einmal sahen wir, wie zwei sich kiifiten, und Anna lachte. 

»Es 1st nicht gut, Anna«, sagte ich, »uber die Liebe zu lachen. Ich mag 

Menschen nicht, die so Iiigen konnen.« 

Da horte Anna zu lachen auf. 

Als wir nach Hause kamen, erwies es sich, daft der Wirt Anna gesucht 

hatte, denn es war ein Gast gekommen. Er hatte einen knarrenden, 

neuen Lederkoffer mit vielen griinen und roten Heftpflasterchen. Er 

war schwarz gelockt und glutaugig, und er konnte gewifi Mandoline 

spielen und Madchen verfiihren. Hatte ich in seine Brief tasche einen 

Blick tun konnen, so hatte ich eine ganze Sammlung bunter Schleifen 

und blonder Haare und rosa Liebesbriefe gesehn. Aber ich kam nicht 

dazu und wufite es auch so. 

Er trank Bier in der Wirtsstube. Das Bier pafke nicht zu seinem Ge- 

sicht, er hatte Wein trinken miissen. Er liefi sich von Anna bedienen 

und war sehr hoflich. Er sprach lauter Schnorkel. Seine Worte sehen 

aus wie seine Unterschrift wahrscheinlich, dachte ich. 

In dieser Nacht bemerkte ich, daft mein Licht fehlte. Ich machte die 

Tiir auf und ging zu Anna in die Stube. Anna war im Hemd und 

weinte. Sie blieb auf ihrem Ben sitzen und erschrak nicht, als ich kam, 

sondern weinte ruhig und mit Ausdauer weiter. 

Dann sagte sie: »Er sieht genauso aus!« 

Der neue Gast sah genauso aus wie Annas Ingenieur. 

»Es ist schrecklich!« sagte Anna. 

Seit damals liebten wir uns und verbargen es nicht voreinander. Anna 
konnte sehr zartlich sein und eifersiichtig auch. Aber ich kummerte 
mich nicht um die Frauen. Die Frauen dieser Stadt gefielen mir gar 
nicht. 

Nur wenn ich sah, wie sie an goldumrahmten Fhihlingsabenden iiber 
die Felder wanderten, ein Paar urns andere, riihrten sie mich. Sie waren 
dazu da, die Welt zu erneuern. Sie wuchsen, liebten und gebaren. Im 
Fnihling begannen sie ihr mutterliches Werk und vollendeten es im 
Laufe der Jahre. Ich sah, wie sie, berauscht und mit Appetit auf 
Rausch, harmlos und beflissen, Gottes Gebot zu erfiillen, wie Maika- 
fer in die Walder ausschwarmten. 



338 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Spat in der Nacht noch standen sie in den dunklen Hausfluren, klebten 
sie an den Lippen und Schnurrbarten der Manner, kicherten und wa- 
ren dankbar bis zur Demut fur jedes gute Wort, das man ihnen in den 
Schofi warf. Schon waren die Nachte, in denen die Grillen und die 
Madchen unermiidlich zirpten. 

Und die Regentage auch. 

Die Madchen standen in den Fenstern und lasen in Biichern aus der 
Leihbucherei und afien Butterbrot. Ein Regenschirm schwankte durch 
die Gasse und iiberdachte den zieriichen, diinnen Notariatsschreiber. 
Er sah aus wie eine aufrecht gehende Heuschrecke. 
Strohhalme tanzelten, wirbelten, drehten sich kokett und schwammen 
ahnungslos dem Verderben der Kanalgitter zu. Ich lief nicht mehr, sie 
aufzuhalten. Immer dachte ich, dafi ich es doch tun mufke. Der Regen, 
die Harmlosigkeit des Strohhalms, das Kanalgitter und ich gehorten 
zusammen. Vielleicht war auch noch der Notariatsschreiber dabei. Der 
Regentag war grau schraffiert, der Strohhalm ertrank, das Kanalgitter 
verschluckte ihn, der Notariatsschreiber stocherte schirmuberdacht 
durch die Gasse. Und ich hatte eigentlich laufen miissen, den Stroh- 
halm retten. Jedes in der Welt hat seine Aufgabe. 

Sehr friih am Morgen stand ich taglich auf. Anna schlief noch, und der 
Wirt und der zweite Gast. Die Stiefel der Hausbewohner standen, 
noch nicht gereinigt, ein Stuck Gestern, vor den Tiiren. Im Hof pen- 
delte der Pudel, gahnte und suchte nach vergessenen Knochen unter 
der Hoteldroschke, die, unbespannt, mit einer zwecklosen Deichsel, 
vor dem Schuppen wartete wie ein ausgegrabenes Gefahrt. Jakob, der 
Kutscher, schnarchte im Schuppenbau, briinstig und stark; er 
schnarchte einen Hymnus auf Natur und Gesundheit. Es war gar nicht 
lacherlich, sein Schnarchen. Es klang selbstverstandlich und machtvoll; 
ein Naturlaut, ein verhiilltes Donnerrollen, ein Hirschrohren, Um funf 
Uhr erhob sich feme und wie aus iibersinnlichen Welten heranschwel- 
lend das klagende Tuten der Dampfrmihle und weckte Jakob, den Kut- 
scher. Er mufke in den Kleidern geschlafen haben, denn er kam, 
gleichzeitig mit dem letzten, verzitterten Oberton der Miihlensirene, 
in seiner grofikarierten Armelweste, in Hosen und bestiefelt, barhaupt, 
mit einem zerknitterten Pergamentgesicht, sprudelte aus trichterge- 
formtem Munde Wasser auf seine geknimmten Handflachen und rieb 



april 339 

sich Stirn und Augen. Dann ging er quer iiber den Hof ins Haus, schwer 
und miihevoll, als miifite er jedes Bein wie einen Baum mit Wurzeln aus 
der Erde ziehn. 

An der ersten Strafienbiegung klinkte Kathe ihr Fenster auf und sah 
hinunter in die Stadt. Ich griifke Kathe immer. Ich hatte noch nie mit ihr 
gesprochen, ich hatte gar nichts mit ihr zu sprechen, ich grufite sie nur, 
weil sie aus dem Fenster sah und weil die Welt so fruh am Morgen noch 
nicht konventionell war, sondern einfach wie in den ersten Tagen ihrer 
Kindheit, ein paar Jahre nach der Erschaffung, als noch im ganzen 
zwanzig Menschen sie belebten und alle zwanzig freundlich und gut 
miteinander waren. Spater, wenn ich heimkehrte, war's Mittag bereits, 
die Welt um alle Jahrtausende alter, und ich griifke nicht mehr, weil es 
sich nicht schickte, in einer so fortgeschrittenen Welt ein Madchen zu 
griifien, mit dem man noch nie gesprochen. 

Durch den Park knirschte ein rundbauchiger Spritzwagen, Rasen und 
Beete berieselnd. Eine Amsel sprang mit Gassenbubengebarden neben 
dem Wagen her und schlug mit dem linken Flugel gegen die zerstauben- 
den Wassertropfen. Unsichtbar larmte irgendwo oben ein ganzes, in die 
Ferien geschicktes Lerchenpensionat. Rund um die Banke, die in der 
Mitte der Beete standen, war das Gras ein wenig miide und hergenom- 
men von der nachtlichen Liebe der Menschen. Und mir entgegen schritt 
der lange Eisenbahnassistent durch den Park in den Dienst. 
Den Eisenbahnassistenten hafke ich. Er war sommersprossig, unglaub- 
lich lang und gerade. Ich dachte, sooft ich ihn sah, an einen Brief an den 
Eisenbahnminister. Ich wollte vorschlagen, den hafilichen Eisenbahnas- 
sistenten als Telegraphenstange unterwegs irgendwo zwischen zwei 
kleinen Stationen zu verwenden. Nie hatte mir der Eisenbahnminister 
diesen Dienst erwiesen. 

Ich wuftte nicht, warum ich den Beamten so hafke. Er war aufterge- 
wohnlich groft gewachsen, aber ich hasse ja nicht grundsatzlich das 
Auftergewdhnliche. Mir schien, dafi der Eisenbahnassistent mit Absicht 
so hoch hinaufgeschossen sei, und das reizte mich auf. Mir schien, als 
hatte er seit seiner Jugend nichts anderes getan als wachsen und Som- 
mersprossen sammeln. Und aufierdem hatte er rotliche Haare. 
Auch trug er immer seine Uniform und eine rote Kappe. Er machte 
langsame und kleine Schritte, obwohl er mit seinen langen Beinen ganz 
gut rasch hatte gehen konnen. Aber er ging langsam und wuchs, wuchs, 
wuchs. 



340 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Ich weifi noch heute sehr wenig iiber den Eisenbahnbeamten. Aber ich 

hatte damals schon schworen konnen, daft er viele versteckte Gemein- 

heiten begangen habe. 

Solch ein Eisenbahnassistent konnte zum Beispiel einen Zug, in dem 

sein personlicher Feind safi, zu einem Zusammenstofi bringen und die 

Schuld geschickt auf den Zugfiihrer schieben. Es war eigentlich gefahr- 

lich, mit der Eisenbahn zu fahren. 

Solch ein Eisenbahnassistent, dachte ich, ist niemals imstande, einer 

Frau wegen auf seine rote Kappe zu verzichten. Wenn er liebte, so 

legte er bestimmt die Kappe mit der Offnung nach oben sorgsam auf 

einen Stuhl. Er vergafi nicht, die Hose im Bug zusammenzufalten, und 

verstand gewifi nicht die Lust, einer Frau dankbar zu sein. Er konnte 

auch Frauen durch eine List uberrumpeln. Und eifersiichtig war er 

auch. 

Sooft ich ihn sah, dachte ich iiber einen Brief an alle Frauen der Welt: 

Frauen! Hiitet Euch vor dem Eisenbahnassistenten! 

Anna mochte den Eisenbahnassistenten auch nicht. Anna fragte: 

»Warum hasse ich ihn?« 

Ich wufite nicht, wie ich Anna antworten sollte, und erzahlte ihr die 

Geschichte von Abel, meinem Freund, und der Frau seines Lebens. 

Abel, mein Freund, sehnte sich nach New York. 

Abel war Maler, Karikaturist. Er hatte bereits karikiert, als er noch 

nicht einen Bleistift halten konnte. Er achtete die Schonheit gering und 

liebte Kriippelei und Verzerrtheit. Er konnte keinen geraden Strich 

zustande bringen. 

Abel achtete die Frauen gering. Manner lieben in einer Frau die Voll- 

kommenheit, die sie zu sehen sich einbilden. Abel aber leugnete die 

Vollkommenheit. 

Er selbst war hafilich, so dafi ihn die Frauen liebhatten. Frauen vermu- 

ten Vollkommenheit oder Grofte hinter mannlicher Hafilichkeit. 

Einmal gelang es ihm, nach New York zu fahren. Auf dem Schiff sah 

er zum erstenmal in seinem Leben eine schone Frau. 

Als er im Hafen landete, verschwand ihm die schone Frau aus den 

Augen. Da kehrte er mit dem nachsten Schiff nach Europa zuriick. 

Anna konnte den Zusammenhang zwischen Abel, meinem Freund, 

und dem langen Eisenbahnassistenten nicht begreifen. 

»Warum erzahlst du mir von Abel?« fragte sie. 



APRIL 341 

»Anna«, sagte ich, »alle Geschichten hangen zusammen. Weil sie ein- 
ander ahnlich sind oder weil jede das Entgegengesetzte beweist. Zwi- 
schen dem langen Eisenbahnassistenten und meinem Freund Abel ist 
ein Unterschied. Ein sehr banaler Unterschied: Abel, mein Freund, 
geht zugrunde, aber der Eisenbahnassistent wird leben und Stations- 
vorstand werden. Abel, mein Freund, hat eine Sehnsucht. Nie wird der 
Eisenbahnassistent eine andere Sehnsucht haben als die, Stationsvor- 
steher zu werden. Abel, mein Freund, lief aus New York fort, weil er 
die Frau seines Lebens aus den Augen verloren hatte. Nie wird der 
Eisenbahnassistent einer Frau wegen aus New York fortlaufen.« 
Ich war iiberzeugt, daft Anna nun den Zusammenhang verstehe. Anna 
aber umarmte mich und fragte: »Wiirdest du meinetwegen aus New 
York weglaufen?« 

In dieser Nacht liebte ich Anna sehr, weil ich wufite, daft ich ihretwe- 

gen nie aus New York weglaufen wiirde. Ich fiirchtete, es ihr zu sagen, 

und liebte sie dafiir. Ich war feige und fiihrte mich sehr mannlich auf. 

Anna verstand mich aber und weinte. Jetzt sehe ich aus wie der Inge- 

nieur, dachte ich. 

Am Morgen schlief Anna, als ich fortging. Sie fuhlte, daft ich aufge- 

standen war, und suchte, schlafend noch, mit schwachen Armen in der 

Leere herum. 

Es regnete, deshalb ging ich ins Kaffeehaus. 

Der Kellner trug einen zerknitterten Frack und eine schwere Juchten- 

ledertasche an der rechten Hiifte. Er hiefi Ignatz, und jeder nannte ihn 

so. Er hatte keinen anderen Namen. Nur ich sagte: Herr Ober! 

Ignatz hatte Tag und Nacht Dienst. Er schlief auf zwei Stuhlen im 

Kaffeehaus, und davon kam der zerknitterte Frack. Die Geldtasche 

schnallte er niemals ab. Er war an beiden Seiten etwas plattgedriickt, 

wie ein Fisch. Seine Arme hingen, wie bekleidete Ruckenflossen, 

schlaff hinunter. Und aufterdem hatte er grofie, graugnine Fischaugen 

und kalte, feuchte Hande. Er wischte sie immer an der Ledertasche ab. 

Ich mochte Ignatz nicht, denn er wollte kein Kellner sein. Er las alle 

Zeitungen und sprach mit den Gasten von Politik. Er wollte lieber 

Politiker sein. 

Aber er blieb doch Kellner und war unzufrieden. 

Er sah immer so aus, als gabe er den Gasten die Schuld an seiner ver- 

pfuschten Karriere. 



34^ ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Er nahm Trinkgelder und dankte sehr kiihl. 

Einmal kam ich mit Anna ins Kaffeehaus, und Ignatz sagte: »Wie geht 
es, Fraulein Anna?« und wischte sich die rechte Hand an der Lederta- 
sche ab, um Anna mit einer trockenen Hand zu begriiften. »Wie geht's 
Ihnen, Ignatz ?« fragte Anna und gab ihm die Hand. 
Weil Ignatz die Hand zu lange behielt, sagte ich: »Herr Ober!« Da 
griiftte Ignatz und ging. 
Im Kaffeehaus hing ein grofter Wandkalender. 

Jeden Morten um acht Uhr kam der Postdirektor, ein alter Herr mit 
weiftem Backenbart. Der Postdirektor ging sehr aufrecht und hatte 
iiberlange Hosen an und Sporen an den Stiefelabsatzen, vielleicht, um 
den Hosenrand zu schonen. Er hatte gewift bei der Artillerie gedient. 
Der Postdirektor hatte so unwahrscheinlich tiefblaue, gute Augen, daft 
ich glaubte, er hatte sie bei einem Optiker eigens fur sich machen las- 
sen. Auch sein Backenbart war so marchenhaft weifi. Der Postdirektor 
puderte seinen Backenbart vielleicht, jeden Morgen oder vor dem 
Schlafengehen. 

Jeden Morgen rift der Herr Postdirektor einen Zettel vom Wandkalen- 
der im Kaffeehaus ab. Ignatz hatte das ganze Jahr den i. Januar sein 
lassen. Aber der Postdirektor achtete darauf, daft jeder Tag seinen Na- 
men und seine Nummer habe. 
Ich liebte den Postdirektor. 

Der Park, in dem die Liebe bliihte, lag nicht in der Mine, sondern am 

Ende der Stadt. Er lief hinaus in die Wiesenwege. Am Ausgang war ein 

Gasthaus, in dem ich Nachtmahl aft. Gegentiber war die Postdirektion. 

Die Post war ein neues Gebaude, in einem schneeweifien Kalkge- 

wande; es trug ein Wappen an der Stirn und am doppelfliigeligen, 

griinen Haustor ein rundes Posthorn. Die Post war das einzige Haus 

mit zwei Stockwerken in dem Stadtchen. 

Im zweiten Stockwerk wohnte der Herr Postdirektor. 

Immer stand ein Fensterfliigel offen im zweiten Stockwerk. Ich 

dachte: Don, wo das Fenster offensteht, wohnt der Herr Postdirektor. 

Er muft jedesmal in den Himmel sehn, damit seine Augen blau bleiben. 

Der Herr Postdirektor, dachte ich, ist ein kinderloser Herr, und er hat 

eine alte Frau mit weiftem, gescheiteltem Haar. Sie sprechen nur am 

Abend miteinander, der Postdirektor und die Frau. 

Immer safi ich im Gasthaus so, daft ich das offene Fenster sehen 



april 343 

konnte. Vielleicht kommt einmal der Herr Postdirektor in den Him- 
mel schaun - hoffte ich. Aber er kam selten. Eines Tages setzte sich ein 
wunderschones Madchen ans Fenster und sah in den Himmel. 
Ich erschrak iiber die Schonheit und sah so plotzlich zum Fenster des 
Gasthauses hinaus und zu dem Madchen empor, dafi sie es fiihlte und 
mich ansah. Weil ich verlegen wurde, griifite ich. Sie griifite auch. Nun 
kam sie taglich ans Fenster. 

Ich pflanze meine Erlebnisse wie wildes Weinlaub und sehe zu, wie sie 

wachsen. Ich bin faul, und das Nichts ist meine Leidenschaft. Dennoch 

lebte ich seit der Stunde, in der ich das Madchen am Fenster gesehen 

hatte, in einer steten Spannung, die ich nur noch aus meiner Knaben- 

zeit kannte. Damals war ich noch Teil der Welt, Strohhalm im Strom 

des Geschehens, schwimmend und fortgerissen. Ich weinte iiber den 

Verlust einer Papiertute, einer Nutzlosigkeit. Seitdem ich alt bin, 

weine ich nicht mehr und lache nicht. Niemand kann mir ein unmittel- 

bares Leid zufiigen. Uber Schmerz und Freude bin ich hinausgewach- 

sen. 

Nun aber lebte ich Schmerz und Freude und sank tief in die Kleinig- 

keiten. 

Das Madchen sah jeden Tag zum Fenster hinaus, wenn ich vorbeiging. 

Jeden Tag griifke ich. Am dritten Tag lachelte sie. 

An ihrem Lacheln lernte ich, daft es nichts Geringfiigiges gibt unter der 

Sonne. Ihr Lacheln am dritten Tag war ein grofies Ereignis. 

Ihr Gesicht war blafi und klein. Ihre schwarzen Augen blank, wie ge- 

putzt. Ihr Haar glatt und ruckwarts gekammt. Ihre Schultern schmal 

und furchtsam. 

Auch wenn es regnete, sah sie zum Fenster hinaus, und das Fenster 

war offen. Ich safi im Wirtshaus, und die Fensterscheibe war von der 

Regenkalte angelaufen. Ich mufke das Glas jedesmal blank wischen. 

Jedesmal lachelte das Madchen. 

Einmal saEen zwei Manner an dem Tisch in der Fensterecke des Wirts- 

hauses, und ich aft nicht, sondern ging hinaus und wanderte vor dem 

Wirtshaus auf und ab und war lacherlich wie ein Nachtwachter. Ich 

hatte den Mantelkragen hochgeschlagen und ging langsam, mit groften 

Schritten. Von meinen Kleidern tropfte es. Die Leute standen im 

Haustor des Postgebaudes oder in der Einfahrt des Wirtshauses und 

warteten, bis der Regen aufhoren wurde. Wenn es blitzte, fuhren sie 



344 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ein bifichen zusammen und horten auf zu reden. Manchmal sahen sie 
mich an. Ein junges Weib vom Lande, in Holzpantoffeln und mit auf- 
reizend prallen Briisten, die hinter der regenfeuchten Bluse fortwah- 
rend zitterten vor Kaite und Erregung, riickte einmal auf der Schwelle 
zur Seite, zupfte mich am Armel und wies auf den freien Platz. Ich 
aber ging weiter, und oben lachelte das Madchen. 
Die Menschen sahen zum Fenster hinauf und lachten. Das junge Weib 
lachte auch. Ich sah mich um, da waren sie alle verlegen, vielleicht 
hielten sie mich fiir verriickt. 

Von diesem Vorfall lebte ich eine ganze Woche lang. Ich erzahlte Anna 
von dem Madchen, und Anna lachte mich aus. »Warum lachst du?« 
sagte ich. »Ich liebe das Madchen am Fenster.« 
»Warum gehst du nicht zu ihr hinauf? « 
»Ich will's tun!« 

»Nein, tu's nicht!« bat Anna. »Vielleicht liebst du sie wirklich.« 
Ich werde niemals vergessen, wie eines Tages der Postdirektor neben 
dem Madchen am Fenster stand. Ich griifite, und der Postdirektor 
griifke wieder. So selbstverstandlich, als ware ich sein guter Freund. 
Das Madchen war seine Nichte, sagte mir Anna. 
Ich beschlofi, zum Postdirektor zu gehn. 

Aber es dauerte zwei Wochen, und ich ging noch immer nicht. Ich 
wollte sagen: Verehrter Herr Postdirektor, Ihre Augen und Ihre Spo- 
ren und selbst Ihre uberlange Hose habe ich gern. Dieses Madchen 
liebe ich aber. Ich glaube, sie ist die Frau meines Lebens. Ich will sie 
nicht verlieren wie Abel, mein Freund. 

Und dann wiirde ich die Geschichte von meinem Freund Abel erzah- 
len. 

Der Postdirektor wiirde lacheln und aufstehn, und seine Sporen wiir- 
den leise klirren, so wie kaum erwachsene silberne Tschinellen, die erst 
ordentlich klingen lernen miissen. 

Das Madchen wiirde meine Geschichte verstehen und nicht fragen wie 
Anna. 

Das Madchen ist iiberhaupt ganz anders. 
Ich wiiftte auch, was ich dem Madchen zu sagen hatte. 
Ich fuhr in die grofie Stadt, um mir selbst Geld zu schicken, und 
schrieb meinen Namen verkehrt und nur den Anfangsbuchstaben mei- 
nes Vornamens. Dann kam ich zuriick und wartete auf das Geld. 
Der Brieftrager kam und war sehr aufgeregt, weil er das letzte Mai vor 



april 345 

zwei Jahren Geld gebracht hatte. Das war schon lange her, und er 
wiederholte rasch die Vorschriften und verlangte meine Papiere. Er 
behielt die Kappe auf dem Kopf, wahrend er im Zimmer stand, denn er 
war im Dienst. 

Er wollte mir das Geid geben, aber ich sagte: 
»Mein Name ist verkehrt geschrieben.« 
»Das tut nichts«, sagte der Brieftrager. 

»Oh, doch!« sagte ich. »Tragen Sie das Geld zum Herrn Postdirektor, 
und fragen Sie ihn, ob Sie mir das Geld geben durfen.« 
Spater safi ich zehn oder funfzehn Minuten lang beim Herrn Postdi- 
rektor. Aber wir sprachen nur von meinem Geld, und er sagte, dafi er 
gar nicht zweifle; ich ware der rechtmafiige Empf anger. In dieser Stadt 
hat noch nie jemand so oder ahnlich geheifien. 

»Ja, es ist eine sehr ruhige kleine Stadt«, sagte der Herr Postdirektor, 
und er wollte mir eigentlich damit ein Kompliment machen. Es war, 
als sagte er: Wo denken Sie hin! Einen so schonen, lauten Namen wie 
Sie tragt keiner hier. 

Seine Sporen klangen leise, wie kaum erwachsene Tschinellen, und al- 
les war eigentlich so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nur von dem 
Madchen am Fenster war nicht die Rede. 

Als ich draufien stand, sah ich zum Fenster hinauf. Am Fenster stand 
der Herr Postdirektor. Ich griifite ihn noch einmal, und er nickte. Ich 
glaubte, damals ware der geeignete Augenblick gewesen, noch einmal 
hinaufzugehen und von dem Madchen zu sprechen. Aber gerade die 
geeigneten Augenblicke auszuniitzen, bin ich niemals imstande. 
Alles im Leben wird alt und abgenutzt: Worte und Situationen. Alle 
geeigneten Augenblicke sind schon dagewesen. Alle Worte sind schon 
gesprochen worden. Ich kann nicht Worte und Situationen wiederho- 
len. Es ist, als triage ich immerfort abgelegte Kleider. 
Am Abend jenes Tages stand das Madchen nicht am Fenster. Ich be- 
schlofi abzureisen. 

Ich ging ins Hotel und packte meinen Koffer. Anna kam und fragte: 
»Wie lange wirst du fortbleiben?« 

Nie ware es ihr eingefallen, dafi ich fur immer verreisen konnte. 
»Zwei Tage!« sagte ich und fuhlte nicht die Spur von Reue iiber diese 
Luge. Was war eine Luge Anna gegeniiber? Das Madchen am Fenster 
war nicht mehr da, und bei dem Postdirektor hatte ich den geeigneten 
Augenblick nicht ausgeniitzt. 



346 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Warst du beim Postdirektor?« fragte Anna. 

»Ja!« sagte ich. »Aber das Madchen vom Fenster sah ich heut nicht 

mehr.« 

»Sie wird krank sein!« sagte Anna. 

»Krank? - Warum sagst du das?« 

»Sie ist krankl Weifit du das nicht? Sie ist uberhaupt krank! Schwind- 

siichtig und lahm. Deshalb geht sie auch niemals auf die Strafie. Sie 

wird bald sterben!« 

Anna sprach das alles sehr schnell. Ihre Worte schlugen Purzelbaume. 

Dennoch horte ich jede Silbe, scharf und trocken. Diese Silben gruben 

sich in mein Hirn wie harte Miinzen in eine schmelzende Wachsplatte. 

Ich sah Anna, wie sie dastand, mit straff zuruckgekammtem Haar, 

blank, als ware sie eben aus dem Wasser gestiegen. Anna wird nicht 

sterben! dachte ich. 

Das Madchen am Fenster wird sterben! wird sterben! wird sterben! 

Nie werde ich mit ihr sprechen. Deshalb also hatte ich den geeigneten 

Augenblick nicht ausgenutzt. Nicht, weil ich geeignete Augenblicke 

nicht leide, sondern weil das Madchen krank ist. 

»Anna!« sagte ich: »Nun gen' ich fur immer fort.« 

»Weil sie krank ist?« lachte Anna. 

»Ja!« 

»Aber ich bin gesund!« sagte Anna. 

In diesem Augenblick hatte sie das Gesicht einer Triumphierenden. Es 

war blafi und kalt. 

»Ich gehe mit dir zur Bahn!« sagte Anna. 

Anna ging mit mir zur Bahn. 

Ein Zug kam an, und ich wollte gerade zum Fahrkartenschalter. Da 

kam der Reisende wieder und grufke. Er hatte einen knarrenden Le- 

derkoffer und roch nach Pomade. 

Anna griff krampfhaft nach meinem Arm, und ich blieb stehen. 

»Du, fahr nicht!« sagte Anna. 

Sie glich nicht mehr einer Triumphierenden. Sie sah aus wie ein armes, 

verstortes Tier, wie ein in die Enge getriebenes, umstelltes Eichhorn- 

chen auf einem grausamen, baumlosen Acker. 

Der Reisende trat auf mich zu, sagte: »Ergebenster!« und »Guten 

Abend !« und: »Sind wohl auch angekommen? Oder verreisen jetzt?« 

»Nein!« sagte ich. »Soeben angekommen !« - und ging mit Anna in die 

Stadt zuriick. 



april 347 

Ich schlief die ganze Nacht nicht, denn ich dachte an das sterbende 
Madchen. Seitdem ich wufite, dafi sie bald tot sein wiirde, fiihlte ich 
mich sicher in meiner Macht iiber sie. Ich hielt sie fest, ich konnte ihre 
Hande greifen. Sie war in meinen Besitz iibergegangen. 
Ich dachte gar nicht daran, dafi sie auch friiher schon krank gewesen. 
Fur mich war sie es eben erst geworden. Sie wird sterben, dachte ich, 
und es war mir wie einem, der weift, dafi man in einer Stunde kommen 
wird, urn ihm einen Gegenstand zu pfanden, den er liebt. 
Den ganzen nachsten Morgen schritt ich auf und ab vor dem Postge- 
baude. Der Herr Postdirektor kam jede Stunde einmal ans Fenster, sah 
mich und wunderte sich gewift. Er ging um die Mittagszeit aus dem 
Hause, ich griifke ihn, und er erwiderte und wunderte sich. Dann, um 
drei Uhr nachmittags, kam er zuriick, und ich ging immer noch auf 
und ab vor dem Hause. Ich ging hin und zuriick, bewufitlos wie ein 
Uhrpendel und getrieben von einem unbekannten Raderwerk. 
Am Abend setzte ich mich ins Wirtshaus und sah hinaus: Das Fenster 
im Postgebaude ging auf, und sie kam. 

Sie griiftte zuerst und etwas hastig, schien mir. Sie hatte wahrscheinlich 
geglaubt, ich wiirde heute nicht mehr warten, weil sie gestern krank 
gewesen war. Ich sah nur kurz hinauf, und in meinen Augen lag eine 
lange Rede. 

Wenn ich drei Tage ununterbrochen gesprochen hatte, ich hatte ihr gar 
nicht so viel sagen konnen. 

Ich war ganz dumm und knabenhaft aufgeregt. Sie verstand, schien 
mir, was ich gesagt hatte. Dann klinkte sie das Fenster zu, als es starker 
dunkelte, im Zimmer flofi plotzlich helles Licht, und die Gardinen 
schlossen sich. An der weichen, hellen Gardinenflache zeichnete sich 
der Schatten eines groften Mannes ab. Es war nicht der Herr Postdi- 
rektor, denn der Schatten des Postdirektors hatte einen Backenbart 
gehabt. Es war ein bartloser Mann. Vielleicht der Bruder. 
Ich ging noch eine Stunde durch den Park. Die Menschen liebten sich 
immer noch auf den Banken und Beeten. Ich begegnete mehreren 
Frauen, die mit losen Haaren und mit einer fremdartigen Ausgelassen- 
heit verlorener und berauschter Menschen auf den Kieswegen, ziellos 
scheinbar, wanderten. Ihr Gang war so taumelnd und dennoch erregt- 
lebendig. Sie nahmen sich aus wie Kreisel, die friiher einmal von ir- 
gendeiner fremden Kraft in rastloses Rotieren versetzt worden waren 
und nun, da die Wirkung dieser unbekannten Macht erschopft ist, im- 



348 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

mer noch im nachhaltenden Zauber des rotierenden Schwunges befan- 

gen, aber miide, ihre letzten flatternden Runden vollziehen und nach 

einem aufieren Stiitzpunkt oder dem eigenen Gleichgewicht vergeblich 

suchen. 

Alle diese, dachte ich, sind gesund und werden nicht sterben. 

Ich traf Anna in ihrem Zimmer, wie sie im Hemd am Bettrand safi und 
weinte. Sie hielt die Hande nicht nach der Art weinender Menschen vor 
das Angesicht. Es schien, dafi ihr unermudliches, mit Landregengleich- 
ma(! und stetig rinnendes Weinen nicht aus ihrer Seele kam, sondern wie 
von aufien her; etwas Fremdes, Plotzliches, Uberfallendes, gegen wel- 
ches sich zu wehren nutzlos, das zu verhiillen ohne Zweck war. 
In dieser Nacht liebte ich Anna wie zum ersten Male, mit der Zartlich- 
keit und der Freude, mit der man einen ganz neuen Besitz umhullt. 

Am nachsten Morgen erlebte ich die letzte Geschichte dieses Stadt- 
chens. 

Sehr friih safi der Reisende schon im Kaffeehaus und afi Kuchen. Er a£ 
nicht mit der Hand, sondern umstandlich mit Messer und Teeloffel, 
denn der Reisende war ein feiner Mann und wufke sich zu benehmen. Er 
afi sehr lange an seinem Kuchen. Dann stand er auf, ging zum Wandka- 
lender und rifi das Datum von gestern herunter, entschieden und so, als 
schiife er das Heute, den neuen Tag, stolz und machterfullt wie ein Gott. 
Mir bangte vor der Ankunft des Postdirektors. 

Der Herr Postdirektor rifi seit Jahrzehnten die alten Tage ab und ent- 
schleierte die neuen, behutsam und dermitig, nicht wie ein Gott, son- 
dern wie ein Diener Gottes. Heute wiirde er entsetzt nach dem Wand- 
kalender sehen, irre werden in den Wochentagen und Daten und die 
Welt nicht mehr verstehen. 

Deshalb hob ich den zerknitterten Zettel auf, glattete ihn und brachte 
ihn, so gut es ging, wieder am Wandkalender an. 
Der Reisende sah mir zu und sagte: »Mein Herr, heute ist der 28. Mai!« 
Ich erschrak fast, so laut sagte er das Datum dieses Tages, und obwohl es 
eine sehr einfache Sache war und alle Welt es wissen mufite, schien mir, 
als hatte der Reisende ein scheues Geheimnis mit unverschamter Roheit 
ausgebnillt. 
Der 28. Mai! 
In diesem Augenblick schlug die Turmuhr halb acht, der Herr Postdi- 



APRIL 349 

rektor trat ein, seine Sporen klirrten leise und iibermiitig, sie kicherten, 
und der Herr Postdirektor ging feierlich an den Wandkalender und 
enthiillte den neuen Tag. Erst jetzt war's der 28. Mai geworden! 
Dieser 28. Mai wurde einer der wichtigsten Tage meines Lebens. Ich 
beschlofi namlich abzureisen. 

Was hatte ich auch langer tun sollen in diesem Stadtchen? Das Mad- 
chen am Fenster mufite sterben, Anna tat mir weh, ihr Anblick 
schmerzte mich, und ich konnte ihr nicht helfen. Den Brief trager 
kannte ich schon auswendig und das silberne Sporenklimpern des 
Herrn Postdirektor auch. Kathe, dachte ich, wird jeden Morgen um 
die gleiche Stunde ihr Fenster aufklinken, und es wird nkhts dabei 
sein, wenn ich nicht mehr voriibergehend guten Morgen sage. Und es 
war schon der 28. Mai. 

Am 28. Mai konnte ich unmoglich langer bleiben. Fast ohne daft ich es 
gesehen hatte, waren die Ahren auf den Feldern mannshoch und noch 
dariiber gewachsen. Wenn ein halbes Dutzend aufeinanderstehender 
Hasen durch die Felder geschossen ware, man hatte nicht einmal eine 
Ohrenspitze des letzten und obersten gesehen. Es war ein gesegnetes 
Jahr, und in den Obstgarten lag der Blutenschnee so dicht und hoch, 
daft man mit nackten Fiifien hatte gehen konnen und die Gartenerde 
nur wie eine feme Wirklichkeit fiihlen. 

Auch sah man es den Wolken bereits an, daft sie sich nicht mehr, von 
Jugend und Sorglosigkeit getrieben, auf dem Himmel herumlummel- 
ten, sondern mit bedachtiger Beschwer dastanden oder ihre fruchtba- 
ren, schwellenden Leiber walzten, um einer Pflicht zu geniigen. Am 
28. Mai weifi man bereits, was man will. 

Es ist, dachte ich, so lacherlich, daft ich hier Abend fur Abend vor dem 
Fenster eines Madchens wandere, das sterben wird und das ich niemals 
kiissen kann. Ich bin nicht mehr jung, dachte ich. Jeder Tag ist eine 
Aufgabe, und jede meiner Stunden war eine Siinde am Leben. 
Einmal traumte ich von einem groften Hafen. Ich horte ein machtvol- 
les Klirren von zwanzigtausend Schiffsketten und das Briillen beschaf- 
tigter Matrosen. Ich sah, wie schwere Krane sich hoben und senkten, 
glatt und selbstverstandlich und ohne Muhe, als wiirden sie nicht von 
Menschen in Bewegung gesetzt, sondern als arbeiteten sie aus eigenem 
und nach gottlichem Willen. Es war nicht der Krampf des Eisens, son- 
dern die leichte Gelenkigkeit natiirlicher Krafte. 
Manchmal traumte ich von einer grofien Stadt, es war vielleicht New 



350 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

York. Ich atmete das Rasseltempo ihres Lebens, ihre Strafien rannten 
grofi, breit, unaufhaltsam, mit Menschen, Fahrzeugen, Pflastersteinen, 
Laternenpfahlen, Litfafisaulen, ich weifi nicht wohin und wozu. Die 
Stadt stand nicht, sondern lief. Nichts stand. Grofie Fabriken qualm- 
ten aus riesigen Schornsteinen den Himmel an. In sekundenkurzen 
Pausen hielt ich die Augen geschlossen, um die Melodien dieses Le- 
bens zu horen. Es war eine greuliche Musik; sie klang so wie die Melo- 
die eines verruckt gewordenen, ungeheuren Leierkastens, dessen Wal- 
zen durcheinandergeraten waren. Diese Musik aber reizte auf. Es war 
nur hafilicher, nicht falscher Rhythmus. Eine Weile schrie ich im 
Rhythmus mit, dann erwachte ich. 

Als ich wach war, wunderte ich mich, dafi ich eigentlich nicht mehr 
Teil der Stadt war, sondern ganzlich losgeiost von ihr und lacherlicher 
Bewohner eines lacherlichen Stadtchens. Was war ich denn eigentlich? 
Der Mann unterm Fenster. Freund, sagte ich zu mir, begrabe dieses 
Madchen, das ohnehin nicht mehr lebt, und gib dich mit dem Leben 
ab. Wichtig ist das Leben. Es hatte vielleicht mehr Sinn (nach den giil- 
tigen Regeln menschlicher Vernunft hatte es mehr Sinn), zu dem Mad- 
chen hinaufzugehen und tagsiiber an ihrem Bett zu sitzen und des 
Abends mit ihr am Fenster und ihr ein bifichen von dem ungeheuren 
Chaosrasseln mitzubringen und dem vielen roten Blut, das durch die 
Adern der Welt flofi. 
Aber wichtiger ist das Leben. 

Indem ich so grausam zu mir sprach, versuchte ich, den Schmerz zu 
begraben. Ich begrub ihn unter einem Wall von Grausamkeit. 

Ich fuhr in der einzigen Droschke der Stadt, in der ich gekommen war, 

zunick. Anna hatte ich nichts gesagt. 

Es war spater Nachmittag. Die Sonne rann in goldenen, breiten Stro- 

men. Der Bahnhof kauerte wie eine grofie, gelbe Katze in der Sonne. 

Die Schienenstrange liefen weit in die Welt, eisern umspannten sie die 

Erde. 

Als ich im Zug safi und zum Fenster hinaussah, war ich bereits von der 

Stadt und von den letzten Wochen durch Grausamkeit, Freude, Kraft 

getrennt. 

Mochte der Brieftrager sich einen Rausch antrinken, der Postmeister 

mit seinen Tschinellen klirren, der Reisende nach Pomade duften. Der 

Kellner Ignatz feuchte Hande haben. Anna seine Geliebte werden. 



APRIL 35I 

Und das Madchen am Fenster? . . . 

Es kann sterben! sagte ich und schame mich nicht zu gestehen, dafi ich 
mich bei dieser Gelegenheit iiber meine Gesundheit freute. 
Was war das fur eine Krankheit, in der ich die letzten Wochen zuge- 
bracht hatte? Was war doch mein Freund Abel fur ein sentimentaler 
Kerl? Nie, nie, nie wiirde ich aus New York wegfahren einer Frau 
wegen. 

Ja, ich will gerade jetzt nach New York fahren. Amerika ist ein herrli- 
ches Land. Kein steinerner Bischof hat es gegrundet. 
Wahrend ich so dachte, pfiff der Zug und tat einen Ruck. In diesem 
Augenblick trat der lange Eisenbahnassistent mit der roten Kappe aus 
der Tur seiner Amtsstube auf den Perron. Die Tiir war noch eine Weile 
of fen. 

Und hinter dem Eisenbahnassistenten kam ein wunderschones Mad- 
chen. Es war, es war das Madchen vom Fenster. 
»Bleib noch!« horte ich den Eisenbahnassistenten zu ihr sagen. »Ich 
bin gleich fertig!« 

Das Madchen aber horte ihn nicht. Es sah mich an. Wir sahen uns an. 
Sie stand aufrecht, im weiften Kleid, gesund und gar nicht lahm, und 
auch gar nicht schwindsiichtig. Offenbar war sie die Braut des Eisen- 
bahnbeamten oder seine Frau. 

Wahrend der Zug noch einmal anzog und leise zu rollen anfing, winkte 
ich und sah dem Madchen in die Augen. Nur dieses Blickes wegen 
habe ich diese Geschichte geschrieben. 

Im Kupee war mir, als hatte ich die Pflicht zu weinen. Ich aber lachte, 
sah, wie auf dem Felde ein Hirt seinen Hund schlug, ein Strecken- 
wachter mit dem Signal strammstand, seine Frau Wasche trocknete 
und ein kleiner Landwagen auf einem Feldweg torkelte. 
»Das Leben ist sehr wichtig!« lachte ich. »Sehr wichtig!« und fuhr 
nach New York. 



DERBLINDE SPIEGEL 

1925 



I 



Die kleine Fini safi auf einer Bank im Prater und hiillte sich in die gute, 
bergende Warme des Apriltages. Einer siifien, niegekannten, fremden 
Ohnmacht gab sie sich willig hin wie einer Melodie. Das Blut ham- 
merte schwer und schnell gegen die diinne Haut der Pulse und Schla- 
fen. Das blasse Griin der Baume und Wiesen breitete sich aus liber 
Kinderwagen, Steinen und Banken. Alles Sichtbare flofi ineinander, als 
blickte man aus einem sehr schnellen Zug in eine sehr griinende Welt. 
Es dauerte einen ewigen Augenblick. Dann gewannen Menschen und 
Gegenstande der Umgebung ihre Konturen wieder, eigene Gestalt und 
eigenes Leben, Gang und Haltung, besonderes Merkmal und vertrau- 
tes Gesicht. Aber die Ohnmacht schwang noch nach, singend im Blut, 
mit ihm kreisend, fu'llte sie die Adern, den ganzen Korper wie ein 
Choral eine Kirche. Die Leere sang, schwer waren die Glieder, aber 
leicht und schwebend das Leben, Fliigel bekam das Herz wie in der 
Stunde besiegten Sterbens. Fernab flatterten schwarze Angste nieder, 
kein Dunkel drohte mehr, es wartete keine Gewalt, keine Furcht 
zuckte auf am weiten, glucklichen Horizont eines wunderbaren Tags. 
Fini konnte das langsame Pochen ihres Herzens horen, trostend war 
diese unmittelbare Nahe des eigenen warmen Lebens, zum erstenmal 
und uberraschend waren sie und ihr Herz merkbar allein, und sein 
Pochen wie eine langsam tropfende, trostliche Antwort auf angstvoll 
verschwiegene Fragen. Die Brust war leicht wie kurz nach einer ausge- 
schiitteten Qual, und sorglich gebettet in eine begluckende Wehmut - 
als wiirde man weinen, als loste sich eine schmerzlich gekrampfte Fes- 
sel nach langen Jahren - endlich, endlich. 

Fini, die Kleine, erhob sich und streckte die Arme, jung, wie ein junger 
Vogel zu fliegen versucht, und als sie den ersten Schritt machte, kamen 
die Gedanken wieder. In ratselhafter Nahe hatten sie gelauert, wie 
Fliegenschwarme kamen sie; die kleinen Angste, die flinken, schwar- 
zen Sorgen, die haftlich huschenden Note, die Drohungen des Morgen 
und Ubermorgen, die grausamen Bilder grausamer Tage, und die 
Furcht wolbte sich wie ein niederes Joch iiber zitterndem Nacken. 



DER BLINDE SPIEGEL 353 

Verrauscht war die siifie Musik der Ohnmacht, der gute, schlafrige 
Sang des Vergessens, verblafit alle leuchtende Weite des sorglosen 
Nichts und ausgekiihlt die bergende Warme des lauen Tags. Fini fror 
im Aprilabend, als sie aufstand, um die Briefe auszutragen an die Firma 
Mendel & Co., an das Landesgericht I und II, an den Nebenklager 
Wolff & Sonne, die fremden Briefe in dem griingefafiten Buch, die 
fremden Briefe in die fremden Vorzimmer, die leichte, die schmer- 
zende Last, die man austrug, um das Porto zu verdienen, von vier Uhr 
nachmittags bis sieben Uhr abends. 

Durch die grofien Strafien ging sie, verloren und gering, und merkte 
erst in einem Hausflur, dafi der Brief an das Landesgericht I nicht mehr 
da war, der wichtige Brief, in der lockeren Reihe fliichtiger Unter- 
schriften fehlte eine, war eine Zeile leer und rundete sich, sah man 
lange darauf, zu einem furchtbar glotzenden Loch, einem hohlen, wei- 
fien Auge. Ein grofies Zittern befiel das kleine, frierende Madchen, und 
die Kalte wuchs, die man kaum mehr ertrug, mitten im lauen April- 
abend - man fiihlte ihn, und er warmte nicht. Fini wollte die Warme 
herabziehn und sie um die diinnen Schultern legen. Wie der Abend die 
Stadt einhullte, so sollte er sie auch schiitzen, die verloren war in der 
unermefilichen Strafie. 

Ach! wenn man so diinn und gering ist, tut es gut, sich irgendwo ber- 
gen zu konnen, in der larmenden Wiiste der Stadt. Drohend wolbt sich 
das eiserne Leben iiber unsern kleinen Kopfen, und wir sind machtlos 
und verloren, preisgegeben dem bellenden Hund und dem blinkenden 
Polizisten, dem gierigen Auge des Mannes und dem keifenden Ruf des 
kriegsbereiten Weibes, dem wir besinnungslos in den Weg treten, jeder 
Macht, die auf den Platzen lebt und an den Ecken lauert. Jetzt miifite 
man ein Haus wissen, in das man gehn diirfte, ein schiitzendes Haus 
mit reichem Portal, das uns mutterlich empfangt und speist und trostet 
und die grofie Furcht aus unsern Herzen treibt wie der machtige Por- 
tier die unbefugten Eindringlinge; jetzt, da man die Unbarmherzigkeit 
des Draufien gefuhlt hatte, tate ein grofies, bergendes Haus so wohl. 
Keine Sorge ware drin um den verlorenen Brief und das bange erwar- 
tete Morgen. 

Als der weifigekittelte Mann kam und eine Laterne mit langer Stange 
entziindete, huschte eine kleine Warme durch das frierende Madchen 
und ein armer, aber guter Trost, dafi zwischen dem Heute und dem 
Morgen noch eine lange Nacht lag. Zwischen dem Ungliick und seinen 



354 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

schrecklichen Folgen waren zwolf oder zehn Stunden und ein Schlaf 
und ein rettender Traum vielleicht und Zeit genug fur ein Wunder, 
das einmal ja kommen muE in unserem Leben. Vielleicht, wenn kein 
Traum kam und das Wunder enttauschte, liefi sich in der Friih noch 
mit Doktor Blum, dem Sozius, reden, der besser war, weil er jiinger 
war, und eine Stirnlocke trug wie ein Student. 

Ware der Hausflur nicht, in den wir jeden Abend gehn miissen, der 
Hausflur, der schlimmer war als die Strafie, in dem der Kot junger 
Katzen roch und die Pfortnerin lauerte, und die Treppe nicht mit 
dem schadhaften Gelander wie einem luckenreichen Gebrfi und die 
vergramte Mutter nicht mit der ewigen Neugier und dem unglaubig 
gescharften Ohr - ware das alles nicht, so konnte man das Morgen 
Gott, dem lieben Gott, iiberlassen und heute noch feiern, im weichen 
Bett, ein Buch und Ansichtskarten auf der Decke, 



II 



Noch war die Mutter nicht zu Hause. - Es ist gut, wenn unsere Mut- 
ter nicht da sind, die Mutter mit den unglaubig forschenden Augen, 
die traurig sind und weinen miissen, strenge und furchterlich und 
dennoch traurig, unsere armen Mutter, die nichts verstehen und 
schelten und vor denen wir liigen miissen. Wir brauchen niemandem 
Bericht zu erstatten, und keine Furcht ist in uns vor der Wirkung des 
Berichts, keine Furcht vor dem Zwang zur Luge und keine um ihre 
Entdeckung. Fini entkleidete sich langsam; sie fuhlte es warm und 
feucht an ihren Schenkeln rinnen, Blut mufite es sein, groK war ihre 
Sorge. Irgend etwas war mit ihr geschehen, und sie forschte in ihrem 
vergeftlichen Gehirn nach einer Siinde, einer vor grauen Tagen began- 
genen. 

Es ist schon, sich allein im Zimmer vor dem Spiegel entkleiden zu 
konnen — allein, die Tiir ist versperrt, als hatte man sein eigenes Zim- 
mer wie Tilly, die Grofie - und festzustellen, wie die Bruste wachsen, 
weifi und fest und von rosigen Kuppen gekront, obwohl sie noch 
nicht so groft und durch die Kleider deutlich sichtbar sind wie bei 
Tilly, die einen Freund hat und kiissen darf. 

Geruhrt, als streichelte sie ein kleines, fremdes Tier, so tastete Fini an 
ihrem Korper, erfuhlte den beginnenden Schwung der Hiifte und das 



DER BLINDE SPIEGEL 355 

kiihl gerundete Knie und sah, wie das Blut eine schmale, rote Furche 
zog, das nackte Bein entlang. 

Die kleinen Madchen fiirchten sich, wenn sie das rote Blut sehen und 
wenn sie nicht wissen, woher es kommt, und ganz allein und nackt 
sind, ohne die schiitzende Hiille des Kleides, mit einem lebendigen 
Spiegel eingeschlossen in einem Zimmer, rotes Blut, unbekanntes, aus 
unbekannten Griinden fliefiendes sehen, ist ihre Furcht dreimal so 
grofl. Die Wunder haben in ihnen selbst ihre Ursache und ihr Leben, 
und wir erschrecken vor dieser Nahe des Ratsels, von dem wir ge- 
glaubt haben, dafi es in der Weite wachst und feme unsern Korpern. 
Fini hielt den Atem an und horte plotzlich die grofie Leere im Zimmer, 
fuhlte das Totsein der toten Gegenstande, sah die Lampe in einem Ne- 
bel brennen, in einem weiften Nebel, der die Form eines Angesichts 
annahm und behielt, eines gespenstischen Angesichts mit leuchtendem 
Kern. Fini horte aus unermefSlicher Feme wie aus einem geahnten Jen- 
seits Stimmen der Strafte und das Kreischen einer Bahn, die Melodie 
einer ewigen Geige und ein trostliches Rauschen der Stille wie aus 
einer grofien Muschel. Kiihl und weich flutete die unendliche Stille, ein 
Ozean, der von den Fufien aufstieg und stieg - schon stand sie mit den 
Knien darin, und die blaue Stille deckte die Hiiften ein und wuchs um 
das Herz beklemmend. 

Ein gutes Dunkel kam und deckte sie zu. Sie sank in die Ohnmacht, in 
den weichen, ausgebreiteten, gastlichen Mantel aus zartlichem Samt. 



Ill 

So fand sie die Mutter, die allzeit geschaftige, in Sorgen ergrauende, die 
Mutter, die von der Tour kam, aus Purkersdorf mit der Westbahn. 
Den Hut, den schiefen, auf der Fahrt beschadigten, zum Einkassieren 
unerlafilichen, warf sie auf das Sofa. Eier zerbrachen mit klaglichem 
Laut in der Tasche. Schon 6'ffnete sie den zitternden Mund zum Fluch, 
ein haftliches Wort kriimmte die Lippe, da erschrak sie, dachte an 
Selbstmord und grausigen Bericht in der Zeitung und beugte sich iiber 
Fini. 

Das Madchen erwachte und sah iiber sich das breite Gesicht der Mut- 
ter, sah in die schmerzlichen Augen und eine unbekannte Giite darin, 
einen Trost und ein fremdes Erschrecken. Rasch hob sie die Mutter auf 



356 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

starken Armen ins weifie, breite, weiche Bett, kalte Milch brachte sie 
und kiifite Stirn, Mund und Augen wie lange nicht mehr. Vertraut war 
die Beriihrung der miitterlichen Lippen, lang entbehrt und wie eine 
Wiederkehr der halbvergessenen Kindheit. »Mein gutes Kind«, sagte 
die Mutter und wiederholte die Worte, und ihre Stimme war verwan- 
delt, die Stimme einer alten, einer gewesenen, verlorenen, zuriickge- 
kehrten Mutter. »Jetzt bist du unwohl«, sagte die Mutter und: »Nun 
bist du eine Frau.« Und Fini verstand, was Tilly, die Erwachsene, im- 
mer gefragt hatte: ob sie auch schon unwohl sei. Eine stille Feier ent- 
ziindete sich im Innern, ein heimliches Fest, als triage man ein weifies 
Kleid und wiirde konfirmiert. 

»Bleib morgen zu Hause, geh nicht ins Biiro«, sagte die Mutter. Weich 
und warm wie ein kleiner, lieber Wind ging ihre Stimme iiber Finis 
Gesicht. So merkwiirdig verwandelt war alles; der Bruder schwieg, der 
sonst immer tobte, die Mutter summte leise in der Kiiche, und der 
Nachtwind spielte mit einer zart klirrenden Fensterangel im Neben- 
zimmer. Ruhe, weifie, war im Bett und in der Welt, die behagliche 
Warme eines neugefundenen Heims, Heimat ohne Ende, Giite ohne 
Grenze und mit der Mutter die Gemeinsamkeit des Erwachsenseins 
und des Frauseins. Nicht mehr strafende Mutter war sie, sondern 
schwesterliche Frau. 

Spat am Abend klingelte die Nachbarin noch, auf einen Plausch kam 
sie; leise rasselte ihr Schliisselbund, und man horte sie reden. Fini 
lauschte; die Mutter sprach mit der Frau vom Krieg; sie lasen im 
Abendblatt den Sieg von Sadowa und sprachen von den Mannern, die 
lange nichts mehr schrieben. Der Duft bratender Erdapfel wandelte 
durch die Zimmer; die Frauen afien und kicherten; jetzt erzahlte die 
Mutter von Fini, und das Kichern der alten Frau wurde unangenehm, 
und ihr Fliistern kam wie ein Zischen unverstandlich und beunruhi- 
gend aus der Kiiche. 

Zu schon war die Behaglichkek des weiften, heimatlichen Bettes und 
zu aufregend ein mifttrauisches Lauschen. Es war besser, man legte 
sich gerade hin und dachte an gar nichts mehr. 
Aber plotzlich iiberfiel Fini der Gedanke an den schrecklichen verlore- 
nen Brief, und sie rief die Mutter herbei und erzahlte es ihr, die nicht 
erschrak und nicht fluchte, sondern giitiger wurde und weicher, Trost 
und Vermittlung versprach und mit beiden Handen die Decke glattete. 
So verwandelt hat sich die Welt, eine Dankbarkeit stromt aus tausend 



DER BLINDE SPIEGEL 357 

aufgebrochenen Quellen, und aus den Tiefen verschiitteter Kindheit 
holen wir unsere alten, kleinen, frommen Gebete hervor und weinen 
ein bifichen zu dem auferstandenen Gott und schlafen ein. 



IV 



Um acht Uhr friih schon weckte eine schrille Klingel, eine Feldpost- 
karte des Vaters kiindigte sie an oder eine Todesnachricht; eines von 
beiden nur konnte es sein. Tag fur Tag, Stunde um Stunde wartete man 
auf die Karte, auf die Todeskarte vom Regiment, und man zitterte vor 
dem kurzen Geschrill der Glocke, das man ersehnte, wenn es ausblieb. 
Fini horte der Mutter gewohnliches Achzen beim Aufstehen, das 
Schlurfen ihrer Pantinen bis zur Tiir und zuriick, den Grufi des Post- 
boten und das Rattern der emporgezogenen, holzernen Jalousien. Es 
dauerte ein paar Minuten, es waren Minuten siifter, banger Ungewifi- 
heit, die wir liebhaben, die gespannten Minuten mit dem angehaltenen 
Atem vor den grofien Uberraschungen, die man immer ersehnt, und 
waren sie auch furchterlich. 

Aus der Kiiche scholl der Mutter freudiger Ausruf, herbei eilte sie ans 
Bett und setzte sich und meldete die Ankunft des Vaters, der schon 
unterwegs war, entronnen dem Tode, verletzt, und vielleicht fur im- 
mer dem Hause wiedergegeben. 

Mit zartlich zittrigen Fingern zerknitterte sie die rote Karte, schon sah 
sie aus wie am Busen zerdriickt, und der arme Kopf vergafi das Butter- 
brot fur Josef und die Obliegenheiten der morgendlichen Stunden. Am 
Bettrand safi sie mit dttnn gewickeltem Zopf und spann Traume, 
wollte Touren aufgeben, die vergeblichen wenigstens, und von Ar- 
nold, dem Onkel, die ertraglichen und ertragssicheren abkaufen, in 
den Gegenden der Munitionsarbeiter, die sichere Gehalter bezogen 
und verlaftliche Ratenzahler waren. 

Eine merkwiirdige Giite offenbarte das Leben, Gnaden schtittete Gott 
aus, er verwandelte die Mutter, die fluchende, die Racherin und die 
Richterin, in die gutige, freudige Frau, fast konnte man's nicht glau- 
ben. Oft schon waren Zweifel in Fini des Morgens gewesen, ob sie in 
die Wirklichkeit des Tages erwacht oder entschlummert war in die 
Fortsetzung des Traumes. Diesmal war alles unwahrscheinlich, die 
Sonne und der plinkende Sperling am blechernen Fensterbrett, die gol- 



358 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

dige Staubsaule in der Ecke beim Ofen, die Wiederkehr des Vaters und 
die Ruhe im Herzen. 

Die Mutter stromte den schwiilen Duft ihrer Korper- und Bettwarme 
aus, sie roch vertraut wie warme Milch und weckte in Fini das Verlan- 
gen, die Arme um den Hals der Frau zu legen, die nachgiebige Weich- 
heit der mutterlichen Briiste zu fiihlen und glikklich zu weinen. Ware 
nicht der Gedanke an den verlorenen Brief noch lebendig in seiner 
ganzen Furchtbarkeit - wie ware der Morgen sorgenfrei und wunder- 
bar-, ware die nachste, die kommende Stunde nicht in der Kanzlei vor 
dem Doktor Finkelstein. 

»Ich will hingehen und ihm erzahlen«, sagte die Mutter. Und Fini ent- 
sann sich der Schuljahre und der mutterlichen Vermittlungen und un- 
geschickten Ausreden und des blamierenden Diskurses zwischen Mut- 
ter und Lehrer und entschlofi sich, selbst zu gehen. Wenn Gott, der 
wiedergekehrte, neuerbetete, helfen wollte, so half er in alien schwieri- 
gen Dingen den kleinen Madchen, und wie immer, wenn wir fast kei- 
nen Ausweg mehr wissen, dammert in unsern Kopfen langsam eine 
Ausrede und formt sich zum wahrscheinlichen Bericht, an den wir 
selbst am Ende glauben. Konnte man nicht mit der Feldpostkarte hin- 
gehn und den verlorenen Brief mit Aufregung entschuldigen, die man 
wohl glaubte, wahrend man eine Ohnmacht, eine gewohnliche, bela- 
chelte? Vieles Wunderbare war seit gestern geschehn, viel mehr Wun- 
der brachte das Heute. - Und Fini, die Kleine, ging iiber die Strafien, 
vor denen sie sich gestern so gefiirchtet hatte, und war nicht mehr 
gering und verloren, sondern stolz und gehoben, gewachsen und reif 
geworden in der schwiilen, regenschwangeren Luft des triiben Tags. 
Die Wolken hingen fallbereit. Kleiner schien die Unermeftlichkeit der 
Atmosphare und naher der Welt; verlangend lag der Himmel iiber der 
Erde, bereit, sie zu umarmen und zu befruchten. 



V 



Die Wunder horten nicht auf, die Giite Gottes gebar sich immer neu. 
Ein Mann kam, eine Viertelstunde vor dem Doktor Finkelstein, und 
brachte den Brief, den verlorenen, in die Kanzlei. Fini gab ihm ihr 
letztes Straftenbahngeld. Sie sah den Mann genau an und behielt sein 
Gesicht, seine Kleidung, seinen Schnurrbart treu im Gedachtnis. Jah- 



DER BLINDE SPIEGEL 



359 



relang spater wufite sit, dafi ihm Haarbiischel, graue, aus den Ohren 
wuchsen. Allerdings kam der Sozius Blum in dem Augenblick herein, 
als der Mann fortging, grofi, stark, duftend und strahlend, ein Gott der 
Frauen. Behutsam und vaterlich fafite er Finis Arm, Milde und Verzei- 
hung schwangen in seiner Stimme, als er zur Vorsicht fur alle kiinfti- 
gen Falle mahnte. Dabei spiirte sie den sanften Druck seiner Finger am 
Oberarm, sie blickte zu ihm auf und sah seine sorgfaltig verworrene 
Locke uber dem linken Auge und seinen lachelnden Mund. 
Spater flofi das Wunderbare liber in die gewohnliche Lauheit argerli- 
chen Tages. Fini safi vor dem braunen Telephonapparat mit den ver- 
wirrenden Stopseln und verworrenen Bandern, den griingetupften, 
den rotgestreiften, den blauen und den unbesetzten Lochern, vor de- 
nen die ratselhaften Klappen aus ratselhaften Griinden plotzlich abfie- 
len mit leisem Schlag wie verwelkte, harte Augenlider. Das Telephon 
schrillte, die helle Fanfarenstimme einer Frau verlangte den Doktor 
Blum; ein Stopsel flog in ein beliebiges Loch, und Fini wartete auf den 
Erfolg. Schon ahnte sie gleichzeitig, dafi es eine falsche Verbindung 
war, und sie wartete furchtsam wie in der Schule, wenn sie auf der 
Tafel eine Rechnung falsch gelost hatte und hinter dem Riicken das 
peinliche Schweigen der Klasse fiihlte und den triumphierenden Atem 
der Lehrerin auf der Schulter. Wie konnte man auch an diesem stopsel- 
reichen Apparat den richtigen finden, wenn ein Wunder nicht zu Hilfe 
kam? 

Ach, es kam nicht, sondern der Doktor Finkelstein. Gefrafiig, mit 
einer Aktenmappe stiirzte er, der ewig gefrafiige, immer sturzbereite, 
streitbare, mit starken Brillenglasern funkelnde, herein; denn bei ihm 
hatte es gelautet und nicht beim Sozius, bei ihm hatte die Exzellenz 
Helena nichts zu suchen - »nichts zu suchen, sage ich« -, die Schlange, 
die sie beide noch ruinieren wiirde. »Ich mache keine Strafprozesse, 
das mufiten Sie wissen, zehn Jahre sitzen Sie hier!« Larm kiindigte ihn 
an, den Doktor Finkelstein, in einer Wolke von Larm lebte er, und er 
begann zu diktieren. »Lassen Sie den Apparat, den Sie doch nie verste- 
hen werden, und setzen Sie sich an die Maschine!« - Und leise vor sich 
hin wiederholte er: »2ehn Jahre sitzt sie schon hier« - bis plotzlich ein 
Blick zu Fini hiniiberflog und ihr Gesicht streifte und eine dunkle 
Erinnerung an die Erzahlung des Doktor Blum von einer neuen, jun- 
gen Hilfskraft weckte. 
Wie flatterte das Herz, wenn er diktierte, die grofien, fremden, nie 



360 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gehorten Worte sprudelten, Sturzbache erstaunlicher Satzgefuge, 
prachtvoll exotische Klange, lateinische Namen, Satze, labyrinthisch 
gebaute, mit kunstvoll verborgenen Pradikaten, die manchmal uner- 
klarlich verlorengingen. Wahrend Fini stenographierte, iiberhorte sie 
ein Wort, mifiverstand sie einen Namen, und der Bleistift, miihsam 
unter den Druck des Zeigefingers gezwungen, begann zu flattern, wild 
auf raschelndem Papier, der Klang eines gehorten Wortes zeugte ein 
ahnliches im Bewufitsein, drohend erhob sich am Ende des Diktats die 
unerlafiliche Vorlesung des Stenogramms, und daran mufite Fini den- 
ken, wahrend sie schrieb. An die nachste halbe Stunde, in der es sich 
erweisen sollte, wie klaglich das Diktat ausgefallen war, an die mifi- 
lungenen Satze mit den verstummelten Namen, die weggelassenen 
Paragraphen und verschobenen Pradikate. Es war, als hatte man ein 
verriicktes, wirbelndes Rad zu stenographieren; grofie, bunte Rader 
kreisten, wuchsen violett und rot gerandert aus dem Papier. 
Dann erfolgte die Kundigung, notgedrungen, Entlassung auf der Stelle 
sogar. Riickkehr mit hangendem Kopf und Suchen in den kleinen An- 
zeigen des Morgenblattes. Warten in den Vorzimmern und sorgsames 
Kalligraphieren der gleichiautenden Offerten. »Punktum, Schlufi!« 
schrie Doktor Finkelstein, »lesen Sie, schnell!« Aber an diesem wun- 
derbaren Tage stromte Rettung, plotzlich und dankbar empfangen, aus 
alien Tiiren. Nun klingelte jemand, und Exzellenz Helena trat ein, ihre 
Stimme klang hell, eine Siegesfanfare, in hellem Kleid rauschte sie mit 
dem kuhngeschwungenen Hut voll jugendlicher Kornblumen. Aus 
einer merkwiirdigen, grofien Welt kam sie, aus der Welt der noblen 
Klientel; Leere war urn sie, kein stenographierendes Madchen und 
kein Biirodiener, durch Kleider und Korper drangen ihre Blicke, aus 
Glas war man selbst, ein durchsichtiger Gegenstand. Die tobende 
Wildheit Doktor Finkelsteins war dahin, Hoflichkeiten stotterte er 
und empfahl sich bestens, den Sozius versprechend. 
Einen Akt gait es zu suchen, einen verlorenen Akt. Exzellenz Helena 
contra Ehegatten, und man suchte ihn unter H, verzweifelt, schnell, 
fiinfmal durchblatterte Fini den Buchstaben H, bis Doktor Blum un- 
geduldig Tuschak rief, Exzellenz Tuschak. Unter T fand sich der Akt. 
Wahrenddessen safi Tilly eifrig gebeugt iiber raschelnden Papieren, 
Bleistifte spitzend, Radiergummis ordnend, Loschblatter schneidend, 
Briefmarken zahlend; vergebens suchte Fini ihren Blick, den freund- 
schaftlichen Blick, den Hilfe versprechenden - ein boses Ding war 



DER BLINDE SPIEGEL }6l 

Tilly, sie stellte sich fleifiig und liefi den Kameraden im Ungluck. Es 
verdrofi und tat weh, das Blut schofi in die Wangen, Fini fiihlte, wie 
ein Strumpfband sich lockerte, aber ein rettender Griff nach dem Knie 
war verboten und hatte ein Jucken vorgetauscht, das lockere Band und 
der rutschende Strumpf nahmen den letzten Rest von Haltung, Papiere 
stoben flatternd auseinander. 

Dann folgte eine heilende Stille, keine Klingel weckte. Fini sah durchs 
Fenster, sah die langsame Turmuhr, das rote Kloster mit dem Wandel- 
gang fur die Nonnen im Park, die hin und her schritten, schwarz und 
weifi, fremde Geschopfe im Jenseits hinter den roten Mauern, im Gar- 
ten, im Vorhof der ewigen Seligkeit. Die Scheu vor den Brauten Chri- 
st! verschwand, und Fini schien es wunderbar im Garten des Klosters. 
Langsam riickten die goldenen Zeiger vor, Exzellenz Helena ver- 
rauschte, einen Augenblick stand Doktor Finkelstein noch da mit fun- 
kelnden Brillenglasern, dann ratterte er los mit der schwarzen Mappe 
und der flatternden Hutkrempe. 

In den Strafien war der Friihling, es hatte geregnet, und die groflen 
Kieselquadersteine leuchteten rot und blaulich, als spiegelte sich in ih- 
nen ein Regenbogen. Frisch gewaschen war das Gras auf den Rasen- 
beeten, die Amseln standen schwarz in der Strafienmitte, Fini schlen- 
derte langsam mit Tilly, heute schon erwachsen, unwohl und Frau. 
»Ich sehe schlecht aus«, sagte Fini, »siehst du nicht? Ich bin unwohl«, 
sagte Fini wie etwas Selbstverstandliches und maE die Briiste Tillys, 
die unter der diinnen Bluse zitterten. Die Manner lachelten sie an, die 
jungen Manner, die beutegierig durch die Strafien gingen. 
Bei Trillby lockte gelbes Eis, von zarten Waffeln iiberdeckt, in rund- 
geschliffenen Eierglasern, die halben und ganzen Portionen auf mar- 
mornen Tischchen draufien, und die tiefen Korbsessel. Das Porto, das 
bitter verdiente, ging zur Halfte drauf, ein Trinkgeld bekam die Kell- 
nerin, und knapp, ehe ein Einjahriger sich anschickte, aus der hinteren 
Ecke an den Tisch der Madchen zu treten, standen sie auf und schrit- 
ten, neu gestarkt und den Glanz der untergehenden Sonne vor sich auf 
den Gesichtern, um die Ecke. 

Es duftet zu Hause nach slifien Dingen, die man fiir den heimkehren- 
den Vater bereitet, der Bruder Josef tobt - und als waren Jahrzehnte 
seit gestern vergangen, so fullt wieder die graue Unerbittlichkeit das 
Haus, die Treppe und die Mutter. Dahin ist die warme Bettheimlich- 
keit von gestern, die Mutter kommt forschend aus der Kiiche, Einzel- 



362 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

heiten des Tagesablaufes will sie wissen, unablassig. Tief schneiden die 
Seufzer ihrer Unzufriedenheit ins Herz, die Nacht kommt und die 
geizige Petroleumlampe mit dem graublau angehauchten Glaszylinder, 
aus dem die Nachbarin Regen fur morgen prophezeit. 



VI 



Es regnete wirklich, und der Vater kam, mit ergrauten Schlafen, ratsel- 
haft klein geworden und behaftet mit dem Duft von Jodoform, Hy- 
giene, Rotem Kreuz und Eisenbahn. 

Eine Granate hatte ihn Gott sei Dank verschuttet; nun war er da, fur 
immer vielleicht, aber ratios inmitten seiner gesunden FamiKe, betaubt 
von der Ankunft in seinem eigenen Haus, heimatlos in der Heimat und 
aufiergewohnlich zwischen dem Gewohnlichen, mit suchenden Blik- 
ken, die immer abglitten und zuriickzukehren schienen in eine Feme, 
in die verlassene Feme, deren SchattenrifS wir kaum ahnen konnten, 
deren Wirklichkeit uns niemals erkennbar war. 

In Fini lebte er als der grofie, starke Mann, der sie in die Arme nahm, 
als er schied, jetzt war er klein und gedriickt und ihn umarmte Fini. 
»Lauter sprechen«, bat er und erzahlte, dafi er schwerhorig geworden. 
Man sprach lauter, man schrie, und er hatte doch nicht verstanden, er 
war stocktaub, und nach zwei Tagen kam er mit einem schwarzen 
Horrohr, das seltsam und erschrecklich aus der oberen Tasche seines 
Uniformrocks einen langen Hals mit breitem Trichter reckte. Verwan- 
delt war er ohne Instrument und noch mehr, wenn er es ans Ohr legte. 
Jeden Tag humpelte er an seinem Stock ins Spital und brachte den 
Geruch der Medikamente nach Hause und manchmal einen grofien, 
langlichen Brotlaib, den man beim Backer nicht bekam. Die Verwand- 
ten kamen, ihn zu begrufien, sie schrien mit Lust und weideten sich an 
seinen MiEverstandnissen und lachten verstohlen. Arnold, der Onkel, 
wollte seine guten Touren partout nicht verkaufen, und man sprach 
von einer Neugriindung der Existenz. 

Dann waren die lauten Besuchstage verrauscht, und einmal entstand 
ein Streit wegen einer Zundholzschachtel, die der Vater im Spital ver- 
gessen hatte oder im Wirtshaus - wer konnte es wissen? Ein wenig 
trank er, dann war er stiller als gewohnlich, und manchmal stahl er 
kleine Dinge aus dem Hause. Die Mutter schrie, nur sie allein verstand 



DER BLINDE SPIEGEL 363 

er gut, und er blieb die Antwort nicht schuldig. Aber sprach die Mut- 
ter leise, verstand er dennoch nichts, und sie durfte fluchen - und 
Worte, die sie tief zuruckgedrangt hatte, ware er nicht taub gewesen, 
tanzten jetzt frech iiber ihren Mund und trafen ihn nicht, so daft er 
lacheln konnte, wenn sie »Schubiak« sagte. 

In der Nacht aber horte man sie zartlich fliistern im Bett, wenn Fini 
zufallig erwachte; spat nach Mitternacht drang das Wispern schwiil aus 
dem Schlafzimmer. Da belebte sich wahrscheinlich sein Gehor, denn 
es ging um Liebesdinge. Merkwiirdig war, dafi sie ihren Streit verges- 
sen konnten, wenn sie Korper an Korper lagen; der warme Milchduft, 
der von der Mutter kam, versohnt ihn, dachte Fini. 
Warm war die Nacht, und das Bett stromte Warme aus; Fini stand auf 
und ging ans offene Fenster, wahrend Vater und Mutter im Schlafzim- 
mer eine Kerze anziindeten mit heiserem Kichern. 
Running iiberfallt uns in der klaren Nachtluft, wenn die Sehnsucht aus 
den blauen Griinden zu uns kommt und am Fenster der Pfiff einer 
weitrollenden Lokomotive hangenbleibt, auf dem Biirgersteig gegen- 
iiber liebesdurstig eine Katze schleicht, in einem Kellerfenster ver- 
schwindet, hinter dem der Kater lauert. Grofi und sternenreich ist der 
Himmel iiber uns, zu hoch, um giitig zu sein, zu schon, um nicht einen 
Gott zu erhalten. Die nahen Kleinigkeiten und die feme Ewigkeit ha- 
ben einen Zusammenhang, und wir wissen nicht, welchen. Vielleicht 
wiifiten wir ihn, wenn die Liebe zu uns kame; sie ist mit den Sternen 
verwandt und mit dem Schleichen der Katze, mit dem Pfiff der Sehn- 
sucht und mit der Grofte des Himmels. 

Zwei Menschen entkleideten sich driiben, hinter den Jaiousien sah man 
ihre Schatten, eine Hand loschte mit wehendem Schwung die Kerze 
aus, und Mann und Frau gingen schlafen - jetzt fliisterten sie, wie die 
Eltern fliistern. Fini fuhlte die Nachtluft nicht mehr, rote Kreise vor 
den Augen sah sie, ein jaher Blutstrom rann in die Schenkel, und die 
Spitzen ihrer Briiste wuchsen, streckten sich dem Draufien, den Loko- 
motiven, den Pfiffen, den Sternen entgegen. 

Der neue Tag graute; hinter den Hausern erhob sich ein weiftes Leuch- 
ten. Sonntag war es. Der Morgen breitete sich aus, schnell hellte das 
Zimmer auf, am Nachmittag gehen wir mit Tilly ins Atelier; wir wer- 
den neue, wunderbare Dinge erleben, in einer unbekannten Welt, 
neue, grofte Dinge, kleine, kleine Fini. 



364 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

VII 

Dieser Nachmittag im Atelier behielt seine leuchtende Seltsamkeit 
noch lange Jahre spater, als Fini schon in einer anderen Welt lebte und 
die siifie Dummheit ihrer jungen Tage vergessen und vergraben hatte. 
Mitten zwischen den grofien und klugen Menschen war sie noch einsa- 
mer als daheim, geringer als in den weiten, grofien Strafien der grofien 
Stadt, wenn sich das Leben eisern iiber ihrem kleinen Kopfe wolbte. 
Aus alien Bereichen der wunderbaren, ungekannten und kaum erahn- 
ten Welt stromten die Gedanken der Menschen, die schonen, die zar- 
ten, die unverstandlichen, die weichen Gedanken, die Musik aus un- 
zahligen, verstreuten und verborgenen Instrumenten. Die Halfte ver- 
stand sie nicht und wufite nicht, wen zu fragen; denn unerreichbar war 
Tilly, die Erwachsene, Gewandte, die kiihn zu Hause war, wo man sie 
hinstellte, und aus der glanzvollen Mine, die sie einnahm und die ihr 
gebuhrte, in den stillen Winkel Finis kuhles Lacheln schickte und kalt 
strahlenden Blick. Fini fuhlte, dafi keine Hilfe kam, und es war ihr, als 
miifite sie, ungelernt, wie sie war, in der nachsten Stunde zur Prufung 
treten. Stolz und mutig waren die Menschen, gewifi kamen sie aus den 
grofien, kiihlen, bewachten Hausern und aus den reichen Zimmern, in 
denen Spiegel an jeder Wand die Haltung ihrer Besitzer unter steter 
Aufsicht halten und bis zur Vollkommenheit verbessern. Wer aber, 
wie wir, aus den engen Hausern kommt und in den Zimmern mit den 
blinden Spiegeln heranwachst, bleibt zage und gering sein ganzes Le- 
ben lang. 

Schon sprachen die Manner, sie hatten braune Gesichter und mutige 
Augen, und sie waren auch im Kriege gewesen, wie der Vater; aber sie 
kamen nicht klein und gedriickt und nicht taub nach Hause, und selbst 
aus ihrer Verstummelung noch strahlte Glanz. Die Manner sind aus 
einer ganz anderen Welt als wir kleinen Madchen, sie sind klug, stark 
und stolz, sie lernen viel und wissen viel, sie suchen die Gefahren, und 
durch die Strafien gehen sie herrschend, und ihrer ist, was sie sich wun- 
schen, die Hauser, die Bahnen, die Frauen und die ganze Stadt. 
Ein Maler, Ernst hiefi er, zeigte Fini Skizzenblatter, einen Hund, ein 
nacktes Madchen und Schwalben im Flug, und man sah es ihm an, dafi 
er schenken wollte, weil Fini ihm leid tat. »Sagen Sie doch etwas«, bat 
er sie, aber nichts hatte sie zu sagen, und alles ware so dumm gewesen, 
was sie einem Maler hatte sagen konnen, der Schwalben im Flug, einen 



DER BLINDE SPIEGEL 365 

Hund und nackte Madchen malen konnte und der so, was er erblickte 
und was ihm gefiel, auf ein Papier brachte. Er sprach, Fini horte nicht 
jedes Wort; denn sie dachte, dafi sie selbst etwas sagen miifite. Einige 
Male offnete sie den Mund, aber ein halbgedachtes Wort blieb auf der 
Zunge, furchtsam uber einen biamierenden Laut wachte das ange- 
strengte Gehirn. Es wurde ihr heifi in der Ecke, sie wagte nicht aufzu- 
stehn, sie hatte ein paarmal auf- und abgehen mogen, und sie durfte es 
nicht, und hilflos wie ein Vogel mit geputztem Gefieder kauerte sie auf 
einem runden, kleinen Stuhl und die getiinchte Wand im Riicken, an 
die sie sich nicht lehnen durfte wegen des dunkelblauen Rleides. Sie 
horte aus einer groften Weite die Stimme des Hausherrn, der ein Musi- 
ker war und Ludwig hieft und eine geblumte Weste mit Perlmutter- 
knopfen trug, seine Stimme klang wie ein dunkles Cello, und Tilly 
durfte ihm du sagen, so nahe war sie den Menschen und gliicklich. 
Eine Skizze Ernsts stellte eine Frau dar, die auf einem diinnen Pfad 
zwischen weiten Wiesen und Feldern ging, und obwohl kein deutli- 
cher Zusammenhang war zwischen dem Weg dieser einsamen Frau 
und Fini, behielt sie das Blatt dankbar, und es schien ihr, als ware diese 
schone, sanfte Frau sie selbst und ihr enger Pfad zwischen unendlich 
griinenden Wiesen, in ihrer Fruchtbarkeit dennoch traurigen, mit der 
ganzen Melancholie vergeblichen Bluhens. In braunes Papier bettete 
sie das Bild, so lag es drei Tage an der Wand ihres kleinen Taschchens, 
bis einmal, da niemand zu Hause war, auch dieses Blatt das geheime 
Versteck fand, das niemandem bekannte, auf der nackten Tischplatte, 
unter dem mit Reifinageln befestigten Wachstuch, wo das schone, 
glatte Silberpapier sich breitete, unschatzbarer Reichtum, im verborge- 
nen leuchtend. 



VIII 

Alle unsere kleinen Geheimnisse, die wir durch harte Monate gebor- 
gen haben vor dem rohen Zugriff unbekummerter Hande, die lieben, 
kleinen Perlmutterknopfe und das geprefke Stanniolpapier, die kiinst- 
lerischen Ansichtskarten und die farbenfreudigen Seidenproben, alle 
Dinge, die wir sorgsam gehutet haben wie warme Geschopfe und an 
die wir taglich denken: im Buro, wenn der Doktor Finkelstein diktiert 
und wenn wir vor dem verwirrenden, braunen Telephonapparat ratios 



}66 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sitzen, auf der Strafie, wenn wir die Briefe austragen, die wichtigen 
Briefe in dem griingefafiten Buch - unsere warmen Geschopfe, unsere 
Trostungen und unsere Geheimnisse - eines Tages - man raumt zu 
Hause auf - werden sie aufgestobert aus ihrem sicheren Gewahrsanrij 
schamlos preisgegeben dem schamlosen Blick der Mutter und ihrer 
grausam vernichtenden Hand. Wie kleine Vogel, die eine herzlose Ge- 
walt aus dem schiitzenden Nest schuttet, gehen unsere kostbaren Dinge 
verloren in der wirren Wiiste der auseinandergeschobenen Mobel. 
Eines Abends kehrte Fini heim und sah die Tischplatte nackt, ohne 
Wachstuch; Reiflnagel lagen glanzend in einem kleinen Hauflein, und 
zerrissen waren die letzten Reste der kunstlerischen Ansichtskarten und 
der Skizze mit der wandelnden Frau zwischen melancholisch bluhen- 
den Feldern. Es war eine Ruckkehr in eine verwiistete Heimat, in der ein 
Feind gehaust. Zertriimmert lag die ganze, mit liebender Miihsal aufge- 
baute Welt. Ein Snick hing an jeder der verlorengegangenen Nichtigkei- 
ten, und Fini weinte, obwohl sie wufite, dafi sie lacherlich wurde vor 
dem Bruder und dem mitleidigen Hohn der Mutter. Niemand in der 
Welt verstand, was Fini verloren hatte: die wunderbare Skizze mit der 
wandelnden Frau, das Geschenk, empfangen in einer Stunde, in der die 
Tore eines neuen, fremden, wunderbaren Lebens aufgegangen waren. 
Fini weinte und schamte sich, dafi sie kindischer Dinge wegen weinte, 
und sie weinte zugleich, weil sie die Kostbarkeit des Verlorenen ver- 
leugnen mufite. 

Nur einer verstand sie vielleicht, der Vater, der taube, der mit den 
Augen hone; sie waren wissend und mitleidsvoll, und mit den letzten 
Resten seiner aufgehobenen Herrlichkeit bemiihte er sich, den Sohn zu 
beschwichtigen und die fluchende Frau. Plotzlich fiihlte Fini seine harte 
Hand auf der Schulter; gute Worte sprach er und setzte sich zu Fini in 
die Ecke, auf die Kante des grofien, eisenbeschlagenen Koffers, und 
beide waren sie Verbitterte und Gefesselte im Reiche der Mutter und des 
tobenden Bruders. Seit diesem Tag liebte Fini ihren Vater. 
Die nie gestillte Sehnsucht lebte auf, die Sehnsucht nach einer kleinen, 
eigenen geheimen Lade, einem warmen Zuhause im kalten Heim, einer 
Statte, die Zuflucht gewahrte und Geheimes barg. So eine Lade ver- 
sprach ihr der Vater; merkwiirdig war sein Gebrechen: Seine Taubheit 
schwand, und die tiefsten Wiinsche vernahm er mit tausend hellhorigen 
Ohren. Seine harthautigen Finger zitterten ein bifkhen und lagen auf 
denen Finis, und er bat sie: »Gehn wir spazieren!« 



DER BLINDE SPIEGEL }6j 

Und Fini ging mit dem Vater durch die lauten Strafien, die iangsam 
dunkelten, und war miitterlich, als fiihre sie ein Kind, und schenkte 
dem Vater, dem humpelnden, die ganze Liebe, die dem Stanniolpapier 
gegolten hatte, den seidigen Bandern und der wandelnden Frau. Sie 
gingen spazieren und fuhlten sich geborgen vor dem eisernen Zugriff 
der unermudlich saubernden Mutter. 



IX 



Einmal, unterwegs, zwischen dem Landesgericht I und der Firma Mar- 
cus & Sonne, kam der Maler Ernst und griifke tief, wie nur grofie 
Damen aus der noblen Klientel des Doktor Finkelstein gegriifk wer- 
den. Es liefi sich nicht verbergen, dafi sie das griingefafite Buch trug 
und die wichtigen Briefe darin, um das Porto zu verdienen. »Ich mache 
Geschaftswege«, sagte sie und lieft den Maler warten vor den Hausern, 
in die sie hineinging. Dann lenkte er ihre Schritte durch den dunklen 
Park, in dem die Parchen saften und die Liebe bliihte, in dem die wei- 
f$en Schwane auf blauen Teichen schwammen und den zu betreten die 
Mutter verboten hatte, eingedenk der Sine und der mutterlichen 
Pflicht. 

Zum ersten Male ging Fini mit einem Mann des Abends durch den 
Park, den sie nur am hellen Nachmittag durchschritten, wenn auf den 
Banken die Schlafer Sonne tranken; am Nachmittag nur wagte sie, die 
hurtigen Fiifie hemmend, liber den Kies der Wege zu gehen und der 
Blumenbeete Reichtum zu bestaunen und, aufgeschreckt durch den 
wuchtenden Fall des Turmuhrschlages, die hammernde Sorge wegen 
nachlassiger Verspatung durch zehnfach beschleunigten Schritt zu be- 
tauben. 

Der Park war anders, dichter und dunkler, warmer und giitig. Was 
hinter den Baumen war, sah Fini nicht, was in der betaubenden Helle 
der Lampen sich zutrug, der stehengebliebenen silbernen Blitze, die 
den Weg bis zum nachsten Licht in schwarzere Nacht tauchten. Melo- 
dien, von der Terrasse kommend, flossen gedampft durch dichtbe- 
laubte Baume und abgelenkt durch das Rauschen abendlichen Windes, 
auf- und abschwellend, in seltsam geschwungenen Wellen, und der 
starke Rhythmus eines bekannten Marsches glattete sich in der dunk- 
len Allee zum Walzer. 



368 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Und neben Fini ging der Mann, der siegreiche Mensch mit der tiefklin- 
genden Stimme, und roch tierhaft und fremd, wie bitteres Kraut und 
Waldwurzel, und gleichgiiltig war, was er sagte. Wie unter einem seg- 
nenden Regen ging man unter dem gleichklingenden Strom seiner un- 
verstandenen Reden und senkte den Kopf und spahte suchend nach 
einem bekannten Gesicht in der Fulle der Gesichter, das zu Hause 
verraten konnte. 

Auf die Terrasse des Restaurants stiegen sie, marmorne, herrliche Stu- 
fen empor, wie sie zu Thronen fithren und gelbgetontem, schmelzen- 
dem Vanilleeis in sanft gerundeten Tassen. In einem zartlichen Winkel 
safien sie, enge die Knie an die marmorne Platte des niedrigen Tisches 
gednickt, und der silberne Klang eines kleinen Loffels, der klirrend ans 
Glas schlug, betaubte fur den Bruchteil einer einzigen Sekunde. 
Dann sah man die schweigenden, marmornen Manner, gednickt in das 
schwarze Griin der rauschenden Baume, sah, wie die starren Gliedma- 
ften in der flutenden Stille der Nacht zu leben begannen. Zum ersten- 
mal sah Fini so lebendige Denkmaler, horte sie das Pochen des eigenen 
Herzens in den toten, nicht mehr toten, auferstandenen Dingen und 
fiihlte den Kreislauf des eigenen Blutes in den Steinen, den Banken, im 
Rasen und im Baum, in der nachthch geschlossenen Wasserlilie auf der 
unhorbar murmelnden Oberflache des Teiches und im duster ragenden 
Schilf. 

Den Park verliefien sie, iiber die weifie Briicke, die von Lichtern be- 
kranzte, gingen sie auf den schweigenden Marktplatz, in siifier Ratlo- 
sigkeit wandelnd, zwischen verlassenen Standen, gedrangt in den kar- 
gen Schatten der niedrigen Dacher und der pferdelosen Wagen, der 
Karren und der aufgestapelten Fasser. Heimatlose Kinder, wandelten 
sie, ein Dach suchend, ein Haus fur ihre Liebe. Sie gingen endlose 
Straften hinunter, und wenn sie an einem Hotel voriiberkamen, hielten 
sie beide einen Augenblick inne und gingen dennoch weiter. 
Plotzlich, aufgetaucht an einer stillen Ecke, stent der Vater da, rastend 
auf den Kriickstock gestiitzt, unter dem Licht einer Bogenlampe, mit 
einem einbeinigen Kameraden - sie kamen wohl beide aus dem Spital. 
Der Vater hob langsam seine lauschenden Augen und winkte ihr mit 
der Hand, und sie liefi Ernst und gab dem Alten die Hand, und der 
Vater tatschelte ihre Wange und zeigte sie dem Kameraden. Er sagte 
nichts, er schickte sie zuriick mit einem leisen Wink des Zeigefingers. 
Fini lief zu Ernst, dem geduldig wartenden, und begann zu reden, als 



DER BLINDE SPIEGEL 369 

sprache sie nicht mit dem Mann, dem sieghaft nach Erde und Wurzeln 
riechenden, sondern mit einer vertrauten Freundin. Alles schiittete sie 
in sein lauschendes Ohr, die Sehnsucht der Kinder und die Furcht ih- 
rer Tage und die Bedrangnisse im Biiro und die Enge daheim. Sie er- 
zahlte von dem verlorengegangenen Bild und dem sehnsuchtigen 
Schmerz um die wandelnde Frau auf engem Pfad, zwischen traurig 
und fruchtlos bliihenden Feldern; vom atemberaubenden Diktat des 
Doktor Finkelstein, des furchterlich mit kalten Brillenglasern funkeln- 
den, des ewig gefrafiigen, immer iiberfallbereiten, mit flatternder Hut- 
krempe und drohend geschwungener Mappe. Vom braunen Apparat 
mit den verwirrenden Stopseln und den verworrenen Bandern, den 
grungestreiften, den rotgestreiften, den blauen, von herrschend schril- 
len Frauenstimmen, die den Doktor Blum, den Sozius, verlangten. 
Von ratselhaften Klappen, die aus ratselhaften Griinden mit leisem, 
klagendem Klang niederfielen. Von der Mutter vergeblichen Touren 
nach Purkersdorf mit der Westbahn und von der Tilly Verrat im Biiro, 
wenn sie, Bleistifte spitzend, Briefmarken klebend, den hilfesuchenden 
Blick nicht erwiderte. Von verwirrten Akten, die unter fremde Buch- 
staben gerieten, unauffindbar, wenn man sie brauchte. Von des Vaters 
plotzlich eingebrochener Taubheit und der Notwendigkeit, eine Exi- 
stenz zu griinden. 

Sie fuhren nicht mit der Bahn nach Hause, zu Fuft gingen sie den wei- 
ten Weg, durch die rauschenden Straften der Stadt, in denen sich das 
Leben eisern und nicht mehr furchtbar iiber unsern Kopfen wolbt. Wir 
sind nicht verloren an der Seite eines schutzenden Bruders, dem unsere 
Geheimnisse gehoren; unsere Furcht vor daheim, unsere Furcht vor 
der Welt 1st dahin, Jahre sind her, seitdem wir das letztemal allein nach 
Hause gegangen sind, Jahre seit gestern, vergangene Wochen liegen 
weit zuriick, sagenhaft verschollen die Zeit unserer furchtsamen Ein- 
samkeit. Wir sind hungrig und fuhlen keinen Hunger, miide sind un- 
sere Fufte, und wir konnten meilenlang schlendern, kiihl wird es in der 
spaten Abendstunde, uns friert es nicht. 

Neue Skizzen versprach Ernst und ein Wiedersehen auf dem Markt- 
platz, wo die Fasser standen, gehauft neben der von Lichtern bekranz- 
ten Briicke - ein unauffalliger Ort, wo niemand sie finden sollte. Es 
war spat, nicht mehr lauerte boshaft hinter dem Gelander die Haus- 
meisterin. Aber erschreckend in seiner gutgemeinten Lautlosigkeit trat 
der Vater aus der Tiir der benachbarten Schenke; er hatte gewartet, auf 



370 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Fini gewartet, um sie und sich selbst zu retten vor den forschenden 
Fragen der Mutter; einen gemeinsamen spaten Spaziergang wolite er 
vorschiitzen, und die Gelegenheit, sich einen guten Sechsundneunziger 
zu gewahren, lockte ihn. 

Sie stolperten beide die dunklen Treppen empor, eng umschlungen, 
beide kannten sie ihre Geheimnisse, die Sunder, und mutig traten sie in 
die Kuche, der Mutter entgegen. 



X 

Das Leben, gestern noch gedrangt in die Enge der Strafie, der Stadt 
und des Hauses, in die vier tapezierten Wande des Buros - wie wuchs 
es liber die Mauern in die Walder. Im geizigen Schatten der nachtlich 
lagernden Fasser trafen sie sich jeden Tag, durch die leeren holzernen 
Hiitten gingen sie, rochen den Duft verkaufter Seefische und liegenge- 
bliebener Zwiebelschalen und gingen dennoch fromm vorbei an den 
toten Tischen und schlaffen Sacken, Hand in Hand, immer bereit, in 
der herrlichen Durftigkeit einer Hiitte ein Liebeslager aufzuschlagen 
und erschreckt durch den feme hallenden Schritt des wandernden 
Polizisten, das Bellen des Hundes, das Schlurfen des Bettlers. 
Hinaus kamen sie mit der Strafienbahn, die unter hangenden Zweigen 
dahinfuhr, geliebkost vom dunkelblauen, schattenden Flieder, vorbei 
am grtinen Segen der Gehofte, am grauen Fluch der Kasernen, hinaus 
auf die hiigelansteigende Landstrafte. 

Im weichen Moose lagerten sie, auf steilen Pfaden hielten sie sich um- 
klammert, oft waren ihre Korper einander nahe, und vor ihnen war die 
endliche Vereinigung, wie ein Feiertag nahe ist seinem Vorabend. Im- 
mer fiihlte Fini den sanften Druck einer zartlich gewolbten Hand auf 
ihrer kleinen Brust, huschende Fingerspitzen auf der kiihlen Rundung 
der Schulter und des Oberarmes, immer wenn sie allein war und zu 
Hause, im Traum und wenn sie erwachte, im Biiro, wo der Doktor 
Finkelstein seine Grausamkeit jah verlor und der braune Apparat nicht 
mehr schreckte. 

Musik horten sie, enge aneinandergedrlickt in einer engen Reihe, von 
Menschen umgeben und allein. Es erschiitterte sie ein plotzlicher leiser 
Sang, einen Schauer fiihlte man auf der nackten Haut und wartete auf 
die Wiederkehr dieses einen siiEen Tones. Es berauschte eine rau- 



DER BLINDE SPIEGEL 371 

schende Welle und hiillte sie ein, wie eine grofk Stille vor einer Ohn- 
macht einzuhiillen vermag. Es glitten die seidenbespannten Fiedelbo- 
gen auf- und abwarts, und in der verschwimmenden Ecke liebkoste der 
Trommler mit demiitig liebender Neigung des Oberkorpers die Trian- 
gel, dafi sie silbern lachelte. Aus dem Gleichmafi der Bewegungen 
schwoll das warme Rauschen, keiner Stimme der Natur vergleichbar, 
keinem Sang menschlicher, tierischer Kehle. Schdner als Vogelsang 
war der samtene Fluft der Flote und der zierliche Sprung eines jugend- 
lichen Tones auf den breiten Rlicken des ehrwiirdig rauschenden Tief- 
klanges. Aber starker als Bafi und dunkelviolettes Cello, herzlicher als 
der samtene Flufi der jungen Flote, erschiitternder als der grofie Wirbel 
der Pauke und der kleinen, schalkhaften Trommel, all diese Zauber 
verzaubernd, die Tone iibertonend, die Farben ubergliihend und alle 
Instrumente zusammenfassend, war die grofte Stimme der Orgel im 
Hintergrund, Sang Gottes, des Herrn der Welt, des Schopfers und 
Schaffers, des grausamen, guten, grofien Gottes. Die Orgel gebar alle 
Instrumente neu, und in jedem Ton, der ihr entstromte, schlummerte 
der nachste und der iibernachste, der eben verrauschte und der langst 
verhallte, das feme Echo der laut gebarenden und wiedergebarenden 
Walder. Auf den zitternden Wellen der Luft schwammen die Worte 
der niemals gehorten, der unverstandlichen Sprache, und tief versank 
auf unsichtbaren Grund die Miihsal grausamer Tage. In den Gerau- 
schen der Stadt, in die man dann trat, horte man ewig die Melodie des 
Orchesters. »Die Musik«, sagte Ernst, »enthalt alle Gerausche der 
menschlichen Welt, eingefangen in gesetzmaftige Bindung und gestei- 
gert ins Ubermenschliche.« Aber das verstand Fini nicht. 
Heim kam sie, nicht mehr angstlich geduckt durch das dunkelgah- 
nende Tor, nicht mehr furchtsam vorbei an der keifbereiten Hausmei- 
sterin, nicht mehr traurig empor die knarrende Stiege mit dem schad- 
haften Treppengelander steigend, nicht mehr den Gestank junger Ka- 
ter beachtend - auch die hafiliche Frage der Mutter horte sie nicht 
mehr, und leicht kam ihr die Luge, niemals konnte sie so gut lugen, wie 
wenn sie Musik gehort hatte. Straftenbahnen durften stundenlang Auf- 
enthalt nehmen, Zusammenstofie mufken sich ereignen, Menschen von 
unwahrscheinlicher Ohnmacht befallen werden - und wie verwickeln 
sich kunstvoll die Faden der Erzahlung, wenn wir wollen, muhelos 
ersinnen wir einen gefallenen Gaul, dem man auf offener Strafie eine 
Einspritzung macht, einen Wahnsinnigen, der nackt ein Geriist em- 



37^ ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

porklettert, wir befolgen die Einladung eines Inserats und stellen uns 
vor und mussen lange Stunden warten, ehe unter vielen Anwarterinnen 
an uns die Reihe kommt. Und Bescheid werden wir mit der Post erhal- 
ten. 

Den kleinen Kasten hatte sie endlich, treulich gezimmert hat ihn der 
Vater. Am Sonntag zog er ihn aus der Ecke hervor, einen braunpolier- 
ten Kasten mit glanzendem Nickelschlofi. Neue Skizzen von Ernst 
und eine neue wandelnde Frau auf einsamem Pfad zwischen melancho- 
lisch bliihenden Feldern tat Fini hinein; mit lieblichen Fingern glattete 
sie gedrucktes Stanniolpapier ungesehen des Nachts auf der Bettkante, 
bunte Seidenfahnchen und Bander, Perlmutterknopfe und eine gefun- 
dene Schlipsnadel, einen japanischen Sonnenschirm aus buntem Papier 
und die weiche, oft gestreichelte Feder eines Hahnes, die rostbraune 
und golden schimmernde. Es war eine Heimat inmitten des Heims, 
eine heimliche Heimat, bergend und geborgen, liebend und geliebt, 
verschlossen und giitig. Unter dem Bett stand der Kasten, wartete auf 
die zartliche, einsame Stunde vor dem Schlafengehen, zweimal knackte 
der sicher sitzende Schliissel aus blankem, kiihlem Stahl im sicheren 
Schlofi, und leicht, wie in Gelenken, bewegte sich die Tiir in den An- 
geln. Geborgen war alles gut vor dem Zugriff neugierig forschender 
Finger. 



XI 

Es geschah um diese Zeit, daft Tilly krank wurde. Es fehite wochen- 
lang der unermiidliche Lauscher, das durstig geoffnete Ohr, unausge- 
sprochenes Erlebnis vieler Tage staute sich in Fini. 
Nichts erfuhr sie von der Krankheit der Freundin, Ausflucht und la- 
chelndes Mifkrauen hatte man in ihrem Hause fur sorgende Fragen. 
Zwei Wochen spater ging Fini ins Sanatorium, lange zogerte sie mit 
dem Entschlufi, sie liebte die Luft des Spitals nicht und die vergitterten 
Fenster. 

Es lebte in ihr das Krankenhaus, nie vergessen, unvergefilich, in dem 
sie gelegen war, sechsjahrig und scharlachkrank, die schleichende, 
schwarze Krankenschwester, die bartige Nonne, die im nachtlichen 
Saal vor dem aufgestellten Spiegel auf dem Nachtkastchen Haare aus 
dem Kinn zupfte. Die Schwester mit der Warze auf der Oberlippe, 



DER BLINDE SPIEGEL 373 

einem hafilichen Insekt. Noch schritt der weifigekittelte Arzt durch ihre 
Traume, die Brille auf die Stirn geruckt, der vieraugige Mann mit den 
tastenden Handen, den gelben, warmen, dichtbewachsenen; noch lebten 
in Fini die Besuchsnachmittage von drei bis funf, wenn die Mutter kam 
und Kuchen liegenliefi, den die Schwester sich nahm; die Korridore mit 
den Kranken in blaugestreiften Kleidern, mit den pergamentenen Ge- 
sichtern; und die grofie Badestube mit den vielen nackten Frauen, die 
verkriippelte Zehen und Ballen an den Fiiften hatten. 
Geruch von Kampfer und Jodoform lagerte, eine bose Ahnung, liber dem 
griinen Rasen des Sanatoriums und hemmte den Schritt. Fini roch an dem 
Flieder, den sie mitbrachte. Im dritten Stock lag Tilly, allein im kleinen 
Zimmer, blafi und verandert und mit hangendem Mund. Nicht mehr das 
Madchen, das erwachsene, erwachte, sicher und bewundert; nicht mehr 
die Freundin, die starke, die ratende und trostende, Tilly, die stolze und 
abweisende; krank war Tilly und unheilbar. Nicht mehr drohte ihr der 
Tod, gestorben war sie und lebte. Anders und eine Fremde. 
»Kleine Fini«, sagte Tilly, »wenn du wiifkest. Ein Tier ist der Mann, wenn 
er zu uns kommt und wenn er uns verlaftt. Wenn wir dem eisernen Druck 
seiner Schenkel nachgeben und wenn er aufsteht, miide und mit nachlas- 
sigen Fingern uns das Kleid zuhakt. Kein Arzt will dir das Kind abtrei- 
ben, und wenn du Seife nimmst, erkrankst du. Jetzt ist alles vorbei - er 
kam nicht, als ich ihm schrieb, als ich sterben sollte, und auch jetzt kommt 
er nicht. Er wird niemals kommen. Auf den Knien flehte er mich an, und 
suften Orangenlikor mufite ich trinken. Kleine Fini, wenn du wiifkest.« 
Wer war es? Ludwig war es. Fini hatte ihn vergessen, wie man einen alten 
Gegenstand vergifit, der auf dem Grunde des Kastchens ruhte, des sorg- 
sam gehuteten. Ludwig mit der dunklen Cellostimme, der Geiger in der 
geblumten Weste. Von seiner geheimen Kraft erzahlte Tilly, der die 
Frauen-und kliigere auch- erlagen. Wenn er eine beriihrte, so, man kann 
es nicht schildern, wiirde sie schwach und war ihm verfallen. Ein boses, 
fremdes Tier ist Ludwig, der Mann. 

» Allen mufite es geschehen. Du wirst es erleben ! « sagte Tilly und weinte. 
Der Abend brach plotzlich heran, er uberfiel die Sonne. Eine Amsel pfiff 
im Garten. Ein Ruf scholl im Korridor und der huschende Schritt einer 
Schwester. Eine Klingel schrillte. Aus fernen Straflen kam Geheul einer 
Autohupe. Der mitgebrachte Flieder begann stark zu duften wie hundert 
Garten. 
Allein ging Fini durch die Strafien, nicht mehr am nachtiichen Marktplatz 



374 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

vorbei, wo die schwarz gelagerten Fasser sparsamen Schatten gaben, wo 
Ernst wartete, der Mann, ein grausames Tier. Sie fuhlte die sanfte Run- 
dung seiner hohlen Hand dennoch auf der kleinen Brust, deren Spitzen 
sich hart und drangend entgegenstreckten, dem Abend, der Strafie und 
dem grausamen Mann. Sie floh nach Hause, angstlich geduckt unter 
dem Druck des eisernen Lebens, oft gestreift im Gewirr der Stadt vom 
Arm eines mannlichen Wesens. Heim huschte sie, die kleine Fini, hinein 
in das dunkle Haustor, die schadhafte Treppe empor; niemand war zu 
Hause, und ungesehen durfte sie weinen. 

Spat, nach Wochen, kam Tilly zuriick, verandert und alt, mit einer 
neuen Frisur, weil sie lockeres Haar bekommen hatte. Wie eine Frau aus 
fremden Bezirken war Tilly, schweigsam und gut, nicht mehr fleifiig 
geduckt tiber raschelnden Papieren, wenn Doktor Finkelstein eintrat, 
nicht mehr Bleistifte spitzend, sondern mit schlaffer Brust und langlich 
gewordener Nase, mit festgeschlossenen Lippen, nicht mehr lachelnd in 
den Strafien, durch die sie zusammen gingen, und einmal nur gespra- 
chig, mit tranenerfiillten Augen, in der kleinen, billigen Konditorei, 
wahrend es regnete, stundenlang, den ganzen Nachmittag. 
Fremd und schrecklich war alles, was Tilly erzahlte, von Ludwig, dem 
alle Madchen verfielen, von den jungen Arzten im Krankenhaus, von 
der Narkose, in die man untertauchte wie in ein Meer des Vergessens, 
von dem Erwachen, nachdem man sich tot geglaubt, von den diisteren 
Abenden daheim und dem ewigen Seufzen der Mutter. 
Es regnete, und Tilly erzahlte; gedriickt safien sie in der dunkelnden 
Ecke der Konditorei. 



XII 



Eine neue Stelle fur beide suchte und fand Tilly, in der grofien Waren- 
zentrale, in der man Teuerungszulagen bekam und in der es iustig war. 
Hell und weit gestreckt lagen die Raume, reich an Fenstern, besonnt 
und larmvoll und erfullt von der Tatigkeit vieler Madchen und Manner. 
Die Madchen safien an den Schreibmaschinen, weifi und lachelnd, wie 
weifie Pflanzen bliihten sie auf neben den Tischen. Viele Manner gab es, 
lachelnde und murrische. Vorgesetzte, die man fiirchtete und die zu 
gewinnen schwer war, und andere, denen man im Korridor begegnete, 
vor den doppelt gepolsterten Tiiren des Chefs. 



DER BLINDE SPIEGEL 375 

Neue Freundschaft gewann Fini, mit Hede, der blonden, die Pralines 

bekam und aus ihrer reich gefiillten Schublade verteilte. 

Manchmal kam der junge Baron, vom Kriegsdienst enthoben und leut- 

selig. Manchem weifSen Madchen griff er ans Kinn, und der und jener 

schenkte er Blumen. 

Offiziere, heimgekehrt und in Urlaub, brachten froh gelaunt wunder- 

bare Dinge, die man seit zwei Jahren nicht mehr gegessen hatte. 

Nicht mehr angstlich vor dem braunen Telephonapparat safi Fini, 

nicht mehr ratios vor den buntgestreiften Schnuren. 

Nicht mehr zitterte die Luft vor dem Schrei Doktor Finkelsteins, des 

furchterlich mit Brillenglasern funkelnden. 

Und am Nachmittag, spat, in die schiefen, gelben Strahlen der Sonne, 

liefen die Madchen hinaus, und auf jede wartete einer. 



XIII 



Eines Tages wartete Ludwig draufien. Fini hatte ihn vergessen, wie 

man einen Gegenstand vergifk, der tief auf dem Grund des Kastens 

ruht, des sorgsam gehiiteten. 

Leise sprach er wieder, mit verschleierter Stimme, die wie ein Cello 

klang, barhaupt ging er, und sein weicher Hut steckte zusammenge- 

rollt in der Rocktasche. 

Erschrocken war Fini und spahte nach einer Nebenstrafte, durch die 

sie fluchten konnte. Ungeschickt war sie und dachte nach, wie sie flie- 

hen konnte, wenn sie gewandter ware in der grofien Kunst der Luge 

und der Ausfliichte. 

Das war Ludwig, der Mann; weich ging seine Stimme, gern horte sie 

ihren Klang. Einmal blickte sie seitwarts, urn sein Angesicht zu sehen, 

und begegnete seinem Aug', dem dreieckig sonderbar geschnittenen, 

den aufwarts fliehenden, schmalen Brauen, und sie dachte an Tilly. 

»Sie denken an Tilly«, sagte Ludwig, unheimlich, der Mann, ein wildes 

Tier, vor dem es keine Rettung gab. 

»Tilly ist eine dumme Frau«, sagte Ludwig und lachte kurz und tief. 

Nie hatte Fini sein Lachen gehort, es klang wie ein kleiner, samtener 

Donner. 

»Sie Iieben den Maler Ernst ?« fragte Ludwig. 

»Nein!« 



376 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Ich bin in Sie verliebt«, sprach Ludwig und steuerte in eine belebte 

Strafie, in der sie sich aneinanderdrangen mufken. 

»Tilly hat Ihnen von mir Boses erzahlt, und ich bin eigentlich nicht 

immer gut zu ihr gewesen. Aber Ihnen bin ich gut. Sie sind jung und 

schuchtern und ein bifichen dumm.« 

Von seinem Arm ging eine grofie Warme aus, Fini fiihlte sie durch das 

diinne Kleid. 

»Gehn wir in den Park«, sagte Ludwig. 

Es ist zu spat, hatte sie gerne gesagt, und sie mufite nach Hause. Den- 

noch ging sie an Ludwigs Seite und dachte an Tilly. 

Sie gingen durch den Park, und jeden Augenblick furchtete Fini, Ernst 

zu begegnen. 

»Furchten Sie nichts!« sagte Ludwig. »Ernst ist heute eingeladen!« 

Alles las er in ihren dummen Augen, und ihre Furcht stieg und schwoll 

an, und nun zitterte sie leise im Dammer des Parks. 

Ludwigs Arm fiihlte sie, und gleichzeitig fiel ihr Blick auf eine verbor- 

gene Bank. Da safi Tilly und neben ihr ein Mann. 

Ludwig lachte noch einmal kurz, wie vorher. 

Durch fremde, dunkle Alleen gingen sie, nicht mehr war es der ver- 

traute Park, der gute, schattende. Weit waren die Klange der Musik, 

aus einer fernen Welt kamen sie. Fremd war der Park und fremd der 

Teich und fremd die Wasserrosen, die auf ihm schwammen. Ludwig 

nahm den Arm nicht mehr weg, wie eine Fessel driickte er und 

schmerzte nicht. 

Plotzlich standen sie vor einem Haus, gingen sie eine Treppe empor, 

eine zweite, eine dritte, und mu'de wurde Fini, und ihr schwindelte vor 

den Treppen, die gewunden und mit ungewohnlich hohen steinernen 

Stufen unendlich auf einen Turm zu fiihren schienen. Sah sie durch das 

Gelander hinunter, erblickte sie einen kleinen Ausschnitt des Flurs, ein 

dunkles, unbekanntes und rufendes Loch. Neben ihr ging Ludwig auf 

der schmalen Treppe, gedrangt an sie und Warme verbreitend, und - 

blieb sie stehn und hoffte sie, daft er vorbeigehn oder zuriickbleiben 

wiirde - so geschah dieses nicht, sondern auch er blieb auf demselben 

Treppenabsatz, und ihre Miidigkeit erriet er und legte seinen Arm um 

ihren Korper. Nichts sprachen sie, niemand begegnete ihnen, keine 

Stimme erscholl, und kein Laut wurde lebendig hinter den Tiiren der 

Wohnungen, an denen sie vorbeikamen. Fini horte nur ihr eigenes und 

Ludwigs starkes Atmen. Sie wufke nicht, wohin er sie fiihrte, und sie 



DER BLINDE SPIEGEL 377 

fiirchtete sich auch nicht mehr. Eine grofie Leere war in ihr, und sie 
rastete eine Weile. Als lagen Schleier, stillende, iiber sie gebreitet, horte 
sie gedampftes Knarren einer Tiir, und als blickte sie in einen Spiegel, 
sah sie sich selbst hineinschreiten in die weifie Helle des Ateliers. 
Notenblatter sah sie, verstreute, iiber Tischen und Stiihlen, und eine 
wirre Welt, vor der sie Achtung bekam. Hoch wohnte Ludwig, unter 
einem glasernen Dach, und es fiel Fini ein, dafi es furchtbar sein mufke, 
so allein und so preisgegeben ein Gewitter zu erleben, Blitz und Don- 
ner und prasselnden Regen, nur durch Glas getrennt von dem Zorn des 
Himmels, aber nicht vor ihm geschiitzt. Jetzt sah man die Sonne fern 
hinter den Dachern rot vergluhen, und die Gegenstande im Atelier 
bekamen eine warme, goldene Farbung. Geheimnisvolle Zeichen wa- 
ren die Noten auf den grofien, harten Papierbogen, halbbeschrieben 
nur lagen einige, und die schwarzen Notenkopfchen safien auf den 
diinnen Linien wie winzige Vogel auf Telegraphendrahten. 
»Was soil ich Ihnen vorspielen?« fragte Ludwig, die Geige mit dem 
Kinn festhaltend, und mit unglaubhaft geschickten Fingern strich er an 
dem schmalen, weifiglanzenden Bogen, als schliffe er ein Schwert, mit 
dem er Fini toten sollte. In einer grofien Verlegenheit schwieg sie und 
suchte angestrengt in ihrem armen, vergefilichen Kopfe nach dem Bild 
eines Konzertprogramms, auf dem ein Lied gestanden hatte, das ihr 
gefiel. Wenig wufke sie von Musik, Fini, die kleine, und schliefilich fiel 
ihr ein, dafi es auch gleichgiiltig sei, was er spielte. 
So fing er an mit tiefen, dunkelvioletten Tonen, die Helle gebaren, 
kiihn gewolbt spannten sich Bogen aus Musik, weich geschwellt und 
silbern gekrauselt flossen Wellen aus Musik. In der Mitte horte er auf 
und legte die Geige auf den Tisch, aufschreckend wie plotzlicher Larm 
fiel die plotzliche Stille ein. 

Mitten aus der wirren Unordnung des glasernen Schranks holte er die 
schlanke Likorflasche und zwei diinne Glaser mit unendlich zartem 
Geklirr. Fini trank Likor, zum erstenmal, er schmeckte siifi und nach 
Orangenschalen, so ahnlich waren schon einmal gefullte Schokoladen- 
pralines gewesen - dieser Likor aber war nackt, nicht freundlich gebet- 
tet in lindernde Schale, und er liefi eine siif>e Taubheit zuriick und 
schuf ein sanftes Schaukeln violettfarbener Lichtwellen vor den schlaf- 
rigen Augen. 

Noch horte sie den Klang der plotzlich verstummten Geige und sah 
den abendlichen Himmel nahe iiber der glasernen Decke des Ateliers. 



}J$ ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sie horte Ludwigs leise Bewegungen nicht und wufite nur, dafi sie hier 
eingeschlossen war mit dem Mann, der gefahrlich war, aber sie noch 
ruhen liefi, und sie genof? diese Stunde, die ihr blieb, wie ein Verurteil- 
ter die letzte Spanne Zeit geniefk, die ihn von seiner Strafe scheidet. 
Nun stand er nahe bei ihr und sprach und sah ihr in die Augen und fiel, 
ehe sie begriffen hatte, in die Knie, barg seinen Kopf in ihrem Kleide 
und weinte. Es weinte Ludwig, der Mann, das Tier; sein Korper 
zuckte, seine breiten Schultern bebten. Fini, die kleine, verstand nicht, 
wie es gekommen war, sein Schmerz schmerzte sie. 
Weil wir so klein und gering sind, wird uns doppelt weh, wenn ein 
grofier Mann, der hoch unter dem Himmel in Gottes Nahe lebt und 
schmelzende Melodien spielt, kleiner und geringer als wir vor uns liegt 
- und wir nur konnen ihn erlosen. So leicht fallen uns die Kleider ab, 
die welke, unbrauchbare Schale, locker werden die Knopfe und losen 
sich selbst. In uns siegt das Blut, das rote, schwer ist der Kopf, im 
Nebel sehen wir die behaarte Brust des Mannes, riechen den Duft, den 
tierhaft fremden, sehen das Gesicht, das fremde, in der Nahe fremdere. 
Fini schlofi die Augen, fiihlte ihre Brust in der warmen, gehullten 
Schale seiner Hand, der schmerzhaft und liebend pressenden, spiirte 
seine zuckenden Finger driickender in der heimlichen Hohlung des 
Knies. Heifi uberhauchte sie sein heifier Atem und deckte sie zu, scharf 
bift er in ihre Lippen, und wie ein grofier, betaubender, schmerzhafter 
und erschreckender Jubel kam in sie der Mann, in ihrem Innern fiihlte 
sie ihn, gliihend mit ihrem Korper verschmelzend und fremd, ein Gast 
in ihr und in ihr zu Hause. 

Langsam kehrte Fini wieder in die Welt, Ludwig kiifke sie matt und 
leise. Ihr war, als leckte er ihr Gesicht mit heifier, vertrocknender 
Zunge, Ludwig, der Mann, ein dankbar demutiges Tier. 



XIV 



Heimlich, des Nachts, an der Bettkante glattete Fini neu gesammeltes 
Silberpapier und kramte unter den sorglich gehiiteten Schatzen das 
Bild hervor, die wandelnde Frau zwischen melancholisch bliihenden 
Feldern. 

Nicht mehr lauschte sie aufgeregt dem nachtlichen Gefliister der El- 
tern, nicht mehr spahte sie nach den heifkn Geheimnissen der nach- 



DER BLINDE SPIEGEL 379 

barlichen Hauser. Immer noch pfiffen die Zuge durch die Nacht, 
wolbte sich der Himmel iiber der schlafenden Strafie, schlichen die 
Katzen, gedriickt an die Wande. Aber nichts mehr war wunderbar, 
nicht mehr lockte der sehnsiichtige Schrei der Lokomotiven, unver- 
hiillt war das Geheimnis schleichender Tiere und nachbarlichen Tuns 
hinter blafterleuchteten Gardinen. Leer lagen vor ihr die kommenden 
Tage, Tage ohne Furcht, ohne Hoffnung, wie ausgeraumte Gemacher, 
nichts konnten sie geben, nur den karglichen Widerhall zaghafter 
Schritte. Gleichgiiltig war das Getriebe der Strafie, nicht mehr spannte 
sich eisern das Leben, nicht mehr ging Fini angstlich geduckt unter 
schmerzendem Joch. 

Nicht mehr war sie die wandelnde Frau zwischen bliihenden Feldern, 
und fern und verloren war Ernst, der vergeblich wartete im geizigen 
Schatten der nachtlich gelagerten Fasser. 

Am Ende dieses Tages lauerte das Bose, das Tilly geschehen war, feme 
noch lag es, aber sichtbar. 

Inzwischen reihte sich eine abenteuerliche Stunde im Atelier an die 
andere, das Gesprach mit Ludwig an das Spiel seiner Geige. Er holte 
nicht die klirrenden Glaser aus dem Schrank und die schlankgeschlif- 
fene Likdrflasche. Sie legten sich schlafen mit unerbittlichem Gleich- 
mafi, und schal war das Aufstehen wie das Ende jeder sparsam genos- 
senen Freude. Ein anderes Gesicht bekam Ludwig, wenn er zu Hause, 
entspannt und nicht mehr ringend um den eroberten Besitz, ohne 
Rock, in Pantoffeln herumging, nicht fremd mehr roch er, nicht. tier- 
haft und nach bitteren Wurzeln, kein grausames Tier mehr - ein einsa- 
mer Mensch, alternd, kurzsichtig und mit sparlichem Haar, demiitig 
und bittend, lassig und vergefilich, von armlicher Sorge bedriickt und 
kleinen Schulden. Den warmen Celloklang verlor seine Stimme, er 
horte zu spielen auf und war wie ein erloschener Krater. 
Einmal erzahlte er, daft er eine Brille haben miisse - und er kaufte sich 
eine mit schwarzem Hornrand und stark geschliffenen Glasern. Veran- 
dert und entfremdet war er auf einmal, wie der Vater mit dem Hor- 
rohr, und wenn er die Brille ablegte, suchte er mit verlegenen Augen 
nach Gegenstanden, die ihm nahe waren und die er dennoch nicht grei- 
fen konnte. 

Schiiler, von denen er gelebt hatte, schickte er nach Hause, bestellte 
Arbeiten liefi er liegen. Oft hastete er, mlihsam atmend, die Treppen 
empor und rannte wieder hinunter. Den Hut vergafi er und den Re- 



380 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

genschirm. Fluchtige Kiisse hauchte er auf den Nacken Finis, und wah- 
rend er mit ihr sprach, schweifte sein Auge ungeduldig iiber die Strafie, 
den Platz, den Garten. Einmal brachte er einen Hund nach Hause, der 
sich verlaufen hatte, und am nachsten Tage kam der Besitzer, das Tier zu 
holen. 2wei Tage trauerte Ludwig um den Hund. Eine alte Nierenkrank- 
heit wiederholte sich, weil er im Regen ohne Mantel ausgegangen war, 
und eine Woche lag er krank im Bett, Er wusch sich nicht, hatte Fieber, 
und sein Bart wuchs, graue Stoppeln umgaben sein Angesicht, tief in die 
Hohlen sanken seine dreieckig geschnittenen Augen. Zerrissen war seine 
Wasche und muhsam geflickt und gelb das Leintuch, auf dem er lag. 
Besuche empfing er nicht. Freunde schickte er weg, ein Konzert in der 
Provinz gab er auf, die alte Wirtschafterin beschuldigte er des Diebstahls, 
und sie kam nicht mehr. Sein Haar lichtete sich schnell, an seinen Fingern 
wuchsen die Nagel, die Zigaretten schmeckten ihm nicht, schwarzen 
Kaffee trank er, um sich wach zu erhalten, und Brom nahm er, um 
einzuschlafen. 

»Ich will dich heiraten«, sagte er zu Fini, und sie fiihrte ihn nach Hause. 
Beschlossen war ihr Schicksal, vorbei das Jungsein, Madchensein, Kind- 
sein. Ihm war sie anheimgefallen, treu blieb sie ihm und brauchte das 
Schicksal Tillys nicht abzuwarten. Ein kranker, alter Mann war er, arm 
und verlassen, vom Leben, von der Musik, von den Freunden. »Wir 
werden zusammen wieder jung«, sagte er zu Fini. Sie fiihrte ihn nach 
Hause, beklemmend legte sich ein Schweigen iiber das Zimmer, in dem 
sie safien, die Mutter mit eilig iibergeworfenem Schlafrock und der Vater 
mit dem bereitliegenden Horrohr vor sich auf dem Tisch. Fini in der 
Mine, zwischen ihm und den Eltern, mit hangendem Kopf, und die 
Fremdheit wuchs um jeden einzelnen, und jeder safi wie eingeschlossen 
in einer glasernen Kugel, sah den andern an und erreichte ihn nicht. 
Endlich hub der Vater an, vom Krieg erzahlte er, die Mutter fiel ein und 
wufite Gleichgiiltiges zu sagen. Mit behutsamen Worten lockten sie aus 
Ludwig Gestandnisse heraus. Alter, Stand, Abkunft und Wohnung, 
Geburt und Eltern, und Ludwig erzahlte, aufgelebt fur eine Stunde, von 
den Tagen der Kindheit und von der lang verstorbenen Mutter, Sorgen 
des Berufs und Planen fur die Zukunft. Eine Musikschule wollte er 
errichten, in fremdes, reiches Land fahren, zweimal im Jahr, und mit dem 
Geld beladen wiederkommen. Noch war er nicht alt und krank, nein, 
verjungt, miide nur des Junggesellenlebens, und er afi mit Appetit und 
breiten, mahlenden Kiefern eilig bereitete Speisen. 



DER BLINDE SPIEGEL 381 

Spat schied er, Fini kiifite er auf den Mund vor der weinenden Mutter, 
der Vater stieg mit nachtlicher Kerze die Treppe hinunter und leuch- 
tete. Die Mutter umarmte Fini und kiifke sie wieder, nach langer Zeit. 
Aus dem Kastchen nahm Fini die Bilder Ernsts und verbrannte sie mit 
leisem Schluchzen, Snick fiir Snick, an der knisternden Kerze. 



XV 



Noch sprach man von der Heirat nicht, aber sie lag in greifbarer Nahe, 

und Fini gait als erwachsen, eine Stimme im Haus, ein Mensch, nicht 

mehr dem Schelten untertan, sondern Giite fordernd. 

Und es anderte sich nichts, und vom Klappern der Maschinen erfullt 

waren die Tage. 

Tilly fand einen Freund und dachte Ludwigs nicht mehr und nicht des 

erlittenen Unglucks. 

Niemanden hatte Fini mehr, zu dem sie sprechen konnte, und sie hatte 

gern erzahlt, wie die Welt jetzt aussah, eine Welt ohne Geheimnis, 

ohne Furcht und ohne Erwartung. 

Friiher - wie war unser pochendes Herz gespannt, die Strafie, die wir 

dahinschritten, von Geheimnissen erfullt, wie lauerten die Abenteuer 

hinter jeder Ecke, urn die wir biegen sollten! Nun ist unsere Erwartung 

ausgeloscht, auf unsern Wegen eine Stille ohne Grenze, eine Land- 

schaft ohne Fernen verbergende Hiigel, alles wissen wir, Anfang und 

Ende, mannliche Armseligkeit und unseres eigenen Angesichts bittere 

Zukunft. 

Verrauscht war die sufie Musik des Unbekannten, der gute lockende 

Sang anbrechenden Lebens, verblafit die leuchtende Weite unendlich 

sich dehnender Tage und ausgekiihlt die bergende Warme der Jugend. 

Vollendet ist unser kurzer Weg, und fremd ist uns der Mann; jeden 

Tag wird er fremder. 

Fini san, wie er mit anderen Menschen sprach, lassige Gebarde nahm 

er an und horte keine Antwort mehr, Pfeifenkopfe schnitzte er, stun- 

denlang hockend auf niederem Schemel, Schokolade, lange im Vorrat 

gekauft, barg er sorgfaltig vor ihrem genaschigen Auge, hoch oben 

unter Pappendeckein, auf staububersatem Schrank, kleine und grofie 

Rippen, gelb vor Alter gewordene, und Silberpapier sammelte er in 

dichten Knaueln zur Verzierung der Pfeifenkopfe. Zwischen den No- 



382 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

tenstandern, den werfilackierten, im Winkel gehauften, hielt er Tabak 
und Zigarren, die er niemals rauchte und niemals hergab, sorgfaltig 
wachend mit hundescharfem Aug*. Kleiderstoffe lagerten geschkhtet in 
wachsam raschelndem Papier, gestapelt im Schrank, unter den Hiillen 
gilbender Notenblatter. 

Es war keine Siinde, ihm etwas zu stehlen, man stahl sich selbst etwas. 
Und manche Stunde, in der er hockend auf niederem Schemel einen 
Pfeifenkopf schnitzte, schlich Fini herum, stieg sie behend auf die 
Stuhle, die knarrten, und auf splitternde Stander, Schatze raffend. 
Schickte sie einen furchtsamen Blick dann in Ludwigs geschaftigen 
Winkel, sah sie, dafi seine Augen zugefallen waren und dafi er mit 
selbstandig schnitzendem Messer seine Kopfe fertigmachte, dieweil 
seine Sinne schliefen, und sie weckte ihn. 

Dann, plotzlich aufgewacht, besann er sich, strich die Weste zurecht 
und sammelte mit gespitzten Fingern Holzstaub und Schnitzer und 
begann zu erzahlen von Fahrten in fremdes Land und ewig leuchtenden 
Sonnen. Manchmal gingen sie nebeneinander halbe Tage lang durch 
endlose Strafien, in den Auslagen der Konditoreien lockte schaumge- 
fiillter Teig, braunleuchtend und siifi. Hungrig war Fini, nach glattem, 
gelbschmelzendem Eis in sanft gerundeten Schalen sehnte sie sich. 
Hungrig ging sie mit Ludwig durch die Stadt. Von bosem Asthma 
bedrangt, mufite er sich setzen, und er setzte sich nicht auf die griinen 
Stuhle im schattigen Park, die man bezahlen mufite, sondern draufien 
auf die unbarmherzig besonnte, staubige Bank. Die Beine spreizend, 
zeigte er offene Hosenknopfe und an den vorgestreckten Stiefeln ein 
vielfach geknotetes Schniirsenkel. Fini weinte, wahrend sie sprach, sie 
weinte nach innen, Tranen trockneten, unausgeschuttet, gesammelte 
Tranenbache trockneten in ihr. Schmerzhaft wiirgte sie das gesammelte 
Leid im Halse. Sah sie manchmal Frauen vorbeiziehen, die verknippelte 
Manner schoben auf dreiradrigen Karren, so trug jede der Frauen Finis 
Gesicht. 

Einmal in der Woche oder zweimal war der gemeinsame Schlaf auf dem 
Sofa im Atelier, eine trostlose Hingabe, still und von verborgenem Wei- 
nen begleitet, wie eines Todkranken krampfhaft gefeiertes Geburtstags- 
fest. 

Ein Brief von Ernst fiel in diese Zeit, sehen wollte er sie wieder. Sie 
trafen sich, wie vor Wochen, an derselben Stelle auf dem nachtlichen 
Marktplatz, fremd war der Druck seiner Hand, Fini ging nicht mehr 



DER BLINDE SPIEGEL 383 

im linden Regen seiner giitigen Worte. Hinaus fuhren sie, wie einst, 
mit der Strafienbahn, dahin unter hangenden Zweigen, die ansteigende 
Landstrafie schritten sie schweigsam und legten sich am Wegrand hin 
in den Tau des Grases, umsungen von zirpenden Grillen. 
Spat wurde es, ins Wirtshaus kehrten sie ein, eine Stube und Strohlager 
bekamen sie. Fini wartete mit wachen Augen auf den Morgen, ge- 
driickt an die Wand, auf das raschelnde Biindel. 



XVI 

Siift und heift ging der Sommer vorbei und ein Herbst und ein Winter, 
die Primeln kamen in den dunstenden Waldern, der Krieg hatte aufge- 
hort, fremd ging Fini an den grofien Ereignissen vorbei, klein und 
fremd. Zu gewichtig sind flir uns die Sorgen der grofien Welt. 
An ihrem neunzehnten Geburtstag im April mufite sie weinen, obwohl 
Ludwig ihr eine Rose gekauft hatte, eine schwerbliitige, die ihre aufier- 
sten Blatter abzuwerfen begann wie lastige Gewander. 
Aussicht bestand fur den Vater, es starb der Onkel plotzlich, dahinge- 
kommen von einem verspateten Typhus; lohnende Touren wurden 
frei, es besserte sich das Gehor, langsam kehrten die fernen Augen 
wieder in die Gegenwart, und schon erhaschte das Ohr einmal den 
ungedampften Schimpf der Mutter. 

In den Prater ging Fini, und ihr war wie einem spat Gesundenden nach 
langer, erschopfender Krankheit, aus der es keine Wiederkehr mehr 
gibt in vollkommenes Leben. Bescheiden muft er sich mit einem diirf- 
tig pochenden Herzen und Schonung fordernden Gliedern. An uns 
vorbei schreiten die jungen Madchen, noch nicht gezeichnet vom bitte- 
ren Geschmack, vor lhnen die kommenden Tage, leuchtend und frisch 
wie niemals betretene Rasen. 



XVII 

Einmal horte sie Rabold sprechen, den Redner, zwischen lauschende 
Menschen gedriickt, auf dem weiten Platz unter blau gewolbtem Him- 
mel. Einige sprachen vor ihm, andere spater, und aller Stimmen erstar- 



384 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ben im unbegrenzten Raum und wurden gedampft durch zufallige Ge- 
rausche der Strafte. Seine Stimme nur iiberwaltigte kiihn und singend 
den Platz, als hatten sich unerreichbare Himmel, die Strafie zu saumen, 
genahert und sie abgeschlossen vor dem fremden Gerausch unbekum- 
merter Gefahrte. Alle Redner standen auf dem Dach desselben Auto- 
mobils, und Rabold auch. Aber wie er hinauftrat, wurde es Postament 
und Thron, einen Konig zu tragen. 

Gedriickt zwischen lauschenden Menschen stand Fini, die kleine. Es 
sang in ihr die Stimme nach, klar und klingend, als lautete eine Glocke 
erzene Worte. Lange blieb sie unter den Menschen und blieb noch, als 
sie auseinandergingen, spat, vom Abendwind auseinandergeschickt. 
Hinauf hatte sie gehen rmissen, ungezahlte, enge Stiegen ins Atelier. 
Als schobe sie jemand, bog sie in die Seitenstrafie, in der nur ein 
Mensch ging, grofi und in einem Kreis aus Gedanken und Stille, den 
Blick auf sie gerichtet: Rabold. 

Es kam das Wunder in ihren Weg, spat genug, fertig war sie schon, 
nach der bitter vollendeten Jugend. In der Mitte blieb Rabold und war- 
tete, bis sie herankam. Es schien ihr, als muftte sie, um zu ihm zu 
gelangen, den Kreis aus schweigenden Gedanken durchstofien, ein 
Schritt noch trennte sie von ihm, und sie blieb stehen. Sein Wort 
brachte sie naher. Sie wufite nicht, welches, sie glaubte, er hatte ihren 
Namen gerufen. 

Alles erriet sie, dafi er verfolgt ist und unter fremdem Namen lebt, von 
Stadt zu Stadt fahrend. Diener einer gestrengen Gewalt und entfernt 
dem Getriebe dieses Lebens. 

Morgen fuhr er weiter, aber eine Stunde war genug, und sie wufite, dafi 
jetzt alle ihre Tage und Traume von ihm erfiillt sein werden. 
Immer war Zeit und Raum in ihr fur den Fremden. Manchmal schrieb 
er ihr einen Brief postlagernd. Dreimal taglich ging sie zum Schalter. 
Einmal kam ein fliichtiges Wort auf einer Ansichtskarte. Des Nachts 
auf der Bettkante safi sie und barg die Karte auf dem Grund ihres 
Kastchens zwischen Seidenpapier und der Schachtel mit Perlmutter- 
knopfen. 



DER BLINDE SPIEGEL 385 

XVIII 

Im Dunkel des Abends schlich sie zum Bahnhof, nicht weit wohnte 
Rabold, in sechs Stunden erreichbar. Im Wartesaal schrieb sie Briefe, 
nach Hause und an Ludwig. Die vielfach gebundene Pappschachtel 
legte sie angstlich unter die Fiifie. 

In der Nacht erreichte sie ihn und sank in sein Bett. Gestillt war die 
wiihlende Unrast, erstickt jeder Wunsch, gestorben war Fini, die unse- 
lige, und selig auferstanden in Rabolds Welt. 

Durch kleine Stadte fuhren sie, durch winkelige Gassen gingen sie, der 
Sommer kam wieder, durchsonnte Abende, Wege, vielfach verschlun- 
gene, an altem Gemauer vorbei. 

Traum waren ihre Tage, ihre Nachte, so wuchs Fini, die kleine. 
Seinen Namen kannte sich nicht, fremd lebte er in fremden Stadten, 
von Haschern verfolgt, immer auf der Flucht, immer arm, kargliches 
Brot afien sie. 

Im Herbst, schon fiel der erste Schnee, fuhren sie in die grofie Stadt 
und lebten einen sicheren Winter in warmer Stube, hoch im unsicheren 
Viertel der Armen, der Huren und Morder. Das angstliche Gewirr der 
Dacher, der schiefen Giebel und ineinander verankerten Mauerecken 
drangte sich in das einzige Fenster ihres Zimmers, es kam das Geheul 
naher Fabriksirenen herein und der unverstandliche Schrei einer nach- 
barlichen Welt. 

Es kamen Freunde zu ihm, verwegene Menschen, Verfolgte, Fliichtige 
und Gliickliche. Einmal erreichte Fini ein Brief, man hatte ihr Versteck 
gefunden, es stand etwas von Tranen der Mutter darin und sogar von 
Tranen des Vaters. Der Schmerz, von dem sie las, war fremder 
Schmerz, nichts gingen sie die Tranen der Mutter an. 
In ihr lebte Rabold, den sie kannte, dessen Vornamen sie nicht wufite, 
fur den sie selbst einen Namen erfunden hatte, Rabold, der neben ihr 
schlief, der zu ihr kam, gliihend und fremd, immer neu in tausend 
Gestalten, ein Gott zum irdischen Weibe. Seinen Korper fiihlte sie, ehe 
sie einschlief, sein miides Knie im Schlaf, die liebe Schulter, die warme 
behaarte Hohlung seines umarmenden Arms, in die sie ihren Kopf 
legte. Den nachtlichen Kuft seiner Lippe trug sie auf ihrem Mund, den 
liebenden Bifi seiner Zahne im schwellenden Fleisch ihrer Brust. Ne- 
ben ihr, in ihr, rings um sie lebte Rabold, ihr Mann. In finsterer Nacht 
sah sie das Leuchten seiner Augen, und diirstend trank sie gute Worte, 



386 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

die er ihr schenkte. Einmal fuhr er weg, und Fini blieb zuriick. Leere, 
unendliche, stromte jeder Winkel aus, sie heizte den kleinen, eisernen 
Ofen nicht und kauerte auf einem Kasten, gehiillt in den sparlich ge- 
fiitterten Mantel, mit zerzaustem Haar und Augen, die sich roteten, 
ohne zu weinen. Kein Bild hatte sie von ihm, und es ergriff sie die 
Furcht, dafi sie den und jenen Zug seines geliebten Gesichts vergessen 
konnte, den Schwung seiner Nase, die aufwartsstrebende Braue iiber 
dem linken Aug 5 , die leise Biegung seines Nackens und die Art, wie er 
einen Gegenstand griff, mit sparsamer Bewegung der Hand und voll- 
kommener Ruhe des Arms und des Korpers. Jeden Augenblick schlofi 
sie die schmerzenden Augen - ungeweintes Weinen lag in ihnen - und 
sah sein Gesicht, spat ging sie schlafen. Kalt war das Lager, und in der 
zaghaft beginnenden Warme schlummerte sie ein, stieft mit vorge- 
strecktem Knie plotzlich ins Leere, erschrak, weil neben ihr nichts da 
war, und sie erwachte. Er ist gestorben! dachte sie auf einmal, stieg mit 
zitternden Knien hinunter, Licht zu machen, aus dem Schrank holte 
sie eine Karte, die er ihr einmal geschrieben, sie sah lange und eifrig 
Zug urn Zug der fluchtigen Handschrift, um wenigstens gewifi zu sein, 
dafi er gelebt hatte, neben ihr, mit ihr, ein bifkhen fur sie. Irgendwo 
fand sie sein Halstuch, es war weich und gut, von ihm kam es, noch 
roch es nach ihm, seinem Korper, seinem Leben - er konnte nicht 
gestorben sein, da das Halstuch noch von ihm warm war, sie nahm es 
ins Bett und legte ihre Wange darauf und schlief ein. 
Sie horchte tagsiiber auf den Schritt der Menschen draufien, den Brief- 
trager vermutend, verhallende Schritte beklagte sie wie den Schall ver- 
schwindenden Gliicks. Ein Freund kam und brachte Nachricht von 
Rabold, kein Brief war da, Geld nur schickte er. Fini brauchte nichts, 
sie warf die Scheine in das Nahzeug und dachte nach, unermiidlich. Er 
war gewifi gestorben und hatte Auftrag gegeben, ihr Geld zu bringen, 
und er lebte nicht mehr, gewifi, sonst hatte er geschrieben. Nichts 
wiinschte sie mehr, als die liebe Rundung seiner Buchstaben zu sehn, 
in frischer, iiberzeugender Tinte. Die Nacht kam, wie gestern, kalt und 
leer, die letzten mitternachtlichen Schritte erstarben im Hause, Fini 
wiinschte zu sterben, in dieser Nacht zu sterben. 



DER BLINDE SPIEGEL 387 

XIX 

Aber sie erwachte, geweckt vom unermudlichen Gezwitscher eines 
friihen Vogels und dem Sang schmelzenden Eises auf metallenem Fen- 
sterbrett. Von Dachern gezackt, blaute hoch der Himmel, aus geoffne- 
ten Fenstern drang Larm der nachbarlichen Kinder. In friiher Stunde 
kam ein Leierkasten in den Hof, wie ein Bote des Stadtfriihlings. Es 
sah so aus, als kame heute eine Nachricht von Rabold oder als kame er 
selbst. Als die Schritte des Brieftragers enttauschend verhallt waren, 
beschlofi Fini, in die Strafien zu gehn, draufien auf ihren Mann zu 
warten, wer weifi, ihm vielleicht in den Straflen zu begegnen. Hinaus 
ging sie, von hastenden Menschen umgeben, von der Sonne begriifit 
und der guten Luft des lachelnden Marztags. In das Zentrum der Stadt 
ging sie, schritt sie, mit riistigen, jungen Fiifien, durch die breiten Stra- 
iten. 

Sie verliefi die Stadt, sie kam an den Flufi und folgte seinem Lauf. Die 
Sonne stand hoch, sank tiefer, rann aus dem Himmel in den Flufi, dafi 
beide sich roteten. Da setzte sie sich ans Ufer. Ein alter Angler stand 
und wartete auf seinen Fang. Der Ton einer abendlichen Flote kam, im 
Ufergras zirpten die Grillen. 

Fini saft, aber es war ihr, als ginge sie weit und hoch, hoher hinauf in 
den Himmel, auf goldenen Wolken, Wolken aus Scharlach, Treppen 
aus Purpur. Sie fiihrten aufwars zu Rabold. Er stand und wartete. Aus- 
gebreitet waren seine Arme, Fini zu empfangen. 

Den Hunger fiihlte sie nicht, aber er frafi sie auf, saft in ihren Einge- 
weiden, umklammerte ihr Herz - und sie fiihlte ihn dennoch nicht. 
Die Miidigkeit ihrer Fufie fiihlte sie nicht, sie lag weich am Ufer und 
glaubte zu schweben. Treppen aus Wolken trugen sie, sie brauchte 
nicht emporzuklimmen. 

Wie einen fernen Schatten sah sie den alten Angler am andern Ufer. 
Der Alte wuchs und stand wie ein Diener ehrfurchtig und wartend am 
Eingang. Hatte ihn Rabold vorausgeschickt, sie zu empfangen? 
Sie nickte ihm zu, sie wollte ihn streicheln, da griff sie ins feuchte Gras, 
sank, glitt, glaubte, sie ware auf einer Wolke ausgeglitten, und wollte 
sich hochraffen, aber sie konnte nicht mehr. Jetzt erst uberfiel sie die 
Miidigkeit, nie mehr wiirde sie Rabold erreichen. Warum kam er nicht, 
ihr zu helfen? 
Sie fiel ins Wasser, tat noch einen leisen Schrei, sank unter, und der 



388 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Strom fuhrte sie mit, barg sie vor den Blicken der Welt. Drei Meilen 
weiter fand man sie, ihren aufgeschwemmten Leib, Wasserrosen und 
griine Pflanzen im Haar, den Mund halb of fen. 
Sie kam in den Polizeibericht, der keine Ursachen anzugeben wufite. 
Ihre Leiche lag in der Totenkammer, kam in die Anatomie; denn es 
fehlte an Leichen, man nahm auch aufgeschwemmte. Niemand wufite, 
dafi sie in den Himmel hatte gehen wollen und ins Wasser gefallen war. 
Sie zerschellte an den weichen Treppen aus purpurnen und goldenen 
Wolken. 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 

Ein Bericht 
1927 



VORWORT 



Im Folgenden erzahle ich die Geschichte meines Freundes, Kameraden 

und Gesinnungsgenossen Franz Tunda. 

Ich folge zum Teil seinen Aufzeichnungen, zum Teil seinen Erzahlun- 

gen. 

Ich habe nichts erfunden, nichts komponiert. Es handelt sich nicht 

mehr darum zu »dichten«. Das wichtigste ist das Beobachtete. - 

Paris, im Marz 1927 Joseph Roth 



I 

Der Oberleutnant der osterreichischen Armee Franz Tunda geriet im 
August des Jahres 19 16 in russische Kriegsgefangenschaft. Er kam in 
ein Lager, einige Werst nordostlich von Irkutsk. Es gelang ihm, mit 
Hilfe eines sibirischen Polen zu fliehen. Auf dem entfernten, einsamen 
und traurigen Gehoft des Polen, am Rande der Taiga, blieb der Offi- 
zier bis zum Friihling 1919. 

Waldlaufer kehrten bei dem Polen ein, Barenjager und Pelzhandler. 
Tunda hatte keine Verfolgung zu fiirchten. Niemand kannte ihn. Er 
war der Sohn eines osterreichischen Majors und einer polnischen Jii- 
din, in einer kleinen Stadt Galiziens, dem Garnisonsort seines Vaters, 
geboren. Er sprach Polnisch, er hatte in einem galizischen Regiment 
gedient. Es fiel ihm leicht, sich fur einen jungeren Bruder des Polen 
auszugeben. Der Pole hieft Baranowicz. Tunda nannte sich ebenso. 
Er bekam ein falsches Dokument auf den Namen Baranowicz, war 
nunmehr in Lodz geboren, im Jahre 19 17 wegen eines unheilbaren und 
ansteckenden Augenleidens aus dem russischen Heer entlassen, von 
Beruf Pelzhandler, wohnhaft in Werchni Udinsk. 
Der Pole zahlte seine Worte wie Perlen, ein schwarzer Bart verpflich- 
tete ihn zur Schweigsamkeit. Vor dreiftig Jahren war er, ein Strafgefan- 
gener, nach Sibirien gekommen. Spater blieb er freiwillig. Er wurde 
Mitarbeiter einer wissenschaftlichen Expedition zur Erforschung der 
Taiga, wanderte fiinf Jahre durch die Walder, heiratete dann eine Chi- 
nesin, ging zum Buddhismus iiber, blieb in einem chinesischen Dorf 
als Arzt und Krauterkenner, bekam zwei Kinder, verlor beide und die 
Frau durch die Pest, ging wieder in die Walder, lebte von Jagd und 
Pelzhandel, lernte die Spuren der Tiger im dichtesten Gras erkennen, 
die Vorzeichen des Sturms an dem furchtsamen Flug der Vogel, wufke 
Hagel- von Schnee- und Schnee- von Regenwolken zu unterscheiden, 
kannte die Gebrauche der Waldganger, der Rauber und der harmlosen 
Wanderer, liebte seine zwei Hunde wie Bruder und verehrte die 
Schlangen und die Tiger. Er ging freiwillig in den Krieg, schien aber 
seinen Kameraden und den Offizieren schon in der Kaserne so un- 



394 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

heimlich, dafi sie ihn als einen Geisteskranken wieder in die Walder 
entliefien. Jedes Jahr, im Marz, kam er in die Stadt. Er tauschte Hor- 
ner, Felle, Geweihe gegen Munition, Tee, Tabak und Schnaps ein. Er 
nahm einige Zeitungen mit, um sich auf dem laufenden zu halten, 
glaubte aber weder den Nachrichten noch den Artikeln; selbst an den 
Inseraten zweifelte er. Seit Jahren ging er in ein bestimmtes Bordell zu 
einer Rothaarigen, Jekaterina Pawlowna hiefi sie. Wenn ein anderer bei 
dem Madchen war, wartete Baranowicz, ein geduldiger Liebhaber. 
Das Madchen wurde alt, es farbte seine silbernen Haare, verlor einen 
Zahn nach dem andern und sogar das falsche Gebifi. Jedes Jahr 
brauchte Baranowicz weniger zu warten, schliefilich war er der ein- 
zige, der zu Jekaterina kam. Sie begann ihn zu lieben, das ganze Jahr 
brannte ihre Sehnsucht, die spate Sehnsucht einer spaten Braut. Jedes 
Jahr wurde ihre Zartlichkeit starker, ihre Leidenschaft heifier, sie war 
eine Greisin, mit welkem Fieisch genofi sie die erste Liebe ihres Le- 
bens. Baranowicz brachte ihr jedes Jahr die gleichen chinesischen Ket- 
ten und die kleinen Floten, die er selbst schnitzte und auf denen er die 
Stimmen der Vogel nachahmte. 

Im Februar 1918 verlor Baranowicz den Daumen der linken Hand, als 
er unvorsichtig Holz sagte. Die Heilung dauerte sechs Wochen, im 
April sollten die Jager aus Wladiwostok kommen, er konnte in diesem 
Jahr nicht in die Stadt. Vergeblich wartete Jekaterina. Baranowicz 
schrieb ihr durch einen Jager und trostete sie. Statt der chinesischen 
Perlen schickte er ihr einen Zobel und eine Schlangenhaut und ein Ba- 
renfell als Bettvorleger. So kam es, dafi Tunda in diesem wichtigsten 
aller Jahre keine Zeitungen las. Erst im Fruhling 19 19 horte er von dem 
heimkehrenden Baranowicz, dafi der Krieg beendet war. 
Es war an einem Freitag, Tunda wusch das Efigeschirr in der Kuche, 
Baranowicz trat in die Tiir, man horte das Bellen der Hunde. Eis 
klirrte an seinem schwarzen Bart, auf dem Fensterbrett safi ein Rabe. 
»Es ist Friede, es ist Revolution^ sagte Baranowicz. 
In diesem Augenblick wurde es still in der Kuche. Die Uhr im Neben- 
zimmer schlug drei starke Schlage. Franz Tunda legte die Teller sorg- 
faltig und leise auf die Bank. Er wollte die Stille nicht storen, wahr- 
scheinlich hatte er auch Angst, die Teller wiirden zerbrechen. Seine 
Hande zitterten. 

»Den ganzen Weg«, sagte Baranowicz, »habe ich es mir uberlegt, ob 
ich es dir sagen soil. Schliefilich tut es mir leid, dafi du nach Hause 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 395 

gehn wirst. Wir werden uns wahrscheinlich nicht wiedersehn, und 

schreiben wirst du mir auch nicht. « 

»Ich werde dich nicht vergessen«, sagte Tunda. 

»Versprich nichts!« sagte Baranowicz. 

Das war der Abschied. 



II 

Tunda wollte nach der Ukraine gelangen, von Shmerinka, wo er in 
Gefangenschaft geraten war, nach der osterreichischen Grenzstation 
Podwoloczyska und dann nach Wien. Er hatte keinen bestimmten 
Plan, der Weg lag unsicher vor ihm, lauter Windungen. Er wuftte, daft 
es lange dauern wiirde. Er hatte nur den einen Vorsatz: weder den 
weifien noch den roten Truppen nahe zu kommen und sich um die 
Revolution nicht zu kummern. Die osterreichisch-ungarische Monar- 
chic war zerfallen. Er hatte keine Heimat mehr. Sein Vater war als 
Oberst gestorben, seine Mutter schon lange tot. Ein Bruder war Ka- 
pellmeister in einer mittelgroften deutschen Stadt. 
In Wien erwartete ihn seine Braut, Tochter des Bleistiftfabrikanten 
Hartmann. Von ihr wuftte der Oberleutnant nichts mehr, als daft sie 
schon, klug, reich und blond war. Diese vier Eigenschaften hatten sie 
befahigt, seine Braut zu werden. 

Sie schickte ihm Briefe und Leberpasteten ins Feld, manchmal eine 
gepreftte Blume aus Heiligenkreuz. Er schrieb ihr jede Woche auf dun- 
kelblauem Feldpostpapier mit angefeuchtetem Tintenstift kurze Briefe, 
knappe Situationsberichte, Meldungen. 

Seitdem er aus dem Lager geflohen war, hatte er nichts von ihr gehort. 
Daft sie ihm treu war und auf ihn wartete, daran zweifelte er nicht. 
Daft sie auf ihn wartete, bis zu seiner Ankunft, daran zweifelte er 
nicht. Daft sie aber aufhoren wiirde, ihn zu lieben, wenn er einmal da 
war und vor ihr stand, schien ihm ebenso gewift. Denn als sie sich 
verlobt hatten, war er ein Offizier gewesen. Die grofte Trauer der Welt 
verschonte ihn damals, die Nahe des Todes vergrofterte ihn, die Weihe 
eines Begrabenen lag um den Lebendigen, das Kreuz auf der Brust 
gemahnte an das Kreuz auf einem Hiigel. Rechnete man auf ein gliick- 
liches Ende, so warteten nach dem triumphalen Marsch der siegreichen 
Truppen uber die Ringstrafte der goldene Kragen des Majors, die 



396 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Stabsschule und schliefilich der Generalsrang, alles umweht von dem 
weichen Trommelklang des Radetzkymarsches. 

Jetzt aber war Franz Tunda ein junger Mann ohne Namen, ohne Be- 
deutung, ohne Rang, ohne Titel, ohne Geld und ohne Beruf, heimatlos 
und rechtlos. 

Er hatte seine alten Papiere und ein Bild seiner Braut im Rock einge- 
naht. Es schien ihm giinstiger, mit dem fremden Namen, der ihm ge- 
laufig war wie sein eigener, durch Rutland zu wandern. Erst jenseits 
der Grenze wollte er seine alten Papiere wieder verwenden. 
Den Pappendeckel, auf dem seine schone Braut abgebildet war, fu'hlte 
Tunda hart und beruhigend auf der Brust. Die Photographie stammte 
von dem Hofphotographen, der den Modezeitungen Bilder von Da- 
men der Gesellschaft lieferte. In einer Serie »Braute unserer Helden« 
hatte sich auch Fraulein Hartmann als die Braut des tapferen Oberleut- 
nants Franz Tunda befunden; eine Woche vor der Gefangennahme 
noch hatte ihn die Zeitung erreicht. 

Den Ausschnitt mit dem Bild konnte Tunda bequem der Rocktasche 
entnehmen, sooft ihn die Lust befiel, seine Braut zu betrachten. Er 
betrauerte sie schon, noch ehe er sie gesehen hatte. Er liebte sie dop- 
pelt: als ein Ziel und als eine Verlorene, Er liebte das Heldentum seiner 
weiten und gefahrlichen Wanderung. Er liebte die Opfer, die notig 
waren, die Braut zu erreichen, und die Vergeblichkeit dieser Opfer. 
Der ganze Heroismus seiner Kriegsjahre erschien ihm kindisch im 
Vergleich zu dem Unternehmen, das er jetzt wagte. Neben seiner 
Trostlosigkeit wuchs die Hoffnung, dafi er allein durch diese gefahrli- 
che Riickkehr wieder ein begehrenswerter Mann wurde. Er war den 
ganzen Weg iiber gliicklich. Hatte man ihn gefragt, ob ihn die Hoff- 
nung oder die Wehmut gliicklich machten, er hatte es nicht gewufit. In 
den Seelen mancher Menschen richtet die Trauer einen grofieren Jubel 
an als die Freude. Von alien Tranen, die man verschluckt, sind jene die 
kostlichsten, die man iiber sich selbst geweint hatte. 
Es gelang Tunda, den weifien und roten Truppen aus dem Weg zu 
gehen. Er durchquerte in einigen Monaten Sibirien und einen groften 
Teil des europaischen RuElands, mit der Bahn, mit Pferden und zu 
Fufi. Er gelangte in die Ukraine. Er kiimmerte sich nicht um den Sieg 
oder die Niederlage der Revolution. Mit dem Klang dieses Wortes ver- 
band er schwache Vorstellungen von Barrikaden, Pobel und dem Ge- 
schichtslehrer an der Kadettenschule, Major Horwath. Unter »Barri- 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 397 

kaden« stellte er sich iibereinandergeschichtete, schwarze Schulbanke 
vor, mit aufwartsragenden Fiiften. »P6bel« war ungefahr das Volk, das 
sich am Griindonnerstag bei der Parade hinter dem Kordon der Land- 
wehr staute. Von diesen Menschen sah man nur verschwitzte Gesich- 
ter und zerbeulte Hike. In den Handen hielten sie wahrscheinlich 
Steine. Dieses Volk erzeugte die Anarchie und liebte die Faulheit. 
Manchmal entsann sich Tunda auch der Guillotine, die der Major 
Horwath immer Guillotin, ohne Endung, aussprach, ebenso wie er 
Pari sagte statt Paris. Die Guillotine, deren Konstruktion der Major 
genau kannte und bewunderte, stand wahrscheinlich jetzt auf dem Ste- 
phansplatz, der Verkehr fur Wagen und Automobile war eingestellt 
(wie in der Silvesternacht), und die Haupter der besten Familien des 
Reiches kollerten bis zur Peterskirche und in die Jasomirgottstrafie. 
Ebenso ging es in Petersburg zu und in Berlin. Eine Revolution ohne 
Guillotine war ebensowenig moglich wie eine rote Fahne. Man sang 
die Internationale, ein Lied, das der Kadettenschiiler Mohr an den 
Sonntagnachmittagen vorgetragen hatte, den sogenannten »Schweine- 
reien«. Mohr zeigte damals pornographische Ansichtskarten und sang 
sozialistische Lieder. Der Hof war leer, man sah zum Fenster hinunter, 
leer und still war er, man horte das Gras zwischen den groften Quader- 
steinen wachsen. — Eine »Guillotin« mit dem abgehackten, gleichsam 
von ihr selbst abgeschnittenen »e« war etwas Heroisches, Stahlblaues 
und Blutbetropftes. Rein als Instrument betrachtet, schien sie Tunda 
heroischer als ein Maschinengewehr. 

Tunda nahm also personlich keine Partei. Die Revolution war ihm un- 
sympathisch, sie hatte ihm die Karriere und das Leben verdorben. 
Aber er war nicht im Dienst, sobald er sich der Weltgeschichte gegen- 
uberstellte, und gliicklich, daft ihn keine Vorschrift zwang, eine Partei 
zu ergreifen. Er war ein Osterreicher. Er marschierte nach Wien. 
Im September erreichte er Shmerinka. Er ging am Abend durch die 
Stadt, kaufte teures Brot fiir eine seiner letzten Silbermiinzen und hii- 
tete sich vor politischen Gesprachen. Er wollte nicht verraten, daft er 
uber die Lage nicht orientiert war und daft er von weit her kam. 
Er beschloft, die Nacht zu durchwandern. 

Sie war klar, kuhl, fast winterlich; noch war die Erde nicht gefroren, 
aber der Himmel war es schon. Gegen Mitternacht horte er plotzlich 
Gewehrschiisse. Eine Kugel schlug ihm den Stock aus der Hand. Er 
warf sich zu Boden, ein Hufschlag traf ihn in den Riicken, er wurde 



398 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ergriffen, hochgezogen, quer iiber einen Sattel gelegt, iiber ein Pferd 
gehangt wie ein Waschestiick iiber eine Leine. Der Riicken schmerzte 
ihn, vom Galopp vergingen ihm die Sinne, sein Kopf war mit Blut 
gefullt, es drohte, ihm aus den Augen zu schiefien. Er erwachte aus der 
Ohnmacht und schlief gleich ein - so wie er hing. Am nachsten Mor- 
gen band man ihn ab, er schlief noch, gab ihm Essig zu riechen, er 
schlug die Augen auf, fand sich auf einem Sack in einer Hiitte liegen, 
ein Offizier safi hinter einem Tisch. Pferde wieherten hell und trostlich 
vor dem Haus, auf dem Fenster safi eine Katze. Man hielt Tunda ftir 
einen bolschewistischen Spion. Roter Hund! nannte ihn der Offizier. 
Sehr schnell begriff der Oberleutnant, dafi es nicht gut war, russisch zu 
sprechen. Er sagte die Wahrheit, nannte sich Franz Tunda, gestand, 
da!5 er auf dem Heimweg begriffen war und dafi er ein falsches Doku- 
ment besafi. Man glaubte ihm nicht. Schon machte er eine Bewegung 
nach der Brust, wollte sein richtiges Papier vorzeigen. Aber er emp- 
fand den Druck der Photographie wie eine Warnung oder wie eine 
Mahnung. Er legitimierte sich nicht, es hatte ihm ubrigens gar nicht 
geholfen. Er wurde gefesselt, in einen Stall geschlossen, sah den Tag 
durch eine Liicke, sah eine kleine Gruppe von Sternen, sie waren hin- 
gestreut wie weifier Mohn - Tunda dachte an frisches Geback - er war 
ein Osterreicher. Nachdem er zweimal die Sterne gesehen hatte, wurde 
er wieder ohnmachtig. Er erwachte in einem Meer von Sonne, bekam 
Wasser, Brot und Schnaps, Rotgardisten standen um ihn, ein Madchen 
in Hosen war unter ihnen, ihre Brust ahnte man hinter zwei groften, 
mit Papieren gefiillten Blusentaschen. 
»Wer sind Sie?« fragte das Madchen. 
Sie schrieb alles auf, was Tunda sagte. 

Sie reichte ihm ihre Hand. Die Rotgardisten gingen hinaus, sie liefien 
die Tiir weit offen, plotzlich fiihlte man die gliihende Sonne, obwohl 
sie weifi und ohne Lust zu brennen war. Das Madchen war kraftig, sie 
wollte Tunda emporziehen und fiel selbst nieder. 
Bei strahlender Sonne schlief er ein. Dann blieb er bei den Roten. 



Ill 

Irene hatte wirklich lange gewartet. In der Gesellschaftsschicht, der 
das Fraulein Hartmann angehorte, gibt es eine Treue aus Konyention, 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 399 

eine Liebe aus Grunden der Schicklichkeit, Keuschheit aus Mangel an 
Auswahl und infolge eines diffizilen Geschmacks. Irenes Vater, ein 
Fabrikant noch aus jener Zeit, in der die Redlichkeit eines Mannes 
nach der Anzahl der Prozente berechnet wurde, die er auf seine Waren 
anschlug, verlor seine Fabrik wegen der gleichen Bedenken, denen 
Irene beinahe ihr Leben geopfert hatte. Er konnte sich nicht entschlie- 
fien, schlechtes Blei zu verwenden, obwohl die Verbraucher gar nicht 
anspruchsvoll waren. Es gibt eine geheimnisvolle, riihrende Anhang- 
lichkeit an die Qualitat der eigenen Ware, deren Gediegenheit zuriick- 
wirkt auf den Charakter des Erzeugers, eine Treue zum Fabrikat, die 
ungefahr dem Patriotismus jener Menschen gleicht, die von der Grofie, 
der Schonheit, der Macht ihres Vaterlandes die eigene Existenz abhan- 
gig machen. Diesen Patriotismus haben Fabrikanten manchmal mit ih- 
ren letzten Biirodienern gemein, wie den groften Patriotismus Fiirsten 
und Korporale. 

Der alte Herr stammte aus jener Zeit, in der ein Wille die Qualitat 
bestimmte und in der man noch mit Ethik Geld verdiente. Er hatte 
Kriegslieferungen, aber keine richtige Vorstellung vom Kriegsleben. 
Deshalb lieferte er Millionen allerbester Bleistifte an unsere Krieger im 
Feld, Bleistifte, die unsern Kriegern ebensowenig halfen wie die mise- 
rablen Erzeugnisse der anderen Kriegslieferanten. Einem Intendanten, 
der ihm den Rat gab, geringere Anspruche an seine Ware zu stellen, 
wies der Fabrikant die Tiir. Andere behielten das gute Material fur eine 
bessere Zeit. 

Als der Friede kam, hatte der Alte nur schlechtes Material, das ohnehin 
im Preis gesunken war. Er verkaufte es mitsamt seiner Fabrik, zog sich 
in einen landlichen Bezirk zuriick, machte noch ein paar kurze Spa- 
ziergange und schliefilich den langen letzten zum Zentralfriedhof. 
Irene blieb, wie die meisten Tochter verarmter Fabrikanten, in einer 
Villa zuriick, mit einem Hund und einer adeligen Dame, die Kondo- 
lenzbesuche empfing und den Alten ehrlich betrauerte, nicht weil er 
ihr nahegestanden hatte, sondern weil er dahingegangen war, ohne ihr 
nahegestanden zu haben. Ihren Weg von einem Majordomus zur Ge- 
bieterin hatte der Tod unterbrochen. Jetzt besafi sie die Schliissel zu 
Schranken, die ihr nicht gehorten. Sie trostete sich durch eine ausgie- 
bige Betrachtung der leidenden Irene. 

Ubrigens war die vornehme Dame mittelbar die Ursache der Verio- 
bung mit Tunda gewesen. Irene hatte sich verlobt, um ihre Selbstan- 



400 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

digkeit zu beweisen. Verlobtsein war beinahe soviel wie Grofijahrig- 
keit. Die Braut eines aktiven Offiziers im Krieg war sogar de facto 
grofijahrig. Wahrscheinlich hatte die Liebe, die auf diesem Grunde 
gewachsen war, die juristische Grofijahrigkeit, das Kriegsende, die Re- 
volution nicht iiberdauert, wenn Tunda zuriickgekommen ware. Ver- 
schollene aber haben einen unwiderstehlichen Reiz. Einen Anwesen- 
den betriigt man, einen Gesunden, einen Kranken auch und unter 
Umstanden sogar einen Toten. Aber einen ratselhaft Verschwundenen 
erwartet man, solang es geht. 

Es gibt verschiedene Ursachen weiblicher Liebe. Auch das Warten ist 
eine. Man liebt die eigene Sehnsucht und das bedeutende Quantum an 
Zeit, das man investiert hat. Jede Frau wiirde sich selbst geringschat- 
zen, wenn sie den Mann nicht liebte, auf den sie gewartet hat. Weshalb 
aber wartete Irene? Weil anwesende Manner weit hinter Verschollenen 
zuriickstehen. 

Ubrigens war sie anspruchsvoll. Sie gehorte zu der Generation der illu- 
sionslosen grofibiirgerlichen Madchen, deren natiirlich-romantische 
Veranlagung der Krieg zerstort hatte. Diese Madchen gingen wahrend 
des Krieges in die Mittelschule, ins Lyzeum, in die sogenannte Toch- 
terschule. Das sind in ruhigen Zeiten die Brutstatten der Illusionen, 
der Ideale, der Verliebtheiten. 

Im Krieg vernachlassigte man die Erziehung. Die Madchen aller 
Stande lernten auf Kosten der Jamben Krankenpflege, aktuelles Hero- 
entum, Kriegsberichte. Die Frauen dieser Generation sind skeptisch 
wie nur Frauen, die eine grofie Erfahrung in der Liebe haben. Die 
stumpfe, simple und barbarische Bes chaff enheit der Manner ist ihnen 
langweilig. Von der armseligen, ewigen und unveranderlichen Me- 
thode mannlicher Werbung wissen sie alles schon im vorhinein. 
Irene nahm nach dem Krieg eine Stellung in einem Biiro an, weil man 
sich damals anfing zu schamen, wenn man nicht arbeitete. Sie gehorte 
zu den besseren Biirokraften, die der Herr Chef selbst zu rufen, nicht 
durch den Sekretar holen zu lassen pflegte. Deshalb bildete man sich 
damals ein, die Welt stiinde Kopf und die Gleichheit aller ware griind- 
lich durchgefiihrt. Welch eine Zeit, in der Fabrikantentochter das Ge- 
ehrte vom Achtzehnten dieses beantworten mufken, um bessere 
Striimpfe tragen zu konnen! Diese Zeit war »aus den Fugen«. 
Irene wartete (wie viele tausend Frauen) morgens, mittags, abends auf 
den Brieftrager. Er brachte manchmal einen gleichgiiltigen Brief vom 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 4OI 

Notar. Inzwischen umgaben sie die Seufzer der aristokratischen Da- 
men, deren Mitgefiihl aussah wie eine Schadenfreude. 
Irene verkehrte bei einer befreundeten Familie aus Triest. Es war eine 
alte Familie, die seit Dezennien von Kachelofenerzeugung lebte und 
von klassischen Statuen aus Gips. Dieser Familie sind die meisten Dis- 
koswerfer zuzuschreiben, die unter Glasstiirzen auf Mahagonivitrinen 
stehen. Ein Zweig der Triestiner Familie hatte - wahrscheinlich aus 
geschaftlichen Griinden - dem Irredentismus gehuldigt, seine Biiros 
nach Mailand verlegt und sich von dem habsburgertreuen Familienteil 
getrennt. Beide Lager wechselten nicht einmal mehr Hochzeitstele- 
gramme. So tiefgehende Konsequenzen kann der Patriotismus erzeu- 
gen. 

Nach dem Kriege kniipften sich die Beziehungen wieder langsam an. 
Da der Sieg zur Groftmut verpflichtet, streckte der italienische Teil der 
Familie dem osterreichischen zuerst die Hand entgegen. Es war ein 
Neffe, der von Mailand nach Wien kam - und das ist der Mann, den 
Irene schliefilich heiratete. 

Er eroberte sie durch Galantene. Es war in jenen Tagen bei deutschen 
Mannern eine seltene Eigenschaft - sie ist es noch heute. Er war unbe- 
deutend, flink, geschaftstiichtig, er vcrdiente Geld und besaE die 
grofte, weltmannische Fahigkeit, geizig zu sein und gleichzeitig einer 
Frau kostbare und iiberraschende Geschenke zu machen. Sein person- 
licher Geschmack stand in einem verbluffenden Gegensatz zu seinem 
beruflichen. In seinem Hause befand sich nicht eine einzige jener Sta- 
tuen, die er fabrizierte. - 

Irene war froh, als sie ihre vaterliche Villa verliefi, und nach funfzehn 
Jahren zum erstenmal die adelige Dame. 

Da der Hund dem Ehepaar folgte, iibernahm die Wirtschafterin auch 
einen Teil seiner Funktionen: Sie knurrte den Brieftrager an. 
Irene vergaft Tunda nicht. Ihr erstes Kind, es war ein Madchen, nannte 
sie gegen ihren guten Geschmack: Franziska. 



IV 

Ich habe erzahlt, wie Tunda fur die Revolution zu kampfen begann. Es 

war ein Zufall. 

Er vergaft seine Braut nicht, aber er befand sich nicht mehr auf dem 



402 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Wege zu ihr, sondern schon in der Nahe von Kiew und auf dem 
Marsch nach dem Kaukasus. Er trug einen roten Stern, seine Stiefel 
waren zerrissen. Noch wufke er nicht, ob er in seine Kameradin ver- 
liebt war. Aber nach althergebrachter Sitte schwor er ihr einmal Treue. 
Er begegnete ihrem Widerstand gegen jede Poesie und fiihlte den Zu- 
sammenbruch ewiger Gesetze. 

»Ich werde dich niemals verlassen«, sagte Franz Tunda. 
»Ich werde dich loswerden!« erwiderte das Madchen. 
Man nannte sie Natascha Alexandrowna. Sie war die Tochter eines 
Uhrmachers und einer Bauerin, hatte sich friih mit einem franzosi- 
schen Parfumerie-Fabrikanten verheiratet und nach einem Jahr von 
ihm scheiden lassen. Sie zahlte heute 23 Jahre. Ihr Gesicht veranderte 
sich manchmal. Ihre gewolbte Stirn legte sich in viele kleine Falten, 
ihre starken, kurzen Augenbrauen schoben sich eng zusammen, die 
zarte Haut ihrer Nase straffte sich iiber dem Knochen, die Nasenlo- 
cher wurden schmal, die Lippen, immer rund und halb offen, prefiten 
sich gegeneinander wie zwei verbissene Feinde, der Hals streckte sich 
vor wie ein suchendes Tier. Ihre Pupillen, sonst braun, rund, in diin- 
nen, goldenen Ringen, wurden schmale, griine Ovale, zwischen zu- 
sammengezogenen Lidern wie Klingen in Futteralen. Sie wollte von 
ihrer Schonheit nichts wissen, rebellierte gegen sich, hielt ihre Weib- 
lichkeit fur einen Riickfall in die bourgeoise Weltanschauung und das 
ganze weibliche Geschlecht fur den unberechtigten Uberrest einer be- 
siegten, verrochelnden Welt. Sie war mutiger als die ganze mannliche 
Schar, in deren Mitte sie kampfte. Sie wufke nicht, dafi Mut die Tu- 
gend der Frauen ist und Furchtsamkeit die Klugheit der Manner. Sie 
wufke auch nicht, dafi alle Manner nur deshalb ihre guten Kameraden 
waren, weil alle sie liebten. Sie wufke nicht, dafi Manner keusch sind 
und sich schamen, ihre Herzen zu verraten. Sie hatte sich keinen von 
ihnen genommen; sie hatte keines einzigen Liebe gemerkt, weil sie 
biirgerlicher war, als sie sich zugestehen durfte. 

Die Manner ihres Zuges waren Matrosen, Arbeiter, Bauern, ohne Bil- 
dung und von der Unschuld der Tiere. Tunda war der erste Mann von 
biirgerlicher Beschaffenheit. Ihn nahm sie sofort. Sie ahnte nicht, daft 
es der deutliche Riickfall in die Biirgerlichkeit war. Sie anerkannte 
seine erotische Ebenbiirtigkeit, sie verspottete seinen biirgerlichen Ho- 
rizont. Sie nahm sich vor, aus diesem Material einen Revolutionar zu 
machen. Sie wufke nicht, dafi es ihr nur gelingen konnte, weil sie und 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 403 

er, in der Mitte der anderen, dennoch auf einer unnahbaren Insel leb- 

ten und trotz ihrer verschiedenen Uberzeugungen einander am 

schnellsten verstanden. 

Natascha Alexandrowna verliebte sich in Tunda, regelrecht, nach alien 

von ihr bekampften Liebesgesetzen der alten, von ihr verleugneten 

Welt. Deshalb sagte sie: 

»Ich werde dich loswerden« und wuftte nicht, daft sie log, Tunda 

schwor zuerst ewige Liebe mit der Sicherheit aller oberflachlichen 

Manner, denen viele kluge Frauen anheimgefallen sind. Erst der pro- 

grammatische und unwahre, aber verbliiffende Widerstand der Frau 

und ihr selbstbewuftter und ihm so ungewohnt schroffer Verzicht auf 

alle Siiftigkeiten mannlicher Verfuhrung machten ihn verliebt - zum 

erstenmal in seinem Leben. 

Nun erst entschwand ihm seine Braut, mit ihr sein ganzes fruheres 

Leben. Seine Vergangenheit war wie ein endgultig verlassenes Land, in 

dem man gleichgultige Jahre verbracht hat. Die Photographie seiner 

Braut war eine Erinnerung wie die Ansichtskarte von einer Strafie, in 

der man gewohnt hat, sein fruherer Name auf seinem echten Doku- 

ment wie ein alter polizeilicher Meldezettel, nur der Ordnung wegen 

aufgehoben. 

Natascha sah einmal die Photographie seiner Braut, und obwohl sie 

eifersiichtig wurde, gab sie ihm das Bild mit einer gleichgiiltigen Hand 

zuriick und sagte: 

»Ein guter burgerlicher Typ!« 

Es war, als hatte sie das alte, aber fur seine Zeit im Verhaltnis noch 

anstandig gebaute Modell einer heute schon weit iibertroffenen Pistole 

betrachtet, fur moderne, revolutionare Kriegfuhrung unmoglich zu ge- 

brauchen. 

Wie gut wuftte sie die Stunden ihres Tages einzuteilen, die Kamerad- 

schaft mit dem Genuft der Liebe zu verbinden und diesen mit der 

Pflicht des Kampfes! 

»Um elf Uhr dreifiig riicken wir vor«, sagte sie zu Tunda, »jetzt ist 

neun. Wir essen bis halb zehn, du zeichnest die Karte fiir Andrej Paw- 

lowitsch, um zehn bist du fertig, bis elf Uhr dreiftig konnen wir mit- 

einander schlafen, wenn du nicht fiirchtest, dann miide zu sein. Mir 

macht es gar nichts!« fiigte sie mit einem leisen Hohn hinzu und iiber- 

zeugt, daft sie wieder einmal ihre mannliche Uberlegenheit bewiesen 

hatte. 



404 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sie blieb wach und kontrollierte ihre Geniisse wie ein Posten die Ge- 
rausche der Nacht. Die korperliche Liebe war eine Forderung der Na- 
tur. Natascha erhob die Liebe fast zu einer revolutionaren Pflicht und 
hatte fortan ein reines Gewissen. Tunda hatte sich weibliche Soldaten 
immer so vorgestellt. Diese Frau war wie aus Biichern gestiegen, ihrer 
literarisch bekraftigten Existenz ergab er sich mit Bewunderung und 
der demiitigen Treue eines Mannes, der nach falschen Uberlieferungen 
in einer entschlossenen Frau eine Ausnahme sieht und nicht die Regel. 
Er wurde ein Revolutionar, er liebte Natascha und die Revolution. 
Viele Stunden des Tages benutzte Natascha dazu, ihn und ihre Leute 
»politisch aufzuklaren« und Tunda besondern Nachhilfeunterricht zu 
erteilen, weil er von der Revolution weniger verstand als die Arbeiter 
und Matrosen. 

Es dauerte lange, ehe er es sich abgewohnte, bei dem Wort »Proleta- 
riat« an Griindonnerstag zu denken. Er war mitten in der Revolution, 
und er vermifite noch die Barrikaden. Als seine Leute - denn er kom- 
mandierte sie jetzt - einmal die Internationale sangen, erhob er sich mit 
dem schlechten Gewissen eines Verraters, er schrie hurra mit der Ver- 
legenheit eines Fremden, eines Gastes, der bei einem zufalligen Besuch 
em Fest mitfeiern mufi. Es dauerte lange, ehe er sich daran gewohnte, 
nicht zu zucken, wenn ihn seine Kameraden Genosse nannten. Er 
selbst nannte sie lieber bei ihren Namen und wurde in der ersten Zeit 
verdachtigt. 

»Wir sind im ersten Stadium der Weltrevolution«, sagte Natascha in 
jeder Nachhilfestunde, »Manner wie du gehoren noch zur alten Welt, 
konnen uns aber gute Dienste leisten. Wir nehmen dich eben mit. Du 
verratst die biirgerliche Klasse, der du angehorst, du bist uns willkom- 
men. Aus dir kann ein Revolutionar werden, aber ein Burger bleibst du 
immer. Du warst Offizier, das todlichste Werkzeug in der Hand der 
herrschenden Klasse, du hast das Proletariat geschunden, du hattest 
erschlagen werden miissen. Sieh doch den Edelmut des Proletariats! Es 
erkennt an, daft du was von Taktik verstehst, es verzeiht dir, es lafit 
sich sogar von dir fuhren.« 

»Ich fiihre es ja nur deinetwegen - weil ich dich liebe«, sagte der altmo- 
dische Tunda. 

»Liebe! Liebe!« schrie Natascha. »Das kannst du deiner Braut erzah- 
len! Ich verachte deine Liebe. Was ist das? Du kannst es nicht einmal 
erklaren. Du hast ein Wort gehort, in euren verlogenen Biichern und 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 405 

Gedichten gelesen, in euren Familienzeitschriften! Liebe! Ihr habt das 

wunderbar eingeteilt: Da habt ihr das Wohnhaus, dort die Fabrik oder 

den Delikatessenladen, druben die Kaserne, daneben das Bordell und 

in der Mitte die Gartenlaube. Ihr tut so, als ware sie das wichtigste in 

eurer Welt, in ihr schichtet ihr alles auf, was Edles, Erhabenes, Slices in 

euch ist, und ringsum ist Platz fur eure Gemeinheit. Eure Schriftsteller 

sind blind oder bestochen, sie glauben eurer Architektur, sie schreiben 

von Gefiihlen statt von Geschaften, von Herz statt von Geld, sie be- 

schreiben die kostbaren Bilder an den Wanden und nicht die Kontos in 

den Banken.« 

»Ich habe nur Detektivromane gelesen«, warf Tunda schuchtern da- 

zwischen. 

»Ja, Detektivromane! Wo die Polizei siegreich ist und der Einbrecher 

gefangen wird, oder wo ein Einbrecher nur deshalb siegreich ist, weil 

er ein Gentleman ist und den Frauen gefallt und einen Frack tragt. 

Wenn du nur meinetwegen bei uns bist, werde ich dich erschiefien«, 

sagte Natascha. 

»Ja, nur deinetwegen!« sagte Tunda. 

Sie atmete auf und lieft ihn am Lebem 

Es ist gleichgiiltig, ob jemand durch Lektiire, Nachdenken, Erleben 

Revolutionar wird oder durch die Liebe. Sie riickten eines Tages in ein 

Dorf im Gouvernement Samara ein. Einen Popen und fiinf Bauern, die 

beschuldigt waren, Rotarmisten zu Tode gefoltert zu haben, fiihrte 

man Tunda vor. Er befahl, den Popen und die fiinf Bauern zusammen- 

zubinden und zu erschieften. Ihre Leichen lieft er zur Abschreckung 

liegen. Er hafite noch die Toten. Er nahm personlich Rache an ihnen. 

Man hielt es fur selbstverstandlich. Niemand von der Truppe wun- 

derte sich dariiber. 

Uberraschte es sie denn nicht, daft einer toten konnte, ohne zu wollen? 

»Das hast du fur mich getan«, sagte Natascha verachtlich. 

Zum erstenmal aber hatte Tunda etwas nicht fur Natascha getan. Als 

sie ihm den Vorwurf machte, fiel es ihm ein, daft er gar nicht an sie 

gedacht hatte. Aber er gestand es nicht. 

»Naturlich fur dich!« log er. 

Sie freute sich und verachtete ihn. 

Alle seine Kameraden aus der Kadettenschule und vom Regiment hatte 

er im Namen der Revolution erschossen. Eines Tages wurde ein politi- 



406 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

scher Kommissar ihrer Truppe zugeteilt, ein Jude, der sich den Namen 
Nirunow beigelegt hatte, ein Schriftsteller, der flinke Zeitungen und 
Aufrufe herstellte, der flammende Reden hielt, bevor es zu einem An- 
griff kam, und ebenso plump war im Gesprach, wie er geschickt war in 
der Fahigkeit zu begeistern. Dieser Mann, hafilich, kurzsichtig und 
toricht, verliebte sich in Natascha, die ihn wie einen politisch Eben- 
biirtigen behandelte. Tunda wollte ebenso sprechen konnen wie der 
Kommissar, er eiferte ihm nach. Er eignete sich die technischen Aus- 
driicke des Politikers an, er lernte auswendig mit der Fahigkeit eines 
Verliebten. Der Kommissar wurde eines Tages verwundet, man mufite 
ihn zuriicklassen, Tunda hielt seitdem politische Reden und verfafite 
Aufrufe. 

Er kampfte in der Ukraine und an der Wolga, er zog in die Berge des 
Kaukasus und marschierte zuriick an den Ural. Seine Truppe schmolz 
zusammen, er fullte sie auf, er warb Bauern an, erschoft Verrater und 
Uberlaufer und Spione, schlich sich hinter den Riicken des Feindes, 
ging fur einige Tage in eine von Weiften besetzte Stadt, wurde verhaf- 
tet, entfloh. Er liebte die Revolution und Natascha wie ein Ritter, er 
kannte die Siimpfe, das Fieber, die Cholera, den Hunger, den Typhus, 
die Baracke ohne Arznei, den Geschmack des verschimmelten Brotes. 
Er stillte den Durst mit Blut, er kannte den Schmerz des Frostes und 
seinen Brand, das Frieren in den mitleidlosen Nachten, das Schmach- 
ten in heifien Tagen, er horte in Kasan einmal Trotzki reden, die harte, 
tatsachliche Sprache der Revolution, er liebte das Volk. Er erinnerte 
sich manchmal an seine alte Welt, wie man sich an alte Kleider erin- 
nert, er hiefi Baranowicz, er war ein Revolutionar. Er haftte die reichen 
Bauern, die fremden Armeen, die den Weiftgardisten halfen, er hafite 
die Generale, die gegen die Roten kampften. Seine Kameraden began- 
nen, ihn zu lieben. 



Er erlebte den Sieg der Revolution. 

Die Hauser in den Stadten zogen rote Fahnen an und die Frauen rote 
Kopftiicher. Wie lebendiger Mohn gingen sie herum. Uber dem Elend 
der Bettler und der Obdachlosen, iiber den verwiisteten Straften, den 
zerschossenen Hausern, dem Schutt auf den freien Platzen, den Triim- 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 4O7 

mern, die nach Brand rochen, den Zimmern, in denen Kranke lagen, den 
Friedhofen, die unaufhorlich ihre Graber offneten und schlossen, den 
seufzenden Biirgern, die den Schnee schaufeln und die Biirgersteige 
reinigen mufken, lag die unbekannte Rote. In den Waldern verhallten mit 
weichem Echo die letzten Schusse. Letzter Feuerschein huschte iiber 
nachtliche Horizonte. Die schweren und schnellen Glocken der Kirchen 
horten nicht auf zu lauten. Die Setz- und Druckmaschinen begannen, 
ihre Rader zu drehen, sie waren die Miihlen der Revolution. Auf tausend 
Platzen sprachen die Redner zum Volk. Die Rotgardisten marschierten 
in zerrissenen Kleidern und in zerrissenen Stiefeln und sangen. Die 
Trummer sangen. Freudig stiegen die Neugeborenen aus den Schofien 
der Mutter. 

Tunda kam nach Moskau. Es ware ihm gelungen, in jenen Tagen, in denen 
es Amter regnete, einen Schreibtisch und einen Stuhl zu bekommen. Er 
hatte sich nur melden mlissen. Er tat es nicht. Er horte alle Reden, ging in 
alle Klubs, sprach mit alien Menschen, ging in alle Museen und las alle 
Biicher, die er bekommen konnte. Er lebte damals von Artikeln fur 
Zeitungen und Zeitschriften. Es gab ein Klischee fiir Proteste und Auf- 
rufe, ein zweites fiir Skizzen und Erinnerungen, ein drittes fur Emporung 
und Anklage. Seine Gesinnung war revolutionarer als diese fertige Spra- 
che. Er iibernahm nur das Handwerkszeug. Schriftsteller erleben alles 
durch das Mittel der Sprache, sie haben kein Erlebnis ohne Formulie- 
rung. Tunda aber suchte nach bestehenden, oft erprobten und zuverlassi- 
gen Formulierungen, um nicht im Erlebnis unterzugehen. Er griff wie ein 
Ertrinkender mit ausgestreckten Armen nach der nachsten Klippe. 
Tunda, der im Jahre 19 14 ausgezogen war, um nach einigen Monaten 
iiber die Ringstrafte von Wien zu marschieren, zu den Klangen des 
Radetzkymarsches, taumelte in der zerrissenen und zufalligen Kleidung 
eines Rotarmisten durch die Strafien von Moskau und fand fiir seine 
Ergriffenheit keinen anderen Ausdruck als den abgewandelten Text der 
Internationale. Nun gibt es Augenblicke im Leben der Volker, der Klas- 
sen, der Menschen, Augenblicke, in denen die Billigkeit einer Hymne 
gleichgiiltig ist gegeniiber der Feierlichkeit, mit der sie gesungen wird. 
Dem Sieg der russischen Revolution waren selbst die beruflichen Schrift- 
steller nicht gewachsen. Alle machten billige Anleihen und schrieben 
abgegriffene Worte in die Zeit. Tunda wulke gar nichts von der Billigkeit 
dieser Worte, sie erschienen ihm ebenso grofkrtig wie die Zeit, in der er 
lebte, wie der Sieg, den er erfochten hatte. 



408 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Mit Natascha traf er nur des Nachts zusammen. 
Sie bewohnten ein Bett in einem von drei Familien benutzten Zimmer 
und nahrten sich mit Hilfe eines Spirituskochers, der mit Petroleum 
geheizt wurde. Ein Vorhang, aus drei blauweifi gestreiften Schiirzen 
zusammengenaht, spielte die Rolle einer Wand, einer Tiir und eines 
Fensters. Tunda, wie alle Manner ein Sklave der Gewohnheit, die man 
Liebe nennt, verstiefi doppelt gegen die Gesetze, die Natascha aufge- 
steilt hatte, indem er eifersikhtig wurde. Er machte Natascha laute 
Vorwiirfe mit der Harmlosigkeit naiver Manner, die glauben, es ge- 
niige, unsichtbar zu sein, um auch nicht gehort zu werden. Ubrigens 
kiimmerten sich die Nachbarn, die ihre Neugier allmahKch in dieser 
Enge verloren hatten, ungefahr wie lebenslanglich Eingekerkerte das 
Augenlicht verlieren, gar nicht um den Inhalt der eifersiichtigen Mah- 
nungen und Klagen Tundas, sondern nur um die Stoning, die sie be- 
deuteten. 

Tunda wollte wissen, was Natascha den Tag iiber bis Mitternacht tat. 
Sie hatte, selbst wenn es ihre Grundsatze gestattet hatten, nicht erzah- 
len konnen, denn es war viel. Sie organisierte Frauenheime, lehrte 
Wochnerinnen Hygiene, beaufsichtigte obdachlose Kinder, hielt Vor- 
trage in Fabriken, in denen die Arbeit unterbrochen wurde, damit sie 
den Marxismus ungestort erlautern konne, arrangierte revolutionare 
Theatervorstellungen, fiihrte Bauerinnen in Museen, versenkte sich in 
die Kulturpropaganda, ohne die breiten Reiterhosen, in denen sie ge- 
kampft hatte, gegen einen Rock zu vertauschen. Sie blieb gewisserma- 
ften eine Frontkampferin. 

Den Vorwiirfen Tundas begegnete sie, ja sie kam ihnen zuvor mit 
anderen, die im Zusammenhang mit der Grofie der Zeit wichtiger wa- 
ren. 

»Weshalb arbeitest du nicht ?« riigte sie, »du ruhst auf deinen Lorbee- 
ren aus. V/ir haben noch nicht den Sieg, es ist noch Krieg, er beginnt 
jeden Tag aufs neue. Die Zeit des Burgerkriegs ist vorbei, der viel 
wichtigere Krieg gegen das Analphabetentum beginnt. Wir fuhren 
heute einen heiligen Krieg um die Aufklarung unserer Massen, um die 
Elektrifizierung des Landes, gegen die Verwahrlosung der Kinder, fiir 
die Hygiene der arbeitenden Klasse. Fiir die Revolution ist uns kein 
Opfer zu teuer«, sagte Natascha, die im Felde immer origineller ge- 
sprochen hatte, aber seit ihrer gesteigerten offentlichen Tatigkeit nicht 
anders mehr reden konnte. 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 409 

»Da hast du was von Opfern gesagt«, erwiderte der naive Tunda, der 
sich von Zeit zu Zeit seine eigenen Gedanken iiber die historischen 
Ereignisse zu machen pflegte, »ich wollte dich schon oft fragen, ob du 
nicht auch dieser Meinung bist: Ich stelle mir die Zeit des Kapitalismus 
so vor, daft er die Zeit der Opfer war. Seit den ersten Anfangen der 
Geschichte opferten die Menschen. Zuerst Kinder und Rinder fur den 
Sieg, dann opferten sie die Tochter, um den Ruin des Vaters zu verhin- 
dern, den Sohn, um seiner Mutter ein angenehmes Alter zu bereiten, 
die Frommen opferten Kerzen fiir das Seelenheil der Toten, die Solda- 
ten opferten ihr Leben fiir den Kaiser. Sollen wir nun auch fiir die 
Revolution opfern? Mir scheint, jetzt beginnt endlich die Zeit, in der 
man nicht opfert. Wir haben nichts, wir haben ja das Eigentum abge- 
schafft, nicht wahr? Auch unser Leben gehort uns nicht mehr. Wir 
sind frei. Was wir haben, gehort alien. Alle nehmen von uns, was ihnen 
gerade notwendig erscheint. Wir sind keine Opfer, und wir bringen 
keine Opfer fiir die Revolution. Wir sind selbst die Revolution. « 
»Eine biirgerliche Ideologie«, sagte Natascha. »Welchen Arbeiter 
lockst du damit hinter seinem Ofen hervor? Du redest verstiegenes 
Zeug, ich wundere mich, woher du es hast. Du redest, als hattest du 
mindestens sechs Semester Philosophic Ein Gliick, daft deine Artikel 
nicht so geschrieben sind. Ein paar sind ganz gut.« 
Fiir die Liebe bezeugte Natascha immer weniger Interesse. Die Liebe 
gehorte ja zu den Gebrauchen des Biirgerkrieges, zu den Sitten im 
Felde, der friedlichen Kulturpropaganda konnte sie abtraglich sein. 
Natascha kam um Mitternacht nach Hause, bis zwei Uhr dauerten ihre 
Diskussionen, um sieben Uhr friih muftte sie aufstehen. Die Liebe 
hatte zur Folge gehabt, daft sie eine Stunde spater ihr Tagewerk begon- 
nen hatte. 

Auch langweilte sie Tunda, ein Mann ohne Energie, dessen Riickfalle 
in die bourgeoise Ideologic allein schon in seiner starkeren Liebesbe- 
reitschaft deutlich wurden. Nikita Kolohin, ein ukrainischer Kommu- 
nist, der fiir die nationale Autonomic der Ukraine kampfte und die 
Groftrussen verachtete, weil sie nicht alle Worte des ukrainischen Dia- 
lekts verstanden, hatte in den letzten Tagen mit Natascha viele Stunden 
lang die Lage der ukrainischen Nation besprochen und bei dieser Gele- 
genheit bewiesen, wie hoch er iiber einem osterreichischen Offizier 
stand. Natascha erinnerte sich, daft sie ja in Kiew zur Welt gekommen, 
also eigentlich Ukrainerin war, daft in Kiew ihr Posten war und nir- 



410 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

gendwo sonst. Sie reiste mit Nikita nach Kiew — was war da anderes 
zu machen? 

Sie lernte ein paar kernige ukrainische Ausdriicke, fuhr durch die Dor- 
fer, erinnerte die Bauern an ihre nationalen Pflichten und traf mit Ni- 
kita wieder in Charkow zusammen, das nunmehr Charkiw hiefi und in 
dem ein kleines Zimmer fur sie und Nikita bei Freunden vorbereitet 
war. 

Leider vergafi Natascha, Tunda rechtzeitig von ihrem langeren Auf- 
enthalt in der Ukraine zu verstandigen. Daher kam es, dafi Tunda zu- 
erst eifersiichtig wurde und annahm, ein Mann oder mehrere wiirden 
Natascha verhindern, in der Nacht nach Hause zu kommen. Er suchte 
sie in alien Klubs, alien Heimen, alien Redaktionen, alien Biiros. Dann 
wurde er wehmiitig; es war der erste Schritt zur Erkenntnis. Er vergafi, 
Artikel zu schreiben, das notige Geld fur die nachsten Tage zu verdie- 
nen, er hungerte fast. Ein paar bekannten Genossen erzahlte er von 
Nataschas Abwesenheit. Sie sahen ihn gleichgultig an. Jeder von ihnen 
hatte in diesen Monaten ahnliche Erfahrungen gemacht. Aber es stand 
ja fest, dafi die Welt neu eingerichtet werden mufite und dafi kleine 
private Schmerzen lacherlich waren. 

Nur Iwan Alexejewitsch, Iwan der Grausame genannt, weil er im Biir- 
gerkrieg den gefangenen Popen aus ihren langen Haaren Zopfe ge- 
flochten, einige an den Zopfen zusammengebunden und jeden dann in 
eine andere Richtung hatte laufen lassen, Iwan Alexejewitsch, der jetzt 
noch bei der Kavallerie diente, eigentlich gutmiitig war und Grausam- 
keiten nur aus Uberflufi an Phantasie beging, Iwan allein liefi sich in 
ein langeres Gesprach iiber die Liebe ein. 

»Die Liebe«, so sagte Iwan, »ist gar nicht abhangig von der Revolu- 
tion. Im Krieg hast du mit Natascha geschlafen, sie war ein Soldat, du 
warst ein Soldat, ob Revolution oder nicht, ob Kapitalismus oder So- 
zialismus, die Liebe halt nur bei gleich und gleich einige Jahre. Jetzt ist 
Natascha kein Soldat mehr, sie ist eine Politikerin, und du bist — das 
weifi ich nicht, was du bist. Friiher einmal hat man die Frau geschla- 
gen, wenn sie nicht nach Hause kam, aber wie willst du diese Frau 
schlagen, die wie zwanzig Manner gekampft hat? Sie hat nicht nur 
gleiche Rechte, sie hat mehr Rechte als du. Deshalb bin ich gar nicht in 
mein Dorf zuriick. Dort lebt meine Frau mit fiinf Kindern (wenn sie 
nicht noch einige hat, aber die ersten fiinf sind von mir). Bevor ich zur 
Roten Armee ging, habe ich alle geschlagen, alle fiinf und die Frau, 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 4II 

jetzt bin ich aufgeklart, wenn ich nach Hause kame, miifite ich selbst 
sagen: Mit dem Priigeln ist es aus. Aber es ware gegen meine Natur, 
ich hatte doch fortwahrend Lust, diesen und jenen in meiner Familie 
zu verpriigeln, und ich diirfte es nicht. Daraus konnten sich dann Kon- 
flikte entwickeln, und ein anstandiges Familienleben kame nicht zu- 
stande, wenn ich mich fortwahrend beherrschen miifite.« 
Nicht einmal die Ruckkehr Nataschas trostete Tunda. Sie kam nach 
einigen Wochen, mufite zu einem Arzt und dachte weder an Tunda 
mehr noch an die ukrainische Nation, Sie blieb acht Tage im Bett, 
Tunda bediente den Spirituskocher. Wer diese Tatigkeit kennt, wird 
wissen, dafi keine andere wie sie geeignet ist, auch sentimentale Man- 
ner zur Kritik zu erziehen. In diesen acht Tagen wurde Tunda seiner 
Liebe, die sich in Kochen verwandelt hatte, einfach mude. 
Mit Hilfe einiger alter Freunde aus der Zeit des Kriegskommunismus 
fand er einen Schreibtisch. Er safi in dem Biiro eines neubegriindeten 
Instituts, dessen Aufgabe es war, einige kleine Volker des Kaukasus 
mit einem neuen Alphabet, mit Fibeln, mit primitiven Zeitungen zu 
versehen, neue rationale Kulturen zu schaffen. Tunda bekam den Auf- 
trag, mit Probezeitungen, Zeitschriften, Propagandamaterial nach dem 
Kaukasus zu reisen, an den Flufi Terek, an dessen Ufer ein Volkchen 
lebte, das nach alten Statistiken 12 000 Seelen zahlen sollte. 
Er wohnte einige Wochen im Hause eines besser situierten Kumiiken, 
der aus religiosen Griinden Gastfreundschaft iibte und den unbeque- 
men Fremden mit freundlicher Fursorge behandelte. 
Es blieb Tunda nicht viel zu tun iibrig. Einige junge Leute hatten sich 
schon der Kultur bemachtigt, Klubs gegrundet und Wandzeitungen 
verfafit. 

Es stellte sich heraus, dafS die Leute nicht schnell genug lernten. Man 
mufite ihnen mit Filmen nachhelfen. Tunda wurde Leiter eines Kinos, 
das allerdings nur dreimal in der Woche spielen konnte. 
Zu seinen standigen Gasten gehorte ein Madchen namens Alja, Toch- 
ter eines Grusiniers und einer Tattin. 

Das Madchen lebte bei ihrem Onkel, einem Topfer, der seine Arbeit 
unter freiem Himmel verrichtete und dank einer bestimmten Veranla- 
gung, aber auch infolge des eintonigen Lebens ein biftchen stumpfsin- 
nig geworden war. Er verstand keine Sprache, er verwendete, um sich 
zu verstandigen, nur ein paar Brocken, die er langsam mit den Fingern 
aus seinem Hirn herauszuholen schien. 



412 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Das Madchen war schon und still. Sie ging in der Stille herum wie in 
einem Schleier. Manche Tiere erzeugen so eine Stille, in der sie dann 
ihr Leben verbringen, als hatten sie ein Geliibde getan, einem gehei- 
men und hoheren Zweck zu dienen. Das Madchen schwieg, ihre gro- 
fien braunen Pupillen lagen in dunkelblauem Augenweifi, sie ging so 
aufrecht, als triige sie einen Krug auf dem Kopf, ihre Hande lagen 
immer auf dem Schofi wie unter einer Schurze. 
Dieses Madchen war Tundas zweite Liebe. 



VI 



Tunda fuhrte sein Beruf manchmal nach Moskau. Er ging jede Nacht 
auf den Roten Platz. Der Rote Platz war still, alle Tore waren ge- 
schlossen, die Posten in den Eingangen zum Kreml standen in langen 
Manteln wie aus Holz, das Mausoleum Lenins war schwarz, rechts auf 
dem Dach zungelte die rote Fahne gegen den Himmel, von unten her 
beleuchtet. Hier war der einzige Ort, auf dem man noch die Revolu- 
tion fiihlte, und Mitternacht die einzige Stunde, in der man sie fiihlen 
durfte. 

Tunda dachte an den roten Krieg, an die Jahre, in denen man nur zu 
sterben wufite und in denen das Leben, die Sonne, der Mond, die Erde, 
der Himmel nur Rahmen oder Hintergrund fur den Tod waren. Der 
Tod, der rote Tod, marschierte Tag und Nacht iiber die Erde mit einer 
grofiartigen Marschmusik, mit grofien Trommeln, die klangen wie ga- 
loppierende Hufe iiber Eisen und zertriimmertes Glas, Scherben 
schiittete er aus seinen Handen, die Schusse horte man wie feme Rufe 
marschierender Massen. 

Jetzt bemachtigte sich die Ordnung des Tags dieses grofien, roten To- 
des, er wurde ein ganz gewohnlicher Tod, der von Haus zu Haus 
schlich wie ein Bettler und sich seine Toten holte wie Almosen. Man 
begrub sie in roten Sargen, Gesangvereine warfen Strophen in die Gra- 
ber, die Lebenden gingen zuriick und setzten sich wieder in die Buros, 
schrieben Register und Statistiken, Aufnahmebogen fur die neuen Mit- 
glieder und Urteile gegen Ausgeschlossene. 

Es ist kein Trost, zu denken, daft man ohne Schreibtisch und Federn, 
ohne Busten aus Gips und ohne revolutionar drapierte Schaufenster, 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 413 

ohne Denkmaler und Tintenloscher mit dem Kopf von Bebel als Griff 
wahrscheinlich keine neue Welt einrichten kann; es ist kein Trost, es 
ist keine Hilfe. 

»Aber eine Revolution zerfallt nicht«, sagte Kudrinski, ein Matrose, 
den man aus der Partei ausgeschlossen, der ein Jahr lang ein Kriegs- 
schiff kommandiert hatte und der jetzt vergeblich nach einer Tatigkeit 
suchte. 

Er traf Tunda in einer Nacht auf dem Roten Platz. Es ist anzunehmen, 
dafi auch Kudrinski hierhergekommen war, um die rote Fahne zu se- 
hen, die ziingelnde Fahne auf dem Dach des Kremls. 
»Eine Revolution zerfallt nicht«, sagte Kudrinski. »Sie hat ja gar keine 
Grenzen. Der Grofie Ozean hat keine Grenzen, und das grofie Feuer - 
es mufi namlich irgendwo so ein Feuer geben, so grofi, so grenzenlos 
wie der Ozean, vielleicht unter der Erde - vielleicht aber auch im Him- 
mel - ein grofies Feuer, es hat keine Grenzen. So ist die Revolution. Sie 
hat keinen Korper, ihr Korper ist das Brennen, wenn sie ein Feuer ist, 
oder das Fluten, wenn sie ein Wasser ist. Wir selbst sind Tropfen im 
Wasser oder Funken im Feuer, wir konnen gar nicht hinaus.« 
Natascha wohnte in einem requirierten Hotel. Sie oblag von sechs Uhr 
abends der Liebe, natiirlich der geschlechtlichen, an der das Herz, der 
Allgemeinheit gehorig, nicht beteiligt war, der ausdnicklich einwand- 
freien und hygienischen Liebe. Vom Standpunkt der Gleichberechti- 
gung der Frauen war nichts dagegen einzuwenden. Die Kameradschaft 
war ihr heilig. Da Tunda als Mann nicht mehr in Betracht kam, 
eriibrigte es sich auch, ihn zu verachten. Er war nur mehr beinahe ein 
gleichgestellter Genosse. Wie eifrig bemuhte sie sich, ihm zu helfen! 
Mit welchem Ernst bemuhte sie sich, mit ihm zu diskutieren. Tunda 
aber sah sie, wenn er nahe vor ihr stand, wie in einem blassen Spiegel. 
Er kam zu ihr, wie man in eine Ortschaft kommt, in der man einmal 
jung gewesen ist. Sie war nicht mehr sie selbst, sie war gleichsam nur 
der Ort ihres eigenen friiheren Lebens. Hier hatte Natascha gelebt - 
sagte sich Tunda - wenn er sie anblickte. Sie trug einen blauen Kittel, 
sie erinnerte an eine Pflegerin, eine Aufseherin, eine Schaffnerin, nur 
nicht an eine Geliebte und nicht mehr an einen Soldaten der Revolu- 
tion. Von ihr ging, obwohl sie der Liebe bediirftig war und von der 
Liebe schon verwiistet, dennoch eine Art Keuschheit aus, eine unbe- 
greifliche Art trockener Keuschheit, die verlassenen Madchen ebenso 
eigen ist wie den Frauen, die mit Vernunft und aus Prinzip die Liebe 



414 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ausiiben. Sie wohnte in einem schmalen, mangelhaft beleuchteten Ho- 
telzimmer. Zwischen einem Sessel, auf dem zerfranste Broschiiren la- 
gen, und dem Bett, auf dem sie fiir die sexuelle Gleichberechtigung 
wirkte, stand sie wie auf einer Kommandobriicke oder wie auf einem 
Rednerpodium, die Haare weit aus der Stirn gekammt, sie prefite die 
Lippen zusammen, sie standen nicht mehr halb offen wie einst, als sie 
noch Tunda gekufit hatten. 
Tunda sagte ihr: 

»Ich kann dich nicht mehr Vortrage halten horen, hor auf! Ich erinnere 
mich, wie ich dich geliebt und bewundert habe. Ich war sehr stolz auf 
dich! Im Krieg war deine Sprache frisch, deine Lippen waren frisch, 
wir lagen im nachtlichen Wald, eine halbe Stunde vom Tod entfernt, 
unsere Liebe war grower als die Gefahr. Ich hatte nie geglaubt, dafi ich 
so schnell lernen konnte. Du warst immer grofier und starker als ich, 
plotzlich bist du kleiner und schwacher geworden. Du bist sehr arm, 
Natascha! Du kannst nicht ohne den Krieg leben. Du bist schon in den 
Nachten, in denen es brennt.« 

»Deine biirgerlichen Vorstellungen wirst du niemals los«, sagte Nata- 
scha. »Was du dir fiir Bilder von einer Frau machst! In brennenden 
Nachten! Wie romantisch! Ich bin ein Mensch wie du, mit einem zu- 
fallig anderen Geschlecht. Es ist viel wichtiger, ein Krankenhaus zu 
leiten, als in brennenden Nachten zu lieben. Wir haben uns niemals 
verstanden, Genosse Tunda. Dafi wir uns, wie du sagst, geliebt haben, 
gibt dir heute kein Recht, iiber meine Veranderung feige zu weinen. 
Geh lieber hin und melde dich zum Eintritt in die Partei. Ich habe 
keine Zeit mehr! Ich erwarte Anna Nikolajewna, wir mussen einen 
Bericht machen.« 

Das war Tundas letzte Begegnung mit Natascha. 
Sie holte einen Spiegel aus ihrer Aktentasche und betrachtete ihr Ge- 
sicht. Sie sah zwei Tranen aus ihren Augen rinnen, langsam und in 
gleichem Tempo bis zu den Mundwinkeln. Sie wunderte sich, daft ihre 
Augen weinten, obwohl sie selbst nichts fuhlte. Sie sah im Spiegel eine 
fremde Frau weinen. Erst als Anna Nikolajewna eintrat, wollte sie mit 
der Hand ihr Gesicht trocknen. Sie besann sich schnell. Es war kliiger, 
Tranen nicht zu verbergen. Sie hielt ihr nasses Angesicht Anna entge- 
gen wie eine Drohung oder wie ein Schild oder wie ein stolzes Ge- 
standnis. 
»Warum weinst du?« fragte Anna. 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 415 

»Ich weine, weil alles so nutzlos ist, so vergebens«, sagte Natascha, als 
klagte sie etwas ganz Allgemeines an, was Anna Nikolajewna niemals 
verstehen konnte. 

VII 

Ich habe schon erzahlt, daft jenes stille Madchen aus dem Kaukasus, 
Alja genannt, Nichte des stumpfsinnigen Topfers, Tunda gefiel. Von 
alien Handlungen und Erlebnissen Tundas, der mir manchmal merk- 
wiirdig erscheint, ist mir sein Verhaltnis zu Alja am verstandlichsten. 
Sie lebte inmitten der Revolution, der historischen und der privaten 
Wirrnisse, wie die Abgesandte einer anderen Welt, Vertreterin einer 
unbekannten Macht, kiihl und neugierig, vielleicht der Liebe ebenso- 
wenig fahig wie der Klugheit, der Dummheit, der Glite, der Schlech- 
tigkeit, aller irdischen Eigenschaften, aus denen sich ein Charakter zu- 
sammensetzen soil. Welch ein Zufall, daft sie ein menschliches Gesicht 
und einen menschlichen Korper hatte! Sie verriet keinerlei Art von 
Erregung, von Freude, Arger, Trauer. Statt zu lachen, zeigte sie ihre 
Zahne, zwei weifie, fest aufeinanderschliefiende Reihen, ein schoner 
Kerker fiir alle Tone der Kehle. Statt zu weinen - sie weinte selten -, 
lieft sie aus weit offenen Augen iiber ein freundlich gleichmiitiges, fast 
lachelndes Angesicht ein paar grofte, helle Tranen flieften, von denen 
man auf keinen Fall glauben konnte, sie schmeckten nach Salz wie alle 
vulgaren Tranen der Welt. Statt einen Wunsch zu auftern, deutete sie 
mit den Augen nach dem Gegenstand, den sie wunschte, es schien, als 
konnte sie nichts ersehnen, was aufterhalb ihres Gesichtsfeldes gelegen 
war. Statt etwas abzulehnen oder abzuwehren, schiittelte sie den Kopf. 
Nur wenn vor ihr im Kino jemand die Aussicht auf die Leinwand 
verhinderte, zeigte sie Zeichen starkerer Unruhe. Die Flache der Lein- 
wand war ihr ohnehin zu klein, sie muftte jedes Detail sehen, ja wahr- 
scheinlich interessierte sie die Kleidung der handelnden Personen oder 
der gleichgultige Gegenstand einer Zimmereinrichtung mehr als das 
Drama und eine Katastrophe. 

Ich beschranke mich bei der Beschreibung Aljas nur auf Vermutungen. 
Auch Tunda kannte nicht viel mehr von ihr, obwohl er beinahe ein 
Jahr mit ihr zusammenlebte. Daft er zu ihr kam, erscheint mir, wie 
schon gesagt, selbstverstandlich. Ach, er gehorte nicht zu den soge- 
nannten »aktiven Naturen«. (Es ware allerdings ebenso falsch, von sei- 



416 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

ner »Passivitat« zu sprechen.) Alja empfing ihn wie ein stilles Zimmer. 
Abgeschlossen von jeder Lust, sich anzustrengen, zu kampfen, sich zu 
ereifern oder auch nur sich zu argern, lebte er auf einem abseitigen 
Weg. Er brauchte nicht einmal verliebt zu sein. Auch die kleine hausli- 
che Strategic blieb ihm erspart. Alja half ihrem Onkel, dem Topfer, bei 
Tag. Wenn der Abend anbrach, schlief sie bei ihrem Mann. Es gibt 
kein gesiinderes Leben. 

Inzwischen bekam Tunda einen Stellvertreter. Er selbst ging mit seiner 
Frau nach Baku. Er sollte Filmaufnahmen fur ein wissenschaftliches 
Institut machen. 

Es schien ihm, dafi er den wichtigsten Teil des Lebens hinter sich habe. 
Es war nicht mehr an der Zeit, sich Erwartungen hinzugeben. Er hatte 
das dreifiigste Jahr uberschritten. Er ging am Abend an das Meer und 
horte die traurige, diinne Musik der Turken. Er schrieb jede Woche 
seinem sibirischen Freund Baranowicz. Im Laufe der Zeit, in der sie 
sich nicht sahen, wurde Baranowicz wirklich sein Bruder. Der Name 
Tundas war nicht falsch, Tunda war wirklich Franz Baranowicz, Bur- 
ger der Sowjetstaaten, zufriedener Beamter, verheiratet mit einer 
schweigsamen Frau, wohnhaft in Baku. Vielleicht kamen zu ihm seine 
Heimat und sein friiheres Leben manchmal im Traum. 



VIII 

Jeden Abend konnte man im Hafen von Baku abseits von einer heite- 
ren, buntgekleideten, larmenden Menge einen Mann sehen, der in jeder 
anderen Stadt die Aufmerksamkeit einiger Menschen erregt hatte, hier 
aber unbemerkt und in eine starke und undurchsichtige Einsamkeit 
gehullt blieb. Manchmal setzte er sich auf die niedrige, steinerne 
Mauer, welche die See einfafke, als ware sie ein Garten, seine Fiifie 
hingen liber dem Kaspischen Meer und seine Augen hatten kein Ziel. 
Nur wenn ein Schiff landete, geriet er in eine sichtbare Erregung. Er 
drangte sich durch die dichten Scharen der Wartenden und betrachtete 
die aussteigenden Passagiere. Man hatte glauben konnen, dafi er je- 
manden erwarte. Aber sobald alles vorbei war, die tiirkischen Lasttra- 
ger wieder an den weifien Mauern lehnten oder in Gruppen Karten 
spielten, die leeren Phaetons langsam, die besetzten in einem feurigen 
und frohlichen Tempo davongerollt waren, kehrte der einsame Mann 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 417 

offensichtlich zufrieden heim, nicht mit dem Ausdruck der Verlegen- 
heit, die uns befallt, wenn wir jemanden vergeblich erwartet haben und 
allein zuriickgehen miissen. 

Wenn in Baku Schiffe ankommen, seltene, nur russische, aus Astra- 
chan, herrscht Aufregung im Hafen. Die Menschen wissen, daft kein 
fremder Dampfer ankommen wird, kein englischer, kein amerikani- 
scher. Aber aus der Feme, wenn man den Rauch sieht, tun die Men- 
schen so, als wiiftten sie nicht, ob das Schiff nicht zufallig doch ein 
fremdes ist. Denn liber alien Dampfern wehen die gleichen blauweifien 
Rauchfahnen. Auch wenn keine Dampfer ankommen, befindet sich 
Baku in einer Erregung. Sie kommt vielleicht von dem vulkanischen 
Boden. Manchmal erhebt sich der gefurchtete Wind, der keinen Wi- 
derstand findet, der iiber die flachen Dacher fegt, iiber die gelbe Land- 
schaft ohne Vegetation, der Fenster, Stukkaturen, Steingeroll mit sich 
tragt und in dem selbst die Bohrtiirme zu schwanken scheinen - in 
diesem Lande Stellvertreter der Baume. 

Tunda ging zum Hafen, wenn die Schiffe ankamen. Obwohl er wuftte, 
daft es nur die alten heimischen Pendeldampfer waren, die einheimi- 
sche Beamte und selten fremde Kaviarhandler bringen konnten, stellte 
er sich doch immer wieder vor, die Schiffe kamen von irgendwelchen 
fremden Meeren. Schiffe sind die einzigen Fahrzeuge, denen man jede 
abenteuerliche Fahrt zutraut. Es miissen nicht einmal Dampfer sein. 
Jedes gewdhnliche Boot, jedes gemachliche Flofi, jeder klagliche Fi- 
scherkahn kann das Wasser aller Meere gekostet haben. Fur den Men- 
schen, der an einem Ufer steht, sind alle Wasser gleich. Jede kleine 
Welle ist eine Schwester der groften und gefahrlichen. 
Ach, er war entschlossen gewesen, nichts Uberraschendes mehr zu er- 
warten. Die Schweigsamkeit seiner Frau dampfte das Gerausch der 
Welt und mafiigte den Lauf der Stunden. Dennoch floh er aus seinem 
Hause, er ging zum Hafen, und der Geruch dieses kleinen Meeres 
beunruhigte ihn heftig. Er kehrte wieder heim, sah Alja unbewegt am 
Fenster sitzen und die leere Strafte betrachten. Sie wandte kaum den 
Kopf, wenn er kam, und wenn ein Gerausch im Zimmer entstand, 
lachelte sie, als ware ihr etwas Heiteres begegnet. 
In diesen Tagen begann Tunda, alle unbedeutenden Ereignisse nieder- 
zuschreiben, es war, als bekamen sie dadurch eine gewisse Bedeutung. 
Eines Tages schrieb er: 



418 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

IX 

Auszug aus Tundas Tagebuch 

»Gestern, um halb elf Uhr abends, lief mit einer Verspatung von drei 
Stunden der Dampfer >Grashdanin< ein. Ich stand, wie immer, am Ha- 
fen und sah das Gedrange der Trager. Es kamen viele auffallend gut 
gekleidete Menschen, Passagiere der ersten Klasse. Es waren, wie ge- 
wohnlich, russische NEP-Leute und einige auswartige Handler. Seit- 
dem ich dieses Tagebuch schreibe, interessieren mich die Auslander 
besonders. Friiher habe ich sie gar nicht beachtet. Die meisten kom- 
men aus Deutschland. Wenige aus Amerika, einige aus Osterreich und 
aus den Balkanlandern. Ich unterscheide sie gut, manche kommen zu 
mir ins Institut, um Auskunfte zu holen. (In unserm Institut bin ich 
der einzige, der Deutsch und Franzosisch sprechen kann.) Ich gehe 
zum Hafen, schatze die Nationalist der Fremden ab und freue mich, 
wenn ich sie erraten habe. Ich weift eigentlich nicht, woran ich sie 
erkenne. Ich ware in Verlegenheit, wenn ich die nationalen Merkmale 
aufzuzahlen hatte. Vielleicht ist es die Kleidung, nach der ich sie 
agnosziere. Da sind es auch nicht einzelne Kleidungsstucke, sondern 
die ganze Haltung. Manchmal konnte man Deutsche mit Englandern 
verwechseln, besonders, wenn es sich um aitere Menschen handelt. 
Deutsche und Englander haben manchmal dieselbe rote Gesichtsfarbe. 
Aber die Deutschen haben Glatzen, die Englander meist dichte, weifie 
Haare, so daft ihre Gesichtsrote tief dunkel erscheint. Ihr silbernes 
Haar ist nicht imstande, Ehrfurcht in mir zu erwecken. Im Gegenteil 
scheint es manchmal, als waren die Englander aus Koketterie alt und 
grau geworden. Ihre Frische hat etwas Widernaturliches, und ich weifl 
nicht, ob man es sagen kann: Gottloses. Sie sehen so unnatiirlich aus 
wie Bucklige in Geradehaltern. Sie gehen herum wie zur Reklame fur 
Turngerate und Tennis-Raketts, die ein jugendliches Greisenalter ga- 
rantieren. 

D age gen sehen manche aitere Herren vom Kontinent so aus, als hatten 
sie eine Reklame fur Buromobel und gute Sessel zu besorgen. Von den 
Hiiften abwarts werden sie breit, ihre beiden Knie stolen gegeneinan- 
der, auch die Arme sind dem Oberkorper so nahe, als lagen sie auf 
weichen, breiten, ledernen Stuhllehnen. 
Gestern kamen drei Europaer an, von denen ich im ersten Augenblick 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 419 

nicht wufite, aus welchem Lande sie stammen konnten. Es waren eine 
Dame, ein alterer, kleiner, breitschulteriger Mann mit braunem Ge- 
sicht unci schwarzgrauem Bart, ein jiingerer Mann, braun, mittelgrofi, 
mit hellen Augen, die in seinem tiefbraunen Gesicht fast weifi waren, 
einem sehr schmalen Mund und auffallend langen Beinen in weifien 
Leinenhosen, in denen die Kniegelenke eingehiillt waren wie in einer 
zweiten oberen Haut. 

Der kleine, bartige Mann erinnerte ein wenig an die Zwerge aus bun- 
tern Stein und Gips, die in manchen Garten in der Mine der Beete 
stehen. Auch an diesem Herrn beleidigte mich die Gesundheit, das 
ubermutig gebraunte Gesicht in der bartigen Umrahmung. Er ging mit 
schnellen, kurzen Schritten neben dem langbeinigen Mann und der 
grofien Dame, er hiipfte fast neben ihnen. Es sah eigentlich aus, als 
wiirde er wie ein Tier von der Dame an einer diinnen Leine gefiihrt. Er 
machte lebhafte Bewegungen, einmal warf er. seinen weichen, hellen 
Hut in die Luft, knapp bevor sie in den Phaeton einstiegen. Zwei Tra- 
ger folgten ihnen mit Koffern. 

Ich denke mir, dafi die Bewegungen des Bartigen zu Hause langsam 
und genau berechnet sind. Auf Reisen ist er lebhaft. Der Larm war 
grofi, auch sprachen sie leise, so dafi ich nichts horte, obwohl ich mich 
bis zu ihnen vordrangte. 

Die Frau in der Mitte war die erste elegante Dame, die ich seit meiner 
Ruckkehr aus dem letzten Wiener Urlaub gesehen habe. 
Heute friih kamen sie zu mir. 

Es sind Franzosen. Der Herr ist ein Pariser Rechtsanwalt, er schreibt 
nebenbei fur den >Temps<. Die Dame ist seine Frau, der junge Mann 
sein Sekretar. Der junge Mann ist einer der wenigen Franzosen, die 
Russisch verstehen. Deshalb und wahrscheinlich der Dame wegen ist 
er auch nach Rufiland gekommen. 

Als mich die Dame ansah, fiel mir Irene ein, an die ich schon lange 
nicht gedacht hatte. Nicht als ob diese Dame meiner Braut ahnlich 
ware! 

Sie ist schwarz, sehr schwarz, ihr Haar ist fast blau. Ihre Augen sind 
schmal, sie schaut mich mit einer vornehmen Kurzsichtigkeit an. Es 
sieht aus, als pafite es ihr nicht, mich offen und gerade anzusehen. Ich 
erwarte, wenn sie zu mir spricht, immer irgendeinen Befehl. Aber es 
fallt ihr gar nicht ein, mir zu befehlen. Wahrscheinlich ware ich sehr 
glucklich, wenn sie geruhen wiirde, mir einen Auftrag zu geben. 



420 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Sie trommelt manchmal mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger einer Hand 
auf ein Buch, eine Stuhllehne, den Tisch. Es ist ein langsames Trom- 
meln und eine Art schnelles Streicheln. Ihre Nagel sind schmal und 
weifi, blutleere Nagel, ihre Lippen sind, als war's ein absichtlicher 
Kontrast, sehr rot geschminkt. 

Sie tragt schmale, graue Schuhe aus diinnem Handschuhleder, ihre Ze- 
hen sind lang, man sieht sie unter dem Leder, ich mochte sie mit einem 
Bleistift nachzeichnen. 

Der Sekretar - nach seiner Karte heifit er Monsieur Edmond de V. - 
sagte mir: 

>Sie sprechen nicht Franzosisch wie ein Slawe. Sind Sie Kaukasier oder 
Russe?< 

Ich log. Ich erzahlte ihm, daf? meine Eltern Eingewanderte waren und 
ich in Rutland geboren sei. 

>Wir fahren jetzt<, sagte Monsieur de V., >nun drei Monate durch Rut- 
land. Wir waren in Leningrad, in Moskau, in Nischnij Nowgorod, auf 
der Wolga, in Astrachan. Man weifi bei uns in Frankreich sehr wenig 
von Sowjetrufiland. Bei uns stellt man sich ein russisches Chaos vor. 
Wir sind uberrascht von der Ordnung, allerdings auch von der Teue- 
rung. Fur dieses Geld hatten wir alle franzosischen Kolonien in Afrika 
durchforschen konnen - insoweit sie nicht schon zu langweilig sind.< 
>Sie sind also enttauscht?< fragte ich. 

Der bartige Rechtsanwalt warf einen Blick auf seinen Sekretar. Die 
Dame sah geradeaus, sie wollte sich nicht einmal mit einem Blick an 
unserem Gesprach beteiligen. Ich merkte, dafi alle drei vor meiner 
Frage erschraken. Wahrscheinlich glaubten sie doch nicht an die Ord- 
nung bei uns. Sie hielten mich vielleicht fur einen Spitzel. 
>Sie haben nichts zu fiirchten. Sagen Sie ruhig Ihre Meinung. Ich bin 
nicht von der Polizei. Ich mache wissenschaftliche Filmaufnahmen fur 
unser Institute 

Die Dame warf mir einen schmalen, schnellen Blick zu. Ob sie bose 
war oder ob sie mir glaubte, konnte ich nicht erkennen. 
(Jetzt erst fallt mir ein, daft ich sie vielleicht enttauscht habe. Vielleicht 
gefiel ich ihr gerade, solange sie glauben konnte, ich triige irgendein 
Geheimnis.) 

Monsieur Edmond de V. aber sagte mir, indem er freundliche Augen 
machte und einen verachtlichen Mund - so dafi ich nicht wuftte, wel- 
chem Gesichtsteil ich glauben sollte -, Monsieur de V. sagte: 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 421 

>Sie diirfen nicht glauben, mein Herr, dafi wir Angst haben. Wir sind 
mit den besten Empfehlungen ausgestattet, es ist beinahe so, als hatten 
wir eine offizieile Mission. Wir wiirden es Ihnen sagen, wenn wir ent- 
tauscht waren. Nein, wir sind es nicht. Wir sind entziickt von der 
Gastfreundschaft Ihrer Behorden, Ihrer Menschen, Ihres Volkes. Wir 
sehen nur - ich darf es von uns alien sagen -, wir sehen nur in dem, was 
Sie als eine grundsatzliche soziale Veranderung bezeichnen, eine eth- 
nologische, eine russische. Fiir uns ist der Bolschewismus so russisch 
wie - verzeihen Sie diesen Vergleich - der Zarismus. Aufierdem - und 
ich befinde mich in diesem Punkte im Gegensatz zu den Herrschaf- 
ten - habe ich die Hoffnung, dafi Sie viei Wasser in Ihren Wein schiit- 
ten werden.< 

>Sie wollen wahrscheinlich sagen<, erwiderte ich, >Wein in Ihr Wasser.< 
>Sie iibertreiben, mein Herr, ich schatze Ihre H6flichkeit.< 
>Sie provozieren vielleicht!< sagte die Dame und sah in die Luft. 
Es war der erste Satz, den sie direkt an mich gerichtet hatte, und sie sah 
mich nicht an, als wollte sie zu erkennen geben, dafi sie, auch wenn sie 
zu mir sprach, nicht gerade unbedingt und nur zu mir sprach. 
>Ich hoffe, dafi Sie scherzen und keinen Verdacht -< 
>Es war ein Scherz<, unterbrach mich der Rechtsanwalt. Wenn er 
sprach, bewegte sich sein Bart, ich versuchte, schon aus den Bewegun- 
gen zu erkennen, was er gesagt hatte. 

>Vielleicht wird es Ihnen angenehm sein, mir von Frankreich zu erzah- 
len. Es kommt selten jemand aus Ihrem Lande. Ich kenne es nicht. < 
>Es ist schwer, Frankreich zu beschreiben, einem Russen, der Europa 
nicht kennt<, sagte der Sekretar, >und es ist besonders fiir uns Franzo- 
sen schwer. Jedenfalls werden Sie aus unseren Buchern und Zeitungen 
nicht einen ganz genauen Eindruck haben. Was wollen Sie? Paris ist 
die Hauptstadt der Welt, Moskau wird es vielleicht noch werden. Paris 
ist aufierdem die einzige freie Stadt der Welt. Bei uns wohnen Reaktio- 
nare und Revolutionare, Nationalisten und Internationalisten, Deut- 
sche, Englander, Chinesen, Spanier, Italiener, wir haben keine Zensur, 
wir haben loyale Schulgesetze, gerechte Richter -< 
>- und eine tiichtige Polizei<, sagte ich, weil ich es aus den Erzahlungen 
einiger Kommunisten wufke. 

>Gerade iiber Ihre Polizei haben Sie sich nicht zu beklagen<, sagte die 
Dame. Sie sah mich immer noch nicht an. 
>Unsere Polizei haben Sie nicht zu furchten<, meinte der Sekretar. 



422 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

>Wenn Sie einmal zu uns kommen wollten, nicht mit feindlichen Ab- 

sichten natiirlich - so konnen Sie immer auf mich rechnen.< 

>Sicherlich<, bekraftigte der Bart. 

>Ich werde mit den friedlichsten Absichten kommen<, versicherte ich. 

Ich fiihlte, wie treuherzig ich dabei aussah. Die Dame sah mich an. Ich 

betrachtete ihre schmalen roten Lippen und sagte, plump und kin- 

disch, denn es schien mir, daft ich meine grobe Treuherzigkeit noch 

iibertreiben miifite: >Ich wiirde zu Ihnen kommen - Ihrer Frauen we- 

gen.< 

>Oh, Sie sind charmant!< stiefi der Bart sehr eilig hervor. Vielleicht 

hatte er Angst, dafS seine Frau es sagen wiirde. Er konnte es trotzdem 

nicht verhindern, dafi sie lachelte. 

Ich hatte ihr gerne gesagt: Ich liebe Sie, Madame. 

Sie begann zu sprechen, als ware sie ganz allein: 

>Ich konnte niemals in Rufiland leben. Ich brauche den Asphalt der 

Boulevards, eine Terrasse im Bois de Boulogne, die Schaufenster der 

Rue de la Paix.< 

Sie verstummte plotzlich, wie sie zu sprechen angefangen hatte. Es 

war, als hatte sie alle duftenden, glanzenden Kostbarkeiten vor mir 

ausgeschuttet. Es lag an mir, sie aufzulesen, zu bewundern, zu besin- 

gen. 

Ich sah sie an, minutenlang, nachdem sie aufgehort hatte. Ich wartete 

noch auf einige Herri ichkeit en. Ich wartete eigentlich auf ihre Stimme. 

Es war eine tiefe, scharfe und kluge Stimme. 

>Nirgends lebt man so gut wie in Paris<, fing der Sekretar wieder an, 

>ich selbst bin ein Belgier. Es ist also kein Lokalpatriotismus.< 

>Sie sind aus Paris ?< fragte ich die Dame. 

>Aus Paris; wir wollen nachmittags ins Petroleumgebiet fahren<, sagte 

sie schnell. 

>Wenn Sie nichts dagegen haben, begleite ich Sie.< 

>Ich wiirde dann arbeiten und erst morgen friih hinfahren<, sprach der 

Bart. 

Vorher afi ich im vegetarischen Restaurant, denn ich hatte keinen 

Hunger. Auch das Geld ging zu Ende. Ich bekam erst in zehn Tagen 

Gehalt. Ich fiirchtete, die Dame wiirde einen Wagen brauchen - ich 

hatte ihn noch bezahlen konnen. Aber wie, wenn sie mehr brauchte? 

Wenn sie plotzlich essen wollte? Ich durfte mir vom Sekretar nichts 

bezahlen lassen. 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 423 

Ich afi ohne Appetit. Urn halb dref Uhr stand ich in gliihender Sonne 

vor dem Bahnhof. 

Nach zwanzig Minuten kam sie in einem Wagen, allein. 

>Sie werden mit mir allein fahren miissen<, sagte sie. >Wir haben be- 

schlossen, Herrn de V. bei meinem Mann zu lassen. Er will in der Stadt 

herumgehen und hat Angst, weil er sich nicht vers tan digen kann.< 

Wir safien zwischen Strafienhandlern, Arbeitern, halbverhiillten Mo- 

hammedanerinnen, obdachlosen Knaben, lahmen Bettlern, Kolporteu- 

ren, weiften Zuckerbackern, die orientalische Siifiigkeiten verkauften. 

Ich zeigte ihr die Bohrtiirme. 

>Es ist langweilig<, sagte sie. 

Wir kamen in Sabuntschi an. 

Ich sagte: >Es ist iiberfliissig, die Stadt zu sehen. Es ware muhevoll, es 

ist heifi. Wir wollen auf den nachsten Zug warten. Wir fahren zuriick.< 

Wir fuhren zuriick. 

Als wir wieder in Baku ausstiegen, schamten wir uns. Nach einigen 

Minuten sahen wir uns gleichzeitig an und lachten. 

Wir tranken Sodawasser in einer kleinen Bude, die Fliegen summten, 

ein ekelhaftes Fliegenpapier hing am Fenster. 

Mir wurde sehr heifi, obwohl ich unaufhorlich Wasser trank. Ich hatte 

nichts zu sagen, das Schweigen war noch driickender als die Hitze. Sie 

aber safi, unberiihrt von der Hitze, dem Staub, dem Schmutz, der uns 

umgab, und wehrte nur manchmal eine Fliege ab. 

>Ich liebe Sie<, sagte ich - und obwohl ich ohnehin ganz rot vor Hitze 

war, wurde ich noch roter. 

Sie nickte, 

Ich kiifke ihre Hand. Der Sodawasserhandler sah mich bose an. Wir 

gingen. 

Ich ging mit ihr durch die asiatische alte Stadt. Der Tag war noch voll. 

Ich verwiinschte ihn. 

Wir gingen zwei Stunden kreuz und quer. Ich furchtete, sie wiirde 

mude werden oder wir konnten ihrem Mann und dem Sekretar begeg- 

nen. Wir gelangten zum Meer, ohne Absicht. Wir safien am Kai, ich 

kiifite immer wieder ihre Hand. 

Alle Menschen sahen uns an. Ein paar Bekannte grufiten mich. 

Die Nacht fiel schnell ein. Wir gingen in ein kleines Hotel, der Wirt 

erkannte mich, es ist ein levantinischer Jude. Er halt mich fur einen 

einfluftreichen Mann und ist wahrscheinlich froh, daft er etwas Intimes 



424 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

von mir weifi. Wahrscheinlich hat er sich vorgenommen, gelegentlich 

von seinem Geheimnis Gebrauch zu machen. 

Es war finster, wir fuhlten das Bett, wir sahen es nicht. 

>Hier sticht etwas<, sagte sie spater. 

Aber wir machten kein Licht. 

Ich kiifite sie, sie zeigte mit dem Finger dahin, dorthin, ihre Haut 

leuchtete im Dunkel, ich jagte mit zitternden Lippen ihrem hiipfenden 

Finger nach. 

Sie stieg in einen Wagen, sie will morgen vormittag mit dem Mann und 

dem Sekretar wiederkommen. Sie wird Abschied nehmen. Sie fahren in 

die Krim und dann von Odessa nach Marseille. 

Ich schreibe dies zwei Stunden, nachdem ich sie geliebt habe. Es 

scheint mir, dafi ich es aufschreiben mufi, damit ich morgen noch weifi, 

dafi es wahr gewesen ist. 

Soeben ist Alja ins Bett gegangen. 

Ich liebe sie nicht mehr. Ihre stille Neugier, mit der sie mich seit Mo- 

naten empfangt, erscheint mir tuckisch. So wie ein Schweigsamer einen 

Angeheiterten und einen Beredten aushorcht, so empfangt sie meine 

Liebe — « 

Sie kamen am nachsten Tag von Tunda Abschied nehmen. 

»Ich habe«, sagte der Rechtsanwalt, »Herrn de V. absichtlich gestern 

zuriickgehalten. Ich bin uberzeugt, dafi man zwei Personen nicht so- 

viel zeigen kann wie einer einzigen. Nach dem, was meine Frau gestern 

erzahlt hat, mtissen Sie eine Menge interessanter Dinge gesehen ha- 

ben.« 

Der Rechtsanwalt hatte wirklich Ahnlichkeit mit einem Zwerg, aber 

nicht mehr mit einem harmlosen, der in einem griinen Rasen stent, 

sondern mit einem, der in einem unheimlichen Geroll wohnt. 

Sie verabschiedetep sich wie fremde Menschen. »Hier«, sagte die 

Dame, bevor sie ging, und sie gab Tunda einen Zettel mit ihrer 

Adresse. 

Er las ihn erst eine Stunde spater. 

Seit diesem Tag wufite Tunda, dafi er in Baku nichts mehr zu tun habe. 

Die Frauen, die uns begegnen, erregen mehr unsere Phantasie als unser 

Herz. Wir lieben die Welt, die sie reprasentieren, und das Schicksal, 

das sie uns bedeuten. 

Von dem Besuch der fremden Frau war ihr Wort von den Schaufen- 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 425 

stern der Rue de la Paix zuriickgeblieben. An die Schaufenster der Rue 

de la Paix dachte Tunda, als er seine alten Papiere hervorsuchte. 

Es war ein offener Befehl, Nummer 253, mit rundem Stempel unter- 

schrieben von Kreidl, Oberst, ausgestellt vom Feldwebel Palpiter. Das 

gelbe, in seinen Falten poros gewordene Papier hatte eine gewisse 

Weihe bekommen, es war glatt, es fiihlte sich an wie Talg und erinnerte 

an die Glatte der Kerzen. Unbezweifelbar war sein Inhalt. Da stand, 

dafi der Oberleutnant Franz Tunda zwecks Monturenfassung sich 

nach Lemberg zu begeben habe. 

Ware er nicht einen Tag spater in Gefangenschaft geraten, so ware aus 

dieser Dienstreise ein kleiner, verstohlener Abstecher nach Wien ge- 

worden. 

Hier stand der Name Franz Tunda so grofi, so stark, so sorgfaltig mit 

Haar und Schatten aufgezeichnet, dafi er beinahe aus der Flache des 

Papiers herauskam zu eigenem Leben. 

In den Namen lebt eine Kraft wie in Kleidern. Tunda, der seit einigen 

Jahren Baranowicz war, sah aus dem Dokument den alten Tunda her- 

austreten. 

Neben dem offenen Befehl lag die Photographie Irenes. Der Pappen- 

deckel war verbogen, das Bild verblafit. Es zeigte Irene in einem dunk- 

len, hochgeschlossenen Kleid, einem ernsten Kleid, wie man es an- 

zieht, wenn man sich fur einen Krieger im Feld photographieren lafit. 

Lebendig war noch der Blick, kokett und klug, gelungene Mischung 

aus einer natiirlichen Veranlagung und einer photographischen Retu- 

sche. 

Wahrend Tunda das Bild ansah, dachte er an die Schaufenster der Rue 

de la Paix. 



Eines Tages erschien im osterreichischen Konsulat in Moskau ein 
Fremder in einer schwarzen Lederjoppe, in zerrissenen Schuhen, mit 
Bartstoppeln in einem braunen und hart geschnitzten Gesicht, mit 
einer alten Pelzmiitze, die noch alter aussah, als sie war, weil draufien 
die erste warme Marzsonne leuchtete. Sie fiel durch zwei breite Fenster 
auf die braune Holzbarriere, hinter der ein Beamter saft, und bestrahlte 
bunte Prospekte aus den Kurorten von Salzburg und Tirol. Der 



426 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Fremde sprach einen einwandfreien ararischen Dialekt, den Dialekt 
der besseren osterreichischen Stande, der auch manche hochdeutsche 
Worte gestattet, wenn sie mit Melodie gesagt werden, und der aus der 
Feme wie eine Art nasales Italienisch klingt. Dieser Dialekt bekraftigte 
und erhartete die Erzahlungen des Fremden besser, als es jedes Doku- 
ment vermocht hatte. Eines Nachweises bedurften diese Erzahlungen 
allerdings, denn sie klangen unwahrscheinlich, 

Der Fremde gab an, dafi er im Jahre 1916 als osterreichischer Ober- 
leutnant in ein sibirisches Kriegsgefangenenlager gekommen war. Von 
dort war es ihm gelungen zu fliehen, Seit dem Tage seiner Flucht lebte 
er in den sibirischen Waldern mit einem Jager zusammen, der ein Haus 
am Rande der Taiga besafi. Beide Manner nahrten sich von der Jagd. 
Endlich hatte den einen das Heimweh ergriffen. Er begann ohne Geld 
seine Wanderurig. Sechs Monate war er unterwegs. Mit der Bahn 
konnte er nur kur?;e Strecken zurticklegen. Er hatte noch ein altes Do- 
cument, einen pffenen Befehl. Daraus war zu ersehen, dafi der Fremde 
Franz Tunda hiefi und Oberleutnant in der alten osterreichischen Ar- 
niee gewesen war. Die osterreichische Staatsbiirgerschaft hatte er auch 
nach dern Zerfall der Monarchic nicht verloren, weil er nach seinem 
Va^er in Linz, Oberpsterreich, zustandig war, Ein Telegramm nach 
Linz mit: bezahlter Riickantwort bewies die Behauptungen des fruhe- 
ren Qffjziers. Jrn Archiv des Kriegsministeriums in Wien befanden 
sich npch alte Klassenbiicher der Kadettenschule, die des Oberleut- 
nants Angaben ebenfalls bestatigten. Die letzten Bedenken des Kon- 
suls zerstreute die sympathische und aufrichtige Art des Fremden, der 
so aussah, als ob er nie in seinem Leben gelogen hatte, und die Tatsa- 
che, dafi der schlaue Beamte einem ehemaligen Offizier nicht die Klug- 
heit zutraute, die zu einer Luge gehort. 

Es bestand kein Gesetz, demzufplge verspatete Heimkehrer aus Sibi- 
rien eine Heimfahrt auf Kosten des sparsamen osterreichischen Staates 
unternehmen konnten. Wohl aber gab es eine Unterstiitzungskasse fur 
»besondere Falle« - und der osterreichische Gesandte gestattete nach 
einigem Zogern, das er mehr seinem Arnt als seinem Gewissen schul- 
dig war, die Einreihung Tundas unter »bespndere Falle«. 
Tunda biekam einen osterreichischen Pafi, durch Vermktlung der Ge- 
sandtsGhaft eine Ausreisebewilligung vpm russischen Kommissariat 
fiir Auswartige Angelegenheiten und eine Fahrkarte uber Kattowitz 
nach Wien. Es war schneller gelungen, als er gedacht hatte. Er konnte 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 427 

also seine Absicht, nach Baku zu fahren und von seiner Frau Abschied 
zu nehmen, nicht mehr ausfiihren. Denn er nahm an, dafi er von der 
Polizei beaufsichtigt und daft seine Riickkehr ihn verraten wiirde. Er 
befand sich in einer jener Situationen, in denen man durch aufiere Urn- 
stande gezwungen wird, ein Unrecht, das man mit Willen und Wissen 
begeht, noch gegen den eigenen Willen zu verscharfen. Er war feige, 
weil er eine Frau allein liefi. Aber er wurde noch jammerlicher, weil er 
von dieser Frau nicht einmal Abschied nahm. Er schrieb ihr nur, dafi er 
fur einige Monate verreisen miisse. Er legte einige Geldscheine in den 
Brief, weil er Angst hatte, das Geld auf der Post aufzugeben. Er teilte 
seiner Frau noch die Adresse seines Bruders mit. Irkutsk, postlagernd, 
fur alle Falle. 

Dann safi er eines Abends in einem Zug, der nach dem Westen fuhr, 
und es schien ihm, dafi er nicht freiwillig fahre. Es war so gekommen 
wie alles in seinem Leben, wie das meiste und Wichtigste auch im Le- 
ben der anderen kommt, die durch eine gerauschvolle und mehr be- 
wufite Aktivitat verfuhrt werden, an die Freiwilligkeit ihrer Entschlie- 
fiungen und Handlungen zu glauben. Indessen vergessen sie nur iiber 
ihren eigenen lebhaften Bewegungen die Schritte des Schicksals. 
An einem jener schonen Aprilvormittage, an denen Wiens innere Stadt 
ebenso frohlich wie elegant ist, an einem jener Vormittage, an denen 
auf der Ringstrafie schone Frauen mit unbeschaftigten Herren spazie- 
rengehen, auf den jungen Terrassen der Kaffeehauser dunkelblaue Si- 
phons leuchten und die Freiwillige Rettungsgesellschaft Propaganda- 
umziige mit Musik veranstaltet, erschien auf der bevolkerten Sonnen- 
seite des Grabens Franz Tunda in demselben Anzug, in dem er vor 
dem Moskauer Konsulat aufgetreten war, und erregte zweifellos Auf- 
sehen. Er sah genauso aus, wie sich ein Drogist, der an der Ecke vor 
der Tiir seines duftenden Ladens stand, einen »Bolschewiken« vor- 
stellte. Tundas lange Beine erschienen noch langer, weil er Reithosen 
und hohe, weiche Kniestiefel trug. Sie verbreiteten einen starken Ge- 
ruch von Leder. Die Pelzmiitze safi tief iiber seinen mifimutigen Au- 
gen. Der Drogist las jedenfalls in diesem Gesicht Gefahr fur seinen 
Laden. 

Tunda befand sich also in Wien. Er bezog Arbeitslosenunterstutzung, 
lebte kummerlich und suchte einige seiner alten Freunde auf. Man er- 
zahlte ihm, dafi seine Braut geheiratet hatte und wahrscheinlich in Pa- 
ris lebte. 



428 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XI 

Ende April erhielt ich folgenden Brief von Franz Tunda. 

»Lieber Freund Roth, 

gestern nacht habe ich zufallig Deine Adresse erfahren. Vor zwei Mo- 
naten bin ich heimgekehrt - ich weifi nicht, ob dieses Wort ange- 
bracht ist. Ich lebe vorlaufig von der Arbeitslosenunterstiitzung und 
bewerbe mich um eine Stelle als Schreiber beim Wiener Magistrat. 
Das ist wahrscheinlich aussichtslos. In dieser Stadt bewerben sich 
vierzig Prozent der Einwohner um irgendeine Stelle. Aufterdem - ich 
gestehe Dir gerne, dafi ich ungliicklich ware, wenn ich hier einen Po- 
sten bekame. 

Du fragst natiirlich, warum ich Rutland verlassen habe. Ich weifi 
keine Antwort. Ich schame mich auch nicht. Ich glaube nicht, daf? es 
einen Menschen in der Welt gibt, der Dir mit reinerem Gewissen sa- 
gen konnte, weshalb er das oder jenes getan oder unterlassen hat. Ich 
weifi nicht, ob ich nicht morgen nach Australien, nach Amerika, nach 
China oder zuriick nach Sibirien zu meinem Bruder Baranowicz 
ginge, wenn ich gerade konnte. Ich weifi nur, dafi nicht eine soge- 
nannte >Unruhe< mich getrieben hat, sondern im Gegenteil - eine 
vollkommene Ruhe. Ich habe nichts zu verlieren. Ich bin weder mu- 
tig noch abenteuerlustig. Ein Wind treibt mich, und ich furchte nicht 
den Untergang. 

Ich esse nur einmal taglich kalt und trinke Tee in einem kleinen 
Volkskaffee. 

Ich trage eine blaue Rubaschka und eine graue Miitze und falle auf. 
Wenn Du kannst, Schick mir einen alten Anzug, aber einen neuen 
Hut. Ich wandere mindestens dreimal taglich iiber die Ringstrafk, 
auch iiber den Graben am Vormittag, wenn das elegante Publikum 
spazierengeht. Ich lasse mir inzwischen einen Bart wachsen, weil ich 
ohnehin schon auffallig bin. 

Heute vor zehn Jahren gehorte ich selbst zu diesem Publikum. Es 
war mein letzter Urlaub. Fraulein Hartmann ging an meiner Rechten, 
an meine Linke schlug der Sabel. Es war damals mein einziger 
Wunsch, nach dem Krieg zur Kavallerie transferiert zu werden. Der 
alte Herr Hartmann hatte es durchsetzen konnen. Jetzt liegt er am 
Zentralfriedhof. Ich habe aus Pietat und Langeweile sein Grab gese- 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 429 

hen. Es ist eine sogenannte Familiengruft. Ewige Veilchen blu'hen 
hier unter einer roten Laterne, die ein gefliigelter Knabe halt. Die 
Inschrift ist wiirdig und einfach, wie Hartmann selbst immer gewe- 
sen ist. 

Ich hore, daft meine Braut erst vor vier jahren geheiratet, also eine 
erheblich lange Zeit auf mich gewartet hat. Vor vier Jahren ware ich 
vielleicht auch noch ein Mann fur sie gewesen. 

Heute aber - ich glaube, daft ich sehr fremd in dieser Welt geworden 
bin. — 

Du fragst, ob ich in Rutland heimisch war? 

Ich lebte in den letzten Monaten in einem Zustand, fiir den es keinen 
Namen gibt, weder im Russischen noch im Deutschen, wahrscheinlich 
in keiner Sprache der Welt, in einem Zustand zwischen Resignation 
und Erwartung. Ich stelle mir vor, daft die Toten einen Augenblick 
lang in dieser Situation sind, wenn sie das irdische Leben aufgegeben 
und das andere noch nicht begonnen haben. Es kam mir vor, als hatte 
ich eine Aufgabe vollendet, so ganz, so rund vollendet,. daft ich kein 
Recht mehr hatte, im Anblick ihrer unerbittlichen Fertigkeit zu ver- 
harren. Es war mir, als ware Baranowicz gestorben und Tunda noch 
nicht geboren. 

Ich lebte mit Alja, meiner kaukasischen Frau in Baku, in einer ganz 
bestimmten Vorlaufigkeit, die kein Ende hat. Ich hatte die Aufgabe, 
photographische und Kinoaufnahmen aus dem Leben kaukasischer 
Volker zu machen und machen zu lassen. Ich strengte mich nicht an. 
Aber es ist ein groftes und breites, verworrenes, mit Absicht, Kunst 
und viel Raffinement verworrenes Verwaltungssystem in den Sowjet- 
staaten, innerhalb dessen jeder einzelne nur ein kleiner oder grofterer 
Punkt ist, verbunden mit einem nachstgrofteren Punkt und nichts ah- 
nend von seiner Bedeutung fiir das Ganze. Du siehst im Leben, in den 
Straften, in den Biiros lauter solche Punkte, die in einer geheimen und 
wichtigen Beziehung, sogar in einer sehr nahen, zu Dir stehen, aber 
Du kennst diese Beziehung nicht. Es gibt einige erhohte Punkte, die 
alle Beziehungen kennen, sie sehen Dich gewissermaften aus der Vo- 
gelperspektive. Du selbst aber siehst nicht, daft sie hoher gelegen sind. 
Du weiftt nicht, ob Du ruhig in deiner Lage verbleiben wirst. Es ist 
moglich, daft Du bald, im nachsten Augenblick, verschoben wirst - 
und gar nicht von oben her, sondern gleichsam von dem Fundament 
aus, auf dem Du stehst. Stelle Dir ein Schachbrett vor, auf dem die 



430 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Figuren nicht stehen, sondern in dem sie stecken, und die Hand des 
Spielers, der unter dem Tisch sitzt, dirigiert sie von unten her. 
Du kannst nicht nur fiirchten und hoffen, Du hast sogar Pflichten und 
Funktionen. Du hast einen Idealismus, es ist Raum fur einen personli- 
chen Ehrgeiz. Manchmal kannst Du den Erfolg oder den Mifierfolg 
einer Handlung auch voraussehen. Aber in vielen Fallen geschieht et- 
was wider alle Deine Erwartungen. Du hast zum Beispiel eine Pflicht 
aufier acht gelassen und erwartest eine sehr unangenehme Folge. Aber 
es geschieht entweder gar nichts oder etwas sehr Angenehmes. Dabei 
weifit Du nicht, ob sich die unangenehme Konsequenz nicht in der 
Maske einer angenehmen gezeigt hat. Du traust weder Deinen Erfol- 
gen noch Deinen Mifierfolgen. 

Das schlimmste ist, dafi Du fortwahrend beobachtet wirst und nicht 
weifit, von wem. In dem Bu'ro, in dem Du arbeitest, ist jemand Mit- 
glied der Geheimpolizei. Es kann die Putzfrau sein, die jede Woche 
den Boden scheuert, es kann aber auch der gelehrte Professor sein, der 
eben ein Alphabet der tattischen Sprache zusammenstellt. Es kann die 
Sekretarin sein, der Du diktierst, oder der Hausverwalter, der sich um 
die Beschaffenheit der Biiroutensilien kummert und zerbrochene Fen- 
sterscheiben durch neue ersetzt. Alle sagen Dir gleichmafiig Genosse. 
Alle nennst Du gleichmaflig Genosse. Aber Du wahnst in jedem einen 
Beobachter und weifk gleichzeitig, dafi jeder Dich fur einen Beobach- 
ter halt. Du hast kein schlechtes Gewissen, Du bist ein Revolutionar, 
Du hast keine Beobachtungen zu fiirchten. Dann fiirchtest Du zumin- 
dest, dafi Du fur einen Spitzel gehalten wiirdest. Du bist harmlos. Aber 
weil Du Dich bemuhen mufe, harmlos zu erscheinen, merken die an- 
deren Deine Bemuhungen. Du hast dann Angst, sie konnten Dich 
nicht mehr fur harmlos halten. 

Es gehoren gesunde Nerven zu diesem Leben und eine grofie Portion 
revolutionarer Uberzeugung. Denn man mufi voraussetzen, dafi die 
Revolution, von lauter Feinden umgeben, keine anderen Moglichkei- 
ten hat, ihre Macht zu sichern, als die, jedes Individuum zu opfern, 
wenn es notig ist. Stelle Dir also vor: Man liegt jahrelang auf einem 
Altar und wird nicht geschlachtet. 

Ich ware dennoch in Rutland geblieben - ich glaube es wenigstens -, 
wenn nicht eines Tages eine Gesellschaft aus Frankreich gekommen 
ware, mehr Vergniigungs- als Studienreisende, ein Rechtsanwalt mit 
seiner Frau und seinem Sekretar. Der Sekretar war der Liebhaber der 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 43I 

Frau, und der Rechtsanwalt wufite es so einzurichten, daft ich einen 

Tag allein mit seiner Frau zubrachte, einen Tag und einen unvergeftli- 

chen Abend in einem Hotel. Ich war das Werkzeug seiner Rache. Die 

Frau, die mich fur einen gefahrlichen Spitzel von der Tscheka hielt, 

lieft mir beim Abschied einen Zettel zuriick, auf dem sie mit trium- 

phierender Schrift geschrieben hatte: >Sie sind also doch von der Ge- 

heimpolizei!< - nachdem ich mich bermiht hatte, ihr den absurden Ge- 

danken auszureden. 

Deshalb also hatte sie mit mir geschlafen. 

Das nur nebenbei. - Wichtig ist, daft die Ankunft dieser Fremden mir 

plotzlich klarmachte, daft ich mein Leben erst zu beginnen hatte, ob- 

wohl ich schon ziemlich viel erlebt hatte. Merkwiirdig war, daft mir 

sofort, als ich die Dame sah, der Name meiner Braut einfiel: Irene. Ich 

sehne mich nach ihr. 

Vielleicht, weil ich nicht erfahren kann, wo sie lebt, mit wem sie ver- 

heiratet ist, und vielleicht, weil ich weift, daft sie lange Zeit auf mich 

gewartet hat. 

Ich glaube, daft die Ankunft der fremden Dame in Baku mehr bedeutet 

als einen Zufall. Es war, als hatte jemand eine Tiir geoffnet, von der ich 

die ganze Zeit gedacht hatte, sie ware keine Tiir, sondern ein Teil der 

Mauer, die mich umgab. Ich sah einen Ausgang und beniitzte ihn. Jetzt 

stehe ich drauften und bin allerdings ratios. 

Das also ist Eure Welt! Ich wundere mich immer wieder iiber ihre 

Festigkeit. Als wir in Ruftland fur die Revolution kampften, dachten 

wir, gegen die Welt zu kampfen; und als wir siegten, war der Sieg iiber 

die ganze Welt nahe. Noch jetzt weift man driiben gar nichts von der 

Standhaftigkeit dieser Welt. Ich fiihle mich fremd in ihr. Es ist, als 

protestierte ich gegen sie, wenn ich es Dir zweimal sage. Ich gehe mit 

fremden Augen, fremden Ohren, fremdem Verstand an den Menschen 

vorbei. Ich treffe alte Freunde, Bekannte meines Vaters und verstehe 

nur mit Anstrengung, was sie mich fragen. 

Ich spiele meine Rolle als eben heimgekehrter >Sibiriak< weiter. Man 

fragt mich nach meinen Erlebnissen, und ich luge, so gut ich kann. Urn 

nicht in Widerspriiche zu geraten, habe ich angefangen, alles aufzu- 

schreiben, was ich im Laufe einiger Wochen erfunden habe; es sind 

fiinfzig grofie Quartseiten geworden, ich amiisiere mich dabei; ich bin 

gespannt darauf, was ich weiter schreiben werde. 

Es ist ein sehr langer Brief geworden. Du wunderst Dich daniber 



432 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

nicht - es ist lange her, seitdem wir uns zuletzt gesprochen haben. Ich 
grufie Dich in alter Kameradschaft 

Franz Tunda.« 



XII 



Wozu hatte er Rufiland verlassen? Man konnte Tunda unsittlich nen- 
nen und charakterlos. Manner, die einen klaren Weg und ein sittliches 
Ziel haben, auch die Menschen, die einen Ehrgeiz haben, sehen anders 
aus als mein Freund Tunda. 

Mein Freund aber war das Muster eines unzuverlassigen Charakters. 
Er war so unzuverlassig, dafi man ihm nicht einmal Egoismus nachsa- 
gen konnte. Er strebte nicht nach sogenannten personlichen Vorteilen. 
Er hatte ebensowenig egoistische Bedenken wie moralische. Wenn es 
unbedingt notig ware, ihn durch irgendein Attribut zu kennzeichnen, 
so wiirde ich sagen, dafi seine deutlichste Eigenschaft der Wunsch nach 
Freiheit war. Denn er konnte seine Vorteile ebenso wegwerfen, wie er 
Nachteile abzuwenden wufke. Er tat das meiste aus Laune, manches 
aus Uberzeugung, und das heifit: alles aus Notwendigkeit. Er besafi 
mehr Lebenskraft, als die Revolution augenblicklich notig hatte. Er 
besafi mehr Selbstandigkeit, als eine Theorie, die sich das Leben anzu- 
passen sucht, brauchen kann. Im Grund war er ein Europaer, ein in- 
dividualists wie gebildete Menschen sagen. Er brauchte, urn sich aus- 
zuleben, kompliziertere Verhaltnisse. Er brauchte die Atmosphare 
verworrener Liigen, falscher Ideale, scheinbarer Gesundheit, haltbaren 
Moders, rotbemalter Gespenster, die Atmosphare der Friedhofe, die 
wie Ballsale aussehen, oder wie Fabriken, oder wie Schlosser, oder wie 
Schulen, oder wie Salons. Er brauchte die Nahe der Wolkenkratzer, 
deren Baufalligkeit man ahnt und deren Bestand fur Jahrhunderte 
trotzdem gesichert ist. Er war ein »moderner Mensch«. 
Freilich lockte ihn seine Braut Irene. Er hatte den Weg, vor sechs Jah- 
ren begonnen, ein wenig unterbrochen. Er nahm ihn wieder auf. Wo 
lebte sie? Wie lebte sie? Liebte sie ihn? Hatte sie auf ihn gewartet? Was 
ware er heute gewesen, wenn er damals zu ihr gelangt ware? 
Ich gestehe, dafi ich, nachdem ich Tundas Brief gelesen hatte, zuerst 
alle diese Fragen uberlegte und nicht die nachste: wie Tunda zu helfen? 
Ich wufite, dafi er zu den Menschen gehorte, denen eine materielle 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 433 

Sicherheit gar nichts bedeutet. Er hatte niemals Furcht unterzugehen. 
Er hatte niemals die Angst vor dem Hunger, die heute fast alle Hand- 
lungen der Menschen bestimmt. Es ist eine Art Lebenstuchtigkeit. Ich 
kenne ein paar Menschen dieser Art. Sie leben wie Fische im Wasser: 
immer auf der Jagd nach Beute, niemals in der Furcht vor dem Unter- 
gang. Sie sind gefeit gegen Reichtum und gegen Elend. Entbehrungen 
sieht man ihnen nicht an. Daher sind sie auch mit einer Hartherzigkeit 
ausgestattet, die sie die private Not anderer nicht empfinden lafit. Sie 
sind die grofiten Feinde der Barmherzigkeit und des sogenannten so- 
zialen Empfindens. 

Sie sind also die geborenen Feinde der Gesellschaft. 
Ich dachte erst eine Woche spater daran, Tunda zu helfen. Ich schickte 
ihm einen Anzug und uberlegte, ob ich nicht an seinen Bruder schrei- 
ben sollte, mit dem Tunda seit seinem Eintritt in die Kadettenschule 
nicht gesprochen hatte. 



XIII 



Tundas Bruder Georg war Kapellmeister in einer mittelgrofien deut- 

schen Stadt. 

Eigentlich hatte Franz Musiker werden sollen. Der alte Major Tunda 

wufite die musikalische Begabung seines jlingeren Sohnes nicht zu 

schatzen. Er war ein Soldat, fur ihn war ein Musiker ein Militarkapell- 

meister, ein Zivilbeamter, durch einen ganz ordinaren Vertrag mit der 

Armee verbunden, immer in der peinlichen Lage, gekiindigt werden zu 

konnen, mit einer geringen Pensionsberechtigung, wenn es nicht ge- 

schah. Der Major hatte aus dem einen Sohn am liebsten einen Staatsbe- 

amten gemacht, aus dem anderen einen Offizier. 

Georg fiel eines Tages, brach ein Bein und sollte sein Leben lang hin- 

ken. Er konnte die Schule nicht mehr regelmaftig besuchen. Franz 

hatte Musikunterricht genommen, Musiker werden wollen. Da aber 

die Krankheit des Bruders viel Geld kostete, Georg durch sein Gebre- 

chen dem Major ohnehin nicht mehr gefiel, entschied er, daft die Mu- 

sikstunden von nun ab Georg zu nehmen habe. 

Franz kam aus Sparsamkeitsgriinden in die Kadettenschule. 

Damals haftte Franz seinen Bruder. Er beneidete ihn um das Gliick, 

gef alien zu sein und das Bein gebrochen zu haben. Er wollte um jeden 



434 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Preis die Kadettenschule verlassen. Er hoffte, eines Tages auch zu fal- 
len und ein Bein zu brechen oder einen Arm. Was dann geschehen 
sollte, kiimmerte ihn nicht mehr. Er wunschte sich zumindest einen 
Herzfehler. Er glaubte, sehr schlau zu sein. Aber die Resultate seiner 
Bemuhungen waren das Entziicken seiner Lehrer und seines Vaters 
und ausgezeichnete Prognosen fur eine militarische Laufbahn. 
Je grower seine Erfolge in der Kadettenschule wurden, desto starker 
haflte er seinen Bruder. Georg studierte inzwischen an der Musikaka- 
demie. Zu den Weihnachts- und Osterferien mufiten beide Bruder 
nach Hause kommen. Sie schliefen in einem Zimmer, afien an einem 
Tisch und sprachen kein Wort miteinander. Sie unterschieden sich iib- 
rigens aufkrlich stark. Franz sah seinem Vater ahnlich, Georg der 
Mutter. Es ist moglich, dafi er durch das Gebrechen und durch den 
Zwang, im Zimmer zu bleiben, durch Einsamkeit und Nachdenklich- 
keit und Beschaftigung mit Biichern den traurigen Gesichtsausdruck 
bekam, der die meisten Juden auszeichnet und manchmal iiberlegen 
erscheinen lafit. Franz aber unterdriickte durch seine Lebensweise die 
tragischen Anlagen, die er vielleicht von seiner jiidischen Mutter geerbt 
hatte. Im iibrigen mochte ich eher der Beschaftigung eines Menschen 
als seiner Rasse einen Einflufi auf seine Gesichtsbildung einraumen. 
(Ich habe schon antisemitische Bibiiothekare gesehen, die, ohne aufzu- 
fallen, in jedem westjudischen Tempel Vorbeter hatten sein konnen.) 
Die beiden Bruder sprachen also nichts miteinander. 
Es war Franz, mein Freund, der Urheber dieser verdrossenen Schweig- 
samkeit. Denn Georg war, wie man bald sehen wird, eine konziliante 
Natur. Er war der verwohnte Liebling der Mutter. Darum beneidete 
ihn Franz fast mehr als um das lahme Bein. Er hatte gerne in der war- 
men Nahe der Mutter gelebt, nicht in der herben, kiihlen und alkohol- 
haltigen Luft, die den Vater umwehte. Jedes Lob des Vaters schmerzte 
ihn. Jede Liebkosung, die Georg von der Mutter zuteil wurde, 
schmerzte ihn noch mehr. 

Es waren die Ferienmahlzeiten im elterlichen Haus, die Franz niemals 
vergafi und von denen er manchmal erzahlte. Da saft er an der linken 
Seite des Vaters, gegeniiber der Mutter, neben der Mutter saft Georg, 
der Kusine Klara gegeniiber, die ein Lyzeum in Linz besuchte und in 
Georg verliebt war. Man hatte glauben sollen, dafi ein lahmer Musiker 
in den Augen eines jungen Madchens auf jeden Fall weniger zu bedeu- 
ten hat als ein gesunder, mutiger Kadettenschuler. Dem war aber nicht 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 43$ 

so. Die Madchen, besonders die aus den Lyzeen, die mit der besonde- 
ren Vorliebe fur Turnen und Ausfluge, sind mehr fur Hinkende als fur 
Reitende eingenommen und mehr fur Musikalisches als fur Martiali- 
sches. Das hat sich nur fur die vier Jahre des Weltkrieges geandert, als 
sogar die Musik selbst, die Gymnastik und die Natur in den Dienst der 
Vaterlander traten, mit ihren mannlichen und weiblichen Anhangern. 
Damals aber, als die schweigsamen Mahlzeiten im Tundaschen Hause 
stattfanden, war die Welt noch weit vom Kriege entfernt. Franz hatte 
Anlafi genug, auf Georg eifersuchtig zu sein. 

Es kam gelegentlich vor, dafi sie in ihrem gemeinsamen Zimmer gleich- 
zeitig erwachten. Ihre Augen trafen sich, es fehlte wenig und einer 
hatte dem anderen guten Morgen gesagt. Denn so selbstverstandlich 
war ihre Feindschaft, dafi sie beinahe schon eine Fremdheit wurde, im 
Laufe einer Nacht vergessen - und wenn nicht vergessen, so doch kei- 
neswegs gewachsen. Aber dann besann sich der eine oder der andere - 
gewohnlich war es Franz, der sofort umkehrte und so lange weiter- 
schlief, bis der Bruder angezogen war und das Zimmer verlassen hatte. 



XIV 



Nach dem Krieg heiratete Georg seine Kusine. 

Er heiratete seine Kusine aus Mangel an Phantasie, aus Bequemlich- 
keit, aus Gewohnheit, aus Courtoisie, aus konzilianter Freundlichkeit, 
aus praktischen Griinden - denn sie war die reiche Tochter eines rei- 
chen Grundbesitzers. Nur ein Mann, dem es an Phantasie mangelte, 
konnte sie heiraten, denn sie war eine von den Frauen, die man »gute 
Kameraden« nennt und die einen Mann mehr stiitzen als lieben kon- 
nen. Man kann sie gut verwenden, wenn man zufallig Bergsteiger, 
Radfahrer oder Zirkusakrobat ist oder auch gelahmt in einem Roll- 
stuhl liegt. Was aber ein normaler Stadter mit ihnen anfangt, ist mir 
immer ratselhaft geblieben. 

Klara - schon dieser Name scheint mir verraterisch - war ein guter 
Kamerad. Ihre Hand glich ihrem Namen, sie war so einfach, so ge- 
sund, so bieder, so zuverlassig, so ehrlich, daft ihr nur noch die 
Schwielen fehlten, es war die Hand eines Turnlehrers. Klara hatte, 
sooft sie einen Mann begriiften muftte, Angst, er konnte ihr die Hand 
kiissen. Sie gewohnte sich deshalb einen ganz besonderen Handedruck 



436 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

an, einen resoluten, biederen, bei dem der ganze Unterarm des Mannes 
nach unten gednickt wurde - schon dieser Handedruck war eine Turn- 
iibung. Man ging gestarkt daraus hervor. In Deutschland und in Eng- 
land, in Schweden, Danemark, Norwegen, in vielen protestantischen 
Landern gibt es Frauen, die derart Mannern die Hand driicken. Es ist 
eine Demonstration fur die Gleichberechtigung der Geschlechter und 
fur die Hygiene, es ist eine wichtige Episode in dem Kampf der 
Menschheit gegen die Bazillen und die Galanterie. 
Klaras Beine waren sachliche, gerade Beine, Wanderbeine, keineswegs 
Instrumente der Liebe, sondern eher des Sports, ohne Waden. Dafi sie 
in seidene Striimpfe gehiillt waren, schien ein unverzeihlicher Luxus. 
Irgendwo miissen sie doch Knie haben, dachte ich immer, irgendwo 
miissen sie in Schenkel iibergehen, es ist doch unmdglich, dafi 
Striimpfe in Unterhoschen hineinwachsen und damit basta?! Es war 
aber so, und Klara war kein Geschopf der Liebe. Sie hatte sogar etwas 
wie einen Busen, aber es schien nur ein Etui fiir ihre sachliche Gute zu 
sein. Ob sie ein Herz besafi, wer kann es wissen? 
Ich habe bei dieser Beschreibung Klaras kein gutes Gewissen. Denn es 
scheint mir siindig, einen der tugendhaftesten Menschen, die mir im 
Leben begegnet sind, zuerst nach seinen sekundaren Geschlechtsmerk- 
malen zu beurteilen. Sie war namlich tugendhaft, Klara, wie konnte sie 
anders? Sie bekam ein Kind, natiirlich von ihrem eigenen Mann, dem 
Kapellmeister - und obwohl es keineswegs eine Siinde, sondern im 
Gegenteil eine Tugend ist, von dem eigenen Mann Kinder zu bekom- 
men, sah die legitime, ehrwiirdige Schwangerschaft bei Klara wie ein 
Seitensprung aus, und wenn sie das Kind saugte, war es wie das achte 
Wunder, wie eine Anomalie und eine Siinde zugleich. 
Ubrigens konnte das Kind - es war ein Madchen - schon im vierten 
Jahr radfahren. 

Von ihrem Vater, dem reichen Gutsbesitzer, hatte Klara ihre soziale 
Gesinnung gelernt und geerbt. Soziale Gesinnung ist ein Luxus, den 
sich die Reichen gestatten diirfen und der aufterdem noch den prakti- 
schen Vorteil hat, daft er zum Teil den Besitz erhalt. Ihr Vater pflegte 
mit dem Oberforster ein Glaschen Wein zu trinken, mit dem Forster 
einen Kognak und mit dem Forstgehilfen ein Wort zu wechseln. Auch 
die soziale Gesinnung kennt feine Unterscheidungen. Er liefi sich nie- 
mals die Stiefel von einem seiner Diener ausziehen, er benutzte aus 
Griinden der Menschlichkeit den Stiefelknecht. Seine Kinder muftten 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 437 

sich im Winter mit Schnee waschen, allein den weiten Weg in die 
Schule gehen, um acht Uhr abends in ihre stockdunklen Zimmer stei- 
gen und die Betten selbst machen. Nirgends in der Nachbarschaft hat- 
ten Dienstboten eine bessere Behandlung. Klara mufite ihre Hemden 
eigenhandig biigeln. Kurz: der Alte war, wie man zu sagen pflegt, ein 
Mann von Schrot und Korn, ein tugendhafter Grundbesitzer, eine le- 
bendige Abwehrmafinahme gegen den Sozialismus, weit und breit ver- 
ehrt und in den Reichstag gewahlt, wo er als MitgHed einer konservati- 
ven Partei den Beweis lieferte, dafi Reaktion und Humanitat nicht un- 
vereinbare Widerspriiche sind. 

Er erlebte noch Klaras Hochzeit, war loyal gegen den Kapellmeister 
und starb einige Wochen spater, ohne auch nur mit einer Miene verra- 
ten zu haben, dafi ihm ein Gutsbesitzer lieber gewesen ware: Humani- 
tat bis zum Grabe. 



XV 

Georg war konziliant. Es gibt Eigenschaften, die man nur mit einem 
Fremdwort bezeichnen kann. Ein konzilianter Mensch hat es im Le- 
ben schwerer, als man glaubt: Die Schwierigkeiten, mit denen er zu 
kampfen hat, konnen sich derart verdichten, dafi er mitten im Lacheln 
eine tragische Erscheinung wird. Georg, der lauter Erfolge hatte, von 
den Frauen unaufhorlich in Anspruch genommen wurde und nicht nur 
die Kapelle des Operntheaters, sondern auch einen Teil der Burger- 
schaft dirigierte - Georg war ungliicklich. Er war sehr einsam inmitten 
der liebenswurdigen Welt, der eigenen und der fremden Freund- 
lichkeit. Er hatte lieber in einer feindlichen oder in einer gleichgiiltigen 
Welt gelebt. Seine Freundlichkeit bedriickte zwar nicht sein Gewissen, 
aber seinen Verstand, der ungefahr so stark war wie der Verstand un- 
liebenswiirdiger Menschen, die manche Feinde haben. Jede Luge, die 
er sagte, wiirgte ihn. Er hatte lieber die Wahrheit gesagt. Doch stiefi im 
letzten Augenblick seine Zunge den Beschlufi seines Gehirns um, und 
statt der Wahrheit erklang - woriiber Georg selbst manchmal erstaunte 
- irgendeine polierte, runde Sache von ratselhafter, angenehmer, melo- 
dioser Beschaffenheit. An der Donau und am Rhein, den beiden legen- 
daren Stromen Deutschlands, wachsen manchmal solche Manner- we- 
nig ist von den harten Nibelungen iibriggeblieben. 



43$ ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Georg liebte seinen Bruder nicht - er vermutete in ihm den einzigen, 
der seine Liigen durchschaute. Er war froh, als man von Franz nichts 
horte, Verschollen! - welch ein Wort! Welch ein Anlafi, traurig zu 
sein, traurig liebenswiirdig, eine neue, bisher ungeiibte Konzilianz. 
Dennoch war Georg der einzige, der vorlaufig Franz helfen konnte. 
Deshalb teilte ich Herrn Georg Tunda mit, daft sein Bruder zuriickge- 
kommen sei. 

Hoch erfreut war dariiber Klara. Jetzt hatte ihre Gute, lange Zeit ta- 
tenlos und ausgeruht, ein neues Objekt. Franz erhielt zwei Einladun- 
gen, eine herzlich aufrichtige und eine herzlich formvollendete. Die 
zweite stammte naturlich von Georg. Franz aber, der vor fiinfzehn 
Jahren zuletzt mit seinem Bruder gesprochen hatte und daher weit da- 
von entfernt war, ihn zu kennen - obwohl Georg gerade von Franz 
durchschaut zu sein glaubte -, Franz, der seinen Bruder nur der Musik 
wegen gehaflt hatte, Franz fuhr an den Rhein, in die Stadt der guten 
Oper und einiger Dichter von besserem Ruf. 



XVI 



Unterwegs muftte er einmal umsteigen. Er hielt sich nirgends auf. Er 
sah von Deutschland nur die Bahnhofe, die Schilder, die Reklameta- 
feln, die Kirchen, die Gasthofe in der Nahe der Bahn, die stillen und 
grauen Strafien der Vorstadte und die Vorortbahnen, die an miide, dem 
Stall entgegentrabende Tiere erinnern. Er sah nur die wechselnden Pas- 
sagiere, einzelne Herren mit Aktentaschen in Cutaways, die jedes of- 
fene Fenster strafend ansahen und einen freien Platz mit finsterer Ent- 
schlossenheit einnahmen wie eine Festung. Sie schienen kampfbereit 
irgendeinen Feind zu erwarten, der zu ihrem Arger nicht kam. Indes- 
sen studierten sie in Papieren, die sie den Taschen entnommen hatten, 
mit dem Eifer, mit dem man sich auf einen bevorstehenden Feldzug 
vorbereitet. Es mufiten wichtige Papiere sein. Denn die Herren be- 
schatteten sie mit ihren Armen, umrahmten sie oder nahmen sie gleich- 
sam unter ihre Fittiche, damit kein unbefugter Blick sie treffe. 
Andere, weniger strenge Herren ohne Aktentaschen, in weltgewand- 
ten, grauen Reiseanziigen setzten sich mit einem Seufzer, sahen 
freundlich auf den Gegeniibersitzenden und begannen bald mit einem 
Gesprach, das einen ernsten, moralischen, wenn nicht tagespolitischen 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 439 

Inhalt hatte. Hier und dort stieg ein Jager ein, die Flinte in braunem 
Lederfutteral in der Rechten, in der Linken - oder auch umgekehrt - 
einen Stock mit einem Hirschgeweih als Griff. Es sah teils gemiitlich 
und teils bedrohlich aus. 

Tunda dachte mit Sehnsucht an die russischen Eisenbahnen und ihre 
harmlos geschwatzigen Passagiere. 

In alien Kupees hingen Land- und Ansichtskarten, Reklametafeln fur 
deutschen Wein und Zigaretten, fiir Landschaften, Berge, Taler, Le- 
dermantel, Speisewagen, Zeitungen und Zeitschriften, fiir Sicherheits- 
ketten, mit denen man Koffer so zuverlassig an die Gepacknetze 
Schmieden konnte, dafi eventuelle Diebe auch noch daran hangenblie- 
ben, so daK man die Missetater nach der Riickkehr aus dem Speisewa- 
gen gemachlich fassen und gegen eine Entlohnung beim Stationsvor- 
steher abgeben konnte. Man konnte sich aber auch, wollte man beque- 
mer zu Geld kommen, gegen sogenannten Reisediebstahl versichern 
lassen, womit nicht der Diebstahl einer Reise, sondern der gelegentlich 
einer Reise gemeint war, gegen Eisenbahnunfalle, gegen die ohnehin 
schon Hacke, Beil und Sage in Glaskasten ausgestellt waren, um den 
Unfallen von vornherein zu drohen. Man konnte sein Leben, seine 
Kinder, seine Enkel versichern lassen, so dafi man frohlich, in der Er- 
wartung eines nahen Zusammenstofies, durch Tunnels raste, ent- 
tauscht wieder aus der Finsternis kam und in der nachsten Station 
Frankfurter Wiirstchen mit Senf essen durfte. 

Welch ein zuverlassiger Betrieb! Die Zeitschriften, die Wiirstchen, die 
Mineralflaschen, die Zigaretten, die Koffer, die Briefsacke von der Post 
lagen sauber und in Fachern, hinter Glas und in Stanniolpapier und auf 
rollenden Karren, und wenn der Zug aus den groften Hallen glitt, die 
an Dome erinnerten, schien es, als rollten die Zunickgebliebenen, mit 
den Taschentuchern Winkenden, Schreienden, immer etwas Allerletz- 
tes noch Nachrufenden ebenfalls auf Rollschuhen. Selbst die Bahnhofe 
standen nicht. Nur die Wachterhauschen und die Signale standen wie 
Ehrenposten. Dafi sie nicht in die Luft schossen, erschien wie eine 
Pflichtverletzung. 

Tunda stand im Korridor und rauchte, er sah die Tafel nicht, die es 
ausdriicklich verbot, weil der Mensch etwas Widersinniges nicht sieht. 
So will es die Natur. Aufierdem rauchte noch ein anderer Herr, ver- 
barg aber, als er mit geubtem Ohr den Schaffner kommen horte, die 
Zigarette in der gehbhlten Hand. Der Schaffner sah zwar auch die ver- 



440 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

borgene Zigarette, stellte den braven Herrn aber nicht zur Rede, denn 
es geht den meisten Autoritaten weniger urn die Einhaltung der Ge- 
bote als um die Einhaltung des Respekts. Der Schaffner machte nur 
Tunda aufmerksam, dafi er Strafe zahlen wiirde - unter gegebenen 
Umstanden, das heifit, wenn er, der Schaffner, nicht zufallig ein so 
gutmiitiger Mensch ware. Hierauf zerdruckte Tunda gehorsam die Zi- 
garette, aber leider an der Fensterscheibe. Bei dieser Gelegenheit sagte 
ihm der brave Herr, der freiwillig die Pflichten des Schaffners auf sich 
zu nehmen gewillt schien, dafi zum Ausdnicken der Zigaretten die 
Aschenbecher da waren, allerdings in den Abteilen. 
Tunda, von zwei Seiten in die Schule genommen, versuchte durch 
Hoflichkeit einem drohenden Unterricht zu entgehen, dankte, ver- 
neigte sich und begann, die Landschaft zu loben, gewissermafien, um 
sich zu revanchieren. Der Herr fragte ihn, ob er ein Fremder ware. 
Tunda freute sich wie ein Schiiler, der mit seinem Klassenlehrer in 
einen menschlichen Kontakt gerat und zum Beispiel Schulhefte nach 
Hause tragen darf. Bereitwillig erzahlte er, dafi er geradewegs iiber 
Wien aus Sibirien komme. 

In Anbetracht dieses Umstandes, meinte der Herr, ware es selbstver- 
standlich, dafi Tunda versucht hatte, die Zigarette an der Fenster- 
scheibe auszudrucken. 

Wahrscheinlich gabe es auch Lause in Sibirien. 

»Freilich gibt es auch in Sibirien Lause«, sagte Tunda zuvorkommend. 
»Wo denn sonst?« fragte der Herr mit einer hellen Stimme, die aus 
einem glasernen Kehlkopf kam. 

»Nun, iiberall, wo Menschen wohnen«, erwiderte Tunda. 
»Doch nicht, wo saubere Menschen wohnen«, sagte der Herr. 
»Es wohnen auch in Sibirien saubere Menschen«, meinte Tunda. 
»Sie scheinen ja das Land sehr zu lieben«, sagte der Herr ironisch. 
»Ich liebe es«, gestand Tunda. 
Hierauf entstand eine Pause. 
Nach einigen Minuten erst sagte der Herr: 
»Man gewohnt sich leicht an fremde Lander. « 
»Unter gewissen Umstanden ja.« 

»Ich war letzten Friihling in Italien«, begann der Herr, »Venedig, 
Rom, Sizilien - nachgeholte Hochzeitsreise, wissen Sie, man kam als 
Assessor ja gar nicht dazu - verzeihen Sie -« 
Hier erfolgte eine merkwiirdige Verwandlung des Herrn, er war plotz- 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 441 

lich um einen Kopf grofier, seine triiben Augen blitzten kiihn und 

blau, iiber seiner Nasenwurzel erschien ein winziges Koordinatensy- 

stem aus Falten - 

»Verzeihen Sie«, sagte der Herr mit vorgeneigtem Oberkorper: 

»Staatsanwalt Brendsen.« 

Gleichzeitig schlugen seine Fersen mit scharfem Knall zusammen. 

Tunda glaubte einen Augenblick, seine Verhaftung stiinde bevor. Er 

besann sich, wurde ebenso ernst, machte Larm mit den Stiefeln, nahm 

aktive Haltung an und schofi seinen Namen ab: 

»Oberleutnant Tunda.« 

Nachdem ihn der Staatsanwalt noch eine Weile gemustert hatte, setzte 

er seine Erzahlung von der nachgeholten Hochzeitsreise fort. 

Es ergab sich spater, daft der Staatsanwalt Tunda sogar eine Zigarette 

anbot, vorsichtig rechts und links nach dem Schaffner spahte und im 

Hinblick auf diesen aufierte: 

»Ein braver Kerl!« 

»Ein gewissenhafter Mensch!« stimmte Tunda zu. 

Diese Charakteristik schien den Staatsanwalt wieder aufzuregen, 

wahrscheinlich pafite ihm die Verbindung von gewissenhaft und 

Mensch nicht. Deshalb sagte er nur: 

»Na, na!« 

Unter solchem Zeitvertreib erreichten sie die Stadt am Rhein. 



XVII 

Es war zehn Uhr abends. 

Auf dem Bahnsteig standen Menschen mit Regenschirmen, in nassen 

Kleidern. Die Bogenlampen schaukelten und wischten leichte Schatten 

iiber die feuchten Steine. Auf den Bogenlampen saften viele Mucken 

und lieften sich wiegen. Man mufite sie bemerken, denn sie verdunkel- 

ten das Licht ganz erheblich, liefien aber dennoch nicht vergessen, dafi 

es Bogenlampen waren. 

Alle wunderten sich iiber die schwache Leuchtkraft der Lampen, sahen 

auf und schuttelten die Kopfe iiber die Frechheit der Insekten. 

Tunda spahte, einen schweren Koffer in der Hand, nach einem be- 

kannten Gesicht aus. 

Ihn zu erwarten, war natiirlich Klara gekommen. Georg war aus meh- 



442 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

reren Griinden zu Hause geblieben. Erstens war es ein Sonnabend, an 
dem der Klub tagte. In diesem Klub versammelten sich die Akademi- 
ker der rheinischen Stadt und die Kiinstler, die Journalisten und von 
den anderen Berufen nur diejenigen, die das Ehrendoktorat hatten. Die 
Stadt selbst hatte eine Universitat, die Ehrendoktorate fur die Auf- 
nahme in den Klub verteilte wie Eintrittskarten. Denn man konnte die 
Statuten, die nur Akademiker aufzunehmen erlaubten, nicht umsto- 
fien. Allmahlich war der Andrang in den Klub und zu den Ehrendok- 
toraten so grofi geworden, dafi die Universitat einen Numerus clausus 
fur Stifter aus Industriellenkreisen einfuhren mufite, nachdem schon 
ein anderer Numerus clausus fur auslandische Juden einige Jahre lang 
bestanden hatte. Den Numerus clausus gegen auslandische Juden hat- 
ten die einheimischen Juden durchgesetzt, die behaupteten, ihre Vor- 
fahren waren schon vor der Zeit der Volkerwanderung absichtlich mit 
den Romern an den Rhein gekommen. Es sah beinahe so aus, als woll- 
ten die Juden sagen, ihre Vorfahren hatten den Germanen erlaubt, sich 
am Rhein anzusiedeln, weshalb es die dankbare Pflicht der heutigen 
Deutschen ware, die rheinisch-romischen Juden vor den polnischen zu 
bewahren. In diesem Klub war Georg heute. 

Zweitens kam er nicht zur Bahn, weil er dadurch Klara ihres alten 
Vorrechts beraubt hatte, allein alle Angelegenheiten durchzufiihren, 
die gewohnlich in anderen Familien eine mannliche Hand verlangen. 
Drittens kam Georg nicht, weil er ein wenig Angst vor dem Bruder 
hatte und weil ein friedlicher Bruder, sobald er schon im Zimmer und 
womoglich vielleicht auch noch im Bett lag, viel weniger gefahrlich 
war als ein eben aus dem Zug gestiegener. 

Klara stecktein einer Lederjoppe aus braunem Kalb, es erinnerte an 
die Lederhemden, die mittelalterliche Ritter unter der Rustung trugen. 
Sie erweckte den Eindruck, dafi sie von weit her kam, Gefahren in 
dunklen Waldern zu bestehen hatte, sie erinnerte an Biirgerkrieg. Sie 
kam mit der offenen, lauten Herzlichkeit verlegener und braver Men- 
schen zu Tunda. 

»Ich habe dich gleich erkannt«, sagte sie. 

Dann kuEte sie ihn auf den Mund. Dann versuchte sie, ihm den schwe- 
ren Koffer abzunehmen. Er konnte ihn ihr nicht entwinden und lief 
neben ihr her wie ein Kind, das ein Dienstmadchen von der Schule 
abgeholt hat. 
Vor dem Bahnhof sah er ein Gewimmel von Drahten, Bogenlampen, 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 443 

Automobilen, in der Mitte einen Schutzmann, der wie ein Automat die 

Arme streckt, rechts, links, aufwars, abwarts, gleichzeitig aus einer Tril- 

lerpfeife Signale gab und so aussah, als wiirde er im nachsten Augenblick 

auch noch seine Beine fur die Verkehrsregelung in Anspruch nehmen 

miissen. Tunda bewunderte ihn. Aus einigen Kneipen tonte Musik, sie 

fvillte die Pausen, die der Verkehrslarm gelegentlich offenliefi, es war eine 

Atmosphare von Sonntagsfreude, Becherklang, Steinkohle, Industrie, 

Grofistadt und Gemutlichkeit. 

Der Bahnhof schien ein Zentrum der Kultur zu sein. 

Tunda kam erst zu sich, als sie vor der Villa des Kapellmeisters hielten. 

Da war ein Gitter, das sofort zu knarren anfing, wenn man einen Knopf 

druckte, und gleichzeitig leicht aufging wie Butter. Da stand ein Diener in 

blauer Livree und verneigte sich wie ein Edelmann. Man ging iiber 

knirschenden, nassen Kies, es war, als hatte man Sand zwischen den 

Zahnen. Dann kamen ein paar Treppen, auf deren oberster unter einer 

silbernen Bogenlampe ein weifies Madchen stand, wie ein Engel, mit 

Schwingen am Hinterkopf, mit sanften, braunen Augen und knicksen- 

den Beinen. Dann kamen sie in eine braungetafelte Halle, in der man 

Hirschgeweihe vermifke und in der eine Beethovenmaske das Jagdgerat 

vertrat. 

Denn der Herr dieses Hauses war ein Kapellmeister. 

»So reich seid ihr also?« sagte Tunda, der manchmal in seine alte Naivitat 

zuriickfiel. 

»Nicht reich!« lachelte Klara verzeihend, deren soziales Gewissen sich 

mehr gegen das Wort als gegen den Zustand emporte: 

»Wir leben nur kultiviert. Georg muft es haben.« 

Georg kam erst in einer Stunde nach Hause. 

Er war im Smoking, hatte weifte und glattgepuderte Wangen, roch nach 

Wein und Rasierseife, was zusammen einen Geruch von Menthol ergab. 

Franz und Georg klifiten sich zum erstenmal in ihrem Leben. 

Der Kapellmeister hatte vor Jahren von russischen Fluchtlingen einen 

silbernen Samowar gekauft, als Kuriositat. Zu Ehren des Bruders, der 

eine Art Russe geworden sein mochte, wurde das Mobelstiick von dem 

livrierten Diener auf einem rollenden Tischchen hereingefahren. Der 

Diener trug weifie Handschuhe und griff mit einer silbernen Zucker- 

zange kleine Kohlenwurfel, um den Samowar zu heizen. 

Ein Gestank wie von einer Kleinbahnlokomotive erhob sich. 

Hierauf mufke Franz darlegen, wie man einen Samowar behandelt. Er 



444 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

hatte in Rufiland keinen beniitzt, gestand es aber nicht, sondern verliefi 

sich auf seine Intuition. 

Indessen sah er viele jiidische Gerate im Zimmer, Leuchter, Becher, 

Thorarollen. 

»Seid ihr zum Judentum iibergetreten?« fragte er. 

Es stellte sich heraus, dafi in dieser Stadt, in der die altesten jiidischen 

verarmten Familien wohnten, viele kostbare Gerate von kiinstleri- 

schem Wert »halb umsonst« zu haben waren. Ubrigens gab es in ande- 

ren Zimmern auch Buddhas, obwohl weit und breit am Rhein keine 

Buddhisten leben, es gab auch alte Handschriften von Hutten, eine 

Lutherbibel, katholische Kirch en gerate, Madonnen aus Ebenhdlz und 

russische Ikonen. 

So leben Kapellmeister. 

Franz Tunda schlief in einem Zimmer, das der modernen Malerei ge- 

widmet war. Auf seinem Nachttisch dagegen lag »Der Zauberberg« 

von Thomas Mann. 



XVIII 

Als er am nachsten Tag erwachte, war es Sonntag. 
Hochmoderne, von pazifistisch umgestellten Kanonenfabriken aus 
Kriegsmaterial erzeugte Glocken riefen die Welt zum Gebet. 
Im Hause roch es nach Kaffee. Beim Fruhstuck erfuhr Tunda, dafi es 
ein koffeinfreier Kaffee war, der dem Herzen nicht schadete und dem 
Gaumen schmeckte. 

Der Kapellmeister schlief noch. Kiinstler brauchen Schlaf, Klara aber 
hatte auch in der Ehe die gesunde Sitte ihres Elternhauses nicht verges- 
sen. Sie erwachte wie ein Vogel mit dem ersten Sonnenstrahl. Mit diin- 
nen Gummihandschuhen, wie sie die Operateure gebrauchen, wischte 
sie den Staub von den religiosen Gegenstanden. 
Tunda beschlofi spazierenzugehen. 

Er ging in die Richtung, aus der das Klingeln der Strafienbahn von Zeit 
zu Zeit ertonte. Er ging durch stille Gartenstrafien, in denen gut ge- 
kleidete Knaben und Madchen auf Fahrradern schon geschlungene 
Schleifen machten. Dienstmadchen kehrten vom Gottesdienst heim 
und kokettierten. Stolze Hunde lagen wie Lowen hinter den Gittern. 
Herabgelassene Jalousien erinnerten an Ferien. 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 445 

Dann geriet Tunda in den alten Stadtteil, zwischen bunte Giebel, zwi- 

schen Weinstuben mit mittelhochdeutschen Namen; armselig geklei- 

dete Manner kamen ihm entgegen, offenbar Arbeiter, die zwischen go- 

tischen Buchstaben wohnten, aber wahrscheinlich in Bergwerken in- 

ternationaler Besitzer ihr Brot verdienten. 

Musik ertonte. Junge Manner in Doppelreihen, mit Stocken bewaffnet, 

marschierten hinter Pfeifern und Trommlern. Es klang wie Musik von 

Gespenstern oder wie von einer Art militarisierter Aolsharfen. Die 

jungen Leute marschierten mit ernsten Gesichtern, keiner sprach ein 

Wort, sie marschierten einem Ideal entgegen. 

Hinter und neben ihnen, auf den Biirgersteigen und in der Strafien- 

mitte marschierten Manner und Frauen, im gleichen Schritt, sie gingen 

auf diese Weise spazieren. 

Alle marschierten zum Bahnhof, der wie ein Tempel aussah, Gepack- 

trager hockten auf den steinernen Stufen wie numerierte Bettler. Die 

Lokomotiven pfiffen sakral und ehrwurdig. 

Die Doppelreihen fielen ab und verschwanden im Bahnhof. 

Hierauf machten die Begleiter kehrt, mit lassigerem Schritt, verklarten 

Gesichtern, das Echo der Pfeifen noch in den Seelen. Es war, als hatten 

sie eine freudige Pflicht erfullt und als durften sie sich jetzt dem Sonn- 

tag mit ruhigem Gewissen hingeben. 

Uber die Strafte fegten abgeschminkte Freudenmadchen aufter Dienst. 

Sie gemahnten an den Tod. Einige trugen Brillen. 

Eine Gruppe hurtiger Radfahrer glitt klingelnd einher. Wiirdig, mit 

Rucksacken, wanderten kindlich gekleidete Manner in die Berge. 

Vereinzelte, gleichsam versprengte Feuerwehrmanner spazierten blin- 

kend mit Weib und Kind. 

Kreiskriegerverbande lockten auf den Litfafisaulen mit grofien Militar- 

Doppelkonzerten . 

Hinter den grofien Spiegelscheiben der Kaffeehauser tiirmte sich 

Schlagsahne vor genufifreudigen Menschen in Korbstiihlen. 

Ein verwachsener, komischer Zwerg verkaufte Schnursenkel. 

Ein Epileptiker lag zuckend in der Sonne. Viele Menschen standen um 

ihn. Ein Mann erlauterte den Fall wie in der Hochschule. »Er muE 

immer im Schatten gehn«, so schloft er seine Ausfiihrung. 

In kleinen Gruppen kamen junge Manner einher, mit viel zu kleinen 

Miitzen, schwarz verpackten Gesichtern und glasernen Augen hinter 

glasernen Brillen. Es waren Studenten. 



446 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

In der Feme rauschte der Rhein. 

Es kamen auch noch andere Manner mit Studentenkappen aus Papier. 

Aber es waren keine Studenten: Es waren Schornsteinfeger, gewa- 

schene, die ein Fest veranstaltet hatten. 

Wiirdige Greise fuhrten Hunde spazieren und Greisinnen. 

In der Feme ragten grunpatinierte Kirchenspitzen. Aus Weinstuben 

scholl Gesang. 

Schatten verdichteten sich plotzlich iiber der Stadt, ein schneller Platz- 

regen ging nieder, weifigekleidete Frauen liefien ihre rundgezackten 

weifien Unterrocke sehen, es war wie ein zweiter Sommer aus Lein- 

wand. 

Uber hellen, strahlenden Kleidern wolbten sich schwarze Schirme. Al- 

les sah aus wie eine traumhafte, etwas iiberstiirzte, nasse Totenfeier. 

Tunda wurde hungrig, vergafi, dafi er kein Geld hatte, und trat in eine 

Weinstube. Als er die Preise auf der Karte sah, wollte er wieder hinaus- 

gehen. Drei Kellner verstellten ihm den Weg. 

»Ich habe kein Geld!« sagte Tunda. 

»Bitte nur den Namen«, sagte der Kellner. 

Als er seinen Namen nannte, wurde Tunda als Herr Kapellmeister be- 

handelt. 

Sein Bruder begann ihm zu imponieren. 

Ein buckliger Mann trat in das Lokal, gedriickt, krank, mit flehenden 

Augen und furchtsam zitternden Beinen schlich er von Tisch zu Tisch 

und legte iiberall einen Zettel hin. Er tat es wie eine geheime Sunde. 

Auf dem Zettel las Tunda: 

Tanz und Gymnastik. 

Schulung des Korpers: Entspannung - Spannung, 

Elastizitat, Schwung, Impuls, Gehen, Laufen, 

Springen, Eurhythmie, Raumgefuhl, Choreographie, 

Harmonielehre der Bewegung, Ewige Jugend, 

Improvisationen zu Musikbegleitung bis zur Gruppenform. 

Er aft, trank und ging hinaus. 

Er erkannte die Strafie nicht wieder. Die nassen Steine trockneten 
schnell. Am Himmel stand ein Regenbogen. Die Straftenbahnen fuh- 
ren schwer, mit vielen Menschen bepackt, der Natur in die Arme. Be- 
trunkene stolperten uber sich selbst. Die Kinos offneten ihre Portale. 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 447 

Die Portiers standen rufend mit goldgeranderten Miitzen und verteil- 

ten Zettel an die Passanten. Die Sonne lag auf den hochsten Stockwer- 

ken der Hauser. Alte, verhutzelte Frauen gingen durch die Strafien, in 

Kapotthiitchen mit klingenden, glasernen Kirschen. Die Frauen sahen 

aus, als kamen sie aus alten Schubladen, die der Sonntag aufgesperrt 

hatte. Wenn sie auf spat besonnte, weite Platze trafen, warfen sie 

merkwiirdige, lange Schatten. Es gab ihrer so viele, dafi es aussah wie 

eine Wallfahrt marchenhafter, alter Zauberinnen. 

Uber den Himmel zogen Wolken aus Perlmutter, aus denen man 

Hemdknopfe macht. Sie standen in einer ratselhaften, aber deutlich 

fuhlbaren Beziehung zu den dicken Bernsteinspitzen, die viele Manner 

zwischen den Lippen hielten. 

Immer seltener wurde die Sonne, immer fahler das Perlmutter. Von 

alien Sportplatzen kehrten die Menschen zuriick. Sie brachten Schweifi 

mit und entwickelten Staub. Autohupen jammerten wie iiberfahrene 

Hunde. 

Freudenmadchen erschienen in dunklen Torfahrten, von Bernhardi- 

nern und Pudeln gezogen. Gespenstische Hausverwalter rutschten mit 

Stiihlen, auf denen sie festgeklebt waren, zu den Tiiren hinaus und 

genossen den Feierabend. 

Junge Madchen aus dem Volk kreischten, Proletarier gingen sonntag- 

lich in griinen Hiiten, in schiefen Anziigen, mit schweren Handen, die 

sich iiberfliissig vorkamen. 

Soldaten gingen wie Reklamegegenstande. Es roch nach feuchten Blu- 

men wie Allerseelen. 

Die Bogenlampen, zu hoch uber der Strafte, schwankten unsicher wie 

Windlichter. In verstaubten Anlagen wirbelten Papierknauel. Ein za- 

ger Wind erhob sich mit einzelnen Stolen. 

Es war, als ware die Stadt gar nicht bewohnt. Nur am Sonntag kamen 

Verstorbene auf Urlaub aus den Friedhofen. 

Man ahnte weit geoffnete, wartende Griifte. 

Am Abend ging Tunda nach Haus. 

Ihm zu Ehren gab der Kapellmeister ein kleines Fest. 



448 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

XIX 

Es war ein kleines Sonntagsfest. Die Teilnehmer sahen zwar nicht so 
aus, als miifiten sie auf einen Sonntag warten, um ein Fest mitzuma- 
chen. Denn sie gehorten den gehobenen Standen an, jenen Standen, die 
auch am Mittwoch oder am Donnerstag oder selbst am Montag einge- 
laden werden konnten und auch eingeladen wurden. Es waren Kiinst- 
ler, Gelehrte und Gemeinderate. Ein Zweiter Biirgermeister, der musi- 
kalisch interessiert war, befand sich unter den Gasten. Ein Professor 
der Universitat, der am Freitag von sechs bis acht Uhr abends las und 
von den Damen der Gesellschaft frequentiert wurde. Ein Schauspieler, 
der im Staatstheater in Berlin mit Erfolg gespielt hatte. Eine junge, 
kleine Schauspielerin, die zwar mit dem dicken Zweiten Biirgermeister 
geschlafen hatte, aber unbeschadigt aus seiner Umarmung wieder her- 
ausgekommen war und teilweise sogar erfrischt. Ein Museumsdirek- 
tor, der ein paar Arbeiten iiber van Gogh geschrieben hatte, obwohl 
ihm Bocklin am Herzen lag. Der Musikkritiker eines groEeren Blattes, 
der einen stillschweigenden Pakt mit dem Kapellmeister geschlossen 
zu haben schien. 

Der und jener hatte seine Frau mitgebracht. Die Damen zerfielen in 
zwei Gruppen: in elegante, die nach Paris tendierten, und in sachliche, 
die an die masurischen Seen erinnerten. Es lag ein Glanz von Stahl und 
Sieg um die letzteren. Hier und dort trug eine ein geschlitztes Kleid. Es 
bildeten sich drei Gruppen. Erstens: die sachlichen Damen; zweitens: 
die eleganten Damen; drittens: die Manner. Nur Franz und seine 
Schwagerin pendelten zwischen den drei Gruppen hin und her und 
spendeten Erfrischungen. Um Franz, der in einer sibirischen Gloriole 
steckte und den groften Atem der Steppe und des Eismeers verbreitete, 
bewarben sich die kuhnen Blicke einiger eleganter Frauen. Manner 
klopften ihm auf die Schulter und schilderten ihm, wie es in Sibirien 
aussah. Der Musikkritiker erkundigte sich nach der neuen Musik in 
Rutland. Er wartete aber keine Antwort ab, sondern begann einen 
Vortrag iiber das Moskauer Orchester ohne Dirigenten zu halten. Der 
Museumsdirektor kannte die Petersburger Eremitage auswendig. Der 
Professor, der Marx verachtete, zitierte die Stellen, in denen Lenin sich 
selbst widersprach. Er kannte sogar das Buch Trotzkis von der Entste- 
hung der Roten Armee. 
Es war keine richtige Organisation in den Gesprachen. Diese zu schaf- 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 449 

fen war ein Fabrikant berufen, der erst gegen Mitternacht eintraf. Es war 

ein Ehrendoktor und ein Klubmitglied. Mit rotem Gesicht, mit ver- 

zweifelt suchenden Handen, die an die Hande Ertrinkender ennnerten, 

obwohl der Fabrikant mit beiden Fuften auf festem Boden stand, be- 

gann er, Tunda ins Verhor zu nehmen. 

Der Fabrikant hatte Konzessionen in Rufiland. »Wie steht es mit der 

Industrie im Uralgebiet?« fragte er. 

»Ich weifi es nicht«, gestand Tunda. 

»Und wie mit dem Petroleum in Baku?« 

»Ganz gut«, sagte Tunda und fiihlte, wie er Boden verlor. 

»Sind die Arbeiter zufrieden?« 

»Nicht immer!« 

»Da haben wir's«, sagte der Fabrikant. »Also die Arbeiter sind nicht 

zufrieden. Aber Sie wissen verdammt wenig von Rutland, lieber 

Freund. Man verliert so die Distanz zu den Dingen, wenn man in der 

Nahe ist. Das kenne ich. Das ist keine Schande, lieber Freund. « 

»Ja«, sagte Tunda, »man verliert die Distanz. Man ist den Dingen so 

nahe, daft sie einen gar nichts mehr angehen. So, wie Sie sich nicht darum 

kummern, wieviel Knopfe Ihre Weste hat. Man lebt so in den Tag hinein 

wie in einen Wald hinein. Man trifft Menschen und verliert sie wieder, 

wie Baume Blatter verlieren. Begreifen Sie denn nicht, daft es mir gar 

nicht wichtig erscheint, wieviel Petroleum in Baku gewonnen wird? Es 

ist eine wunderbare Stadt. Wenn sich ein Wind in Baku erhebt -« 

»Sie sind ein Dichter«, sagte der Fabrikant. 

»Liest man Ilja Ehrenburg in Ruftland?« fragte die kleine Schauspiele- 

rin. »Er ist ein Skeptiker.« 

»Ich kenne diesen Namen gar nicht, wer ist es?« fragte strafend der 

Professor. 

»Es ist ein junger russischer Schriftsteller«, sagte zu allgemeinem Er- 

staunen Frau Klara. 

»Fahren Sie in diesem Jahr nach Paris ?« fragte eine Dame die andere aus 

der Pariser Frauengruppe. 

»Ich habe in der >Femina< die letzten Hike gesehen, wieder topfartig, 

Kostiimjacken mit zarter Andeutung von Glocken. Ich glaube, es lohnt 

in diesem Jahr gar nicht.« 

»Wir waren vergangene Woche in Berlin, mein Mann und ich«, sagte die 

Frau des Musikkritikers. »Diese Stadt wachst unheimlich. Die Frauen 

werden immer eleganter.« 



450 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

»Machtig, machtig«, liefi sich der Fabrikant horen, »diese Stadt nimmt 
ganz Deutschland den Atem.« 

Er kniipfte irgendeine Geschichte an das Thema Berlin. Immer war er 
es, der dem zerfallenden Gesprach ein neues Zentrum zu geben ver- 
stand. 

Er sprach von der Industrie und vom neuen Deutschland, von den 
Arbeitern und dem Untergang des Marxismus; von der Politik und 
vom Volkerbund; von der Kunst und Max Reinhardt. 
Der Fabrikant begab sich in ein abgelegenes Zimmer. Er legte sich, 
halbverdeckt von einem kupfernen Weihkessel, einer katholischen Ra- 
ritat, auf ein breites Sofa. Er hatte die Lackschuhe aufgebunden, den 
Kragen aufgeknopft, seine Hemdbrust stand offen wie eine doppelte 
Fliigeltiir, auf der nackten Brust lag ein seidenes Taschentuch. 
So traf ihn Tunda. 

»Ich habe Sie fruher ganz genau verstanden, Herr Tunda«, sagte der 
Fabrikant. »Ich habe ganz genau verstanden, was Sie mit dem Wind in 
Baku gemeint haben. Ich habe ganz genau verstanden, daft Sie so viel 
erlebt haben und daft wir jetzt so ahnungslos daherkommen und Sie 
dumme Dinge fragen. Was mich betrifft, so habe ich meine praktischen 
Fragen aus einem ganz bestimmten, egoistischen Grunde gestellt. Ich 
war gewissermafien dazu verpflichtet. Sie verstehen das noch nicht. Sie 
miissen erst eine langere Zeit bei uns leben. Dann werden Sie auch 
bestimmte Fragen stellen und bestimmte Antworten geben miissen. 
Jeder lebt hier nach ewigen Gesetzen und gegen seinen Willen. Natiir- 
lich hat jeder einmal, als er anfing, beziehungsweise als er hierherkam, 
seinen eigenen Willen gehabt. Er arrangierte sein Leben, vollkommen 
frei, niemand hatte ihm was dreinzureden. Aber nach einiger Zeit, er 
merkte es gar nicht, wurde, was er aus freiem Entschluft eingerichtet 
hatte, zwar nicht geschriebenes, aber heiliges Gesetz und horte da- 
durch auf, die Folge seiner Entschliefiung zu sein. Alles, was ihm nach- 
traglich einfiel und was er spater ausfiihren wollte, mufke er gegen das 
Gesetz durchdriicken, oder er mufke es umgehen. Er mufke warten, 
bis es gewissermaften die Augen vor Ubermudung einen Augenblick 
schlofi. Aber Sie kennen das Gesetz ja noch gar nicht. 
Sie wissen ja noch gar nicht, wie furchtbar offene Augen es hat, an den 
Brauen festgeheftete Augenlider, die niemals zuklappen. Wenn es mir 
zum Beispiel, als ich hierherkam, gefiel, bunte Hemden mit angenah- 
ten Kragen und ohne Manschetten zu tragen, so gehorchte ich mit der 



DIE FLUCHT OHNE ENDE 451 

Zeit einem sehr strengen und unerbittlichen Gesetz, indem ich diese 
Art Hemden trug. Sie ahnen ja gar nicht, wie schwierig es war, aus 
praktischen Griinden - denn es war eine Zeit, in der es mir schlecht- 
ging - weifie Hemden mit auswechselbaren Kragen anzuziehen. Denn 
das Gesetz befahl: Der Fabrikant X tragt bunte Hemden mit festen 
Kragen, wodurch er beweist, dafi er ein Mann der Arbeit ist wie seine 
Arbeiter und Angestellten. Er braucht nur seine Krawatte abzuknop- 
fen, schon sieht er aus wie ein Proletarier. Langsam, ganz vorsichtig, 
als hatte ich die weifien Hemden irgend jemandem gestohlen, begann 
ich, sie anzuziehen. Zuerst einmal in der Woche, am Sonntag, denn an 
diesem Tag pflegt das Gesetz manchmal ein Auge zuzudriicken, dann 
am Sonnabendnachmittag, dann am Freitag. Als ich zum erstenmal an 
einem Mittwoch ein weifies Hemd trug - Mittwoch ist ohnehin mein 
Ungliickstag -, sahen mich alle Menschen vorwurfsvoll an, meine Se- 
kretarin im Biiro und mein Werkfuhrer in der Fabrik. 
Nun, Hemden sind ja auch nicht sehr wichtig. Aber sie sind symbo- 
lisch. Wenigstens in diesem Fall. Es geht ja auch mit den ganz wichti- 
gen Dingen so. Wenn ich hierherkam als Fabrikant, glauben Sie, ich 
konnte hier jemals Kapellmeister werden, und wenn ich ein zehnmal 
besserer ware als Ihr Herr Bruder? Oder glauben Sie, Ihr Bruder 
konnte jemals Fabrikant werden? Nun, auch der Beruf ist meinetwe- 
gen keine so wichtige Sache. Es ist nicht